Von innen ertrunken

„Trinken Sie. Trinken ist wichtig. Trinken ist gesund. Trinken Sie noch ein Glas.“

Von Einer die um Ihr Leben trank

Eine attraktive Frau, Mitte 50, immer gepflegt, dezent geschminkt, die Haare, immer ohne Ansatz, wasserstoffblond gefärbt.
Bei Meetings von etwa zwei Stunden schaffte Sie locker 2 Flaschen Wasser zu trinken.

Schlank, modern steht’s dezent gekleidet, das Outfit einer erfolgreichen Bussinesfrau.
Bei besonderen Anlässen, im Kleid, geschmackvoll ausgesucht, figurbetont, grosszügig dekolltiert aber doch passend.

Eher kantige Gesichtszüge, geschickt in Richtung mehr Weichheit geschminkt.
Die Augen graublau, deutlich, je nach Blickrichtung, ins eisgraue, wechselnd.

Beim näherer Betrachtung zeigten diese Augen eine merkwürdige schwer zu erahnende Melange die ganz unterschiedlichen inneren Zuständen vermuten ließ.

Zum einen eine gewisse kalte Leere im Blick, die gleichzeitig unglaubwürdig wirkt.
Daneben eine Art von Misstrauen und Angst gepaart mit unruhiger Lauerstellung.

Was kommt jetzt, bedroht es mich, ich muß gewappnet sein, immer bereit zum Angriff sein?

Dann auch eine tiefe Traurigkeit. Eine Trauer die erahnen lässt. Das was ich hier zeige, das bin ich nicht. Es ist eine Fassade, die nur mit Aufbietung aller Kräfte erhalten werden kann.

Ich muß meine Angst, meine Unsicherheit, meinen fehlenden Gestaltungswillen verbergen, sonst werde ich meinen eigenen Ansprüchen an mich nicht gerecht, versage, bin verloren.

Ich möchte doch ganz anderes sein.
Liebevoll, verständnisvoll, empathisch, treusorgend, mütterlich.
Aber Kinder habe ich keine, auch Großmutter werde ich nie sein.

Zuweilen schien es so als ob Sie ins Leere blicke. Die Lieder werden dann schwer, als ob Sie ein unbändiges Bedürfnis nach Schlaf und Ruhe überkomme, so als ob Sie alles sediert und durch einen Nebel verborgen sehe.

Ihr Wohlwollen war, kannte man diese geschundene Seele näher, recht leicht zu erlangen.

Mit inszenierter Nibelungentreue.
Ein treuer, ein eiserner Heinrich sein, eine treue Henriette.

Nichts hinterfragen wollen, alles mittragen sollen.
Keine Fragen stellen. Immer Zustimmung zollen. Keinen Diskurs aufkommen lassen.

Egal was da komme.

Fachliche Kompetenz , war nicht erwünscht weil als bedrohlich empfunden. Sie störte nur. Alles sollte beim Alten bleiben. Lediglich ein neuer Lack auf Althergebrachtes war gelegentlich gewünscht.

Ihre Kaumuskulatur ständig bewegend blickte Sie um sich.
Lauernd, vor Angst und Panik immer auf Abwehr, so bewältigte Sie Ihren beruflichen Alltag.

Auch aus diesem Grunde war Sie allseits gefürchtet.
Als harte kalte Person die selbst viel arbeitete, noch mehr verlangte, bei der man sehr schnell in Ungnade fiel.

Fand Sie einen angeblichen Fehler bei einem Ihrer Untergebenen, der zumeist konstruiert war, war Sie gnadenlos. Sie sanktionierte hart und öffentlich, monatelange Kontrollen begannen, akribisch ausgeführt und oft außerhalb der Arbeitszeit, gerne Morgens gegen 06:45 Uhr.

Viele hielten dem nicht stand, kündigten, wurden entlassen, einige traumatisiert.

Ob Ihr diese Art mit Menschen umzugehen Ihr eine innere Genugtuung verschaffte, ob Sie die Macht über Menschen in diesem Moment genoss bleibt offen.
Sie selbst beschädigte sich damit wohl am allermeisten.
Immer ruheloser, immer getriebener, immer misstrauischer, immer mehr Angst und Panik.

Hier gelten wohl die Zeilen vom großen Friedrich Schiller aus Wallenstein:

„Das eben ist der Fluch der bösen Tat,
dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären.“

Wagt man, nach Fritz Riemann eine Einordnung Ihrer Persönlichkeit wäre über folgendes nachzudenken.

„Die zwanghafte Persönlichkeit wendet sich gegen Neuerungen, wo sie ihm begegnen, was aber immer mehr zu einer Sisyphusarbeit wird, denn das Leben ist immer im Fluß, alles ist in fortwährender Wandlung begriffen, «alles fließt» in immerwährendem Entstehen und Vergehen, das sich nicht aufhalten läßt… .“

„… Bei den später zwanghaften Persönlichkeiten finden wir in ihrer Lebensgeschichte mit großer Regelmäßigkeit, daß in ihrer Kindheit altersmäßig zu früh und zu starr die lebendigen aggressiven, affektiven, die gestalten und verändern wollenden Impulse, ja oft jede Spontaneität, jede Äußerung gesunden Eigenwillens gedrosselt, gehemmt, bestraft oder unterdrückt wurden… .“

„In der Unfähigkeit zwanghafter Menschen, Spontaneität und Unplanbarkeit zuzulassen, liegt ihr zentrales Problem. Das Leben ist nicht ins letzte Detail planbar. Es ist im Fluss und konfrontiert uns von Geburt an mit dem Unbekannten und Neuen, welches uns spontane Reaktionen abverlangt. Hinter dem Festhalten am Alten und Vertrauten steht letztlich die Angst vor der unausweichlichen Vergänglichkeit, die Angst vor dem Tod… .“

„… Zum lebensgeschichtlichen Hintergrund von Menschen mit zwanghafter Persönlichkeit lässt sich sagen, dass sie in ihrer frühen Kindheit oft zu früh durch die Bezugspersonen angehalten wurden, auftretende aggressive, spontane und altersgemäß natürliche Reaktionen zu unterdrücken.

Sie wurden oftmals zu früh herangeführt an Gebote und Verbote. Man findet es häufig, dass in ihrer Kindheit „jede Spontaneität, jede Äußerung gesunden Eigenwillens gedrosselt, gehemmt, bestraft……. wird.

Für ihre Pseudosicherheit zahlen zwanghafte Menschen einen hohen Preis, denn durch ihr Festhalten am Alten und Bekannten verschließen sie sich gleichsam vor den Möglichkeiten und Chancen des Neuen.“

Kurz:
…. Sie verschließen sich vor der Möglichkeit der Weiterentwicklung, die ja ebenso wie das Alte und Vertraute, das Neue, das Unerwartete Bestandteil des Lebens ist… .“

„Das Grundproblem zwanghafter Menschen können wir also in ihrem überwertigen Sicherungsbedürfnis erkennen.
Voraussicht, zielbewusste Planung auf lange Sicht, überhaupt die Einstellung auf Dauer, hängen damit zusammen.

Begründet liegt das in der Angst davor, das Gewohnte und Vertraute, das Sicherheit und Identität stiftende, durch neue Einsichten und Entwicklungen relativieren oder hinterfragen zu müssen.
Die Grundangst des zwanghaften Menschen ist die vor der Vergänglichkeit Sie befällt ihn umso heftiger, je mehr er sich gegen sie abzusichern versucht.

Alle Änderungen erinnern ihn an die eigene Vergänglichkeit.

Daher sucht er, immer das Gleiche, schon Bekannte und Vertraute wiederzufinden oder wiederherzustellen.
Wenn sich etwas verändert, fühlt er sich gestört, beunruhigt, ja geängstigt.
Er wird deshalb versuchen, Veränderungen zu unterbinden, aufzuhalten oder einzuschränken, wenn es geht, zu verhindern und zu bekämpfen…. “ (Quellen: Fritz Riemann Grundformen der Angst 1976)

Nicht verwunderlich, geradezu zwangsläufig ergibt sich bei solchen bedauernswerten Menschen, die sich in Führungspositionen befinden, die Neigung bestimmter anderer Personen, die sich in deren Nähe befinden einer großen Versuchung ausgesetzt zu sein.

Sie erkennen Zug um Zug, im Laufe der Zeit immer deutlicher die eigentlichen Wesensmerkmale und gravierenden Defizite dieser im Grunde bedauernswerten Person.

Sie stellen sich darauf ein, entwickeln allmählich eine Strategie Ihr den Eindruck von Sicherheit und Kontinuität zu vermitteln.
Alles bliebe in Grunde beim Alten, Neuerungen wären lediglich Äußerlichkeiten die man verbreite um das Althergebrachte bewährte zu bewahren.
Man macht Ihr kleine persönliche Geschenke um Ihr Wertschätzung zu zeigen.
Kleine Geschenke unauffällig, wohl wissend, daß die betreffende Person bis hin zu Verfolgungsphantasien, misstrauisch gegenüber allem ist was Ihr begegnet.
Es werden Meeting, Besprechungen, Tagungen regelrecht dergestalt inszeniert.
Alles soll sagen. Beruhige Dich alles bleibt beim Alten.
Sie sind weiterhin an der Spitze.Sie haben die Zügel nach wie vor fest in der Hand.
Diese kluge, nun sagen wir eher bauernschlaue Strategie, so sie denn begonnen worden ist einmal robust installiert, recht bequem. Man muss eigentlich nur alles beim Alten lassen und abwarten.
Solange zuwarten bis die betreffende Person so weit und so verzweifelt ist, daß Sie offensichtlich nicht mehr zu halten ist.
Dann finden sich schnell, sogar nachvollziehbare offensichtliche Gründe, sie zu stürzen.
Diese eigenen und fremden Manöver zum Machterhalt, zur verzweifelten Abwehr manifester innerer Zweifel, Ängste und Zwänge sind immer skurriler geworden, bewegten sich immer weiter weg von der Wirklichkeit.
Letztlich tritt das ein, was eintreten musste.
Sie selbst wurde Opfer Ihrer eigenen Machenschaften und musste abtreten.

Man könnte sagen, daß ist Machtpolitik, daß ist eine machiavellistische Strategie zur Machtgewinnung.
Mag sein…….. .
Aber ist sie deswegen vertretbar, ist Sie deswegen zu tolerieren, gar zu billigen?
Darüber mag der geneigte Leser selber entscheiden.

Arme, arme Frau M.