Dieser Satz aus meiner Kindheit sitzt noch heute. Ein trüber Novemberabend, zwei Gemeindeälteste an der Haustür. Sie kamen, um die Gesangbücher abzuholen.
„Du warst seit über einem halben Jahr nicht mehr im Gottesdienst. In der Bibelstunde fast ein ganzes Jahr nicht. Andere Leute haben auch viel zu tun. Es ist sowieso kein Stuhl für dich da.“
Schweigend nahmen sie die Bücher mit. Fertig.
Die Botschaft kam an: Wer nicht mitmacht, fliegt raus. Dein Platz ist weg.
So wurde Glaube für mich etwas Bedrohliches. Die Bibel als Druckmittel. Gemeinde als Kontrollsystem. Angst statt Hoffnung.
Dann hab ich angefangen nachzudenken
Das war vor einiger Zeit. Durch meine Arbeit im Kirchenvorstand. Durch die lebensbedrohliche Erkrankung meiner Frau.
Ich hatte Gespräche mit einer Pfarrerin. Sie las die Bibel anders. Sie stellte andere Fragen.
Sie erzählte Geschichten. Sinnstiftende Geschichten.
Nicht als Drohung. Nicht als Kontrolle. Sondern als Geschichten, die Leben deuten. Die Hoffnung machen. Die zeigen: Du bist nicht allein.
Das hat mich tief berührt.
Sie fragte zum Beispiel beim barmherzigen Samariter: „Warum liegt der Mann überhaupt halb tot am Straßenrand? Wer profitiert davon?“ Plötzlich ging’s nicht mehr nur um individuelle Hilfe, sondern um Strukturen, die Menschen zu Opfern machen.
Sie ist jetzt nicht mehr da. Vergessen werd ich sie nicht.
Am Anfang dachte ich: Das kann nicht stimmen. Gott ist doch neutral.
Aber dann hab ich die Geschichten nochmal gelesen – und erkannt:
Gott ist nicht neutral. Im Gegenteil.
Der Exodus: Gott befreit Sklaven. Nicht weil sie fromm waren. Sondern weil Sklaverei falsch ist.
Jesus war Jude. Er war nicht nur bei den Ältesten, sondern vor allem bei den Ausgestoßenen. Bei denen, für die „kein Stuhl da war“. Beides gehört zusammen. Davon lernen wir untereinander.
Die Bergpredigt: „Selig sind die Armen“ – keine Vertröstung. Sondern eine Kampfansage: Die jetzige Ordnung ist falsch.
Nach und nach hab ich verstanden: Die Bibel erzählt keine Geschichten über brave Kirchgänger. Sie erzählt von Leuten, die sich gegen Unterdrückung wehren.
Das hat was mit mir gemacht?
Ich hab angefangen, anders zu denken. Über die Jahre damals. Über die Angst. Über das, was man mir beigebracht hatte.
Manchmal kam Wut hoch. Auf die Gemeindeältesten von damals. Auf ein System, das aus Gott einen Kontrolleur macht.
Aber auch: Erleichterung. Eine Last fiel ab. Ich musste nicht mehr gut genug sein. Musste mich nicht mehr rechtfertigen.
Und dann: Hoffnung. Wenn die Bibel wirklich von Befreiung erzählt, dann ist Veränderung möglich. Dann muss es nicht so bleiben, wie es ist.
Was ich verstanden habe:
Gott steht nicht über allem – er hat sich für eine Seite entschieden. Auf der Seite derer, die unten sind. Das ist Politik. Und Frömmigkeit. Beides gehört zusammen.
Jesus war beides: Seelsorger und Störenfried. Er hat sich um Menschen gekümmert UND die Mächtigen konfrontiert. Er hat geheilt UND die religiöse Elite herausgefordert. „Selig sind die Armen“ ist Tröstung UND Kampfansage zugleich.
Gemeinde kann anders sein. Nicht: Wer hat die Macht? Sondern: Wie stärken wir uns gegenseitig? Nicht Leistung als Maßstab, sondern Gerechtigkeit.
Der Weg zählt, nicht das Ankommen. Die Bibel ist voll von Weggeschichten. Es geht ums Unterwegssein. Wie wir miteinander umgehen. Ob wir niemanden zurücklassen.
Was das praktisch bedeutet:
Bei den „Möglichkeitsdenkern“ der Lebenshilfe.
Ich arbeite mit Menschen, die Unterstützung brauchen. Wir fragen nicht: „Was können die nicht?“ Sondern: „Was können die?“
Menschen, die jahrelang nur „betreut“ wurden, organisieren jetzt selbst Veranstaltungen. Engagieren sich. Haben eine Stimme.
Das ist konkret, was die Bibel meint: Menschen werden befreit. Nicht durch fromme Worte. Durch echte Teilhabe.
Als Kirchenvorstand: Oft erlebe ich den Widerspruch: Kirche redet von Nächstenliebe – und nimmt Ehrenamtliche oft als selbstverständlich hin.
Ich versuche gegenzusteuern. Entscheidungen transparent machen. Ehrenamtliche stärken und wertschätzen. Kirche öffnen für alle.
Ziemlich schwer. Die Strukturen sind zäh. Aber manchmal geht was.
An der Uni: Ich unterricht Soziale Arbeit. Und ich sag den Studierenden: „Gute Soziale Arbeit fragt nicht nur: Wie helfen wir? Sondern auch: Warum brauchen Menschen überhaupt Hilfe?“
Warum gibt es Armut in einem reichen Land? Warum werden Menschen mit Behinderungen ausgegrenzt? Das sind politische Fragen.
Was ich gewonnen habe. Diese andere Art, die Bibel zu lesen, hat mir Freiheit gegeben:
Frei von der Angst, nicht gut genug zu sein. Vom Druck, ständig was leisten zu müssen. Von religiöser Kontrolle.
Frei für Solidarität mit denen, die unten sind. Für politisches Engagement. Für die Hoffnung, dass sich was ändern kann.
Frei mit allen, die ebenfalls auf der Suche sind. Mit denen am Rand. Mit allen, für die „kein Stuhl da ist“.
Die Suche geht weiter
Ich hab keine fertigen Antworten. Hab ich auch nie gehabt. Die Suche nach Gott hört nie auf.
Aber ich hab verstanden, wo ich suchen muss:
Nicht in perfekten Gottesdiensten. Sondern dort, wo Menschen befreit werden.
Nicht nur in frommen Bibelstunden. Sondern dort, wo Gerechtigkeit geschieht.
Nicht dort, wo Stühle weggenommen werden. Sondern dort, wo Tische gedeckt werden für alle.
Genau so was haben wir jetzt gerade. Der Nachbarschaftsraum in Breidenbach.
Das ist keine fromme Idee. Das ist eine notwendige Maßnahme. Weil Kirche in Zukunft nicht anders überleben kann. Nicht als Institution, die sich selbst erhält. Sondern als Kirche, die nah bei den Menschen ist.
Die Ängste sind da. Wird das funktionieren? Wie finanzieren wir das? Was, wenn’s schief geht?
Aber auch die Hoffnung. Die Chance, was Neues entstehen zu lassen. Einen Ort, wo Gemeinde wirklich Gemeinde ist. Nicht nur in Sonntagsgottesdiensten, sondern im Alltag.
Dabei wollen wir die alten Menschen mitnehmen. Beide Gruppen sind wichtig – die, die was Neues wagen, und die, die die Tradition kennen. Die Tradition ist auch wichtig. Aber sie ist nicht in Stein gemeißelt. Sie muss sich wandeln, wenn sie leben soll.
Alfred Delp, der Jesuitenpater, der im Widerstand gegen die Nazis war und dafür hingerichtet wurde, hat aus dem Gefängnis geschrieben:
„Man muss die Segel in den unendlichen Wind stellen, dann erst werden wir spüren, welcher Fahrt wir fähig sind.“
Wir setzen die Segel. Nicht weil wir so mutig sind. Sondern weil wir keine andere Wahl haben, wenn wir ehrlich sein wollen.
Gott baut sein Reich nicht mit Steinen, sondern mit Menschen.
Und Karl Barth hat es gesagt: „Seid ohne Angst – es wird regiert.“
Nicht von uns. Nicht von Kirchenvorständen. Nicht von perfekten Konzepten.
Sondern von dem Gott, der schon immer auf der Seite derer war, die was Neues wagen mussten.
Dieser Weg ist nicht einfach. Nicht bequem. Er macht einen manchmal unbequem für andere.
Aber er ist frei.
Der gemeinsame Weg ist gemeinschaftlich oder er ist gar nicht. Niemand kann allein befreit werden.
Samstag, Baumarkt. Kellerausbau mit Sauna. YouTube sagt „kinderleicht“.
Vier Stunden später: Dampfsperre an mir, nicht an der Wand. Rigips kaputt. Finger blutig. Aber weiter geht’s! Irgendwann wird das die geilste Sauna ever.
Ich bin nicht nur im Keller Heimwerker.
**Heimwerken an der Inklusion**
Berlin bastelt Bundesteilhabegesetz. Ohne Anleitung. Ohne die Betroffenen zu fragen.
Drei Anträge, um aufzustehen. Fünf Gutachten, um zur Arbeit zu fahren. Wer nicht bürokratiefest ist, bleibt liegen.
Deutsche Gründlichkeit nennen wir das.
Bei meiner Sauna frag ich den Fachmann. Bei Menschen mit Behinderung? „Ach, das krieg ich auch so hin!“
**Heimwerken an der Kirche**
Strukturreform mit Beraterhonoraren. „Kirche von unten“ – von oben gemacht.
Ehrenamtliche brennen aus? Nicht so zimperlich! Früher ging’s auch.
Gottesdienste leer? Fusionieren! Drei Tote sind ein Lebendiger.
Bei 400 Volt hol ich den Elektriker. Bei der Gemeinde? „Haben wir schon immer so gemacht!“
**Heimwerken in der Verwaltung**
Formular. Kästchen. Unterschrift nur persönlich. Dienstags 9-11:30 Uhr.
„Geht das einfacher?“ – Wo kämen wir da hin! Dann könnte ja jeder!
**Das Prinzip**
Im Keller: Sofort Schimmel. Mein Problem.
In der Gesellschaft: Kollaps nach Jahren. Bin dann befördert.
Inklusion gescheitert? „War schon immer schwierig.“ Gemeinden tot? „Strukturwandel.“ Demokratie müde? „Wollen halt nicht.“
Die Betroffenen hätten halt bei der Umfrage mitmachen sollen. Von 2019.
Vanessa und Wolfgang Nollmann waren zu Gast an der Universität Siegen. Sie haben den Studierenden von ihrer Arbeit erzählt. Auch andere Fachleute waren dabei:
Vertreter von der Lebenshilfe Lüdenscheid
Vertreter von der Lebenshilfe Marburg
Mitarbeiter von der EUTB Lüdenscheid
Was ist EUTB? EUTB bedeutet: Ergänzende unabhängige Teilhabe-Beratung. Das ist eine Beratungs-Stelle für Menschen mit Behinderung. Die Berater helfen bei vielen Fragen:
Welche Rechte habe ich?
Wo bekomme ich Unterstützung?
Wie kann ich selbstbestimmt leben?
Was war besonders? Vanessa und Wolfgang Nollmann arbeiten bei der Lebenshilfe. Sie kennen die Praxis sehr gut. Zusammen mit den anderen Experten haben sie den Studierenden gezeigt:
Wie Beratung wirklich funktioniert
Was Menschen mit Behinderung brauchen
Welche Probleme es im Alltag gibt
Wie verschiedene Organisationen zusammen-arbeiten
Wie kam es zu diesem Besuch? Die Idee kam von Armin Herzberger. Er ist Lehrbeauftragter an der Universität Siegen. Er hat die Verbindung zwischen Universität und Praxis hergestellt. Ihm ist wichtig: Studenten sollen echte Experten kennen-lernen.
Warum ist das wichtig? Die Studierenden lernen viel aus Büchern. Aber echte Experten aus der Praxis sind noch wichtiger. Sie zeigen: So sieht die Arbeit wirklich aus. Sie erzählen von echten Situationen.
Die Bilder zeigen die Experten bei ihrer Arbeit im Seminar. Man sieht: Sie arbeiten konzentriert. Und sie erklären den Studierenden viel.
Gehalten von Pfarrerin Tatjana Frenzel Evangelische Kirchengemeinde Wolzhausen am 31.12.26
Evangelische Kirche Wolzhausen
Die Gnade unseres HERRN Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.
Liebe Gemeinde,
die Jahreslosung für das Jahr 2026 lautet:
„Siehe, ich mache alles neu.“
Das klingt groß. Fast zu groß.
Alles neu – wirklich alles? Unsere Welt? Unser Leben? Mich selbst?
Manchmal wünschen wir uns genau das: einen Neustart, einen Reset-Knopf. Und manchmal macht uns dieser Satz eher Angst. Denn nicht alles Alte würden wir freiwillig hergeben. Manches ist uns vertraut geworden – selbst dann, wenn es weh tut.
Die Jahreslosung steht am Ende der Bibel, in der Offenbarung des Johannes. Sie steht nicht am Anfang, nicht bei der Schöpfung, sondern am Ziel. Nach Leid, nach Tränen, nach Chaos, nach Zerbruch. Genau dahin sagt er dies.
Und Gott sagt nicht: Ich repariere ein bisschen. Er sagt: Ich mache alles neu.
1. Neu heißt nicht: alles weg
Neu – das heißt in der Bibel nicht: alles Alte wird ausgelöscht. Gott ist kein Zerstörer der Vergangenheit. Er ist ein Verwandler.
Vielleicht hilft uns ein Bild, das viele von uns kennen: die Nordsee. Wer mich kennt, weiß, dass ich ja eher ein Ostsee-Fan bin, aber um die Jahreslosung etwas begreifen zu können, hilft mir ausnahmsweise mal die Nordsee.
Wer einmal am Meer war, kennt dieses Staunen. Eben noch war alles Wasser. Wellen, Tiefe, Weite. Und dann – Stunden später – ist das Meer weg. Watt. Schlamm. Boden unter den Füßen.
Was passiert da?
Das Meer ist nicht verschwunden. Es ist auch nicht kaputt. Es hat sich zurückgezogen. Und plötzlich wird etwas sichtbar, das vorher verborgen war.
Das Watt ist kein endgültiger Zustand. Es ist ein Zwischenraum. Ein Raum der Möglichkeit.
2. Gottes Neuschaffen geschieht oft im Zwischenraum
„Siehe, ich mache alles neu“ – das klingt nicht nach einem lauten Knall. Nicht nach einem schnellen Wunder. Oft beginnt das Neue genau dort, wo sich etwas zurückzieht.
Vielleicht kennen Sie solche Zeiten:
– Ein Lebensabschnitt endet. – Eine Beziehung verändert sich oder bricht ab. – Ein Plan geht nicht auf. – Eine Sicherheit trägt nicht mehr.
Plötzlich fühlt sich das Leben an wie Watt. Unübersichtlich. Matschig. Man weiß nicht so recht, wo man hintreten soll.
Und wir fragen: Wo ist Gott jetzt? Warum zieht sich das Wasser zurück?
Vielleicht gerade deshalb. Weil Gott im Freilegen arbeitet. Weil Neues nur entstehen kann, wenn etwas Platz bekommt.
Auch wir stehen als Gemeinde in diesem Neuen. Ab morgen sind wir eine Gesamtkirchengemeinde. Es verändert sich etwas. Nicht nur der Name, sondern die Zusammenarbeit, das Miteinander, die Beziehungen werden neu. Und Gott? Gott bleibt in alledem. Gott ist der Beständige. Gott ist das Zentrum. Das Herz, dass auch im Großen für seine Menschen weiterschlägt. Und Gott ist der, der verbindet auch über die Ortsgrenzen hinaus. Eine Zusage. Ein Trost. Eine Perspektive.
Was heißt das konkret für unser Leben?
„Ich mache alles neu“ heißt:
– Gott ist nicht fertig mit dieser Welt. – Gott ist nicht fertig mit unserer Geschichte. – Gott ist nicht fertig mit uns. – Gott ist nicht fertig mit dem wie Kirche sich verändert.
Auch nicht mit dem, was festgefahren scheint. Auch nicht mit dem, was sich alt, müde oder beschädigt anfühlt.
Im Watt sieht man plötzlich: kleine Krebse, Muscheln, Spuren im Sand. Leben, das vorher vom Wasser verdeckt war.
Vielleicht heißt Gottes Neuschaffen für uns:
– Alte Verletzungen dürfen endlich angeschaut werden. – Fragen dürfen gestellt werden, ohne sofort Antworten zu haben. – Wir müssen nicht alles überspielen mit Aktivität und Lärm.
Gott wirkt nicht nur in der Flut. Er wirkt auch in der Ebbe.
Und was bedeutet das für mich selbst?
Vielleicht ganz persönlich:
– Ich muss nicht bleiben, wie ich bin. – Aber ich muss mich auch nicht selbst neu erfinden. – Ich darf mich Gott aussetzen – wie das Watt dem Meer. – Ich darf und muss mich auch den Veränderungen stellen, selbst wenn sie mit Trauer benetzt sind.
Das Watt weiß: Das Wasser kommt wieder. Nicht als Bedrohung, sondern als Vollendung.
So ist Gottes Verheißung kein billiger Trost. Sie sagt nicht: Alles wird sofort gut. Aber sie sagt: Nichts bleibt sinnlos alt.
Gott spricht: „Siehe“ – schau hin. Nicht weg. Hin auf das, was sich gerade verändert. Hin auf das, was freiliegt. Hin auf dich selbst.
Hoffnung mit offenen Händen
Am Ende der Offenbarung wird nicht alles überschwemmt und ausgelöscht. Am Ende wohnt Gott bei den Menschen. Tränen werden abgewischt. Nicht vergessen – aber geheilt.
Wie das Meer kommt, nicht um das Watt zu zerstören, sondern um es neu zu umarmen.
„Siehe, ich mache alles neu.“
Vielleicht ist das keine Drohung. Sondern eine Einladung. Eine Einladung, dem Zwischenraum zu vertrauen. Der Zeit, in der noch nicht klar ist, wie es weitergeht. Aber klar ist, wer trägt.
„Jesus Christus, gestern und heute und auch derselbe in Ewigkeit.“ Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem HERRN und Heiland. Amen.
Möglichkeitsdenker und Kirche von unten: Was gehört zusammen?
Wer ist Dr. Steffen Bauer?
Steffen Bauer wurde 1961 in Mannheim geboren. Er hat evangelische Theologie studiert und war viele Jahre Gemeindepfarrer – erst in Mannheim, dann in Heidelberg. Dort war er auch sieben Jahre lang Dekan. Das bedeutet: Er war Chef von mehreren Kirchengemeinden.
Er kennt also die normale Gemeindearbeit sehr gut. Er weiß, wie Kirche vor Ort funktioniert – mit allen Problemen und Chancen.
Dann hat er etwas Neues gelernt: Von 2007 bis 2013 hat er sich mit Organisationen beschäftigt. Er hat gelernt, wie man große Einrichtungen verändert und weiterentwickelt. Er war in Wien bei Fachleuten, die sich damit auskennen.
Von 2013 bis 2024 war er Chef der Ehrenamtsakademie in Darmstadt. Das ist eine Einrichtung der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Dort bildet man Menschen aus, die ehrenamtlich in der Kirche mitarbeiten. Bauer hat also viele Jahre lang genau die Menschen unterstützt, die keine hauptberuflichen Pfarrer sind.
Seit September 2024 ist er im Ruhestand. Aber er arbeitet weiter. Er reist durch Deutschland und hält Vorträge in verschiedenen evangelischen Landeskirchen. Er berät Kirchenleitungen, die ihre Kirche verändern wollen.
Warum kennt Bauer sich so gut aus?
Bauer hat viele Jahre lang untersucht, wie sieben verschiedene Landeskirchen sich verändern. Er hat genau hingeschaut: Was funktioniert? Was funktioniert nicht? Was brauchen die Menschen wirklich?
Er verbindet drei Dinge: – Die praktische Erfahrung als Pfarrer und Dekan – Das Wissen über Organisationen und Veränderung – Die Arbeit mit ehrenamtlichen Menschen, die Kirche mitgestalten wollen
Deshalb kann er nicht nur theoretisch reden. Er kennt die Realität. Er weiß, wo die Probleme liegen. Und er weiß, was Menschen vor Ort brauchen.
Die Hauptidee: Menschen können selbst entscheiden
Aus seiner ganzen Erfahrung sagt Bauer: Kirche gehört den Menschen, nicht den Pfarrern. Das Möglichkeitsdenken in der Lebenshilfe sagt: Menschen mit Behinderungen wissen selbst, was gut für sie ist. Das ist die gleiche Grundidee.
Früher lief es so: Die Fachleute wissen, was richtig ist. Die Pfarrer sagen, wie Kirche geht. Die Betreuer sagen, was Menschen mit Behinderungen brauchen. Heute sagen beide: Nein! Die Menschen selbst müssen entscheiden dürfen.
Bauer hat in seiner Ehrenamtsakademie jahrelang mit Menschen gearbeitet, die sich in der Kirche engagieren wollten. Er hat gesehen: Diese Menschen bringen viel mit. Sie haben Ideen. Sie haben Talente. Sie wollen gestalten.
Seine Frage aus dieser Erfahrung: „Was trauen wir den Menschen zu?“ Die Lebenshilfe fragt das Gleiche. Die Antwort ist erschreckend: Wir trauen den normalen Menschen zu wenig zu. Und den Fachleuten trauen wir zu viel zu.
Menschen können mehr, als wir denken
Als Pfarrer und Dekan hat Bauer erlebt: Wenn man Menschen lässt, können sie erstaunliche Dinge tun. Sie organisieren Gottesdienste. Sie kümmern sich um andere. Sie entwickeln neue Ideen für Kirche.
Er sagt: Alle getauften Christen können Kirche gestalten. Nicht nur die Pfarrer. Luther hat das auch schon gesagt. Er nannte die einfachen Bauern damals „königliches Priestertum“. Das heißt: Jeder Christ ist wichtig und wertvoll.
Das Möglichkeitsdenken sagt: Menschen mit Behinderungen können viel mehr, als viele denken. Wir müssen auf ihre Stärken schauen, nicht auf ihre Schwächen.
In Stuttgart hängt vor einer Kirche ein großes Schild: „Wir haben eine Kirche – haben Sie eine Idee?“ Bauer findet das genau richtig. Die Kirche fragt die Menschen: Was wollt ihr? Nicht: Wir sagen euch, was ihr bekommt.
In der Lebenshilfe bedeutet das: Wir fragen Menschen mit Behinderungen: Was willst du? Wie willst du leben? Nicht: Wir haben ein Programm, da musst du mitmachen.
Die Fachleute müssen loslassen
Das ist der schwierigste Teil. Bauer sagt aus seiner Beratungserfahrung: Pfarrer müssen Macht abgeben. Sie müssen zulassen, dass andere Menschen Kirche anders machen, als sie es selbst für richtig halten. Das ist eine große Veränderung. Viele Pfarrer können das nicht.
Bauer sagt sogar: Die größte Veränderung muss bei den Pfarrerinnen und Pfarrern selbst passieren. Das ist eine harte Aussage. Aber er hat es in vielen Landeskirchen gesehen: Oft blockieren gerade die hauptberuflichen Kirchenmitarbeiter die Veränderung.
In der Behindertenhilfe ist es genauso. Betreuer und Sozialarbeiter müssen ihre Macht abgeben. Sie müssen akzeptieren, dass Menschen mit Behinderungen ihr Leben selbst gestalten – auch wenn sie es anders machen würden.
Bauer sagt: „Ich lasse zu. Ich lasse andere machen. Ich lasse etwas zu, was nicht meinem eigenen Verständnis entspricht.“ Das ist schwer. Aber genau das braucht es.
Als Leiter der Ehrenamtsakademie hat Bauer genau daran gearbeitet: Menschen stark machen, die keine Pfarrer sind. Ihnen Mut machen. Ihnen Wissen geben. Damit sie selbstbewusst sagen können: Ich gestalte Kirche mit.
Jeder Mensch bringt etwas mit
Bauer sagt aus seiner Erfahrung: Wir denken falsch. Wir denken: Draußen laufen nur Menschen herum, die keine Ahnung haben. Aber das stimmt nicht. Viele Menschen haben wichtige Erfahrungen gemacht. Mit dem Leben. Mit dem Glauben. Mit Gott.
Diese Erfahrungen sind wertvoll. Wir müssen sie ernst nehmen.
In der Ehrenamtsakademie hat Bauer das immer wieder erlebt: Menschen kommen mit ihren Lebensgeschichten. Mit ihren Glaubenserfahrungen. Das ist oft viel wertvoller als das, was man im Theologiestudium lernt.
Das Möglichkeitsdenken sagt genau das Gleiche: Menschen mit Behinderungen haben wichtige Erfahrungen. Sie wissen, wie das Leben mit Behinderung ist. Sie haben Ideen, wie Hilfe gut funktioniert. Wir müssen ihnen zuhören.
Kirche von unten
Es gibt in der evangelischen Kirche eine lange Tradition. Sie heißt „Kirche von unten“. Das bedeutet: Die normalen Gemeindeglieder sollen mitbestimmen. Nicht nur die Bischöfe und Pfarrer oben.
Bauer sagt: Wir sind kein Hirte mit seiner Herde. Wir sind ein Körper mit vielen Teilen. Alle Teile sind wichtig. Nicht nur der Kopf.
Das passt genau zur Lebenshilfe. Auch dort geht es um Gleichberechtigung. Nicht: Einer weiß alles, die anderen hören zu. Sondern: Alle denken mit, alle entscheiden mit.
Bauers ganze berufliche Arbeit – erst als Pfarrer, dann in der Organisationsberatung, dann in der Ehrenamtsakademie – zielt genau darauf: Macht teilen. Menschen beteiligen. Hierarchien abbauen.
Die Welt hat sich verändert
Bauer hat in seinen Untersuchungen in sieben Landeskirchen gesehen: Heute wollen Menschen ihr Leben selbst gestalten. Jeder will sein eigenes, besonderes Leben haben. Nicht das Programm von der Stange.
Das gilt für Kirche: Nicht alle wollen sonntags um zehn Uhr Gottesdienst. Manche wollen online teilnehmen. Andere wollen im Park feiern. Wieder andere wollen ganz neue Formen ausprobieren.
Das gilt für Menschen mit Behinderungen: Nicht alle wollen in Wohnheimen leben. Nicht alle wollen in Werkstätten arbeiten. Jeder will sein eigenes Leben führen.
Das bedeutet: Wir brauchen viele verschiedene Angebote. Nicht ein Standardprogramm.
Altes bewahren und Neues wagen
Bauer hat eine 89-jährige Mutter. Sie liebt den Gottesdienst am Sonntagmorgen. Sie braucht das Vertraute.
Aber viele jüngere Menschen brauchen etwas Neues. Etwas anderes.
Die Kirche muss beides können: Das Alte für die Menschen bewahren, die es brauchen. Und Neues ausprobieren für die Menschen, die es wollen.
Bauer nennt das „Beidhändigkeit“. Wie jemand, der mit beiden Händen arbeiten kann. Die eine Hand macht das Alte weiter. Die andere Hand probiert Neues aus.
In der Behindertenhilfe ist es genauso. Manche Menschen fühlen sich wohl in der Wohngruppe. Sie sollen dort bleiben können. Aber andere wollen in einer eigenen Wohnung leben. Das muss möglich sein.
Beides gleichzeitig machen – das ist die Kunst. Bauer hat das in seiner Beratungsarbeit immer wieder erlebt: Das ist die größte Herausforderung für Kirchenleitungen.
Die Fachleute ändern sich schwer
Das größte Problem hat Bauer in allen sieben untersuchten Landeskirchen gesehen: Oft blockieren die Fachleute selbst die Veränderung.
Pfarrer wollen ihre Macht nicht abgeben. Kirchenleitungen halten an alten Strukturen fest.
Betreuer wollen ihre Rolle als Helfer behalten. Einrichtungsleiter wollen ihre Einrichtungen nicht verändern.
Dabei müsste gerade von ihnen die Veränderung kommen.
Deshalb reist Bauer heute durch Deutschland und spricht mit Kirchenleitungen. Er sagt ihnen unbequeme Wahrheiten. Er zeigt ihnen, was sich ändern muss. Das ist nicht immer bequem. Aber es ist nötig.
Im Stadtteil arbeiten, nicht nur in der Kirche oder Einrichtung
Aus seinen Untersuchungen sagt Bauer: Kirche muss vor Ort sein. Im Stadtteil. Wo die Menschen leben. Er nennt das „regiolokal“ – eine Mischung aus regional und lokal.
Die Behindertenhilfe sagt: Menschen mit Behinderungen sollen nicht abgesondert in Sondereinrichtungen leben. Sie sollen mittendrin im Stadtteil wohnen.
Das ist der gleiche Gedanke: Raus aus den abgeschotteten Gebäuden, rein ins normale Leben.
Verschiedene Leute mit verschiedenen Fähigkeiten
Bauer hat als Dekan mit verschiedenen Menschen zusammengearbeitet. Er weiß: Kirche braucht nicht nur Pfarrer. Sie braucht Menschen mit ganz verschiedenen Fähigkeiten. Manche können gut reden. Andere können gut organisieren. Wieder andere können gut zuhören. Alle sind wichtig.
Die Behindertenhilfe braucht auch verschiedene Leute. Nicht nur ausgebildete Sozialpädagogen. Sondern auch Handwerker, Künstler, normale Nachbarn. Alle bringen etwas mit.
Auch übers Internet
Bauer sieht: Heute gibt es neue Möglichkeiten. Gottesdienste kann man online feiern. Gemeinschaft kann auch digital entstehen.
Für Menschen mit Behinderungen eröffnet das Internet neue Chancen. Sie können sich vernetzen. Sie können teilnehmen, auch wenn sie nicht gut laufen können.
Bauers Buchprojekt
2022 hat Bauer sein Buch veröffentlicht: „Kirche der Menschen – zuversichtlich, mutig, beidhändig ermöglichen“. Darin fasst er zusammen, was er in vielen Jahren gelernt hat.
Er schreibt nicht nur für Fachtheologen. Er schreibt für alle, die sich um die Zukunft der Kirche Gedanken machen. Das Buch ist leicht lesbar.
Darin zeigt er: Wie können Kirchen sich verändern? Was braucht es dafür? Welche Hindernisse gibt es? Und vor allem: Wie macht man Menschen Mut, neue Wege zu gehen?
Warum das zusammengehört
Kirche der Menschen und Möglichkeitsdenken sagen beide: Menschen sind keine Objekte. Menschen sind Subjekte.
Das heißt: Menschen sind nicht Empfänger von Hilfe. Menschen gestalten ihr Leben selbst.
Das heißt auch: Menschen sind nicht Zuschauer. Menschen sind Mitmacher.
Bauer begründet das theologisch: Alle Getauften sind vor Gott gleich wichtig. Die Lebenshilfe sagt: Alle Menschen haben die gleiche Würde.
Aber das Ergebnis ist gleich: Respekt vor jedem Menschen. Zutrauen in die Fähigkeiten jedes Menschen. Bereitschaft, Macht zu teilen.
Bauer hat sein ganzes Berufsleben darauf verwendet, diesen Gedanken praktisch umzusetzen. Erst in Gemeinden. Dann in der Organisationsberatung. Dann in der Ausbildung von ehrenamtlichen Mitarbeitern. Und jetzt in der Beratung von Kirchenleitungen.
Was das in der Praxis bedeutet
Für die Kirche: – Menschen fragen: Was wollt ihr? Was braucht ihr? – Experimente zulassen: Probiert es aus! – Pfarrer müssen lernen: Nicht alles kontrollieren – Verschiedene Formen von Kirche ermöglichen – Menschen ihre Gaben einbringen lassen – Kirchenleitungen müssen Ideen freilassen (das betont Bauer immer wieder in seinen Vorträgen)
Für die Behindertenhilfe: – Menschen mit Behinderungen fragen: Was willst du? Wie willst du leben? – Neue Wohnformen ausprobieren – Betreuer müssen lernen: Nicht alles besser wissen – Verschiedene Lebensformen ermöglichen – Menschen ihre Stärken einbringen lassen
Das große Bild
Es geht um eine Bewegung: Weg von Einrichtungen, die für sich selbst da sind. Hin zu Gemeinschaften, die für Menschen da sind.
Weg von Fachleuten, die alles bestimmen. Hin zu Menschen, die ihr Leben selbst gestalten.
Weg von Standardprogrammen. Hin zu vielfältigen Möglichkeiten.
Das gilt für Kirche. Das gilt für Behindertenhilfe. Das gilt für viele Bereiche der Gesellschaft.
Möglichkeitsdenken ist nicht nur ein Konzept für die Lebenshilfe. Es ist eine grundsätzliche Haltung: Wir trauen Menschen etwas zu. Wir ermöglichen ihnen, ihr Leben zu leben. Wir lassen sie ihre Erfahrungen einbringen.
Und das ist zutiefst christlich. Denn Gott traut uns Menschen auch etwas zu. Gott macht uns nicht zu Marionetten. Gott macht uns zu freien, verantwortlichen Menschen.
Ja, die Kirche darf sich in die Politik einmischen, und viele sehen darin sogar eine Pflicht, insbesondere bei ethischen Fragen, Menschenrechten und dem Gemeinwohl.
Wobei sie sich aber von tagesaktuellen Parteipositionen fernhalten sollte, um ihre Glaubwürdigkeit zu wahren und als moralischer Kompass zu wirken.
Die Meinungen gehen auseinander, wie stark diese Einmischung sein sollte, aber die allgemeine Tendenz ist, dass Kirche sich für christliche Werte wie Nächstenliebe, Bewahrung der Schöpfung und Gerechtigkeit einsetzen muss, um ihre Rolle in der Gesellschaft wahrzunehmen, statt sich komplett zu neutralisieren.
Argumente für die Einmischung:
Glaubensauftrag: Der Glaube ist nicht nur privat, sondern hat eine politische Dimension; Schweigen bei Ungerechtigkeit wäre ein Versagen.
Wertevermittlung: Die Kirche kann christliche Werte als Leitlinien für politische Entscheidungen einbringen, z.B. in der Sozialpolitik oder beim Klimaschutz.
Menschliches Wohl: Wenn das Wohl der Menschheit gefährdet ist, sieht sich die Kirche verpflichtet, eine Stimme zu erheben.
Demokratie stärken: Als Institution kann sie Halt geben, Sinn stiften und so das zivile Miteinander und die Demokratie fördern.
Grenzen der Einmischung: Keine Parteipolitik: Die Kirche soll nicht Partei ergreifen, sondern Partei für die Menschen ergreifen und nicht in tagespolitische Grabenkämpfe verfallen.
Neutralität wahren: Der Staat muss religiös neutral bleiben, aber die Kirche agiert in der Gesellschaft und muss ihre Unabhängigkeit bewahren.
Spielfeld wechseln: Eine zu starke Fokussierung auf Tagespolitik kann von der grundlegenden spirituellen Aufgabe ablenken.
Praxis in Deutschland: Das deutsche Grundgesetz sieht keine strikte Trennung von Staat und Kirche vor; der Staat arbeitet mit Religionsgemeinschaften zusammen, z.B. beim Religionsunterricht.
Die Bundesregierung schätzt die Einbindung der Kirchen bei ethischen und sozialen Fragen.
Fazit: Die Kirche darf und muss sich politisch einmischen, aber mit Augenmaß, indem sie ihre ethischen Grundsätze in die Debatte einbringt, ohne sich selbst zu einer politischen Partei zu machen.
Im Januar am Beginn des Jahres, ganz zu Beginn, Diese Runde meist deutlich angegraut. Alte Männer, das Haupthaar schütter, die Bärte grau, wirken müde, die Köpfe interessiert nach vorne geneigt. Viele alte, weise Männer, aus faltigem Gesicht mit leerem, trüben Blick.
Viele alte Frauen, Haare gefärbt, Einige onduliert, andere toupiert, Hochfrisur. Mit Zweckfrisuren, kurzer Haarschnitt, Fasonschnitt, männlich streng geschnitten. Schminke im Gesicht, dick aufgetragen, rote Lippen, viel zu rot, auch Rouge auf den fahlen Wangen. Backenknochen notdürftig weich geschminkt.
Eine alte graue Runde, lustlos. Die Raumluft ist geschwängert von billigem Rasierwasser: Old Spice, Irisch Moos, Tabac, Pitralon. Frauen-Düfte: Tosca, Kölnisch Wasser, Gabriela Sabatini.
Sie halten fest an alten Riten: Begrüßung, Anwesenheitslisten, Tagesordnung. Wir gedenken der Verstorbenen – sich kurz erhebend. Schweigeminute für die verdienten Hingeschiedenen.
Eloquente Profis, auch dabei, viele Frauen, wenige Männer. Ein kleiner Lichtblick. Ein wenig wie erweitertes Zentralkomitee der längst vom Zeitenlauf verschluckten Regime.
Beklagt wird alles, Zeitgeist, Mitarbeiter ausgebrannt und am System krank gemacht. Niemand nimmt mehr Verantwortung ernst. Wie war das früher doch anders? Schöner, besser, früher. Früher immer alles besser.
Dann reden die Profis.
Ja, ja, die Profis reden smart. Fachbegriffe fliegen, sind stolz auf das angelernte Vokabular aus Psychologie, Erziehungswissenschaft. Management-Vokabular: Projektmanagement, Qualitätsmanagement, Lean Management.
Das Unternehmensberatungsvokabular restlos aufgesagt, falsch gewählt, unecht. Mit roten Wangen dargeboten, falsche Versprechungen.
Keiner sagt es, wagt es nicht, keiner hat mehr Kraft zu sagen: Was wabert durch den Raum?
Unsere Zeit, die ist vorbei. Nichts wird mehr nützen, nichts mehr helfen. Unsere Zeit, die ist vorbei, unverrückbar, obsolet, verschluckt, verplempert, aus der Zeit gefallen.
Im Abklingbecken der Geschichte wiedergefunden. Da ist noch warm, vielleicht noch ein paar Jahre. Kann man kuscheln, bleiben, die alten Zeiten weinen. Aber jeder spürt allmählich: Wird es kälter, immer kälter.
Die Jungen spielen nicht mehr mit. Die Jungen, ach ja, die Jungen. Die haben ihre eigenen Sorgen, ihre eigene Art, mit der Welt umzugehen. Was den Alten als Eigennutz erscheint, ist vielleicht nur Selbstschutz in einer Zeit, die keinen mehr trägt.
Liebe Menschen, sagt es doch: Es ist vorbei. Sagt es bitte ehrlich: Es ist vorbei.
Bitte erst mal warten, klagen, trauern, weinen, zur Ruhe kommen, warten, müssen können, schauen, blicken, träumen, schlafen, neue Kräfte sammeln.
Da wird vielleicht die neue Hoffnung keimen, erst ganz klein und zart und grün, dann stärker, größer werdend.
Was da ist, was kommt, das sehen wir dann.
Wie es wirklich werden wird, das weiß noch keiner. Jeder kann es träumen.
Dann kommt ein guter Satz, der in sich birgt etwas Kluges: Wer träumen kann, der kann auch tun.
Darauf dürft ihr hoffen, aber lasst euch Zeit.
Bitte, bitte nicht dran ziehen. Hoffnung braucht Geduld und Ruhe, um zu wachsen, zu gedeihen.
26.12.25 Claudius
Begleit-Notiz Dieses Gedicht entstand am zweiten Weihnachtstag 2025 — nach einer dieser Sitzungen, die man kennt und die einen nicht loslassen. Es geht um Institutionen, die ihre Zeit hatten. Um Menschen, die das wissen, aber es nicht aussprechen können oder wollen. Und um die Frage, was nach dem ehrlichen Eingeständnis des Endes noch möglich ist. Die Widmung gilt Maren und ihrem Lebenswerk — in Dankbarkeit und Respekt. HeCl
Wir feiern den Advent nur nebenbei – wenn überhaupt. Es sind schließlich die hektischen Wochen vor Weihnachten:
Geschenke kaufen, Feiertagsbesuche planen, Festessen organisieren, dazwischen Weihnachtsfeiern und bitte auch etwas Besinnlichkeit. Ach ja, und wieder eine Kerze anzünden, wie die Zeit vergeht!
Dabei hat der Advent wenig mit Weihnachten zu tun. Und viel damit, wie wir durchs Leben gehen. In der Antike – und auch heute noch – schaute man auf das Bewährte, erklärt Siegfried Zimmer. Gut war, was schon lange funktionierte. Neues machte Angst, die Zukunft war ungewiss.
Jesus aber war ein Revolutionär – er blickte nach vorn.
Er versprach den Leidenden künftigen Trost und den Trauernden das Reich Gottes.
Das Gute kommt noch. Und wer zurückblickt, so sagte es Jesus, der ist nicht geschaffen für das Reich Gottes, der erstarrt im Hier und Jetzt. Damit uns das nicht passiert, gibt es den Advent.
Lebenshilfe Möglichkeitsdenker ist ein innovatives Graswurzelprojekt im Bereich der Teilhabe- und Inklusionsförderung, das Menschen mit Beeinträchtigungen als aktiv Gestaltende zivilgesellschaftlichen Engagements in den Mittelpunkt stellt. Der Begriff „Möglichkeitsdenker“ beschreibt dabei eine Haltung, die nicht von Defiziten, sondern von Potenzialen und Möglichkeiten ausgeht.
Gründung und Gründungspersonen
Das Möglichkeitsdenker-Projekt wurde von einer Gruppe engagierter Personen aus Praxis und Wissenschaft initiiert, die gemeinsam neue Wege der inklusiven Teilhabe entwickeln wollten. Als Graswurzelprojekt entstand es nicht top-down durch institutionelle Vorgaben, sondern bottom-up aus der konkreten Praxis und dem persönlichen Engagement der Beteiligten.
Gründungsteam
Armin Herzberger fungierte als zentrale Gründungsperson und Initiator des Projekts. Als Sozialpädagoge mit langjähriger Erfahrung in der Lebenshilfe-Arbeit und späterer akademischer Tätigkeit brachte er die praktische Expertise und theoretische Reflexion zusammen. Herzberger dokumentiert und reflektiert das Projekt sowie seine theoretischen und literarischen Überlegungen zu Inklusion auf seinem persönlichen Blog.
Auf seinem Blog veröffentlicht Herzberger unter anderem den bemerkenswerten Essay „Was hat Inklusion mit Rilke zu tun?“, der die Verbindung zwischen literarischer Sensibilität, humanistischer Bildung und inklusiver Pädagogik aufzeigt. Diese Reflexionen verdeutlichen, dass Inklusion nicht nur eine sozialpolitische oder organisatorische Aufgabe ist, sondern auch eine Frage der Haltung, der Wahrnehmung und des menschlichen Miteinanders – Dimensionen, die in der klassischen Literatur oft eindringlich thematisiert werden.
Erika Schmidt war als Person mit eigenem Assistenzbedarf von Beginn an maßgeblich an der Konzeptentwicklung beteiligt. Ihre Perspektive als Expertin in eigener Sache prägte die partizipative Ausrichtung des Projekts entscheidend.
Wolfgang Nollmann und Vanessa Nollmann, beide mit eigenem Assistenzbedarf, waren ebenfalls Gründungsmitglieder und verkörperten von Anfang an den Grundgedanken, dass Menschen mit Beeinträchtigungen nicht nur Zielgruppe, sondern aktive Gestalter*innen des Projekts sind.
Wolfgang Nollmann übernahm darüber hinaus eine besondere Rolle als Referent und Dozent an der Universität Siegen im Studiengang Soziale Arbeit/Sozialpädagogik. In dieser Funktion bringt er seine Erfahrungen und Perspektiven direkt in die Ausbildung künftiger Sozialarbeiter*innen ein und trägt so zur Sensibilisierung und Kompetenzentwicklung der Studierenden bei. Diese direkte Einbindung eines Menschen mit Assistenzbedarf in die akademische Lehre ist exemplarisch für den Möglichkeitsdenker-Ansatz.
Dr. Angelika Magiros brachte ihre Expertise im Bereich des unterstützten Wohnens und der Beratung ein. Als Mitarbeiterin bei der Lebenshilfe Bundesvereinigung (LHBV) trug sie wesentlich zur fachlichen Fundierung und konzeptionellen Ausarbeitung bei sowie zur Vernetzung mit der bundesweiten Lebenshilfe-Struktur.
Weitere beteiligte Dozentinnen und Expertinnen in eigener Sache
Das Möglichkeitsdenker-Projekt zeichnet sich dadurch aus, dass neben Wolfgang Nollmann weitere Menschen mit Beeinträchtigungen als Dozentinnen und Referentinnen in die akademische Lehre und Weiterbildung eingebunden sind:
Dr. Martin Reichstein ist als Wissenschaftler mit eigener Betroffenheit im Projekt aktiv und bringt seine akademische Expertise sowie seine persönlichen Erfahrungen in Forschung und Lehre ein. Seine Doppelrolle als Wissenschaftler und Mensch mit Beeinträchtigung verkörpert die Überwindung traditioneller Rollenzuschreibungen.
Dr. Miriam Düber und Dr. Hanna Weinbach engagieren sich ebenfalls als Dozentin und Expertin in eigener Sache im Kontext des Projekts. Sie tragen mit ihrer wissenschaftlichen Qualifikation und ihrer persönlichen Perspektive zur Weiterentwicklung inklusiver Hochschuldidaktik bei.
Darüber hinaus sind weitere Betroffene als Dozent*innen in verschiedenen Bildungskontexten aktiv, die ihre Erfahrungen und ihr Wissen weitergeben. Diese Einbindung von Menschen mit Beeinträchtigungen als Lehrende auf Augenhöhe ist ein zentrales Merkmal des Möglichkeitsdenker-Ansatzes und trägt zur Transformation des Bildungssystems bei.
Wissenschaftliche Begleitung
Die wissenschaftliche Begleitung erfolgte durch das Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZpE) der Universität Siegen:
Prof. Dr. Albrecht Rohrmann übernahm die wissenschaftliche Leitung und Begleitung des Projekts. Als renommierter Forscher im Bereich der Heilpädagogik und Behindertenhilfe brachte er umfassende Expertise in Fragen der Inklusion, Teilhabe und Sozialraumgestaltung ein.
Prof. Dr. em. Norbert Schwarte (verstorben) war ebenfalls maßgeblich an der wissenschaftlichen Konzeption beteiligt. Seine Arbeiten zur gemeindenahen Psychiatrie und sozialen Integration prägten die theoretischen Grundlagen des Projekts nachhaltig.
Die Gründungskonstellation war von Beginn an durch eine gleichberechtigte Zusammenarbeit zwischen Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen gekennzeichnet. Dies spiegelte bereits im Gründungsteam den Paradigmenwechsel wider, den das Projekt anstrebte: Nicht über, sondern mit Menschen mit Beeinträchtigungen zu denken und zu handeln.
Die enge Verzahnung von Praxiserfahrung (Lebenshilfe-Arbeit) und wissenschaftlicher Reflexion (Universität Siegen) bildete von Anfang an ein Alleinstellungsmerkmal des Projekts.
Als Graswurzelprojekt entwickelte sich die Initiative organisch aus der konkreten Begegnung und dem gemeinsamen Engagement der Beteiligten, ohne auf bestehende institutionelle Strukturen oder Finanzierungen zu warten. Diese Entstehungsweise prägt bis heute die Arbeitsweise und das Selbstverständnis des Projekts.
Die Einbindung mehrerer Menschen mit Beeinträchtigungen als akademische Dozent*innen war von Anfang an konstitutiv für das Projekt und demonstriert praktisch die Möglichkeiten inklusiver Bildung und Wissenschaft.
Entstehungsgeschichte
Das Konzept der Möglichkeitsdenker entwickelte sich im Kontext der deutschen Behindertenhilfe und der Lebenshilfe-Bewegung. Es steht in der Tradition der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung und der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), die 2009 in Deutschland ratifiziert wurde.
Internationale Inspiration: Lebenshilfe Graz
Wichtige Impulse und Anregungen für das Möglichkeitsdenker-Konzept kamen aus Österreich, insbesondere von der Lebenshilfe Graz. Die österreichische Lebenshilfe-Bewegung entwickelte bereits früh innovative Ansätze der Personenzentrierung und Selbstbestimmung, die als Ideengeber für die deutsche Entwicklung dienten. Der fachliche Austausch zwischen österreichischen und deutschen Lebenshilfe-Organisationen trug wesentlich zur konzeptionellen Weiterentwicklung bei.
Die theoretischen Grundlagen wurzeln in der Capability-Approach-Theorie von Amartya Sen und Martha Nussbaum sowie in der deutschen und österreichischen Sozialpädagogik-Tradition, die Empowerment und Subjektorientierung betont.
Kernkonzepte
Paradigmenwechsel
Das Projekt verkörpert einen Paradigmenwechsel von der traditionellen Fürsorge-Perspektive hin zu einer anerkennungsorientierten Praxis, in der Menschen mit Unterstützungsbedarfen:
Als Expert*innen in eigener Sache anerkannt werden
Von Hilfeempfängerinnen zu aktiven Gestalterinnen werden
Bürgerschaftliches Engagement praktizieren
Ihre Fähigkeiten und Ressourcen einbringen können
Als Dozent*innen und Lehrende tätig werden
Zukunftsplanung
Ein zentraler methodischer Ansatz im Möglichkeitsdenker-Projekt ist die personenzentrierte Zukunftsplanung (Person Centered Planning). Diese Methode stellt die Wünsche, Träume und Ziele der Person mit Beeinträchtigung in den Mittelpunkt und entwickelt daraus konkrete Schritte zur Verwirklichung. Zukunftsplanung bedeutet:
Die eigenen Lebensvorstellungen zu artikulieren
Unterstützer*innenkreise aufzubauen
Konkrete Teilhabeziele zu entwickeln
Ressourcen im Sozialraum zu erschließen
Selbstbestimmung aktiv zu gestalten
Theoretische Verortung
Das Konzept verbindet verschiedene theoretische Ansätze:
Sozialraumorientierung: Einbindung in lokale Gemeinwesen
Community Care: Gegenseitige Unterstützung statt einseitiger Versorgung
Peer-Learning: Lernen von und mit Menschen mit Beeinträchtigungen
Wissenschaftliche Kooperation mit der Universität Siegen
Fakultät für Bildung, Architektur, Künste und ZpE
Eine zentrale Rolle in der wissenschaftlichen Fundierung und Begleitung des Möglichkeitsdenker-Projekts spielt die Universität Siegen, insbesondere die Fakultät für Bildung, Architektur, Künste mit dem Fachbereich Soziale Arbeit und Sozialpädagogik sowie das Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZpE).
Die Zusammenarbeit umfasst:
Entwicklung theoretischer Grundlagen für inklusives bürgerschaftliches Engagement
Begleitforschung zu Transformationsprozessen in der Behindertenhilfe
Konzeption und Durchführung von Lehrveranstaltungen
Praxisforschung mit partizipativen Methoden
Transfer zwischen wissenschaftlicher Theorie und sozialpädagogischer Praxis
Einbindung von Menschen mit Beeinträchtigungen als Lehrende und Referent*innen
Im Rahmen der Kooperation entstanden innovative Seminarkonzepte, die Studierende der Sozialen Arbeit mit der Praxis des inklusiven Engagements vertraut machen:
„Soziale Arbeit mit Menschen mit besonderen persönlichen Lebenslagen“
„Bürgerschaftliches Engagement und Inklusion“
„Theorie-Praxis-Transfer in der Sozialpädagogik“
Diese Seminare verbinden theoretische Reflexion mit Praxisbesuchen und ermöglichen direkte Begegnungen zwischen Studierenden und Möglichkeitsdenkern. Besonders hervorzuheben ist die Einbindung mehrerer Dozent*innen mit Beeinträchtigungen im Studiengang Soziale Arbeit/Sozialpädagogik:
Wolfgang Nollmann als Referent für Fragen der Selbstbestimmung und Teilhabe
Dr. Martin Reichstein als wissenschaftlicher Dozent
Dr. Miriam Düber als Expertin für inklusive Bildung
Weitere Betroffene als Expert*innen in eigener Sache
Durch diese Lehrpraxis lernen Studierende unmittelbar von der Expertise von Menschen mit Assistenzbedarf und erleben praktisch, wie inklusive Hochschullehre gestaltet werden kann.
Inklusion und literarische Bildung
Die Verbindung von Inklusion und humanistischer Bildung wird in den Lehrveranstaltungen thematisch aufgegriffen. Der auf dem Blog von Armin Herzberger veröffentlichte Essay „Was hat Inklusion mit Rilke zu tun?“ dient dabei als Reflexionsgrundlage für die Frage, wie literarische Sensibilität und poetische Wahrnehmung zu einem vertieften Verständnis von Menschenwürde, Anderssein und Teilhabe beitragen können.
Im Kontext der Kooperation zwischen Lebenshilfe-Organisationen und der Universität Siegen entstand ein Forschungsbüro, das als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis fungiert. Das Forschungsbüro verfolgt mehrere Ziele:
Partizipative Forschung: Menschen mit Beeinträchtigungen werden als Co-Forscher*innen in Forschungsprozesse einbezogen
Praxisbegleitung: Wissenschaftliche Begleitung von Projekten inklusiven Engagements
Wissenstransfer: Vermittlung zwischen akademischer Forschung und sozialpädagogischer Praxis
Dokumentation: Systematische Erfassung von Erfahrungen und Erkenntnissen aus der Möglichkeitsdenker-Praxis
Konzeptentwicklung: Erarbeitung von Handlungskonzepten und Qualitätsstandards
Forschungsschwerpunkte
Das Forschungsbüro befasst sich unter anderem mit:
Transformation von Werkstätten für behinderte Menschen
Inklusive Formen bürgerschaftlichen Engagements
Partizipation und Selbstvertretung
Sozialräumliche Inklusion
Professionelle Haltungen in der Behindertenhilfe
Überwindung des Helfersyndroms
Personenzentrierte Zukunftsplanung
Inklusive Hochschuldidaktik
Methodische Ansätze
Das Forschungsbüro arbeitet mit innovativen, inklusiven Forschungsmethoden:
Aktionsforschung: Forschung als gemeinsamer Prozess mit den Beforschten
Photovoice: Menschen mit Beeinträchtigungen dokumentieren ihre Perspektiven fotografisch
Leichte Sprache in der Forschung: Zugängliche Forschungskommunikation
Peer-Research: Menschen mit Beeinträchtigungen als Forschende
Ethnografische Methoden: Teilnehmende Beobachtung in inklusiven Settings
Organisatorische Trägerschaft und Netzwerke
Lebenshilfe-Organisationen in Nordrhein-Westfalen
Die praktische Umsetzung des Möglichkeitsdenker-Konzepts erfolgt in enger Zusammenarbeit mit verschiedenen Lebenshilfe-Organisationen in Nordrhein-Westfalen:
Lebenshilfe Lüdenscheid
Die Lebenshilfe Lüdenscheid ist eine der tragenden Organisationen, die das Möglichkeitsdenker-Konzept in ihrer Arbeit implementiert hat. Sie setzt innovative Projekte zur Förderung von Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Teilhabe um und ist aktiv in der regionalen Vernetzung engagiert.
Der Lebenshilfe Landesverband Nordrhein-Westfalen e.V. fungiert als Dachorganisation und fördert die landesweite Verbreitung innovativer Inklusionskonzepte. Er unterstützt die Vernetzung zwischen lokalen Lebenshilfe-Organisationen, wissenschaftlichen Einrichtungen und politischen Akteuren.
Verbreitung innovativer Konzepte wie der Möglichkeitsdenker-Philosophie
Vernetzung von Praxis, Wissenschaft und Politik
Lebenshilfe-Rat NRW
Eine besondere Verbindung besteht zum Lebenshilfe-Rat NRW, dem Selbstvertretungsgremium des Landesverbandes, in dem Menschen mit Beeinträchtigungen ihre Interessen selbst vertreten. Diese Querverbindung unterstreicht den partizipativen Ansatz des Möglichkeitsdenker-Projekts.
Lebenshilfewerk Marburg-Biedenkopf
Das Lebenshilfewerk Marburg-Biedenkopf ist eine weitere wichtige Partnerorganisation mit engen Querverbindungen zum Möglichkeitsdenker-Projekt. Die Organisation in Mittelhessen trägt zur regionalen und überregionalen Vernetzung bei.
Die Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V. ist durch die Mitarbeit von Dr. Angelika Magiros eng mit dem Projekt verbunden und trägt zur bundesweiten Verbreitung des Möglichkeitsdenker-Ansatzes bei.
Die Möglichkeitsdenker-Philosophie wird von verschiedenen regionalen und überregionalen Lebenshilfe-Einrichtungen aufgegriffen:
Lebenshilfe Siegen und weitere Einrichtungen in der Region Südwestfalen
Weitere regionale Lebenshilfe-Verbände in Hessen und anderen Bundesländern
Werkstätten für Menschen mit Behinderungen, die transformative Prozesse durchlaufen
Praxisbeispiele und weitere Kooperationen
Netphener Tisch
Ein prominentes Beispiel ist der Netphener Tisch in Netphen (Nordrhein-Westfalen), eine Lebensmittelausgabestelle, bei der Menschen mit Beeinträchtigungen nicht nur Empfängerinnen sind, sondern als freiwillige Helferinnen aktiv mitwirken. Diese Transformation von Nutzer*innen zu Engagierten zeigt exemplarisch den Möglichkeitsdenker-Ansatz und wurde wissenschaftlich durch die Universität Siegen begleitet.
Weitere Hochschulkooperationen
Neben der zentralen Zusammenarbeit mit der Universität Siegen bestehen Kontakte zu:
Hochschulen für Soziale Arbeit in Nordrhein-Westfalen
Forschungsinstituten im Bereich Disability Studies
Internationalen Hochschulnetzwerken zu inklusiver Bildung
Auf Landesebene existieren verschiedene Partizipations- und Teilhabegesetze, die die rechtliche Grundlage für erweiterte Mitbestimmungsrechte schaffen.
Kritische Diskurse
Werkstätten-Debatte
Das Möglichkeitsdenker-Konzept ist eng verknüpft mit der kritischen Auseinandersetzung um die Zukunft der Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM). Kritiker*innen fordern:
Abbau segregativer Sonderstrukturen
Übergang zu inklusiven Arbeitsformen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt
Faire Entlohnung statt Werkstattlohn
Helfersyndrom und professionelle Haltung
Das Projekt thematisiert auch kritisch das sogenannte Helfersyndrom in sozialen Berufen und fordert eine reflexive professionelle Haltung, die Abhängigkeiten vermeidet und Selbstbestimmung fördert. Diese Thematik wird sowohl in der Forschung als auch in der Lehre an der Universität Siegen aufgegriffen.
Publikationen und wissenschaftlicher Diskurs
Zum Themenfeld Möglichkeitsdenker und inklusives bürgerschaftliches Engagement existieren verschiedene Veröffentlichungen in:
Fachzeitschriften für Soziale Arbeit (z.B. Soziale Arbeit, Teilhabe)
Publikationen der Lebenshilfe (Bundes- und Landesverbände)
Hochschulschriften und wissenschaftliche Abhandlungen aus der Universität Siegen
Dokumentationen des Forschungsbüros
Praxisberichte und Handreichungen
Blog-Publikationen und Essays (z.B. auf arminherzberger.com)
Internationale Bezüge
Das Konzept steht im Dialog mit internationalen Entwicklungen:
Lebenshilfe Österreich (insbesondere Graz/Steiermark) als Ideengeber
Independent Living Movement (USA, Skandinavien)
Social Role Valorization nach Wolf Wolfensberger
Community-based Rehabilitation (WHO-Ansatz)
Nothing About Us Without Us – Motto der internationalen Behindertenbewegung
Person Centered Planning – Internationale Bewegung der Zukunftsplanung
Ausblick
Die Möglichkeitsdenker-Perspektive gewinnt im Kontext der Inklusions- und Teilhabedebatte zunehmend an Bedeutung. Sie fordert eine grundlegende Neuausrichtung der Behindertenhilfe und stellt die Frage nach der Transformation bestehender Sonderstrukturen. Die wissenschaftliche Begleitung durch die Universität Siegen und die Arbeit des Forschungsbüros tragen dazu bei, diesen Wandel theoretisch zu fundieren und empirisch zu erforschen.
Die Vernetzung zwischen Praxis (Lebenshilfe-Organisationen), Wissenschaft (Universität Siegen, Forschungsbüro) und Politik (Landesverband NRW, Lebenshilfe-Rat NRW, Bundesvereinigung) schafft günstige Voraussetzungen für eine nachhaltige Weiterentwicklung inklusiver Teilhabestrukturen.
Als Graswurzelprojekt bleibt die Initiative dabei ihren Wurzeln treu: Der Wandel entsteht nicht durch Verordnungen von oben, sondern durch das konkrete Engagement und die gelebte Praxis von Menschen, die neue Wege der Teilhabe beschreiten. Die Einbindung mehrerer promovierter Wissenschaftlerinnen mit Beeinträchtigungen sowie weiterer Dozentinnen in eigener Sache zeigt exemplarisch, welche Potenziale durch konsequente Inklusion erschlossen werden können.
Dieser Artikel basiert auf Konzepten und Praxiserfahrungen aus der deutschen und österreichischen Behindertenhilfe und Sozialpädagogik, insbesondere der wissenschaftlichen Kooperation zwischen Lebenshilfe-Organisationen und der Universität Siegen.
Hinweis: Dieser Artikel stellt ein Konzept dar, das als Graswurzelprojekt in verschiedenen Kontexten der Lebenshilfe-Arbeit entwickelt und praktiziert wird. Die genaue organisatorische Zuordnung und institutionelle Verankerung kann regional unterschiedlich sein.
„Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei. Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. Denn es steht geschrieben: ‚So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.‘ So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben.“
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Liebe Schwestern und Brüder,
„Leben wir, so leben wir dem Herrn“ – das klingt fromm, aber was meint Paulus damit eigentlich? Geht es um Gebete und Gottesdienstbesuche? Um christliche Innerlichkeit?
Ich glaube, Paulus meint etwas anderes. Er fragt: Wem gehört dein Leben? Wofür setzt du dich ein? Was ist dir wichtig?
Wenn ich sage „ich lebe dem Herrn“, dann heißt das: Mein Leben gehört nicht mir allein. Ich lebe nicht nur für mich selbst, für meinen Wohlstand, für meine Ruhe. Ich lebe für etwas Größeres – für Gottes Reich, für Gerechtigkeit und Frieden, für die Gemeinschaft mit anderen Menschen.
Das ist keine Last, sondern eine Befreiung. Ich muss mich nicht ständig selbst beweisen. Ich muss nicht besser sein als andere. Ich darf einfach leben – in der Gewissheit, dass Gott mich trägt, im Leben wie im Sterben.
Wir sind alle gleich vor Gott
„Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.“ Manchmal hören wir das als Drohung. Aber ich denke, Paulus meint es anders.
Er sagt: Vor Gott sind wir alle gleich. Da gibt es keine Unterschiede zwischen Pfarrer und Gemeindeglied, zwischen Kirchenvorstand und Besucher im hinteren Kirchenbank, zwischen denen, die schon immer hier waren, und denen, die neu dazugekommen sind.
Das ist das Herzstück der Reformation: Wir sind alle unmittelbar vor Gott verantwortlich. Luther nannte das „Priestertum aller Gläubigen“. Nicht der Pfarrer steht näher bei Gott als Sie. Nicht die Kirchenleitung hat mehr zu sagen. Wir alle stehen gleich vor Gott.
Das hat Folgen für unsere Gemeinde: Wenn wir alle gleich sind, dann dürfen nicht nur wenige bestimmen, wo es langgeht. Dann müssen wir gemeinsam überlegen, was zu tun ist. Dann ist die Meinung der Reinigungskraft genauso wichtig wie die des Presbyteriumsvorsitzenden.
Hört auf zu richten und zu verachten
„Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder?“
Kennen Sie das? Da kommt jemand nicht mehr so oft in den Gottesdienst, und schon wird getuschelt: „Der hat wohl seinen Glauben verloren.“ Da hat jemand eine andere Meinung zu einer Frage in der Gemeinde, und schon heißt es: „Die versteht das halt nicht.“
Paulus sagt: Hört auf damit! Hört auf zu richten, wer ein „richtiger“ Christ ist und wer nicht. Hört auf zu verachten, wer anders denkt als ihr.
Das geschieht leider auch in unseren Gemeinden. Manche werden nicht ernst genommen, weil sie keine theologische Ausbildung haben. Andere werden überhört, weil sie nicht zu den „Alteingesessenen“ gehören. Wieder andere werden belächelt, weil sie neue Ideen haben.
Aber wer sind wir, dass wir über andere urteilen? Wir stehen alle vor Gott. Und Gott fragt nicht: „Warst du orthodox genug? Hast du die richtigen Lieder gesungen? Hast du oft genug die Bibel gelesen?“ Gott fragt: „Hast du in Liebe gelebt? Hast du für Gerechtigkeit gekämpft? Hast du anderen geholfen?“
Was kann das für uns bedeuten?
„Leben wir, so leben wir dem Herrn“ – was bedeutet das im Alltag?
Ich denke an die Frau, die jeden Sonntag nach dem Gottesdienst beim Kaffee auf die zugeht, die allein am Rand stehen. Sie richtet nicht, sie verachtet nicht – sie lebt dem Herrn, indem sie Gemeinschaft schafft.
Ich denke an den Mann, der im Kirchenvorstand immer wieder fragt: „Was ist eigentlich mit denen, die nicht hier sind? Was brauchen die jungen Familien? Was brauchen die Alleinerziehenden?“ Er lebt dem Herrn, indem er an die denkt, die keine Stimme haben.
Ich denke an die ältere Dame, die sich für den Erhalt der Diakoniestation einsetzt, obwohl sie selbst nicht darauf angewiesen ist. Sie lebt dem Herrn, indem sie für andere einsteht.
Das ist gemeint mit „dem Herrn leben“ – nicht fromme Innerlichkeit, sondern konkretes Handeln für andere.
Keine Hierarchien im Reich Gottes
„Jeder von uns wird für sich selbst Gott Rechenschaft geben.“ Das heißt: Ich kann mich nicht verstecken hinter anderen. Ich kann nicht sagen: „Der Pfarrer hat das so gesagt“ oder „Das haben wir schon immer so gemacht.“
Aber es heißt auch: Ich bin frei. Frei von dem, was andere von mir erwarten. Frei von der Angst, nicht dazuzugehören. Frei, meinem Gewissen zu folgen.
Das war für die Reformatoren zentral: Niemand steht zwischen mir und Gott. Kein Papst, kein Bischof, kein Pfarrer. Ich bin selbst verantwortlich.
Das bedeutet aber auch: Wir brauchen keine kirchlichen Hierarchien, die uns sagen, was wir zu glauben haben. Wir können gemeinsam überlegen, was der Auftrag der Kirche heute ist. Jede Stimme zählt.
Was wird am Ende zählen?
„Alle Knie sollen sich beugen, alle Zungen sollen Gott bekennen“ – das ist die große Perspektive, die Paulus uns gibt. Am Ende wird sich zeigen, was wirklich wichtig war.
Dann wird nicht gefragt: Wie groß war eure Kirche? Wie voll waren eure Gottesdienste? Wie gut war eure Finanzverwaltung?
Dann wird gefragt: Habt ihr euch für die Schwachen eingesetzt? Habt ihr Gerechtigkeit gesucht? Habt ihr Frieden gestiftet? Habt ihr einander angenommen, wie Christus euch angenommen hat?
Das relativiert vieles, worüber wir uns in der Kirche streiten. Die Frage ist nicht: Klassisch oder modern? Orgel oder Band? Liturgisch oder frei? Die Frage ist: Dient es der Liebe? Schafft es Gerechtigkeit? Bringt es das Reich Gottes näher?
Jesus ermutigt uns
Liebe Schwestern und Brüder, dieser Text von Paulus ist keine Drohung, sondern eine Ermutigung.
Er sagt: Ihr seid frei. Frei von der Angst vor menschlichem Urteil. Frei von dem Zwang, es allen recht zu machen. Frei von der Frage, ob ihr „gut genug“ seid.
Aber er sagt auch: Ihr seid verantwortlich. Verantwortlich dafür, wie ihr lebt. Verantwortlich dafür, ob ihr andere richtet oder annehmt. Verantwortlich dafür, ob euer Leben dem Reich Gottes dient.
Das können wir nicht delegieren – nicht an den Pfarrer, nicht an die Kirchenleitung, nicht an die Tradition. Jede und jeder von uns muss selbst entscheiden: Wie lebe ich dem Herrn?
Aber das ist keine Last. Es ist Würde. Gott traut uns zu, verantwortlich zu leben. Gott traut uns zu, für Gerechtigkeit einzustehen. Gott traut uns zu, seine Mitarbeiter zu sein am Reich Gottes.
In diesem Sinne: Leben wir, so leben wir dem Herrn.
Amen.
Die Predigt ist von mir
Mein Freund Claudius KI hat tüchtig dabei geholfen. Danke