Der Atombunker

Bergan, vorbei an einem alten Lattenzaun links im Sommer oft gekrönt von Blechbehältern, zur Aufnahme und Abmessung von Kuhmilch, zum trocknen dort befindlich.
Ging man dort vorbei roch es nach saurer Milch und angetrockneter Scheuermilch.
Die Sonne brannte heiß im Mittagszentit vom blaugrauen wolkenlosen Himmel.
Die Luft erschien dunstig besser noch staubig. Nicht schwül sondern eher wie vertrocknet grasig wie altes trockenes Heu das Anfang Juni noch in den Scheunen lag und darauf wartete von lustlos wiederkeuenden Rindern gefressen zu werden, gab es doch längst frisches grünes duftiges, würziges Gras.

Ein weiteres Stück des Weges bergan an der rechten Seite eine breite Hofeinfahrt auf ein Wohnhaus, ganz untypisch für diese Gegend zweistöckig aus rostroten Backsteinziegeln erbaut.
Kein typisches Bauernhaus, eher kleinstädtisch, Stockhöhe bestimmt mehr als zwei Meter fünfzig.
Erbaut in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Baustil schwer zu erahnen. Vielleicht etwas in Richtung Art Deco.
Links daneben eine große Scheune mit einem ausladenden Wetterdach, baulich mit dem Wohnhaus verbunden.
Kuhstall und der Schweinestall waren in der Scheune ebenerdig integriert.
Dort wohnte unter einem Dach ein weißer alter Mann gemeinsam mit Ehefrau, Sohn, Schwiegertochter und 3 Enkelkindern. Drei Generationen in einem Haushalt, zu jener Zeit selbstverständlich, heutzutage vollkommen undenkbar.
Ja er wagte zu vermuten. Sie lebten einträchtig miteinander ein einfaches, zufriedenes, unverkrampftes, arbeitreiches Leben, sicher wissend, daß sie sich aufeinander verlassen konnten weil sie einander zur Bewältigung ihres Lebens benötigten.


Dieser betagte Mann, nennen wir Ihn Henrizi, bei jedermann sehr beliebt, lebensklug, freundlich gegen Jedermann, in sich selbst ruhend, nie missgelaunt, ein sehr guter Rechner, mit vielen Ehrenämtern betraut, so auch mit dem des Gemeinderechners (Gemeinde-Kämmerer).
Die Kinder und nicht nur die liebten Ihm, ob seiner durch und durch philanthropen Lebenseinstellung.
Er „hielt“ auch als einer von Vielen, zu jener Zeit nur Männer, wie man sagte die „Sonntagsschule“ (Kindergottesdienst). Immer sonntags nach den regulären Gottesdienst, so gegen elf Uhr vormittags.
Alle, so gut wie alle Kinder des Dorfes versammelten sich zu diesem Zwecke im Chorraum der kleinen Kirche und nahmen im Chorgestühl, damals noch getrennt nach Geschlecht, Platz.
Links die Knaben, rechts die Mädchen.
Steht’s wurde getrennt unterrichtete.
Zur jener Zeit unterrichteten nur Männer.
Der Unterricht lief sehr unterschiedlich ab.

Die einen, Opa Henrizi auf alle Fälle gehörte zu der geduldigen, sanftmütigen, eher liberalen Fraktion.

Die andere Fraktion ziemlich ruppig, mit Strafen drohend, auf unbedingte Disziplin bestehend, Bibelstellen bei Disziplinlosigkeiten als Strafarbeit auswendig zu lernen zwingend.


Er ging weiter bergab, nur wenige Schritte, in die Lücke gezwängt, ein kleines weiteres Bauernhaus.
Im rechten Winkel daneben die Scheune, größer als das eigentliche Wohnhaus.
Auf dessen Hof stand ein wunderliches Gefährt.
Gelb mit großen Traktorenreifen hinten
An der Forderachse eine kleine Bereifung, krotesk in Größe Form. Wie zwei frisch gebrühte Blutwürste die so prall erschienen, als würden sie gleich platzen.
Vorne dann eine Lademulde, viel zu üppig für diese seltsame Gefährt.
Hinten dann ein sogenannter Löffel, zahnbewährt an einem nach oben gereckten hydraulischen Gestänge, zum ausheben von Gräben und Löchern.
Links und rechts daneben zwei stämmige fussähnliche Stützen die hydraulisch bodenwärts ausgefahren werden konnten.
Zwischen den unförmigen Rädern der Hinterachse ein Glaskasten für den Bediener dieses kuriosen Gefährt. Darin ein riesiges Lenkrad, viele Hebel zum Bedienen und drei metallene Fußpedale.
Das ganze Gefährt ungelenk, monströs und kurios erscheinend.
Dieselgeruch, Hydrauliköl bildeten ein kurioses olfaktorisches Erlebnis. Hinzu kam der Geruch von frischer ausgehobener Erde.

Das Vehikel wirkte lächerlich, gleichzeitig aber auch dämonisch, als ob es von einem nahenden Unglück künden würde.

Linn war ein sonderbarer Mann.
Immer in Arbeitskleidung, immer den schwarzen Dachdeckerhut tief ins Gesicht gezogen.
Seine Mienenspiel, unter dem Dachdeckerhut schlecht zu erkennen, seltsam unbeteiligt, fast starr und finster, weniger furchteinflösend als vielmehr verwirrt.
Linn war ein Halbwissender. Ein wild zusammengewürfeltes Sammelsurium aus Halbwissen, gespickt mit Elementen von linken Verschwörungstheorien, groteskem, damals dem linken Zeitgeist entsprechenden Antiamerikanismus.
Als fühle er sich bedroht, stehts von finsteren Mächten umgeben. Denen wollte er Einhalt gebieten, sich selbst und Andere retten. Ja, er wollte die Welt retten, zumindest die, für die es sich lohnte.
Jeder Form von Religionsausübung stand er feindliche gegenüber.
Ein Novum für einen Bewohner des Klippdachsland.
Hier herrschte doch eher ein weltabgewandter, leibfeindlicher Evangelikalismus.

Diese seine Weltanschauung war der Grund für sein über 10 Jahre andauerndes Bauvorhaben.


Er errichtete über die Jahre hin einen Schutzraum, der selbst einem atomaren Angriff standhalten sollte.
Jedoch damit nicht genug.
Gleich neben dem schon stattlichen „Atom Bunker“ begann er weiter zu graben.

Der Atombunker

Senkrecht nach unten in Richtung Erdmittelpunkt.
12 weiter Meter täufte er nach unten. Fragte man Ihn nach dem Sinn und Zweck seiner bergmännischen Arbeit antwortete er zunächst nicht, blicke verschlossen und herablassend um dann zu sagen:
„Ich suche nach Wasser. Im Bunker will ich mein eigenes unverseuchtes Wasser haben.“
Er grub mit Leidenschaft mehr als 2 Jahre nur unterbrochen von seine Arbeit als Fahrer diesen obskuren, Gerätes. Ein wie schon erwähnten Tracktorenbaggerschaufelladervehikels das auf ihn bedrohlich wirkt, so als ob er ein grausames Geheimnis hüte was irgendwann zutage kommen werde.
Linn bat zuweilen um Mithilfe für seine bergmännische Tätigkeit. So auch bei Ihm und seinem besten Freund Martinus R.i.P.
Samstags vormittags, so gegen halb zehn stand er unvermittelt und unbeobachtet, im. Schlafzimmer unterm Dach und bat um tätige Mithilfe.
Dem kam er und Martinus dann auch auch gelegentlich nach.
Ein anderer Helfer, der weit mehr in Anspruch genommen wurde war Bann.
Bann war ein freundlicher, steht’s hilfsbereiter Mann mittleren Altern.
Hager, klein, die Hände schwielig, schrundig, oft blutig gekrümmt, von der vielen harten Arbeit die er seit Jahrzehnten bei einer örtlichen Baufirma als Bauhelfer leistete.
Gelegentlich hielt Linn eine Belohnung für Martinus und ihn bereit.
Im Anschluss an unsere Helfertätigkeit lud Linn zu einem abendlichen Frühstück ein.
In der kleinen Küche war seine damalige Gattin R.i.P damit zu tun Eierkuchen mit Speck zu bereiten.
Eine attraktive Frau mittleren Alters, klug, freundlich gegenüber Jedermann. Sie war mit medizinischen Kenntnissen als Sprechstundenhilfe ausgestattet. Kleinere Verletzungen, von allem bei den Kindern behandelte Sie mit Geduld, Empathie und Freundlichkeit.
Das bäuerliche Mahl aufgetischt auf dem Esstisch einer winzig kleinen Kochküche. Linn wie immer in seiner Arbeitskleidung, reichte dazu einen „Wein“, den er aus einer fünf Liter Weisblechdose reichte.
Auf der Dose, die golden schimmerte, befand sich ein buntes Schildchen aus Papier.
Dort stand:
Kröver Nacktarsch lieblich
Unten drunter dann zwei nackte fröhliche Putti, pausbäckig einen Weinglas in den Händchen haltend.


Ein kalter nasser Tag im Februar. Der Schnee nass, die Pfützen auf dem Feldweg aufgetaut.
Das Eis bildete kleine klare Ränder, ganz zerbrechlich. Die Erde war noch gefroren. Am Boden der Pfützen bildete sich eine graue schwärzliche Schicht aus Lehm.

Gummistiefelnd ein paar hundert Meter bergan.
Martinus R.i.P. zog einen Schlitten hinter sich her. Marke Davos (Daafos) im Dialekt. Er selbst hatte keine Ahnung, daß es sich dabei um den weltberühmten Urlaubsort der Reichen und Schönen in der Schweiz handelte.

Für Ihn war Martinus Schlitten, der beste Schlitten der Welt. Rotbraun das Holz, harzig (Bidschbiin) wie wir es nannten (Pitchpine Pechkiefer).
Der Sitz aus in der Form einer kleinen Mulde. Für Ihn, ganz eindeutig „Schalensitz“.
Er neidete Martinus keineswegs den „Daavos“ den er sein eigen nannte.
Wie immer teilten sie das Meiste von dem vergleichsweise Wenigen was wir hatten. Dennoch erschien es uns so als ob wir von Allem genug hatten. Mehr wollten wir nicht haben.
Er selbst hatte einen Schlitten mit dem Markennahmen „Bella“. Ohne „Schalensitz“, viel kleiner als der „Daafos“. Ein Einsitzer.
Sein „Bella“ war ein „Schreelääfer“ (Schrägläufer – besagter Schlitten zog beim Abwärtsfahren deutlich nach rechts, was sich in Sonderheit bei schneller Abwärtsfahrt bemerkbar machte), aus Eschenholz gefertigt.
Martinus Daavos wir üppig mit Vogelfutter beladen. Meisenknödel selbst hergestellt, Rinderflomen (Bauchfett vom Rind oder von der Kuh, Sonnenblumenkerne), Vogelfütterung in Wald und Feld.
Den ganzen Winter über, immer Samstagnachmittag, verbrachten sie mit dieser Aufgabe, oft durch Sturm und Schneetreiben stapfend. Ein Abenteuer und sinnstiftend dazu.

Martinus hatte inzwischen das Vogelsberger Volgelfutterhaus mit Sonnenblumenkernen gefüllt.
Sorgsam wie er war reinigte der die Futterstelle zuvor gründlich mit einem Handfeger.
Er stand dabei und fühlte seine Ruhe und Gelassenheit angenehm in sich aufsteigen. Hier war sein bester Freund, der sich durch nichts aus der Ruhe bringen ließ.

Gleich daneben, versteckt unter stattlichen Fichten, stand niedrig und deduckt ihre Holzhütte und lud zum verweilen ein.
Diese Holzhütte, in jahrelanger Arbeit liebevoll erstellt, Holz für Holz, Nagel für Nagel.
Sehr zum Ärger von Eduscho, dem Jagdaufseher.
„Aue komische Bernadierhedde doo koo mä doch kaum drenn stii“
( Eure komische Bernhardiner Hütte. Die ist so niedrig. Man vermag kaum aufrecht darin stehen zu können).

Der uralte Kohleofen, befeuert mit Holzscheiten, knisterte bereits, schon vorher von Martinus angezündet. Wohlige Wärme verbreitete sich.
Die aufgelegten Fichtenholzscheite knisterte leise. Gelegentlich war leise ein dumpfer Knall zu hören, sicher eine Harzgalle im Flachkerzen Fichtenholz die vernehmlich platze und sich zischend entzündete.
Einzelne Florfliegen erwachten träge aus ihrem Winterschlaf und wunderten sich, das der Frühling so unvermittelt Einzug hielt.

Obenauf der so wummernden Feuerstelle stand ein mit Fanta gefüllter Aluminiumtopf.
Das Fanta darin simmerte leise. Der geneigte Leser mag sich wundern. Ja es war Fanta, die allseits beliebte Orangenlimonade.
Wir nannten dieses Getränk „Hanomag Wasser“.
Dazu ein Stück Weihnachtsstollen vom vergangenen Weihnachtsfest.
Zugegeben eine etwas merkwürdige Zusammenstellung.
Eine damals gelegentlich hergestellter „Longdrink“ mit Namen „Hanomag Wasser mit Frostschutz“.
(Fanta mit einem guten Schuß Doppelwacholder).
Doppelwacholder, heute Gin was im Prinzip auf das gleiche hinaus läuft.
Also Gin – Lemon.
Der Leser mag nun vermuten: „Alles schon mal dagewesen.“


Allmählich dunkelte es vernehmlich. Der graue Februarnachmittag ging zu Ende.
Noch vor dem entgültigen verlöschen des Ofens, wurde es kälter, das alte Sprossenfenster beschlug nun von innen.
Während des Weges nach Hause, Martinus zog seinen Schlitten, der nun viel leichter geworden war.
Sie wanderten Gummibestiefelt langsam nebenander her heimwärts, redeten über dies und das schwiegen aber auch, sich Ihrer Vertrautheit und Freundschaft gewiss.
Es brauchte oft nicht viele Worte zwischen Ihnen, man verstand sich auch ohne große Unterhaltung.
Zuhause angekommen, beide wohnten in der gleichen Gasse die sich von der Kirche aus allmählich einem Hang hinauf schlängelte die sich umsäumt von Bauernhäusern allmählich im freien Felde verlor.
Martin nahm seinen Schlitten, verstaute ihn sorgfältig in der Scheune. Die Milchkühe murrten schon vernehmlich, als ob sie auf ihr grasiges Abendbrot warteten.
Es roch nach Kuhstall, Schweinestall, Hühnerstall, saurer Milch, nach Heu und Stroh.
In der Waschküche brannte Licht.
Als sie nun diese Waschküche betraten, frierend und ein wenig durchnässt stand Mutter Martinus am Holzherd auf dem sich ein großer bis zum mit Kartoffeln gefüllter Topf (Demmber) befand. Dem entstieg dieser köstliche buttrig erdige Geruch von frischen Pellkartoffeln. Es war das Schweinefutter angereichert mit übrig gebliebenen Speckschwarte, das Schweinefutter für die kommenden Woche. Ihr Antlitz gerötet, die Augen mit Tränen gefüllt.
Sie weinte leise, vergoss bittere Tränen und schwieg zunächst.
„Woss äss da luus?“ (Was ist denn passiert?) fragte Martinus.
„Wesder da nedd woss ewe basserd äss?“
(Habt Ihr noch nicht erfahren was heute Nachmittag geschehen ist?) Martinus schüttelte den Kopf….. .
In der gleichen Nacht er lag schon zu Bett, las wie immer und rauchte.
Dazu hörte er wie gewohnt Radio, Deutschlandfunk. Gegen zwölf Uhr schlug die Kirchturmuhr, aus dem Radio ertönte die Nationalhymne. Nicht martialisch laut in Marschmusikmanier, sondern leise als Streichquartett in zurückhaltenden Dur-Akkorden.
Müde legte er sein Buch zur Seite löschten die Nachttischlampe und schlief ein

Gegen zwei Uhr erwachte er.
Seine Schlafstube war unter dem Dach des alten Bauernhauses eingerichtet.
Schaute man aus dem Fenster, lag Ihm das ganze Dorf zu Füßen.
Er öffnete das Fenster. Der Wind war eiskalt, kleine nasse Eiskristalle wehten Ihm ins Gesicht.
Sogleich begann er zu frieren. Es war eher ein frieren von innen, nichts war da was Ihm wärmen konnte.
Da war ein Jammern, ein Klagen, ein verzweifeltes Schreien zu hören.
War es die Kätzin die liebestoll nach ihrem Kater rief?

Oder war es die Stimme des Opfers jener unfasslich blutdrünstigen Tat, die da Ihre Todesangst, in die Nacht schrie wissend, daß da niemand war der sie noch hören konnte…… ?

Bruder Martinus ist von uns gegangen

Anno Domini 06.05.2021

Bruder Martinus (Meister vom Stuhl der Loge „DIE FEUERZANGE“ im Orient zu Oberdieten), ist von uns gegangen

Mit Martin bin ich seit meinem 6. Lebensjahr befreundet.

Seit dieser Zeit pflegten wir eine nunmehr fast 60-jährige enge Freundschaft.

Wir waren eigentlich immer draußen in der freien Natur, durchstreiften gemeinsam Feld und Wald.

Auch Scheunen und Schuppen waren unser Zuhause. Wir erlebten eine freie und wenig überwachte Kindheit und Jugend.

Immer draußen, immer bei irgendwelchen Orten die uns interessant und zuweilen auch geheimnisvoll erschienen.

Eine Kindheit und Jugend, die man sich heute kaum noch vorzustellen vermag.

Gemeinsam in der Jungschar, gemeinsam in der Jungenschaft

gemeinsame Mitgliedschaft im CVJM Oberdieten.

Dem ist er treu geblieben. Viele Jahre im Vorstand, immer als eine Art Hausmeister des Lutherhauses in Oberdieten, der sich um alles wirklich um alles kümmerte.

Ich meine es wäre Anfang der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gewesen da wurden wir Gründungsmitglieder der NABU Breidenbach.

Dort hat er bis heute aktiv ehrenamtlich mitgearbeitet. Als Vorstandsmitglied, als Jugendwart, zum Schluss als Kassenwart.

Er blieb auch dabei immer im Hintergrund, war immer ansprechbar, war sich für nichts zu Schade.

Wir bauten ab dem Beginn der 70er Jahre eine kleine Hütte auf dem Alten Hof, ein ansehnliches Feldgehölz inmitten von Wiesen und Feldern.
Wir errichteten dort, es war zu Beginn der 70er Jahre eine kleine Waldhütte.

Diese Hütte steht immer noch, wir haben sie bis dato instandgehalten und gepflegt.

Viele Stunden, Tage und Nächte verbrachten wir dort, meistens gemeinsam mit engen Freunden.

Meister vom Stuhl der Loge: Die Feuerzange im Orient zu Oberdieten
Bruder Martinus ist von uns gegangen

Aus dieser Männerrunde wurde dann mit der Zeit eine verschwiegene christlich, humanistische Runde die wir „Die Feuerzange“ nannten.

Dieser Kreis existiert noch heute.

Und es ist auch im Sinne von Martin, dass wir diese schöne Tradition fortsetzen.

Später dann kann ein Amphibien Teich dazu.

So widmeten wir uns über viele Jahre der Natur und dem Umweltschutz, ein gemeinsames Hobby wurde zur gemeinsamen Passion.

Das war in den 70er Jahren noch eine Beschäftigung die ungewöhnlich war und uns manchmal Hohn und Spott einbrachte, was uns nicht im Geringsten störte.

Als ich 1981meine Doris heiratete, ganz klar, Martin war mein Trauzeuge.

Meine Tochter Sara, 1982 geboren, keine Frage, Martin war Taufpate.

Unvergessen

Martin war ein Stiller.

Er machte kein Aufheben um seine Person.

Er stellte sich ganz in den Dienst einer Sache, immer.

Sich selbst immer in den Hintergrund.

Seine Mitmenschen waren ihm wichtig, immer.

Vielleicht hat es sich dabei manchmal selbst vergessen?

Ja, Martin war ein Stiller Mensch, aber vielleicht gerade deswegen ein Mensch der innere Größe zeigte.

Martin war im eigentlichen Sinne des Wortes ein Philanthrop, ein Menschenfreund.

Martin liebte die Kinder.
Und die Kinder liebten Ihn
Das merkte man immer dann, wenn er mit Kindern zu tun hatte.

Eva und Christian die Kinder von Silke und Helmut und Thilo der Sohn von Edwin können darüber berichten

Martin war ein kluger Mann.

Ich konnte mit Ihm über alles sprechen.

Martin war auch gegenüber manchem kritisch.

Das behielt er aber meistens für sich selbst.

Wenn man Ihm jedoch danach fragte, sprach Er offen aus was Ihm nicht passte.

Aber dabei auch immer sachlich, ausgewogen, nie beleidigend.

In den letzten 5 Jahre trafen wir uns regelmäßig einmal in der Woche zum Einkaufen.

Auf diesen Termin habe ich mich immer gefreut.

Wir haben uns dabei oft stundenlang im Café oder in der Eisdiele aufgehalten.

Wir redeten über alles.

Über all das was uns beschäftigte.

Über Politik, über Umweltschutz, über Religion, Theologie
über die alten Zeiten.

Über Landwirtschaft, die Hausschlachtungen damals in den Bauernhäusern.

Kurz gesagt immer wieder von den vielen gemeinsamen Erinnerungen unserer Kinder- und Jugendzeit.

Martin ist mir ein großer Bruder.

Martin ist mir ein Vorbild.

Das war er.

Das ist er.

Und das bleibt er.

Ich möchte noch ein kurzes Gebet sprechen.

Es ist von Pfarrer Dietrich Bonhoeffer.

Von Ihm verfasst im Jahre 1945.

Kurz bevor er von den Nationalsozialisten ermordet wurde.

„Herr, in mir ist es finster, aber bei dir ist das Licht.

Ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht.

Ich bin kleinmütig, aber bei dir ist Hilfe.

Ich bin unruhig, aber bei dir ist der Friede.

Ich verstehe deine Wege nicht,

aber du weißt den Weg für mich.“

„Je schöner und voller die Erinnerung,

desto schwerer ist die Trennung.

Aber die Dankbarkeit verwandelt

die Erinnerung in eine stille Freude.

Man trägt das vergangene Schöne

nicht wie einen Stachel,

sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.“
Amen

Anno Domini
12.05.2021
Arminius
Logensprecher

Anno Domini 04.02.2018
Skandinavisches Fischbuffet

Freunde
Was wär ich ohne Freunde,
was wär ich ohne dich?
Ich läg als kleines Puzzleteil
allein auf leerem Tisch.

Bei mir käm niemand je vorbei
und lobte meinen Kuchen,
den ich so blitzschnell zaubern kann
bei plötzlichen Besuchen.

Mein Gästebett, das bliebe leer,
mein Kaffee ungetrunken,
und ohne Freunde wäre ich
in Schwermut längst versunken.

Wenn ich auf langen Reisen bin,
wem sollte ich wohl schreiben?
Ganz ohne Freunde könnte ich
doch gleich am Nordpol bleiben.

Und jedes Fest bei mir im Haus
ist doch erst wirklich schön,
wenn neben Nachbarn und Bekannten
auch gute Freunde stehn.

Wir sind wie Teile eines Puzzles,
eins ganz allein gibt keinen Sinn.
Und deshalb bin ich so zufrieden,
dass ich mit euch befreundet bin.

Renate Eggert-Schwarten

Anno Domini 28.12.2017

Schön, daß wir endlich wieder komplett sind.
Und ein neuer Novize ist auch dabei.
Sein Name ist
Bruder Kotti

„Es ist wichtig zu wissen, wo man herkommt, um zu wissen, wo man hin will.“
Goethe
zugeschrieben

Schön, daß wir endlich wieder komplett sind.
Und ein neuer Novize ist auch dabei.
Sein Name ist
Bruder Kotti

„Es ist wichtig zu wissen, wo man herkommt, um zu wissen, wo man hin will.“
Goethe
zugeschrieben

Fragezeichen
Du fragst was ist?
Du fragst wohin?
Du fragst woher?
Ich geb Dir einen guten Rat.
Frag erst woher?
Frag dann was ist?
Frag dann wohin?

Willst wissen wer Du bist?

Frag erst woher Du kommst?
Dann frag Dich wer Du bist?
Dann erst kannst Du ahnen,
wohin Du gehen willst.

Warum fragst Du?
Ich will versuchen
Dirs zu sagen.
Du suchst den Sinn des Lebens?
Du fragst:
Woher?
Wohin?
Was ist?

Dann frag nach GOTT.
Vielleicht kann ER Dirs sagen.

Tertia pars sequetur (Wird fortgesetzt)

Kakao und Käse

Emmerich trug meistens eine Baskenmütze. Sein Markenzeichen.
War im Kriege in französischer Gefangenschaft gewesen. Davon berichtete er mit Vorliebe. Von seinen Erlebnissen dort, vom Essen und Trinken und, von den Frauen. Die Schrecken und Grausamkeiten, die Mitschuld dieser Generation am Hiltlerfaschismus verschwieg er, oder hatte sie nicht erkannt. So wie fast alle Männer seiner Generation. Was übrig blieb, waren Geschichten, die in ihrer Verklärung eher an Pfadfinder-Geschichten erinnerten.

Voller Verklärung und nostalgischer Idealisierung der damaligen Zeit.
Emmerich war beides. Auf der einen Seite ein beinharter Calvinist, der vehement alles ablehnte, was mit Genuss und Lebensfreude bedeutete.
Auf der anderen Seite ein sentimentalen Lebemann, der gerne aß und trank, vor allem den schweren süßen Moselwein.
Bier holte er sich gelegentlich mit der Milchkanne in der Dorfkneipe. Man sollte nicht sehen, dass er gerne ein Bierchen trank.

Er liebte diesen verkappten Lebemann, der zwischen Frömmelei und leichtem genussvollem Leben scheinbar ohne Problem hin- und herschwankte.

Gerade diese Doppeldeutigkeit, die so zwanglos daher kam, faszinierte ihn.
Mit der Zeit wurden sie Freunde mit einem Altersunterschied von annähernd 40 Jahren.

„Komm doch mit nach Hause, bei uns gibt es heute Abend Kakao und Käse.“ bot er ihm an.

Er schlug dieses Angebot nicht aus und ging mit.
In Emmerichs Zuhause angekommen duftete es schon an der Haustüre nach köstlichem selbstgekochten Kakao.
Auf dem Küchentisch stand dann schon verzehrfertig eine ordentliche Anzahl bereits dick mit Butter und Edamerkäse belegter Weizenbrötchen.

Liebevoll zubereitet von Emilia, seiner Ehefrau. Eine tiefgläubige Frau, die immer sanftmütig und freundlich den Haushalt führte, gut kochte und klaglos akzeptierte, dass er bei seinen häufigen Besuchen seine geliebten filterlosen Gauloise Coporal dabei rauchte.
Emmerichs politische Einstellungen waren denen der den Seinen gegenüber diametral entgegen gesetzt.
Er, der seinem Onkel Theodor nacheifernd Willi Brandt verehrte.

Emmerich dagegen ein Anhänger von Konrad Adenauer und dessen rückwärtsgewandter Politik der Restauration und der Verdrängung.
Typisch für die Bewohner des Klippdachslandes zu jener Zeit.

Wenn er vom Politisieren mit ihm genug hatte, bemerkte er: „Du bist ein hoffnungsloser Kommunist. Wenn der Russe von Osten her hier einmarschiert, wirst Du Bürgermeister,“ was schon fast wieder eine Anerkennung für ihn bedeutete.

Emmerich verstarb sehr früh und er erinnerte sich der bitteren Tränen, die er deswegen geweint hatte.

Frau Wollmantels Weihnachts-geschichte

Auszug aus: Kumm mei kläinr Buu..

Es war im Dezember, an einem Freitagnachmittag, so eine Woche vor Weihnachten. Die Winterferien hatten mit diesem Tage begonnen. Schon am Morgen hatten dicke Schneeflocken die Dächer und Felder bedeckt.

Die Dorfschlehrerin, Frau Wollmantel hatte Ihre Zöglinge mit den Worten: „Ein gesegnetes Weihnachtsfest mein Völkchen“ in die Weihnachtsferien entlassen.

Zuvor in der letzten Schulstunde war das Fach Religion, wie üblich, an der Reihe.
Alle Schüler, von der ersten bis zur dritten Schulklasse, saßen im größten Klassenraum zusammen. Sie sangen zu Beginn, das schöne Weihnachtslied, Ihr Kinderlein kommen, oh kommet doch bald…… .

Frau Wollmantel begleitete dabei mit einem schwarzlackierten Musikinstrument aus Plastik, welches ein Mittelding von Ziehharmonika, und Harmonium darstellte.
Dieses Instrument wimmerte erbärmlich, zwischendurch asthmatisch pfeifend. Die Kinder störte das nicht, hatten sie doch keine musikalischen Vergleichsmöglichkeiten. Im Gegenteil, sie sangen mit Inbrunst, gefühlvoll das kommende Weihnachtsfest freudig erwartend.

Ihre Lehrerin erzählte die biblische Weihnachtsgeschichte so, daß die Kinder sie gut verstehen konnten. Sie erzählte sehr schön mit ruhigem Ton und weicher Stimme, die schon andeutungsweise, ein sanftes Tremolo zeigte. Ein Umstand der viele weibliche Sopranstimmen betrifft, die allmählich das Klimakterium erreichen.

Als die Stelle mit der Verkündigung der Engel über die Geburt des Jesuskindes gekommen war, erreichten Ihre erzählerischen Qualitäten einen Höhepunkt.

Die Engel erschienen prachtvoller, ihr Erscheinen spektakulärer.
Auch den Stall zu Bethlehem, als Geburtsort des Jesuskindes schilderte Sie bildhaft und verständlich.

Im Zentrum Maria sitzend mit dem Kinde in der Futterkrippe, liebevoll mütterlich saß Sie dort. Ihr Blick strahlte Freude, aber auch Wehmut, Schmerz und Trauer aus. Als ob Sie schon ahnen könne, welchen Weg Ihr Sohn bis hin zum Kreuz auf Golgatha gehen würde.

Ein Zitat von Dietrich Bonhoeffer mag an diese Stelle passen, ohne den Erzählstrom wesentlich zu unterbrechen:

„Allein weil Gott ein armer, elender, unbekannter, erfolgloser Mensch wurde, und weil Gott sich von nun an allein in dieser Armut, im Kreuz, finden lassen will, darum kommen wir von dem Menschen und von der Welt nicht los, darum lieben wir die Brüder. Wer fromm ist muß auch politisch sein.“

Gleich daneben rechts, Joseph. Groß, würdig, mehr Hirte als Zimmermann, ein schwerer Umhang und der unvermeidliche Hirtenstab. Alle drei beisammen die heilige Familie.

Die Krippe umlagernd, sitzend halb liegend aufgestützt, drei Hirten. Sie blicken staunend und zugleich erfreut auf das Jesuskind.

„Sind wir es, die ärmsten der Armen, wir die wir am Rand des Gesellschaft leben wirklich die ersten, die das Wunder der Geburt Christi erleben dürfen? Sie wir es, die als Erste dabei sein dürfen, von himmlischen Heerscharen, gerufen, wenn Gott als hilfloses kleines Baby auf die Erde kommt?“

Dabei der Ochse, der Esel und 3 Schafe. Die Körper der Tiere sind hinter einer Bretterwand verborgen. Lediglich die Köpfe sind zu sehen. Ihre Köpfe sind größer als gewohnt, die Augen staunend groß, blicken sie bewundernd und fröhlich auf die Szene.
Fast wie Kinder, die Ihre Weihnachtsgeschenke erhalten haben.

Die 3 Waisen aus dem Morgenlande mit den Gaben, Gold,Weihrauch und Myrhe.
Nun, die fehlen noch. Sind vielleicht noch nicht angekommen.

Zum Ende dann noch: Oh du fröhliche oh du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit…….
Die letzte Strophe dann hymnisch, laut und voller Inbrunst gesungen: …….freue dihich freue dich oh Christenheit !!!

Die Kinder liebten Ihre Geschichten, vor allem dann wenn nach dem letzten Schultage die Ferien begannen.

Zuweilen gingen nicht nur Ihren Schülern, sondern auch Ihr selbst die Geschichten so nahe, daß Ihr die Augen feucht wurden und Sie leise zu weinen begann. Sie erzählte dann von Krieg, Not und Tod, von Flucht und Vertreibung ihrer Familie, von Ihrer Geige die auf der Flucht mitgenommen, plötzlich beim einem Zusammenstoß der Pferdewagen in tausend Teile zerschellte …… .

Ja, Sie war ein Schöngeist im besten Sinne, eine kluge musikalisch begabte empfindsame Seele, wie geschaffen bei uns Kindern die Neugier zu wecken, die Phantasie und die Kreativität.
Wir Kinder wussten das nicht, aber, sie fühlten es.

Trauer oder Zorn

Ich entscheide mich für Zorn!

Die meisten evangelikalen Christen in den USA haben Trumps Wiederwahl massiv unterstützt.

Ihr Gott im Weißen Haus

Das waren dann einige Millionen Wähler*innen für Trump.
Ich weiß nicht genau, ob man darüber traurig oder wütend sein soll.
Ich entscheide mich für wütend..
Ein Mann der die Ehe bricht und auch noch damit prahlt.
Ein Mann der tausende Male gelogen hat.
Ein Mann der aufhetzt.
Ein Mann der ausgrenzt.
Ein Mann der Minderheiten nicht nur ausgrenzt sondern massiv bedroht.
Was würde Jesus dazu sagen.

Ein weiterer zusätzlicher Beleg für die Verstrickungen zwischen Trump und amerikanischer evangelikalen Gemeinden liefert der folgende Link:

US-Wahl 2020: Evangelikale beten für einen Sieg von Donald Trump:

Dämonische Verschwörung

Nun hat das Ganze nicht geklappt.

Aber Vorsicht:

Noch ist dieser menschenverachtende Plutokrat nicht verschwunden.

Ich für mein Teil bete für dessen Demission.

Von innen ertrunken

„Trinken Sie. Trinken ist wichtig. Trinken ist gesund. Trinken Sie noch ein Glas.“

Von Einer die um Ihr Leben trank

Eine attraktive Frau, Mitte 50, immer gepflegt, dezent geschminkt, die Haare, immer ohne Ansatz, wasserstoffblond gefärbt.
Bei Meetings von etwa zwei Stunden schaffte Sie locker 2 Flaschen Wasser zu trinken.

Schlank, modern steht’s dezent gekleidet, das Outfit einer erfolgreichen Bussinesfrau.
Bei besonderen Anlässen, im Kleid, geschmackvoll ausgesucht, figurbetont, grosszügig dekolltiert aber doch passend.

Eher kantige Gesichtszüge, geschickt in Richtung mehr Weichheit geschminkt.
Die Augen graublau, deutlich, je nach Blickrichtung, ins eisgraue, wechselnd.

Beim näherer Betrachtung zeigten diese Augen eine merkwürdige schwer zu erahnende Melange die ganz unterschiedlichen inneren Zuständen vermuten ließ.

Zum einen eine gewisse kalte Leere im Blick, die gleichzeitig unglaubwürdig wirkt.
Daneben eine Art von Misstrauen und Angst gepaart mit unruhiger Lauerstellung.

Was kommt jetzt, bedroht es mich, ich muß gewappnet sein, immer bereit zum Angriff sein?

Dann auch eine tiefe Traurigkeit. Eine Trauer die erahnen lässt. Das was ich hier zeige, das bin ich nicht. Es ist eine Fassade, die nur mit Aufbietung aller Kräfte erhalten werden kann.

Ich muß meine Angst, meine Unsicherheit, meinen fehlenden Gestaltungswillen verbergen, sonst werde ich meinen eigenen Ansprüchen an mich nicht gerecht, versage, bin verloren.

Ich möchte doch ganz anderes sein.
Liebevoll, verständnisvoll, empathisch, treusorgend, mütterlich.
Aber Kinder habe ich keine, auch Großmutter werde ich nie sein.

Zuweilen schien es so als ob Sie ins Leere blicke. Die Lieder werden dann schwer, als ob Sie ein unbändiges Bedürfnis nach Schlaf und Ruhe überkomme, so als ob Sie alles sediert und durch einen Nebel verborgen sehe.

Ihr Wohlwollen war, kannte man diese geschundene Seele näher, recht leicht zu erlangen.

Mit inszenierter Nibelungentreue.
Ein treuer, ein eiserner Heinrich sein, eine treue Henriette.

Nichts hinterfragen wollen, alles mittragen sollen.
Keine Fragen stellen. Immer Zustimmung zollen. Keinen Diskurs aufkommen lassen.

Egal was da komme.

Fachliche Kompetenz , war nicht erwünscht weil als bedrohlich empfunden. Sie störte nur. Alles sollte beim Alten bleiben. Lediglich ein neuer Lack auf Althergebrachtes war gelegentlich gewünscht.

Ihre Kaumuskulatur ständig bewegend blickte Sie um sich.
Lauernd, vor Angst und Panik immer auf Abwehr, so bewältigte Sie Ihren beruflichen Alltag.

Auch aus diesem Grunde war Sie allseits gefürchtet.
Als harte kalte Person die selbst viel arbeitete, noch mehr verlangte, bei der man sehr schnell in Ungnade fiel.

Fand Sie einen angeblichen Fehler bei einem Ihrer Untergebenen, der zumeist konstruiert war, war Sie gnadenlos. Sie sanktionierte hart und öffentlich, monatelange Kontrollen begannen, akribisch ausgeführt und oft außerhalb der Arbeitszeit, gerne Morgens gegen 06:45 Uhr.

Viele hielten dem nicht stand, kündigten, wurden entlassen, einige traumatisiert.

Ob Ihr diese Art mit Menschen umzugehen Ihr eine innere Genugtuung verschaffte, ob Sie die Macht über Menschen in diesem Moment genoss bleibt offen.
Sie selbst beschädigte sich damit wohl am allermeisten.
Immer ruheloser, immer getriebener, immer misstrauischer, immer mehr Angst und Panik.

Hier gelten wohl die Zeilen vom großen Friedrich Schiller aus Wallenstein:

„Das eben ist der Fluch der bösen Tat,
dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären.“

Wagt man, nach Fritz Riemann eine Einordnung Ihrer Persönlichkeit wäre über folgendes nachzudenken.

„Die zwanghafte Persönlichkeit wendet sich gegen Neuerungen, wo sie ihm begegnen, was aber immer mehr zu einer Sisyphusarbeit wird, denn das Leben ist immer im Fluß, alles ist in fortwährender Wandlung begriffen, «alles fließt» in immerwährendem Entstehen und Vergehen, das sich nicht aufhalten läßt… .“

„… Bei den später zwanghaften Persönlichkeiten finden wir in ihrer Lebensgeschichte mit großer Regelmäßigkeit, daß in ihrer Kindheit altersmäßig zu früh und zu starr die lebendigen aggressiven, affektiven, die gestalten und verändern wollenden Impulse, ja oft jede Spontaneität, jede Äußerung gesunden Eigenwillens gedrosselt, gehemmt, bestraft oder unterdrückt wurden… .“

„In der Unfähigkeit zwanghafter Menschen, Spontaneität und Unplanbarkeit zuzulassen, liegt ihr zentrales Problem. Das Leben ist nicht ins letzte Detail planbar. Es ist im Fluss und konfrontiert uns von Geburt an mit dem Unbekannten und Neuen, welches uns spontane Reaktionen abverlangt. Hinter dem Festhalten am Alten und Vertrauten steht letztlich die Angst vor der unausweichlichen Vergänglichkeit, die Angst vor dem Tod… .“

„… Zum lebensgeschichtlichen Hintergrund von Menschen mit zwanghafter Persönlichkeit lässt sich sagen, dass sie in ihrer frühen Kindheit oft zu früh durch die Bezugspersonen angehalten wurden, auftretende aggressive, spontane und altersgemäß natürliche Reaktionen zu unterdrücken.

Sie wurden oftmals zu früh herangeführt an Gebote und Verbote. Man findet es häufig, dass in ihrer Kindheit „jede Spontaneität, jede Äußerung gesunden Eigenwillens gedrosselt, gehemmt, bestraft……. wird.

Für ihre Pseudosicherheit zahlen zwanghafte Menschen einen hohen Preis, denn durch ihr Festhalten am Alten und Bekannten verschließen sie sich gleichsam vor den Möglichkeiten und Chancen des Neuen.“

Kurz:
…. Sie verschließen sich vor der Möglichkeit der Weiterentwicklung, die ja ebenso wie das Alte und Vertraute, das Neue, das Unerwartete Bestandteil des Lebens ist… .“

„Das Grundproblem zwanghafter Menschen können wir also in ihrem überwertigen Sicherungsbedürfnis erkennen.
Voraussicht, zielbewusste Planung auf lange Sicht, überhaupt die Einstellung auf Dauer, hängen damit zusammen.

Begründet liegt das in der Angst davor, das Gewohnte und Vertraute, das Sicherheit und Identität stiftende, durch neue Einsichten und Entwicklungen relativieren oder hinterfragen zu müssen.
Die Grundangst des zwanghaften Menschen ist die vor der Vergänglichkeit Sie befällt ihn umso heftiger, je mehr er sich gegen sie abzusichern versucht.

Alle Änderungen erinnern ihn an die eigene Vergänglichkeit.

Daher sucht er, immer das Gleiche, schon Bekannte und Vertraute wiederzufinden oder wiederherzustellen.
Wenn sich etwas verändert, fühlt er sich gestört, beunruhigt, ja geängstigt.
Er wird deshalb versuchen, Veränderungen zu unterbinden, aufzuhalten oder einzuschränken, wenn es geht, zu verhindern und zu bekämpfen…. “ (Quellen: Fritz Riemann Grundformen der Angst 1976)

Nicht verwunderlich, geradezu zwangsläufig ergibt sich bei solchen bedauernswerten Menschen, die sich in Führungspositionen befinden, die Neigung bestimmter anderer Personen, die sich in deren Nähe befinden einer großen Versuchung ausgesetzt zu sein.

Sie erkennen Zug um Zug, im Laufe der Zeit immer deutlicher die eigentlichen Wesensmerkmale und gravierenden Defizite dieser im Grunde bedauernswerten Person.

Sie stellen sich darauf ein, entwickeln allmählich eine Strategie Ihr den Eindruck von Sicherheit und Kontinuität zu vermitteln.
Alles bliebe in Grunde beim Alten, Neuerungen wären lediglich Äußerlichkeiten die man verbreite um das Althergebrachte bewährte zu bewahren.
Man macht Ihr kleine persönliche Geschenke um Ihr Wertschätzung zu zeigen.
Kleine Geschenke unauffällig, wohl wissend, daß die betreffende Person bis hin zu Verfolgungsphantasien, misstrauisch gegenüber allem ist was Ihr begegnet.
Es werden Meeting, Besprechungen, Tagungen regelrecht dergestalt inszeniert.
Alles soll sagen. Beruhige Dich alles bleibt beim Alten.
Sie sind weiterhin an der Spitze.Sie haben die Zügel nach wie vor fest in der Hand.
Diese kluge, nun sagen wir eher bauernschlaue Strategie, so sie denn begonnen worden ist einmal robust installiert, recht bequem. Man muss eigentlich nur alles beim Alten lassen und abwarten.
Solange zuwarten bis die betreffende Person so weit und so verzweifelt ist, daß Sie offensichtlich nicht mehr zu halten ist.
Dann finden sich schnell, sogar nachvollziehbare offensichtliche Gründe, sie zu stürzen.
Diese eigenen und fremden Manöver zum Machterhalt, zur verzweifelten Abwehr manifester innerer Zweifel, Ängste und Zwänge sind immer skurriler geworden, bewegten sich immer weiter weg von der Wirklichkeit.
Letztlich tritt das ein, was eintreten musste.
Sie selbst wurde Opfer Ihrer eigenen Machenschaften und musste abtreten.

Man könnte sagen, daß ist Machtpolitik, daß ist eine machiavellistische Strategie zur Machtgewinnung.
Mag sein…….. .
Aber ist sie deswegen vertretbar, ist Sie deswegen zu tolerieren, gar zu billigen?
Darüber mag der geneigte Leser selber entscheiden.

Arme, arme Frau M.

Zum Jahreswechsel – Nochmals in eigener Sache

Liebe Leser*innen
Zu Ende des Jahres halte ich es wie auch im vergangenen Jahr für richtig und auch für geboten einige Sätze an Euch zu richten.

Und, nein es geht nicht um die Covid Pandemie, die uns alle betroffen hat.

So gut wie alle Erzählungen die ich auf meinem Blog veröffentliche beziehen sich auf selbst Erlebtes aus den vergangenen, nun sagen wir 50 Jahren.

Es liegt keinesfalls in meiner Absicht, einzelne Personen bloßzustellen oder sie in Ihrer Lebenweise, Ihrer Lebenseinstellung, Ihrer Überzeugung oder Ihrer religiösen Auffassung zu kritisieren oder gar parteiisch zu bewerten.

Im Gegenteil

Ich schreibt hier vor dem Hintergrund einer großen Zuneigung und Liebe gegenüber den Menschen, Ihrer Lebensweise und der Art und Weise wie sie Ihr Leben gestalten, wie Sie ihr Leben bewältigen, bin ich doch höchstselbst ein Kind dieser Region, dort geboren, zu Schule gegangen, Herangewachsen, Familie gegründet und immer noch gerne dort lebend.

Wichtig sind mir Dinge zu beschreiben, die ich so empfunden, so erlebt habe und welche Rückschlüsse ich daraus für sein eigenes Leben gezogen hat.

Dabei bemühe ich mich durch sprachliche Überzeichnungen, humorvolle und satirische Stilelemente, meine Leser zu interessieren und zu unterhalten.
Das Alltägliche zu beschreiben, Einzelheiten zu erkennen zu deuten und in einen größeren Zusammenhang zu bringen ist eine Leidenschaft die mich steht’s erfasst, wenn ich zu schreiben beginnt.

Bin ich doch davon überzeugt, daß sich im Kleinen das Große verbirgt und das im Großen stehts die Essenz aus dem Kleinen zu finden ist.

Heinrich Heine: „Denk ich an Deutschland in der Nacht…“

Nichts aber auch überhaupt nichts liegt mir daran eine „heimattümelnden“ kitschigen Wiedersprüche nivellierende Erzählweise zu pflegen, die subjektiv empfundene Wiedersprüche, Ungleichheiten sowie Benachteiligungen zukleistert oder gar leugnet.

Die Schmiede der Familie Simon aus der Fernsehserie Heimat

Im Gegenteil

Die Meinung des Verfassers, bezogen auf das Thema Heimat wird wohl am deutlichsten durch den Blog-Beitrag:

Deutsch nicht dumpf ?

deutlich.

Für 2021 wünsche ich allen Leser*innen meines Blogs Gesundheit und Frieden.

Kurt Tucholsky „Ja ich liebe dieses Land…“

Eeluwes

Ölofen
Eine Hommage an Jakob den klugen Wirt (R.i.P)

Jakob (der Fersenhalter) ringt mit dem Engel

Die in der folgenden Erzählung handelnden Personen existieren so nicht. Das gilt auch für die beschriebenen Orte.
Es liegt keinesfalls in der Absicht des Verfassers, einzelne Personen bloßzustellen oder sie in Ihrer Lebenweise, Ihrer Lebenseinstellung, Ihrer Überzeugung oder Ihrer religiösen Auffassung zu kritisieren oder gar parteiisch zu bewerten.

Im Gegenteil. Der Verfasser schreibt hier vor dem Hintergrund einer großen Zuneigung und Liebe gegenüber den Menschen, Ihrer Lebensweise und der Art und Weise wie sie Ihr Leben gestalten, wie Sie ihr Leben bewältigen, ist er doch höchstselbst ein Kind dieser Region, dort geboren, zu Schule gegangen, Herangewachsen, Familie gegründet und immer noch gerne dort lebend.

Wichtig ist ihm Dinge zu beschreiben, die er so empfunden, er so erlebt hat und welche Rückschlüsse er daraus für sein eigenes Leben gezogen hat.
Dabei bemüht er sich durch sprachliche Überzeichnungen, humorvolle und satirische Stilelemente, seine Leser zu interessieren und zu unterhalten.

Nichts aber auch überhaupt nichts liegt ihm daran eine „heimattümelnden“ kitschigen Wiedersprüche nivelierende Erzählweise zu pflegen, die subjektiv empfundene Wiedersprüche, Ungleichheiten sowie Benachteiligungen zukleistert oder gar leugnet.

Mitten im Dörfchen, gleich da wo die beiden Bäche zusammenflossen befand sich eine niedrige Brücke.
Sie bot dem einen kleineren Bach nur recht wenig Raum zum durchfließen. Im Herbst, bei Dauerregen und Sturm, im späten Winter bei der Schneeschmelze, konnte die alte Brücke die Wasserflut nicht mehr fassen.
Dann dann verwandelten sich beide Bäche in reisende Gebirgsbäche und überspülten mitunter die Hauptstraße.Gleich links von der Brücke befand sich eine Gaststätte, besser gesagt eine Eckkneipe. Diese war schon über hundert Jahre in Familienbesitz, nun bereits in der dritten Generation. Dort zapfte man ein prickelndes, schmackhaftes Pilsbier mit herbem Charakter, gebraut von einer Brauerei, gleich sechs Kilometer entfernt, die nur dieses eine Bier braute.
Und, Schnäpse gab es, wie damals üblich, Wacholderschnaps, Doppelwachholder, Korn und ein Destillat welches sich „Frucht“ (Obstler) nannte.

Speisen gab es nicht, nun ja, auf Bestellung und das eher wiederwillig, eine heiße Mettwurst mit Roggenbrot und einem Klecks Senf, aber nur dann wenn der örtliche Metzger geliefert hatte.
Zu besonderen Anlässen, zum Beispiel kurz vor Weihnachten oder zwischen den Jahren, erfuhr diese übersichtliche Speisekarte eine erstaunliche Erweiterung.
Auf besonderen Wunsch, bereitete der Wirt dieses Mettwürstchen auf eine ganz besondere Art zu.

Die Bestellung lautete dann so:
„Jakob“ (nennen wir Ihn so) mach mer mohl e Öluwes“ Die lässt sich schwerlich in hochdeutsche Sprache übersetzen.
Der geneigte Leser möge dies verzeihen ,es ergibt sich im Verlauf der weiteren Erzählung, Sinn und Inhalt dieser Bestellung.

Über viele Jahre hin war diese Eckkneipe der Treffpunkt vieler Handwerker und Bauern der umliegenden Dörfer und Weiler.
Hochbetrieb herrschte bei Wilhelm vor allem dann wenn die Handwerker und Arbeiter Feierabend hatten und auf dem Nachhauseweg noch einen oder auch zwei Schoppen trinken wollten
Das war an Werktagen zumeist zwischen vier und sechs Uhr Nachmittags.
Maurer, Dachdecker, Zimmerleute, Schlosser, Schweißer, fast immer in den dafür zur Verfügung gestellten Fahrzeugen, ankommend, betraten das Lokal dann, durstig, in Ihren Arbeitskleider die Lokalität.
Einige stumm, graugesichtig, die Mundwinkel zusammen gepresst, mit hängenden Schultern.

Andere, zumeist Dachdecker, Zimmerleute in ihrer Zunftkleidung, die Maurer in blauen unvermeidlichen Arbeitsjäckchen, oft ausgefärbt, zerschlissen und geflickt. Sie kommen oft laut, polternd, schimpfend, fluchend, derbe Witze reisend. „Jakob breng ins gläich e Herrengedeck! Oder bässer gläich zwoo. Meer hoo Daschd.“ (Bringe uns bitte gleich ein Herrengedeck (Bier und Korn) Oder besser gleich zwei. Wir haben Durst.) Es riecht nach Männerschweiß, Zigarettenqualm, Bierdunst, Ölofen und ein bisschen nach Urin, befindet sich das Männerklo doch gleich neben der Gaststube.

Eine Frauentoilette gibt es nicht.
Es war eine durchweg paternalistische Männergesellschaft die sich dort traf. Mädchen und Frauen waren fast nie zugegen, waren aber in Gedanken und Männer-Phantasien zugegen, was oft dadurch zum Ausdruck kam sich irgendwelche „schmutzigen“ frauenfeindliche Witze zu erzählen um anschließend in grölendes Gelächter auszubrechen.
Deshalb vom Grunde auf frauenfeindlich? Oh nein, daß sind Sie nicht.
Diese Witzchen über Mädchen und Frauen, wenn auch rau und ungehobelt vorgetragen, lassen oft auch eine Scham, eine zurückhaltende Scheu, eine subtile Angst vor Frauen erkennen.
Als Beleg dafür mag die Beobachtung gelten, dass viele junge Männer in heiratsfähigen Alter, Junggesellen bleiben, umgelenke, tapsige Hagestolze, die, wenn sie einem attraktiven weiblichen Wesen begegnen, verstummen, oder anzüglich derbe werden.
– – –
Ein durchgängig patriarchalisch orientierte Dorfgemeinschaft, so wie es nach den soeben verfassten Schilderungen zu vermuten wäre, war diese Gesellschaft aber eher nicht.
Eine kleine Anekdote, an dieser Stelle eingefügt, möge diese Behauptung untermauern:

Immer an Samstagen, an hohen kirchlichen Feiertagen wurde gebadet. Das galt als Dogma.
Alle badeten. Erst die Großeltern. Danach die Kinder und und schließlich im selben Badewasser, die Eltern.
Zuvor schon, war die frische Unterwäsche von der Mutter für alle Familienmitglieder, auch für den Vater zurecht gelegt worden. In diesen Zeiten badete man grundsätzlich nur einmal in der Woche, nämlich Samstag Abend.
Nun könnte man sagen:
Die Frau des Hauses, die eh schon mit der mühsamen Arbeit in Haus und Hof belastet, muß nun auch noch die frische Wäsche welche Sie auch mühsam gewaschen hat, für den Herrn des Hauses zurecht legen. Der Ehemann als Familienoberhaupt, als Pascha?
Nur bedingt.
Würde er nämlich die Initiative ergreifen und seine Kleidung für Sonntags selbst aussuchen, käme es unweigerlich zum Eklat:
„Vadder du wääd doch wohl nedd ii dörer Läwerie ( vermutlich französisch: Blanchisserie = Wäsche) ii der Körche gieh?“ (Vater Du willst doch nicht wirklich in dieser Kleidung zum Gottesdienst gehen?) so die Gattin.
Könnte es sein, daß durch diesen Brauch, eine allmähliche, eine schleichende Hospitalisierung des Mannes erreicht wird, die man unter Umständen als eine Entthronung, eine subtile Entmachtung des Mannes betrachten kann?

Vollkommen unselbständig gemachte Männer, die nicht mehr Lage sind ihren Alltag zu bewältigen, weil sie über Jahrzehnte bedient wurden?

Eine subtile eher unbewusste Machtausübung benachteiligter Frauen gegenüber dem Manne der bis zur Übergriffigkeit vollversorgt wird?

Die Frauen zur damaligen Zeit erschienen ihm zumeist bodenständig, alltagsklug, selbstbewusst und tonangebend. Sicher war das auch dem Umstande geschuldet, daß durch die Abwesenheit der Ehemänner vor allem in den Sommermonaten, weil diese sich als Saisonarbeiter hauptsächlich im Siegerland verdingen mussten, dies mühsame Arbeit in Haus und Hof alleine stemmen mussten.
– – –
Die Männer kommen alle in Ihren Arbeitsklamotten zum Jakob wie man sagte. Keiner dachte daran sich vorher umzukleiden.
Ihre Arbeitskluft zeigte, wie körperlich schwer und anstrengend die Arbeit ist. Die Gesichter, wettergegerbt, manchmal auch gerötet, zuweilen auch ein wenig aufgedunsen. Von Statur sind alle kräftig, die Arme muskulös, die Schultern breit. Viele auch mit beachtlichen Bierbäuchen ausgestattet.
Sie reden über Fussball, gewesene Feuerwehr Einsätze, Politik im allgemeinen, Kommunalpolitik im Besonderen.
Klischees werden bedient. Stammtischparolen werden gedroschen. Zuweilen mitgebrachte Lehrlinge, „Stifte“ genannt, meist still und verdruxt am Bier nippend, werden wie gewohnt, auf den Arm genommen, veräppelt, zuweilen auch bloßgestellt.
„Lehrjahre sind keine Herrenjahre!“ sagt man Ihnen.
Sie ertragen es, stoisch lassen sich nichts anmerken und denken an Ihre zukünftige Gesellenzeit. Dann werden Sie sich rächen, aber nicht an Ihren damaligen Peinigern, sondern an den „Stiften“ die Ihnen nachfolgen.
So war es wohl schon immer.

Nun ja die freiwillige Feuerwehr im kleinen Dörflein.
Wer Mitglied der freiwilligen Feuerwehr war, ob aktiv oder passiv der war auch immer Gast bei Wilhelm. Ein Automatismus der sich aus Tradition und Gewohnheit nährte und nicht unwesentlich das soziale Leben im Dorf bestimmte.
Die Feuerwehrkameraden unter sich, ein Mikrokosmos für sich.
Sie haben eine gemeinsame Mission. Menschen die plötzlich in Not sind zu helfen, zuweilen unter Einsatz der eigenen Gesundheit, des eigenen Lebens.
Das ist nobel, vorbildlich und, für die Feuerwehrkameraden sinnstiftend. Aus dieser Kameradschaft ergaben sich auch eine Fülle weiterer gemeinsamer Freizeitinteressen. Wechselseitige Einladungen der umliegenden Feuerwehren zum Würstchenbraten, Schlachtessen, örtlichen Feuerwehrfesten, regionalen Feuerwehrtagen und so fort.
Würstchen, Spießbraten, Schlachtplatten waren die deftige und schmackhafte Grundlage für den Genuss des regional gebrauten Gerstensaftes, und der anderen hochprozentigen geistigen Getränke.
Das war rundweg vergnüglich, kurzweilig. Streitereien, die sich von alter Zeit her aus Rivalitäten der Dörfer untereinander nährten und zuweilen in kleineren Prügeleien untereinander endeten, aber nie wirklich zu ernsthaften, folgenreichen Auseinandersetzungen führten.
Oft so gegen halb sechs am Abend öffnete sich die Türe der Gaststube. Ein stattlicher großgewachsener Herr in grüner Uniform betrat die Bühne.
Stolz, erhobenen Hauptes, ein wenig arrogant trat er in die Mitte des Raumes. „Nabend allerseits.“
Ohne Umschweife setzte er sich auf immer denselben Stuhl an einem Biertisch der, zwar nicht ausdrücklich für Ihn reserviert war, der aber dennoch solange freiblieb bis er höchstselbst dort Platz nahm. Er brauchte sein Bier nicht zu ordern.
Jakob der Wirt zapfte bereits an dem hellen Blonden für Ihn.
Er trug eine grasig grüne Uniformjacken mit jeweils zwei silbernen Eicheln nebeneinander auf den Schulterstücken.
„Dä Föschder ess doo.“ (Der Förster ist gekommen) bemerkte ein Waldarbeiter am Nachbartisch, der mit seinen schwieligen roten zerkratzten Händen zum Glase griff und dem Herrn Oberförster, nun nennen wir Ihn Roderich Brei, zuprostete.
Der aber hatte sein Bier noch nicht und nickte nur beiläufig.
Jakob der Wirt, dessen feste Überzeugung es war ein gut gezapftes Pils dauere sieben Minuten um zur Vollendung zu kommen brachte Ihm schließlich sein Bier samt Bierdeckel.
Das dünne Kelchglas trug am untersten Rand seines Stieles eine blütenweiße ganz dünne saugfähige Papiermanschette, um den überlaufenden Schaum des edlen Gerstensaftes gegebenenfalls aufzusaugen. Gekrönt von einer beachtlichen weißen Schaumkrone glitzerte das Pils in bernsteinfarbenen Gold. Feine Fäden aus winzigen Kohlensäurebläschen durchzogen das edle Nass.
Nie mehr sah er so ein perfektes Pilsgetränk.

Er reichte es Roderich, erst den Bierdeckel, dann den Kelch und sprach tonlos, kaum hörbar: „Zmm Wohl.“ Roderich nickte nur und hob den Kelch zum Munde um zu trinken.

Nach ein bis zwei Bieren, löste sich dann die Zunge des Herrn Oberförster Roderich Brei.

„Ich bin ein Wirtschaftsmann. Der Wald ist das Kapital für die kommenden Generationen.
Ich kann Euch sagen, die Gemeindeverwaltung, schlimm, lauter Sesselfurzer, verdienen eine Haufen Geld, wir müssen sie bezahlen. Keine Ahnung und immer eine große Klappe.
Und dann, seit neuestem diese grünen Käferzähler und Vogelschützer. Alles Spinner. Vorlaute Lehrerkinder, unerzogene Pfarrerskinder, noch nie was vernünftiges gearbeitet.
Und wir müssen die durchfüttern. Eine Schande.
Und die wollen uns auch noch regieren.
Früher, da gab’s sowas nicht!“

Einige Gäste nickten Ihm liebedienerisch zu, andere hoben das Glas und skandierten: „Jawolll“.
Andere blickten gelangweilt ins Bierglas.
Wenige verzogen missbilligend Ihr Gesicht wendeten um und kommentierten: „Du Schwätzer.“

Jakob der Wirt hörte am Zapfhahn stehend zu und sagte schließlich, als der Disput allmählich abflaute:

„Häsde gehäd ich menn nur“,

was schwerlich und nur sinngemäß zu übersetzen wäre: (Ich habe zugehört. Ich meine ja nur.)

Es kann vermutet werden, das Er damit sagen wollte:

„Jeder kann hier in meiner Gaststätte, seine Meinung frei äußern. Ihr müsst euch nur vertragen.“

Immer schon hing ein Holztäfelchen an der Stirnwand, für jeden zu lesen, gegenüber der Theke auf dem geschrieben stand:
„Ein guter Gast ist niemals Last.“

Jakob der Wirt. Ein lebenskluger Mann, geprägt durch ein entbehrungsreiches Leben, als Soldat im Kriege durch Schicksal, Not und Angst.

Er jedoch, ebenfalls durch Biergenuss ein wenig enthemmt fühlte sich persönlich angegriffen und wurde zornig. Eifrig versuchte er sachliche Argumente für die beginnende Ökologie- und Umweltschutzbewegung der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu finden, was ihm jedoch nur ansatzweise gelang.
Er verhaspelte sich in der eigenen Argumentationskette, würde immer lauter und heftiger.

Sehr schnell verbündeten sich fast alle gegen ihn:
„Wos wäd du da du Bläss. Kää Ahnung voo nix. Lann öscht mo woss rechdijes. Da kinn mer wäirer schwädse.“
(„Was bist du denn für ein Hanswurst. Du grüner Junge. Verliere erst mal deine Eierschalen und werde trocken hinter den Ohren. Lerne erst Mal was richtiges. Dann können wir weiter reden.“)

Nun schaltete sich der kluge Wirt ein und sagte im ruhigen Tone:
„Du bäst enn oole Hezebletz. Genau wie Kottches Schöwerdägger. Derbäsde gesde jezz hääm. Kimmst da mann wörer.“
(Du bist ein alter Heißsporn. Genau so wie ein entfernter Vorfahre von dir aus dem neunzehnten Jahrhundert. Am besten gehst Du nun nach Hause. Morgen kannst Du gerne wiederkommen.)

Er nahm Jakobs Vorschlag an, zahlte und ging wütend und beleidigt nach Hause.

An einem anderen Nachmittag, so gegen drei Uhr Nachmittags an einem Freitag im frühen Frühling.
Er 16 Jahre jung befand sich auf dem Weg zu Jakobs Kneipe.
Nicht um dort Bier zu trinken, was er eher selten tat. Vielmehr war er auf dem Weg zu Jakbs Sohn, nennen wir Ihn Robert, der mit Ihm gemeinsam eine weiterführende Schule besuchte.
Sie hatten die Absicht die Hausaufgaben gemeinsam zu erledigen und für die anstehende Mathematikarbeit zu lernen.

Dabei überquerte er erneut die besagte niedrige Brücke. Weitere zehn Schritte geradeaus. Links nun das Treppenportal zu Jakobs Kneipe. Von zwei Seiten zu begehen, fünf Stufen hinaus. Nun befand sich direkt auf Augenhöhe die schwere lerchenhölzerne Eingangstür mit ihrem beim öffnen unverwechselbaren Geräusch…… *

Die sich gelegentlich ergebenden Übungsstunden im Fach Mathematik waren für Ihn zwar recht nützlich aber auch gelegentlich unerquicklich.
Konfrontierte sie ihn doch mit der zweifelsohne richtigen Feststellung, die Roberts große Schwester, nennen wir sie Babette, welche die beiden Jungen bei den Übungsstunden beaufsichtigte wie folgt ausdrückte:
“ Innser Robert ess im Rechen viel bässer wie du.“
(Mein Bruder Robert beherrscht das Fach Mathematik besser als Du es jemals vermögen wirst.)

Dennoch, in jener großen Küche vollzog sich das ganze bunte Familienleben dieser Gast- und Landwirtsfamilie, nebst allem was die Gaststätte betraf, war doch die Gaststube direkt nebenan und nur durch eine Schiebetür von jener großes Wohnküche getrennt.

Babette die Älteste der Geschwister, war schon seit Jahren in die Fußstapfen des Vaters getreten und damit auch schon in jungen Jahren die allseits geachtete Nachfolgerin und Wirtin in spe geworden.

Eine kluge, attraktive junge Frau, resoluter Natur, ohne jemals grob oder unhöflich zu sein.
Zuweilen, eher selten, erkundigte sich ein meist auswärtiger Gast nach der Speisekarte.

Die gab es nicht, war auch nicht notwendig.
Was Babette anbieten konnte, war ein Mettwürstchen, kalt oder warm.
Ließ ein Gast sich darauf ein, eilte Babette aus der Gaststube in die Küche, griff in den Kühlschrank und holte besagtes Würstchen heraus, bei Warmbestellung, fluchs in eine kleine Stielkasserolle, kaltes Leitungswasser dazu, auf die kleine Flamme des Gasherdes gestellt.

Das Mettwürstchen ins kalte Wasser gegeben. Zehn Minuten köcheln lassen schon fertig.
Babette inzwischen erneut auf der Gaststube kommend, geht zum Küchenschrank entnimmt dort ein Kuchentellerchen. Es ist aus weißem Porzellan mit einem Rosenmuster um den Tellerrand. Sie entnimmt das Würstchen aus dem siedenden Wasser. Vorsicht dann mit der Gabel auf das besagte Kuchentellerchen.
Auf dem noch siedenden Wasser schwimmen kleine Fettaugen.
Der feine Duft von frisch gebrühter Wurst breitet sich aus.
Babette nimmt nun eine Tube Löwensenf extra scharf aus dem Kühlschrank.
Ein kleiner gelber Fleck davon auf das Kuchentellerchen. Ganz an den Rand desselbigen.
Nun stellt Sie alles auf die silberne Abtropffläche der Spüle, auf der auch eine dunkelblaue Spülmittelflasche Marke Pril ihren festen Platz hatte. Das Gedeck war jedoch noch nicht vollendet.
Erneut wendet sie sich ab. Gleich linker Hand befand sich ein weißes Küchenschränckchen, direkt in gleicher Höhe wie der Gasherd.
Die Türe dieses Schränkchens war in der Mitte sowie gleich oben links und rechts mit bunten Prilblumen beklebt. Sie bildeten damit ein lustiges Dreieck auf der Oberfläche des sonst weißen Türchens.

Sie öffnete diese bunt beklebte Türchen. Sogleich entströmte von dort der typische Geruch von Sauerteigbrot. So war es auch.
Ganz unten lag, mit der Schnittseite nach unten, sorgfältig lose bedeckt mit einem sauberen Küchentuch aus Baumwolle, bunt kariert, ein zur Hälfte durchgeschnittenes Bauernbrot mit glatter Krumme, die wiederum einen matten schwärzlich brauen Glanz abgab.

Babette hob den halben Laib des Bauernbrotes heraus und legte Ihn auf die Abtropffläche der Spüle.
Nun mittels eines besonderen Mechanismus, ganz trickreich klappte Sie die Brotschneidemaschine aus demselben Schränken heraus.

Und so stand Sie da, in all ihrer funktionellen Pracht.
Auf einer graumelierten Bodenplatte war das Exponat fest verschraubt.
Die Flanken, der Messerschutz in weiß, schon ein wenig bestossen von häufigen Gebrauch.
Die Kurbel, mittels der das große runde Schneidemesser in Drehung versetzt wurde,l chromfarben.
Der Griff der Kurbel ganz in schwarz, aus Bagelitt gefertigt.
Babette bückte sich ein wenig und nahm das zur Hälfte angeschnittene Bauernbrot aus dem Brotschränkchen.
Sie legte das Trockentuch, mit dem das Brot eingewickelt war zu Seite, legte den halben Laib auf die Schneideseite der Brotmaschine an der rechten Hand, drückte den Laib nun umsichtig an das runde Schneidemesser und begann, links an der Kurbel zu drehen.

Dies alles vollzog sich mit einer vollkommenen Routine, ohne Eile, ruhig, sachlich, konzentriert.
Die runde Schneide begann sich zu drehen, und glitt mühelos in die Laibhälfte hinein.

Das dabei entstandene Geräusch war ein zweifaches, gleichzeitiges.
Das Zahnrad zwischen Kurbel und Schneiderad ratterte leise, gleichförmig und zuverlässig.
Die Schneide, sobald sie ins Brot einschnitt, zischte leise, gleichzeitig aber auch ein rutschender Klang, so als ob eine leinerne Tischdecke nach Gebrauch von Wohnzimmertische gezogen würde.

Die so erzeugte Bodder (Brotscheibe) war etwa acht Millimeter dick, nierenförmig von Gestalt. Die Krume feinporig, graubraun, die Kruste eher dünn und schwärzlich braun.
Ihr Duft, säuerlich, brotig, so wie Roggenbrot eben riecht wenn es nicht mehr ganz frisch, seit zwei bis drei Tagen im Brotschränkchen liegt, um auf seinen Verzehr zu warten.

Nun nahm Sie eine bereitliegende Besteckgabel, wandte sich nach links und spieste das nun zur Vollendung gebrachte Mettwürstchen damit auf, legte es sorgsam auf das schon mit Senf versehene Kuchentellerchen.
Die gerade aufgeschnittene Scheibe Brot dazugelegt.
Das Werk war vollendet.

Gabel, Messer und eine Serviette waren zum genussvollen Verzehr in der Gaststube nicht notwendig, so verzichtete Babette auch darauf.

Im dunklen Winterhalbjahr, vor allem über die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr, war die Gaststube schon nachmittags gut gefüllt.
Handwerker, Waldarbeiter, Steinmetze, Steinbrucharbeiter, Zimmerleute Dachdecker und Maurer machten „Schlechtwetter“ und „stempelten“ (meldeten sich zeitlich befristet witterungsbedingt arbeitslos).

Den meisten Männern war diese „Zwangspause“ hochwillkommen und oft auch bitter notwendig.
Die schwere Arbeit unter freiem Himmel, die nebenher noch betriebene kleine Landwirtschaft hauptsächlich zur Selbstversorgung, forderte ihren Tribut.

Das Gelächter der Männer, die lauten Stimmen, die oft grobe zuweilen umgelenke Konversation, das Hämmern der Würfelbecher, die Ansagen beim Skat, (Kontra, Re onn noch en Buuwe droff), gedämpfte Radiomusik, immer (HR 3), die populistischen Stammtisch Parolen, der Bier und Zigarettendunst all das ist ihm in Erinnerung.

Von Spätnachmittags bis tief in die Nacht zechte rauchte man. Eine Runde nach der anderen würde „geschmissen“.
Zur Speise gab es wie bereits berichtet Mettwürstchen mit Löwensenf und einer Scheibe Roggenbrot.

Allerdings gab es, das soll dem geneigten Leser nun nicht mehr vorenthalten werden, während dieser besonderen Winterzeit eine kulinarische Besonderheit:
Der Durst immer noch nicht gestillt, bestellen viele beim Wirt wie folgt:
„Jogeb meer hoo n Honnger wie n Beer!
(Jakob ich habe großen Hunger)
Mach mer mool zwoo Öluwes“

Wilhelm schmunzelte dann wissend, verließ die Gaststube durch die Schiebetür gleich hinter dem Tresen.
Nach einer kleinen Weile kam er zurück und trug zwei sorgfältig in Butterbrotpapier eingewickelte Mettwürstchen bei sich.
Mit Bedacht, noch wenige Schritte, hob er nun das schwere Abdeckgitter des großen Ölofens an und legte die beiden verpackten Würstchen auf die gusseiserne Ofenplatte, das Abdeckgitter wieder an ihren vorherigen Platz.

Ein leises, verheißungsvolles Zischen war sogleich zu vernehmen.

Ein Weilchen später dann, das eine oder andere weitere Pils war inzwischen getrunken, öffnete sich laut vernehmlich die Eingangstüre.

Ein großer kräftiger Mann trat herein. Es war, nun nennen wir Ihn „Eduscho“ seit Jahrzehnten Stammgast bei Jakob.
Dieser Augenblick des eintretens, alle blickten zu Ihm auf, berührte Ihn sichtlich peinlich. Kaum vernehmlich murmelte er „Nabend“, sein Blick irrte hin und her, suchte einen Anhaltspunkt, fand aber keinen. Stattdessen nahm er seine jagdgrüne Schirmmütze, vom fast kahlen Kopfe und legte sie auf die Hutablage der Garderobe, die bereits übervoll war mit den Wintermännermänteln der Gäste.

Dann ging er, immer noch verlegen, schwerfällig zur Theke und wartete wortlos.
Eine Bestellung war auch nicht notwendig. Jakob kannte die Vorlieben seiner Gäste.

Er trug eine Kniebundhose aus jagdgrünem grobem Cord. Dazu einen selbstgestrickten Pullover mit Zopfmuster.

Eduscho nahm das fertig gezapfte Pils von der Theke, führte es zum Munde, trank durstig.
Nun setzte er die Pilstulpe wieder ab. Seiner Kehle entführt nun ein, kaum hörbares unterdrücktes Rülpsen.
Willi hat inzwischen das uhrenglasförmige Schnapsglas bis am den Rand gefüllt.
Wieder dieses tonlos „Zmmm Wohl“. Herr Eduscho nahm das Gläschen, gefüllt mit „Doppelwachholder“ und kippte, wo wie es sich gehört, das edle Destillat, mit einem mal in durstige Kehle, schluckte zweimal. Seine Gesichtszüge entspannten sich sogleich. Sichtliches inneres Wohlwollen zeigten sich auf seinem Antlitz.
Immer noch an der Theke stehend wendete er seinen Kopf nach rechts. Dort stand, wie gesagt der große wärmespendende Ölofen.
Seine Mimik veränderte sich plötzlich. Ein jungenhaftes, spitzbübisches lächeln eroberte seine Gesichtszüge.
Lediglich eine kleine Bewegung mit seinem stattlichen Podex nach rechts, setzt er sich geradewegs auf den warmen Rost des Ölofens, blickt nach oben und grinst.
Die Mettwürstchen zischen ein letztes mal, ein gedämpftes „Wutsch“, dann ein vernehmlicheres Bruzeln.
Augenblicklich beginnt es nach knuspriger Bratwurst zu duften.
Alles lacht. Laut, manche mit verrauchter heißerer Stimme.
Jakob, souverän wie immer:

„Der Eeluwes säi faddich. Ehr Jonge, ezz kinder ääse.“
(Die Ölofen Grillwürstchen sind zubereitet.
Guten Appetit die Herren.)

* ….Immer noch befand er sich sich direkt in Augenhöhe der schweren lerchenhölzernen Eingangstüre zu Jakobs Kneipe mit ihrem beim öffnen unverwechselbaren Geräusch.

Er wendete seinen Blick. Auf der gegenüberliegenden Seite der schmalen Dorfstraße wenige Meter bergan befand sich ein Bauernhaus, eng an die dahinterliegende Anhöhe geschmiegt. Im rechten Winkel gleich rechts daneben die Scheune. Nochmals dann erneut im rechten Winkel wieder links eine erneutes dazugehöriges Wirtschaftsgebäude, als zusätzliche Scheune mit einem Schweinestall im Parterre zu erkennen.
Für einen Bauernhof im Klippdachsland mit seinen kargen Böden und seinen kalten und langen Wintern, ein recht stattliches Gehöft.
Aber dies ist wieder eine andere Geschichte…….
„Mox continues“ (Wird fortgesetzt).

Kumm mei kläinr Buu, mr welle zum Himmelvadr bääde

Komm mein kleines Bübchen wir wollen zum Himmelvater beten.“

Das alte Ehebett mit den hohen Brüstungen vor Kopf und am Fußende. Dicke Federbetten
zusätzlich noch eine Wolldecke auf jedem Bett, darüber.
Grossmutter Christine hatte schon vor einer Stunde die Heizdecke angeschaltet.
Die Bettlaken aus Bieberbettwäsche, wollig aufgeraut, weich warm und anschmiegsam.
Ein kleiner Holzofen gleich links neben der Schlafzimmertüre brannte noch, war jedoch schon am verlöschen. Trotzdem war noch ein sanftes knistern zu vernehmen. Es roch undeutlich nach frisch verbranntem Holz und Asche.
Der große Kleiderschrank unmittelbar gegenüber des Ehebettes ragte hoch bis fast unter die Zimmerdecke.
Er zeigte ein dunkles graues braun auf seiner Oberfläche. Am oberen Ende, befand sich ein kleiner durchgehender Sims im Stile des Neobiedermeier.

Es war im Dezember, an einem Freitagnachmittag, so eine Woche vor Weihnachten. Die Winterferien hatten mit diesem Tage begonnen. Schon am Morgen hatten dicke Schneeflocken die Dächer und Felder bedeckt.

Die Dorfschlehrerin, Frau Wollmantel hatte Ihre Zöglinge mit den Worten: „Ein gesegnetes Weihnachtsfest mein Völkchen“ in die Weihnachtsferien entlassen.

Zuvor in der letzten Schulstunde war das Fach Religion, wie üblich, an der Reihe.
Alle Schüler, von der ersten bis zur dritten Schulklasse, saßen im größten Klassenraum zusammen. Sie sangen zu Beginn, das schöne Weihnachtslied, Ihr Kinderlein kommen, oh kommet doch bald…… .

Frau Wollmantel begleitete dabei mit einem schwarzlackierten Musikinstrument aus Plastik, welches ein Mittelding von Ziehharmonika, und Harmonium darstellte.
Dieses Instrument wimmerte erbärmlich, zwischendurch asthmatisch pfeifend. Die Kinder störte das nicht, hatten sie doch keine musikalischen Vergleichsmöglichkeiten. Im Gegenteil, sie sangen mit Inbrunst, gefühlvoll das kommende Weihnachtsfest freudig erwartend.

Ihre Lehrerin erzählte die biblische Weihnachtsgeschichte so, daß die Kinder sie gut verstehen konnten. Sie erzählte sehr schön mit ruhigem Ton und weicher Stimme, die schon andeutungsweise, ein sanftes Tremolo zeigte. Ein Umstand der viele weibliche Sopranstimmen betrifft, die allmählich das Klimakterium erreichen.

Als die Stelle mit der Verkündigung der Engel über die Geburt des Jesuskindes gekommen war, erreichten Ihre erzählerischen Qualitäten einen Höhepunkt.

Die Engel erschienen prachtvoller, ihr Erscheinen spektakulärer.
Auch den Stall zu Bethlehem, als Geburtsort des Jesuskindes schilderte Sie bildhaft und verständlich.

Im Zentrum Maria sitzend mit dem Kinde in der Futterkrippe, liebevoll mütterlich saß Sie dort. Ihr Blick strahlte Freude, aber auch Wehmut, Schmerz und Trauer aus. Als ob Sie schon ahnen könne, welchen Weg Ihr Sohn bis hin zum Kreuz auf Golgatha gehen würde.

Ein Zitat von Dietrich Bonhoeffer mag an diese Stelle passen, ohne den Erzählstrom wesentlich zu unterbrechen:

„Allein weil Gott ein armer, elender, unbekannter, erfolgloser Mensch wurde, und weil Gott sich von nun an allein in dieser Armut, im Kreuz, finden lassen will, darum kommen wir von dem Menschen und von der Welt nicht los, darum lieben wir die Brüder. Wer fromm ist muß auch politisch sein.“

Gleich daneben rechts, Joseph. Groß, würdig, mehr Hirte als Zimmermann, ein schwerer Umhang und der unvermeidliche Hirtenstab. Alle drei beisammen die heilige Familie.

Die Krippe umlagernd, sitzend halb liegend aufgestützt, drei Hirten. Sie blicken staunend und zugleich erfreut auf das Jesuskind.

„Sind wir es, die ärmsten der Armen, wir die wir am Rand des Gesellschaft leben wirklich die ersten, die das Wunder der Geburt Christi erleben dürfen? Sie wir es, die als Erste dabei sein dürfen, von himmlischen Heerscharen, gerufen, wenn Gott als hilfloses kleines Baby auf die Erde kommt?“

Dabei der Ochse, der Esel und 3 Schafe. Die Körper der Tiere sind hinter einer Bretterwand verborgen. Lediglich die Köpfe sind zu sehen. Ihre Köpfe sind größer als gewohnt, die Augen staunend groß, blicken sie bewundernd und fröhlich auf die Szene.
Fast wie Kinder, die Ihre Weihnachtsgeschenke erhalten haben.

Die 3 Waisen aus dem Morgenlande mit den Gaben, Gold,Weihrauch und Myrhe.
Nun, die fehlen noch. Sind vielleicht noch nicht angekommen.

Zum Ende dann noch: Oh du fröhliche oh du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit…….
Die letzte Strophe dann hymnisch, laut und voller Inbrunst gesungen: …….freue dihich freue dich oh Christenheit !!!

Die Kinder liebten Ihre Geschichten, vor allem dann wenn nach dem letzten Schultage die Ferien begannen.

Zuweilen gingen nicht nur Ihren Schülern, sondern auch Ihr selbst die Geschichten so nahe, daß Ihr die Augen feucht wurden und Sie leise zu weinen begann. Sie erzählte dann von Krieg, Not und Tod, von Flucht und Vertreibung ihrer Familie, von Ihrer Geige die auf der Flucht mitgenommen, plötzlich beim einem Zusammenstoß der Pferdewagen in tausend Teile zerschellte …… .

Ja, Sie war ein Schöngeist im besten Sinne, eine kluge musikalisch begabte empfindsame Seele, wie geschaffen bei uns Kindern die Neugier zu wecken, die Phantasie und die Kreativität.
Wir Kinder wussten das nicht, aber, sie fühlten es.

Gegen 21:00 Uhr.
Die Oma hatte Ihn schon zu Bett gebracht.
Er war ziemlich müde, fühlte sich ein wenig abgeschlagen.
Ein paar Minuten erschien Sie dann, in ihrem blassrosa Unterrock, welchen er gut kannte, diente er Ihr doch als Nachthemd.

Opa, war wie üblich noch aufgeblieben um fern zu sehen. Opa war ein leidenschaftlicher Fernsehgucker. Am liebsten: Die Tagesschau, Ein Platz für Tiere, Eiskunstlauf, Skispringen und am liebsten Spiel ohne Grenzen, aber auch Krimis: Tatort und Edgar Wallace.
Gewöhnlich schaute man gemeinsam fern. Eine Zeit für das Zubettgehen für Kinder gab es nicht.
Oft schauten Oma, Opa und Kinder bis zum Sendeschluss. Dann erklang immer die Nationalhymne, dann erschien das Testbild, danach erst ging’s zu Bett.

Seinen Eltern wurde davon nichts gesagt. Es war unser Geheimnis, welches auch nie gelüftet würde.

Oma schlug die Bettdecke zurück. Er lag schon im selben Bette, was schon, Dank einer Heizdecke, wohlig warm war.
Oma legte sich dazu, strich Ihm sanft über den Kopf.
Sie roch immer, ganz im Hintergrund, ganz zurückhaltend nach Vanille. Es war Ihr ureigenen Geruch, den er liebte.

Die Heizdecke wurde ausgeschaltet.
Oma griff nun zu einem silbrig blassvioletten Kordel welches senkrecht von der Wand hinter dem Bette baumelte und den kopfseitigen berührte. Es war an dessen Ende mit einem ebenfalls blassvioletten Bommel versehen, der an seiner Unterseite mit lustigen herabhängenden kleinen Fäden versehen war.
Dieser Kordel nun hing über dem unvermeidlichen Heilandsbild. Eine erhabene, milde, verständnisvoll und gütig blickende Jesusfigur, mit Vollbart und langem gewellten Haupthaar, den Hirtenstab in der Hand. Vor Ihm in der mondbeschienenen hügeligen Landschaft, die an den Allgäu erinnerte, seine Schafherde.

Das Kordel baumelte, zwangsläufig, keck direkt über die Nase von Jesus.
Dieser schien sich daran nicht zu stören, im Gegenteil, er nahm er hin und schien durchaus belustigt.
Oma zog an dem besagten Bommel. Ein lautes Klack erklang, da Deckenlicht verlosch sogleich.

Sie nahm seine Hand und sagte:

„Kumm kläinr Buu. Mer welle noch zum Himmelvaddr bääde.“

Nun ja, es sei nochmals erwähnt:
„Oma und Opa waren fleißig, lebten sparsam, tat Ihre Pflicht, und waren durchaus gottesfürchtig. Aber nicht auf diese ausgrenzende verhärtete, kalte Art und Weise wie sie im Klippdachsland zu beobachten war.“
Ihm tat das immer sehr gut. Es hat sein bisheriges Leben entscheidend geprägt.
Die Oma und auch der Opa haben immer noch ein festen Platz in seinem Herzen.“

Nachdem das Licht verloschen war, erzählte Oma wie so oft von der alten donauschwäbischen Heimat. Von Opas Stellmacher Werkstatt, von eigenen Weinberg, vom Maulbeerbaum am Strassenrand und dessen süßen, köstlichen Früchten. Von der schweren Arbeit im Felde auf einem fruchtbaren Boden. Von der Kukerutzernte (Maisernte) .
Bald wurden beide müde, ihre Augenlieder wurden immer schwerer und fielen schließlich zu.

Mitten in der Nacht erwachte er mit heftigen stechenden Schmerzen im rechten Ohr. Er erinnerte sich an einen Alptraum:

Ihm träumte, daß er mit hohem Fieber im Bett lag, schweißnass und mit heftigen Schmerzen an ganzen Körper. Er war nass geschwitzt, der Kopf glühte förmlich und hatte rasende Kopfschmerzen. Er litt grossen Durst, die Zunge klebte Ihm am Gaumen.
Wirre Gestalten gnomenhafte Gesichter legten sich auf seine Brust, das stmen wurde ihm immer schwerer.
Ein besonderes niederträchtiger Gnom mit bösem hinterhältigen grinsen stach ihm mit einer langen Strick-Nadel ins Ohr.
Dann schien alles zu verschwimmen, graue Schwärze verdunkelten seinen Blick. Er schien zu schweben.
Dann ganz plötzlich wandelte sich die Szenerie.
Er befand sich nun in einem großen langestreckten Raum. Die Wände, hellgrün gekachelt. Bei einigen Kachel schien die hellgrüne Glasur abgeplatzt zu sein.
Der Boden ebenfalls gekachelt. Kleine rechteckige Fliesen mir kleinen grauen und schwarzen Punkten. Der lange Raum war mit einem recht lauten ratterden Geräusch erfüllt. Nicht unangenehm, eher mechanisch gleichmäßig, verlässlich, fast beruhigend.
Es waren 2 altertümliche Kompressoren, die freistehend, surrend und nagelnd seit Jahrzehnten ihren treuen Dienst, Tag und Nacht jeden Tag des Jahres ohne zu murren, versahen.
Diese Kompressoren dienten zur Kühlung dieses riesigen Gefrierschrankes. Man nannte diese ganze Anlagen somit Gefrieranlage, welche einem einzigen Zweck diente, nämlich allen Bewohnern des Dorfes unabhängig von Stand und Bildung eine Gefriermöglichkeit, zu einer verschwindend geringen Miete zu gewährleisten.
Genau in der Mitte des Saales befand sich ein rechteckiger großer Quader, nämlich der besagte riesige Gefrierschrank.
Der hatte die gleiche Farbe als die Fliesen, nämlich hellgrün.
So um die 3 Meter breit und mindestens 10 Meter lang, genau in der Mitte des langestreckten Saales,
sodas sich links und rechts Gänge befanden, die bequem zu begehen waren.
Von rechts wurde der Saal lichtdurchflutet.
Dort befand sich eine lange Fensterfront, die, vor allem im Sommer viel Licht spendete.
Nun, der Quader hatte links und rechts, auf 3 Ebenen 10 kleine weiße Türchen, lustig anzuschauen und von cremeweisser Farbe.
Jedes Türchen hatte ein Schloss, in Chrom, ebenso possierlich anzuschauen.
Wie gesagt, immer noch fiebrig, krank und vollkommen verschwitzt schwebte er in diesen Saal.
Alles war vertraut.
Schon an der Eingangstüre sah er links in der obersten Reihe jenes Türchen auf dem sich ein rotes Schildchen klebte.
Darauf stand: Vorfroster.
Ein Stehleiterchen ganz in der Nähe, diente dazu die dritte Reihe der Fensterchen bequem zu erreichen. Er schob es zurecht. Laut schleifend, kratzend, als ob es sich nicht bewegen wolle. Durch die gekachelte Halle, vielfach im Geräusche gebrochen, hallend ergab die eine infernalische Kakophonie, die ihn in Mark und Bein erschütterte.
Der kleine Schlüssel baumelte vom verchromten Schloß des Türchens.
Er stieg eine Stufe empor drehte ohne Mühe am Schlüssel, zog nur wenig am Schloß und schon öffnete sich das weiße Türchen.
Ein eisig kalter Windhauch kam ihm sogleich entgegen, er fühlte sich augenblicklich erfrischt.
Das innere dieses Vorfrosters war ganz aus Buchenholzlatten gefertigt. Zwischen den Latten war immer genügend Platz gelassen worden.
Aus diesen Zwischenräumen wehte ein kontinuierlichen eiskalter Windhauch. Auch am Boden fanden sich jene Latten aus Holz.
Dort befanden sich einige wenige Flecken aus Blut, nein nicht eckelerregend, nicht abstoßend, sondern wie selbstverständlich dorthingehörend. Es war Schweineblut.
Er öffnete das Türchen noch ein Stück weiter, sodass mehr Tageslicht von Außen hineindran. Was er nun sah entzückte ihn so sehr, daß er beinahe das Gleichgewicht auf dem Leiterchen verlor.
Ganz hinten links, im hölzernen Gefrierfach, stand ein Glasflasche im Jugendstil. Unten etwas breiter, sich dann elegant verjüngend, um sich danach wieder zu verbreitern, so elegant und anziehend wirkte wie eine schöne Frau im knöchelangem Kleide dessen Faltenwurf, Figur und Taille vorteilhaft umspielte.
Die Flasche, an sich schon in ihrem jugendstilarigen Ausehen faszinierend und von einer nachgerade erotischen Anziehungskraft steigerte sein Verlangen zu trinken. Umso mehr als sie von der Kälte mit winzigen Wassertröpfchen beschlagen war, die sich ab und an zu größeren Wassertropfen vereinigten und langsam den Flaschenhals hinunterrannen. Mit unwiderstehlichem Durst, die Zunge am Gaumen klebend, stieg er nun vollends in das kühle Fach und sah, das jene Flasche bereits geöffnet war. Ihr runder Kronkorken lag, gleich neben ihr. Die zwei Ränder ihrer runden Gestalt waren ein wenig nach oben gebogen. Er hob die Flasche an. Wie kühl sie sich anfühlte. Er betrachtete sie nochmals und trank, gierig und voller Wonne, von dem köstlichen dunkelbraunen Naß……… .

Dann erwachte er, fühlte sogleich diesen stechenden bohrenden Schmerz im rechten Ohr, als ob ihm jemand mit einer glühenden Stricknadel in den Gehörgang stach. Vor Schmerz begann er leise zu weinen. Oma erwachte, tastete nach ihm, fand im Finstern seinen glühenden Kopf.

„Mei Buu, warum duuscht dann greine uffd Nacht?
(Mein kleiner Bub, warum weinst du denn mitten in der Nacht?)
„Ganz schlimme Ohrenschmerzen“ tat er mit weinerlicher Stimme kund.
„Duu nedd greine mei Buu, ich weck drr Oba, däär werd drr helfe kenne,“ flüsterte sie und streckte Ihren Arm zu Opa aus.

Er aber war schon wach geworden und sagte leise: „Was iss dann Christschinn? (Christine?)“ „Drr Buu hodd Ohreschmerze, kannscht helfe?“
Opa fasste Ihn bei der Hand, zog am Schlafzimmerleuchtenbommel.

Das Deckenlicht leutete auf.
Er kniff die Augen zusammen.
„Kumm mit Buulä. I will drr helfe.“
Opa zog seine Hauschuhe mir dem rechten Fuss unter dem Bettgestell hervor und schlüpfte hinein.

Er fasste ihn bei der rechten Hand, öffnete die Schlafzimmertüre. Sie schlurften durch den dunklen kalten Flur, dann gleich links durch die Türe in die Küche.

Opa schaltete auch hier das Licht an. Hell und ohne Erbarmen durchflutete es die Küche.
„Setz di mei Gulbass.“(liebevolle Umschreibung für einen schalkhaften kleinen Buben)
„I kann dr helfe.“

Opa schlurfte ins gegenüberliegende Wohnzimmer und öffnete die linke Schranktüre. Er kam wieder zurück und hatte ein kleines Schnapsglas in der Hand welches er bedächtig auf den Küchentisch stellte.

„Woort noch e bische. I geh gschwind in die Speis (Speisekammer) und hol was. Des helft mei Buuleh.“ (ebenfalls eine liebevolle Umschreibung für einen kleinen Buben) Opa verlies die Küche gleich links in Richtung Schlafzimmer, dann wieder links in die Speisekammer.
Er hörte ein zurechtrückendes leises Gläserklingen.

Als Grossvater zurückkam hatte er eine Ölflasche in der Hand, die er ebenso bedächtig auf den Küchentisch neben des Schnapsglässchen stellte.
Dann öffnete er die Ölflasche ing goss einen winzigen Schluck Öl in des bereitstehende Gläschen. Er so auf dem Küchenstuhl, am Tisch, gleich unter der Küchenleuchte, nur bekleidet mit seinem Schlafanzug. Er begann zu frösteln, ja sich ein wenig zu fürchten. Was mochte nun mit Ihm geschehen?

Grossvater trat zu Ihm hin, strich Ihm über den Kopf, beugte selbigen ein wenig auf die linke Körperseite des Knaben.

Er nahm das Schnapsglässchen und goss einen kleinen Tropfen des Öles in sein rechtes schmerzendes Ohr und sagte:

„Buulä des wärd helfe, kannschsts gloowe.“ ….. .

Wieviel wiegt ein Kilo Schnee?

Er war steht’s in tadelloser gekleidet.
Schlank, recht groß von Statur, graues Haupthaar, markantes Gesicht, betonte Kinnpartie. R.i.P
Eine attraktiver Mann im besten Alter.
Steht’s moderne Krawatte, weißes Hemd sehr gut sitzendes Jackett meistens in hellen Grautönen, Die Hose dazu passend, elegant eng geschnitten in der Regel ein wenig heller als das Jackett. Der Gürtel zur Hose immer elegant, echtes Leder niemals auffällig.
In seiner ganzen Erscheinung elegant, seriös aber nie konservativ.
Alles in allem eine sympathische Erscheinung.


Vor allem die Frauen konnte er bezaubern.
Es wurde berichtet, das weibliche Mitarbeiterinnen, verließen Sie besprechungshalben sein Büro immer ganz glücklich und leuchtenden Augen die Stufen herunterschwebten. Dies soll keinesfalls despektierlich gemeint sein.
Er wirkte auf seine Weise, nun man kann sagen in einem gewissen Sinne charismatisch.


Ein Machtmensch, nein das war er nicht. Vielmehr liebte er die öffentlichen Auftritte um zu gefallen, um sein Ego zu streicheln.
Dann glänzte er, redete verständlich benutzte keine Fremdwörter, steht’s souverän und elegant im Auftreten.
Er liebte es die Zustimmung zu fühlen, steigerte seine Freundlichkeit noch und kam um so besser an. Er umgarnte seine Zuhörerschaft die Ihn dafür bewunderten.
Seine innere Anspannung verbarg er. Nur gelegentlich auftretende Schweißflecken unter den Achseln zeugten davon. Aus diesem Grunde vermied er steht’s sich bei solche Auftritten seines Jacketts zu entledigen.


Auf Kritik hingegen reagierte er äußerst dünnhäutig. Er verlor sehr schnell seine Kontenence, es bröckelte merklich, von smartem souveränem Auftreten blieb nichts.
Er wurde laut, verletzend, persönlich, drohte.


Wagt man, nach Fritz Riemann eine Einordnung seiner Persönlichkeit wäre folgendes zu konstatieren:


Hysterische Persönlichkeiten
 Sie erfreuen sich, wie Riemann es nannte, an dem „Zauber des Neuen“, suchen das Risiko, streben nach Freiheit und Veränderung und haben besondere Freude daran, Unbekanntes zu entdecken. Wird dieses Streben überwertig, stellen sich Angst vor Endgültigkeit und Unausweichlichkeit, vor Notwendigkeiten und Begrenztheit ein. Charakteristisch für diese Persönlichkeiten ist ein „kurzer Spannungsbogen“.Jeder Impuls, jeder Wunsch muss möglichst sofort befriedigt werden, weil Warten unerträglich ist. Darin liegt ihre große Verführbarkeit – sie können Versuchungen schwer widerstehen.
Mit einer „erstaunliche[n] Naivität“ würden diese Menschen an Patentlösungen und gern auch Wunder glauben, weil sie helfen, einer Wirklichkeit zu entkommen, die Grenzen setzt und die Freiheit einschränken kann. Über die Konsequenzen eigenen Tuns mögen sie sich keine Klarheit verschaffen und neigen dazu, sich ihnen ideenreich zu entziehen. Pünktlichkeit und planvolles Handeln halten sie für kleinlich, Verantwortungsübernahme für verzichtbar und den unverkennbar die eigene Endlichkeit anzeigenden Alterungsprozess versuchen sie durch jugendtümliches Verhalten und entsprechende Kleidung zu verleugnen. In ihrer Angst versuchen diese Menschen möglichst alles in der Schwebe zu halten und für relativ zu erklären. Und weil sie dem Augenblick den Vorzug vor Kontinuität geben, spielen sie Rollen und laufen Gefahr, eines Tages nicht mehr zu wissen, „wer sie selbst sind“.

In der Liebe seien hysterische Persönlichkeiten nach Riemann leidenschaftlich und fordernd, stets auf grenzüberschreitende Erfahrungen bedacht, aber wenn sie allein sind, langweilen sie sich schnell. Als Partner sind sie phantasievoll und verspielt, doch selten treu. In ihren Beziehungen könne der hysterische Mensch sein Gegenüber nicht als eigenständig anerkennen, sondern versteht ihn als „Spiegel, in dem er sich als liebenswert gespiegelt sehen will“. Es finde sich eine Neigung zur narzißtischen Partnerwahl, weil im Partner gesucht wird, was im Selbst nach Bestätigung verlangt.

Aggression stehe bei hysterischen Persönlichkeiten im „Dienst des Geltungsstrebens“. Diese Menschen rivalisieren und konkurrieren gern. Sie wollen andere Menschen beeindrucken und übertreiben dabei nicht selten. Weil Selbstkritik und Selbstkontrolle nicht zu ihren Stärken gehören, sind sie auch in ihrem aggressiven Verhalten recht impulsiv und ungesteuert. In Auseinandersetzungen überrumpeln sie gern und würden, so Riemann, nach dem Motto Angriff ist die beste Verteidigung handeln. Wegen ihres leicht störbaren Selbstwertgefühls sind sie schnell kränkbar und reagieren auf subjektiv erlebte Kränkungen recht heftig, auch mit Vorwürfen, die mit der Sache nichts zu tun haben.“ Quelle: Fritz Riemann Grundformen der Angst 1974

An einem kalten Novembernachmittag. Es ist zugig und nasskalt in den Straßen der Stadt. Ein kalter Wind weht von Nordost die städtische Durchgangsstraße entlang. Er treibt nasse Schneeflocken vor sich her. Der vor Tagen schon gefallene Schnee liegt schwer und schmutzig zusammengeschoben am Strassenrand und auf den Gehsteigen.
Eine Autoschlange bewegt sich träge die Strasse entlang. Ein Lindwurm bunt in allen Farben zwischen gelb und rot flackernd.
Im festen Rythmus stoppt er zuweilen an Ampelanlagen um sich dann wieder ebenso träge in Bewegung zu setzen.
Abgasschwaden wabern aus den Auspuffanlagen von Autos und Bussen. Es riecht nach unverbranntem Diesel, Teer, und zuweilen wiederlich nach Ammoniak der den Kanaldeckeln entsteigt. Es ist dieser typische Stadtgeruch der in den Wintermonaten vielen Innenstädten eigen ist.


Nun, dunkles Sakko, hellere Beinkleider, weißes Hemd, Krawatte passend, ein hellbrauner dezent gemusterter Schal, modisch drapiert um den Hals.
Wie immer perfekt gekleidet, erscheint er.
Er hatte das gegenüber liegende Parkhaus benutzt um seinen Dienstwagen zu parken. Links bei Ihm eingehängt, eine junge Frau sehr attraktiv, brünett mit einem modischen Mäntelchen gekleidet, ein dezenter Pelzbesatz umrahmten die Kapuze, die Sie keck zur Hälfte über Ihren hübschen Kopf gezogen hatte.
Das Pärchen unterhielt sich angeregt, zuweilen blickten Sie sich an und lächelten.


Über die Brücke hinweg, links ein Kinogebäude, ganz in Glas, in postmoderner Grossstadt Architektur gestaltet.
Es war diese Form der Architektur, die sich immer mehr breitmachte um auch in der Provinz einen großstädtischen Flair zu suggerieren.
Ein Architektur bei der die Wirkung auf den Hinschauenden im Vordergrund stehen soll.
Also nicht:
Form follows function, sondern im Gegenteil, Function follows Form.
Eine Architektur die auf Wirkung auf den Menschen ausgelegt ist. Ob sich Menschen in so einem Gebäude wohlfühlen ist zweitrangig.


Rechts gleich daneben ein Dönerladen der eher gehobenen Klasse.
Nun nur noch behende über die vielbefahrene Durchgangsstraße.


„Hallo Wilfried, das ist also unser neues „Frontoffice“. Passt wunderbar. Schön groß. Ebenerdig viel Laufkundschaft. Muss innen noch was umgebaut werden, mach am Sonntag Mal einen Plan.“


Grundsätzlich pflegte er Mitarbeiter mit dem Vornamen anzureden. Namensverwechslungen kamen dann häufig vor, so auch in diesem Falle.
Sein Blick dabei ununterbrochen auf das ebenerdige großzügige Ladenlokal.


„Was ist denn mit dem „Backoffice“? Backoffice ist wichtig sehr wichtig. Verwaltung und Kunden müssen getrennt sein, immer. Und hier:“ Er wieß dabei auf die Ladenfront.

„Koperateidenidie“ noch wichtiger. Wo wir drauf sind, da müssen wir auch drin sein.

Ganz wichtig, ist früher immer vernachlässigt worden, ich hab da schon was, vorigen Sonntag ausgedacht, ist schon beim Grafiker, der muss nicht mehr viel dran machen.“
Wilfried nickte, seine charmante Assistentin lächelte.


„Los geht’s, wo ist das Backoffice und der Ladenbesitzer wo ist er? Der Herr D. Ist im dritten Stock, er wartet dort auf uns.
„Also auf geht’s!“


Wilfried öffnete gleich links neben der Ladenfront eine Glastür. Bitteschön“
Sie betraten ein geräumiges Treppenhaus, erbaut im Stil der 70er Jahre, mit den unvermeidlichen Treppenstufen aus geschliffenem Terazzostein.
Die Atmosphäre dort wirkte muffig, spießig, gewöhnlich, was auch  mit die Glasbausteinen zu tun hatte, die ebenfalls verbaut waren und nur ein diffuses, dämmriges Licht hineinließen.
Wieder rechts zum Aufzug.
Die Türe öffnete und schloss sich mit jenem üblichen schleifenden Geräusch.
Alle hinein, es wurde eng.
Sofort breitete sich der Duft seines teuren Rasiewassers aus, unterlegt mit dem Parfüm seiner Assistentin, das eher grasig mit einem Hauch von Moschus angenehm wahrgenommen werden könnte Beide Düfte zusammen ergaben jedoch irgendwie eine Mischung von Geruch erzeugte der irgendwie halbseiden daherkam. Sowas von, mehr scheinen als sein. Wilfried blickte zu Boden, seine Assistentin lächelte.

Lassen wir Fritz Riemann nocheinmal zu Worte kommen:

Für die Entstehungsgeschichte hysterischer Persönlichkeitsmerkmale warf Riemann, wie auch für die anderen Persönlichkeitsstrukturen zunächst einen Blick auf Faktoren, die als anlagebedingt angenommen werden können. Er ging davon aus, eine verstärkte emotionale Ansprechbarkeit und ein erhöhtes Geltungsbedürfnis könnten ebenso angeboren sein wie ein besonders ausgeprägter Wunsch, sich mitzuteilen. Auch könnten Eigenschaften beteiligt sein, die in der Regel auf Sympathie stoßen. Ansonsten wird auf Erkenntnisse der Psychoanalyse verwiesen, nach denen insbesondere die Zeit zwischen etwa dem vierten und sechsten Lebensjahr und die währenddessen gesammelten Erfahrungen Einfluss auf den Umfang hysterischer Strukturelemente in der Persönlichkeit nehmen. Mehr als in den davor liegenden Zeiten der Entwicklung spielen hier Vorbilder aus der Welt der Erwachsenen eine zentrale Rolle. Die Frage, wie sie mit den Eigenarten des Kindes und seinem Stolz, aber auch der inzwischen gereiften kindlichen Kritik umgehen, beeinflusst die Möglichkeiten des Kindes, sie als Vorbilder anzunehmen und von ihnen zu lernen, oder sie zurückzuweisen. In dem Maß, in dem das Kind in dieser Zeit, in der „das Bedürfnis nach Führung und Vorbildern am stärksten ist“, mit diesen Wünschen im Stich gelassen wird, entwickelt sich eine mehr oder minder stark ausgeprägte hysterische Persönlichkeitsstruktur oder es wird gar die Grundlage für eine spätere hysterische Erkrankung geschaffen. Eines der Risiken dieser Menschen besteht darin, sich einerseits aus der Identifikation mit ihren Vorbildern oder andererseits aus der Rebellion gegen sie nicht lösen zu können und darin gleichsam stecken zu bleiben. Das hindert sie an der Entwicklung einer eigenständigen, unabhängigen Identität, ggf. auch ihrer Geschlechtsrolle.
Quelle: Fritz Riemann Grundformen der Angst 1975 – Wikipedia

Die Aufzugtüre öffnete sich. Im Treppenhaus, wartete bereits der Eigentümer.
„Darf ich vorstellen, das ist………. .“ bemerkte Willfried sehr verhalten, kam damit aber nicht weiter.


„Da ist ja der Chef, hab’s mir schon gedacht. Gestatten Waghals mein Name. Hans Adolf Waghals, der Hauptgeschäftsführer von dem Ganzen hier.“


„Herzliche Willkommen Herr Waghals…… . Ich bin der Eigentümer dieser Immobilie hier…… .


„O danke. Hab ich gleich gesehen, daß Sie der Chef sind.
Die Immobilie passt genau zu uns.
Muss noch einiges geändert werden. Kein Problem für uns. Telefoniere gleich mit unserem Fäksiliti Manager. Der hat seine Leute für sowas.
Ach ja die Miete. Darüber müssen wir noch verhandeln.“


Ein Stück vom Aufzug noch bis zu einer verschlossenen Türen.
„Ach hier die Türe, breit genug. Passt ein Rollstuhl durch. Barrierefrei. Das ist wichtig. Herr Schnäpflein (diesmal den Nachnamen verdreht) gleich aufschreiben.“


Unter der zuvor verschlossenen Türen erstreckte sich ein großer Raum, annähernd 100 Quadratmeter groß.
„Oh super genau die richtige Größe für uns Backoffice. Ich sage Ihnen: Wer heute nicht expandiert hat schon verloren.“
Dabei blickte er aus dem großen Fenster auf ein vorgelagertes Flachdach. Es war mit reichlich nassem Schnee bedeckt.
Der Vermieter, froh auch etwas beitragen zu können, verwies auf die gestiegene Dachlast bei solchen winterlichen Witterungsverhältnissen.
Ah ja das kenne ich. Wir haben NRW weit viele Häuser, auch solche mit Flachdach. Da muss man handeln. Nasser Schnee ist schwer.
Herr Schnäpflein schauen Sie gleich mal auf dem Computer nach. Bei Google oder so:
WIEVIEL WIEGT EIN KILO SCHNEE…….. ?“

Wieviel wiegt ein Kilo Schnee

Anmerkungen zum Text:

Es handelt sich hierbei um eine metaphorische Erzählung. Das Adjektiv metaphorisch bedeutet, dass eine Formulierung in übertragener Bedeutung und somit bildlich verwendet wird und dass etwas Metaphern gebraucht, wie etwa ein Text oder eine Rede und demnach vom Einsatz der Stilfigur geprägt ist. Dies kann als metaphorischer Stil bezeichnet werden.

Die beschriebenen Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Personen wären rein zufällig.