Der Atombunker

Bergan, vorbei an einem alten Lattenzaun links im Sommer oft gekrönt von Blechbehältern, zur Aufnahme und Abmessung von Kuhmilch, zum trocknen dort befindlich.
Ging man dort vorbei roch es nach saurer Milch und angetrockneter Scheuermilch.
Die Sonne brannte heiß im Mittagszentit vom blaugrauen wolkenlosen Himmel.
Die Luft erschien dunstig besser noch staubig. Nicht schwül sondern eher wie vertrocknet grasig wie altes trockenes Heu das Anfang Juni noch in den Scheunen lag und darauf wartete von lustlos wiederkeuenden Rindern gefressen zu werden, gab es doch längst frisches grünes duftiges, würziges Gras.

Ein weiteres Stück des Weges bergan an der rechten Seite eine breite Hofeinfahrt auf ein Wohnhaus, ganz untypisch für diese Gegend zweistöckig aus rostroten Backsteinziegeln erbaut.
Kein typisches Bauernhaus, eher kleinstädtisch, Stockhöhe bestimmt mehr als zwei Meter fünfzig.
Erbaut in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Baustil schwer zu erahnen. Vielleicht etwas in Richtung Art Deco.
Links daneben eine große Scheune mit einem ausladenden Wetterdach, baulich mit dem Wohnhaus verbunden.
Kuhstall und der Schweinestall waren in der Scheune ebenerdig integriert.
Dort wohnte unter einem Dach ein weißer alter Mann gemeinsam mit Ehefrau, Sohn, Schwiegertochter und 3 Enkelkindern. Drei Generationen in einem Haushalt, zu jener Zeit selbstverständlich, heutzutage vollkommen undenkbar.
Ja er wagte zu vermuten. Sie lebten einträchtig miteinander ein einfaches, zufriedenes, unverkrampftes, arbeitreiches Leben, sicher wissend, daß sie sich aufeinander verlassen konnten weil sie einander zur Bewältigung ihres Lebens benötigten.


Dieser betagte Mann, nennen wir Ihn Henrizi, bei jedermann sehr beliebt, lebensklug, freundlich gegen Jedermann, in sich selbst ruhend, nie missgelaunt, ein sehr guter Rechner, mit vielen Ehrenämtern betraut, so auch mit dem des Gemeinderechners (Gemeinde-Kämmerer).
Die Kinder und nicht nur die liebten Ihm, ob seiner durch und durch philanthropen Lebenseinstellung.
Er „hielt“ auch als einer von Vielen, zu jener Zeit nur Männer, wie man sagte die „Sonntagsschule“ (Kindergottesdienst). Immer sonntags nach den regulären Gottesdienst, so gegen elf Uhr vormittags.
Alle, so gut wie alle Kinder des Dorfes versammelten sich zu diesem Zwecke im Chorraum der kleinen Kirche und nahmen im Chorgestühl, damals noch getrennt nach Geschlecht, Platz.
Links die Knaben, rechts die Mädchen.
Steht’s wurde getrennt unterrichtete.
Zur jener Zeit unterrichteten nur Männer.
Der Unterricht lief sehr unterschiedlich ab.

Die einen, Opa Henrizi auf alle Fälle gehörte zu der geduldigen, sanftmütigen, eher liberalen Fraktion.

Die andere Fraktion ziemlich ruppig, mit Strafen drohend, auf unbedingte Disziplin bestehend, Bibelstellen bei Disziplinlosigkeiten als Strafarbeit auswendig zu lernen zwingend.


Er ging weiter bergab, nur wenige Schritte, in die Lücke gezwängt, ein kleines weiteres Bauernhaus.
Im rechten Winkel daneben die Scheune, größer als das eigentliche Wohnhaus.
Auf dessen Hof stand ein wunderliches Gefährt.
Gelb mit großen Traktorenreifen hinten
An der Forderachse eine kleine Bereifung, krotesk in Größe Form. Wie zwei frisch gebrühte Blutwürste die so prall erschienen, als würden sie gleich platzen.
Vorne dann eine Lademulde, viel zu üppig für diese seltsame Gefährt.
Hinten dann ein sogenannter Löffel, zahnbewährt an einem nach oben gereckten hydraulischen Gestänge, zum ausheben von Gräben und Löchern.
Links und rechts daneben zwei stämmige fussähnliche Stützen die hydraulisch bodenwärts ausgefahren werden konnten.
Zwischen den unförmigen Rädern der Hinterachse ein Glaskasten für den Bediener dieses kuriosen Gefährt. Darin ein riesiges Lenkrad, viele Hebel zum Bedienen und drei metallene Fußpedale.
Das ganze Gefährt ungelenk, monströs und kurios erscheinend.
Dieselgeruch, Hydrauliköl bildeten ein kurioses olfaktorisches Erlebnis. Hinzu kam der Geruch von frischer ausgehobener Erde.

Das Vehikel wirkte lächerlich, gleichzeitig aber auch dämonisch, als ob es von einem nahenden Unglück künden würde.

Linn war ein sonderbarer Mann.
Immer in Arbeitskleidung, immer den schwarzen Dachdeckerhut tief ins Gesicht gezogen.
Seine Mienenspiel, unter dem Dachdeckerhut schlecht zu erkennen, seltsam unbeteiligt, fast starr und finster, weniger furchteinflösend als vielmehr verwirrt.
Linn war ein Halbwissender. Ein wild zusammengewürfeltes Sammelsurium aus Halbwissen, gespickt mit Elementen von linken Verschwörungstheorien, groteskem, damals dem linken Zeitgeist entsprechenden Antiamerikanismus.
Als fühle er sich bedroht, stehts von finsteren Mächten umgeben. Denen wollte er Einhalt gebieten, sich selbst und Andere retten. Ja, er wollte die Welt retten, zumindest die, für die es sich lohnte.
Jeder Form von Religionsausübung stand er feindliche gegenüber.
Ein Novum für einen Bewohner des Klippdachsland.
Hier herrschte doch eher ein weltabgewandter, leibfeindlicher Evangelikalismus.

Diese seine Weltanschauung war der Grund für sein über 10 Jahre andauerndes Bauvorhaben.


Er errichtete über die Jahre hin einen Schutzraum, der selbst einem atomaren Angriff standhalten sollte.
Jedoch damit nicht genug.
Gleich neben dem schon stattlichen „Atom Bunker“ begann er weiter zu graben.

Der Atombunker

Senkrecht nach unten in Richtung Erdmittelpunkt.
12 weiter Meter täufte er nach unten. Fragte man Ihn nach dem Sinn und Zweck seiner bergmännischen Arbeit antwortete er zunächst nicht, blicke verschlossen und herablassend um dann zu sagen:
„Ich suche nach Wasser. Im Bunker will ich mein eigenes unverseuchtes Wasser haben.“
Er grub mit Leidenschaft mehr als 2 Jahre nur unterbrochen von seine Arbeit als Fahrer diesen obskuren, Gerätes. Ein wie schon erwähnten Tracktorenbaggerschaufelladervehikels das auf ihn bedrohlich wirkt, so als ob er ein grausames Geheimnis hüte was irgendwann zutage kommen werde.
Linn bat zuweilen um Mithilfe für seine bergmännische Tätigkeit. So auch bei Ihm und seinem besten Freund Martinus R.i.P.
Samstags vormittags, so gegen halb zehn stand er unvermittelt und unbeobachtet, im. Schlafzimmer unterm Dach und bat um tätige Mithilfe.
Dem kam er und Martinus dann auch auch gelegentlich nach.
Ein anderer Helfer, der weit mehr in Anspruch genommen wurde war Bann.
Bann war ein freundlicher, steht’s hilfsbereiter Mann mittleren Altern.
Hager, klein, die Hände schwielig, schrundig, oft blutig gekrümmt, von der vielen harten Arbeit die er seit Jahrzehnten bei einer örtlichen Baufirma als Bauhelfer leistete.
Gelegentlich hielt Linn eine Belohnung für Martinus und ihn bereit.
Im Anschluss an unsere Helfertätigkeit lud Linn zu einem abendlichen Frühstück ein.
In der kleinen Küche war seine damalige Gattin R.i.P damit zu tun Eierkuchen mit Speck zu bereiten.
Eine attraktive Frau mittleren Alters, klug, freundlich gegenüber Jedermann. Sie war mit medizinischen Kenntnissen als Sprechstundenhilfe ausgestattet. Kleinere Verletzungen, von allem bei den Kindern behandelte Sie mit Geduld, Empathie und Freundlichkeit.
Das bäuerliche Mahl aufgetischt auf dem Esstisch einer winzig kleinen Kochküche. Linn wie immer in seiner Arbeitskleidung, reichte dazu einen „Wein“, den er aus einer fünf Liter Weisblechdose reichte.
Auf der Dose, die golden schimmerte, befand sich ein buntes Schildchen aus Papier.
Dort stand:
Kröver Nacktarsch lieblich
Unten drunter dann zwei nackte fröhliche Putti, pausbäckig einen Weinglas in den Händchen haltend.


Ein kalter nasser Tag im Februar. Der Schnee nass, die Pfützen auf dem Feldweg aufgetaut.
Das Eis bildete kleine klare Ränder, ganz zerbrechlich. Die Erde war noch gefroren. Am Boden der Pfützen bildete sich eine graue schwärzliche Schicht aus Lehm.

Gummistiefelnd ein paar hundert Meter bergan.
Martinus R.i.P. zog einen Schlitten hinter sich her. Marke Davos (Daafos) im Dialekt. Er selbst hatte keine Ahnung, daß es sich dabei um den weltberühmten Urlaubsort der Reichen und Schönen in der Schweiz handelte.

Für Ihn war Martinus Schlitten, der beste Schlitten der Welt. Rotbraun das Holz, harzig (Bidschbiin) wie wir es nannten (Pitchpine Pechkiefer).
Der Sitz aus in der Form einer kleinen Mulde. Für Ihn, ganz eindeutig „Schalensitz“.
Er neidete Martinus keineswegs den „Daavos“ den er sein eigen nannte.
Wie immer teilten sie das Meiste von dem vergleichsweise Wenigen was wir hatten. Dennoch erschien es uns so als ob wir von Allem genug hatten. Mehr wollten wir nicht haben.
Er selbst hatte einen Schlitten mit dem Markennahmen „Bella“. Ohne „Schalensitz“, viel kleiner als der „Daafos“. Ein Einsitzer.
Sein „Bella“ war ein „Schreelääfer“ (Schrägläufer – besagter Schlitten zog beim Abwärtsfahren deutlich nach rechts, was sich in Sonderheit bei schneller Abwärtsfahrt bemerkbar machte), aus Eschenholz gefertigt.
Martinus Daavos wir üppig mit Vogelfutter beladen. Meisenknödel selbst hergestellt, Rinderflomen (Bauchfett vom Rind oder von der Kuh, Sonnenblumenkerne), Vogelfütterung in Wald und Feld.
Den ganzen Winter über, immer Samstagnachmittag, verbrachten sie mit dieser Aufgabe, oft durch Sturm und Schneetreiben stapfend. Ein Abenteuer und sinnstiftend dazu.

Martinus hatte inzwischen das Vogelsberger Volgelfutterhaus mit Sonnenblumenkernen gefüllt.
Sorgsam wie er war reinigte der die Futterstelle zuvor gründlich mit einem Handfeger.
Er stand dabei und fühlte seine Ruhe und Gelassenheit angenehm in sich aufsteigen. Hier war sein bester Freund, der sich durch nichts aus der Ruhe bringen ließ.

Gleich daneben, versteckt unter stattlichen Fichten, stand niedrig und deduckt ihre Holzhütte und lud zum verweilen ein.
Diese Holzhütte, in jahrelanger Arbeit liebevoll erstellt, Holz für Holz, Nagel für Nagel.
Sehr zum Ärger von Eduscho, dem Jagdaufseher.
„Aue komische Bernadierhedde doo koo mä doch kaum drenn stii“
( Eure komische Bernhardiner Hütte. Die ist so niedrig. Man vermag kaum aufrecht darin stehen zu können).

Der uralte Kohleofen, befeuert mit Holzscheiten, knisterte bereits, schon vorher von Martinus angezündet. Wohlige Wärme verbreitete sich.
Die aufgelegten Fichtenholzscheite knisterte leise. Gelegentlich war leise ein dumpfer Knall zu hören, sicher eine Harzgalle im Flachkerzen Fichtenholz die vernehmlich platze und sich zischend entzündete.
Einzelne Florfliegen erwachten träge aus ihrem Winterschlaf und wunderten sich, das der Frühling so unvermittelt Einzug hielt.

Obenauf der so wummernden Feuerstelle stand ein mit Fanta gefüllter Aluminiumtopf.
Das Fanta darin simmerte leise. Der geneigte Leser mag sich wundern. Ja es war Fanta, die allseits beliebte Orangenlimonade.
Wir nannten dieses Getränk „Hanomag Wasser“.
Dazu ein Stück Weihnachtsstollen vom vergangenen Weihnachtsfest.
Zugegeben eine etwas merkwürdige Zusammenstellung.
Eine damals gelegentlich hergestellter „Longdrink“ mit Namen „Hanomag Wasser mit Frostschutz“.
(Fanta mit einem guten Schuß Doppelwacholder).
Doppelwacholder, heute Gin was im Prinzip auf das gleiche hinaus läuft.
Also Gin – Lemon.
Der Leser mag nun vermuten: „Alles schon mal dagewesen.“


Allmählich dunkelte es vernehmlich. Der graue Februarnachmittag ging zu Ende.
Noch vor dem entgültigen verlöschen des Ofens, wurde es kälter, das alte Sprossenfenster beschlug nun von innen.
Während des Weges nach Hause, Martinus zog seinen Schlitten, der nun viel leichter geworden war.
Sie wanderten Gummibestiefelt langsam nebenander her heimwärts, redeten über dies und das schwiegen aber auch, sich Ihrer Vertrautheit und Freundschaft gewiss.
Es brauchte oft nicht viele Worte zwischen Ihnen, man verstand sich auch ohne große Unterhaltung.
Zuhause angekommen, beide wohnten in der gleichen Gasse die sich von der Kirche aus allmählich einem Hang hinauf schlängelte die sich umsäumt von Bauernhäusern allmählich im freien Felde verlor.
Martin nahm seinen Schlitten, verstaute ihn sorgfältig in der Scheune. Die Milchkühe murrten schon vernehmlich, als ob sie auf ihr grasiges Abendbrot warteten.
Es roch nach Kuhstall, Schweinestall, Hühnerstall, saurer Milch, nach Heu und Stroh.
In der Waschküche brannte Licht.
Als sie nun diese Waschküche betraten, frierend und ein wenig durchnässt stand Mutter Martinus am Holzherd auf dem sich ein großer bis zum mit Kartoffeln gefüllter Topf (Demmber) befand. Dem entstieg dieser köstliche buttrig erdige Geruch von frischen Pellkartoffeln. Es war das Schweinefutter angereichert mit übrig gebliebenen Speckschwarte, das Schweinefutter für die kommenden Woche. Ihr Antlitz gerötet, die Augen mit Tränen gefüllt.
Sie weinte leise, vergoss bittere Tränen und schwieg zunächst.
„Woss äss da luus?“ (Was ist denn passiert?) fragte Martinus.
„Wesder da nedd woss ewe basserd äss?“
(Habt Ihr noch nicht erfahren was heute Nachmittag geschehen ist?) Martinus schüttelte den Kopf….. .
In der gleichen Nacht er lag schon zu Bett, las wie immer und rauchte.
Dazu hörte er wie gewohnt Radio, Deutschlandfunk. Gegen zwölf Uhr schlug die Kirchturmuhr, aus dem Radio ertönte die Nationalhymne. Nicht martialisch laut in Marschmusikmanier, sondern leise als Streichquartett in zurückhaltenden Dur-Akkorden.
Müde legte er sein Buch zur Seite löschten die Nachttischlampe und schlief ein

Gegen zwei Uhr erwachte er.
Seine Schlafstube war unter dem Dach des alten Bauernhauses eingerichtet.
Schaute man aus dem Fenster, lag Ihm das ganze Dorf zu Füßen.
Er öffnete das Fenster. Der Wind war eiskalt, kleine nasse Eiskristalle wehten Ihm ins Gesicht.
Sogleich begann er zu frieren. Es war eher ein frieren von innen, nichts war da was Ihm wärmen konnte.
Da war ein Jammern, ein Klagen, ein verzweifeltes Schreien zu hören.
War es die Kätzin die liebestoll nach ihrem Kater rief?

Oder war es die Stimme des Opfers jener unfasslich blutdrünstigen Tat, die da Ihre Todesangst, in die Nacht schrie wissend, daß da niemand war der sie noch hören konnte…… ?

Bruder Martinus ist von uns gegangen

Anno Domini 06.05.2021

Bruder Martinus (Meister vom Stuhl der Loge „DIE FEUERZANGE“ im Orient zu Oberdieten), ist von uns gegangen

Mit Martin bin ich seit meinem 6. Lebensjahr befreundet.

Seit dieser Zeit pflegten wir eine nunmehr fast 60-jährige enge Freundschaft.

Wir waren eigentlich immer draußen in der freien Natur, durchstreiften gemeinsam Feld und Wald.

Auch Scheunen und Schuppen waren unser Zuhause. Wir erlebten eine freie und wenig überwachte Kindheit und Jugend.

Immer draußen, immer bei irgendwelchen Orten die uns interessant und zuweilen auch geheimnisvoll erschienen.

Eine Kindheit und Jugend, die man sich heute kaum noch vorzustellen vermag.

Gemeinsam in der Jungschar, gemeinsam in der Jungenschaft

gemeinsame Mitgliedschaft im CVJM Oberdieten.

Dem ist er treu geblieben. Viele Jahre im Vorstand, immer als eine Art Hausmeister des Lutherhauses in Oberdieten, der sich um alles wirklich um alles kümmerte.

Ich meine es wäre Anfang der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gewesen da wurden wir Gründungsmitglieder der NABU Breidenbach.

Dort hat er bis heute aktiv ehrenamtlich mitgearbeitet. Als Vorstandsmitglied, als Jugendwart, zum Schluss als Kassenwart.

Er blieb auch dabei immer im Hintergrund, war immer ansprechbar, war sich für nichts zu Schade.

Wir bauten ab dem Beginn der 70er Jahre eine kleine Hütte auf dem Alten Hof, ein ansehnliches Feldgehölz inmitten von Wiesen und Feldern.
Wir errichteten dort, es war zu Beginn der 70er Jahre eine kleine Waldhütte.

Diese Hütte steht immer noch, wir haben sie bis dato instandgehalten und gepflegt.

Viele Stunden, Tage und Nächte verbrachten wir dort, meistens gemeinsam mit engen Freunden.

Meister vom Stuhl der Loge: Die Feuerzange im Orient zu Oberdieten
Bruder Martinus ist von uns gegangen

Aus dieser Männerrunde wurde dann mit der Zeit eine verschwiegene christlich, humanistische Runde die wir „Die Feuerzange“ nannten.

Dieser Kreis existiert noch heute.

Und es ist auch im Sinne von Martin, dass wir diese schöne Tradition fortsetzen.

Später dann kann ein Amphibien Teich dazu.

So widmeten wir uns über viele Jahre der Natur und dem Umweltschutz, ein gemeinsames Hobby wurde zur gemeinsamen Passion.

Das war in den 70er Jahren noch eine Beschäftigung die ungewöhnlich war und uns manchmal Hohn und Spott einbrachte, was uns nicht im Geringsten störte.

Als ich 1981meine Doris heiratete, ganz klar, Martin war mein Trauzeuge.

Meine Tochter Sara, 1982 geboren, keine Frage, Martin war Taufpate.

Unvergessen

Martin war ein Stiller.

Er machte kein Aufheben um seine Person.

Er stellte sich ganz in den Dienst einer Sache, immer.

Sich selbst immer in den Hintergrund.

Seine Mitmenschen waren ihm wichtig, immer.

Vielleicht hat es sich dabei manchmal selbst vergessen?

Ja, Martin war ein Stiller Mensch, aber vielleicht gerade deswegen ein Mensch der innere Größe zeigte.

Martin war im eigentlichen Sinne des Wortes ein Philanthrop, ein Menschenfreund.

Martin liebte die Kinder.
Und die Kinder liebten Ihn
Das merkte man immer dann, wenn er mit Kindern zu tun hatte.

Eva und Christian die Kinder von Silke und Helmut und Thilo der Sohn von Edwin können darüber berichten

Martin war ein kluger Mann.

Ich konnte mit Ihm über alles sprechen.

Martin war auch gegenüber manchem kritisch.

Das behielt er aber meistens für sich selbst.

Wenn man Ihm jedoch danach fragte, sprach Er offen aus was Ihm nicht passte.

Aber dabei auch immer sachlich, ausgewogen, nie beleidigend.

In den letzten 5 Jahre trafen wir uns regelmäßig einmal in der Woche zum Einkaufen.

Auf diesen Termin habe ich mich immer gefreut.

Wir haben uns dabei oft stundenlang im Café oder in der Eisdiele aufgehalten.

Wir redeten über alles.

Über all das was uns beschäftigte.

Über Politik, über Umweltschutz, über Religion, Theologie
über die alten Zeiten.

Über Landwirtschaft, die Hausschlachtungen damals in den Bauernhäusern.

Kurz gesagt immer wieder von den vielen gemeinsamen Erinnerungen unserer Kinder- und Jugendzeit.

Martin ist mir ein großer Bruder.

Martin ist mir ein Vorbild.

Das war er.

Das ist er.

Und das bleibt er.

Ich möchte noch ein kurzes Gebet sprechen.

Es ist von Pfarrer Dietrich Bonhoeffer.

Von Ihm verfasst im Jahre 1945.

Kurz bevor er von den Nationalsozialisten ermordet wurde.

„Herr, in mir ist es finster, aber bei dir ist das Licht.

Ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht.

Ich bin kleinmütig, aber bei dir ist Hilfe.

Ich bin unruhig, aber bei dir ist der Friede.

Ich verstehe deine Wege nicht,

aber du weißt den Weg für mich.“

„Je schöner und voller die Erinnerung,

desto schwerer ist die Trennung.

Aber die Dankbarkeit verwandelt

die Erinnerung in eine stille Freude.

Man trägt das vergangene Schöne

nicht wie einen Stachel,

sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.“
Amen

Anno Domini
12.05.2021
Arminius
Logensprecher

Anno Domini 04.02.2018
Skandinavisches Fischbuffet

Freunde
Was wär ich ohne Freunde,
was wär ich ohne dich?
Ich läg als kleines Puzzleteil
allein auf leerem Tisch.

Bei mir käm niemand je vorbei
und lobte meinen Kuchen,
den ich so blitzschnell zaubern kann
bei plötzlichen Besuchen.

Mein Gästebett, das bliebe leer,
mein Kaffee ungetrunken,
und ohne Freunde wäre ich
in Schwermut längst versunken.

Wenn ich auf langen Reisen bin,
wem sollte ich wohl schreiben?
Ganz ohne Freunde könnte ich
doch gleich am Nordpol bleiben.

Und jedes Fest bei mir im Haus
ist doch erst wirklich schön,
wenn neben Nachbarn und Bekannten
auch gute Freunde stehn.

Wir sind wie Teile eines Puzzles,
eins ganz allein gibt keinen Sinn.
Und deshalb bin ich so zufrieden,
dass ich mit euch befreundet bin.

Renate Eggert-Schwarten

Anno Domini 28.12.2017

Schön, daß wir endlich wieder komplett sind.
Und ein neuer Novize ist auch dabei.
Sein Name ist
Bruder Kotti

„Es ist wichtig zu wissen, wo man herkommt, um zu wissen, wo man hin will.“
Goethe
zugeschrieben

Schön, daß wir endlich wieder komplett sind.
Und ein neuer Novize ist auch dabei.
Sein Name ist
Bruder Kotti

„Es ist wichtig zu wissen, wo man herkommt, um zu wissen, wo man hin will.“
Goethe
zugeschrieben

Fragezeichen
Du fragst was ist?
Du fragst wohin?
Du fragst woher?
Ich geb Dir einen guten Rat.
Frag erst woher?
Frag dann was ist?
Frag dann wohin?

Willst wissen wer Du bist?

Frag erst woher Du kommst?
Dann frag Dich wer Du bist?
Dann erst kannst Du ahnen,
wohin Du gehen willst.

Warum fragst Du?
Ich will versuchen
Dirs zu sagen.
Du suchst den Sinn des Lebens?
Du fragst:
Woher?
Wohin?
Was ist?

Dann frag nach GOTT.
Vielleicht kann ER Dirs sagen.

Tertia pars sequetur (Wird fortgesetzt)

Der Irrlehrer

Es war August.
Die Sonne brannte seit vielen Wochen unbarmherzig vom Himmel. Die Heuernte war längst eingefahren. Das reife Getreide wogte im heißen Sommerwind. Der Hafer goldgelb. Der Weizen sonnengelb. Die Gerste, deren Ähren sich bereits nach unten neigten, da ihre pelzigen spleißigen Körner bereits so reif waren, dass sie sich gelegentlich von selbst aus den Ähren lösten und zu Boden fielen, strohgelb.

Der Irrlehrer

Der Roggen, das bevorzugte Getreide im Klippdachsland, majestätisch empor gewachsen, fast so hoch wie ein erwachsener Mann und bestens geeignet sich als Kind darin zu verstecken, was bei Androhung schlimmer Strafen, die nie vollzogen wurden, verboten war, sandgelb schon ins Gräuliche wechselnd.

An jenem Morgen
Die Sonntage unabhängig von jeder Jahreszeit, vollzogen sich in jenem Klippdachsland fast immer mit der gleichen Routine.

Gegen acht Uhr betritt die gute Mutter Dragmari das Schlafzimmer mit einem kurzen Morgengruß. „Gemorje“ (Guten Morgen, gut geschlafen?).
Sogleich begibt Sie sich zum Fenster, um es zu öffnen. Der geneigte Leser mag sich denken, weshalb die Frau Mama dies für erforderlich hält.

Im Schlafgemach eines pubertierenden Jugendlichen im Überschwang seiner Hormone sind doch so manch unterschiedliche körperliche Gerüche vorzufinden, die sich zu einem olfaktorischen Gesamtergebnis mischen und der Riechenden durchaus unangenehm erscheinen können.

„Imme halb Zeeh ess Körche. Stieh mool off. Sonnsd bäsde wörrer ze spiere“
(Steh bitte auf. Um nicht erneut zu spät zum Gottesdienst zu kommen. Der beginnt bereits um 09:30 Uhr)
Der so Angesprochene sagt nichts, blickt die gute Frau Mama mürrisch an und ergibt sich seinem Schicksal.

Zum Frühstück gab es sonntags häufig Rosine Blatz medd Zogger. (Rosinenstuten bestrichen mit Margarine, obenauf dann eine gehörige Portion Rübenzucker). Dazu eine Tasse Kakao, beides mundete köstlich. Die gute Butter gab es eher selten. Wohl aus Sparsamkeit, was für einen großen Haushalt, der, wie viele Familien damals, auch eine Nebenerwerbslandwirtschaft betrieb, recht verwunderlich war.
Opa Gregorius machte da nicht mit. Er bestrich seine Bodder (Stulle, Scheibe Brot) ausschließlich mit der guten Butter. Zum Abendbrot bevorzugt mit geräucherter Blutwurst und Apfelgelee, natürlich alles selbst gemacht. Oft zur Verwunderung, gelegentlich auch zum Ärger seiner Gattin, Oma Friedelinde. Die dabei gelegentlich bemerkte: „Vadder, du leesd der de Bodder fengerdegge offs Brod. Onn äich? Äich ääse seid zwansich Joohr Magerine onn nomme kää Gramm obb.“
(Vater [Ehegatte], Du belegst dir dein Butterbrot so dick mit Butter. Fingerdick. Und was ist mit mir?
Ich esse seit zwanzig Jahren nur Margarine auf meinem Butterbrot. Trotzdem habe ich noch kein Gramm abgenommen).
Inzwischen begannen die Kirchenglocken zu läuten. Dieser Dreiklang ist ihm unvergänglich in Erinnerung geblieben.
Erst die kleine Glocke: Bim, bim, bim …… !

Dann die mittlere Glocke dazu: Bam, bam, bam … !

Beide zusammen dann: Bim, bam. Bim, bam …!

Dann die große Glocke: Bum, bum, bum, bum… !

Alle drei Glocken dann im Tutti:
Bim, bam, bum! Bim, bam, bum! Bim, bam, bum! Bim, bam, bum……… !

Der gute Vater Flodur nun zu Ihm: „Mach feroo! Z loud schoo fünf Minudde voll!“
(Beeile Dich bitte. Das volle Geläut ist bereits seit fünf Minuten zu hören!)
Die „Sonntagshose“ und das „Sonntagshemd“ in Taubenblau hatte er bereits vor dem süßen Frühstück, die gute Mutter hatte es schon beim Wecken bereitgelegt, angezogen.
Die betagte Treppe aus dem ersten Stock des Bauernhauses, das Gesangbuch vom verstorbenen Urgroßvater in der rechten Hand, behände hinunter.
Die erste Treppenstufe lautlos.

Die zweite meldete sich beim Betreten mit wiip.
Die dritte wieder lautlos.

Die vierte dann schon lauter wiuup.

Die fünfte fast wie die erste, aber vernehmlicher wiiip.

Stufe sechs nun im vernehmlichen Bariton wiiupaa.

Treppenstufe sieben im lauten, jedoch gepflegten Bass wioopaass, versehen mit einem leisen nur angedeuteten tiefen Tremolo.

Stufen acht und neun mit einem Satz übersprungen und auf dem schmalen Flur, dicht neben der Haustüre links gelandet.

Großmutter Friedelinde, an diesem Sonntage zum Kirchgange nicht bereit „Mäie räächde Höffde brennd wie Faier“, (Mein rechtes Hüftgelenk macht mir Beschwerden. Deswegen muss ich heute auf den Kirchgang verzichten), hatte alles gehört und gemerkt.
Sie saß am Küchentisch der winzig kleinen Küche, kaum drei Meter rechts neben der alten Treppe und schnitt die Blätter einer Endivienpflanze in sehr dünne Streifen. Die Küchentüre stand offen.
Jene Blätter, schon vorgeschnitten, waren am Samstagabend, vor dem gemeinsamen Wannenbad mit Gregorius, in lauwarmes Wasser eingelegt, und gingen nunmehr ihrer Vollendung zum Sonntagsessen entgegen.
Oma Friedelinde blickte auf und kommentierte die Szene vorwurfsvoll.

Sie bemerkte ärgerlich:
„Schoo wörrer.
De ganse Doog.
Roff, robb, roof, robb.
Onn doss ohm helle Sonndoog.
Ii dem Haus ess kää Ruh ze fenne.
Äich wern noch simbelich.“
und schüttelte dabei mit dem Kopfe.
(Schon wieder dieser Lärm. Tagein, tagaus das gleiche. Die Treppe rauf und runter, rauf und runter. In diesem Hause ist keine Ruhe zu finden.
Es ist zum Verzweifeln.)
Schon in Eile öffnete er die Haustüre, zwei Treppenstufen hinunter. Die Haustüre flog hinter ihm ins Schloss.
Diese Haustüre, deren unverkennbares Geräusch beim schließen, war schon alt, sicher ein Nachkriegsmodell, bei weitem keine Schönheit. Robust aus massivem Lärchenholz in einer Art Neobiedermeierstil gefertigt. Ganz typisch für die Stilelemente der Nachkriegszeit, die nicht nur mit dem Nierentischdesign aufwartete.
Alles, was Gemütlichkeit, Biedersinn und Wohlanständigkeit ausdrücken sollte, war damals gefragt.
Der Gipfelpunkt dieser Geschmacklosigkeiten war der „Gelsenkirchener Barock.“

Damit nicht genug: Die ehemals schmucklosen Fachwerkfassaden verkleidet mit unendlich trostlosem Eternit. Die Fensteröffnungen, ehemals klein und passend, nun herausgebrochen und ersetzt durch große Einflügelfenster die mehr Licht in die Stuben bringen sollten. Wahrscheinlich sollte so eine Anpassung an die modernen Zeiten gezeigt werden. An eine städtisch kleinbürgerliche Wohnkultur der 60er und 70er Jahre.

Das Ergebnis war erbärmlich. Die letzten Reste des Ausdrucks einer dörflich bäuerlichen Lebensweise, die eigentlich immer von Sparsamkeit, Entbehrung und trotzigem Fleiß gekennzeichnet war, waren bis zur Unkenntlichkeit verbaut, verhunzt und kaputt saniert worden.
Wenn die Häuser jemals etwas von der wirklichen Identität und der eigentlichen Lebensweise ihrer Bewohner zeigten, war dies nun verschandelt und damit für immer verloren.

Das so beschriebene dörfliche Ambiente der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts begleiteten ihn auf dem Weg zur Kirche.
Von der Haustüre aus gleich links über den Hof der schon abschüssig war. Dann gleich nach rechts die ziemlich steile Dorfstraße hinunter zur Kirche, deren Turmuhr schon deutlich zu lesen war. Neunuhrachtundzwanzig, nun aber hurtig.
Auf die Beschreibung der Architektur dieser für dörfliche Verhältnisse imposanten, aus schwarzem Diabas gebauten Kirche, mag nun verzichtet werden, ist sie doch in zwei anderen Kapiteln dieser Erzählung [hier Link] hinlänglich beschrieben.
Er betrat dieses sakrale Gebäude zuerst über eine sonntags wenig befahrene Bundesstraße durch eine schmucklose Türe an der linken Turmseite. Nun zwei Meter geradeaus, dann gleich neunzig Grad wieder nach links.
Was er nun erblickte war vertraut.
Ein langer Gang direkt zum Altar hinstrebend. Der Altar, eigentlich eine große Holzkommode, grau bläulich lackiert, so wie alles hölzerne Inventar des Gotteshauses.
Eine aus weißem Linnen bestehende Altardecke, in hessischer Lochstickerei verziert.
In der Mitte ein Kruzifix. Rechtseckiger schwerer Fuß, ein Kreuz in gleicher Farbe. Der Korpus Christi in etwa hellerer Farbe. Alles wohl aus dunklem Holz gefertigt.
Der schöne Blumenschmuck, wie üblich links und rechts des Kruzifix.
Eigentlich eine Altarausstattung in lutherischer Manier.
Eine innen wie außen schlichte, grundsolide Kirchenarchitektur, nicht schön, aber auch nicht hässlich, lutherischer Prägung.
Keinesfalls die Interpretation des himmlischen Jerusalem wie sie so faszinierend manche Kirchen, Döme und Kathedralen interpretieren, die er späterhin so sehr liebte.
Gleich darüber in etwa 3 Meter vom Boden die Kanzel.
Gleiche grau bläuliche Farbe ansonsten schmucklos.
Eine schlichte deutlich lutherisch geprägte Kirchenarchitektur in Besitz und Gebrauch von einer durch und durch calvinistisch, evangelikal geprägten Gemeindeleben.
Paramente vorhanden, dem Kirchenjahr entsprechend stehts gewechselt.
Über der Kanzel ein großer grauer, nun sagen wir Wandteppich, mit einem Bibelspruch graugrün kunstvoll bestickt. Dereinst erstellt von einer Pfarrersfrau, deren Handarbeits- und Bastelkünste weithin bekannt und gerne in Anspruch genommen wurde. Den genauen Text dieses Spruches erinnert er leider nicht mehr.
Der steinerne Boden des Kirchenschiffes rechteckig in Rautenform verlegt.
Links und rechts, das wo die Kirchenbänke sich befanden, auf niedrigen Holzpodesten, verschraubt, die Besucher des Gottesdienstes.
Unten im Schiff, nur die Frauen, oben auf den Emporen nur die Männer.
Eilig entlang das Kirchenschiffs bis zum Altar Dann gleich links zur Konfirmandenbank für Knaben.
Gegenüberliegend, gut im Blick, die Konfirmandenbank für Mädchen. Sehr praktisch. Mädchen, verschämt anglotzten, nichts sagen könnend, den höhnisch arroganten Blick der Angestierten ertragend, das Vogelzeigen ertragend, erröten.
Die Erektion wahrnehmend, im Moment nichts dagegen tun könnend. Die Oberschenkel zusammenkneifend ertragen.
Eine Dauerbeschäftigung für Knaben solchen Alters.
„Hee äss i de Fleejeljoohrn“ (Er befindet sich in der Pubertät), so wurde der Zustand solcher Knaben bezeichnet.
Bei den jungen Mädchen in diesem Alter geschah so oft eine wundersame Wandlung, die ihn, immer wieder erstaunte.
Oft verging nicht mal ein halbes Jahr und aus einem ungelenken Kind, bei dem man meinte alles Äußere würde nicht zueinander passen eine wunderschöne junge Frau, bei der plötzlich wieder, im Auge des Betrachters, alles passte.
Der Gottesdienst nahm zunächst seinen üblichen lutherisch liturgischen Verlauf.
Immer dann, wenn die Liturgie gebot, die Gemeinde solle sich erheben ereignete sich Erstaunliches.
Die Gemeinde, oben die Männer, unten die Frauen,
links und rechts des Altars die Konfirmanden, erhoben sich.
Auf einen Schlag verdunkelte sich das Kircheninnere merklich. Vor allem unterhalb der durchlaufenden Empore.
Die Frauen, zu dieser Zeit noch häufig in rabenschwarzer Witwentracht. Erhoben sich, die Helligkeit im sonst lichtdurchfluteten Schiff nahm merklich ab.
Zur gleichen Zeit strömte ein neuer Duft durch Raum.
Etwas von Mottenpulver-, Pipi- saure Milch- und Kuhstallgeruch ließ sich erahnen. Erst ganz leicht und dann immer stärker. Der Duft seiner Jugend. Auch sonst, bei manchen anderen Anlässen zu vernehmen.
So auch in den kalten, dunstigen Winterabenden, wenn die alten Frauen in den niedrigen Stuben, in der Dämmerung und weit bis in die Dunkelheit hinein, zusammen saßen, die Daumen drehten, sich von den alten Zeiten erzählten und oft auch schwiegen. Ein beredtes Schweigen, oft viel mehr sagend als manches leicht dahingesprochene Wort. Von Ihrer schweren Arbeit auf dem Felde, von der Mühsal Ihres schweren Lebens, von Hunger und Not, vom Kindbettfieber, von den viel zu früh verstorbenen Säuglingen von Seuchen die Ihnen Ihre Kinder raubten, von den Brüdern, Söhnen und Ehemännern, die so vollkommen sinnlos auf den Schlachtfeldern hingeschlachtet in zwei Weltkriegen … .
Tränen, still in einer Ecke verweilend, sah er so gut wie nie, aber dieses Schweigen, daß so viel mehr über Leid, Not, Mühe und Unglück sagte als Worte es je ausdrücken können. Ja, auch dort dieser eigentümliche Geruch… .
So mancher junge Vikar, so dachte er, könne dabei vielleicht das fürchten bekommen, wenn das Kirchenschiff sich dergestalt periodisch verfinsterte.
Auf jener Konfirmandenbank sitzend gleich links an der Wand des Chores, direkt neben der Treppe zur Kanzel stand ein altes Orgelpositiv.
Alt nicht im Sinne von historisch altem Instrument.
Es war wohl eine Schenkung an die Kirchengemeinde nach dem Kriege aus Amerika, wie immer gesagt wurde.
Ein unglaublich schräg klingender Musikkasten, bei dessen Spielen ab und an einzelnen Tasten klemmten, sodass sich der gerade intonierte Ton nicht mehr abstellen ließ. Dann war der Organist, und einer der Gemeindeältesten, mit Namen Friedensreich, ein strenger Mann mit immer streng gescheiteltem silbernen Haupthaar, niemals lachend, gezwungen, das Gebläse des Instruments auszuschalten.
Er tat dies mit Hilfe eines Drehschalters aus Porzellan, der am Instrument befestigt war, was dann postwendend mit einem laut vernehmlichen PENG verbunden war.
Der klemmende intonierte Ton, es war der eingestrichene Kammerton a‘ in moderner Stimmung, blieb noch für Sekunden konstant und verabschiedete sich dann aber ebenfalls langanhaltend mit immer leiser werdendem Jaulen.
Zum Schreien komisch.
Was geschah unmittelbar danach?
Nichts.
Kein Lachen, kein Prusten.
Nichts.
Ach ja, öffentliches Lachen und sich laut freuen ist ja verboten, erinnert sich der Verfasser.
Der Gottesdienst nahm seinen liturgisch festgelegten Verlauf.
Nun zur Predigt.
Der Prediger wohnte in Waldenau, war aber seit Jahren als Missionar in Afrika unterwegs.
Ein hagerer Mann braun gebrannt, Glatze die von einem dichten schwarzen Haarkranz umrankt war.
Markantes ausdrucksstarkes Gesicht, schmale lange Nase, die eine viereckige Hornbrille trug.
Er predigte im schwarzen Anzug, weißes Hemd ohne Krawatte. Den weißen Hemdkragen hatte er sorgsam auf das Revers seines Jacketts drapiert, man konnte sich lebhaft vorstellen, daß er so gekleidet,auch in Afrika predigt.
Missionare waren zu jener Zeit sehr beliebt. Hatten sie auch noch eine schwarze Hautfarbe stiegen sie in der Beliebtheitsskala nochmals erheblich.
War ein solcher Prediger zu erwarten, redete man darüber und freute sich auf Abwechslung.
„De Sonndog kimmt enn Neejer i de Körrche“ (Am Sonntag hält ein Missionar mit schwarzer Hautfarbe den Gottesdienst), hieß es dann.
Die Predigt war dann zumeist abwechslungsreich, Geschichten, Erlebtes aus dem schwarzen Kontinent wurden erzählt um sie in den Predigttext eingebunden. Manchmal wurden auch Alltagsgegenstände mitgebracht, auch Trommeln, Schellen, Rasseln aus diesen fernen Ländern.
Manchmal wurden zum Ende des Gottesdienstes Tee Getränke aus diesen Ländern ausgeschänkt.
Immer und ausschließlich zur Verdeutlichung des Kernes der Predigtbotschaft, nie nur zum Spaß oder um den Durst zu stillen.
Man übte auch christliche Lieder aus diesen „Missionsländern“ ein.
Die fremde Sprache, der beschwingte Rhythmus, allseits beliebt und gerne mitgesungen.
Der Missionar predigte nicht von der Kanzel aus. Er tat es vor dem Altar auf dem kleinen steinernen Podest auf dem auch der hölzernen Altar seinen Platz fand.
Die Predigt war anschaulich, gut zu verstehen, erfüllt von bunten Bildern und seinen vielfältigen Erlebnissen auf dem schwarzen Kontinent.
Allmählich, es war zu spüren, redete er sich frei.
Sein Blick entspannte sich, sein Gestus, vorher eher hölzern und kantig, wurde flüssiger, passte immer besser zum Redetext.
Dann, kaum merklich, redete er immer schneller die Sätze wurden kürzer.
Ihm wurde wohl warm, fasste sich ab und an an den Hemdkragen und richtet die Krawatte.
Er hatte den Eindruck als ob sich winzige Schweißperlen auf seiner Oberlippe bildeten.
Es war als blickte zusehends in die Ferne, war ganz bei den von Ihm entwickelten Sprachbildern.

Er berichtete schlussendlich von den schwarzen Frauen, die zu den immer extatischer werdenden Trommelrhythmen tanzten, sich im immer schnelleren Tempo tanzend in Extase bewegten wild archaisch und fremd.
Dann auf dem Gipfel der Extase sich Ihre Brüste blutig kratzten………….. !
Friedensreich erstarrte, blicke still zu Boden und schüttelte dabei sein silbernes Haupt… .


Post skriptum:

Laienprediger unterschiedlicher evangelikaler Denominationen bestiegen zu jener Zeit die Kanzeln und Pulte der evangelischen Kirchen und der Gemeindehäuser. Und legten Zeugnis ab, wie es damals hieß.
Das geschah ohne besondere, nachvollziehbare Eignung für diese Aufgabe.

Eine wie auch immer geartete theologische Vorbildung gab es wohl kaum oder sie wurde unterlaufen.

Die damals oft von ihm gehörte Begründung dafür:
Studierten Theologen bekämen an den Universitäten eine Lehre verpasst, die sich nicht mehr an der reinen Lehre der Bibel orientieren würde.
Bibeltreue Verkündigung sollte sein. Alles darüber hinaus sei eine gefährliche Irrlehre. Die gelte es zu bekämpfen.
Sie bilde eine große Gefahr für alle, die sich damit beschäftigen würden.

So mancher unbefangene junge Mann, der aus so einer rechtgläubigen Gemeinde gekommen sei und sich aufgemacht habe, um ein universitäres Theologie Studium zu beginnen, sei vom rechten Glauben abgefallen.

Mit verheerenden Folgen. Der Teufel selbst habe sich mit Hilfe seiner Helfer an den Universitäten dieser armen Seele bemächtigt und sie verführt.
Nun drohe unweigerlich die ewige Verdammnis.
Es sei denn, er kehre um und schwöre der Irrlehre ab.

Dann – nur dann – sei eine erneute Aufnahme in die Gemeinschaft bibeltreuer Christen wieder möglich.

Vor dem Hintergrund einer solchen Geisteshaltung kam es jedoch gelegentlich zu Vorfällen die das Eingreifen des Kirchenältesten wie beschrieben erforderlich machte.

Kumm mei kläinr Buu, mr welle zum Himmelvadr bääde

Komm mein kleines Bübchen wir wollen zum Himmelvater beten.“

Das alte Ehebett mit den hohen Brüstungen vor Kopf und am Fußende. Dicke Federbetten
zusätzlich noch eine Wolldecke auf jedem Bett, darüber.
Grossmutter Christine hatte schon vor einer Stunde die Heizdecke angeschaltet.
Die Bettlaken aus Bieberbettwäsche, wollig aufgeraut, weich warm und anschmiegsam.
Ein kleiner Holzofen gleich links neben der Schlafzimmertüre brannte noch, war jedoch schon am verlöschen. Trotzdem war noch ein sanftes knistern zu vernehmen. Es roch undeutlich nach frisch verbranntem Holz und Asche.
Der große Kleiderschrank unmittelbar gegenüber des Ehebettes ragte hoch bis fast unter die Zimmerdecke.
Er zeigte ein dunkles graues braun auf seiner Oberfläche. Am oberen Ende, befand sich ein kleiner durchgehender Sims im Stile des Neobiedermeier.

Es war im Dezember, an einem Freitagnachmittag, so eine Woche vor Weihnachten. Die Winterferien hatten mit diesem Tage begonnen. Schon am Morgen hatten dicke Schneeflocken die Dächer und Felder bedeckt.

Die Dorfschlehrerin, Frau Wollmantel hatte Ihre Zöglinge mit den Worten: „Ein gesegnetes Weihnachtsfest mein Völkchen“ in die Weihnachtsferien entlassen.

Zuvor in der letzten Schulstunde war das Fach Religion, wie üblich, an der Reihe.
Alle Schüler, von der ersten bis zur dritten Schulklasse, saßen im größten Klassenraum zusammen. Sie sangen zu Beginn, das schöne Weihnachtslied, Ihr Kinderlein kommen, oh kommet doch bald…… .

Frau Wollmantel begleitete dabei mit einem schwarzlackierten Musikinstrument aus Plastik, welches ein Mittelding von Ziehharmonika, und Harmonium darstellte.
Dieses Instrument wimmerte erbärmlich, zwischendurch asthmatisch pfeifend. Die Kinder störte das nicht, hatten sie doch keine musikalischen Vergleichsmöglichkeiten. Im Gegenteil, sie sangen mit Inbrunst, gefühlvoll das kommende Weihnachtsfest freudig erwartend.

Ihre Lehrerin erzählte die biblische Weihnachtsgeschichte so, daß die Kinder sie gut verstehen konnten. Sie erzählte sehr schön mit ruhigem Ton und weicher Stimme, die schon andeutungsweise, ein sanftes Tremolo zeigte. Ein Umstand der viele weibliche Sopranstimmen betrifft, die allmählich das Klimakterium erreichen.

Als die Stelle mit der Verkündigung der Engel über die Geburt des Jesuskindes gekommen war, erreichten Ihre erzählerischen Qualitäten einen Höhepunkt.

Die Engel erschienen prachtvoller, ihr Erscheinen spektakulärer.
Auch den Stall zu Bethlehem, als Geburtsort des Jesuskindes schilderte Sie bildhaft und verständlich.

Im Zentrum Maria sitzend mit dem Kinde in der Futterkrippe, liebevoll mütterlich saß Sie dort. Ihr Blick strahlte Freude, aber auch Wehmut, Schmerz und Trauer aus. Als ob Sie schon ahnen könne, welchen Weg Ihr Sohn bis hin zum Kreuz auf Golgatha gehen würde.

Ein Zitat von Dietrich Bonhoeffer mag an diese Stelle passen, ohne den Erzählstrom wesentlich zu unterbrechen:

„Allein weil Gott ein armer, elender, unbekannter, erfolgloser Mensch wurde, und weil Gott sich von nun an allein in dieser Armut, im Kreuz, finden lassen will, darum kommen wir von dem Menschen und von der Welt nicht los, darum lieben wir die Brüder. Wer fromm ist muß auch politisch sein.“

Gleich daneben rechts, Joseph. Groß, würdig, mehr Hirte als Zimmermann, ein schwerer Umhang und der unvermeidliche Hirtenstab. Alle drei beisammen die heilige Familie.

Die Krippe umlagernd, sitzend halb liegend aufgestützt, drei Hirten. Sie blicken staunend und zugleich erfreut auf das Jesuskind.

„Sind wir es, die ärmsten der Armen, wir die wir am Rand des Gesellschaft leben wirklich die ersten, die das Wunder der Geburt Christi erleben dürfen? Sie wir es, die als Erste dabei sein dürfen, von himmlischen Heerscharen, gerufen, wenn Gott als hilfloses kleines Baby auf die Erde kommt?“

Dabei der Ochse, der Esel und 3 Schafe. Die Körper der Tiere sind hinter einer Bretterwand verborgen. Lediglich die Köpfe sind zu sehen. Ihre Köpfe sind größer als gewohnt, die Augen staunend groß, blicken sie bewundernd und fröhlich auf die Szene.
Fast wie Kinder, die Ihre Weihnachtsgeschenke erhalten haben.

Die 3 Waisen aus dem Morgenlande mit den Gaben, Gold,Weihrauch und Myrhe.
Nun, die fehlen noch. Sind vielleicht noch nicht angekommen.

Zum Ende dann noch: Oh du fröhliche oh du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit…….
Die letzte Strophe dann hymnisch, laut und voller Inbrunst gesungen: …….freue dihich freue dich oh Christenheit !!!

Die Kinder liebten Ihre Geschichten, vor allem dann wenn nach dem letzten Schultage die Ferien begannen.

Zuweilen gingen nicht nur Ihren Schülern, sondern auch Ihr selbst die Geschichten so nahe, daß Ihr die Augen feucht wurden und Sie leise zu weinen begann. Sie erzählte dann von Krieg, Not und Tod, von Flucht und Vertreibung ihrer Familie, von Ihrer Geige die auf der Flucht mitgenommen, plötzlich beim einem Zusammenstoß der Pferdewagen in tausend Teile zerschellte …… .

Ja, Sie war ein Schöngeist im besten Sinne, eine kluge musikalisch begabte empfindsame Seele, wie geschaffen bei uns Kindern die Neugier zu wecken, die Phantasie und die Kreativität.
Wir Kinder wussten das nicht, aber, sie fühlten es.

Gegen 21:00 Uhr.
Die Oma hatte Ihn schon zu Bett gebracht.
Er war ziemlich müde, fühlte sich ein wenig abgeschlagen.
Ein paar Minuten erschien Sie dann, in ihrem blassrosa Unterrock, welchen er gut kannte, diente er Ihr doch als Nachthemd.

Opa, war wie üblich noch aufgeblieben um fern zu sehen. Opa war ein leidenschaftlicher Fernsehgucker. Am liebsten: Die Tagesschau, Ein Platz für Tiere, Eiskunstlauf, Skispringen und am liebsten Spiel ohne Grenzen, aber auch Krimis: Tatort und Edgar Wallace.
Gewöhnlich schaute man gemeinsam fern. Eine Zeit für das Zubettgehen für Kinder gab es nicht.
Oft schauten Oma, Opa und Kinder bis zum Sendeschluss. Dann erklang immer die Nationalhymne, dann erschien das Testbild, danach erst ging’s zu Bett.

Seinen Eltern wurde davon nichts gesagt. Es war unser Geheimnis, welches auch nie gelüftet würde.

Oma schlug die Bettdecke zurück. Er lag schon im selben Bette, was schon, Dank einer Heizdecke, wohlig warm war.
Oma legte sich dazu, strich Ihm sanft über den Kopf.
Sie roch immer, ganz im Hintergrund, ganz zurückhaltend nach Vanille. Es war Ihr ureigenen Geruch, den er liebte.

Die Heizdecke wurde ausgeschaltet.
Oma griff nun zu einem silbrig blassvioletten Kordel welches senkrecht von der Wand hinter dem Bette baumelte und den kopfseitigen berührte. Es war an dessen Ende mit einem ebenfalls blassvioletten Bommel versehen, der an seiner Unterseite mit lustigen herabhängenden kleinen Fäden versehen war.
Dieser Kordel nun hing über dem unvermeidlichen Heilandsbild. Eine erhabene, milde, verständnisvoll und gütig blickende Jesusfigur, mit Vollbart und langem gewellten Haupthaar, den Hirtenstab in der Hand. Vor Ihm in der mondbeschienenen hügeligen Landschaft, die an den Allgäu erinnerte, seine Schafherde.

Das Kordel baumelte, zwangsläufig, keck direkt über die Nase von Jesus.
Dieser schien sich daran nicht zu stören, im Gegenteil, er nahm er hin und schien durchaus belustigt.
Oma zog an dem besagten Bommel. Ein lautes Klack erklang, da Deckenlicht verlosch sogleich.

Sie nahm seine Hand und sagte:

„Kumm kläinr Buu. Mer welle noch zum Himmelvaddr bääde.“

Nun ja, es sei nochmals erwähnt:
„Oma und Opa waren fleißig, lebten sparsam, tat Ihre Pflicht, und waren durchaus gottesfürchtig. Aber nicht auf diese ausgrenzende verhärtete, kalte Art und Weise wie sie im Klippdachsland zu beobachten war.“
Ihm tat das immer sehr gut. Es hat sein bisheriges Leben entscheidend geprägt.
Die Oma und auch der Opa haben immer noch ein festen Platz in seinem Herzen.“

Nachdem das Licht verloschen war, erzählte Oma wie so oft von der alten donauschwäbischen Heimat. Von Opas Stellmacher Werkstatt, von eigenen Weinberg, vom Maulbeerbaum am Strassenrand und dessen süßen, köstlichen Früchten. Von der schweren Arbeit im Felde auf einem fruchtbaren Boden. Von der Kukerutzernte (Maisernte) .
Bald wurden beide müde, ihre Augenlieder wurden immer schwerer und fielen schließlich zu.

Mitten in der Nacht erwachte er mit heftigen stechenden Schmerzen im rechten Ohr. Er erinnerte sich an einen Alptraum:

Ihm träumte, daß er mit hohem Fieber im Bett lag, schweißnass und mit heftigen Schmerzen an ganzen Körper. Er war nass geschwitzt, der Kopf glühte förmlich und hatte rasende Kopfschmerzen. Er litt grossen Durst, die Zunge klebte Ihm am Gaumen.
Wirre Gestalten gnomenhafte Gesichter legten sich auf seine Brust, das stmen wurde ihm immer schwerer.
Ein besonderes niederträchtiger Gnom mit bösem hinterhältigen grinsen stach ihm mit einer langen Strick-Nadel ins Ohr.
Dann schien alles zu verschwimmen, graue Schwärze verdunkelten seinen Blick. Er schien zu schweben.
Dann ganz plötzlich wandelte sich die Szenerie.
Er befand sich nun in einem großen langestreckten Raum. Die Wände, hellgrün gekachelt. Bei einigen Kachel schien die hellgrüne Glasur abgeplatzt zu sein.
Der Boden ebenfalls gekachelt. Kleine rechteckige Fliesen mir kleinen grauen und schwarzen Punkten. Der lange Raum war mit einem recht lauten ratterden Geräusch erfüllt. Nicht unangenehm, eher mechanisch gleichmäßig, verlässlich, fast beruhigend.
Es waren 2 altertümliche Kompressoren, die freistehend, surrend und nagelnd seit Jahrzehnten ihren treuen Dienst, Tag und Nacht jeden Tag des Jahres ohne zu murren, versahen.
Diese Kompressoren dienten zur Kühlung dieses riesigen Gefrierschrankes. Man nannte diese ganze Anlagen somit Gefrieranlage, welche einem einzigen Zweck diente, nämlich allen Bewohnern des Dorfes unabhängig von Stand und Bildung eine Gefriermöglichkeit, zu einer verschwindend geringen Miete zu gewährleisten.
Genau in der Mitte des Saales befand sich ein rechteckiger großer Quader, nämlich der besagte riesige Gefrierschrank.
Der hatte die gleiche Farbe als die Fliesen, nämlich hellgrün.
So um die 3 Meter breit und mindestens 10 Meter lang, genau in der Mitte des langestreckten Saales,
sodas sich links und rechts Gänge befanden, die bequem zu begehen waren.
Von rechts wurde der Saal lichtdurchflutet.
Dort befand sich eine lange Fensterfront, die, vor allem im Sommer viel Licht spendete.
Nun, der Quader hatte links und rechts, auf 3 Ebenen 10 kleine weiße Türchen, lustig anzuschauen und von cremeweisser Farbe.
Jedes Türchen hatte ein Schloss, in Chrom, ebenso possierlich anzuschauen.
Wie gesagt, immer noch fiebrig, krank und vollkommen verschwitzt schwebte er in diesen Saal.
Alles war vertraut.
Schon an der Eingangstüre sah er links in der obersten Reihe jenes Türchen auf dem sich ein rotes Schildchen klebte.
Darauf stand: Vorfroster.
Ein Stehleiterchen ganz in der Nähe, diente dazu die dritte Reihe der Fensterchen bequem zu erreichen. Er schob es zurecht. Laut schleifend, kratzend, als ob es sich nicht bewegen wolle. Durch die gekachelte Halle, vielfach im Geräusche gebrochen, hallend ergab die eine infernalische Kakophonie, die ihn in Mark und Bein erschütterte.
Der kleine Schlüssel baumelte vom verchromten Schloß des Türchens.
Er stieg eine Stufe empor drehte ohne Mühe am Schlüssel, zog nur wenig am Schloß und schon öffnete sich das weiße Türchen.
Ein eisig kalter Windhauch kam ihm sogleich entgegen, er fühlte sich augenblicklich erfrischt.
Das innere dieses Vorfrosters war ganz aus Buchenholzlatten gefertigt. Zwischen den Latten war immer genügend Platz gelassen worden.
Aus diesen Zwischenräumen wehte ein kontinuierlichen eiskalter Windhauch. Auch am Boden fanden sich jene Latten aus Holz.
Dort befanden sich einige wenige Flecken aus Blut, nein nicht eckelerregend, nicht abstoßend, sondern wie selbstverständlich dorthingehörend. Es war Schweineblut.
Er öffnete das Türchen noch ein Stück weiter, sodass mehr Tageslicht von Außen hineindran. Was er nun sah entzückte ihn so sehr, daß er beinahe das Gleichgewicht auf dem Leiterchen verlor.
Ganz hinten links, im hölzernen Gefrierfach, stand ein Glasflasche im Jugendstil. Unten etwas breiter, sich dann elegant verjüngend, um sich danach wieder zu verbreitern, so elegant und anziehend wirkte wie eine schöne Frau im knöchelangem Kleide dessen Faltenwurf, Figur und Taille vorteilhaft umspielte.
Die Flasche, an sich schon in ihrem jugendstilarigen Ausehen faszinierend und von einer nachgerade erotischen Anziehungskraft steigerte sein Verlangen zu trinken. Umso mehr als sie von der Kälte mit winzigen Wassertröpfchen beschlagen war, die sich ab und an zu größeren Wassertropfen vereinigten und langsam den Flaschenhals hinunterrannen. Mit unwiderstehlichem Durst, die Zunge am Gaumen klebend, stieg er nun vollends in das kühle Fach und sah, das jene Flasche bereits geöffnet war. Ihr runder Kronkorken lag, gleich neben ihr. Die zwei Ränder ihrer runden Gestalt waren ein wenig nach oben gebogen. Er hob die Flasche an. Wie kühl sie sich anfühlte. Er betrachtete sie nochmals und trank, gierig und voller Wonne, von dem köstlichen dunkelbraunen Naß……… .

Dann erwachte er, fühlte sogleich diesen stechenden bohrenden Schmerz im rechten Ohr, als ob ihm jemand mit einer glühenden Stricknadel in den Gehörgang stach. Vor Schmerz begann er leise zu weinen. Oma erwachte, tastete nach ihm, fand im Finstern seinen glühenden Kopf.

„Mei Buu, warum duuscht dann greine uffd Nacht?
(Mein kleiner Bub, warum weinst du denn mitten in der Nacht?)
„Ganz schlimme Ohrenschmerzen“ tat er mit weinerlicher Stimme kund.
„Duu nedd greine mei Buu, ich weck drr Oba, däär werd drr helfe kenne,“ flüsterte sie und streckte Ihren Arm zu Opa aus.

Er aber war schon wach geworden und sagte leise: „Was iss dann Christschinn? (Christine?)“ „Drr Buu hodd Ohreschmerze, kannscht helfe?“
Opa fasste Ihn bei der Hand, zog am Schlafzimmerleuchtenbommel.

Das Deckenlicht leutete auf.
Er kniff die Augen zusammen.
„Kumm mit Buulä. I will drr helfe.“
Opa zog seine Hauschuhe mir dem rechten Fuss unter dem Bettgestell hervor und schlüpfte hinein.

Er fasste ihn bei der rechten Hand, öffnete die Schlafzimmertüre. Sie schlurften durch den dunklen kalten Flur, dann gleich links durch die Türe in die Küche.

Opa schaltete auch hier das Licht an. Hell und ohne Erbarmen durchflutete es die Küche.
„Setz di mei Gulbass.“(liebevolle Umschreibung für einen schalkhaften kleinen Buben)
„I kann dr helfe.“

Opa schlurfte ins gegenüberliegende Wohnzimmer und öffnete die linke Schranktüre. Er kam wieder zurück und hatte ein kleines Schnapsglas in der Hand welches er bedächtig auf den Küchentisch stellte.

„Woort noch e bische. I geh gschwind in die Speis (Speisekammer) und hol was. Des helft mei Buuleh.“ (ebenfalls eine liebevolle Umschreibung für einen kleinen Buben) Opa verlies die Küche gleich links in Richtung Schlafzimmer, dann wieder links in die Speisekammer.
Er hörte ein zurechtrückendes leises Gläserklingen.

Als Grossvater zurückkam hatte er eine Ölflasche in der Hand, die er ebenso bedächtig auf den Küchentisch neben des Schnapsglässchen stellte.
Dann öffnete er die Ölflasche ing goss einen winzigen Schluck Öl in des bereitstehende Gläschen. Er so auf dem Küchenstuhl, am Tisch, gleich unter der Küchenleuchte, nur bekleidet mit seinem Schlafanzug. Er begann zu frösteln, ja sich ein wenig zu fürchten. Was mochte nun mit Ihm geschehen?

Grossvater trat zu Ihm hin, strich Ihm über den Kopf, beugte selbigen ein wenig auf die linke Körperseite des Knaben.

Er nahm das Schnapsglässchen und goss einen kleinen Tropfen des Öles in sein rechtes schmerzendes Ohr und sagte:

„Buulä des wärd helfe, kannschsts gloowe.“ ….. .

Die Kluge

Die Kluge und der Klotz

So klug, so sachlich, reflektiert
So kühl so gebremst, so kalt Sie wirkt.

Ironisch fein, der Spott rinnt durch
Zynismus gar?
Das glaubt Er eher nicht.

Sein Kopf kann so was nicht;
versteht’ s auch nicht.
Bei Ihm regiert der Bauch.

Das macht Ihn schwankend,
neidvoll zugeknöpft.
Ausgeliefert fühlt er sich, machtlos, hilflos dann.

Jetzt steigt die Wut in Ihm,
genährt von eigner Angst.

Schlägt drauf dann, wie ein grober Klotz
und schämt sich dann.

So dumpf, so grob, so ohne Feinheit
steh Er da

Ist ganz verzagt und brütet dann.

Frühlingserwachen?

Der Frühling kommt

Der Frühling kommt was bringt er dir
Sonne die Du meidest

Helligkeit die Unruh schafft
Weil außen bunt und innen grau und fad und alt

Licht das den Schmutz der Ecken lüftet
Es zeigt den Restedreck aus all den Jahren

Der angesammelt sich als Lebenskehricht

Vogelzwitschern laut und schrill

Farbe deren Pracht so schnell
verschwindt und Wärme die zur Schwüle neigt

Aufbruch die Gewohnheit raubt
doch eigentlich sich alles immer gleicht

Seelenschmerz weil Neues trügt

Alle lieben diese Zeit von Anbeginn
Er nicht, ist wohl ein rechter Sonderling

Bunte Runde

Bunte Runde laut und schrill
Leiber duftend Haare schillernd

Augen voller Anmut strahlen
Münder von Verlockung künden

Reden denkend ständig
Künden süß fast nur Banales
Du fällst drauf rein und hörst‘s voll Lust

Doch steckt dahinter oft Berechnung.
Hör näher hin lass dich nicht blenden
Auch Gift und Galle sind oft süß

Merk auf mein Freund,
schmeckst nur Glasur;
und innen wird es bitter.

Duften, lockend
Augen strahlend.
Haut wie Alabaster schimmert
Münder schwellen sanft
Merk auf mein Freund
Halt dich zurück
Denn manchmal wird es bitter
Merk auf meine Freund:
Du bist es selbst.
Gib acht.

Eine kleine Vogelkunde

Die Krähe

Einsamkeit wer bist du denn? Bist du wie eine Krähe, die an einem grauen Abend im November das Gebüsch verlässt,auf den sie spähend ruhte und nur noch Leere hinterlässt?


Der Bussard

Freiheit wer bist Du denn?

Bist du der Bussard der
auf hohem Ansitz ruht,
reglos sitzt und lugt.

Im nächsten Augenblicke
schwingst du dich auf,
du stürzt herab,
breitest deine Schwingen aus,
der Wind der fängt dich auf.

Und scheinbar ohne Mühe gleitetst du ein Stück, schraubst dich langsam hoch
in einen Himmel der nichts ist
als blaues helles Strahlen.

Dort ohne Mühe bist du frei.

Von allem frei und weißt dich doch geborgen.
In diesem Ozean der Lüfte.

Die wiegen sanft
und dennoch heben sie
dich hoch und immer höher.

Was eine wahre Lust zu leben.

Herbstgedanken

Du guter Herbst
Du kühlst.
Du ziehst in deinen Bann mit Gold und Rot und all dem dazwischen.
Du gibst eine Ruhe zurück.
Du weist den Weg nach innen, nimmst den Drang sich zu zeigen.

Guter Herbst

Du später Herbst
Lichtdunst der kühlt.
Dämmrung die ruht.
Honigträchtger Kerzenduft.
Fettköstliche Gans.
Dunkelstarker Gerstensaft.
Sauerstarkes Kappeskraut.
Nachtsüße Schokoladenlust.
Das ist der späte Herbst.

Später Herbst

Ein guter Herbst

Du guter Herbst

Du kühlst. Du ziehst in deinen Bann mit Gold und Rot und all dem dazwischen.

Du gibst eine Ruhe zurück. Du weist den Weg nach innen, raubst den Zwang sich dauernd zu zeigen.