Warum Ehrenamt so wichtig ist

Liebe Leser und Leserinnen.


Hier kommt ein Text in einfacher Sprache.
Zum Thema Ehrenamt.

Viele Mitmenschen glauben immer noch, daß Menschen mit Einschränkungen wären dumm.

Aber Dummheit was ist das eigentlich?
Ich habe lange darüber nachgedacht.
Dann habe ich ein kurzes Gedicht geschrieben.

Das ist nicht in einfacher Sprache.

Das Gedicht ist zum weiter nachdenken gemacht.

Und zum weiter-reden.

Die „Dummheit“
Dummheit die sich als Einfalt zeigt die liebe ich.
Sie nennt den Augenblick und staunt.
Fragt nicht woher fragt nicht wohin.
Ist ohne List und ohne Arg.
Sie staunet nur.
Beim ersten Staunen schon.
Da wird sie klug.
Und ahnt es nicht.

Das war mein kleines Gedicht.
Ich hoffe Es hat Euch gefallen.

Liebe Leser.
Es hat sich viel geändert.
Vor 70 Jahren in der Nazi- Zeit.
Da wurden viele tausend Menschen mit Behinderungen ermordet.

Man sagte damals.
Das ist lebens- unwertes Leben.
Wie schrecklich ist das denn?
Wie grausam.
Wie un- menschlich.

Heute gibt es schon Projekte, die es Menschen mit Behinderungen ermöglichen, selbst ein Ehren- Amt zu machen.
Für andere Menschen.
Damit es ihnen besser geht.
Ich finde das richtig Klasse.

Das Ehren- Amt ist ganz wichtig für alle.
Eine Behinderung ist kein Grund.
Da nicht mit zu machen.
Hier geht es nämlich um echte Teilhabe.
Man kann auch Inklusion dazu sagen.

Für die Mit- Bürger etwas tun.

Sich als Bürgerin und Bürger für die Gesellschaft einsetzen.

Mir geht es um Bürger- Rechte.

Das ist Martin Luther King. Er war ein Bürger- Rechtler. Er kämpfte für die Rechte von Menschen mit schwarzer Hautfarbe. Er ist deswegen ermordet worden. Er ist ein Vorbild. 


Bürger- Rechte.
Was heißt das?
Menschen mit Einschränkungen sind selbstbewusste Bürger geworden.

  • Alle Menschen machen mit.
  • Alle Menschen gestalten mit.
  • Alle Menschen entwickeln mit.
  • Alle Menschen verändern etwas

Das ist Teilhabe an der Demokratie.

Es gibt schon einige Projekte bei der Lebenshilfe Lüdenscheid bei der Lebenshilfe NRW und bei der Lebenshilfe Marburg.
Diese Projekte treten für die Bürger- Rechte ein.

Da arbeiten schon viele Personen mit.
Alle sind Ehrenamtler.
Es sind Menschen mit Einschränkungen.
Und Menschen ohne Einschränkungen. Das ist auch egal.
Alle arbeiten mit.
Ich bin auch dabei.

Wir haben schon viele wichtige Dinge gemacht.
Darauf können wir alle nicht verzichten.

Wir fordern für alle Menschen
  • Mit- menschlichkeit.
  • Verantwortlichkeit.
  • Gerechtigkeit.

Jetzt sind wir bei den Grund-Rechten gelandet:
  • Beim Recht auf Versammlungs- Freiheit.
  • Beim Recht auf Vereinigungs- Freiheit.
  • Das Recht auf Ehrenamt.

Ehrenamt ist ein wichtiger Baustein für unsere Gesellschaft.

Hier geht es um die wichtigsten Ziele der Menschheit:
  • Um Frieden.
  • Um Freiheit.
  • Um ein gutes Leben für alle Menschen.
  • Um Sicherheit für alle Menschen.
  • Um Gerechtigkeit für alle Menschen

Ehren- Amt Das ist für uns:
  • Die wichtigsten menschlichen Werte zu bewahren.
  • Die Gemeinschaft für alle Menschen.
  • Die Fürsorge für alle Menschen.
  • Die Hilfs-Bereitschaft für alle Menschen. Die Hilfe brauchen.

Alle Menschen haben das Recht.
  • Das ganze Leben lang zu lernen.
  • Wir haben alle die gleichen Rechte.
  • Wir haben alle die gleichen Pflichten.

Alle Menschen dieser Welt sollen:
Ihre Zeit.
Und ihr Können einsetzen.
Sie sollenehrenamtlich arbeiten dürfen.
Damit es uns allen ein wenig besser geht.

Wir haben uns noch etwas überlegt. Bürger sein bedeutet:
  • Sich helfen lassen.
  • Sich selbst helfen.
  • Anderen helfen.

Ich will zum Schluss noch einmal sagen.
Wir:
  • Die Mitglieder.
  • Die Mitarbeiter.
  • Die Freunde.
  • Die Förderer der Lebenshilfe.
  • Wir arbeiten mit.
  • Bei den Menschen- Rechten.
  • Und bei den Bürger- Rechten.

Ganz genau darum geht es uns:
Alle Menschen egal ob mit oder ohne Einschränkungen.
Alle Menschen haben das Recht auf Ehrenamt für unsere Gesellschaft
Darum geht es uns.
Das ist uns wichtig.

Ihr Gott im weißen Haus ?


Dieser Blogbeitrag ist etwas länger als gewohnt. Bitte lesen Sie ihn zu Ende und bilden Sie sich dann eine eigene Meinung
Zum Diskurs immer gerne bereit.
Danke


Gekürzter und ergänzter Text aus: DER SPIEGEL 18.04.20

Gibt mir zu denken. Bestätigt leider meine Befürchtungen. Ich zitiere hier ohne Hähme, eher nachdenklich und auch sorgenvoll:

„Weiße Evangelikale gelten als treueste Unterstützer von US-Präsident Donald Trump – trotz seiner Affäre mit einem Pornostar. Trump hört auf sie, und viele ihrer Prediger verharmlosten das Virus zu lange… .

Pas­to­rin Whi­te, Prä­si­dent Trump am 3. Ja­nu­ar in Mia­mi: Das Chris­ten­tum auf­le­ben las­sen, be­vor die Erde un­ter­geht
Als die Co­ro­na­kri­se im Land schon in vol­lem Gan­ge ist und die Bet­ten in den New Yor­ker Kran­ken­häu­sern sich mit Men­schen fül­len, bit­tet Trumps per­sön­li­che Pas­to­rin die Mas­sen in ihre Rie­sen­kir­che in Flo­ri­da, um ge­gen das Vi­rus zu be­ten… .

IHR GOTT IM WEI­SSEN HAUS

Es ist der 15. März 2020, der »Na­tio­na­le Ge­bets­tag« für alle von der Pan­de­mie be­trof­fe­nen Men­schen im Land. Trump hat die­sen Tag aus­ge­ru­fen.

Er will, dass die Gläu­bi­gen für die Kran­ken be­ten, aber auch für die Co­ro­na-Stra­te­gie der Re­gie­rung.

Pau­la Whi­te, 53 Jah­re alt, eine Frau mit pla­t­in­blon­dem Pa­gen­kopf, schma­lem Ge­sicht und vol­len Lip­pen ist eine evan­ge­li­ka­le Chris­tin und pro­mi­nen­te Pre­di­ge­rin. Seit Ende 2019 ge­hört sie Trumps Re­gie­rung als Be­ra­te­rin an. Sie ist Teil der »Glau­bens­in­itia­ti­ve« des Prä­si­den­ten, sie soll Wäh­ler für ihn re­kru­tie­ren. Wie schon 2016 ist Trump auch dies­mal dar­auf an­ge­wie­sen, dass die rech­ten Chris­ten zur Wahl ge­hen und für ihn stim­men.

Jetzt steht Whi­te im schwar­zen Busi­ness­kos­tüm und auf High Heels am Pult ih­rer Kir­che »City of De­sti­ny«. Ein ka­bel­lo­ses Mi­kro­fon ragt ne­ben ih­rem Ohr her­vor. In ei­nem Vi­deo ih­res Auf­tritts sieht man sie auf der Büh­ne die Hän­de em­por­he­ben, von küh­lem Ne­on­licht be­strahlt.

Whi­te ruft: »Wenn ein zi­vi­ler Füh­rer von gro­ßer Au­to­ri­tät die Kir­che an­ruft und sie bit­tet, zu be­ten und zu fas­ten, dann kön­nen wir nicht auf un­se­ren Stüh­len sit­zen blei­ben und tun, als wäre es ein ge­wöhn­li­cher Sonn­tag.« Sie meint Trump.

Das Vi­rus sei »eine Pla­ge«, ruft sie von der Büh­ne – ver­gleich­bar mit den Pla­gen aus der Bi­bel. Chris­ten soll­ten für ein Ende der Pan­de­mie be­ten. Wer Geld an ihre Kir­che spen­de, sagt sie we­nig spä­ter in ei­nem an­de­ren Vi­deo­auf­tritt, wer­de Wohl­stand und Ge­sund­heit auf Er­den er­lan­gen.

Do­nald Trump stützt sich auf die Wäh­ler­grup­pe der Evan­ge­li­ka­len wie auf kaum eine an­de­re. Ein Vier­tel der Ame­ri­ka­ner zählt sich zu ei­ner der evan­ge­li­ka­len Kir­chen, rund 50 Mil­lio­nen von ih­nen sind weiß. Was die Glau­bens­ge­mein­schaft – eine theo­lo­gi­sche Rich­tung in­ner­halb des Pro­tes­tan­tis­mus – zu­sam­men­hält, ist ihre wört­li­che Aus­le­gung der Bi­bel, der Glau­be an die na­hen­de End­zeit und an die per­sön­li­che Be­zie­hung zwi­schen den Gläu­bi­gen und Je­sus Chris­tus; vie­le nen­nen sich des­halb »wie­der­ge­bo­re­ne Chris­ten«.

Sehr vie­le Evan­ge­li­ka­le ver­trau­en zu­dem auf Do­nald Trump. Im Jahr 2016 ha­ben 81 Pro­zent der wei­ßen Evan­ge­li­ka­len für Trump ge­stimmt. Und 77 Pro­zent von ih­nen sind mit der Ant­wort des Prä­si­den­ten auf die Co­ro­na­kri­se zu­frie­den.

Wie Trump spiel­ten auch vie­le evan­ge­li­ka­le Pre­di­ger das Vi­rus an­fangs her­un­ter. Ein Pre­di­ger er­zähl­te, wie Gott ihn nachts auf­ge­weckt und ihm ge­sagt habe: »Die­ses Vi­rus ist nichts.« Ein an­de­rer be­zeich­ne­te es gar als Sün­de, sich vor Co­ro­na zu fürch­ten.

Als der Prä­si­dent im März noch sei­ne Vi­si­on von »voll­ge­pack­ten Kir­chen im gan­zen Land« bis »Os­tern« äu­ßer­te, für die er von vie­len mas­siv kri­ti­siert wur­de, woll­te er wohl ins­be­son­de­re auch sei­ner re­li­giö­sen Ba­sis ge­fal­len.

Seit Ende der Sech­zi­ger­jah­re ha­ben Evan­ge­li­ka­le mehr­heit­lich re­pu­bli­ka­nisch ge­wählt, ins­be­son­de­re der frü­he­re Prä­si­dent Ro­nald Rea­gan such­te wie kein Po­li­ti­ker vor ihm die Nähe zur Be­we­gung.

Doch im Fall von Do­nald Trump warf die christ­li­che Un­ter­stüt­zung schon im­mer Fra­gen auf. Die Al­li­anz zwi­schen rech­ten Chris­ten und ka­pi­ta­lis­ti­schem Le­be­mann wirkt nicht ge­ra­de na­tür­lich. Schließ­lich han­delt Trump re­gel­mä­ßig ent­ge­gen christ­li­cher Wer­te, sein Le­bens­wan­del ist mo­ra­lisch al­les an­de­re als ein­wand­frei. Doch nicht ein­mal die Af­fä­re um den Por­no­star Stor­my Da­ni­els hat die Al­li­anz zwi­schen dem Prä­si­den­ten und der re­li­giö­sen Rech­ten zer­stört. Das liegt mit dar­an, dass noch kein US-Prä­si­dent so vie­le po­li­ti­sche Fak­ten schaff­te, die im In­ter­es­se der re­li­giö­sen Wäh­ler lie­gen.

Seit Be­ginn sei­ner Amts­zeit hat Trump zwei streng kon­ser­va­ti­ve Rich­ter am Obers­ten Ver­fas­sungs­ge­richt ein­ge­setzt, wei­te­re könn­ten fol­gen – und ei­nes Ta­ges das Recht auf Ab­trei­bung kip­pen. Dut­zen­de Pos­ten an Ge­rich­ten ver­gab er an jün­ge­re kon­ser­va­ti­ve Hard­li­ner.

Trump spricht sich nicht nur ge­gen Ab­trei­bun­gen aus, er sprach auch als ers­ter US-Prä­si­dent im Fe­bru­ar beim so­ge­nann­ten March for Life, der Pa­ra­de der Ab­trei­bungs­geg­ner. Kurz dar­auf prä­sen­tier­te er ei­nen Nah­ost­plan, der Je­ru­sa­lem zur is­rae­li­schen Haupt­stadt macht – was auch stets ein Ziel der evan­ge­li­ka­len Be­we­gung war.

Trumps Re­gie­rung ist eine der re­li­giö­ses­ten der jün­ge­ren US-Ge­schich­te. Et­li­che Mi­nis­ter, wie Au­ßen­mi­nis­ter Mike Pom­peo, Bil­dungs­mi­nis­te­rin Bet­sy De­Vos und Vi­ze­prä­si­dent Mike Pence, sind evan­ge­li­ka­le Chris­ten. Ka­bi­netts­mit­glie­der fin­den sich zum wö­chent­li­chen Bi­bel­kreis im Wei­ßen Haus zu­sam­men – das gab es zu­letzt in der Art vor hun­dert Jah­ren.

Die US-Au­to­rin und Re­li­gi­ons­ex­per­tin Ka­the­ri­ne Ste­wart, die die Be­we­gung seit Lan­gem be­ob­ach­tet, schreibt in der »New York Times«: Die Evan­ge­li­ka­len sei­en mit für Trumps in­kom­pe­ten­tes Re­gie­rungs­per­so­nal ver­ant­wort­lich, das sich für die In­ter­es­sen der re­li­giö­sen Rech­ten stark­ma­che, aber kei­ne Pan­de­mie ma­na­gen kön­ne. »Do­nald Trump ist mit der ent­schie­de­nen Hil­fe ei­ner Be­we­gung an die Macht ge­kom­men, die Wis­sen­schaft ab­lehnt, Re­gie­rung ver­ach­tet und Loya­li­tät über pro­fes­sio­nel­le Ex­per­ti­se stellt.«

Die­se Leu­te woll­ten Ame­ri­ka in eine »ima­gi­nier­te Ver­gan­gen­heit« zu­rück­füh­ren, in der das Land kon­ser­va­tiv christ­lich ge­we­sen sei. Ste­wart hält die­se Ent­wick­lung für de­mo­kra­tie­ge­fähr­dend. »Wir se­hen eine au­to­ri­tä­re Iden­ti­täts­kam­pa­gne, die kei­ner­lei Re­spekt vor der Tren­nung von Staat und Kir­che hat.« Plu­ra­lis­ti­sche Wer­te, die Ame­ri­ka ge­tra­gen hät­ten, lehn­te die Be­we­gung ab. In der Co­ro­na­kri­se wird das ex­trem ge­fähr­lich.
Wer die Be­we­gung ver­ste­hen will, muss zu­rück in den Fe­bru­ar zoo­men, in eine evan­ge­li­ka­le Me­ga­kir­che in Mia­mi. Dort, auf ei­nem spi­ri­tu­el­len Kon­gress, er­zählt Pau­la Whi­te die Ge­schich­te ei­nes ver­lo­re­nen Mäd­chens aus ei­nem Trai­ler­park, das Trump mit Gott zu­sam­men­brach­te und spä­ter sei­ne re­li­giö­se Be­ra­te­rin wur­de. Es ist ihre ei­ge­ne Ge­schich­te.
Whi­te steht auf ei­ner Büh­ne im In­nern der Me­ga­kir­che, das Schein­wer­fer­licht lässt ih­ren blon­den Pa­gen­kopf im Halb­dun­kel leuch­ten. Tau­sen­de Gläu­bi­ge ju­beln ihr zu.
»Mein Va­ter hat sich um­ge­bracht, als ich fünf Jah­re alt war«, er­zählt sie. Whi­te wur­de als Kind se­xu­ell miss­braucht, ver­nach­läs­sigt von der al­ko­hol­kran­ken Mut­ter. Die Schul­ka­me­ra­den nann­ten sie »trai­ler trash«, »Müll aus dem Trai­ler­park«.

Whi­te lern­te Gott ken­nen, wie sie sagt, und be­gann die Bi­bel zu le­sen. Pas­to­ren wur­den auf sie auf­merk­sam. Bald trat sie im Re­gio­nal­fern­se­hen auf. Nach ei­nem die­ser Auf­trit­te 2002 habe sich »ein Mis­ter Trump« ge­mel­det. Trump be­sitzt ein An­we­sen in Palm Beach in Süd­flo­ri­da.

»Du bist fan­tas­tisch!«, habe er in den Hö­rer ge­brüllt. »Du hast den It-Fak­tor!«

Whi­te lä­chelt. »Das heißt Sal­bung, Sir«, habe sie ihm ge­sagt. Nach­dem sie auf­ge­legt hat­te, habe Gott zu ihr ge­spro­chen und ihr den Auf­trag er­teilt, Trump zu hel­fen. »Ich führ­te den Auf­trag aus, ohne zu wis­sen, dass je­ner Mann, dem ich hel­fen soll­te, Gott ken­nen­zu­ler­nen, Prä­si­dent der Ver­ei­nig­ten Staa­ten wer­den wür­de!«, ruft sie. Die Men­ge johlt.

Die Ge­schich­te ist per­fekt: Pau­la Whi­te, das Bin­de­glied zwi­schen Gott und dem US-Prä­si­den­ten. In den Jah­ren da­nach wird Whi­te Trumps per­sön­li­che Pas­to­rin.

Trump be­zeich­net sich selbst als pres­by­te­ria­nisch, gibt sei­nen Lieb­lings­vers in der Bi­bel mit »Auge um Auge, Zahn um Zahn« an und ver­wech­sel­te ein­mal ein Ta­blett, auf dem die Kom­mu­ni­on ge­reicht wird, mit ei­nem Tel­ler für die Kol­lek­te.

Gläu­bi­ge Beigh­tol (M.) mit El­tern »Eine Prü­fung für uns Chris­ten«
Whi­te ge­hört der »Pro­spe­ri­ty Gos­pel« an, ei­ner Rand­er­schei­nung des Evan­ge­li­ka­lis­mus, die ge­gen Spen­de Wohl­stand auf Er­den ver­spricht. Ein ziem­lich ka­pi­ta­lis­ti­sches Re­li­gi­ons­ver­ständ­nis also, das auch un­ter Evan­ge­li­ka­len um­strit­ten ist, aber zum Im­mo­bi­li­en­un­ter­neh­mer Trump her­vor­ra­gend zu pas­sen scheint.

Sie kauf­te nach dem An­ruf ein Apart­ment in sei­nem Haus in der New Yor­ker Park Ave­nue und be­such­te sei­ne Show »The App­ren­ti­ce«. Er nahm an ih­ren Bi­bel­krei­sen teil, die sie ge­le­gent­lich in New York lei­te­te. 2016, und auch jetzt wie­der, hilft sie ihm im Wahl­kampf.

»The Su­perna­tu­ral Mi­nis­try School« heißt der drei­tä­gi­ge Kon­gress, auf dem Whi­te An­fang Fe­bru­ar auf­tritt. Die Me­ga­kir­che »King Je­sus In­ter­na­tio­nal Mi­nis­try« im Sü­den Mia­mis ist von Pal­men um­ge­ben. In ih­rem In­nern fin­den 7000 Men­schen Platz.

Hier lässt sich wäh­rend ei­ner sechs­stün­di­gen End­zeit­pre­digt er­le­ben, wie schein­bar der Hei­li­ge Geist in Gläu­bi­ge fährt und sie zu ei­nem Knall aus ei­ner Sound­ma­schi­ne zu Bo­den ge­hen. Pre­di­ger be­rich­ten von Ka­ri­es­zäh­nen, die sich in Gold ver­wan­deln. Pau­la Whi­te sam­melt am Ende ih­res Auf­tritts Schecks ein, da­für ver­spricht sie See­len­heil.

Aber kurz vor Be­ginn des Wahl­jahrs 2020 er­lebt die Al­li­anz zwi­schen Trump und den Evan­ge­li­ka­len eine Er­schüt­te­rung. Das kon­ser­va­ti­ve Ma­ga­zin »Chris­tia­ni­ty To­day« ver­öf­fent­lich­te Ende De­zem­ber ein Edi­to­ri­al, in dem der Chef­re­dak­teur Trumps Ab­set­zung for­der­te. Schock­wel­len gin­gen lan­des­weit durch die Kir­chen.

Schon län­ger wen­den sich jun­ge und ge­bil­de­te Evan­ge­li­ka­le von Trump ab. Nach Pau­la Whi­tes Schul­ter­schluss mit dem Prä­si­den­ten sol­len schwar­ze Gläu­bi­ge in Scha­ren aus ih­rer Ge­mein­de ge­flo­hen sein. Muss Trump um sei­ne Wäh­ler fürch­ten?

Am 3. Ja­nu­ar 2020, kurz nach Er­schei­nen des kri­ti­schen Ar­ti­kels, stand er selbst in der Me­ga­kir­che in Mia­mi. 5000 Chris­ten wa­ren da. Wohl wis­send, dass es zu­erst die La­ti­nos und Schwar­zen sein könn­ten, die sich ab­wen­den, ver­kün­de­te Trump den Start sei­ner Kam­pa­gne »Evan­ge­li­ka­le für Trump« im »King Je­sus Mi­nis­try« in der Stadt Mia­mi, wo vor al­lem La­ti­nos le­ben.

Trump rief: »Evan­ge­li­ka­le Chris­ten je­der Glau­bens­rich­tung und Gläu­bi­ge je­der Re­li­gi­on hat­ten nie ei­nen grö­ße­ren Un­ter­stüt­zer im Wei­ßen Haus als ihr jetzt!« Er sprach über die an­geb­li­che Wie­der­be­le­bung des Aus­drucks »Mer­ry Christ­mas« in Ame­ri­ka, die er sich selbst zu­schreibt.

»Wir wer­den ge­win­nen«, sag­te Trump.

»Wir ha­ben Gott an un­se­rer Sei­te.«

Pre­di­ge­rin Pau­la Whi­te stand am 3. Ja­nu­ar in Trumps Nähe und be­te­te. An die­sem Tag ent­stand ein Foto, auf dem sie und an­de­re Evan­ge­li­ka­le Trump be­rüh­ren, als bär­ge sein Kör­per et­was Hei­li­ges.

Evan­ge­li­ka­le bei Got­tes­dienst am 5. Fe­bru­ar in Mia­mi: »Ka­ri­es­zäh­ne in Gold ver­wan­deln«
»Die Evan­ge­li­ka­len ha­ben Trump ihre Loya­li­tät ge­schenkt, ohne an­zu­er­ken­nen, dass er mo­ra­li­sche Pro­ble­me hat«, sagt Mark Gal­li in sei­nem Haus in Chi­ca­go.

Der 67-Jäh­ri­ge war ein­mal Pas­tor und ar­bei­te­te 30 Jah­re lang als Jour­na­list. Beim kon­ser­va­ti­ven, evan­ge­li­ka­len Ma­ga­zin »Chris­tia­ni­ty To­day« war er Chef­re­dak­teur. Er hat den Leit­ar­ti­kel ver­fasst, der wie eine Bom­be ein­schlug.

»Chris­tia­ni­ty To­day« gilt als Flagg­schiff der Evan­ge­li­ka­len. Es wur­de 1956 von Bil­ly Gra­ham ge­grün­det, der eng mit Prä­si­dent Ei­senhow­er war. Die Le­ser sind ge­mä­ßigt, das Heft bis­lang we­nig kon­tro­vers.

»Trump soll­te aus dem Amt ent­fernt wer­den«, schrieb Gal­li am 19. De­zem­ber 2019. Er be­schreibt Trump als »mo­ra­lisch ver­lo­ren«. Das Im­peach­ment-Ver­fah­ren be­wei­se, dass er das Amt des Prä­si­den­ten be­schä­digt habe. Sei­ne Ab­set­zung müs­se er­fol­gen aus ei­ner »Loya­li­tät ge­gen­über dem Schöp­fer der Zehn Ge­bo­te«.

Gal­li sitzt in sei­nem Wohn­zim­mer­ses­sel, in der Hand eine Tas­se Tee. Ein nach­denk­li­cher Mann mit sta­bi­len Wer­ten, der gern Flie­gen­fi­schen geht und Bier braut. Ei­gent­lich woll­te er jetzt sei­ne Ren­te ge­nie­ßen, statt­des­sen war er ge­ra­de für ein Fern­seh­in­ter­view in Ka­na­da, hat mit al­len gro­ßen US-Me­di­en ge­spro­chen, als Nächs­tes kommt eine TV-Crew aus Ja­pan vor­bei.

Sie alle wol­len wis­sen, wie er es als Evan­ge­li­ka­ler wag­te, Trump zu kri­ti­sie­ren. Gal­li er­in­nert sich an den Mor­gen, an dem er über­leg­te, ob man das Amts­ent­he­bungs­ver­fah­ren über­haupt kom­men­tie­ren soll­te.

Drei Jah­re lang hat­te Gal­li da­mit ver­bracht, die evan­ge­li­ka­len Un­ter­stüt­zer des Prä­si­den­ten zu ver­ste­hen. Er sah mit Be­sorg­nis, wie kon­ser­va­ti­ve und li­be­ra­le Chris­ten im­mer öf­ter dar­über strit­ten, wer ein rich­ti­ger Christ sei. Als Gal­li sei­ne rech­ten Be­kann­ten nach ih­rer Mei­nung zum Im­peach­ment frag­te, sag­te ei­ner nach dem an­de­ren: »Eine Ver­schwö­rung der De­mo­kra­ten.« Gal­li schrieb sei­nen Text.

Kurz nach der Ver­öf­fent­li­chung brach die In­ter­net­sei­te von »Chris­tia­ni­ty To­day« zu­sam­men. Ein Pro­test­sturm er­reich­te die Re­dak­ti­on. Aber es gab auch et­li­che Le­ser, die er­leich­tert wa­ren.

Knapp zwei Wo­chen spä­ter sah Gal­li Trumps Auf­tritt in der Me­ga­kir­che in Mia­mi. Die Ver­göt­te­rung durch sei­ne An­hän­ger sei »göt­zen­haft« ge­we­sen. In den Ge­be­ten des »Pro­spe­ri­ty Gos­pel« wur­den die Fein­de Trumps »sa­ta­nisch« ge­nannt.

»Ich war schon im­mer sen­si­bel für Spra­che«, sagt Gal­li. Vie­le Chris­ten hät­ten den Sound von Trump über­nom­men. Da­bei gehe es in et­li­chen Bi­bel­ver­sen dar­um, »mit wel­cher Zun­ge Men­schen spre­chen«.

Jetzt, in der Co­ro­na­kri­se, sagt Gal­li An­fang April am Te­le­fon, wie­der­ho­le sich die Ge­schich­te. »Die evan­ge­li­ka­le Rech­te ver­harm­lost das Vi­rus. Sie den­ken, wenn man die Kir­chen schließt, zei­ge das ei­nen man­geln­den Glau­ben an Gott«, so Gal­li.

Wer sich schüt­ze, wer­de als schlech­ter Christ ge­brand­markt. »Wer krank wird, hat eben nicht ge­nug ge­glaubt.« Das Miss­trau­en ge­gen­über der Wis­sen­schaft und ge­gen­über Au­to­ri­tä­ten, die ihre fun­da­men­ta­len Glau­bens­sät­ze in­fra­ge stel­len, sei ein gro­ßes Pro­blem.

In ei­ner der äl­tes­ten Me­ga­kir­chen Ame­ri­kas, der First Bap­tist Church Dal­las, mit 13 000 Mit­glie­dern er­scheint bei ei­ner Sonn­tags­mes­se im Fe­bru­ar auf der zen­tra­len Lein­wand Trumps Kon­ter­fei. Ein Be­such sei­ner ehe­ma­li­gen Pres­se­spre­che­rin, Sa­rah Hu­ck­a­bee San­ders, wird an­ge­kün­digt. Pas­tor Ro­bert Jef­fress wird sie in­ter­view­en. Er ist ei­ner der pro­mi­nen­tes­ten evan­ge­li­ka­len Trump-Un­ter­stüt­zer.

Der Cam­pus, auf dem die Kir­che steht, hat 130 Mil­lio­nen US-Dol­lar ge­kos­tet. Der Got­tes­dienst dar­in gleicht mit sei­nem Chor und sei­nen Li­ve­t­au­fen in ei­nem pool­ar­ti­gen Be­cken ei­ner Mi­schung aus Mu­si­cal und Bi­bels­e­mi­nar. Vor al­lem äl­te­re wei­ße Te­xa­ne­rin­nen und Te­xa­ner sind ge­kom­men. Hier im so­ge­nann­ten Bi­b­le Belt ist die Un­ter­stüt­zung für den Prä­si­den­ten rie­sig. 2014 be­zeich­ne­ten sich 31 Pro­zent al­ler Te­xa­ner als Evan­ge­li­ka­le.

»Ich bin ein Freund des Prä­si­den­ten.«

Ro­bert Jef­fress lä­chelt. Der 64-Jäh­ri­ge trägt ei­nen schwar­zen Na­del­strei­fen­an­zug, dazu eine Trump-rote Kra­wat­te. Er war­tet nach dem Got­tes­dienst in ei­nem Hin­ter­zim­mer, reicht freund­lich die Hand. Jef­fress ist der ers­te Pas­tor, der Trump 2016 in den Vor­wah­len un­ter­stütz­te. Über sei­ne Auf­trit­te beim kon­ser­va­ti­ven TV-Sen­der Fox-News, sei­ne TV-Show »Pa­thway to Vic­to­ry«, sei­ne Ra­dio­sen­dung und Pre­dig­ten er­reicht er ein Mil­lio­nen­pu­bli­kum.

Zwei Mo­na­te spä­ter, zu Be­ginn der Co­ro­na­kri­se, soll­te er sich wei­gern, sei­ne Kir­che zu schlie­ßen.

War­um ist Trump un­ter Gläu­bi­gen so er­folg­reich?

»Po­li­ti­sche Ent­täu­schung«, sagt Ro­bert Jef­fress. Trump sei der ers­te Prä­si­dent, der wirk­lich et­was für die Evan­ge­li­ka­len tue.

»Sein Be­kennt­nis zur Pro-Life-Be­we­gung, sein Ein­satz für Re­li­gi­ons­frei­heit« und sei­ne »Un­ter­stüt­zung für Is­ra­el« – das elek­tri­sie­re die evan­ge­li­ka­le Ge­mein­de.

Vor Trump hat­te Jef­fress oft Hoff­nung in an­de­re Po­li­ti­ker ge­setzt. Er stimm­te einst für den De­mo­kra­ten Jim­my Car­ter, der sich selbst als wie­der­ge­bo­re­nen Chris­ten be­zeich­ne­te, Jef­fress aber ent­täusch­te. Er folg­te dem Re­pu­bli­ka­ner Ro­nald Rea­gan, der die Evan­ge­li­ka­len be­son­ders fest um­arm­te. Doch aus den Ver­spre­chen, die sie wäh­rend der Kam­pa­gnen ga­ben, so sieht es Jef­fress, wur­de sel­ten Po­li­tik.

Trump fand eine evan­ge­li­ka­le Ge­mein­de vor, die zwar noch re­pu­bli­ka­nisch wäh­len woll­te, aber Er­nüch­te­rung emp­fand. Er schwang sich zu ih­rem Ret­ter auf. Jef­fress bot ihm die vol­le Un­ter­stüt­zung an. Heu­te be­tet er mit Trump, be­rät ihn in Glau­bens­fra­gen. An Os­tern hat­te Trump an­ge­kün­digt, sich in sei­ne Mes­se ein­zu­schal­ten.

Ehe­ma­li­ger Pas­tor Gal­li Miss­trau­en ge­gen­über Au­to­ri­tä­ten
Als Trump einst droh­te, Nord­ko­rea aus­zu­lö­schen, schrieb Jef­fress in ei­nem Ar­ti­kel, dass er als Herr­scher das Recht dazu habe und zi­tier­te ei­nen Bi­bel­vers.

Trump, sagt Jef­fress, bie­te den Evan­ge­li­ka­len die Ge­le­gen­heit, das Chris­ten­tum noch ein­mal auf­le­ben zu las­sen, be­vor die Erde un­ter­ge­he. Wie die meis­ten Evan­ge­li­ka­len glaubt Jef­fress an die End­zeit. »Un­se­re Welt wird je­den Tag gott­lo­ser. Der Kurs der Erde geht ab­wärts.« So be­schrei­be es die Schrift, be­vor Je­sus auf die Erde zu­rück­keh­re.

»Ich weiß nicht, wann er kommt«, sagt Jef­fress. »Ob nächs­tes Jahr oder ir­gend­wann im 21. Jahr­hun­dert.« Wenn es so weit sei, wer­de er jene mit ins Pa­ra­dies neh­men, die ihn als Ret­ter an­er­kann­ten. Die an­de­ren schmor­ten in der Höl­le. Trumps Re­gie­rungs­zeit er­mög­li­che es den Gläu­bi­gen jetzt, »mög­lichst vie­le See­len zu ret­ten«, be­vor al­les Ir­di­sche ver­lö­sche.

An­fang März hielt Jef­fress eine Pre­digt mit dem Ti­tel: »Ist das Co­ro­na­vi­rus eine Stra­fe Got­tes?« Die Apo­ka­lyp­se und das Vi­rus lie­gen für ihn eng bei­ein­an­der. »Alle Na­tur­ka­ta­stro­phen sind letzt­lich auf Sün­den zu­rück­zu­füh­ren«, sag­te er.

Dass Trump als Boll­werk ge­gen den Nie­der­gang des Glau­bens wir­ken soll, er­scheint ab­surd. Doch es hat mit der Li­be­ra­li­sie­rung der Ge­sell­schaft zu tun. Vie­le Chris­ten füh­len sich un­wohl, wenn wäh­rend der Su­per­bowl-Über­tra­gung halb nack­te Frau­en er­schei­nen, gleich­ge­schlecht­li­che Ehen vie­ler­orts zum All­tag ge­hö­ren. Jetzt kommt die Angst vor dem Co­ro­na­vi­rus hin­zu.

2020 wer­de Trump ein noch hö­he­res Er­geb­nis ein­fah­ren, pro­phe­zeit Jef­fress.

We­ni­ger als 20 Pro­zent der Evan­ge­li­ka­len ent­schie­den sich 2016 ge­gen Trump. Stu­di­en be­le­gen, dass wei­ße, evan­ge­li­ka­le Ju­gend­li­che ge­nau­so häu­fig für ihn stimm­ten wie ihre El­tern oder Groß­el­tern. Ihre Po­si­tio­nen, was Ab­trei­bung be­trifft, un­ter­schie­den sich kaum von­ein­an­der.

Wie aber geht es Gläu­bi­gen, die nach ei­ner Al­ter­na­ti­ve zu Trump su­chen?

An der West­küs­te Flo­ri­das, auf Mar­co Is­land, ste­hen von Pal­men um­ge­be­ne Vil­len, hin­ter de­nen Swim­ming­pools glit­zern. Hier wohnt eine jun­ge Evan­ge­li­ka­le, die in ih­rer kon­ser­va­ti­ven Ge­mein­de oft er­lebt hat, wie gläu­bi­ge Chris­ten an Trump zwei­fel­ten und am Ende doch ver­such­ten, sich ihn schön­zu­re­den.

Alex­an­dria Beigh­tol sitzt bar­fuß auf ei­nem aus­la­den­den Sofa in ih­rer Vil­la, zwei Au­to­stun­den von Mia­mi ent­fernt. Ihre El­tern, mit de­nen sie hier lebt, sind Ab­trei­bungs­geg­ner. Der Va­ter Arzt, die Mut­ter ver­treibt Kos­me­tik­pro­duk­te im Netz, wo­bei Beigh­tol, 24, ihr hilft.

»Alle in un­se­rer Kir­che wäh­len Trump«, er­zählt sie. »Wer sich un­wohl fühlt, sagt, dass Gott den Prä­si­den­ten als Prü­fung für uns Chris­ten ge­schickt habe.« Die Bi­bel be­sa­ge, dass es schon im­mer schreck­li­che Män­ner aus­zu­hal­ten gab, die am Ende für das Wohl der Gläu­bi­gen sorg­ten.

Die ei­nen mei­nen, Trump sei wie je­ner wil­de Mann Jehu, den Gott ein­setzt, um die Stadt Jes­re­el zu be­frei­en. Die an­de­ren ver­glei­chen ihn mit dem per­si­schen Kö­nig Ky­rus, der das Ge­setz miss­ach­te, aber die ver­trie­be­nen He­brä­er wie­der nach Je­ru­sa­lem hol­te. Beigh­tol hör­te von Abra­ham, der ge­zwun­gen wor­den sei, sei­nen Sohn zu op­fern, um sei­ne Loya­li­tät zu Gott zu be­wei­sen. »Vie­le glau­ben, dass sie an Trump fest­hal­ten müs­sen, um zu be­wei­sen, dass sie ech­te Chris­ten sind.«

Bis vor we­ni­gen Jah­ren sei­en ihre ei­ge­nen Über­zeu­gun­gen ty­pisch re­pu­bli­ka­nisch und na­tio­na­lis­tisch ge­we­sen. Sie habe so­gar et­was ge­gen Mus­li­me ge­habt.

Zwei­fel ka­men erst auf, als Beigh­tol auf das Blog der in­zwi­schen ver­stor­be­nen, li­be­ra­len Evan­ge­li­ka­len Ra­chel Held Evans stieß. Sie brach­te vie­le jun­ge Evan­ge­li­ka­le dazu, ihre Wer­te zu über­prü­fen.

Beigh­tol, de­ren Mut­ter aus Tri­ni­dad stammt, las den Blog heim­lich. »Ich frag­te mich, was Pro Life be­deu­tet, au­ßer vor Ab­trei­bungs­kli­ni­ken zu pro­tes­tie­ren«, er­zählt sie. Sie mach­te sich Ge­dan­ken über die Gleich­wer­tig­keit al­ler Men­schen, und über Müt­ter­sterb­lich­keit. Ihr Pro-Life-Be­griff wei­te­te sich aus. »Trump wäh­len wür­de ich nie«, sagt Beigh­tol.

Am Te­le­fon An­fang April sagt sie, die evan­ge­li­ka­le Welt sei auch jetzt, in der Co­ro­na­kri­se, ge­spal­ten. Vie­le Evan­ge­li­ka­le hiel­ten das Vi­rus für eine Prü­fung. »New York wer­de des­halb so hart ge­trof­fen, weil es ein solch li­be­ra­ler Staat sei und de­mü­ti­ger wer­den sol­le«, er­in­nert sich Beigh­tol an die Wor­te ei­ner gläu­bi­gen Freun­din.

Doch vie­le Evan­ge­li­ka­le näh­men die Be­dro­hung auch ernst und ver­hiel­ten sich ent­spre­chend. Sie ver­stün­den, dass Co­vid-19 für eine Art »Ent­hül­lung« sor­ge, ei­nen gött­li­chen Weck­ruf.

»Wir ha­ben jetzt Ge­le­gen­heit, uns zu über­le­gen, wie wir un­se­re Erde be­han­deln«, sagt Beigh­tol… .“


Zum Jahreswechsel – In eigener Sache

Liebe LeserInnen
Zu Beginn des Jahres halte ich es für richtig und auch für geboten einige Sätze an Sie zu richten:
Fast alle Erzählungen die ich auf meinem Blog veröffentliche beziehen sich auf selbst Erlebtes aus den vergangenen, nun sagen wir 50 Jahren.

Es liegt keinesfalls in der Absicht des Verfassers, einzelne Personen bloßzustellen oder sie in Ihrer Lebenweise, Ihrer Lebenseinstellung, Ihrer Überzeugung oder Ihrer religiösen Auffassung zu kritisieren oder gar parteiisch zu bewerten.

Im Gegenteil

Der Verfasser schreibt hier vor dem Hintergrund einer großen Zuneigung und Liebe gegenüber den Menschen, Ihrer Lebensweise und der Art und Weise wie sie Ihr Leben gestalten, wie Sie ihr Leben bewältigen, ist er doch höchstselbst ein Kind dieser Region, dort geboren, zu Schule gegangen, Herangewachsen, Familie gegründet und immer noch gerne dort lebend.

Wichtig ist ihm Dinge zu beschreiben, die er so empfunden, er so erlebt hat und welche Rückschlüsse er daraus für sein eigenes Leben gezogen hat.
Dabei bemüht er sich durch sprachliche Überzeichnungen, humorvolle und satirische Stilelemente, seine Leser zu interessieren und zu unterhalten.
Das Alltägliche zu beschreiben, Einzelheiten zu erkennen zu deuten und in einen größeren Zusammenhang zu bringen ist eine Leidenschaft die den Verfasser steht’s erfasst, wenn er zu schreiben beginnt.

Ist er doch davon überzeugt, daß sich im Kleinen die das Große verbirgt und das im Großen stehts die Essenz aus dem Kleinen zu finden ist.

Heinrich Heine: „Denk ich an Deutschland in der Nacht…“

Nichts aber auch überhaupt nichts liegt ihm daran eine „heimattümelnden“ kitschigen Wiedersprüche nivellierende Erzählweise zu pflegen, die subjektiv empfundene Wiedersprüche, Ungleichheiten sowie Benachteiligungen zukleistert oder gar leugnet.

Die Schmiede der Familie Simon aus der Fernsehserie Heimat

Im Gegenteil

Die Meinung des Verfassers, bezogen auf das Thema Heimat wird wohl am deutlichsten durch den Blog-Beitrag:

Deutsch nicht dumpf ?

deutlich.

Für 2020 wünsche ich allen meines Blogs LeserInnen Gesundheit und Frieden.

Kurt Tucholsky „Ja ich liebe dieses Land…“

Wo ist das wahre Leben?

S und C gewidmet

Wo ist das wahre Leben?
In den Bankpalästen die sich in den Himmel erheben?
In den angesagten Szene-Kneipen?
Auf den Börsenparketten an der Wallstreet, in Tokio, New York oder Frankfurt?
In den Konzernzentrale, bei den Shareholder value Fetischisten, mit deren Gier nach Geld und Macht?
In den Fitness Palästen?
In den Kliniken für kosmetische Chirurgie?

Ich glaube nicht

Das wahre Leben findet ihr in den Kinderzimmern.
Auf den Wickelkommoden.
In den Armen von Müttern und Vätern die Ihre Babys hingebungsvoll liebkosen.
In den durchgewachten Nächten, mit Kindern die nicht aufhören zu weinen.
Erbrochenes beseitigt.
Popos gereinigt immer und immer wieder.
In die Arme genommen.
Singend gewiegt.
Vor Erschöpfung tiefe Täler aus Sorge um ihre Kinder und um sich selbst durchschreitend.

Dennoch nicht aufgeben zu lieben
Dennoch hoffen
Dennoch Zuversicht

Die Augen ihrer Kinder
So offen
So wissen wollend
So tief
So arglos
So grenzenlos Vertrauen schenkend
So freudig
So verletzlich
So klug
So zu zuversichtlich
So schnell von Tränen überquellend
wegen Nichtigkeiten die keine Nichtigkeiten sind

Augen die von allem künden was den Mensch zum Menschen macht.

Wenn man sie nur lässt.

EHRLICH SEIN

Ein Beitrag in einfacher Sprache

Populismus sind einfache Antworten.

Auf sehr schwere Fragen.

Populismus machen Politiker wenn sie:

Zu den Bürgern un- ehrlich sind.

Den Bürgern Lösungen erzählen, die nicht funktionieren

Den Bürgern erzählen, das nur sie wissen was richtig ist.

Den Bürgern erzählen, das alle Menschen das gleiche denken.

Den Bürgern erzählen, was diese hören möchten.

Populismus funktioniert nicht weil:

Viele Menschen unterschiedlich sind

Viele Menschen verschieden Meinungen haben.

Das es darum keine einfachen Lösungen für Probleme gibt.

Das Gegenteil von Populismus ist:

Ehrlich sein

Weiter in schwerer Sprache:

Zunehmende Ratlosigkeit
Die Ereignisse und Entwicklungen der letzten Jahre:
Die weltumspannende Globalisierung der Wirtschaft mit dem Ergebnis eines ungebremsten Kapitalismus, der rücksichtslos vorgeht und alles in Frage stellt was mir wichtig ist.
Menschen fühlen sich zunehmend orientierungslos, unbeheimatet.
Ängste machen sich breit.
Populismus bricht sich, europaweit, seine Bahn.
Die Vernunft, wichtigste Errungenschaften der Aufklärung und Ihre Leitgedanken von Freiheit, Gleichheit, und Solidarität prägen zunehmend nicht mehr den politischen Diskurs.
Stattdessen:
Populismus der dümmsten Art und Weise prägen die Verlautbarungen der AfD.
Das so viele BürgerInnen darauf hereinfallen schmerzt mich, bis hin zu körperlichem Schmerz.
Ein dumpfer unheilvoller Druck ensteht mir im Kopf, steigt hinunter über Hals und Rücken.
So als ob sich ein Migräne-Anfall ankündigen würde.
Zukunftsängste kommen auf.
Was wird einmal aus Deutschland werden? Was wird aus den Kindern und Enkelkindern werden denen wir eine weitgehend zerstörte Welt hinterlassen?

Aber genug mit dem Lamento.
Weiter nun im Thema in schwerer Sprache.

Der nun folgende Beitrag ist eine Zusammenfassung des Artikels aus:
Der Spiegel vom 20.12.2019.
Zum Teil wörtlich zitiert, zum Teil zusammen gefasst und sprachlich verändert:

Das Vokabular der Nationalsozialisten erlebt ein Comeback. Was Demokraten dagegen unternehmen können.

Worte können wir winzige Arsendosen sein
Victor Klemperer hat beschrieben, wie sich die Sprache des „Dritten Reichs“ in Deutschland verbreitete. „Worte können sein wie winzige Arsendosen“, notierte der Romanist. „Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“

Ein kurzes Wort mit vier Buchstaben
Im Gedächtnis geblieben sind die hoch dosierten Arsendosen, mit denen die Nazis auf dem Gipfel ihrer Macht die millionenfachen Morde schönfärbten: „Konzentrationslager“, „Endlösung“, „Sonderbehandlung“. Charakteristischer für die NS-Propaganda schon vor 1933 war es aber, zentrale politische Begriffe zu vergiften. Ein kurzes Wort mit vier Buchstaben war dabei entscheidend: Volk.

Das Gift der völkischen Volksdeutung
Wie Arsendosen verbreitet sich auch heute das Gift der völkischen Volksdeutung. Es wird zunächst unbemerkt verschluckt, hat für allzu viele einen „normalen“, „natürlichen“, „lebensrichtigen“ Geschmack. Erst wenn es zu spät ist, zeigt sich die Giftwirkung, die Ausgrenzung aller, die nicht deutsch „aussehen“ und dann nicht mehr zum Volk gehören dürfen und „entsorgt“ werden sollen.

Wir sind das Volk?
„Wir sind das Volk“, beanspruchte das Volk der DDR gegen die kommunistische Elite. Sprechen Demokraten vom Volk, meinen sie den Demos, das Staatsvolk.
Es schließt hierzulande alle ein, die deutsche Staatsbürger sind.
Wo sie, ihre Eltern und Großeltern geboren sind, ob sie schwarz oder weiß, ob sie Christen, Juden oder Muslime sind, ist egal.
Sie alle haben dieselben Rechte.

„Wir sind das Volk“ beansprucht die AfD auf ihren Wahlplakaten.
Wenn völkische Nationalisten von Volk sprechen, meinen sie den Ethnos, eine biologische Abstammungsgemeinschaft.
Der ethnische Volksbegriff steht mit dem demokratischen auf Kriegsfuß.
Er schließt alle aus dem Staatsvolk aus, die eine falsche Hautfarbe oder die falsche Religion haben.

Ein „Neger“ ?
Das Gift des ethnischen Volksbegriffs hat sich in der deutschen Demokratie bereits verbreitet.
Für zu viele klingt die völkische Propaganda plausibel, dass das „Abstammungsprinzip“ der einzige und „natürliche“ Zugang zur deutschen Staatsbürgerschaft sei.
Außer zur Zeit des Nationalsozialismus galt in Deutschland aber nie ein reines Abstammungsprinzip. Gerade darüber beklagte sich Adolf Hitler in „Mein Kampf“. Es sei widernatürlich, dass das Staatsbürgerrecht „in erster Linie durch die Geburt innerhalb der Grenzen eines Staates erworben“ werde und die „Volkszugehörigkeit“ keine Rolle spiele. „Ein Neger“, so Hitler, der „nun in Deutschland seinen Wohnsitz hat, setzt damit in seinem Kind einen ‚deutschen Staatsbürger‘ in die Welt.“
Die von Hitler inflationär verwendeten ironisierenden Anführungszeichen sind typisch für die Sprache des Nationalsozialismus. Mit ihnen erkannte Hitler großen Gruppen von Menschen die Möglichkeit ab, Deutsche sein zu können: Der Erwerb des „Staatsbürgertums“ gleiche der Aufnahme „in einen Automobilklub“, ein „einfacher Federwisch, und aus einem mongolischen Wenzel“ werde „plötzlich ein richtiger ‚Deutscher'“.

Das völkischen „Anführungszeichen“
Einer ähnlichen Sprache bedienen sich die heutigen Völkischen von der AfD. Die ironisierenden Anführungszeichen sind auch bei ihnen beliebt: vom „Flüchtling“ bis zum „Deutschen“. In Reden sind Anführungszeichen aber schlecht zu hören. Was tun? Da hat die NPD schon vorgearbeitet, die AfD musste es nur noch übernehmen. Man setze einfach ein „Pass“ vor „Deutscher“ und grenze die „Passdeutschen“ von den vermeintlich echten Deutschen ab. Ein Stück Papier, so die Botschaft, ändere ja nicht das Blut und die Biologie.

#Passbeschenkter
So argwöhnte die AfD-Bundestagsfraktion im Juli 2019 auf Facebook, dass die Medien „Passdeutsche“ kurzerhand zu „Deutschen“ machten, „um die Kriminalitätsstatistik zu entbunten“. Dafür zeichnete die Co-Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag, Alice Weidel, verantwortlich. Ihr Fraktions- und Bundesvorstandskollege Stephan Protschka versuchte im Dezember 2018, über Twitter den Hashtag „Passbeschenkter“ zu popularisieren. Auf den Einwand, dass jeder Deutscher sei, der die deutsche Staatsangehörigkeit habe, antwortete Protschka:
„Wenn sich ein Hund einem Wolfsrudel anschließt, ist er dann ein Wolf oder bleibt er Hund?“

Herstellung von Mischvölkern
Das erinnert an einen Ausspruch Hitlers: „Der Fuchs ist immer ein Fuchs, die Gans eine Gans, der Tiger ein Tiger usw.“ Für ihn war die „Blutsvermischung“ die „alleinige Ursache des Absterbens aller Kulturen“. Die kulturelle, völkische oder rassische Reinheit treibt auch die AfD um. So wendete sich der sächsische AfD-Bundestagsabgeordnete Heiko Heßenkemper gegen eine „Durchmischung der Rassen“, sein Fraktionskollege Jens Maier warnte vor einer „Herstellung von Mischvölkern“.
Natürlich gibt es auch AfD-Mitglieder, die anders denken oder sich zumindest anders ausdrücken. Aber es sind nicht nur Einzelne, die gern völkisch daherreden. Interne Chats, die in die Öffentlichkeit gelangten, zeigen, dass die zweite, dritte, vierte Reihe teils heftiger formuliert.

Drohende Islamisierung
Wer aber löst bei der AfD solche Abscheu aus? War das Schreckbild der Nationalsozialisten eine „Verjudung“ der Welt, richtet sich die Propaganda der AfD gegen die „drohende Islamisierung Europas“, so steht es im Europawahlprogramm der Partei 2019.

Abgeschaute Tricks
Die sprachlichen Tricks der Nazis und der AfD sind im Kern die gleichen. So wendete sich Hitler dagegen, das Judentum „als ‚Religion‘ segeln zu lassen“, denn die Juden bildeten „immer einen Staat innerhalb der Staaten“. Die AfD will den Islam nicht als Religion, sondern als gefährliche, totalitäre und imperialistische „politische Ideologie“ verstanden wissen. Für die Nationalsozialisten ließ sich die Religionsfreiheit nicht auf die Juden anwenden, für die AfD nicht auf die Muslime. Für die Nationalsozialisten stellten die Juden eine existenzielle „Gefahr“ für Deutschland dar, für die AfD ist die „Präsenz von über 5 Millionen Muslimen, deren Zahl ständig wächst“, eine „große Gefahr für unseren Staat, unsere Gesellschaft und unsere Werteordnung“, so ist es im Programm für die vergangene Bundestagswahl zu lesen.

Messereinwanderung
Um die vermeintliche Gefahr greifbar zu machen, nutzt die AfD-Bundestagsfraktion den Hetzbegriff „Messereinwanderung“. Dazu zeichnet sie auf YouTube eine „Karte des Schreckens!“, die auf den ersten Blick suggeriert, mordende Muslime würden das Land überrennen. 2018 malte der AfD-Bundesverband dies auf Facebook so aus: „Wie viele Messer-Morde müssen noch beweint werden, bevor die wilden Heerscharen junger Asylbegehrender das Messer aus der Hand und ihre kranke, menschenverachtende kulturelle Prägung endlich ablegen?“

Gaulands Frage an Mesut Özil
Im Parteiprogramm von 1920 forderte die NSDAP als ersten Schritt: „Jede weitere Einwanderung Nicht-Deutscher ist zu verhindern.“ Der zweite Schritt: „Wir fordern, dass alle Nicht-Deutschen, die seit 2. August 1914 in Deutschland eingewandert sind, sofort zum Verlassen des Reiches gezwungen werden.“ Für alle aus NS-Sicht „Nicht-Deutschen“ mit deutscher Staatsangehörigkeit sah Hitler 1923 noch nicht Vertreibung und Vernichtung vor. Sie sollten „freiwillig“ gehen oder sich unterordnen. Hitler wollte dazu im „völkischen Staat“ zwischen Staatsbürgern und Staatsangehörigen unterscheiden. Das Reichsbürgergesetz von 1935 setzte genau das um, die bloßen Staatsangehörigen verloren die Bürgerrechte. Die erste Verordnung zu diesem Gesetz besagte, dass Juden prinzipiell nicht Staatsbürger sein konnten. Ihnen stand damit kein „Stimmrecht in politischen Angelegenheiten“ in Deutschland zu, und sie durften „ein öffentliches Amt nicht bekleiden“. Aber so schlimm wie für die Juden ab 1935 würde es doch unter einer AfD-Regierung nicht werden für die Muslime in Deutschland, oder? Im Sinne des NS-Reichsbürgergesetzes sagte Gauland 2016 anlässlich einer Mekka-Fahrt des damaligen deutschen Fußball-Nationalspielers Mesut Özil: „Bei Beamten, Lehrern, Politikern und Entscheidungsträgern würde ich sehr wohl die Frage stellen: Ist jemand, der nach Mekka geht, in einer deutschen Demokratie richtig aufgehoben?“

Nach Anatolien entsorgen
Was mit denen geschehen soll, die in Deutschland nicht „richtig aufgehoben“ sind und sich nicht geräuschlos unterordnen und assimilieren, erläuterte Gauland im Bundestagswahlkampf 2017 am Beispiel der damaligen Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Aydan Özoğuz, einer deutscher Staatsbürgerin. Man könne sie, „Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen“. Weidel pflichtete bei, dass Özoğuz „zurück in die Türkei“ gehöre. In Ulm plakatierte die AfD in plattestem Stürmer-Stil: „Özoguz ‚entsorgen‘? JA!!!“ Ein „Entsorgungsprojekt“ lässt sich allerdings rhetorisch schwer verkaufen. Sprachlich geschickter ist es, von einem „Remigrations-Programm“ zu sprechen. Das ist inzwischen offizielle Parteilinie der AfD: „In Deutschland und Europa müssen Remigrations-Programme größtmöglichen Umfangs aufgelegt werden“, hieß es zur Europawahl 2019.

Die Nationalsozialisten waren Meister darin, die Dimension und die Barbarei ihres Programms gegen die Juden zu kaschieren. Goebbels erläuterte dazu im Juni 1944: „Es wäre ja sehr unklug gewesen, wenn wir vor der Machtübernahme schon den Juden ganz genau auseinandergesetzt hätten, was wir mit ihnen zu tuen beabsichtigten.“ Es sei „ganz gut und zweckmäßig“ gewesen, dass „wenigstens ein Teil der Juden dachte: Na, ganz so schlimm wird’s ja nicht kommen; die reden viel, aber das wird sich ja noch finden, was sie tuen werden“.

Was Heinrich Himmler nur im geheimen sagte spricht Björn Höcke öffentlich aus.
Erstaunlich offen allerdings spricht Björn Höcke, AfD-Fraktionsvorsitzender in Thüringen, bereits von der Machtergreifung einer „nationalen Regierung“, die ausschließlich „der autochthonen Bevölkerung“ und damit auf eine Politik der „wohltemperierten Grausamkeit“ im Zuge des „Remigrationsprojekts“ verpflichtet sei.
Es müssten „aller Voraussicht nach Maßnahmen“ ergriffen werden, die sogar dem „eigentlichen moralischen Empfinden“ jener zuwiderliefen, die sie durchführten.
Heinrich Himmler erörterte solche möglichen Gewissenskonflikte von Tätern nur im Geheimen, erst nach den Taten und vor einem Publikum von Tätern.

Die Wiederkehr des Völkischen in deutsche Regierungen
Es geht heute angesichts der kämpferisch-völkischen Ausrichtung der AfD und ihrer Wahlerfolge nicht mehr darum, den Anfängen zu wehren, sondern in den östlichen Bundesländern bereits darum, das bittere Ende zu verhindern – die Wiederkehr von Völkischen in deutsche Regierungen.

Was müssen Demokraten tun?
Was sollen Demokraten tun? Sie dürfen den Völkischen niemals zentrale Begriffe wie Deutschland, Deutsche, Volk und Staatsbürger oder Kernsymbole der deutschen Demokratie wie die schwarz-rot-goldene Flagge als „kontaminiert“ überlassen, und sie dürfen nicht unbedarft rassistische Unterscheidungen wie „Passdeutsche“ und „Biodeutsche“ nachplappern.

Es zählt der Demos und nicht der Ethnos.

Eeluwes

Ölofen
Eine Hommage an Jakob den klugen Wirt (R.i.P)

Jakob (der Fersenhalter) ringt mit dem Engel

Die in der folgenden Erzählung handelnden Personen existieren so nicht. Das gilt auch für die beschriebenen Orte.
Es liegt keinesfalls in der Absicht des Verfassers, einzelne Personen bloßzustellen oder sie in Ihrer Lebenweise, Ihrer Lebenseinstellung, Ihrer Überzeugung oder Ihrer religiösen Auffassung zu kritisieren oder gar parteiisch zu bewerten.

Im Gegenteil. Der Verfasser schreibt hier vor dem Hintergrund einer großen Zuneigung und Liebe gegenüber den Menschen, Ihrer Lebensweise und der Art und Weise wie sie Ihr Leben gestalten, wie Sie ihr Leben bewältigen, ist er doch höchstselbst ein Kind dieser Region, dort geboren, zu Schule gegangen, Herangewachsen, Familie gegründet und immer noch gerne dort lebend.

Wichtig ist ihm Dinge zu beschreiben, die er so empfunden, er so erlebt hat und welche Rückschlüsse er daraus für sein eigenes Leben gezogen hat.
Dabei bemüht er sich durch sprachliche Überzeichnungen, humorvolle und satirische Stilelemente, seine Leser zu interessieren und zu unterhalten.

Nichts aber auch überhaupt nichts liegt ihm daran eine „heimattümelnden“ kitschigen Wiedersprüche nivelierende Erzählweise zu pflegen, die subjektiv empfundene Wiedersprüche, Ungleichheiten sowie Benachteiligungen zukleistert oder gar leugnet.

Mitten im Dörfchen, gleich da wo die beiden Bäche zusammenflossen befand sich eine niedrige Brücke.
Sie bot dem einen kleineren Bach nur recht wenig Raum zum durchfließen. Im Herbst, bei Dauerregen und Sturm, im späten Winter bei der Schneeschmelze, konnte die alte Brücke die Wasserflut nicht mehr fassen.
Dann dann verwandelten sich beide Bäche in reisende Gebirgsbäche und überspülten mitunter die Hauptstraße.Gleich links von der Brücke befand sich eine Gaststätte, besser gesagt eine Eckkneipe. Diese war schon über hundert Jahre in Familienbesitz, nun bereits in der dritten Generation. Dort zapfte man ein prickelndes, schmackhaftes Pilsbier mit herbem Charakter, gebraut von einer Brauerei, gleich sechs Kilometer entfernt, die nur dieses eine Bier braute.
Und, Schnäpse gab es, wie damals üblich, Wacholderschnaps, Doppelwachholder, Korn und ein Destillat welches sich „Frucht“ (Obstler) nannte.

Speisen gab es nicht, nun ja, auf Bestellung und das eher wiederwillig, eine heiße Mettwurst mit Roggenbrot und einem Klecks Senf, aber nur dann wenn der örtliche Metzger geliefert hatte.
Zu besonderen Anlässen, zum Beispiel kurz vor Weihnachten oder zwischen den Jahren, erfuhr diese übersichtliche Speisekarte eine erstaunliche Erweiterung.
Auf besonderen Wunsch, bereitete der Wirt dieses Mettwürstchen auf eine ganz besondere Art zu.

Die Bestellung lautete dann so:
„Jakob“ (nennen wir Ihn so) mach mer mohl e Öluwes“ Die lässt sich schwerlich in hochdeutsche Sprache übersetzen.
Der geneigte Leser möge dies verzeihen ,es ergibt sich im Verlauf der weiteren Erzählung, Sinn und Inhalt dieser Bestellung.

Über viele Jahre hin war diese Eckkneipe der Treffpunkt vieler Handwerker und Bauern der umliegenden Dörfer und Weiler.
Hochbetrieb herrschte bei Wilhelm vor allem dann wenn die Handwerker und Arbeiter Feierabend hatten und auf dem Nachhauseweg noch einen oder auch zwei Schoppen trinken wollten
Das war an Werktagen zumeist zwischen vier und sechs Uhr Nachmittags.
Maurer, Dachdecker, Zimmerleute, Schlosser, Schweißer, fast immer in den dafür zur Verfügung gestellten Fahrzeugen, ankommend, betraten das Lokal dann, durstig, in Ihren Arbeitskleider die Lokalität.
Einige stumm, graugesichtig, die Mundwinkel zusammen gepresst, mit hängenden Schultern.

Andere, zumeist Dachdecker, Zimmerleute in ihrer Zunftkleidung, die Maurer in blauen unvermeidlichen Arbeitsjäckchen, oft ausgefärbt, zerschlissen und geflickt. Sie kommen oft laut, polternd, schimpfend, fluchend, derbe Witze reisend. „Jakob breng ins gläich e Herrengedeck! Oder bässer gläich zwoo. Meer hoo Daschd.“ (Bringe uns bitte gleich ein Herrengedeck (Bier und Korn) Oder besser gleich zwei. Wir haben Durst.) Es riecht nach Männerschweiß, Zigarettenqualm, Bierdunst, Ölofen und ein bisschen nach Urin, befindet sich das Männerklo doch gleich neben der Gaststube.

Eine Frauentoilette gibt es nicht.
Es war eine durchweg paternalistische Männergesellschaft die sich dort traf. Mädchen und Frauen waren fast nie zugegen, waren aber in Gedanken und Männer-Phantasien zugegen, was oft dadurch zum Ausdruck kam sich irgendwelche „schmutzigen“ frauenfeindliche Witze zu erzählen um anschließend in grölendes Gelächter auszubrechen.
Deshalb vom Grunde auf frauenfeindlich? Oh nein, daß sind Sie nicht.
Diese Witzchen über Mädchen und Frauen, wenn auch rau und ungehobelt vorgetragen, lassen oft auch eine Scham, eine zurückhaltende Scheu, eine subtile Angst vor Frauen erkennen.
Als Beleg dafür mag die Beobachtung gelten, dass viele junge Männer in heiratsfähigen Alter, Junggesellen bleiben, umgelenke, tapsige Hagestolze, die, wenn sie einem attraktiven weiblichen Wesen begegnen, verstummen, oder anzüglich derbe werden.
– – –
Ein durchgängig patriarchalisch orientierte Dorfgemeinschaft, so wie es nach den soeben verfassten Schilderungen zu vermuten wäre, war diese Gesellschaft aber eher nicht.
Eine kleine Anekdote, an dieser Stelle eingefügt, möge diese Behauptung untermauern:

Immer an Samstagen, an hohen kirchlichen Feiertagen wurde gebadet. Das galt als Dogma.
Alle badeten. Erst die Großeltern. Danach die Kinder und und schließlich im selben Badewasser, die Eltern.
Zuvor schon, war die frische Unterwäsche von der Mutter für alle Familienmitglieder, auch für den Vater zurecht gelegt worden. In diesen Zeiten badete man grundsätzlich nur einmal in der Woche, nämlich Samstag Abend.
Nun könnte man sagen:
Die Frau des Hauses, die eh schon mit der mühsamen Arbeit in Haus und Hof belastet, muß nun auch noch die frische Wäsche welche Sie auch mühsam gewaschen hat, für den Herrn des Hauses zurecht legen. Der Ehemann als Familienoberhaupt, als Pascha?
Nur bedingt.
Würde er nämlich die Initiative ergreifen und seine Kleidung für Sonntags selbst aussuchen, käme es unweigerlich zum Eklat:
„Vadder du wääd doch wohl nedd ii dörer Läwerie ( vermutlich französisch: Blanchisserie = Wäsche) ii der Körche gieh?“ (Vater Du willst doch nicht wirklich in dieser Kleidung zum Gottesdienst gehen?) so die Gattin.
Könnte es sein, daß durch diesen Brauch, eine allmähliche, eine schleichende Hospitalisierung des Mannes erreicht wird, die man unter Umständen als eine Entthronung, eine subtile Entmachtung des Mannes betrachten kann?

Vollkommen unselbständig gemachte Männer, die nicht mehr Lage sind ihren Alltag zu bewältigen, weil sie über Jahrzehnte bedient wurden?

Eine subtile eher unbewusste Machtausübung benachteiligter Frauen gegenüber dem Manne der bis zur Übergriffigkeit vollversorgt wird?

Die Frauen zur damaligen Zeit erschienen ihm zumeist bodenständig, alltagsklug, selbstbewusst und tonangebend. Sicher war das auch dem Umstande geschuldet, daß durch die Abwesenheit der Ehemänner vor allem in den Sommermonaten, weil diese sich als Saisonarbeiter hauptsächlich im Siegerland verdingen mussten, dies mühsame Arbeit in Haus und Hof alleine stemmen mussten.
– – –
Die Männer kommen alle in Ihren Arbeitsklamotten zum Jakob wie man sagte. Keiner dachte daran sich vorher umzukleiden.
Ihre Arbeitskluft zeigte, wie körperlich schwer und anstrengend die Arbeit ist. Die Gesichter, wettergegerbt, manchmal auch gerötet, zuweilen auch ein wenig aufgedunsen. Von Statur sind alle kräftig, die Arme muskulös, die Schultern breit. Viele auch mit beachtlichen Bierbäuchen ausgestattet.
Sie reden über Fussball, gewesene Feuerwehr Einsätze, Politik im allgemeinen, Kommunalpolitik im Besonderen.
Klischees werden bedient. Stammtischparolen werden gedroschen. Zuweilen mitgebrachte Lehrlinge, „Stifte“ genannt, meist still und verdruxt am Bier nippend, werden wie gewohnt, auf den Arm genommen, veräppelt, zuweilen auch bloßgestellt.
„Lehrjahre sind keine Herrenjahre!“ sagt man Ihnen.
Sie ertragen es, stoisch lassen sich nichts anmerken und denken an Ihre zukünftige Gesellenzeit. Dann werden Sie sich rächen, aber nicht an Ihren damaligen Peinigern, sondern an den „Stiften“ die Ihnen nachfolgen.
So war es wohl schon immer.

Nun ja die freiwillige Feuerwehr im kleinen Dörflein.
Wer Mitglied der freiwilligen Feuerwehr war, ob aktiv oder passiv der war auch immer Gast bei Wilhelm. Ein Automatismus der sich aus Tradition und Gewohnheit nährte und nicht unwesentlich das soziale Leben im Dorf bestimmte.
Die Feuerwehrkameraden unter sich, ein Mikrokosmos für sich.
Sie haben eine gemeinsame Mission. Menschen die plötzlich in Not sind zu helfen, zuweilen unter Einsatz der eigenen Gesundheit, des eigenen Lebens.
Das ist nobel, vorbildlich und, für die Feuerwehrkameraden sinnstiftend. Aus dieser Kameradschaft ergaben sich auch eine Fülle weiterer gemeinsamer Freizeitinteressen. Wechselseitige Einladungen der umliegenden Feuerwehren zum Würstchenbraten, Schlachtessen, örtlichen Feuerwehrfesten, regionalen Feuerwehrtagen und so fort.
Würstchen, Spießbraten, Schlachtplatten waren die deftige und schmackhafte Grundlage für den Genuss des regional gebrauten Gerstensaftes, und der anderen hochprozentigen geistigen Getränke.
Das war rundweg vergnüglich, kurzweilig. Streitereien, die sich von alter Zeit her aus Rivalitäten der Dörfer untereinander nährten und zuweilen in kleineren Prügeleien untereinander endeten, aber nie wirklich zu ernsthaften, folgenreichen Auseinandersetzungen führten.
Oft so gegen halb sechs am Abend öffnete sich die Türe der Gaststube. Ein stattlicher großgewachsener Herr in grüner Uniform betrat die Bühne.
Stolz, erhobenen Hauptes, ein wenig arrogant trat er in die Mitte des Raumes. „Nabend allerseits.“
Ohne Umschweife setzte er sich auf immer denselben Stuhl an einem Biertisch der, zwar nicht ausdrücklich für Ihn reserviert war, der aber dennoch solange freiblieb bis er höchstselbst dort Platz nahm. Er brauchte sein Bier nicht zu ordern.
Jakob der Wirt zapfte bereits an dem hellen Blonden für Ihn.
Er trug eine grasig grüne Uniformjacken mit jeweils zwei silbernen Eicheln nebeneinander auf den Schulterstücken.
„Dä Föschder ess doo.“ (Der Förster ist gekommen) bemerkte ein Waldarbeiter am Nachbartisch, der mit seinen schwieligen roten zerkratzten Händen zum Glase griff und dem Herrn Oberförster, nun nennen wir Ihn Roderich Brei, zuprostete.
Der aber hatte sein Bier noch nicht und nickte nur beiläufig.
Jakob der Wirt, dessen feste Überzeugung es war ein gut gezapftes Pils dauere sieben Minuten um zur Vollendung zu kommen brachte Ihm schließlich sein Bier samt Bierdeckel.
Das dünne Kelchglas trug am untersten Rand seines Stieles eine blütenweiße ganz dünne saugfähige Papiermanschette, um den überlaufenden Schaum des edlen Gerstensaftes gegebenenfalls aufzusaugen. Gekrönt von einer beachtlichen weißen Schaumkrone glitzerte das Pils in bernsteinfarbenen Gold. Feine Fäden aus winzigen Kohlensäurebläschen durchzogen das edle Nass.
Nie mehr sah er so ein perfektes Pilsgetränk.

Er reichte es Roderich, erst den Bierdeckel, dann den Kelch und sprach tonlos, kaum hörbar: „Zmm Wohl.“ Roderich nickte nur und hob den Kelch zum Munde um zu trinken.

Nach ein bis zwei Bieren, löste sich dann die Zunge des Herrn Oberförster Roderich Brei.

„Ich bin ein Wirtschaftsmann. Der Wald ist das Kapital für die kommenden Generationen.
Ich kann Euch sagen, die Gemeindeverwaltung, schlimm, lauter Sesselfurzer, verdienen eine Haufen Geld, wir müssen sie bezahlen. Keine Ahnung und immer eine große Klappe.
Und dann, seit neuestem diese grünen Käferzähler und Vogelschützer. Alles Spinner. Vorlaute Lehrerkinder, unerzogene Pfarrerskinder, noch nie was vernünftiges gearbeitet.
Und wir müssen die durchfüttern. Eine Schande.
Und die wollen uns auch noch regieren.
Früher, da gab’s sowas nicht!“

Einige Gäste nickten Ihm liebedienerisch zu, andere hoben das Glas und skandierten: „Jawolll“.
Andere blickten gelangweilt ins Bierglas.
Wenige verzogen missbilligend Ihr Gesicht wendeten um und kommentierten: „Du Schwätzer.“

Jakob der Wirt hörte am Zapfhahn stehend zu und sagte schließlich, als der Disput allmählich abflaute:

„Häsde gehäd ich menn nur“,

was schwerlich und nur sinngemäß zu übersetzen wäre: (Ich habe zugehört. Ich meine ja nur.)

Es kann vermutet werden, das Er damit sagen wollte:

„Jeder kann hier in meiner Gaststätte, seine Meinung frei äußern. Ihr müsst euch nur vertragen.“

Immer schon hing ein Holztäfelchen an der Stirnwand, für jeden zu lesen, gegenüber der Theke auf dem geschrieben stand:
„Ein guter Gast ist niemals Last.“

Jakob der Wirt. Ein lebenskluger Mann, geprägt durch ein entbehrungsreiches Leben, als Soldat im Kriege durch Schicksal, Not und Angst.

Er jedoch, ebenfalls durch Biergenuss ein wenig enthemmt fühlte sich persönlich angegriffen und wurde zornig. Eifrig versuchte er sachliche Argumente für die beginnende Ökologie- und Umweltschutzbewegung der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu finden, was ihm jedoch nur ansatzweise gelang.
Er verhaspelte sich in der eigenen Argumentationskette, würde immer lauter und heftiger.

Sehr schnell verbündeten sich fast alle gegen ihn:
„Wos wäd du da du Bläss. Kää Ahnung voo nix. Lann öscht mo woss rechdijes. Da kinn mer wäirer schwädse.“
(„Was bist du denn für ein Hanswurst. Du grüner Junge. Verliere erst mal deine Eierschalen und werde trocken hinter den Ohren. Lerne erst Mal was richtiges. Dann können wir weiter reden.“)

Nun schaltete sich der kluge Wirt ein und sagte im ruhigen Tone:
„Du bäst enn oole Hezebletz. Genau wie Kottches Schöwerdägger. Derbäsde gesde jezz hääm. Kimmst da mann wörer.“
(Du bist ein alter Heißsporn. Genau so wie ein entfernter Vorfahre von dir aus dem neunzehnten Jahrhundert. Am besten gehst Du nun nach Hause. Morgen kannst Du gerne wiederkommen.)

Er nahm Jakobs Vorschlag an, zahlte und ging wütend und beleidigt nach Hause.

An einem anderen Nachmittag, so gegen drei Uhr Nachmittags an einem Freitag im frühen Frühling.
Er 16 Jahre jung befand sich auf dem Weg zu Jakobs Kneipe.
Nicht um dort Bier zu trinken, was er eher selten tat. Vielmehr war er auf dem Weg zu Jakbs Sohn, nennen wir Ihn Robert, der mit Ihm gemeinsam eine weiterführende Schule besuchte.
Sie hatten die Absicht die Hausaufgaben gemeinsam zu erledigen und für die anstehende Mathematikarbeit zu lernen.

Dabei überquerte er erneut die besagte niedrige Brücke. Weitere zehn Schritte geradeaus. Links nun das Treppenportal zu Jakobs Kneipe. Von zwei Seiten zu begehen, fünf Stufen hinaus. Nun befand sich direkt auf Augenhöhe die schwere lerchenhölzerne Eingangstür mit ihrem beim öffnen unverwechselbaren Geräusch…… *

Die sich gelegentlich ergebenden Übungsstunden im Fach Mathematik waren für Ihn zwar recht nützlich aber auch gelegentlich unerquicklich.
Konfrontierte sie ihn doch mit der zweifelsohne richtigen Feststellung, die Roberts große Schwester, nennen wir sie Babette, welche die beiden Jungen bei den Übungsstunden beaufsichtigte wie folgt ausdrückte:
“ Innser Robert ess im Rechen viel bässer wie du.“
(Mein Bruder Robert beherrscht das Fach Mathematik besser als Du es jemals vermögen wirst.)

Dennoch, in jener großen Küche vollzog sich das ganze bunte Familienleben dieser Gast- und Landwirtsfamilie, nebst allem was die Gaststätte betraf, war doch die Gaststube direkt nebenan und nur durch eine Schiebetür von jener großes Wohnküche getrennt.

Babette die Älteste der Geschwister, war schon seit Jahren in die Fußstapfen des Vaters getreten und damit auch schon in jungen Jahren die allseits geachtete Nachfolgerin und Wirtin in spe geworden.

Eine kluge, attraktive junge Frau, resoluter Natur, ohne jemals grob oder unhöflich zu sein.
Zuweilen, eher selten, erkundigte sich ein meist auswärtiger Gast nach der Speisekarte.

Die gab es nicht, war auch nicht notwendig.
Was Babette anbieten konnte, war ein Mettwürstchen, kalt oder warm.
Ließ ein Gast sich darauf ein, eilte Babette aus der Gaststube in die Küche, griff in den Kühlschrank und holte besagtes Würstchen heraus, bei Warmbestellung, fluchs in eine kleine Stielkasserolle, kaltes Leitungswasser dazu, auf die kleine Flamme des Gasherdes gestellt.

Das Mettwürstchen ins kalte Wasser gegeben. Zehn Minuten köcheln lassen schon fertig.
Babette inzwischen erneut auf der Gaststube kommend, geht zum Küchenschrank entnimmt dort ein Kuchentellerchen. Es ist aus weißem Porzellan mit einem Rosenmuster um den Tellerrand. Sie entnimmt das Würstchen aus dem siedenden Wasser. Vorsicht dann mit der Gabel auf das besagte Kuchentellerchen.
Auf dem noch siedenden Wasser schwimmen kleine Fettaugen.
Der feine Duft von frisch gebrühter Wurst breitet sich aus.
Babette nimmt nun eine Tube Löwensenf extra scharf aus dem Kühlschrank.
Ein kleiner gelber Fleck davon auf das Kuchentellerchen. Ganz an den Rand desselbigen.
Nun stellt Sie alles auf die silberne Abtropffläche der Spüle, auf der auch eine dunkelblaue Spülmittelflasche Marke Pril ihren festen Platz hatte. Das Gedeck war jedoch noch nicht vollendet.
Erneut wendet sie sich ab. Gleich linker Hand befand sich ein weißes Küchenschränckchen, direkt in gleicher Höhe wie der Gasherd.
Die Türe dieses Schränkchens war in der Mitte sowie gleich oben links und rechts mit bunten Prilblumen beklebt. Sie bildeten damit ein lustiges Dreieck auf der Oberfläche des sonst weißen Türchens.

Sie öffnete diese bunt beklebte Türchen. Sogleich entströmte von dort der typische Geruch von Sauerteigbrot. So war es auch.
Ganz unten lag, mit der Schnittseite nach unten, sorgfältig lose bedeckt mit einem sauberen Küchentuch aus Baumwolle, bunt kariert, ein zur Hälfte durchgeschnittenes Bauernbrot mit glatter Krumme, die wiederum einen matten schwärzlich brauen Glanz abgab.

Babette hob den halben Laib des Bauernbrotes heraus und legte Ihn auf die Abtropffläche der Spüle.
Nun mittels eines besonderen Mechanismus, ganz trickreich klappte Sie die Brotschneidemaschine aus demselben Schränken heraus.

Und so stand Sie da, in all ihrer funktionellen Pracht.
Auf einer graumelierten Bodenplatte war das Exponat fest verschraubt.
Die Flanken, der Messerschutz in weiß, schon ein wenig bestossen von häufigen Gebrauch.
Die Kurbel, mittels der das große runde Schneidemesser in Drehung versetzt wurde,l chromfarben.
Der Griff der Kurbel ganz in schwarz, aus Bagelitt gefertigt.
Babette bückte sich ein wenig und nahm das zur Hälfte angeschnittene Bauernbrot aus dem Brotschränkchen.
Sie legte das Trockentuch, mit dem das Brot eingewickelt war zu Seite, legte den halben Laib auf die Schneideseite der Brotmaschine an der rechten Hand, drückte den Laib nun umsichtig an das runde Schneidemesser und begann, links an der Kurbel zu drehen.

Dies alles vollzog sich mit einer vollkommenen Routine, ohne Eile, ruhig, sachlich, konzentriert.
Die runde Schneide begann sich zu drehen, und glitt mühelos in die Laibhälfte hinein.

Das dabei entstandene Geräusch war ein zweifaches, gleichzeitiges.
Das Zahnrad zwischen Kurbel und Schneiderad ratterte leise, gleichförmig und zuverlässig.
Die Schneide, sobald sie ins Brot einschnitt, zischte leise, gleichzeitig aber auch ein rutschender Klang, so als ob eine leinerne Tischdecke nach Gebrauch von Wohnzimmertische gezogen würde.

Die so erzeugte Bodder (Brotscheibe) war etwa acht Millimeter dick, nierenförmig von Gestalt. Die Krume feinporig, graubraun, die Kruste eher dünn und schwärzlich braun.
Ihr Duft, säuerlich, brotig, so wie Roggenbrot eben riecht wenn es nicht mehr ganz frisch, seit zwei bis drei Tagen im Brotschränkchen liegt, um auf seinen Verzehr zu warten.

Nun nahm Sie eine bereitliegende Besteckgabel, wandte sich nach links und spieste das nun zur Vollendung gebrachte Mettwürstchen damit auf, legte es sorgsam auf das schon mit Senf versehene Kuchentellerchen.
Die gerade aufgeschnittene Scheibe Brot dazugelegt.
Das Werk war vollendet.

Gabel, Messer und eine Serviette waren zum genussvollen Verzehr in der Gaststube nicht notwendig, so verzichtete Babette auch darauf.

Im dunklen Winterhalbjahr, vor allem über die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr, war die Gaststube schon nachmittags gut gefüllt.
Handwerker, Waldarbeiter, Steinmetze, Steinbrucharbeiter, Zimmerleute Dachdecker und Maurer machten „Schlechtwetter“ und „stempelten“ (meldeten sich zeitlich befristet witterungsbedingt arbeitslos).

Den meisten Männern war diese „Zwangspause“ hochwillkommen und oft auch bitter notwendig.
Die schwere Arbeit unter freiem Himmel, die nebenher noch betriebene kleine Landwirtschaft hauptsächlich zur Selbstversorgung, forderte ihren Tribut.

Das Gelächter der Männer, die lauten Stimmen, die oft grobe zuweilen umgelenke Konversation, das Hämmern der Würfelbecher, die Ansagen beim Skat, (Kontra, Re onn noch en Buuwe droff), gedämpfte Radiomusik, immer (HR 3), die populistischen Stammtisch Parolen, der Bier und Zigarettendunst all das ist ihm in Erinnerung.

Von Spätnachmittags bis tief in die Nacht zechte rauchte man. Eine Runde nach der anderen würde „geschmissen“.
Zur Speise gab es wie bereits berichtet Mettwürstchen mit Löwensenf und einer Scheibe Roggenbrot.

Allerdings gab es, das soll dem geneigten Leser nun nicht mehr vorenthalten werden, während dieser besonderen Winterzeit eine kulinarische Besonderheit:
Der Durst immer noch nicht gestillt, bestellen viele beim Wirt wie folgt:
„Jogeb meer hoo n Honnger wie n Beer!
(Jakob ich habe großen Hunger)
Mach mer mool zwoo Öluwes“

Wilhelm schmunzelte dann wissend, verließ die Gaststube durch die Schiebetür gleich hinter dem Tresen.
Nach einer kleinen Weile kam er zurück und trug zwei sorgfältig in Butterbrotpapier eingewickelte Mettwürstchen bei sich.
Mit Bedacht, noch wenige Schritte, hob er nun das schwere Abdeckgitter des großen Ölofens an und legte die beiden verpackten Würstchen auf die gusseiserne Ofenplatte, das Abdeckgitter wieder an ihren vorherigen Platz.

Ein leises, verheißungsvolles Zischen war sogleich zu vernehmen.

Ein Weilchen später dann, das eine oder andere weitere Pils war inzwischen getrunken, öffnete sich laut vernehmlich die Eingangstüre.

Ein großer kräftiger Mann trat herein. Es war, nun nennen wir Ihn „Eduscho“ seit Jahrzehnten Stammgast bei Jakob.
Dieser Augenblick des eintretens, alle blickten zu Ihm auf, berührte Ihn sichtlich peinlich. Kaum vernehmlich murmelte er „Nabend“, sein Blick irrte hin und her, suchte einen Anhaltspunkt, fand aber keinen. Stattdessen nahm er seine jagdgrüne Schirmmütze, vom fast kahlen Kopfe und legte sie auf die Hutablage der Garderobe, die bereits übervoll war mit den Wintermännermänteln der Gäste.

Dann ging er, immer noch verlegen, schwerfällig zur Theke und wartete wortlos.
Eine Bestellung war auch nicht notwendig. Jakob kannte die Vorlieben seiner Gäste.

Er trug eine Kniebundhose aus jagdgrünem grobem Cord. Dazu einen selbstgestrickten Pullover mit Zopfmuster.

Eduscho nahm das fertig gezapfte Pils von der Theke, führte es zum Munde, trank durstig.
Nun setzte er die Pilstulpe wieder ab. Seiner Kehle entführt nun ein, kaum hörbares unterdrücktes Rülpsen.
Willi hat inzwischen das uhrenglasförmige Schnapsglas bis am den Rand gefüllt.
Wieder dieses tonlos „Zmmm Wohl“. Herr Eduscho nahm das Gläschen, gefüllt mit „Doppelwachholder“ und kippte, wo wie es sich gehört, das edle Destillat, mit einem mal in durstige Kehle, schluckte zweimal. Seine Gesichtszüge entspannten sich sogleich. Sichtliches inneres Wohlwollen zeigten sich auf seinem Antlitz.
Immer noch an der Theke stehend wendete er seinen Kopf nach rechts. Dort stand, wie gesagt der große wärmespendende Ölofen.
Seine Mimik veränderte sich plötzlich. Ein jungenhaftes, spitzbübisches lächeln eroberte seine Gesichtszüge.
Lediglich eine kleine Bewegung mit seinem stattlichen Podex nach rechts, setzt er sich geradewegs auf den warmen Rost des Ölofens, blickt nach oben und grinst.
Die Mettwürstchen zischen ein letztes mal, ein gedämpftes „Wutsch“, dann ein vernehmlicheres Bruzeln.
Augenblicklich beginnt es nach knuspriger Bratwurst zu duften.
Alles lacht. Laut, manche mit verrauchter heißerer Stimme.
Jakob, souverän wie immer:

„Der Eeluwes säi faddich. Ehr Jonge, ezz kinder ääse.“
(Die Ölofen Grillwürstchen sind zubereitet.
Guten Appetit die Herren.)

* ….Immer noch befand er sich sich direkt in Augenhöhe der schweren lerchenhölzernen Eingangstüre zu Jakobs Kneipe mit ihrem beim öffnen unverwechselbaren Geräusch.

Er wendete seinen Blick. Auf der gegenüberliegenden Seite der schmalen Dorfstraße wenige Meter bergan befand sich ein Bauernhaus, eng an die dahinterliegende Anhöhe geschmiegt. Im rechten Winkel gleich rechts daneben die Scheune. Nochmals dann erneut im rechten Winkel wieder links eine erneutes dazugehöriges Wirtschaftsgebäude, als zusätzliche Scheune mit einem Schweinestall im Parterre zu erkennen.
Für einen Bauernhof im Klippdachsland mit seinen kargen Böden und seinen kalten und langen Wintern, ein recht stattliches Gehöft.
Aber dies ist wieder eine andere Geschichte…….
„Mox continues“ (Wird fortgesetzt).

Kumm mei kläinr Buu, mr welle zum Himmelvadr bääde

Komm mein kleines Bübchen wir wollen zum Himmelvater beten.“

Das alte Ehebett mit den hohen Brüstungen vor Kopf und am Fußende. Dicke Federbetten
zusätzlich noch eine Wolldecke auf jedem Bett, darüber.
Grossmutter Christine hatte schon vor einer Stunde die Heizdecke angeschaltet.
Die Bettlaken aus Bieberbettwäsche, wollig aufgeraut, weich warm und anschmiegsam.
Ein kleiner Holzofen gleich links neben der Schlafzimmertüre brannte noch, war jedoch schon am verlöschen. Trotzdem war noch ein sanftes knistern zu vernehmen. Es roch undeutlich nach frisch verbranntem Holz und Asche.
Der große Kleiderschrank unmittelbar gegenüber des Ehebettes ragte hoch bis fast unter die Zimmerdecke.
Er zeigte ein dunkles graues braun auf seiner Oberfläche. Am oberen Ende, befand sich ein kleiner durchgehender Sims im Stile des Neobiedermeier.

Es war im Dezember, an einem Freitagnachmittag, so eine Woche vor Weihnachten. Die Winterferien hatten mit diesem Tage begonnen. Schon am Morgen hatten dicke Schneeflocken die Dächer und Felder bedeckt.

Die Dorfschlehrerin, Frau Wollmantel hatte Ihre Zöglinge mit den Worten: „Ein gesegnetes Weihnachtsfest mein Völkchen“ in die Weihnachtsferien entlassen.

Zuvor in der letzten Schulstunde war das Fach Religion, wie üblich, an der Reihe.
Alle Schüler, von der ersten bis zur dritten Schulklasse, saßen im größten Klassenraum zusammen. Sie sangen zu Beginn, das schöne Weihnachtslied, Ihr Kinderlein kommen, oh kommet doch bald…… .

Frau Wollmantel begleitete dabei mit einem schwarzlackierten Musikinstrument aus Plastik, welches ein Mittelding von Ziehharmonika, und Harmonium darstellte.
Dieses Instrument wimmerte erbärmlich, zwischendurch asthmatisch pfeifend. Die Kinder störte das nicht, hatten sie doch keine musikalischen Vergleichsmöglichkeiten. Im Gegenteil, sie sangen mit Inbrunst, gefühlvoll das kommende Weihnachtsfest freudig erwartend.

Ihre Lehrerin erzählte die biblische Weihnachtsgeschichte so, daß die Kinder sie gut verstehen konnten. Sie erzählte sehr schön mit ruhigem Ton und weicher Stimme, die schon andeutungsweise, ein sanftes Tremolo zeigte. Ein Umstand der viele weibliche Sopranstimmen betrifft, die allmählich das Klimakterium erreichen.

Als die Stelle mit der Verkündigung der Engel über die Geburt des Jesuskindes gekommen war, erreichten Ihre erzählerischen Qualitäten einen Höhepunkt.

Die Engel erschienen prachtvoller, ihr Erscheinen spektakulärer.
Auch den Stall zu Bethlehem, als Geburtsort des Jesuskindes schilderte Sie bildhaft und verständlich.

Im Zentrum Maria sitzend mit dem Kinde in der Futterkrippe, liebevoll mütterlich saß Sie dort. Ihr Blick strahlte Freude, aber auch Wehmut, Schmerz und Trauer aus. Als ob Sie schon ahnen könne, welchen Weg Ihr Sohn bis hin zum Kreuz auf Golgatha gehen würde.

Ein Zitat von Dietrich Bonhoeffer mag an diese Stelle passen, ohne den Erzählstrom wesentlich zu unterbrechen:

„Allein weil Gott ein armer, elender, unbekannter, erfolgloser Mensch wurde, und weil Gott sich von nun an allein in dieser Armut, im Kreuz, finden lassen will, darum kommen wir von dem Menschen und von der Welt nicht los, darum lieben wir die Brüder. Wer fromm ist muß auch politisch sein.“

Gleich daneben rechts, Joseph. Groß, würdig, mehr Hirte als Zimmermann, ein schwerer Umhang und der unvermeidliche Hirtenstab. Alle drei beisammen die heilige Familie.

Die Krippe umlagernd, sitzend halb liegend aufgestützt, drei Hirten. Sie blicken staunend und zugleich erfreut auf das Jesuskind.

„Sind wir es, die ärmsten der Armen, wir die wir am Rand des Gesellschaft leben wirklich die ersten, die das Wunder der Geburt Christi erleben dürfen? Sie wir es, die als Erste dabei sein dürfen, von himmlischen Heerscharen, gerufen, wenn Gott als hilfloses kleines Baby auf die Erde kommt?“

Dabei der Ochse, der Esel und 3 Schafe. Die Körper der Tiere sind hinter einer Bretterwand verborgen. Lediglich die Köpfe sind zu sehen. Ihre Köpfe sind größer als gewohnt, die Augen staunend groß, blicken sie bewundernd und fröhlich auf die Szene.
Fast wie Kinder, die Ihre Weihnachtsgeschenke erhalten haben.

Die 3 Waisen aus dem Morgenlande mit den Gaben, Gold,Weihrauch und Myrhe.
Nun, die fehlen noch. Sind vielleicht noch nicht angekommen.

Zum Ende dann noch: Oh du fröhliche oh du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit…….
Die letzte Strophe dann hymnisch, laut und voller Inbrunst gesungen: …….freue dihich freue dich oh Christenheit !!!

Die Kinder liebten Ihre Geschichten, vor allem dann wenn nach dem letzten Schultage die Ferien begannen.

Zuweilen gingen nicht nur Ihren Schülern, sondern auch Ihr selbst die Geschichten so nahe, daß Ihr die Augen feucht wurden und Sie leise zu weinen begann. Sie erzählte dann von Krieg, Not und Tod, von Flucht und Vertreibung ihrer Familie, von Ihrer Geige die auf der Flucht mitgenommen, plötzlich beim einem Zusammenstoß der Pferdewagen in tausend Teile zerschellte …… .

Ja, Sie war ein Schöngeist im besten Sinne, eine kluge musikalisch begabte empfindsame Seele, wie geschaffen bei uns Kindern die Neugier zu wecken, die Phantasie und die Kreativität.
Wir Kinder wussten das nicht, aber, sie fühlten es.

Gegen 21:00 Uhr.
Die Oma hatte Ihn schon zu Bett gebracht.
Er war ziemlich müde, fühlte sich ein wenig abgeschlagen.
Ein paar Minuten erschien Sie dann, in ihrem blassrosa Unterrock, welchen er gut kannte, diente er Ihr doch als Nachthemd.

Opa, war wie üblich noch aufgeblieben um fern zu sehen. Opa war ein leidenschaftlicher Fernsehgucker. Am liebsten: Die Tagesschau, Ein Platz für Tiere, Eiskunstlauf, Skispringen und am liebsten Spiel ohne Grenzen, aber auch Krimis: Tatort und Edgar Wallace.
Gewöhnlich schaute man gemeinsam fern. Eine Zeit für das Zubettgehen für Kinder gab es nicht.
Oft schauten Oma, Opa und Kinder bis zum Sendeschluss. Dann erklang immer die Nationalhymne, dann erschien das Testbild, danach erst ging’s zu Bett.

Seinen Eltern wurde davon nichts gesagt. Es war unser Geheimnis, welches auch nie gelüftet würde.

Oma schlug die Bettdecke zurück. Er lag schon im selben Bette, was schon, Dank einer Heizdecke, wohlig warm war.
Oma legte sich dazu, strich Ihm sanft über den Kopf.
Sie roch immer, ganz im Hintergrund, ganz zurückhaltend nach Vanille. Es war Ihr ureigenen Geruch, den er liebte.

Die Heizdecke wurde ausgeschaltet.
Oma griff nun zu einem silbrig blassvioletten Kordel welches senkrecht von der Wand hinter dem Bette baumelte und den kopfseitigen berührte. Es war an dessen Ende mit einem ebenfalls blassvioletten Bommel versehen, der an seiner Unterseite mit lustigen herabhängenden kleinen Fäden versehen war.
Dieser Kordel nun hing über dem unvermeidlichen Heilandsbild. Eine erhabene, milde, verständnisvoll und gütig blickende Jesusfigur, mit Vollbart und langem gewellten Haupthaar, den Hirtenstab in der Hand. Vor Ihm in der mondbeschienenen hügeligen Landschaft, die an den Allgäu erinnerte, seine Schafherde.

Das Kordel baumelte, zwangsläufig, keck direkt über die Nase von Jesus.
Dieser schien sich daran nicht zu stören, im Gegenteil, er nahm er hin und schien durchaus belustigt.
Oma zog an dem besagten Bommel. Ein lautes Klack erklang, da Deckenlicht verlosch sogleich.

Sie nahm seine Hand und sagte:

„Kumm kläinr Buu. Mer welle noch zum Himmelvaddr bääde.“

Nun ja, es sei nochmals erwähnt:
„Oma und Opa waren fleißig, lebten sparsam, tat Ihre Pflicht, und waren durchaus gottesfürchtig. Aber nicht auf diese ausgrenzende verhärtete, kalte Art und Weise wie sie im Klippdachsland zu beobachten war.“
Ihm tat das immer sehr gut. Es hat sein bisheriges Leben entscheidend geprägt.
Die Oma und auch der Opa haben immer noch ein festen Platz in seinem Herzen.“

Nachdem das Licht verloschen war, erzählte Oma wie so oft von der alten donauschwäbischen Heimat. Von Opas Stellmacher Werkstatt, von eigenen Weinberg, vom Maulbeerbaum am Strassenrand und dessen süßen, köstlichen Früchten. Von der schweren Arbeit im Felde auf einem fruchtbaren Boden. Von der Kukerutzernte (Maisernte) .
Bald wurden beide müde, ihre Augenlieder wurden immer schwerer und fielen schließlich zu.

Mitten in der Nacht erwachte er mit heftigen stechenden Schmerzen im rechten Ohr. Er erinnerte sich an einen Alptraum:

Ihm träumte, daß er mit hohem Fieber im Bett lag, schweißnass und mit heftigen Schmerzen an ganzen Körper. Er war nass geschwitzt, der Kopf glühte förmlich und hatte rasende Kopfschmerzen. Er litt grossen Durst, die Zunge klebte Ihm am Gaumen.
Wirre Gestalten gnomenhafte Gesichter legten sich auf seine Brust, das stmen wurde ihm immer schwerer.
Ein besonderes niederträchtiger Gnom mit bösem hinterhältigen grinsen stach ihm mit einer langen Strick-Nadel ins Ohr.
Dann schien alles zu verschwimmen, graue Schwärze verdunkelten seinen Blick. Er schien zu schweben.
Dann ganz plötzlich wandelte sich die Szenerie.
Er befand sich nun in einem großen langestreckten Raum. Die Wände, hellgrün gekachelt. Bei einigen Kachel schien die hellgrüne Glasur abgeplatzt zu sein.
Der Boden ebenfalls gekachelt. Kleine rechteckige Fliesen mir kleinen grauen und schwarzen Punkten. Der lange Raum war mit einem recht lauten ratterden Geräusch erfüllt. Nicht unangenehm, eher mechanisch gleichmäßig, verlässlich, fast beruhigend.
Es waren 2 altertümliche Kompressoren, die freistehend, surrend und nagelnd seit Jahrzehnten ihren treuen Dienst, Tag und Nacht jeden Tag des Jahres ohne zu murren, versahen.
Diese Kompressoren dienten zur Kühlung dieses riesigen Gefrierschrankes. Man nannte diese ganze Anlagen somit Gefrieranlage, welche einem einzigen Zweck diente, nämlich allen Bewohnern des Dorfes unabhängig von Stand und Bildung eine Gefriermöglichkeit, zu einer verschwindend geringen Miete zu gewährleisten.
Genau in der Mitte des Saales befand sich ein rechteckiger großer Quader, nämlich der besagte riesige Gefrierschrank.
Der hatte die gleiche Farbe als die Fliesen, nämlich hellgrün.
So um die 3 Meter breit und mindestens 10 Meter lang, genau in der Mitte des langestreckten Saales,
sodas sich links und rechts Gänge befanden, die bequem zu begehen waren.
Von rechts wurde der Saal lichtdurchflutet.
Dort befand sich eine lange Fensterfront, die, vor allem im Sommer viel Licht spendete.
Nun, der Quader hatte links und rechts, auf 3 Ebenen 10 kleine weiße Türchen, lustig anzuschauen und von cremeweisser Farbe.
Jedes Türchen hatte ein Schloss, in Chrom, ebenso possierlich anzuschauen.
Wie gesagt, immer noch fiebrig, krank und vollkommen verschwitzt schwebte er in diesen Saal.
Alles war vertraut.
Schon an der Eingangstüre sah er links in der obersten Reihe jenes Türchen auf dem sich ein rotes Schildchen klebte.
Darauf stand: Vorfroster.
Ein Stehleiterchen ganz in der Nähe, diente dazu die dritte Reihe der Fensterchen bequem zu erreichen. Er schob es zurecht. Laut schleifend, kratzend, als ob es sich nicht bewegen wolle. Durch die gekachelte Halle, vielfach im Geräusche gebrochen, hallend ergab die eine infernalische Kakophonie, die ihn in Mark und Bein erschütterte.
Der kleine Schlüssel baumelte vom verchromten Schloß des Türchens.
Er stieg eine Stufe empor drehte ohne Mühe am Schlüssel, zog nur wenig am Schloß und schon öffnete sich das weiße Türchen.
Ein eisig kalter Windhauch kam ihm sogleich entgegen, er fühlte sich augenblicklich erfrischt.
Das innere dieses Vorfrosters war ganz aus Buchenholzlatten gefertigt. Zwischen den Latten war immer genügend Platz gelassen worden.
Aus diesen Zwischenräumen wehte ein kontinuierlichen eiskalter Windhauch. Auch am Boden fanden sich jene Latten aus Holz.
Dort befanden sich einige wenige Flecken aus Blut, nein nicht eckelerregend, nicht abstoßend, sondern wie selbstverständlich dorthingehörend. Es war Schweineblut.
Er öffnete das Türchen noch ein Stück weiter, sodass mehr Tageslicht von Außen hineindran. Was er nun sah entzückte ihn so sehr, daß er beinahe das Gleichgewicht auf dem Leiterchen verlor.
Ganz hinten links, im hölzernen Gefrierfach, stand ein Glasflasche im Jugendstil. Unten etwas breiter, sich dann elegant verjüngend, um sich danach wieder zu verbreitern, so elegant und anziehend wirkte wie eine schöne Frau im knöchelangem Kleide dessen Faltenwurf, Figur und Taille vorteilhaft umspielte.
Die Flasche, an sich schon in ihrem jugendstilarigen Ausehen faszinierend und von einer nachgerade erotischen Anziehungskraft steigerte sein Verlangen zu trinken. Umso mehr als sie von der Kälte mit winzigen Wassertröpfchen beschlagen war, die sich ab und an zu größeren Wassertropfen vereinigten und langsam den Flaschenhals hinunterrannen. Mit unwiderstehlichem Durst, die Zunge am Gaumen klebend, stieg er nun vollends in das kühle Fach und sah, das jene Flasche bereits geöffnet war. Ihr runder Kronkorken lag, gleich neben ihr. Die zwei Ränder ihrer runden Gestalt waren ein wenig nach oben gebogen. Er hob die Flasche an. Wie kühl sie sich anfühlte. Er betrachtete sie nochmals und trank, gierig und voller Wonne, von dem köstlichen dunkelbraunen Naß……… .

Dann erwachte er, fühlte sogleich diesen stechenden bohrenden Schmerz im rechten Ohr, als ob ihm jemand mit einer glühenden Stricknadel in den Gehörgang stach. Vor Schmerz begann er leise zu weinen. Oma erwachte, tastete nach ihm, fand im Finstern seinen glühenden Kopf.

„Mei Buu, warum duuscht dann greine uffd Nacht?
(Mein kleiner Bub, warum weinst du denn mitten in der Nacht?)
„Ganz schlimme Ohrenschmerzen“ tat er mit weinerlicher Stimme kund.
„Duu nedd greine mei Buu, ich weck drr Oba, däär werd drr helfe kenne,“ flüsterte sie und streckte Ihren Arm zu Opa aus.

Er aber war schon wach geworden und sagte leise: „Was iss dann Christschinn? (Christine?)“ „Drr Buu hodd Ohreschmerze, kannscht helfe?“
Opa fasste Ihn bei der Hand, zog am Schlafzimmerleuchtenbommel.

Das Deckenlicht leutete auf.
Er kniff die Augen zusammen.
„Kumm mit Buulä. I will drr helfe.“
Opa zog seine Hauschuhe mir dem rechten Fuss unter dem Bettgestell hervor und schlüpfte hinein.

Er fasste ihn bei der rechten Hand, öffnete die Schlafzimmertüre. Sie schlurften durch den dunklen kalten Flur, dann gleich links durch die Türe in die Küche.

Opa schaltete auch hier das Licht an. Hell und ohne Erbarmen durchflutete es die Küche.
„Setz di mei Gulbass.“(liebevolle Umschreibung für einen schalkhaften kleinen Buben)
„I kann dr helfe.“

Opa schlurfte ins gegenüberliegende Wohnzimmer und öffnete die linke Schranktüre. Er kam wieder zurück und hatte ein kleines Schnapsglas in der Hand welches er bedächtig auf den Küchentisch stellte.

„Woort noch e bische. I geh gschwind in die Speis (Speisekammer) und hol was. Des helft mei Buuleh.“ (ebenfalls eine liebevolle Umschreibung für einen kleinen Buben) Opa verlies die Küche gleich links in Richtung Schlafzimmer, dann wieder links in die Speisekammer.
Er hörte ein zurechtrückendes leises Gläserklingen.

Als Grossvater zurückkam hatte er eine Ölflasche in der Hand, die er ebenso bedächtig auf den Küchentisch neben des Schnapsglässchen stellte.
Dann öffnete er die Ölflasche ing goss einen winzigen Schluck Öl in des bereitstehende Gläschen. Er so auf dem Küchenstuhl, am Tisch, gleich unter der Küchenleuchte, nur bekleidet mit seinem Schlafanzug. Er begann zu frösteln, ja sich ein wenig zu fürchten. Was mochte nun mit Ihm geschehen?

Grossvater trat zu Ihm hin, strich Ihm über den Kopf, beugte selbigen ein wenig auf die linke Körperseite des Knaben.

Er nahm das Schnapsglässchen und goss einen kleinen Tropfen des Öles in sein rechtes schmerzendes Ohr und sagte:

„Buulä des wärd helfe, kannschsts gloowe.“ ….. .

Der Schwur von Buchenwald

Kameraden!

Wir Buchenwalder Antifaschisten sind heute angetreten zu Ehren der in Buchenwald und seinen Außenkommandos von der Nazi-Bestie und ihren Helfershelfern ermordeten 51 000 Gefangenen!

51 000 erschossen, gehenkt, zertrampelt, erschlagen, erstickt, ersäuft, verhungert, vergiftet, abgespritzt.
51 000 Väter-Brüder-Söhne starben einen qualvollen Tod, weil sie Kämpfer gegen das faschistische Mordregime waren.
51 000 Mütter und Frauen und Hunderttausende Kinder klagen an!
Wir lebend Gebliebenen, wir Zeugen der nazistischen Bestialität, sahen in ohnmächtiger Wut unsere Kameraden fallen.
Wenn uns eins am Leben hielt, dann war es der Gedanke: Es kommt der Tag der Rache!

Heute sind wir frei!
Wir danken den verbündeten Armeen der Amerikaner, Engländer, Sowjets und allen Freiheitsarmeen, die uns und der gesamten Welt den Frieden und das Leben erkämpfen.
Wir gedenken an dieser Stelle des großen Freundes der Antifaschisten aller Länder, eines Organisatoren und Initiatoren des Kampfes um eine neue, demokratische, friedliche Welt, F. D. Roosevelt. Ehre seinem Andenken!
Wir Buchenwalder, Russen, Franzosen, Polen, Tschechen, Slowaken und Deutsche, Spanier, Italiener und Österreicher, Belgier und Holländer, Engländer, Luxemburger, Rumänen, Jugoslawen und Ungarn, kämpften gemeinsam gegen die SS, gegen die nazistischen Verbrecher, für unsere eigene Befreiung.
Uns beseelte eine Idee: Unsere Sache ist gerecht – Der Sieg muß unser sein!
Wir führten in vielen Sprachen den gleichen harten, erbarmungslosen, opferreichen Kampf, und dieser Kampf ist noch nicht zu Ende. Noch wehen Hitlerfahnen! Noch leben die Mörder unserer Kameraden! Noch laufen unsere sadistischen Peiniger frei herum!
Wir schwören deshalb vor aller Welt auf diesem Appellplatz, an dieser Stätte des faschistischen Grauens:
Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht!
Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.

Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig. Zum Zeichen Eurer Bereitschaft für diesen Kampf erhebt die Hand zum Schwur und sprecht mir nach:
,WIR SCHWÖREN! ,

Buchenwald/Weimar 19.April 1945

Wieviel wiegt ein Kilo Schnee?

Er war steht’s in tadelloser gekleidet.
Schlank, recht groß von Statur, graues Haupthaar, markantes Gesicht, betonte Kinnpartie. R.i.P
Eine attraktiver Mann im besten Alter.
Steht’s moderne Krawatte, weißes Hemd sehr gut sitzendes Jackett meistens in hellen Grautönen, Die Hose dazu passend, elegant eng geschnitten in der Regel ein wenig heller als das Jackett. Der Gürtel zur Hose immer elegant, echtes Leder niemals auffällig.
In seiner ganzen Erscheinung elegant, seriös aber nie konservativ.
Alles in allem eine sympathische Erscheinung.


Vor allem die Frauen konnte er bezaubern.
Es wurde berichtet, das weibliche Mitarbeiterinnen, verließen Sie besprechungshalben sein Büro immer ganz glücklich und leuchtenden Augen die Stufen herunterschwebten. Dies soll keinesfalls despektierlich gemeint sein.
Er wirkte auf seine Weise, nun man kann sagen in einem gewissen Sinne charismatisch.


Ein Machtmensch, nein das war er nicht. Vielmehr liebte er die öffentlichen Auftritte um zu gefallen, um sein Ego zu streicheln.
Dann glänzte er, redete verständlich benutzte keine Fremdwörter, steht’s souverän und elegant im Auftreten.
Er liebte es die Zustimmung zu fühlen, steigerte seine Freundlichkeit noch und kam um so besser an. Er umgarnte seine Zuhörerschaft die Ihn dafür bewunderten.
Seine innere Anspannung verbarg er. Nur gelegentlich auftretende Schweißflecken unter den Achseln zeugten davon. Aus diesem Grunde vermied er steht’s sich bei solche Auftritten seines Jacketts zu entledigen.


Auf Kritik hingegen reagierte er äußerst dünnhäutig. Er verlor sehr schnell seine Kontenence, es bröckelte merklich, von smartem souveränem Auftreten blieb nichts.
Er wurde laut, verletzend, persönlich, drohte.


Wagt man, nach Fritz Riemann eine Einordnung seiner Persönlichkeit wäre folgendes zu konstatieren:


Hysterische Persönlichkeiten
 Sie erfreuen sich, wie Riemann es nannte, an dem „Zauber des Neuen“, suchen das Risiko, streben nach Freiheit und Veränderung und haben besondere Freude daran, Unbekanntes zu entdecken. Wird dieses Streben überwertig, stellen sich Angst vor Endgültigkeit und Unausweichlichkeit, vor Notwendigkeiten und Begrenztheit ein. Charakteristisch für diese Persönlichkeiten ist ein „kurzer Spannungsbogen“.Jeder Impuls, jeder Wunsch muss möglichst sofort befriedigt werden, weil Warten unerträglich ist. Darin liegt ihre große Verführbarkeit – sie können Versuchungen schwer widerstehen.
Mit einer „erstaunliche[n] Naivität“ würden diese Menschen an Patentlösungen und gern auch Wunder glauben, weil sie helfen, einer Wirklichkeit zu entkommen, die Grenzen setzt und die Freiheit einschränken kann. Über die Konsequenzen eigenen Tuns mögen sie sich keine Klarheit verschaffen und neigen dazu, sich ihnen ideenreich zu entziehen. Pünktlichkeit und planvolles Handeln halten sie für kleinlich, Verantwortungsübernahme für verzichtbar und den unverkennbar die eigene Endlichkeit anzeigenden Alterungsprozess versuchen sie durch jugendtümliches Verhalten und entsprechende Kleidung zu verleugnen. In ihrer Angst versuchen diese Menschen möglichst alles in der Schwebe zu halten und für relativ zu erklären. Und weil sie dem Augenblick den Vorzug vor Kontinuität geben, spielen sie Rollen und laufen Gefahr, eines Tages nicht mehr zu wissen, „wer sie selbst sind“.

In der Liebe seien hysterische Persönlichkeiten nach Riemann leidenschaftlich und fordernd, stets auf grenzüberschreitende Erfahrungen bedacht, aber wenn sie allein sind, langweilen sie sich schnell. Als Partner sind sie phantasievoll und verspielt, doch selten treu. In ihren Beziehungen könne der hysterische Mensch sein Gegenüber nicht als eigenständig anerkennen, sondern versteht ihn als „Spiegel, in dem er sich als liebenswert gespiegelt sehen will“. Es finde sich eine Neigung zur narzißtischen Partnerwahl, weil im Partner gesucht wird, was im Selbst nach Bestätigung verlangt.

Aggression stehe bei hysterischen Persönlichkeiten im „Dienst des Geltungsstrebens“. Diese Menschen rivalisieren und konkurrieren gern. Sie wollen andere Menschen beeindrucken und übertreiben dabei nicht selten. Weil Selbstkritik und Selbstkontrolle nicht zu ihren Stärken gehören, sind sie auch in ihrem aggressiven Verhalten recht impulsiv und ungesteuert. In Auseinandersetzungen überrumpeln sie gern und würden, so Riemann, nach dem Motto Angriff ist die beste Verteidigung handeln. Wegen ihres leicht störbaren Selbstwertgefühls sind sie schnell kränkbar und reagieren auf subjektiv erlebte Kränkungen recht heftig, auch mit Vorwürfen, die mit der Sache nichts zu tun haben.“ Quelle: Fritz Riemann Grundformen der Angst 1974

An einem kalten Novembernachmittag. Es ist zugig und nasskalt in den Straßen der Stadt. Ein kalter Wind weht von Nordost die städtische Durchgangsstraße entlang. Er treibt nasse Schneeflocken vor sich her. Der vor Tagen schon gefallene Schnee liegt schwer und schmutzig zusammengeschoben am Strassenrand und auf den Gehsteigen.
Eine Autoschlange bewegt sich träge die Strasse entlang. Ein Lindwurm bunt in allen Farben zwischen gelb und rot flackernd.
Im festen Rythmus stoppt er zuweilen an Ampelanlagen um sich dann wieder ebenso träge in Bewegung zu setzen.
Abgasschwaden wabern aus den Auspuffanlagen von Autos und Bussen. Es riecht nach unverbranntem Diesel, Teer, und zuweilen wiederlich nach Ammoniak der den Kanaldeckeln entsteigt. Es ist dieser typische Stadtgeruch der in den Wintermonaten vielen Innenstädten eigen ist.


Nun, dunkles Sakko, hellere Beinkleider, weißes Hemd, Krawatte passend, ein hellbrauner dezent gemusterter Schal, modisch drapiert um den Hals.
Wie immer perfekt gekleidet, erscheint er.
Er hatte das gegenüber liegende Parkhaus benutzt um seinen Dienstwagen zu parken. Links bei Ihm eingehängt, eine junge Frau sehr attraktiv, brünett mit einem modischen Mäntelchen gekleidet, ein dezenter Pelzbesatz umrahmten die Kapuze, die Sie keck zur Hälfte über Ihren hübschen Kopf gezogen hatte.
Das Pärchen unterhielt sich angeregt, zuweilen blickten Sie sich an und lächelten.


Über die Brücke hinweg, links ein Kinogebäude, ganz in Glas, in postmoderner Grossstadt Architektur gestaltet.
Es war diese Form der Architektur, die sich immer mehr breitmachte um auch in der Provinz einen großstädtischen Flair zu suggerieren.
Ein Architektur bei der die Wirkung auf den Hinschauenden im Vordergrund stehen soll.
Also nicht:
Form follows function, sondern im Gegenteil, Function follows Form.
Eine Architektur die auf Wirkung auf den Menschen ausgelegt ist. Ob sich Menschen in so einem Gebäude wohlfühlen ist zweitrangig.


Rechts gleich daneben ein Dönerladen der eher gehobenen Klasse.
Nun nur noch behende über die vielbefahrene Durchgangsstraße.


„Hallo Wilfried, das ist also unser neues „Frontoffice“. Passt wunderbar. Schön groß. Ebenerdig viel Laufkundschaft. Muss innen noch was umgebaut werden, mach am Sonntag Mal einen Plan.“


Grundsätzlich pflegte er Mitarbeiter mit dem Vornamen anzureden. Namensverwechslungen kamen dann häufig vor, so auch in diesem Falle.
Sein Blick dabei ununterbrochen auf das ebenerdige großzügige Ladenlokal.


„Was ist denn mit dem „Backoffice“? Backoffice ist wichtig sehr wichtig. Verwaltung und Kunden müssen getrennt sein, immer. Und hier:“ Er wieß dabei auf die Ladenfront.

„Koperateidenidie“ noch wichtiger. Wo wir drauf sind, da müssen wir auch drin sein.

Ganz wichtig, ist früher immer vernachlässigt worden, ich hab da schon was, vorigen Sonntag ausgedacht, ist schon beim Grafiker, der muss nicht mehr viel dran machen.“
Wilfried nickte, seine charmante Assistentin lächelte.


„Los geht’s, wo ist das Backoffice und der Ladenbesitzer wo ist er? Der Herr D. Ist im dritten Stock, er wartet dort auf uns.
„Also auf geht’s!“


Wilfried öffnete gleich links neben der Ladenfront eine Glastür. Bitteschön“
Sie betraten ein geräumiges Treppenhaus, erbaut im Stil der 70er Jahre, mit den unvermeidlichen Treppenstufen aus geschliffenem Terazzostein.
Die Atmosphäre dort wirkte muffig, spießig, gewöhnlich, was auch  mit die Glasbausteinen zu tun hatte, die ebenfalls verbaut waren und nur ein diffuses, dämmriges Licht hineinließen.
Wieder rechts zum Aufzug.
Die Türe öffnete und schloss sich mit jenem üblichen schleifenden Geräusch.
Alle hinein, es wurde eng.
Sofort breitete sich der Duft seines teuren Rasiewassers aus, unterlegt mit dem Parfüm seiner Assistentin, das eher grasig mit einem Hauch von Moschus angenehm wahrgenommen werden könnte Beide Düfte zusammen ergaben jedoch irgendwie eine Mischung von Geruch erzeugte der irgendwie halbseiden daherkam. Sowas von, mehr scheinen als sein. Wilfried blickte zu Boden, seine Assistentin lächelte.

Lassen wir Fritz Riemann nocheinmal zu Worte kommen:

Für die Entstehungsgeschichte hysterischer Persönlichkeitsmerkmale warf Riemann, wie auch für die anderen Persönlichkeitsstrukturen zunächst einen Blick auf Faktoren, die als anlagebedingt angenommen werden können. Er ging davon aus, eine verstärkte emotionale Ansprechbarkeit und ein erhöhtes Geltungsbedürfnis könnten ebenso angeboren sein wie ein besonders ausgeprägter Wunsch, sich mitzuteilen. Auch könnten Eigenschaften beteiligt sein, die in der Regel auf Sympathie stoßen. Ansonsten wird auf Erkenntnisse der Psychoanalyse verwiesen, nach denen insbesondere die Zeit zwischen etwa dem vierten und sechsten Lebensjahr und die währenddessen gesammelten Erfahrungen Einfluss auf den Umfang hysterischer Strukturelemente in der Persönlichkeit nehmen. Mehr als in den davor liegenden Zeiten der Entwicklung spielen hier Vorbilder aus der Welt der Erwachsenen eine zentrale Rolle. Die Frage, wie sie mit den Eigenarten des Kindes und seinem Stolz, aber auch der inzwischen gereiften kindlichen Kritik umgehen, beeinflusst die Möglichkeiten des Kindes, sie als Vorbilder anzunehmen und von ihnen zu lernen, oder sie zurückzuweisen. In dem Maß, in dem das Kind in dieser Zeit, in der „das Bedürfnis nach Führung und Vorbildern am stärksten ist“, mit diesen Wünschen im Stich gelassen wird, entwickelt sich eine mehr oder minder stark ausgeprägte hysterische Persönlichkeitsstruktur oder es wird gar die Grundlage für eine spätere hysterische Erkrankung geschaffen. Eines der Risiken dieser Menschen besteht darin, sich einerseits aus der Identifikation mit ihren Vorbildern oder andererseits aus der Rebellion gegen sie nicht lösen zu können und darin gleichsam stecken zu bleiben. Das hindert sie an der Entwicklung einer eigenständigen, unabhängigen Identität, ggf. auch ihrer Geschlechtsrolle.
Quelle: Fritz Riemann Grundformen der Angst 1975 – Wikipedia

Die Aufzugtüre öffnete sich. Im Treppenhaus, wartete bereits der Eigentümer.
„Darf ich vorstellen, das ist………. .“ bemerkte Willfried sehr verhalten, kam damit aber nicht weiter.


„Da ist ja der Chef, hab’s mir schon gedacht. Gestatten Waghals mein Name. Hans Adolf Waghals, der Hauptgeschäftsführer von dem Ganzen hier.“


„Herzliche Willkommen Herr Waghals…… . Ich bin der Eigentümer dieser Immobilie hier…… .


„O danke. Hab ich gleich gesehen, daß Sie der Chef sind.
Die Immobilie passt genau zu uns.
Muss noch einiges geändert werden. Kein Problem für uns. Telefoniere gleich mit unserem Fäksiliti Manager. Der hat seine Leute für sowas.
Ach ja die Miete. Darüber müssen wir noch verhandeln.“


Ein Stück vom Aufzug noch bis zu einer verschlossenen Türen.
„Ach hier die Türe, breit genug. Passt ein Rollstuhl durch. Barrierefrei. Das ist wichtig. Herr Schnäpflein (diesmal den Nachnamen verdreht) gleich aufschreiben.“


Unter der zuvor verschlossenen Türen erstreckte sich ein großer Raum, annähernd 100 Quadratmeter groß.
„Oh super genau die richtige Größe für uns Backoffice. Ich sage Ihnen: Wer heute nicht expandiert hat schon verloren.“
Dabei blickte er aus dem großen Fenster auf ein vorgelagertes Flachdach. Es war mit reichlich nassem Schnee bedeckt.
Der Vermieter, froh auch etwas beitragen zu können, verwies auf die gestiegene Dachlast bei solchen winterlichen Witterungsverhältnissen.
Ah ja das kenne ich. Wir haben NRW weit viele Häuser, auch solche mit Flachdach. Da muss man handeln. Nasser Schnee ist schwer.
Herr Schnäpflein schauen Sie gleich mal auf dem Computer nach. Bei Google oder so:
WIEVIEL WIEGT EIN KILO SCHNEE…….. ?“

Wieviel wiegt ein Kilo Schnee

Anmerkungen zum Text:

Es handelt sich hierbei um eine metaphorische Erzählung. Das Adjektiv metaphorisch bedeutet, dass eine Formulierung in übertragener Bedeutung und somit bildlich verwendet wird und dass etwas Metaphern gebraucht, wie etwa ein Text oder eine Rede und demnach vom Einsatz der Stilfigur geprägt ist. Dies kann als metaphorischer Stil bezeichnet werden.

Die beschriebenen Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Personen wären rein zufällig.

Elferraus und Apfelstrudel

In Memoriam

Meiner lieben Tante Ernestine die nun leider von uns gegangen ist

Oma Christine war eine besondere Frau. Steht’s gütig und darauf bedacht alle Mitglieder ihrer Familie zu achten, vor allem die Kinder.
Eine Köchin, die aus den einfachsten Zutaten köstliche Gerichte zaubern konnte.
Ihr reichten Mehl, Wasser, ein bisschen Hefe, Zucker, Zimt, ein paar Äpfel oder Quark, um einen köstlichen Strudel zu bereiten, der seinesgleichen suchte.

Und, sie liebte Kinder. Lies dann alle Hausarbeit liegen wenn Enkelkinder, Neffen, Nichten zu Besuch waren:
Nachmittags so gegen drei. Seine Schwester und er machten sich auf den Weg. War ja nicht weit. Eine Straße bergab. Das schwarze Kirchengebäude ragte auf der gegenüberliegenden Seite massig empor, der Kirchturm schwang sich empor. Oben in der Mitte des Turms befand sich ein kleines Fenster aus dem ein schwacher Lichtschein zu sehen war. Ein Geräusch war zu hören. Metallisches es Klacken: Klack klack, klack, klack. Der Kirchendiener versah auch an diesem diesigen Novembertag seinen täglichen Dienst. Die Turmuhr musste täglich aufgezogen werden.

Ein schmaler Mann, ein wenig gebeugt schon überquerte dann die Straße, den Schlüssel der Kirchentür schon in der Hand. Ein braver Mann unscheinbar zurückhaltend. Er nuschelte vernehmlich beim sprechen. So als ob er das wüsste, sprach er Recht wenig.

Der Wetterhahn auf seiner Spitze war kaum noch zu sehen. Dann weiter gleich links bis zur zur Dorfkneipe. Wieder links und dann steil bergan. Es nieselte, Kuhfladen bildeten eine schmierige dunkelbraune Masse. Man musste aufpassen darauf nicht auszugleiten. Mitte November, es war den ganzen Tag nicht richtig hell geworden. Trübe, die Wolken schwarzgrau, neblig und dunstig.

Blickte man hangaufwärts nach rechts war da ein Bauernhaus in exponierter Lage. Gleich daneben ein riesiger Ahornbaum mit weit ausladendem Geäst. Früher, im 19. Jahrhundert, hatte dort eine kleine Fachwerkkirche gestanden. Davon ist nichts mehr vorhanden. Nur mündliche Überlieferungen erzählen davon.
Heute wohnte in dem besagten kleinen Bauernhaus ein Wagener, ein Stellmacher mit seiner Frau.
Seinen Beruf übte er schon lange nicht mehr aus. Aber, seine kleine Werkstatt, die Wagenerkammer, die existierte noch.
Er, schon lange in Rente war überdies über den Sommer der Dreschmaschinenführer.
Ein wichtiges und verantwortliches Amt, welchem er sorgfältig, stolz und mit Würde nachkam.
Dazu aber mehr an anderer Stelle.

Weiter bergan. Gleich links dann erneut ein kleines Bauernhäuschen.
Hier wohnte der Hausschlachter, der gleichzeitig auch bei Rückenproblemen und Knochenbrüchen konsultiert wurde.
Ebenso bei einfachen tierärztlichen Behandlungen, die sich vor allem auf das Kastrieren von Katzen und Ferkeln erstreckte, schritt er helfend zur Tat.
Auch dazu mehr an anderer Stelle.
Nach einer kleinen Weile dann war die Steigung überwunden und es ging bergab.

Einige wenige Meter noch. Das Haus der Grosseltern. Erbaut in Stile der 50er Jahre. Steiles Dach mit kleiner Dachgaube.
Das Parterre, als Kellergeschoss genutzt eine massive Bruchsteinmauer in Diabaststein.
Auf das sorgfältigste vermauert, die Mauerecken zusätzlich mit Hammer und Meisel in die Senkrechte gebracht.
Ebenerdig links ein kleiner Hof, gepflastert.
Die Pflastersteine aus Beton gegossen, selbstredend von Hand gegossen und verlegt.
Gleich dahinter rechtwinklig zu Haus der Schweinestall.

Gleich obenauf im ersten Stock mit einem Fenster zum Hof Opas Schreinerwerkstatt, besser Werkstatt für alles was gebaut, instandgesetzt, und aufgefrischt werden musste.

Vor dem Hause, ein kleines Gärtchen mit einer Rosenblumen Rabatte. Und der Mitte ein Bank, grün gestrichen und selbstverständlich von Grossvaters Händen hergestellt.

Zurück zum Hauseingang. Eine steile Treppe führte zur Haustüre.
Eine Türklingel war nicht erforderlich.
Oma war eigentlich immer, wenn Sie zuhause war in ihrer Küche und werkelte dort.
Sie brauchte dann lediglich aus dem Fenster zum Hof hin zu schauen und hatte damit die Haustüre fest im Blick.
So war es auch diesmal.

„Kummt rinn. S gebt Strudel.“ sagte sie im unverwechselbaren Dialekt der Donauschwaben und strahlte uns einladend an.
Kaum in der Küche, die Anoraks vorher an der Garderobe abgelegt.
„Wollt ihr Kaba?“
„Au ja gerne“
Oma Griff zu einem himmelblauen kleinen Kochtopf der auf dem Ölherd stand.
Die Milch war warm. Schnell drei Teelöffel „Kaba“ in beiden großen Tassen. Die Wärme Milch dazu umrühren und fertig.
„Schmeckt ja so gut“ sagte seine Schwester.
Sahnig, milchig, nach Schokolade und nach Vanille schmeckend, herrliche duftend.

Der Geschmack und Geruch der Kindheit, den man nie vergisst.
Überhaupt ein harmonisches Konzert von Düften erfüllte Omas kleine Küche.
Da war der Hefeteig der sich bereits gährend in einer Steingutschüssel blähte.
Süsssauer der Duft der bereits geraffelten Backäpfel, aus dem eigenen Garten, bereits ein wenig goldbraun angelaufen. Vanillezuckerduft.

Und kaum riechbar der Geruch des brennenden Ölherds, eine hauchfeine Petrolnote, die nicht störte, sondern das olfaktorische Erlebnis komplettierte, eben der Grosseltern Hausgeruch, so wie damals jedes Haus seinen typischen unverwechselbaren Geruch hatte.

„Wo ist eigentlich der Opa?“ fragte eine Schwester, die noch ein kleines Kakaobärtchen an der Oberlippe hatte.

„Där iss beim Balzer (Balthasar). Duut Ihm helfe.“ antwortete Oma.
Balthasar war der Gatte von Ernestine, die Tochter von Oma.

Balthasar war ein kluger steht’s verschmitzt lächelnder Mann. Immer zu Scherzen aufgelegt. Ein lieber Gatte und vorbildlicher Schwiegersohn.

Genau so seine Ernestine die nun leider von uns gegangen ist. Sehr kinderlieb, herzlich, gemütvoll, so wie bei der ganzen Familie zu beobachten.

Alle zusammen Donauschwaben, seit Jahrhunderten aus Not und Verfolgung flüchtend im Balkan eine neue Heimat.

Da war wohl eine glutvolle emotional offene slawische Seelenverwandtschaft entstanden, der die Familienbande überalles ging und Kinder immer die wichtigste Rolle einnahmen.

Und fleißig waren sie, sehr fleißig, aber auch immer bereit zu feiern, gut zu essen und zu trinken.

Die Küche der Donauschwaben, war stark beeinflusst von der K.u.k-Monarchie des 19. Jahrhunderts und deren Multikulturalismus. Sie brachte eine völlig neue Küche ins Klippdachsland. Zutaten wie Knoblauch, Gemüse wie Tomaten, Paprika waren dort bis dahin unbekannt.

Hasan, ein Albaner aus dem Kosovo arbeitete auf dem Sägewerk, gleich am anderen Ende des Dorfes.
Er, schon in den 60er Jahren als „Gastarbeiter“ nach Deutschland gekommen, wohnte inmitten des Dorfes gleich beim Raiffeisen Lager.
Dort wurden vor allem Futtermittel verkauft.
Die kleine Lagerhalle hatte vor Kopfe einen noch kleineren Anbau der als Kasse, als Bank diente.
Dort arbeitete der Buchhalter des Raiffeisen Vereins. Ein gestrenger älterer Herr, stehts mit verdrieslicher Miene. Er gehörte der ansässigen Darbistengemeinde an, von der an anderer Stelle zu berichten ist.
Nun, die Bankfiliale war seit kurzem geschlossen worden und der ältere Herr der „Raiffeisen Pädder“ genannt wurde erhielt seine Rente.
Hasan nahm die Gelegenheit beim Schopfe, bewarb sich als Mieter mit dem Versprechen alle notwendigen Renovierungsarbeiten selbst zu tätigen und war von nun an der neue Mieter.
Hasan besuchte Woche für Woche den Opa.

Immer Samstag Nachmittag. Der guten Tradition folgend zog er an der Haustüre steht’s die Schuhe aus, ein Brauch der auch bei Opa und Oma üblich war.
Man begrüßte sich schon an der Haustüre herzlich und Opa geleitete den Gast durch die Küche hinein in angrenzende Wohnzimmer.
Von nun an sprach man ausschließlich serbisch, die Muttersprache von Hasan. Opa bot Ihm steht’s zur Begrüßung einen Racki an. „Wilscht n Rackel Hasan?“ Hasan nahm dankend an. Man unterhielt sich man sprach über Alles. Über die Arbeit, über die alte Heimat, über Politik….. . Und natürlich über Fussball, schließlich begann pünktlich um 17:30 die Sportschau auf dem Ersten. Oma kochte Kaffee und kredenzte einen köstlichen, am vormittag gebackenen Mohnstrudel, ein Hefegebäck, als Zopf geflochten, der so unvergleichlich leicht und locker gebacken war und köstlich zu Bohnenkaffee mundete.
Pünktlich dann gegen 18:30 verabschiedete sich Hasan dann. Man gab sich die Hand, oder klopfte sich freundschaftlich auf die Schulter. Opa begleitete Hasan zur Haustüre. Der zog seine Schuhe wieder an und trat nochmals grüßend den Nachhauseweg an.

Oma hatte inzwischen Küchenfenster und Wohnzimmerfenster geöffnet.
Dabei sagte Sie steht’s:
„Huii drr Hasan däär hott Stinkfiess“

Dies nur als ein Beispiel für die folgende Aussage:

Eine Verhärtung und Engführung in Fragen der Lebensführung, der Politik und der Religion war bei Oma, war in dieser ganzen Donauschwäbischen Familie nicht zu finden.

Man war fleißig, lebte sparsam, tat seine Pflicht, war durchaus gottesfürchtig. Aber nicht auf diese ausgrenzende verhärtete, kalte Art und Weise wie sie im Klippdachsland zu beobachten war.

Ihm tat das immer sehr gut. Es hat sein bisheriges Leben entscheidend geprägt.
Die Oma und auch der Opa haben immer noch ein festen Platz in seinem Herzen.

Elferraus und Apfelstrudel

„Wollen wir Mal Elfer-Raus spielen fragte seine Schwester.“
„Iss gut, mach ich gern mit eich“ sprach Oma, was nicht anders zu erwarten war.
Oma hatte bereits, auf der einen Hälfte des Tisches, den warmes Gefährten elastischen, herrlich duftenden aus der Steingutschüssel herausgenommen und ihn nach allen Regeln der Kunst gewalkt und zu einer Teigkugel geformt.
Das Mehl auf dem Küchentisch verstreut tat sein übriges damit das Werk gelang und der Teig nicht haften blieb.
Feine Staubwölkchen stoben auf und legten sich sachte auf Omas Arme, auf die Brille, ein wenig auch auf ihr silbernes Haupthaar.
Nun legte Sie ein weißes Tuch aus Leinen auf die eine Hälfte des ausgezogenen Küchentisches.
Der Teiballen darauf und kunstvoll im Viereck langsam, behutsam in die Länge gezogen.

Oma wischte die eine Hälfte des Küchtisches blank.
Die Geschwister hatten dort schon auf den Küchstühlen platzgenommen.
Oma öffente die linke Tür des Küchenschranks.
Eine vom vielen benutzen schon angegriffene grüne durchsichtige Plastikschachtel wurde von Ihr herausgenommen.
Elfer-Raus stand in erhabener Schrift darauf.
Die Schachtel barg die Elfer-Raus Karten. Auch schon recht abgegriffen, ein wenig speckig, von vielen spielen ein wenig fleckig.
Die Elferkarten herausortiert in auf dem Küchentisch zu einer senkrechten Reihe sortiert.
Inzwischen hatte Sie den fertig zusammengerollten Apfelstrudel auf ein Backblech geschoben und in den Backofen verbracht.

„Nu geht’s los.“
Das Spiel begann.
Jeder erhält 11 Karten auf die „Hand“
Bei jeden Spieler ordentlich gefächert, nach Zahlen und „Farben“ sortiert.
Der Rest kommt in den „Stock“.
Nun beginnt man passend an die Elfen, die nach Farben zu sortieren sind abzulegen.
Ist keine passende Zahl in der passenden Farbe auf der Hand muss man eine aus dem „Stock“ ziehen.
Ein schönes Kartenspiel, was den Spielern Zeit lässt sich nebenbei zu unterhalten, auch kurze Unterbrechungungen Schäden nicht.

So auch Oma, immerwieder aber ohne Eile nach dem Apfelstrudel zu schauen, der sich nun ganz sachte im Ofenrohr bräunte.
Karamelige Düfte erfüllten Zug um Zug die Küche, vor allem dann wenn Sie die Backofentüre vorsichtig öffnete um Ihr Werk zu betrachten.

Das Kartenspiel nahm seinen Lauf, immerwieder unterbrochen, weil Oma den Backofen öffnete und wieder schloss, fertig gebackenen köstlichen Strudel herausnahm und mit weiteren Strudeln, die noch zu backen waren, hineinschob.
Der Strudel köstlich. Elfer-Raus mit Oma spielen, dabei Strudel essen. Ganz zwanglos, ohne Anstandsregeln und Ermahnungen.

Manchmal wenn er alleine bei Oma war legte er sich auf das alte Chaiselongue gleich rechts unter dem Fenster zum Hof. Sein Kopf auf ein Sofakissen gebettet lauschte er den Freddi, wie Oma immer sagte Freddy Quinn… „Junge komm bald wieder……. .
Jenes Sehnsuchtslied der vielen Geflüchteten in den Nachkriegsjahren, daß die Sehnsucht, das Heimweh nach der alten Heimat besang.

Er hörte dann, ganz still und andächtig zu. Vor seinem geistigen Auge sah er dann die Bilder aus der alten Heimat von Oma, die Sehnsucht danach, den Schmerz und die Verzweiflung derer die vor Krieg und Not geflohen waren.
Das Radio, ein großes Röhrengerät, vorne mit Stoff bespannt, weiter unten die Skala mit den Namen der Städte von denen aus die Sender ihre Radiowellen in den Äther strahlten.

Noch weiter unten große elfenbeinfarbige Druckknöpfe.
Einer jener Knöpfe war im Laufe der Zeit zerbrochen. Der Opa handwerklich und auch kunsthandwerkliche sehr begabt und erfahren hatte jenen Knopf aus Holz nachgebildet, „gschnitzt“ sagte er. Er passte perfekt und ersetzte den entstandenen Schaden.

Links und rechts der Skala zwei große schwarze Drehknöpfe. Der linke für die Lautstärke, der rechte für die Senderwahl.
Drehte man diesen, bewegte sich ein senkrechtes weisses Stäbchen hinter der durchsichtigen Skala in der waagrechten hin und her.
Die Skala war von hinter mit 2 Glühlämpchen beleuchtet, so war alles gut zu sehen.
Er konnte dann auch der Knopf für die Kurzwelle drücken.
Bewegte er nun den rechten Knopf eröffnete sich Ihm die ganze Welt. Auf der Skala die Funk und Radiostationen einer ganzen Welt: Rom, Paris, London, Berlin, Hamburg, Moskau, Reikjawik…. .
Morsezeichen von fernen Schiffen.
Funkten sie etwa den Notruf dididi dadada dididi: Save ouer souls?

Plötzlich eine laute Männerstimme die in tempramentvollen Timbre italienisch sprach, gefolgt von lauter Schlagermusik.

Und dann: Eine sonore sehr bestimmte Frauenstimme:
zwo,neun, sieben, null, zwo, zwo….
Stundenlang hörte er zu.
Das waren die Gemeinagenten aus der Ostzone. So sendeten sie Ihre geheimen Botschaften von West nach Ost, bekamen neue Befehle.
Wie spannend wie abenteuerlich.

Dazu dann das magische Auge des Radiogeräts links oben auf der stoffbezogenen Lautsprecherblende. Hübsch eingerahmt in einem goldenen Rahmen die in der Mitte waagrechte kleine Blitze aufwies.
Dort glühte es geheimnisvoll in einem grünlichen Türkis.
Wählte man einen anderen Sender, breitete sich das Türkis aus, wurde intensiver und zog eine fächerförmige Bahn bis sich die beiden Fächer in der waagrechten zusammenschlossen. …
Wird fortgesetzt……..

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