Rachels Tränen

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Judentum
Frauen in der Heiligen Schrift

Wir wissen sehr wenig über die Gefühle oder das Innenleben der Frauen in der Bibel. Indizien für das, was sie empfunden haben können, sind äußerst unpräzise und aus eben diesem Grunde umso kostbarer. Die große biblische Romanze zwischen Jakob und Rachel beispielsweise ist in der Hauptsache Jakobs Liebesgeschichte.

Er verließ das Heilige Land in seinen Hochzeitsgewändern, sagt der Sohar, und hielt nur einmal inne, weil er eine wunderbare Vision hatte von der Leiter, die von Himmel bis zur Erde herabreicht mit Engeln, die darauf hinauf- und herabsteigen, und ging weiter wie ein mythologischer Sonnengott zu den Königreichen der Nacht, bis er an einem Brunnen vorbeikam, der für ihn ein Zeichen dafür war, daß er hier (wie auch bereits seine Eltern vor ihm) seine ihm vorbestimmte Braut treffen würde.
Kaum daß er seine Augen auf Rachel heftete, als sie ihm mit ihren Schafen entgegenkam, stand er auf und hob mit einer Hand den Stein, den alle Schäfer in der Umgebung nicht aus dem Weg räumen konnten und ließ so das Wasser im Brunnen frei fließen. Und die Wasser des Brunnens stiegen zu ihm auf, ein Zeichen der Zuneigung gegenseitiger Anziehung mit eben jener Frau, die den Schauplatz betritt. Rachel war wunderschön von Gestalt und sah hinreißend aus. Und Jakob liebte Rachel so sehr, daß er bereit war, sieben Jahre für ihren Vater zu arbeiten, um die Erlaubnis zu erhalten, sie zu heiraten. In alledem finden wir keinerlei Hinweis auf das, was Rachel gefühlt haben mag, sondern können lediglich vermuten, daß sie den Kuß, mit dem er sie begrüßte, nicht zurückwies, und sich über die Aufmerksamkeit des Neukömmlings freute.

Der Maharal fragt, warum Rachel mehr als alle anderen Matriarchinnen weint. Woraus ersehen wir, daß sie tatsächlich weinte? Während Jakob und Lea beide an verschiedenen Stellen in der Geschichte von ihren Tränen überwältigt werden, sind Tränen kein Charakteristika Rachels. Im Gegenteil: sie ist eine Gestalt der Freude. Beide Schwestern waren gleich schön, heißt es im Midrasch Rabba, aber Rachel, Jakobs Verlobte, strahlte vor Glück, als sie von all den wunderbaren Eigenschaften ihres zukünftigen Ehemannes hörte. Lea aber, die mit Esau verlobt war, weint sich die Augen aus und ließ damit ihre Schönheit vergehen, als sie an der Wegesgabelungsaß und dem Gerede über seine schlechten Taten lauschte. Als der Baal Schem Rabbi Nachum von Tschernobyl fragte, welche Schwester er denn bevorzuge, ob es Rachel sei oder Lea, antwortete ihm dieser nur ausweichend: Man kann keine herabstufen, denn beide sind sie unter unseren Stammüttern aufgezählt, und daher sei er gezwungen, diplomatisch zu sein. Also sprach er: „Was Lea durch ihre Tränen erreichte, das gelang Rachel mit ihrer Freude“. „Denn die Kinder der Verzweifelten sind zahlreicher als die Kinder der verheirateten Frau, spricht der Herr“. (Jesaja 54:1)

In der Bibelerzählung geschieht oft eine Art stiller Umsturz. Öfter ist es der jüngere, der den Vorzug genießt. Und deshalb, als die jüngere Tochter Labans (Rachel) mit dem jüngeren Sohn von Labans Schwester Rivka verlobt war, war in diesem Falle sie die von Gesetz wegen eher Berechtigte (und daher die Zufriedenere). Man könnte die Vermutung haben, daß durch die doppelte Subversion hier die Ältere, weil „verzweifelt“ und ungeliebt, den Preis gewonnen hätte. Aber das geschieht tatsächlich. Über die meiste Zeit ihres Lebens behielt Rachel ihre fröhliche Natur, während Leas Tränen diese eine Position errangen und die Tore des Mitgefühls zu Rachels und Gottes Herz weit öffneten.

Eifersucht

Ein Midrasch sagt: „Als Gott voller Gnade Jakobs lieblose Haltung gegenüber Lea sah, da sprach Er: Dafür gibt es nur ein Heilmittel, nämlich: Söhne. Söhne werden ihn sie begehren lassen“. Dazu bestimmt, den Esau zu heiraten und von Jakob nicht geliebt, „weinte“ Lea also und ihre Tränen sind Gebet von solcher Intensität, daß Gott voller Gnade das Schicksal zu ihren Gunsten wandelte. Nicht nur daß sie Jakob heiratet, sie stellt auch die Mehrheit der Stämme. Sie macht so viel Aufhebens darum, daß die ganze Welt ihr entgegenkommt. Sie nimmt sogar das „Vorrecht über ihre Schwester “ ein: Jakobs vorbestimmte Frau und Mutter der Stämme. Die Priesterschaft war die ihrige, das Königtum, und ihr hätte es geziemt, in der Begräbnisstätte der Paare neben ihrem Gatten zu liegen. Wenn jedoch einmal die „Verzweifelte“ es zu Kindern und zu Eheglück gebracht hat und die unfruchtbare Rachel Gefahr läuft, wie ein Lumpen dem lüsternen Esau überlassen zu werden, wer hat dann jenen privilegierten Status der Verstoßenen mit dem gebrochenen Herzen, deren Gebete Gott erhört? Von Anbeginn besitzt Rachel solch wundervolle Grazie, daß sie nur über die Bühne schlendern muß, um Jakobs Herz zu erringen, und daherfindet es bei ihr weniger Wertschätzung. Hier scheint sie indes nur den Vorteil zu genießen. Und tatsächlich gewinnt Rachel, Jakobs Geliebte, das Moment der Veränderung ihres Selbst nicht aus dieser Beziehung. „Und als Rachel sah, daß sie Jakob keine Kinder geboren hatte, wurde sie eifersüchtig auf ihre Schwester“. Rachel erschmeckt erstmals die Bitterkeit des Neides, als sie sieht, daß ihre Schwester einen Sohn nach dem anderen gebiert, während sie selbst kinderlos bleibt. Dies ist das erste Gefühl, das wir in ihr sehen, eine Belebung ihrer Natur und eine Fähigkeit zur Empfindung. Und in dieser Hinsicht ist das gut. Erst bei der Geburt von Leah messianischem vierten Sohn, wird Rachel ins Leben geworfen, als sie ihre eigene Lage erkennt und über das, was sie dabei sieht, nicht glücklich ist. Erst hier und nicht vorher.

Eifersucht mag für die abendländischen Augen nicht eben die angenehmste Eigenschaft sein, in Rachel jedoch, die bis dahin ein eher oberflächliches glückliches Leben geführt hat, ist es genau dieser Punkt der Ablehnung (ein verschlossener Schoß), in dem ihre Augen sich für die Realität öffnet, und sie wird daraufhin fähig, ihre eigene Persönlichkeit zu entfalten und damit ihre Bestimmung zu erkennen. Normalerweise eröffnet sich die Möglichkeit zur Veränderung und Erhebung der Persönlichkeit uns nicht in dem, was uns leicht zufällt, sondern in dem, was am schwersten ist. Einer der seltenen Dialoge zwischen Jakob und einer seiner Frauen, in dem wir wirklich die Stimme der Frau hören, ist Rachels verzweifeltes Flehen um Kinder: „Gib Kinder, oder ich bin bereits tot!“ (oder ich habe allen Sinn im Leben verloren).

Männlichkeit

Es ist unmöglich sich vorzustellen, daß Jakob nicht darum gebetet haben kann, er

und Rachel mögen gemeinsame Kinder haben. Dies war sein Traum von Anfang an. In ihrer Schönheit sah er die überirdischen Zwölf Stämme verkörpert. Als er aber sah, was tatsächlich passierte, wurde er fatalistisch mit Blick auf das, was Gott an ihn austeilte, was sich für ihn vielleicht leichter gestalten könnte, denn sein Bedürfnis nach Kindern wurde gestillt und er mußte also nur mit der Enttäuschung fertig werden, daß er diese Kinder nicht mit der Frau haben konnte, die er am meisten liebte. Die Qualen seiner Geliebten erreichen sein Herz nicht. Vielmehr entbrennt er im Zorn gegen sie, sondert sie aus und beschämt sie: „Was willst du von mir? Bin ich es oder Gott, der dir die Leibesfrucht verweigert? Dir verweigert er sie und nicht mir. Ich habe meine Kinder…“.

Jakob hat sich schon einmal so verhalten. Als sein Bruder vor Hunger weinte, da begann er zu verhandeln, statt ihm sofort zu Hilfe zu eilen. Und dies ließ seinen Bruder zu seinem Todfeind werden. Genau die selbe Behandlung, die er seinem Bruder zuteil werden ließ, teilt er nun an seine geliebte Rachel aus, an den Menschen, den er am meisten zu lieben behauptet! Wie weit ist Jakob von seiner ursprünglichen Vision seiner selbst als einem fahrendem Ritter entfernt, welcher der lieblichen Schäferin zur Hand geht! Jener, der von Rachel als der Mutter aller seiner Kinder träumte, die alle nach ihrem Bild und von ihrer überirdischen Schönheit sein sollten, ist letztlich ein Realist geworden! Er hat ihre getrennten Schicksale angenommen. Was für eine Liebe ist das? Die selbe Art Liebe, die Jakob erlaubt, Lea mit Rachel zu verwechseln, eine an Bedingungen geknüpfte Liebe, die deshalb verkleidet und enttäuscht werden kann, und weniger die Empathie mit Gefühlen und dem Leiden darin.

Sicherlich arbeitete Jakob sieben Jahre, um dafür Rachel einzutauschen, aber es war eine Erweiterung seiner eigenen Männlichkeit. Er selbst gesteht ihr keine sieben Jahre zu. Während Liebe oft bedeutet, daß man auf die Bedürfnisse des anderen hört und seine eigenen Lebensenergien zügelt, um Platz für einen völlig anderen Blickwinkel zu schaffen und sich einer selbst auferlegten Zurückhaltung in genau dem selben Maße zu üben, wie Gott nach den Worten der Mystiker Platz schafft für die „Andersartigkeit“ der Schöpfung! Wenn diese Art der Zurücknahme seiner Selbst um der Liebe willen demnach weiblich ist, ist sie gleichermaßen göttlich! Und es ist eine, die Rachel hat und weniger Jakob. Wenn sie noch nicht die Gabe der Tränen besitzt, erlebt sie Tränen stellvertretend für andere, und ihr Herz ist offen für das Leiden ihrer Mitmenschen.

Die Gabe der Tränen

Nicht nur hat Rachel ihre Unfruchtbarkeit überwunden und wurde Mutter, sie gebar auch Jakobs gewollten und begehrten Erstgeborenen (Josef), der seiner Mutter zur Seite eilte, um sie vor den lüsternen Blicken Esaus zu schützen. Und sie verhalf auch den Zwölf Stämmen zu ihrer Vollständigkeit. Und als nun Rachel sich anschickte, ihrem Sohn einen Namen zu geben und sagte: „Der Herr hat weggenommen meine Schmach. Möge Gott mir einen weiteren Sohn schenken“, da wußte Jakob, daß sie es sein würde, die dazu bestimmt war, die Zahl der Stämme zu vervollständigen, und daß sie selbst nicht überleben würde. Lernt nun Rachel erst zum Ende ihres Lebens über die Gabe der Tränen? Der Maharal sieht einen Keim dessen bereits im ersten Zusammentreffen der Liebenden. Nach den Worten des Sohar symbolisierte bereits das Ansteigen des Wassers bei ihrem ersten Zusammentreffen die vollkommene gegenseitige Zuneigung von Mann und Frau, und es bestand vollkommene Einheit zwischen ihnen, die allein der vollkommenen Einheit Gottes mit der Schechina vergleichbar ist, in einer Zeit, bevor Er die Welt erschuf. Die Augenblicke der Zeit stürzten zusammen und wurden eins im Anblick einer solch idealen Zusammenkunft. Als Jakob Rachel küßte und in Tränen ausbrach, war er wahrscheinlich nicht der einzige, der weinte, und es bildete sich da ein Ozean von Tränen (was einmal die Wasser des Brunnens gewesen waren) zwischen ihnen. Nicht nur Jakob, sondern auch Rachel, nach dem Maharal, spürte nach einem Moment überwältigender Einheit das Abebben der Flut, der Trennung und des Bruchs, die jeden idealen Zustand auf dieser Welt überkommt. Und dann, als Jakob sah, was in der Zukunft geschehen würde, daß es zur Trennung kommen und ein Exil geben würde, und daß sie letzten Endes nicht mit ihm begraben werden würde, da Rachel eine Prophetin war; und dann sah in das tiefste Herz der Wirklichkeit. Lacrimae rerum. (Um der Tränen willen Anm. d.Übers.) Und was sie sah, war der Zerfall und das Fließen, die beide ein untrennbarer Teil der Natur dieser Welt sind, die „Tränen“ im allertiefsten Grund der Dinge.

Der Artikel ist ein Ausschnitt aus einem längeren Aufsatz, der auch Grundlage für Freema Gottliebs Workshop bei Bet Debora war. Aus dem Englischen übersetzt von Esther Kontarsky.

Freema Gottlieb wurde in London geboren und wuchs in Schottland auf. Sie lehrte Midrasch-Literatur an verschiedenen jüdischen Einrichtungen in New York. Erst vor kurzem war sie Gastdozentin für Midrasch an der Karlsuniversität in Prag. Sie ist Autorin dreier Bücher, u.a. „The Lamp of God: A Jewish Book Of Light“ (Aronson; New York).
Quelle:

http://www.hagalil.com/bet-debora/journal/gottlieb.htm

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