Ordination von Robin Jonas am 20. Juni 2026

Ein Gedanke zu 1. Korinther 13
„In Korinth kamen Reiche und Arme zusammen. Oberschicht und Hafenarbeiter, Sklaven und Stadtkämmerer unter einem Dach. Eine schöne Geschichte. Aber die Häuser gehörten den Reichen. Das Eigentum blieb unangetastet. Die Machtverhältnisse auch. Man betete gemeinsam — und danach ging jeder wieder dorthin, woher er kam.
Paulus sagt: Die Liebe sucht nicht das Ihre. Sie freut sich nicht an der Ungerechtigkeit. Sie schaut nicht weg. Das sind keine frommen Ratschläge. Das ist eine politische Aussage... .“

Andacht: Du sollst keine anderen Götter haben
Claudius Herz
Bibeltext: Exodus 20,3
Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.
Mehr als 20 Prozent der Christen der evangelischen Kirchgemeinde Oberdieten wählen AfD
Weiße Protestanten: über 70 Prozent für Trump. Katholiken: 55 Prozent. Die Grenze zwischen politischer Gefolgschaft und abgöttischer Verklärung, schreibt ein Beobachter, hat sich längst aufgelöst.
Ich nenne das beim Namen: Götzendienst.
Nicht Irrtum. Nicht Schwäche. Götzendienst.
Trump wird als moderner Kyrus verehrt — als heidnischer Herrscher, den Gott benutzt, um seine Ziele durchzusetzen. Das erkläre, warum Trump moralisch offensichtlich nicht dem christlichen Ideal entspreche und trotzdem als göttliches Werkzeug gelte.
Göttliches Werkzeug.
Ein Mann, der Kinder von ihren Eltern trennte. Der Arme bestrafte und Reiche beschenkte. Der Schwache verachtete und Mächtige hofierte.
Und die Kirche salbt ihn.
Das ist nicht neu. Das war Konstantin. Das war die Deutsche Christen-Bewegung 1933. Das war jedes Mal dasselbe: Macht sucht Salbung. Und Kirche gibt sie gerne. Weil Kirche Angst hat. Vor dem Rand. Vor dem Verlust. Vor der Schwäche.
Barmen 1934 hat es gesagt: Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes. Kein anderes. Kein Kyrus. Kein Racheengel. Kein Krieger-Jesus aus der Rechten.
Matthäus 25. Ich war fremd. Ich war hungrig. Ich war ohne Papiere. Ich war an der Grenze.
Was habt ihr getan?
Die historischen schwarzen Kirchen der USA stehen in der Bürgerrechtstradition eines Martin Luther King — und wählen nicht Trump. Sie wissen, was Unterdrückung ist. Sie kennen den Gott der Exodus. Den Gott, der nicht auf der Seite der Pharaonen steht.
Dieser Gott ist unbequem. Er lässt sich nicht für Kulturkämpfe einspannen. Er lässt sich nicht nationalisieren.
Wer das versucht, betet nicht mehr zu ihm.
Jeremia 7,4:
Traut nicht auf Lügenworte: Hier ist der Tempel des HERRN, der Tempel des HERRN, der Tempel des HERRN!
Jeremia kannte das. Die Frommen seiner Zeit sagten: Gott ist auf unserer Seite. Der Tempel steht. Alles wird gut.
Jeremia sagte: Nein.
Gebet
Gott der Armen.
Gott der Fremden.
Gott der Gekreuzigten.
Bewahre uns vor dem Christus der Stärke.
Vor dem Glauben, der Mauern baut.
Vor der Kirche, die salbte, was sie hätte benennen müssen.
Gib uns den Mut, unbequem zu sein.
Wie Barmen. Wie King. Wie Bonhoeffer.
Amen.
Claudius Herz, Juni 2026 • arminherzberger.com
Eine Erzählung aus dem Klippdachsland
Zum Dank an Herbert Weiß
Der einfach da war als ich Ihn brauchte.
Mit Wundern hab ich's nicht so
Es war morgens, kurz nach halb sechs. Grau, feucht, der Atem der Fabrik schon in der Luft. Der Dieselgeruch des Arbeiterbusses hing noch in der Kleidung. Er hastete mit einem Jungarbeiter in Richtung Fabrik, schnell, atemlos, missmutig. Dann sah er ihn zum ersten Mal. Großes, zotteliges Fell, grauschwarz, der Kopf gesenkt, die Lefzen schlaff, die Rute fast den nassen Asphalt berührend. Die Augen blickten zu ihm hinauf. Zögerlich. Ängstlich fast. So als wollten sie sagen: Du kennst mich doch. Schon lange. Ich begleite dich seit langer Zeit. Jetzt kannst du mich auch sehen.
Er erschrak nicht. Er wusste: Das ist meiner.
Mit Wundern hab ich's nicht so.
Nicht damals. Nicht heute. Wer auf Eingriffe von oben wartet, wartet lange. Der Gott, der die Depression weghebt wenn man nur fromm genug betet — den habe ich nicht gefunden. Nicht in der Fabrik. Nicht danach. Der Hund ist geblieben. Jahrzehnte. Und ich bin dabei geblieben — nicht weil mir eine Erscheinung geholfen hat, sondern trotzdem.
In der Puddingschule gab es einen Religionslehrer. Herrn Ginsterburg. Wirre spärliche Haare, schlechte Reputation bei den Schülern. Er ließ diskutieren, trug nicht vor. Er zeigte Dieter Süverkrüp zur Weihnachtszeit — Verse über Lohnbüro und Werkshierarchie, über den Konzern als Vatergott. Die Klasse lachte. Ihn nicht. Einmal sagte er, mitten im Unterricht, ohne Anlass: Ich trage mein Herz auf der Hand. Spott. Hohn. Er ließ es geschehen. Ich habe diesen Satz mitgenommen. Und den bitteren Zusatz, den das Leben hinzufügt: Wer sein Herz auf der Hand trägt, ist in Gefahr, es weggenommen zu bekommen. Das ist keine Frömmigkeit. Das ist Klassenerfahrung.
Nebenan an der Riesendrehmaschine stand Werner. Wochentags Schlosser, am Wochenende evangelikaler Laienprediger. Er sprach gerne, wenn die Maschine langsam lief. Von Bekehrung, Errettung, Gewissheit. Die Sprache der Leute, die einen Gott haben der eingreift, der rettet, der den Schwarzen Hund vertreibt wenn man nur richtig glaubt. Ich hörte zu. Ich glaubte ihm nicht. Nicht aus Böswilligkeit. Sondern weil ich den Hund kannte. Weil ich wusste: Der lässt sich nicht wegpredigen.
Der Gott der Bibel ist kein Therapeut. Er ist der Gott des Exodus — der nicht eingreift damit es einem gut geht, sondern der Unterdrückte herausführt. Das ist etwas anderes. Radikaler. Unbequemer. Dieser Gott macht keine Versprechen über den Schwarzen Hund. Er macht Versprechen über die Würde derer, die ihn kennen.
Martinus ist tot. Kein Wunder hat das verhindert. Kein Wunder hat danach etwas erklärt. Kein frommer Satz macht das erträglich. Er war da. Ich war da. Das ist alles. Das muss reichen.
Meine Frau war lebensgefährlich krank. Deborah, die Pfarrerin, kam. Sie hat nicht viel gesagt. Sie hat zugehört. Das klingt wenig. Es war das Größte, was jemand in diesem Moment tun konnte. Kein Trost der erklärt. Ein Mensch, der da war. Der nicht weggelaufen ist vor dem, was nicht zu sagen ist.
Meine Frau ist wieder gesund geworden.
Eigentlich ein Wunder. Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Ich habe nicht aufgehört, Wundern zu misstrauen. Aber ich habe auch nicht aufgehört, dankbar zu sein. Beides gleichzeitig. Kein frommer Satz löst das auf. Ich lasse es stehen.
Am Ende seines Praktikums nahm ihn ein Arbeiter unter die Fittiche. Herbert Weiß. Keine Erscheinung. Kein Aufleuchten. Ein Mensch, der da war — in einer Fabrik, in der die meisten weggeschaut haben. Das nenne ich Gnade. Nicht übernatürlich. Konkret.
Mit Wundern hab ich's nicht so. Mit dem Gott, der durch Menschen handelt, durch Ginsterburg und Herbert Weiß und Martinus und Deborah — ja. Aber der macht keine Show. Der ist einfach da. Oder nicht.
Meistens nicht. Manchmal doch.
Claudius Herz

Es gibt Gebäude, die lügen nicht. Die zeigen, was sie sind: Beton, Last, Fuge. Keine Verkleidung, kein Stuck, kein freundliches Lächeln aus Klinker. Der Brutalismus — abgeleitet
vom französischen béton brut, roher Beton — ist die Architektur des Unverhüllten. Le Corbusier hat ihn nicht erfunden, aber ihm die Sprache gegeben.
Die Nachkriegsmoderne hat ihn zur Massenbewegung gemacht.... .
Klippdachsland Prosa







Als Gott noch mitten unter den Israeliten wohnte, in einem Zelt, später in einem imposanten Tempel, der in der ganzen damaligen Welt berühmt war, da war alles noch einfach: In Gottes Gegenwart wurden Opfer dargebracht, Steuern gezahlt, Testamente und andere offizielle Dokumente aufgesetzt, und darum, dass alles rund lief, dass Gott sich im Tempel wohl fühlte und alle Gläubigen sich an die Regeln hielten, darum kümmerten sich einige Auserwählte. Doch dann zerstörten die Römer den Tempel und nahmen den Juden ihren religiösen, politischen und gesellschaftlichen Mittelpunkt.
Was blieb, war die Hoffnung auf einen neuen Tempel. Für die Juden.
Paulus aber brachte den christlichen Glauben auch zu Nicht-Juden. Für sie ging es nicht mehr um einen Tempel, den man betreten konnte. Der Tempel sollten sie jetzt selber sein, forderte Paulus. Und verlangte damit eine absolute Hingabe, die damals manche Gläubige die wirtschaftliche Existenz kosten konnte. Und heute? Würden wir heute schaffen, was Paulus von den ersten Christen verlangt hat?
Die Frage ist nicht rhetorisch gemeint. Sie ist unbequem.
Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth: *„Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“* (1 Kor 3,16). Und an anderer Stelle: *„Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist?“* (1 Kor 6,19). Das klingt erhebend. Fast zu schön. Und es ist, wenn man ehrlich ist, eine der radikalsten Zumutungen der gesamten Bibel.
Denn was bedeutet es, Tempel zu sein?
Ein Tempel ist kein privater Rückzugsort. Er ist ein öffentlicher Ort. Er gehört allen. Er ist der Ort, an dem die Gemeinschaft zusammenkommt — nicht, um sich selbst zu feiern, sondern um auf etwas Größeres zu zeigen, das über sie hinausgeht. Ein Tempel ist durchlässig. Er hat Türen, keine Mauern. Wer ihn betritt, tritt in eine Beziehung ein — mit Gott und mit den anderen.
Genau das war das Programm des Paulus. Die Gemeinde als Tempel bedeutete: kein Priestertum, das die Nähe zu Gott verwaltet. Keine Institution, die entscheidet, wer dazugehört und wer draußen bleibt. Kein heiliges Gebäude, das man finanziert und pflegt, damit Gott sich wohlfühlt. Sondern Menschen, die füreinander und für die Welt einstehen — mit allem, was sie haben.
Das war kein abstraktes Ideal. In den Gemeinden des Paulus lebten Sklaven neben Freien, Arme neben Wohlhabenden, Frauen mit eigenem Wort neben Männern mit gesellschaftlicher Macht. Die Tischgemeinschaft war der Prüfstein: Wer isst mit wem? Wer bedient wen? Wer trägt wessen Last?
Und ja: Das kostete. Wer sich mit Sklaven an einen Tisch setzte, riskierte seinen Ruf. Wer Spenden für die verarmte Jerusalemer Urgemeinde sammelte, riskierte Konflikte mit seinen Geschäftspartnern. Wer als Frau öffentlich in der Gemeinde sprach — was Paulus in manchen Kontexten durchaus bejahte —, riskierte gesellschaftliche Ächtung.
Der Tempel zu sein, hieß: die eigene Privilegiensicherung aufzugeben.
Und heute?
Heute haben wir Tempel. Steinerne, beheizbare, versicherungspflichtige. Mit Orgeln und Lautsprecheranlagen, mit Kirchensteuereinnahmen und Verwaltungsräten, mit Sitzungsprotokollen und Stellenplänen. Das ist nicht nichts — es ist das geronnene Bemühen vieler Generationen, dem Glauben eine Form zu geben.
Aber es ist nicht das, wovon Paulus spricht.
Die Frage, die er stellt, lautet nicht: *Habt ihr einen schönen Gottesdienst?* Sondern: *Seid ihr selbst der Ort, an dem Gottes Geist spürbar wird?* Nicht das Gebäude. Nicht die Institution. Ihr.
Das ist der Moment, an dem die meisten Predigten — auch gut gemeinte — umschwenken. Sie sagen: *Natürlich! Die Gemeinde ist auch außerhalb der Kirchenmauern aktiv. Wir haben eine Tafel, wir machen Seniorencafé, wir engagieren uns.
Gut. Aber Paulus meint mehr. Er meint eine Umkehrung der Logik. Nicht: Die Institution tut Gutes. Sondern: Die Institution ist das Gute nur insofern, als sie sich selbst überwindet — als sie Raum schafft für die, die keinen Raum haben. Als sie nicht zuerst fragt: *Was können wir uns leisten?*, sondern: *Wer wird gerade übersehen?*
Dietrich Bonhoeffer, der in seiner Gefängniszelle die Kirche der Zukunft entwarf, schrieb, die Kirche sei nur Kirche, wenn sie für andere da sei. Nicht für sich. Nicht für ihre Mitglieder. Für andere.
Dorothee Sölle, die unbequeme Theologin aus Hamburg, hat das noch schärfer formuliert: Wer den Armen nicht sieht, sieht Gott nicht. Nicht weil Gott ein sentimentaler Anwalt der Schwachen ist — sondern weil das Evangelium eine Richtung hat. Es geht nicht nach oben, zu den Mächtigen. Es geht nach unten, zu den Rändern.
Und Gustavo Gutiérrez, der peruanische Befreiungstheologe, erinnert uns: Die Frage ist nicht, ob wir *über* die Armen sprechen. Die Frage ist, ob wir *mit* ihnen sprechen — und ob wir bereit sind, ihnen zuzuhören, wenn sie sagen, was in der Kirche falsch läuft.
Der Tempel sollten sie selber sein. Das war keine Einladung zur persönlichen Spiritualität. Es war ein politischer Auftrag.
Wir richten gerade, als Kirche in Deutschland, viel Energie darauf, uns selbst zu reformieren. Fusionen von Gemeinden, Stellenkürzungen, Strategieprozesse. Das ist notwendig. Aber es reicht nicht. Denn Paulus fragt nicht nach der Effizienz der Verwaltung. Er fragt, ob wir noch der Ort sind, an dem die Verlorenen ankommen dürfen. Ob die Tür noch offen ist — nicht nur symbolisch, sondern praktisch, sozial, politisch.
Ob wir bereit sind, das zu riskieren, was die ersten Christinnen und Christen riskiert haben: unsere Privilegien, unseren Komfort, unser Ansehen.
Der Tempel sind wir selbst. Wenn wir das ernst nehmen, beginnt die eigentliche Arbeit.
Claudius Herz
Universitätstheologie für Laien
Jeden Samstag neu
Eine Andacht
Armin Herzberger (Claudius Herz / HeCl)
„Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerrissenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu predigen das Gnadenjahr des Herrn.“
Lukas 4, 18–19 (Luther 2017)
„Der Herr aber ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“
2. Korinther 3, 17 (Luther 2017)
Ich erinnere mich an einen Sommer in meiner Kindheit. Die Zeltmission war da. Es roch nach Kerzenwachs, nach feuchtem Gras und nach etwas, für das ich als Kind keinen Namen hatte. Vielleicht war es Angst, die fromm geworden ist.
Der Prediger stand vorne. Er trug einen dunklen Anzug. Er sprach mit fester Stimme. Und er sagte Sätze, die wie Urteile klangen. Wer nicht glaubt, ist verloren. Wer zweifelt, steht auf wackeligen Beinen. Wer fragt, ob die Bibel wirklich alles so gemeint hat — der gefährdet sein Seelenheil.
Ich war acht Jahre alt. Ich schwieg. Aber etwas in mir wurde unruhig. Nicht weil ich nicht glauben wollte. Sondern weil dieses Christentum so eng war. Wie ein Schuh, der drückt. Wie ein Raum ohne Fenster.
Viele Jahre später bin ich auf diesen Text gestoßen. Jesus steht in der Synagoge von Nazareth. Er nimmt die Buchrolle. Er liest vor. Und was er vorliest, ist keine Drohung. Es ist ein Versprechen.
Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen.
Den Armen. Den Gefangenen. Den Blinden. Den Zerrissenen. Jesus stellt sich vor als jemand, der zu diesen Menschen kommt. Nicht mit einem Urteil.
Mit einer Botschaft:
Heute beginnt das Gnadenjahr des Herrn.
Das Gnadenjahr — das war im alten Israel die Zeit, in der Schulden erlassen wurden, in der Versklavte frei kamen, in der das, was aus dem Lot geraten war, wieder gerade wurde. Jesus sagt: Heute. Hier. Jetzt. Das beginnt jetzt.
Ich frage mich manchmal:
Warum höre ich diesen Text so anders als die Sätze des Predigers von damals? Beide sprechen von Jesus. Beide berufen sich auf die Bibel. Und doch — das eine macht mir Angst, das andere öffnet etwas in mir.
Der Apostel Paulus hat dieses Öffnen in einem einzigen Satz zusammengefasst:
Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.
Das ist nicht Freiheit im Sinne von: Ich darf alles tun, was ich will. Es ist Freiheit im Sinne von: Ich muss nicht mehr in Angst leben. Ich muss nicht beweisen, dass ich gläubig genug bin. Ich muss keine Mauern bauen um meinen Glauben, damit er sicher bleibt. Der Geist Gottes hält ihn.
Wo aber die Angst regiert — wo ein Glaube sich vor allem schützen muss, alles kontrollieren, alle Fragen abwehren — da ist kein Geist des Herrn. Oder jedenfalls: da ist keine Freiheit. Und ohne Freiheit ist der Glaube kein Glaube mehr. Er ist ein Käfig.
Das ist kein Angriff auf den Glauben. Das ist eine Einladung, ihn zu atmen. Tief zu atmen. Wie frische Luft.
Glaube ist nicht:
Möglichst viele Glaubenssätze für richtig halten.
Glaube ist nicht:
auf der sicheren Seite stehen und alle anderen beurteilen.
Glaube ist nicht:
Das Evangelium schützen wie einen Schatz hinter sieben Schloss und Riegel.
Glaube ist:
Sich dem anvertrauen, der in Jesus Christus zu uns kommt. Und dieser Jesus kommt nicht mit Urteilen. Er kommt mit einer Einladung. Er setzt sich zu den Menschen, die am Rand sitzen. Er berührt die Kranken. Er spricht mit denen, mit denen man nicht spricht. Er fragt nicht zuerst: Bist du gläubig genug? Er fragt: Was brauchst du?
Dietrich Bonhoeffer, ein evangelischer Theologe, der sein Leben im Widerstand gegen Hitler verloren hat, hat einmal geschrieben, die Kirche sei nur dann wirklich Kirche, wenn sie „Kirche für andere“ ist.
Eine Kirche, die sich selbst schützt, ihre Grenzen bewacht und den anderen misstraut — die ist keine Kirche mehr. Die ist ein Verein.
Das ist kein Angriff auf den Glauben. Das ist eine Einladung, ihn tiefer zu verstehen.
Jesus sagt in der Synagoge von Nazareth ein einziges Wort, das alles zusammenfasst:
Heute.
Nicht:
Irgendwann, wenn ihr alles richtig glaubt.
Nicht:
In einer besseren Welt, die nach dem Tod kommt. Heute ist das Gnadenjahr des Herrn.
Das bedeutet:
Gott wartet nicht. Das Evangelium ist keine Angelegenheit für später. Es begegnet uns in dem Menschen, dem es heute schlecht geht. In dem, der heute ausgegrenzt wird. In dem, der heute keine Stimme hat.
Und es begegnet uns in der Frage, die wir uns selbst stellen müssen: Auf welcher Seite stehe ich? Stehe ich auf der Seite derer, die Grenzen ziehen und andere beurteilen? Oder stehe ich auf der Seite dessen, der in die Synagoge von Nazareth geht und sagt: Für euch. Für die Armen. Für die Zerrissenen. Heute.
Die Luft der Kindheit bleibt. Ich atme sie noch manchmal. Den Geruch von Wachs und Wolle und Angst. Aber daneben atme ich etwas anderes — die Luft der Freiheit. Die Luft eines Evangeliums, das nicht einengt, sondern befreit. Das nicht urteilt, sondern einlädt. Das nicht Käfige baut, sondern Türen öffnet.
Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Das steht in der Bibel. Es riecht anders als Kerzenwachs und Angst. Es riecht nach dem, was Luther einmal Evangelium nannte:
Gute Nachricht. Für alle.
Gebet
Gott, du hast deinen Sohn nicht gesandt, um zu richten, sondern um zu suchen, was verloren ist. Gib uns Mut, diesem Jesus zu folgen — dorthin, wo Menschen in Not sind. Bewahre uns vor einem Glauben, der sich selbst schützt, statt sich auszugeben. Schenk uns die Freiheit deines Geistes — jene Freiheit, die nicht einengt, sondern trägt. Und lass uns heute hören, was du uns sagst: Für dich. Gnadenjahr. Jetzt.
Amen.
Wie Kirchenvorstand interessant werden kann
Freitagabend. Kurzfreizeit in Beienbach bei Netphen. Konfirmanden, erster Abend. Ich war nur zum Auftakt dabei — kurz vorgestellt, wer ich bin und was ich mache.
Das hier ist, was ich gesagt habe.
Kirchenvorstand. Klingt langweilig. Ist es nicht.
Jedenfalls nicht, wenn man die eine Frage ernst nimmt: Für wen ist diese Kirche eigentlich da?
Kirche war in der Geschichte oft auf der falschen Seite. Hat Mächtige geschützt. Hat weggeschaut. Hat mitgemacht, wenn Menschen unterdrückt wurden. Das ist kein Angriff. Das ist Geschichte. Und die muss man kennen, bevor man irgendetwas anderes sagt.
Trotzdem bin ich da. Weil ich will, dass sich jemand die Frage stellt: Wer sitzt nicht mit am Tisch — und warum nicht?
Menschen, die nicht ins Schema passen.
Menschen, die anders lieben.
Menschen, die sich nicht einordnen lassen wollen.
Menschen, die ausgegrenzt werden, weil sie einfach sie selbst sind.
Menschen mit Behinderung.
Menschen ohne Geld.
Menschen, die von der Kirche verletzt wurden und trotzdem noch irgendwie suchen.
Die sind nicht das Problem. Die sind der Maßstab.
Eine Kirche, die nur für die funktioniert, die schon drin sind — die ist überflüssig. Die kann zumachen.
Wir haben keine perfekten Antworten. Wir streiten. Wir liegen falsch. Aber wir stellen diese Fragen. Und wenn ihr reden wollt — über Kirche, Glauben, Zweifel, irgendetwas davon — kommt einfach auf uns zu. Kein Vortrag. Versprochen.
Zum Schluss hab ich gefragt, ob jemand ein Gebet möchte. Nicht alle. Wer will.
Gott —
falls du da bist:
Mach uns unbequem.
Nicht fromm.
Unbequem.
Damit wir nicht wegsehen,
wenn jemand keinen Platz kriegt.
Der Maßstab sind die,
die draußen stehen.
Immer.
Amen.
Dann bin ich gegangen. Die Freizeit geht noch bis Sonntag — ohne mich.