„Trinken Sie. Trinken ist wichtig. Trinken ist gesund. Trinken Sie noch ein Glas.“
Von Einer die um Ihr Leben trank
Eine attraktive Frau, Mitte 50, immer gepflegt, dezent geschminkt, die Haare, immer ohne Ansatz, wasserstoffblond gefärbt.
Bei Meetings von etwa zwei Stunden schaffte Sie locker 2 Flaschen Wasser zu trinken.
Schlank, modern steht’s dezent gekleidet, das Outfit einer erfolgreichen Bussinesfrau.
Bei besonderen Anlässen, im Kleid, geschmackvoll ausgesucht, figurbetont, grosszügig dekolltiert aber doch passend.
Eher kantige Gesichtszüge, geschickt in Richtung mehr Weichheit geschminkt.
Die Augen graublau, deutlich, je nach Blickrichtung, ins eisgraue, wechselnd.
Beim näherer Betrachtung zeigten diese Augen eine merkwürdige schwer zu erahnende Melange die ganz unterschiedlichen inneren Zuständen vermuten ließ.
Zum einen eine gewisse kalte Leere im Blick, die gleichzeitig unglaubwürdig wirkt.
Daneben eine Art von Misstrauen und Angst gepaart mit unruhiger Lauerstellung.
Was kommt jetzt, bedroht es mich, ich muß gewappnet sein, immer bereit zum Angriff sein?
Dann auch eine tiefe Traurigkeit. Eine Trauer die erahnen lässt. Das was ich hier zeige, das bin ich nicht. Es ist eine Fassade, die nur mit Aufbietung aller Kräfte erhalten werden kann.
Ich muß meine Angst, meine Unsicherheit, meinen fehlenden Gestaltungswillen verbergen, sonst werde ich meinen eigenen Ansprüchen an mich nicht gerecht, versage, bin verloren.
Ich möchte doch ganz anderes sein.
Liebevoll, verständnisvoll, empathisch, treusorgend, mütterlich.
Aber Kinder habe ich keine, auch Großmutter werde ich nie sein.
Zuweilen schien es so als ob Sie ins Leere blicke. Die Lider werden dann schwer, als ob Sie ein unbändiges Bedürfnis nach Schlaf und Ruhe überkomme, so als ob Sie alles sediert und durch einen Nebel verborgen sehe.
Ihr Wohlwollen war, kannte man diese geschundene Seele näher, recht leicht zu erlangen.
Mit inszenierter Nibelungentreue.
Ein treuer, ein eiserner Heinrich sein, eine treue Henriette.
Nichts hinterfragen wollen, alles mittragen sollen.
Keine Fragen stellen. Immer Zustimmung zollen. Keinen Diskurs aufkommen lassen.
Egal was da komme.
Fachliche Kompetenz , war nicht erwünscht weil als bedrohlich empfunden. Sie störte nur. Alles sollte beim Alten bleiben. Lediglich ein neuer Lack auf Althergebrachtes war gelegentlich gewünscht.
Ihre Kaumuskulatur ständig bewegend blickte Sie um sich.
Lauernd, vor Angst und Panik immer auf Abwehr, so bewältigte Sie Ihren beruflichen Alltag.
Auch aus diesem Grunde war Sie allseits gefürchtet.
Als harte kalte Person die selbst viel arbeitete, noch mehr verlangte, bei der man sehr schnell in Ungnade fiel.
Fand Sie einen angeblichen Fehler bei einem Ihrer Untergebenen, der zumeist konstruiert war, war Sie gnadenlos. Sie sanktionierte hart und öffentlich, monatelange Kontrollen begannen, akribisch ausgeführt und oft außerhalb der Arbeitszeit, gerne Morgens gegen 06:45 Uhr.
Viele hielten dem nicht stand, kündigten, wurden entlassen, einige traumatisiert.
Ob Ihr diese Art mit Menschen umzugehen Ihr eine innere Genugtuung verschaffte, ob Sie die Macht über Menschen in diesem Moment genoss bleibt offen.
Sie selbst beschädigte sich damit wohl am allermeisten.
Immer ruheloser, immer getriebener, immer misstrauischer, immer mehr Angst und Panik.
Hier gelten wohl die Zeilen vom großen Friedrich Schiller aus Wallenstein:
„Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären.“
Wagt man, nach Fritz Riemann eine Einordnung Ihrer Persönlichkeit wäre über folgendes nachzudenken.
„Die zwanghafte Persönlichkeit wendet sich gegen Neuerungen, wo sie ihm begegnen, was aber immer mehr zu einer Sisyphusarbeit wird, denn das Leben ist immer im Fluß, alles ist in fortwährender Wandlung begriffen, «alles fließt» in immerwährendem Entstehen und Vergehen, das sich nicht aufhalten läßt… .“
„… Bei den später zwanghaften Persönlichkeiten finden wir in ihrer Lebensgeschichte mit großer Regelmäßigkeit, daß in ihrer Kindheit altersmäßig zu früh und zu starr die lebendigen aggressiven, affektiven, die gestalten und verändern wollenden Impulse, ja oft jede Spontaneität, jede Äußerung gesunden Eigenwillens gedrosselt, gehemmt, bestraft oder unterdrückt wurden… .“
„In der Unfähigkeit zwanghafter Menschen, Spontaneität und Unplanbarkeit zuzulassen, liegt ihr zentrales Problem. Das Leben ist nicht ins letzte Detail planbar. Es ist im Fluss und konfrontiert uns von Geburt an mit dem Unbekannten und Neuen, welches uns spontane Reaktionen abverlangt. Hinter dem Festhalten am Alten und Vertrauten steht letztlich die Angst vor der unausweichlichen Vergänglichkeit, die Angst vor dem Tod… .“
„… Zum lebensgeschichtlichen Hintergrund von Menschen mit zwanghafter Persönlichkeit lässt sich sagen, dass sie in ihrer frühen Kindheit oft zu früh durch die Bezugspersonen angehalten wurden, auftretende aggressive, spontane und altersgemäß natürliche Reaktionen zu unterdrücken.
Sie wurden oftmals zu früh herangeführt an Gebote und Verbote. Man findet es häufig, dass in ihrer Kindheit „jede Spontaneität, jede Äußerung gesunden Eigenwillens gedrosselt, gehemmt, bestraft……. wird.
Für ihre Pseudosicherheit zahlen zwanghafte Menschen einen hohen Preis, denn durch ihr Festhalten am Alten und Bekannten verschließen sie sich gleichsam vor den Möglichkeiten und Chancen des Neuen.“
Kurz:
„…. Sie verschließen sich vor der Möglichkeit der Weiterentwicklung, die ja ebenso wie das Alte und Vertraute, das Neue, das Unerwartete Bestandteil des Lebens ist… .“
„Das Grundproblem zwanghafter Menschen können wir also in ihrem überwertigen Sicherungsbedürfnis erkennen. Voraussicht, zielbewusste Planung auf lange Sicht, überhaupt die Einstellung auf Dauer, hängen damit zusammen.
Begründet liegt das in der Angst davor, das Gewohnte und Vertraute, das Sicherheit und Identität stiftende, durch neue Einsichten und Entwicklungen relativieren oder hinterfragen zu müssen. Die Grundangst des zwanghaften Menschen ist die vor der Vergänglichkeit Sie befällt ihn umso heftiger, je mehr er sich gegen sie abzusichern versucht.
Alle Änderungen erinnern ihn an die eigene Vergänglichkeit.
Daher sucht er, immer das Gleiche, schon Bekannte und Vertraute wiederzufinden oder wiederherzustellen. Wenn sich etwas verändert, fühlt er sich gestört, beunruhigt, ja geängstigt. Er wird deshalb versuchen, Veränderungen zu unterbinden, aufzuhalten oder einzuschränken, wenn es geht, zu verhindern und zu bekämpfen…. “ (Quellen: Fritz Riemann Grundformen der Angst 1976)
Nicht verwunderlich, geradezu zwangsläufig ergibt sich bei solchen bedauernswerten Menschen, die sich in Führungspositionen befinden, die Neigung bestimmter anderer Personen, die sich in deren Nähe befinden einer großen Versuchung ausgesetzt zu sein.
Sie erkennen Zug um Zug, im Laufe der Zeit immer deutlicher die eigentlichen Wesensmerkmale und gravierenden Defizite dieser im Grunde bedauernswerten Person.
Sie stellen sich darauf ein, entwickeln allmählich eine Strategie Ihr den Eindruck von Sicherheit und Kontinuität zu vermitteln.
Alles bliebe in Grunde beim Alten, Neuerungen wären lediglich Äußerlichkeiten die man verbreite um das Althergebrachte bewährte zu bewahren.
Man macht Ihr kleine persönliche Geschenke um Ihr Wertschätzung zu zeigen.
Kleine Geschenke unauffällig, wohl wissend, daß die betreffende Person bis hin zu Verfolgungsphantasien, misstrauisch gegenüber allem ist was Ihr begegnet.
Es werden Meeting, Besprechungen, Tagungen regelrecht dergestalt inszeniert.
Alles soll sagen. Beruhige Dich alles bleibt beim Alten.
Sie sind weiterhin an der Spitze.Sie haben die Zügel nach wie vor fest in der Hand.
Diese kluge, nun sagen wir eher bauernschlaue Strategie, so sie denn begonnen worden ist einmal robust installiert, recht bequem. Man muss eigentlich nur alles beim Alten lassen und abwarten.
Solange zuwarten bis die betreffende Person so weit und so verzweifelt ist, daß Sie offensichtlich nicht mehr zu halten ist.
Dann finden sich schnell, sogar nachvollziehbare offensichtliche Gründe, sie zu stürzen.
Diese eigenen und fremden Manöver zum Machterhalt, zur verzweifelten Abwehr manifester innerer Zweifel, Ängste und Zwänge sind immer skurriler geworden, bewegten sich immer weiter weg von der Wirklichkeit.
Letztlich tritt das ein, was eintreten musste.
Sie selbst wurde Opfer Ihrer eigenen Machenschaften und musste abtreten.
Man könnte sagen, daß ist Machtpolitik, daß ist eine machiavellistische Strategie zur Machtgewinnung.
Mag sein…….. .
Aber ist sie deswegen vertretbar, ist Sie deswegen zu tolerieren, gar zu billigen?
Darüber mag der geneigte Leser selber entscheiden.
Viele Mitmenschen glauben immer noch, daß Menschen mit Einschränkungen wären dumm.
Aber Dummheit was ist das eigentlich? Ich habe lange darüber nachgedacht. Dann habe ich ein kurzes Gedicht geschrieben.
Das ist nicht in einfacher Sprache.
Das Gedicht ist zum weiter nachdenken gemacht.
Und zum weiter-reden.
Die „Dummheit“ Dummheit die sich als Einfalt zeigt die liebe ich. Sie nennt den Augenblick und staunt. Fragt nicht woher fragt nicht wohin. Ist ohne List und ohne Arg. Sie staunet nur. Beim ersten Staunen schon. Da wird sie klug. Und ahnt es nicht.
Das war mein kleines Gedicht. Ich hoffe Es hat Euch gefallen.
Liebe Leser. Es hat sich viel geändert. Vor 70 Jahren in der Nazi- Zeit. Da wurden viele tausend Menschen mit Behinderungen ermordet.
Man sagte damals. Das ist lebens- unwertes Leben. Wie schrecklich ist das denn? Wie grausam. Wie un- menschlich.
Heute gibt es schon Projekte, die es Menschen mit Behinderungen ermöglichen, selbst ein Ehren- Amt zu machen. Für andere Menschen. Damit es ihnen besser geht. Ich finde das richtig Klasse.
Das Ehren- Amt ist ganz wichtig für alle. Eine Behinderung ist kein Grund. Da nicht mit zu machen. Hier geht es nämlich um echte Teilhabe. Man kann auch Inklusion dazu sagen.
Für die Mit- Bürger etwas tun.
Sich als Bürgerin und Bürger für die Gesellschaft einsetzen.
Mir geht es um Bürger- Rechte.
Das ist Martin Luther King. Er war ein Bürger- Rechtler. Er kämpfte für die Rechte von Menschen mit schwarzer Hautfarbe. Er ist deswegen ermordet worden. Er ist ein Vorbild.
Bürger- Rechte. Was heißt das? Menschen mit Einschränkungen sind selbstbewusste Bürger geworden.
Da arbeiten schon viele Personen mit. Alle sind Ehrenamtler. Es sind Menschen mit Einschränkungen. Und Menschen ohne Einschränkungen. Das ist auch egal. Alle arbeiten mit. Ich bin auch dabei.
Wir haben schon viele wichtige Dinge gemacht. Darauf können wir alle nicht verzichten.
Wir fordern für alle Menschen
Mit- menschlichkeit.
Verantwortlichkeit.
Gerechtigkeit.
Jetzt sind wir bei den Grund-Rechten gelandet:
Beim Recht auf Versammlungs- Freiheit.
Beim Recht auf Vereinigungs- Freiheit.
Das Recht auf Ehrenamt.
Ehrenamt ist ein wichtiger Baustein für unsere Gesellschaft.
Hier geht es um die wichtigsten Ziele der Menschheit:
Um Frieden.
Um Freiheit.
Um ein gutes Leben für alle Menschen.
Um Sicherheit für alle Menschen.
Um Gerechtigkeit für alle Menschen
Ehren- Amt Das ist für uns:
Die wichtigsten menschlichen Werte zu bewahren.
Die Gemeinschaft für alle Menschen.
Die Fürsorge für alle Menschen.
Die Hilfs-Bereitschaft für alle Menschen. Die Hilfe brauchen.
Alle Menschen haben das Recht.
Das ganze Leben lang zu lernen.
Wir haben alle die gleichen Rechte.
Wir haben alle die gleichen Pflichten.
Alle Menschen dieser Welt sollen: Ihre Zeit. Und ihr Können einsetzen. Sie sollenehrenamtlich arbeiten dürfen. Damit es uns allen ein wenig besser geht.
Wir haben uns noch etwas überlegt. Bürger sein bedeutet:
Sich helfen lassen.
Sich selbst helfen.
Anderen helfen.
Ich will zum Schluss noch einmal sagen. Wir:
Die Mitglieder.
Die Mitarbeiter.
Die Freunde.
Die Förderer der Lebenshilfe.
Wir arbeiten mit.
Bei den Menschen- Rechten.
Und bei den Bürger- Rechten.
Ganz genau darum geht es uns: Alle Menschen egal ob mit oder ohne Einschränkungen. Alle Menschen haben das Recht auf Ehrenamt für unsere Gesellschaft Darum geht es uns. Das ist uns wichtig.
Dieser Blogbeitrag ist etwas länger als gewohnt. Bitte lesen Sie ihn zu Ende und bilden Sie sich dann eine eigene Meinung Zum Diskurs immer gerne bereit. Danke
Gekürzter und ergänzter Text aus: DER SPIEGEL 18.04.20
Gibt mir zu denken. Bestätigt leider meine Befürchtungen. Ich zitiere hier ohne Hähme, eher nachdenklich und auch sorgenvoll:
„Weiße Evangelikale gelten als treueste Unterstützer von US-Präsident Donald Trump – trotz seiner Affäre mit einem Pornostar. Trump hört auf sie, und viele ihrer Prediger verharmlosten das Virus zu lange… .
Pastorin White, Präsident Trump am 3. Januar in Miami: Das Christentum aufleben lassen, bevor die Erde untergeht Als die Coronakrise im Land schon in vollem Gange ist und die Betten in den New Yorker Krankenhäusern sich mit Menschen füllen, bittet Trumps persönliche Pastorin die Massen in ihre Riesenkirche in Florida, um gegen das Virus zu beten… .
IHR GOTT IM WEISSEN HAUS
Es ist der 15. März 2020, der »Nationale Gebetstag« für alle von der Pandemie betroffenen Menschen im Land. Trump hat diesen Tag ausgerufen.
Er will, dass die Gläubigen für die Kranken beten, aber auch für die Corona-Strategie der Regierung.
Paula White, 53 Jahre alt, eine Frau mit platinblondem Pagenkopf, schmalem Gesicht und vollen Lippen ist eine evangelikale Christin und prominente Predigerin. Seit Ende 2019 gehört sie Trumps Regierung als Beraterin an. Sie ist Teil der »Glaubensinitiative« des Präsidenten, sie soll Wähler für ihn rekrutieren. Wie schon 2016 ist Trump auch diesmal darauf angewiesen, dass die rechten Christen zur Wahl gehen und für ihn stimmen.
Jetzt steht White im schwarzen Businesskostüm und auf High Heels am Pult ihrer Kirche »City of Destiny«. Ein kabelloses Mikrofon ragt neben ihrem Ohr hervor. In einem Video ihres Auftritts sieht man sie auf der Bühne die Hände emporheben, von kühlem Neonlicht bestrahlt.
White ruft: »Wenn ein ziviler Führer von großer Autorität die Kirche anruft und sie bittet, zu beten und zu fasten, dann können wir nicht auf unseren Stühlen sitzen bleiben und tun, als wäre es ein gewöhnlicher Sonntag.« Sie meint Trump.
Das Virus sei »eine Plage«, ruft sie von der Bühne – vergleichbar mit den Plagen aus der Bibel. Christen sollten für ein Ende der Pandemie beten. Wer Geld an ihre Kirche spende, sagt sie wenig später in einem anderen Videoauftritt, werde Wohlstand und Gesundheit auf Erden erlangen.
Donald Trump stützt sich auf die Wählergruppe der Evangelikalen wie auf kaum eine andere. Ein Viertel der Amerikaner zählt sich zu einer der evangelikalen Kirchen, rund 50 Millionen von ihnen sind weiß. Was die Glaubensgemeinschaft – eine theologische Richtung innerhalb des Protestantismus – zusammenhält, ist ihre wörtliche Auslegung der Bibel, der Glaube an die nahende Endzeit und an die persönliche Beziehung zwischen den Gläubigen und Jesus Christus; viele nennen sich deshalb »wiedergeborene Christen«.
Sehr viele Evangelikale vertrauen zudem auf Donald Trump. Im Jahr 2016 haben 81 Prozent der weißen Evangelikalen für Trump gestimmt. Und 77 Prozent von ihnen sind mit der Antwort des Präsidenten auf die Coronakrise zufrieden.
Wie Trump spielten auch viele evangelikale Prediger das Virus anfangs herunter. Ein Prediger erzählte, wie Gott ihn nachts aufgeweckt und ihm gesagt habe: »Dieses Virus ist nichts.« Ein anderer bezeichnete es gar als Sünde, sich vor Corona zu fürchten.
Als der Präsident im März noch seine Vision von »vollgepackten Kirchen im ganzen Land« bis »Ostern« äußerte, für die er von vielen massiv kritisiert wurde, wollte er wohl insbesondere auch seiner religiösen Basis gefallen.
Seit Ende der Sechzigerjahre haben Evangelikale mehrheitlich republikanisch gewählt, insbesondere der frühere Präsident Ronald Reagan suchte wie kein Politiker vor ihm die Nähe zur Bewegung.
Doch im Fall von Donald Trump warf die christliche Unterstützung schon immer Fragen auf. Die Allianz zwischen rechten Christen und kapitalistischem Lebemann wirkt nicht gerade natürlich. Schließlich handelt Trump regelmäßig entgegen christlicher Werte, sein Lebenswandel ist moralisch alles andere als einwandfrei. Doch nicht einmal die Affäre um den Pornostar Stormy Daniels hat die Allianz zwischen dem Präsidenten und der religiösen Rechten zerstört. Das liegt mit daran, dass noch kein US-Präsident so viele politische Fakten schaffte, die im Interesse der religiösen Wähler liegen.
Seit Beginn seiner Amtszeit hat Trump zwei streng konservative Richter am Obersten Verfassungsgericht eingesetzt, weitere könnten folgen – und eines Tages das Recht auf Abtreibung kippen. Dutzende Posten an Gerichten vergab er an jüngere konservative Hardliner.
Trump spricht sich nicht nur gegen Abtreibungen aus, er sprach auch als erster US-Präsident im Februar beim sogenannten March for Life, der Parade der Abtreibungsgegner. Kurz darauf präsentierte er einen Nahostplan, der Jerusalem zur israelischen Hauptstadt macht – was auch stets ein Ziel der evangelikalen Bewegung war.
Trumps Regierung ist eine der religiösesten der jüngeren US-Geschichte. Etliche Minister, wie Außenminister Mike Pompeo, Bildungsministerin Betsy DeVos und Vizepräsident Mike Pence, sind evangelikale Christen. Kabinettsmitglieder finden sich zum wöchentlichen Bibelkreis im Weißen Haus zusammen – das gab es zuletzt in der Art vor hundert Jahren.
Die US-Autorin und Religionsexpertin Katherine Stewart, die die Bewegung seit Langem beobachtet, schreibt in der »New York Times«: Die Evangelikalen seien mit für Trumps inkompetentes Regierungspersonal verantwortlich, das sich für die Interessen der religiösen Rechten starkmache, aber keine Pandemie managen könne. »Donald Trump ist mit der entschiedenen Hilfe einer Bewegung an die Macht gekommen, die Wissenschaft ablehnt, Regierung verachtet und Loyalität über professionelle Expertise stellt.«
Diese Leute wollten Amerika in eine »imaginierte Vergangenheit« zurückführen, in der das Land konservativ christlich gewesen sei. Stewart hält diese Entwicklung für demokratiegefährdend. »Wir sehen eine autoritäre Identitätskampagne, die keinerlei Respekt vor der Trennung von Staat und Kirche hat.« Pluralistische Werte, die Amerika getragen hätten, lehnte die Bewegung ab. In der Coronakrise wird das extrem gefährlich. Wer die Bewegung verstehen will, muss zurück in den Februar zoomen, in eine evangelikale Megakirche in Miami. Dort, auf einem spirituellen Kongress, erzählt Paula White die Geschichte eines verlorenen Mädchens aus einem Trailerpark, das Trump mit Gott zusammenbrachte und später seine religiöse Beraterin wurde. Es ist ihre eigene Geschichte. White steht auf einer Bühne im Innern der Megakirche, das Scheinwerferlicht lässt ihren blonden Pagenkopf im Halbdunkel leuchten. Tausende Gläubige jubeln ihr zu. »Mein Vater hat sich umgebracht, als ich fünf Jahre alt war«, erzählt sie. White wurde als Kind sexuell missbraucht, vernachlässigt von der alkoholkranken Mutter. Die Schulkameraden nannten sie »trailer trash«, »Müll aus dem Trailerpark«.
White lernte Gott kennen, wie sie sagt, und begann die Bibel zu lesen. Pastoren wurden auf sie aufmerksam. Bald trat sie im Regionalfernsehen auf. Nach einem dieser Auftritte 2002 habe sich »ein Mister Trump« gemeldet. Trump besitzt ein Anwesen in Palm Beach in Südflorida.
»Du bist fantastisch!«, habe er in den Hörer gebrüllt. »Du hast den It-Faktor!«
White lächelt. »Das heißt Salbung, Sir«, habe sie ihm gesagt. Nachdem sie aufgelegt hatte, habe Gott zu ihr gesprochen und ihr den Auftrag erteilt, Trump zu helfen. »Ich führte den Auftrag aus, ohne zu wissen, dass jener Mann, dem ich helfen sollte, Gott kennenzulernen, Präsident der Vereinigten Staaten werden würde!«, ruft sie. Die Menge johlt.
Die Geschichte ist perfekt: Paula White, das Bindeglied zwischen Gott und dem US-Präsidenten. In den Jahren danach wird White Trumps persönliche Pastorin.
Trump bezeichnet sich selbst als presbyterianisch, gibt seinen Lieblingsvers in der Bibel mit »Auge um Auge, Zahn um Zahn« an und verwechselte einmal ein Tablett, auf dem die Kommunion gereicht wird, mit einem Teller für die Kollekte.
Gläubige Beightol (M.) mit Eltern »Eine Prüfung für uns Christen« White gehört der »Prosperity Gospel« an, einer Randerscheinung des Evangelikalismus, die gegen Spende Wohlstand auf Erden verspricht. Ein ziemlich kapitalistisches Religionsverständnis also, das auch unter Evangelikalen umstritten ist, aber zum Immobilienunternehmer Trump hervorragend zu passen scheint.
Sie kaufte nach dem Anruf ein Apartment in seinem Haus in der New Yorker Park Avenue und besuchte seine Show »The Apprentice«. Er nahm an ihren Bibelkreisen teil, die sie gelegentlich in New York leitete. 2016, und auch jetzt wieder, hilft sie ihm im Wahlkampf.
»The Supernatural Ministry School« heißt der dreitägige Kongress, auf dem White Anfang Februar auftritt. Die Megakirche »King Jesus International Ministry« im Süden Miamis ist von Palmen umgeben. In ihrem Innern finden 7000 Menschen Platz.
Hier lässt sich während einer sechsstündigen Endzeitpredigt erleben, wie scheinbar der Heilige Geist in Gläubige fährt und sie zu einem Knall aus einer Soundmaschine zu Boden gehen. Prediger berichten von Karieszähnen, die sich in Gold verwandeln. Paula White sammelt am Ende ihres Auftritts Schecks ein, dafür verspricht sie Seelenheil.
Aber kurz vor Beginn des Wahljahrs 2020 erlebt die Allianz zwischen Trump und den Evangelikalen eine Erschütterung. Das konservative Magazin »Christianity Today« veröffentlichte Ende Dezember ein Editorial, in dem der Chefredakteur Trumps Absetzung forderte. Schockwellen gingen landesweit durch die Kirchen.
Schon länger wenden sich junge und gebildete Evangelikale von Trump ab. Nach Paula Whites Schulterschluss mit dem Präsidenten sollen schwarze Gläubige in Scharen aus ihrer Gemeinde geflohen sein. Muss Trump um seine Wähler fürchten?
Am 3. Januar 2020, kurz nach Erscheinen des kritischen Artikels, stand er selbst in der Megakirche in Miami. 5000 Christen waren da. Wohl wissend, dass es zuerst die Latinos und Schwarzen sein könnten, die sich abwenden, verkündete Trump den Start seiner Kampagne »Evangelikale für Trump« im »King Jesus Ministry« in der Stadt Miami, wo vor allem Latinos leben.
Trump rief: »Evangelikale Christen jeder Glaubensrichtung und Gläubige jeder Religion hatten nie einen größeren Unterstützer im Weißen Haus als ihr jetzt!« Er sprach über die angebliche Wiederbelebung des Ausdrucks »Merry Christmas« in Amerika, die er sich selbst zuschreibt.
»Wir werden gewinnen«, sagte Trump.
»Wir haben Gott an unserer Seite.«
Predigerin Paula White stand am 3. Januar in Trumps Nähe und betete. An diesem Tag entstand ein Foto, auf dem sie und andere Evangelikale Trump berühren, als bärge sein Körper etwas Heiliges.
Evangelikale bei Gottesdienst am 5. Februar in Miami: »Karieszähne in Gold verwandeln« »Die Evangelikalen haben Trump ihre Loyalität geschenkt, ohne anzuerkennen, dass er moralische Probleme hat«, sagt Mark Galli in seinem Haus in Chicago.
Der 67-Jährige war einmal Pastor und arbeitete 30 Jahre lang als Journalist. Beim konservativen, evangelikalen Magazin »Christianity Today« war er Chefredakteur. Er hat den Leitartikel verfasst, der wie eine Bombe einschlug.
»Christianity Today« gilt als Flaggschiff der Evangelikalen. Es wurde 1956 von Billy Graham gegründet, der eng mit Präsident Eisenhower war. Die Leser sind gemäßigt, das Heft bislang wenig kontrovers.
»Trump sollte aus dem Amt entfernt werden«, schrieb Galli am 19. Dezember 2019. Er beschreibt Trump als »moralisch verloren«. Das Impeachment-Verfahren beweise, dass er das Amt des Präsidenten beschädigt habe. Seine Absetzung müsse erfolgen aus einer »Loyalität gegenüber dem Schöpfer der Zehn Gebote«.
Galli sitzt in seinem Wohnzimmersessel, in der Hand eine Tasse Tee. Ein nachdenklicher Mann mit stabilen Werten, der gern Fliegenfischen geht und Bier braut. Eigentlich wollte er jetzt seine Rente genießen, stattdessen war er gerade für ein Fernsehinterview in Kanada, hat mit allen großen US-Medien gesprochen, als Nächstes kommt eine TV-Crew aus Japan vorbei.
Sie alle wollen wissen, wie er es als Evangelikaler wagte, Trump zu kritisieren. Galli erinnert sich an den Morgen, an dem er überlegte, ob man das Amtsenthebungsverfahren überhaupt kommentieren sollte.
Drei Jahre lang hatte Galli damit verbracht, die evangelikalen Unterstützer des Präsidenten zu verstehen. Er sah mit Besorgnis, wie konservative und liberale Christen immer öfter darüber stritten, wer ein richtiger Christ sei. Als Galli seine rechten Bekannten nach ihrer Meinung zum Impeachment fragte, sagte einer nach dem anderen: »Eine Verschwörung der Demokraten.« Galli schrieb seinen Text.
Kurz nach der Veröffentlichung brach die Internetseite von »Christianity Today« zusammen. Ein Proteststurm erreichte die Redaktion. Aber es gab auch etliche Leser, die erleichtert waren.
Knapp zwei Wochen später sah Galli Trumps Auftritt in der Megakirche in Miami. Die Vergötterung durch seine Anhänger sei »götzenhaft« gewesen. In den Gebeten des »Prosperity Gospel« wurden die Feinde Trumps »satanisch« genannt.
»Ich war schon immer sensibel für Sprache«, sagt Galli. Viele Christen hätten den Sound von Trump übernommen. Dabei gehe es in etlichen Bibelversen darum, »mit welcher Zunge Menschen sprechen«.
Jetzt, in der Coronakrise, sagt Galli Anfang April am Telefon, wiederhole sich die Geschichte. »Die evangelikale Rechte verharmlost das Virus. Sie denken, wenn man die Kirchen schließt, zeige das einen mangelnden Glauben an Gott«, so Galli.
Wer sich schütze, werde als schlechter Christ gebrandmarkt. »Wer krank wird, hat eben nicht genug geglaubt.« Das Misstrauen gegenüber der Wissenschaft und gegenüber Autoritäten, die ihre fundamentalen Glaubenssätze infrage stellen, sei ein großes Problem.
In einer der ältesten Megakirchen Amerikas, der First Baptist Church Dallas, mit 13 000 Mitgliedern erscheint bei einer Sonntagsmesse im Februar auf der zentralen Leinwand Trumps Konterfei. Ein Besuch seiner ehemaligen Pressesprecherin, Sarah Huckabee Sanders, wird angekündigt. Pastor Robert Jeffress wird sie interviewen. Er ist einer der prominentesten evangelikalen Trump-Unterstützer.
Der Campus, auf dem die Kirche steht, hat 130 Millionen US-Dollar gekostet. Der Gottesdienst darin gleicht mit seinem Chor und seinen Livetaufen in einem poolartigen Becken einer Mischung aus Musical und Bibelseminar. Vor allem ältere weiße Texanerinnen und Texaner sind gekommen. Hier im sogenannten Bible Belt ist die Unterstützung für den Präsidenten riesig. 2014 bezeichneten sich 31 Prozent aller Texaner als Evangelikale.
»Ich bin ein Freund des Präsidenten.«
Robert Jeffress lächelt. Der 64-Jährige trägt einen schwarzen Nadelstreifenanzug, dazu eine Trump-rote Krawatte. Er wartet nach dem Gottesdienst in einem Hinterzimmer, reicht freundlich die Hand. Jeffress ist der erste Pastor, der Trump 2016 in den Vorwahlen unterstützte. Über seine Auftritte beim konservativen TV-Sender Fox-News, seine TV-Show »Pathway to Victory«, seine Radiosendung und Predigten erreicht er ein Millionenpublikum.
Zwei Monate später, zu Beginn der Coronakrise, sollte er sich weigern, seine Kirche zu schließen.
Warum ist Trump unter Gläubigen so erfolgreich?
»Politische Enttäuschung«, sagt Robert Jeffress. Trump sei der erste Präsident, der wirklich etwas für die Evangelikalen tue.
»Sein Bekenntnis zur Pro-Life-Bewegung, sein Einsatz für Religionsfreiheit« und seine »Unterstützung für Israel« – das elektrisiere die evangelikale Gemeinde.
Vor Trump hatte Jeffress oft Hoffnung in andere Politiker gesetzt. Er stimmte einst für den Demokraten Jimmy Carter, der sich selbst als wiedergeborenen Christen bezeichnete, Jeffress aber enttäuschte. Er folgte dem Republikaner Ronald Reagan, der die Evangelikalen besonders fest umarmte. Doch aus den Versprechen, die sie während der Kampagnen gaben, so sieht es Jeffress, wurde selten Politik.
Trump fand eine evangelikale Gemeinde vor, die zwar noch republikanisch wählen wollte, aber Ernüchterung empfand. Er schwang sich zu ihrem Retter auf. Jeffress bot ihm die volle Unterstützung an. Heute betet er mit Trump, berät ihn in Glaubensfragen. An Ostern hatte Trump angekündigt, sich in seine Messe einzuschalten.
Ehemaliger Pastor Galli Misstrauen gegenüber Autoritäten Als Trump einst drohte, Nordkorea auszulöschen, schrieb Jeffress in einem Artikel, dass er als Herrscher das Recht dazu habe und zitierte einen Bibelvers.
Trump, sagt Jeffress, biete den Evangelikalen die Gelegenheit, das Christentum noch einmal aufleben zu lassen, bevor die Erde untergehe. Wie die meisten Evangelikalen glaubt Jeffress an die Endzeit. »Unsere Welt wird jeden Tag gottloser. Der Kurs der Erde geht abwärts.« So beschreibe es die Schrift, bevor Jesus auf die Erde zurückkehre.
»Ich weiß nicht, wann er kommt«, sagt Jeffress. »Ob nächstes Jahr oder irgendwann im 21. Jahrhundert.« Wenn es so weit sei, werde er jene mit ins Paradies nehmen, die ihn als Retter anerkannten. Die anderen schmorten in der Hölle. Trumps Regierungszeit ermögliche es den Gläubigen jetzt, »möglichst viele Seelen zu retten«, bevor alles Irdische verlösche.
Anfang März hielt Jeffress eine Predigt mit dem Titel: »Ist das Coronavirus eine Strafe Gottes?« Die Apokalypse und das Virus liegen für ihn eng beieinander. »Alle Naturkatastrophen sind letztlich auf Sünden zurückzuführen«, sagte er.
Dass Trump als Bollwerk gegen den Niedergang des Glaubens wirken soll, erscheint absurd. Doch es hat mit der Liberalisierung der Gesellschaft zu tun. Viele Christen fühlen sich unwohl, wenn während der Superbowl-Übertragung halb nackte Frauen erscheinen, gleichgeschlechtliche Ehen vielerorts zum Alltag gehören. Jetzt kommt die Angst vor dem Coronavirus hinzu.
2020 werde Trump ein noch höheres Ergebnis einfahren, prophezeit Jeffress.
Weniger als 20 Prozent der Evangelikalen entschieden sich 2016 gegen Trump. Studien belegen, dass weiße, evangelikale Jugendliche genauso häufig für ihn stimmten wie ihre Eltern oder Großeltern. Ihre Positionen, was Abtreibung betrifft, unterschieden sich kaum voneinander.
Wie aber geht es Gläubigen, die nach einer Alternative zu Trump suchen?
An der Westküste Floridas, auf Marco Island, stehen von Palmen umgebene Villen, hinter denen Swimmingpools glitzern. Hier wohnt eine junge Evangelikale, die in ihrer konservativen Gemeinde oft erlebt hat, wie gläubige Christen an Trump zweifelten und am Ende doch versuchten, sich ihn schönzureden.
Alexandria Beightol sitzt barfuß auf einem ausladenden Sofa in ihrer Villa, zwei Autostunden von Miami entfernt. Ihre Eltern, mit denen sie hier lebt, sind Abtreibungsgegner. Der Vater Arzt, die Mutter vertreibt Kosmetikprodukte im Netz, wobei Beightol, 24, ihr hilft.
»Alle in unserer Kirche wählen Trump«, erzählt sie. »Wer sich unwohl fühlt, sagt, dass Gott den Präsidenten als Prüfung für uns Christen geschickt habe.« Die Bibel besage, dass es schon immer schreckliche Männer auszuhalten gab, die am Ende für das Wohl der Gläubigen sorgten.
Die einen meinen, Trump sei wie jener wilde Mann Jehu, den Gott einsetzt, um die Stadt Jesreel zu befreien. Die anderen vergleichen ihn mit dem persischen König Kyrus, der das Gesetz missachte, aber die vertriebenen Hebräer wieder nach Jerusalem holte. Beightol hörte von Abraham, der gezwungen worden sei, seinen Sohn zu opfern, um seine Loyalität zu Gott zu beweisen. »Viele glauben, dass sie an Trump festhalten müssen, um zu beweisen, dass sie echte Christen sind.«
Bis vor wenigen Jahren seien ihre eigenen Überzeugungen typisch republikanisch und nationalistisch gewesen. Sie habe sogar etwas gegen Muslime gehabt.
Zweifel kamen erst auf, als Beightol auf das Blog der inzwischen verstorbenen, liberalen Evangelikalen Rachel Held Evans stieß. Sie brachte viele junge Evangelikale dazu, ihre Werte zu überprüfen.
Beightol, deren Mutter aus Trinidad stammt, las den Blog heimlich. »Ich fragte mich, was Pro Life bedeutet, außer vor Abtreibungskliniken zu protestieren«, erzählt sie. Sie machte sich Gedanken über die Gleichwertigkeit aller Menschen, und über Müttersterblichkeit. Ihr Pro-Life-Begriff weitete sich aus. »Trump wählen würde ich nie«, sagt Beightol.
Am Telefon Anfang April sagt sie, die evangelikale Welt sei auch jetzt, in der Coronakrise, gespalten. Viele Evangelikale hielten das Virus für eine Prüfung. »New York werde deshalb so hart getroffen, weil es ein solch liberaler Staat sei und demütiger werden solle«, erinnert sich Beightol an die Worte einer gläubigen Freundin.
Doch viele Evangelikale nähmen die Bedrohung auch ernst und verhielten sich entsprechend. Sie verstünden, dass Covid-19 für eine Art »Enthüllung« sorge, einen göttlichen Weckruf.
»Wir haben jetzt Gelegenheit, uns zu überlegen, wie wir unsere Erde behandeln«, sagt Beightol… .“
zum Jahresende 2025 möchte ich wieder ein paar Worte an euch richten.
Fast alle Geschichten, die ich auf meinem Blog veröffentliche, basieren auf selbst Erlebtem aus den letzten, sagen wir, 50 Jahren.
Mir geht es nicht darum, einzelne Personen bloßzustellen oder ihre Lebensweise, ihre Überzeugungen oder ihre religiösen Ansichten zu kritisieren.
Im Gegenteil
Ich schreibe aus solidarischer Verbundenheit mit denen, die hier leben, arbeiten und kämpfen – mit denen, die oft übersehen werden, deren Stimmen nicht gehört werden, die gegen die Zumutungen eines Systems anrennen, das Menschen nach ihrer Verwertbarkeit bemisst. Ich bin selbst ein Kind dieser Region: hier geboren, zur Schule gegangen, aufgewachsen, habe hier meine Familie gegründet und lebe immer noch hier – an der Seite derer, die um ihre Würde ringen müssen.
Wichtig ist mir, die Dinge beim Namen zu nennen: Herrschaft und Widerstand, Ausgrenzung und Solidarität, Ohnmacht und Befreiung. Ich will deutlich machen, auf welcher Seite ich stehe.
Dabei nutze ich Übertreibung, Humor und Satire als Waffen gegen die Gleichgültigkeit. Das scheinbar Alltägliche zu beschreiben und darin die Mechanismen von Unterdrückung, Ausgrenzung und kapitalistischer Verwertungslogik sichtbar zu machen – das treibt mich an. Ich will zeigen, wie Menschen trotzdem ihre Würde behaupten.
Ich bin überzeugt: Im Kleinen wird erkennbar, wie die Herrschaftsverhältnisse funktionieren. Und Veränderung beginnt im konkreten Widerstand vor Ort.
Auf keinen Fall will ich eine heimattümelnde Erzählweise pflegen, die verschleiert, wo Menschen ausgegrenzt, ausgebeutet und ihrer Rechte beraubt werden. Keine Versöhnung mit den Verhältnissen!
Im Gegenteil
Meine Haltung ist klar: parteiisch für die Ausgegrenzten, unbequem für die Mächtigen, hoffnungsvoll im Glauben an Befreiung. Am deutlichsten wird das in meinem Blog-Beitrag „Deutsch nicht dumpf…?
Für 2026 wünsche ich allen Leser\*innen meines Blogs Gesundheit, Frieden und den Mut zum Widerstand gegen Ungerechtigkeit.
Wo ist das wahre Leben?
In den Bankpalästen die sich in den Himmel erheben?
In den angesagten Szene-Kneipen?
Auf den Börsenparketten an der Wallstreet, in Tokio, New York oder Frankfurt?
In den Konzernzentrale, bei den Shareholder value Fetischisten, mit deren Gier nach Geld und Macht?
In den Fitness Palästen?
In den Kliniken für kosmetische Chirurgie?
Ich glaube nicht
Das wahre Leben findet ihr in den Kinderzimmern.
Auf den Wickelkommoden.
In den Armen von Müttern und Vätern die Ihre Babys hingebungsvoll liebkosen.
In den durchgewachten Nächten, mit Kindern die nicht aufhören zu weinen.
Erbrochenes beseitigt.
Popos gereinigt immer und immer wieder.
In die Arme genommen.
Singend gewiegt.
Vor Erschöpfung tiefe Täler aus Sorge um ihre Kinder und um sich selbst durchschreitend.
Dennoch nicht aufgeben zu lieben
Dennoch hoffen
Dennoch Zuversicht
Die Augen ihrer Kinder
So offen
So wissen wollend
So tief
So arglos
So grenzenlos Vertrauen schenkend
So freudig
So verletzlich
So klug
So zu zuversichtlich
So schnell von Tränen überquellend
wegen Nichtigkeiten die keine Nichtigkeiten sind
Augen die von allem künden was den Mensch zum Menschen macht.
Den Bürgern Lösungen erzählen, die nicht funktionieren
Den Bürgern erzählen, das nur sie wissen was richtig ist.
Den Bürgern erzählen, das alle Menschen das gleiche denken.
Den Bürgern erzählen, was diese hören möchten.
Populismus funktioniert nicht weil:
Viele Menschen unterschiedlich sind
Viele Menschen verschieden Meinungen haben.
Das es darum keine einfachen Lösungen für Probleme gibt.
Das Gegenteil von Populismus ist:
Ehrlich sein
Weiter in schwerer Sprache:
Zunehmende Ratlosigkeit
Die Ereignisse und Entwicklungen der letzten Jahre:
Die weltumspannende Globalisierung der Wirtschaft mit dem Ergebnis eines ungebremsten Kapitalismus, der rücksichtslos vorgeht und alles in Frage stellt was mir wichtig ist.
Menschen fühlen sich zunehmend orientierungslos, unbeheimatet.
Ängste machen sich breit.
Populismus bricht sich, europaweit, seine Bahn.
Die Vernunft, wichtigste Errungenschaften der Aufklärung und Ihre Leitgedanken von Freiheit, Gleichheit, und Solidarität prägen zunehmend nicht mehr den politischen Diskurs.
Stattdessen:
Populismus der dümmsten Art und Weise prägen die Verlautbarungen der AfD.
Das so viele BürgerInnen darauf hereinfallen schmerzt mich, bis hin zu körperlichem Schmerz.
Ein dumpfer unheilvoller Druck ensteht mir im Kopf, steigt hinunter über Hals und Rücken.
So als ob sich ein Migräne-Anfall ankündigen würde.
Zukunftsängste kommen auf.
Was wird einmal aus Deutschland werden? Was wird aus den Kindern und Enkelkindern werden denen wir eine weitgehend zerstörte Welt hinterlassen?
Aber genug mit dem Lamento.
Weiter nun im Thema in schwerer Sprache.
Der nun folgende Beitrag ist eine Zusammenfassung des Artikels aus: Der Spiegel vom 20.12.2019. Zum Teil wörtlich zitiert, zum Teil zusammen gefasst und sprachlich verändert:
Das Vokabular der Nationalsozialisten erlebt ein Comeback. Was Demokraten dagegen unternehmen können.
Worte können wir winzige Arsendosen sein
Victor Klemperer hat beschrieben, wie sich die Sprache des „Dritten Reichs“ in Deutschland verbreitete. „Worte können sein wie winzige Arsendosen“, notierte der Romanist. „Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“
Ein kurzes Wort mit vier Buchstaben
Im Gedächtnis geblieben sind die hoch dosierten Arsendosen, mit denen die Nazis auf dem Gipfel ihrer Macht die millionenfachen Morde schönfärbten: „Konzentrationslager“, „Endlösung“, „Sonderbehandlung“. Charakteristischer für die NS-Propaganda schon vor 1933 war es aber, zentrale politische Begriffe zu vergiften. Ein kurzes Wort mit vier Buchstaben war dabei entscheidend: Volk.
Das Gift der völkischen Volksdeutung
Wie Arsendosen verbreitet sich auch heute das Gift der völkischen Volksdeutung. Es wird zunächst unbemerkt verschluckt, hat für allzu viele einen „normalen“, „natürlichen“, „lebensrichtigen“ Geschmack. Erst wenn es zu spät ist, zeigt sich die Giftwirkung, die Ausgrenzung aller, die nicht deutsch „aussehen“ und dann nicht mehr zum Volk gehören dürfen und „entsorgt“ werden sollen.
Wir sind das Volk?
„Wir sind das Volk“, beanspruchte das Volk der DDR gegen die kommunistische Elite. Sprechen Demokraten vom Volk, meinen sie den Demos, das Staatsvolk.
Es schließt hierzulande alle ein, die deutsche Staatsbürger sind.
Wo sie, ihre Eltern und Großeltern geboren sind, ob sie schwarz oder weiß, ob sie Christen, Juden oder Muslime sind, ist egal.
Sie alle haben dieselben Rechte.
„Wir sind das Volk“ beansprucht die AfD auf ihren Wahlplakaten.
Wenn völkische Nationalisten von Volk sprechen, meinen sie den Ethnos, eine biologische Abstammungsgemeinschaft.
Der ethnische Volksbegriff steht mit dem demokratischen auf Kriegsfuß.
Er schließt alle aus dem Staatsvolk aus, die eine falsche Hautfarbe oder die falsche Religion haben.
Ein „Neger“ ?
Das Gift des ethnischen Volksbegriffs hat sich in der deutschen Demokratie bereits verbreitet.
Für zu viele klingt die völkische Propaganda plausibel, dass das „Abstammungsprinzip“ der einzige und „natürliche“ Zugang zur deutschen Staatsbürgerschaft sei.
Außer zur Zeit des Nationalsozialismus galt in Deutschland aber nie ein reines Abstammungsprinzip. Gerade darüber beklagte sich Adolf Hitler in „Mein Kampf“. Es sei widernatürlich, dass das Staatsbürgerrecht „in erster Linie durch die Geburt innerhalb der Grenzen eines Staates erworben“ werde und die „Volkszugehörigkeit“ keine Rolle spiele. „Ein Neger“, so Hitler, der „nun in Deutschland seinen Wohnsitz hat, setzt damit in seinem Kind einen ‚deutschen Staatsbürger‘ in die Welt.“
Die von Hitler inflationär verwendeten ironisierenden Anführungszeichen sind typisch für die Sprache des Nationalsozialismus. Mit ihnen erkannte Hitler großen Gruppen von Menschen die Möglichkeit ab, Deutsche sein zu können: Der Erwerb des „Staatsbürgertums“ gleiche der Aufnahme „in einen Automobilklub“, ein „einfacher Federwisch, und aus einem mongolischen Wenzel“ werde „plötzlich ein richtiger ‚Deutscher'“.
Das völkischen „Anführungszeichen“
Einer ähnlichen Sprache bedienen sich die heutigen Völkischen von der AfD. Die ironisierenden Anführungszeichen sind auch bei ihnen beliebt: vom „Flüchtling“ bis zum „Deutschen“. In Reden sind Anführungszeichen aber schlecht zu hören. Was tun? Da hat die NPD schon vorgearbeitet, die AfD musste es nur noch übernehmen. Man setze einfach ein „Pass“ vor „Deutscher“ und grenze die „Passdeutschen“ von den vermeintlich echten Deutschen ab. Ein Stück Papier, so die Botschaft, ändere ja nicht das Blut und die Biologie.
#Passbeschenkter
So argwöhnte die AfD-Bundestagsfraktion im Juli 2019 auf Facebook, dass die Medien „Passdeutsche“ kurzerhand zu „Deutschen“ machten, „um die Kriminalitätsstatistik zu entbunten“. Dafür zeichnete die Co-Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag, Alice Weidel, verantwortlich. Ihr Fraktions- und Bundesvorstandskollege Stephan Protschka versuchte im Dezember 2018, über Twitter den Hashtag „Passbeschenkter“ zu popularisieren. Auf den Einwand, dass jeder Deutscher sei, der die deutsche Staatsangehörigkeit habe, antwortete Protschka:
„Wenn sich ein Hund einem Wolfsrudel anschließt, ist er dann ein Wolf oder bleibt er Hund?“
Herstellung von Mischvölkern
Das erinnert an einen Ausspruch Hitlers: „Der Fuchs ist immer ein Fuchs, die Gans eine Gans, der Tiger ein Tiger usw.“ Für ihn war die „Blutsvermischung“ die „alleinige Ursache des Absterbens aller Kulturen“. Die kulturelle, völkische oder rassische Reinheit treibt auch die AfD um. So wendete sich der sächsische AfD-Bundestagsabgeordnete Heiko Heßenkemper gegen eine „Durchmischung der Rassen“, sein Fraktionskollege Jens Maier warnte vor einer „Herstellung von Mischvölkern“.
Natürlich gibt es auch AfD-Mitglieder, die anders denken oder sich zumindest anders ausdrücken. Aber es sind nicht nur Einzelne, die gern völkisch daherreden. Interne Chats, die in die Öffentlichkeit gelangten, zeigen, dass die zweite, dritte, vierte Reihe teils heftiger formuliert.
Drohende Islamisierung
Wer aber löst bei der AfD solche Abscheu aus? War das Schreckbild der Nationalsozialisten eine „Verjudung“ der Welt, richtet sich die Propaganda der AfD gegen die „drohende Islamisierung Europas“, so steht es im Europawahlprogramm der Partei 2019.
Abgeschaute Tricks
Die sprachlichen Tricks der Nazis und der AfD sind im Kern die gleichen. So wendete sich Hitler dagegen, das Judentum „als ‚Religion‘ segeln zu lassen“, denn die Juden bildeten „immer einen Staat innerhalb der Staaten“. Die AfD will den Islam nicht als Religion, sondern als gefährliche, totalitäre und imperialistische „politische Ideologie“ verstanden wissen. Für die Nationalsozialisten ließ sich die Religionsfreiheit nicht auf die Juden anwenden, für die AfD nicht auf die Muslime. Für die Nationalsozialisten stellten die Juden eine existenzielle „Gefahr“ für Deutschland dar, für die AfD ist die „Präsenz von über 5 Millionen Muslimen, deren Zahl ständig wächst“, eine „große Gefahr für unseren Staat, unsere Gesellschaft und unsere Werteordnung“, so ist es im Programm für die vergangene Bundestagswahl zu lesen.
Messereinwanderung
Um die vermeintliche Gefahr greifbar zu machen, nutzt die AfD-Bundestagsfraktion den Hetzbegriff „Messereinwanderung“. Dazu zeichnet sie auf YouTube eine „Karte des Schreckens!“, die auf den ersten Blick suggeriert, mordende Muslime würden das Land überrennen. 2018 malte der AfD-Bundesverband dies auf Facebook so aus: „Wie viele Messer-Morde müssen noch beweint werden, bevor die wilden Heerscharen junger Asylbegehrender das Messer aus der Hand und ihre kranke, menschenverachtende kulturelle Prägung endlich ablegen?“
Gaulands Frage an Mesut Özil
Im Parteiprogramm von 1920 forderte die NSDAP als ersten Schritt: „Jede weitere Einwanderung Nicht-Deutscher ist zu verhindern.“ Der zweite Schritt: „Wir fordern, dass alle Nicht-Deutschen, die seit 2. August 1914 in Deutschland eingewandert sind, sofort zum Verlassen des Reiches gezwungen werden.“ Für alle aus NS-Sicht „Nicht-Deutschen“ mit deutscher Staatsangehörigkeit sah Hitler 1923 noch nicht Vertreibung und Vernichtung vor. Sie sollten „freiwillig“ gehen oder sich unterordnen. Hitler wollte dazu im „völkischen Staat“ zwischen Staatsbürgern und Staatsangehörigen unterscheiden. Das Reichsbürgergesetz von 1935 setzte genau das um, die bloßen Staatsangehörigen verloren die Bürgerrechte. Die erste Verordnung zu diesem Gesetz besagte, dass Juden prinzipiell nicht Staatsbürger sein konnten. Ihnen stand damit kein „Stimmrecht in politischen Angelegenheiten“ in Deutschland zu, und sie durften „ein öffentliches Amt nicht bekleiden“. Aber so schlimm wie für die Juden ab 1935 würde es doch unter einer AfD-Regierung nicht werden für die Muslime in Deutschland, oder? Im Sinne des NS-Reichsbürgergesetzes sagte Gauland 2016 anlässlich einer Mekka-Fahrt des damaligen deutschen Fußball-Nationalspielers Mesut Özil: „Bei Beamten, Lehrern, Politikern und Entscheidungsträgern würde ich sehr wohl die Frage stellen: Ist jemand, der nach Mekka geht, in einer deutschen Demokratie richtig aufgehoben?“
Nach Anatolien entsorgen
Was mit denen geschehen soll, die in Deutschland nicht „richtig aufgehoben“ sind und sich nicht geräuschlos unterordnen und assimilieren, erläuterte Gauland im Bundestagswahlkampf 2017 am Beispiel der damaligen Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Aydan Özoğuz, einer deutscher Staatsbürgerin. Man könne sie, „Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen“. Weidel pflichtete bei, dass Özoğuz „zurück in die Türkei“ gehöre. In Ulm plakatierte die AfD in plattestem Stürmer-Stil: „Özoguz ‚entsorgen‘? JA!!!“ Ein „Entsorgungsprojekt“ lässt sich allerdings rhetorisch schwer verkaufen. Sprachlich geschickter ist es, von einem „Remigrations-Programm“ zu sprechen. Das ist inzwischen offizielle Parteilinie der AfD: „In Deutschland und Europa müssen Remigrations-Programme größtmöglichen Umfangs aufgelegt werden“, hieß es zur Europawahl 2019.
Die Nationalsozialisten waren Meister darin, die Dimension und die Barbarei ihres Programms gegen die Juden zu kaschieren. Goebbels erläuterte dazu im Juni 1944: „Es wäre ja sehr unklug gewesen, wenn wir vor der Machtübernahme schon den Juden ganz genau auseinandergesetzt hätten, was wir mit ihnen zu tuen beabsichtigten.“ Es sei „ganz gut und zweckmäßig“ gewesen, dass „wenigstens ein Teil der Juden dachte: Na, ganz so schlimm wird’s ja nicht kommen; die reden viel, aber das wird sich ja noch finden, was sie tuen werden“.
Was Heinrich Himmler nur im geheimen sagte spricht Björn Höcke öffentlich aus.
Erstaunlich offen allerdings spricht Björn Höcke, AfD-Fraktionsvorsitzender in Thüringen, bereits von der Machtergreifung einer „nationalen Regierung“, die ausschließlich „der autochthonen Bevölkerung“ und damit auf eine Politik der „wohltemperierten Grausamkeit“ im Zuge des „Remigrationsprojekts“ verpflichtet sei.
Es müssten „aller Voraussicht nach Maßnahmen“ ergriffen werden, die sogar dem „eigentlichen moralischen Empfinden“ jener zuwiderliefen, die sie durchführten.
Heinrich Himmler erörterte solche möglichen Gewissenskonflikte von Tätern nur im Geheimen, erst nach den Taten und vor einem Publikum von Tätern.
Die Wiederkehr des Völkischen in deutsche Regierungen
Es geht heute angesichts der kämpferisch-völkischen Ausrichtung der AfD und ihrer Wahlerfolge nicht mehr darum, den Anfängen zu wehren, sondern in den östlichen Bundesländern bereits darum, das bittere Ende zu verhindern – die Wiederkehr von Völkischen in deutsche Regierungen.
Was müssen Demokraten tun?
Was sollen Demokraten tun? Sie dürfen den Völkischen niemals zentrale Begriffe wie Deutschland, Deutsche, Volk und Staatsbürger oder Kernsymbole der deutschen Demokratie wie die schwarz-rot-goldene Flagge als „kontaminiert“ überlassen, und sie dürfen nicht unbedarft rassistische Unterscheidungen wie „Passdeutsche“ und „Biodeutsche“ nachplappern.
Ölofen
Eine Hommage an Jakob den klugen Wirt (R.i.P)
Jakob (der Fersenhalter) ringt mit dem Engel
Die in der folgenden Erzählung handelnden Personen existieren so nicht. Das gilt auch für die beschriebenen Orte.
Es liegt keinesfalls in der Absicht des Verfassers, einzelne Personen bloßzustellen oder sie in Ihrer Lebenweise, Ihrer Lebenseinstellung, Ihrer Überzeugung oder Ihrer religiösen Auffassung zu kritisieren oder gar parteiisch zu bewerten.
Im Gegenteil. Der Verfasser schreibt hier vor dem Hintergrund einer großen Zuneigung und Liebe gegenüber den Menschen, Ihrer Lebensweise und der Art und Weise wie sie Ihr Leben gestalten, wie Sie ihr Leben bewältigen, ist er doch höchstselbst ein Kind dieser Region, dort geboren, zu Schule gegangen, Herangewachsen, Familie gegründet und immer noch gerne dort lebend.
Wichtig ist ihm Dinge zu beschreiben, die er so empfunden, er so erlebt hat und welche Rückschlüsse er daraus für sein eigenes Leben gezogen hat.
Dabei bemüht er sich durch sprachliche Überzeichnungen, humorvolle und satirische Stilelemente, seine Leser zu interessieren und zu unterhalten.
Nichts aber auch überhaupt nichts liegt ihm daran eine „heimattümelnden“ kitschigen Wiedersprüche nivelierende Erzählweise zu pflegen, die subjektiv empfundene Wiedersprüche, Ungleichheiten sowie Benachteiligungen zukleistert oder gar leugnet.
Mitten im Dörfchen, gleich da wo die beiden Bäche zusammenflossen befand sich eine niedrige Brücke.
Sie bot dem einen kleineren Bach nur recht wenig Raum zum durchfließen. Im Herbst, bei Dauerregen und Sturm, im späten Winter bei der Schneeschmelze, konnte die alte Brücke die Wasserflut nicht mehr fassen.
Dann dann verwandelten sich beide Bäche in reisende Gebirgsbäche und überspülten mitunter die Hauptstraße.Gleich links von der Brücke befand sich eine Gaststätte, besser gesagt eine Eckkneipe. Diese war schon über hundert Jahre in Familienbesitz, nun bereits in der dritten Generation. Dort zapfte man ein prickelndes, schmackhaftes Pilsbier mit herbem Charakter, gebraut von einer Brauerei, gleich sechs Kilometer entfernt, die nur dieses eine Bier braute.
Und, Schnäpse gab es, wie damals üblich, Wacholderschnaps, Doppelwachholder, Korn und ein Destillat welches sich „Frucht“ (Obstler) nannte.
Speisen gab es nicht, nun ja, auf Bestellung und das eher wiederwillig, eine heiße Mettwurst mit Roggenbrot und einem Klecks Senf, aber nur dann wenn der örtliche Metzger geliefert hatte.
Zu besonderen Anlässen, zum Beispiel kurz vor Weihnachten oder zwischen den Jahren, erfuhr diese übersichtliche Speisekarte eine erstaunliche Erweiterung.
Auf besonderen Wunsch, bereitete der Wirt dieses Mettwürstchen auf eine ganz besondere Art zu.
Die Bestellung lautete dann so:
„Jakob“ (nennen wir Ihn so) mach mer mohl e Öluwes“ Die lässt sich schwerlich in hochdeutsche Sprache übersetzen.
Der geneigte Leser möge dies verzeihen ,es ergibt sich im Verlauf der weiteren Erzählung, Sinn und Inhalt dieser Bestellung.
Über viele Jahre hin war diese Eckkneipe der Treffpunkt vieler Handwerker und Bauern der umliegenden Dörfer und Weiler.
Hochbetrieb herrschte bei Wilhelm vor allem dann wenn die Handwerker und Arbeiter Feierabend hatten und auf dem Nachhauseweg noch einen oder auch zwei Schoppen trinken wollten
Das war an Werktagen zumeist zwischen vier und sechs Uhr Nachmittags.
Maurer, Dachdecker, Zimmerleute, Schlosser, Schweißer, fast immer in den dafür zur Verfügung gestellten Fahrzeugen, ankommend, betraten das Lokal dann, durstig, in Ihren Arbeitskleider die Lokalität.
Einige stumm, graugesichtig, die Mundwinkel zusammen gepresst, mit hängenden Schultern.
Andere, zumeist Dachdecker, Zimmerleute in ihrer Zunftkleidung, die Maurer in blauen unvermeidlichen Arbeitsjäckchen, oft ausgefärbt, zerschlissen und geflickt. Sie kommen oft laut, polternd, schimpfend, fluchend, derbe Witze reisend. „Jakob breng ins gläich e Herrengedeck! Oder bässer gläich zwoo. Meer hoo Daschd.“ (Bringe uns bitte gleich ein Herrengedeck (Bier und Korn) Oder besser gleich zwei. Wir haben Durst.) Es riecht nach Männerschweiß, Zigarettenqualm, Bierdunst, Ölofen und ein bisschen nach Urin, befindet sich das Männerklo doch gleich neben der Gaststube.
Eine Frauentoilette gibt es nicht.
Es war eine durchweg paternalistische Männergesellschaft die sich dort traf. Mädchen und Frauen waren fast nie zugegen, waren aber in Gedanken und Männer-Phantasien zugegen, was oft dadurch zum Ausdruck kam sich irgendwelche „schmutzigen“ frauenfeindliche Witze zu erzählen um anschließend in grölendes Gelächter auszubrechen.
Deshalb vom Grunde auf frauenfeindlich? Oh nein, daß sind Sie nicht.
Diese Witzchen über Mädchen und Frauen, wenn auch rau und ungehobelt vorgetragen, lassen oft auch eine Scham, eine zurückhaltende Scheu, eine subtile Angst vor Frauen erkennen.
Als Beleg dafür mag die Beobachtung gelten, dass viele junge Männer in heiratsfähigen Alter, Junggesellen bleiben, umgelenke, tapsige Hagestolze, die, wenn sie einem attraktiven weiblichen Wesen begegnen, verstummen, oder anzüglich derbe werden.
– – –
Ein durchgängig patriarchalisch orientierte Dorfgemeinschaft, so wie es nach den soeben verfassten Schilderungen zu vermuten wäre, war diese Gesellschaft aber eher nicht.
Eine kleine Anekdote, an dieser Stelle eingefügt, möge diese Behauptung untermauern:
Immer an Samstagen, an hohen kirchlichen Feiertagen wurde gebadet. Das galt als Dogma.
Alle badeten. Erst die Großeltern. Danach die Kinder und und schließlich im selben Badewasser, die Eltern.
Zuvor schon, war die frische Unterwäsche von der Mutter für alle Familienmitglieder, auch für den Vater zurecht gelegt worden. In diesen Zeiten badete man grundsätzlich nur einmal in der Woche, nämlich Samstag Abend.
Nun könnte man sagen:
Die Frau des Hauses, die eh schon mit der mühsamen Arbeit in Haus und Hof belastet, muß nun auch noch die frische Wäsche welche Sie auch mühsam gewaschen hat, für den Herrn des Hauses zurecht legen. Der Ehemann als Familienoberhaupt, als Pascha?
Nur bedingt.
Würde er nämlich die Initiative ergreifen und seine Kleidung für Sonntags selbst aussuchen, käme es unweigerlich zum Eklat:
„Vadder du wääd doch wohl nedd ii dörer Läwerie ( vermutlich französisch: Blanchisserie = Wäsche) ii der Körche gieh?“ (Vater Du willst doch nicht wirklich in dieser Kleidung zum Gottesdienst gehen?) so die Gattin.
Könnte es sein, daß durch diesen Brauch, eine allmähliche, eine schleichende Hospitalisierung des Mannes erreicht wird, die man unter Umständen als eine Entthronung, eine subtile Entmachtung des Mannes betrachten kann?
Vollkommen unselbständig gemachte Männer, die nicht mehr Lage sind ihren Alltag zu bewältigen, weil sie über Jahrzehnte bedient wurden?
Eine subtile eher unbewusste Machtausübung benachteiligter Frauen gegenüber dem Manne der bis zur Übergriffigkeit vollversorgt wird?
Die Frauen zur damaligen Zeit erschienen ihm zumeist bodenständig, alltagsklug, selbstbewusst und tonangebend. Sicher war das auch dem Umstande geschuldet, daß durch die Abwesenheit der Ehemänner vor allem in den Sommermonaten, weil diese sich als Saisonarbeiter hauptsächlich im Siegerland verdingen mussten, dies mühsame Arbeit in Haus und Hof alleine stemmen mussten.
– – –
Die Männer kommen alle in Ihren Arbeitsklamotten zum Jakob wie man sagte. Keiner dachte daran sich vorher umzukleiden.
Ihre Arbeitskluft zeigte, wie körperlich schwer und anstrengend die Arbeit ist. Die Gesichter, wettergegerbt, manchmal auch gerötet, zuweilen auch ein wenig aufgedunsen. Von Statur sind alle kräftig, die Arme muskulös, die Schultern breit. Viele auch mit beachtlichen Bierbäuchen ausgestattet.
Sie reden über Fussball, gewesene Feuerwehr Einsätze, Politik im allgemeinen, Kommunalpolitik im Besonderen.
Klischees werden bedient. Stammtischparolen werden gedroschen. Zuweilen mitgebrachte Lehrlinge, „Stifte“ genannt, meist still und verdruxt am Bier nippend, werden wie gewohnt, auf den Arm genommen, veräppelt, zuweilen auch bloßgestellt.
„Lehrjahre sind keine Herrenjahre!“ sagt man Ihnen.
Sie ertragen es, stoisch lassen sich nichts anmerken und denken an Ihre zukünftige Gesellenzeit. Dann werden Sie sich rächen, aber nicht an Ihren damaligen Peinigern, sondern an den „Stiften“ die Ihnen nachfolgen.
So war es wohl schon immer.
Nun ja die freiwillige Feuerwehr im kleinen Dörflein.
Wer Mitglied der freiwilligen Feuerwehr war, ob aktiv oder passiv der war auch immer Gast bei Wilhelm. Ein Automatismus der sich aus Tradition und Gewohnheit nährte und nicht unwesentlich das soziale Leben im Dorf bestimmte.
Die Feuerwehrkameraden unter sich, ein Mikrokosmos für sich.
Sie haben eine gemeinsame Mission. Menschen die plötzlich in Not sind zu helfen, zuweilen unter Einsatz der eigenen Gesundheit, des eigenen Lebens.
Das ist nobel, vorbildlich und, für die Feuerwehrkameraden sinnstiftend. Aus dieser Kameradschaft ergaben sich auch eine Fülle weiterer gemeinsamer Freizeitinteressen. Wechselseitige Einladungen der umliegenden Feuerwehren zum Würstchenbraten, Schlachtessen, örtlichen Feuerwehrfesten, regionalen Feuerwehrtagen und so fort.
Würstchen, Spießbraten, Schlachtplatten waren die deftige und schmackhafte Grundlage für den Genuss des regional gebrauten Gerstensaftes, und der anderen hochprozentigen geistigen Getränke.
Das war rundweg vergnüglich, kurzweilig. Streitereien, die sich von alter Zeit her aus Rivalitäten der Dörfer untereinander nährten und zuweilen in kleineren Prügeleien untereinander endeten, aber nie wirklich zu ernsthaften, folgenreichen Auseinandersetzungen führten.
Oft so gegen halb sechs am Abend öffnete sich die Türe der Gaststube. Ein stattlicher großgewachsener Herr in grüner Uniform betrat die Bühne.
Stolz, erhobenen Hauptes, ein wenig arrogant trat er in die Mitte des Raumes. „Nabend allerseits.“
Ohne Umschweife setzte er sich auf immer denselben Stuhl an einem Biertisch der, zwar nicht ausdrücklich für Ihn reserviert war, der aber dennoch solange freiblieb bis er höchstselbst dort Platz nahm. Er brauchte sein Bier nicht zu ordern.
Jakob der Wirt zapfte bereits an dem hellen Blonden für Ihn.
Er trug eine grasig grüne Uniformjacken mit jeweils zwei silbernen Eicheln nebeneinander auf den Schulterstücken.
„Dä Föschder ess doo.“ (Der Förster ist gekommen) bemerkte ein Waldarbeiter am Nachbartisch, der mit seinen schwieligen roten zerkratzten Händen zum Glase griff und dem Herrn Oberförster, nun nennen wir Ihn Roderich Brei, zuprostete.
Der aber hatte sein Bier noch nicht und nickte nur beiläufig.
Jakob der Wirt, dessen feste Überzeugung es war ein gut gezapftes Pils dauere sieben Minuten um zur Vollendung zu kommen brachte Ihm schließlich sein Bier samt Bierdeckel.
Das dünne Kelchglas trug am untersten Rand seines Stieles eine blütenweiße ganz dünne saugfähige Papiermanschette, um den überlaufenden Schaum des edlen Gerstensaftes gegebenenfalls aufzusaugen. Gekrönt von einer beachtlichen weißen Schaumkrone glitzerte das Pils in bernsteinfarbenen Gold. Feine Fäden aus winzigen Kohlensäurebläschen durchzogen das edle Nass.
Nie mehr sah er so ein perfektes Pilsgetränk.
Er reichte es Roderich, erst den Bierdeckel, dann den Kelch und sprach tonlos, kaum hörbar: „Zmm Wohl.“ Roderich nickte nur und hob den Kelch zum Munde um zu trinken.
Nach ein bis zwei Bieren, löste sich dann die Zunge des Herrn Oberförster Roderich Brei.
„Ich bin ein Wirtschaftsmann. Der Wald ist das Kapital für die kommenden Generationen.
Ich kann Euch sagen, die Gemeindeverwaltung, schlimm, lauter Sesselfurzer, verdienen eine Haufen Geld, wir müssen sie bezahlen. Keine Ahnung und immer eine große Klappe.
Und dann, seit neuestem diese grünen Käferzähler und Vogelschützer. Alles Spinner. Vorlaute Lehrerkinder, unerzogene Pfarrerskinder, noch nie was vernünftiges gearbeitet.
Und wir müssen die durchfüttern. Eine Schande.
Und die wollen uns auch noch regieren.
Früher, da gab’s sowas nicht!“
Einige Gäste nickten Ihm liebedienerisch zu, andere hoben das Glas und skandierten: „Jawolll“.
Andere blickten gelangweilt ins Bierglas.
Wenige verzogen missbilligend Ihr Gesicht wendeten um und kommentierten: „Du Schwätzer.“
Jakob der Wirt hörte am Zapfhahn stehend zu und sagte schließlich, als der Disput allmählich abflaute:
„Häsde gehäd ich menn nur“,
was schwerlich und nur sinngemäß zu übersetzen wäre: (Ich habe zugehört. Ich meine ja nur.)
Es kann vermutet werden, das Er damit sagen wollte:
„Jeder kann hier in meiner Gaststätte, seine Meinung frei äußern. Ihr müsst euch nur vertragen.“
Immer schon hing ein Holztäfelchen an der Stirnwand, für jeden zu lesen, gegenüber der Theke auf dem geschrieben stand:
„Ein guter Gast ist niemals Last.“
Jakob der Wirt. Ein lebenskluger Mann, geprägt durch ein entbehrungsreiches Leben, als Soldat im Kriege durch Schicksal, Not und Angst.
Er jedoch, ebenfalls durch Biergenuss ein wenig enthemmt fühlte sich persönlich angegriffen und wurde zornig. Eifrig versuchte er sachliche Argumente für die beginnende Ökologie- und Umweltschutzbewegung der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu finden, was ihm jedoch nur ansatzweise gelang.
Er verhaspelte sich in der eigenen Argumentationskette, würde immer lauter und heftiger.
Sehr schnell verbündeten sich fast alle gegen ihn:
„Wos wäd du da du Bläss. Kää Ahnung voo nix. Lann öscht mo woss rechdijes. Da kinn mer wäirer schwädse.“
(„Was bist du denn für ein Hanswurst. Du grüner Junge. Verliere erst mal deine Eierschalen und werde trocken hinter den Ohren. Lerne erst Mal was richtiges. Dann können wir weiter reden.“)
Nun schaltete sich der kluge Wirt ein und sagte im ruhigen Tone:
„Du bäst enn oole Hezebletz. Genau wie Kottches Schöwerdägger. Derbäsde gesde jezz hääm. Kimmst da mann wörer.“
(Du bist ein alter Heißsporn. Genau so wie ein entfernter Vorfahre von dir aus dem neunzehnten Jahrhundert. Am besten gehst Du nun nach Hause. Morgen kannst Du gerne wiederkommen.)
Er nahm Jakobs Vorschlag an, zahlte und ging wütend und beleidigt nach Hause.
An einem anderen Nachmittag, so gegen drei Uhr Nachmittags an einem Freitag im frühen Frühling.
Er 16 Jahre jung befand sich auf dem Weg zu Jakobs Kneipe.
Nicht um dort Bier zu trinken, was er eher selten tat. Vielmehr war er auf dem Weg zu Jakbs Sohn, nennen wir Ihn Robert, der mit Ihm gemeinsam eine weiterführende Schule besuchte.
Sie hatten die Absicht die Hausaufgaben gemeinsam zu erledigen und für die anstehende Mathematikarbeit zu lernen.
Dabei überquerte er erneut die besagte niedrige Brücke. Weitere zehn Schritte geradeaus. Links nun das Treppenportal zu Jakobs Kneipe. Von zwei Seiten zu begehen, fünf Stufen hinaus. Nun befand sich direkt auf Augenhöhe die schwere lerchenhölzerne Eingangstür mit ihrem beim öffnen unverwechselbaren Geräusch…… *
Die sich gelegentlich ergebenden Übungsstunden im Fach Mathematik waren für Ihn zwar recht nützlich aber auch gelegentlich unerquicklich.
Konfrontierte sie ihn doch mit der zweifelsohne richtigen Feststellung, die Roberts große Schwester, nennen wir sie Babette, welche die beiden Jungen bei den Übungsstunden beaufsichtigte wie folgt ausdrückte:
“ Innser Robert ess im Rechen viel bässer wie du.“
(Mein Bruder Robert beherrscht das Fach Mathematik besser als Du es jemals vermögen wirst.)
Dennoch, in jener großen Küche vollzog sich das ganze bunte Familienleben dieser Gast- und Landwirtsfamilie, nebst allem was die Gaststätte betraf, war doch die Gaststube direkt nebenan und nur durch eine Schiebetür von jener großes Wohnküche getrennt.
Babette die Älteste der Geschwister, war schon seit Jahren in die Fußstapfen des Vaters getreten und damit auch schon in jungen Jahren die allseits geachtete Nachfolgerin und Wirtin in spe geworden.
Eine kluge, attraktive junge Frau, resoluter Natur, ohne jemals grob oder unhöflich zu sein.
Zuweilen, eher selten, erkundigte sich ein meist auswärtiger Gast nach der Speisekarte.
Die gab es nicht, war auch nicht notwendig.
Was Babette anbieten konnte, war ein Mettwürstchen, kalt oder warm.
Ließ ein Gast sich darauf ein, eilte Babette aus der Gaststube in die Küche, griff in den Kühlschrank und holte besagtes Würstchen heraus, bei Warmbestellung, fluchs in eine kleine Stielkasserolle, kaltes Leitungswasser dazu, auf die kleine Flamme des Gasherdes gestellt.
Das Mettwürstchen ins kalte Wasser gegeben. Zehn Minuten köcheln lassen schon fertig.
Babette inzwischen erneut auf der Gaststube kommend, geht zum Küchenschrank entnimmt dort ein Kuchentellerchen. Es ist aus weißem Porzellan mit einem Rosenmuster um den Tellerrand. Sie entnimmt das Würstchen aus dem siedenden Wasser. Vorsicht dann mit der Gabel auf das besagte Kuchentellerchen.
Auf dem noch siedenden Wasser schwimmen kleine Fettaugen.
Der feine Duft von frisch gebrühter Wurst breitet sich aus.
Babette nimmt nun eine Tube Löwensenf extra scharf aus dem Kühlschrank.
Ein kleiner gelber Fleck davon auf das Kuchentellerchen. Ganz an den Rand desselbigen.
Nun stellt Sie alles auf die silberne Abtropffläche der Spüle, auf der auch eine dunkelblaue Spülmittelflasche Marke Pril ihren festen Platz hatte. Das Gedeck war jedoch noch nicht vollendet.
Erneut wendet sie sich ab. Gleich linker Hand befand sich ein weißes Küchenschränckchen, direkt in gleicher Höhe wie der Gasherd.
Die Türe dieses Schränkchens war in der Mitte sowie gleich oben links und rechts mit bunten Prilblumen beklebt. Sie bildeten damit ein lustiges Dreieck auf der Oberfläche des sonst weißen Türchens.
Sie öffnete diese bunt beklebte Türchen. Sogleich entströmte von dort der typische Geruch von Sauerteigbrot. So war es auch.
Ganz unten lag, mit der Schnittseite nach unten, sorgfältig lose bedeckt mit einem sauberen Küchentuch aus Baumwolle, bunt kariert, ein zur Hälfte durchgeschnittenes Bauernbrot mit glatter Krumme, die wiederum einen matten schwärzlich brauen Glanz abgab.
Babette hob den halben Laib des Bauernbrotes heraus und legte Ihn auf die Abtropffläche der Spüle.
Nun mittels eines besonderen Mechanismus, ganz trickreich klappte Sie die Brotschneidemaschine aus demselben Schränken heraus.
Und so stand Sie da, in all ihrer funktionellen Pracht.
Auf einer graumelierten Bodenplatte war das Exponat fest verschraubt.
Die Flanken, der Messerschutz in weiß, schon ein wenig bestossen von häufigen Gebrauch.
Die Kurbel, mittels der das große runde Schneidemesser in Drehung versetzt wurde,l chromfarben.
Der Griff der Kurbel ganz in schwarz, aus Bagelitt gefertigt.
Babette bückte sich ein wenig und nahm das zur Hälfte angeschnittene Bauernbrot aus dem Brotschränkchen.
Sie legte das Trockentuch, mit dem das Brot eingewickelt war zu Seite, legte den halben Laib auf die Schneideseite der Brotmaschine an der rechten Hand, drückte den Laib nun umsichtig an das runde Schneidemesser und begann, links an der Kurbel zu drehen.
Dies alles vollzog sich mit einer vollkommenen Routine, ohne Eile, ruhig, sachlich, konzentriert.
Die runde Schneide begann sich zu drehen, und glitt mühelos in die Laibhälfte hinein.
Das dabei entstandene Geräusch war ein zweifaches, gleichzeitiges.
Das Zahnrad zwischen Kurbel und Schneiderad ratterte leise, gleichförmig und zuverlässig.
Die Schneide, sobald sie ins Brot einschnitt, zischte leise, gleichzeitig aber auch ein rutschender Klang, so als ob eine leinerne Tischdecke nach Gebrauch von Wohnzimmertische gezogen würde.
Die so erzeugte Bodder (Brotscheibe) war etwa acht Millimeter dick, nierenförmig von Gestalt. Die Krume feinporig, graubraun, die Kruste eher dünn und schwärzlich braun.
Ihr Duft, säuerlich, brotig, so wie Roggenbrot eben riecht wenn es nicht mehr ganz frisch, seit zwei bis drei Tagen im Brotschränkchen liegt, um auf seinen Verzehr zu warten.
Nun nahm Sie eine bereitliegende Besteckgabel, wandte sich nach links und spieste das nun zur Vollendung gebrachte Mettwürstchen damit auf, legte es sorgsam auf das schon mit Senf versehene Kuchentellerchen.
Die gerade aufgeschnittene Scheibe Brot dazugelegt.
Das Werk war vollendet.
Gabel, Messer und eine Serviette waren zum genussvollen Verzehr in der Gaststube nicht notwendig, so verzichtete Babette auch darauf.
Im dunklen Winterhalbjahr, vor allem über die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr, war die Gaststube schon nachmittags gut gefüllt.
Handwerker, Waldarbeiter, Steinmetze, Steinbrucharbeiter, Zimmerleute Dachdecker und Maurer machten „Schlechtwetter“ und „stempelten“ (meldeten sich zeitlich befristet witterungsbedingt arbeitslos).
Den meisten Männern war diese „Zwangspause“ hochwillkommen und oft auch bitter notwendig.
Die schwere Arbeit unter freiem Himmel, die nebenher noch betriebene kleine Landwirtschaft hauptsächlich zur Selbstversorgung, forderte ihren Tribut.
Das Gelächter der Männer, die lauten Stimmen, die oft grobe zuweilen umgelenke Konversation, das Hämmern der Würfelbecher, die Ansagen beim Skat, (Kontra, Re onn noch en Buuwe droff), gedämpfte Radiomusik, immer (HR 3), die populistischen Stammtisch Parolen, der Bier und Zigarettendunst all das ist ihm in Erinnerung.
Von Spätnachmittags bis tief in die Nacht zechte rauchte man. Eine Runde nach der anderen würde „geschmissen“.
Zur Speise gab es wie bereits berichtet Mettwürstchen mit Löwensenf und einer Scheibe Roggenbrot.
Allerdings gab es, das soll dem geneigten Leser nun nicht mehr vorenthalten werden, während dieser besonderen Winterzeit eine kulinarische Besonderheit:
Der Durst immer noch nicht gestillt, bestellen viele beim Wirt wie folgt:
„Jogeb meer hoo n Honnger wie n Beer!
(Jakob ich habe großen Hunger)
Mach mer mool zwoo Öluwes“
Wilhelm schmunzelte dann wissend, verließ die Gaststube durch die Schiebetür gleich hinter dem Tresen.
Nach einer kleinen Weile kam er zurück und trug zwei sorgfältig in Butterbrotpapier eingewickelte Mettwürstchen bei sich.
Mit Bedacht, noch wenige Schritte, hob er nun das schwere Abdeckgitter des großen Ölofens an und legte die beiden verpackten Würstchen auf die gusseiserne Ofenplatte, das Abdeckgitter wieder an ihren vorherigen Platz.
Ein leises, verheißungsvolles Zischen war sogleich zu vernehmen.
Ein Weilchen später dann, das eine oder andere weitere Pils war inzwischen getrunken, öffnete sich laut vernehmlich die Eingangstüre.
Ein großer kräftiger Mann trat herein. Es war, nun nennen wir Ihn „Eduscho“ seit Jahrzehnten Stammgast bei Jakob.
Dieser Augenblick des eintretens, alle blickten zu Ihm auf, berührte Ihn sichtlich peinlich. Kaum vernehmlich murmelte er „Nabend“, sein Blick irrte hin und her, suchte einen Anhaltspunkt, fand aber keinen. Stattdessen nahm er seine jagdgrüne Schirmmütze, vom fast kahlen Kopfe und legte sie auf die Hutablage der Garderobe, die bereits übervoll war mit den Wintermännermänteln der Gäste.
Dann ging er, immer noch verlegen, schwerfällig zur Theke und wartete wortlos.
Eine Bestellung war auch nicht notwendig. Jakob kannte die Vorlieben seiner Gäste.
Er trug eine Kniebundhose aus jagdgrünem grobem Cord. Dazu einen selbstgestrickten Pullover mit Zopfmuster.
Eduscho nahm das fertig gezapfte Pils von der Theke, führte es zum Munde, trank durstig.
Nun setzte er die Pilstulpe wieder ab. Seiner Kehle entführt nun ein, kaum hörbares unterdrücktes Rülpsen.
Willi hat inzwischen das uhrenglasförmige Schnapsglas bis am den Rand gefüllt.
Wieder dieses tonlos „Zmmm Wohl“. Herr Eduscho nahm das Gläschen, gefüllt mit „Doppelwachholder“ und kippte, wo wie es sich gehört, das edle Destillat, mit einem mal in durstige Kehle, schluckte zweimal. Seine Gesichtszüge entspannten sich sogleich. Sichtliches inneres Wohlwollen zeigten sich auf seinem Antlitz.
Immer noch an der Theke stehend wendete er seinen Kopf nach rechts. Dort stand, wie gesagt der große wärmespendende Ölofen.
Seine Mimik veränderte sich plötzlich. Ein jungenhaftes, spitzbübisches lächeln eroberte seine Gesichtszüge.
Lediglich eine kleine Bewegung mit seinem stattlichen Podex nach rechts, setzt er sich geradewegs auf den warmen Rost des Ölofens, blickt nach oben und grinst.
Die Mettwürstchen zischen ein letztes mal, ein gedämpftes „Wutsch“, dann ein vernehmlicheres Bruzeln.
Augenblicklich beginnt es nach knuspriger Bratwurst zu duften.
Alles lacht. Laut, manche mit verrauchter heißerer Stimme.
Jakob, souverän wie immer:
„Der Eeluwes säi faddich. Ehr Jonge, ezz kinder ääse.“
(Die Ölofen Grillwürstchen sind zubereitet.
Guten Appetit die Herren.)
* ….Immer noch befand er sich sich direkt in Augenhöhe der schweren lerchenhölzernen Eingangstüre zu Jakobs Kneipe mit ihrem beim öffnen unverwechselbaren Geräusch.
Er wendete seinen Blick. Auf der gegenüberliegenden Seite der schmalen Dorfstraße wenige Meter bergan befand sich ein Bauernhaus, eng an die dahinterliegende Anhöhe geschmiegt. Im rechten Winkel gleich rechts daneben die Scheune. Nochmals dann erneut im rechten Winkel wieder links eine erneutes dazugehöriges Wirtschaftsgebäude, als zusätzliche Scheune mit einem Schweinestall im Parterre zu erkennen.
Für einen Bauernhof im Klippdachsland mit seinen kargen Böden und seinen kalten und langen Wintern, ein recht stattliches Gehöft.
Aber dies ist wieder eine andere Geschichte…….
„Mox continues“ (Wird fortgesetzt).
Die folgendenGeschichte widme ich meinen Papa allen bekannt als Rudi-Opa.
Er starb 8. November 2023 im Alter von neunzig Lebensjahren.
Mein Papa:
91, 5 Jahre alt
Vor 3 Wochen noch Auto gefahren.
Vor 4 Jahren noch Hecke geschnitten.
Donauschwabe aus Jugoslawien
Unverwüstlich
Immer gelassen
Immer hilfsbereit
Liberal
Guter Christ
Nerven aus Stahl
In Gegensatz zu mir
Stellmacher gelernt
Handwerklich ein Genie
Ein echter Donauschwabe halt.
Möge er in Frieden ruhen.
Wir hoffen auf ein Wiedersehen in einer besseren, einer anderen Welt.
Die nun folgenden Geschichte beschreibt ein Teil meiner Erinnerungen an meine Oma und meinen Opa.
Mein Papa hatte viel von meiner Oma und auch von Opa, wie man so schön sagt.
Vor allem deren Lebensart, sich zu freuen, zu trauern, zu feiern, zu arbeiten und auszuruhen
„Komm mein kleines Bübchen wir wollen zum Himmelvater beten.“
Das alte Ehebett mit den hohen Brüstungen vor Kopf und am Fußende. Dicke Federbetten
zusätzlich noch eine Wolldecke auf jedem Bett, darüber.
Grossmutter Christine hatte schon vor einer Stunde die Heizdecke angeschaltet.
Die Bettlaken aus Bieberbettwäsche, wollig aufgeraut, weich warm und anschmiegsam.
Ein kleiner Holzofen gleich links neben der Schlafzimmertüre brannte noch, war jedoch schon am verlöschen. Trotzdem war noch ein sanftes knistern zu vernehmen. Es roch undeutlich nach frisch verbranntem Holz und Asche.
Der große Kleiderschrank unmittelbar gegenüber des Ehebettes ragte hoch bis fast unter die Zimmerdecke.
Er zeigte ein dunkles graues braun auf seiner Oberfläche. Am oberen Ende, befand sich ein kleiner durchgehender Sims im Stile des Neobiedermeier.
Es war im Dezember, an einem Freitagnachmittag, so eine Woche vor Weihnachten. Die Winterferien hatten mit diesem Tage begonnen. Schon am Morgen hatten dicke Schneeflocken die Dächer und Felder bedeckt.
Die Dorfschlehrerin, Frau Wollmantel hatte Ihre Zöglinge mit den Worten: „Ein gesegnetes Weihnachtsfest mein Völkchen“ in die Weihnachtsferien entlassen.
Zuvor in der letzten Schulstunde war das Fach Religion, wie üblich, an der Reihe.
Alle Schüler, von der ersten bis zur dritten Schulklasse, saßen im größten Klassenraum zusammen. Sie sangen zu Beginn, das schöne Weihnachtslied, Ihr Kinderlein kommen, oh kommet doch bald…… .
Frau Wollmantel begleitete dabei mit einem schwarzlackierten Musikinstrument aus Plastik, welches ein Mittelding von Ziehharmonika, und Harmonium darstellte.
Dieses Instrument wimmerte erbärmlich, zwischendurch asthmatisch pfeifend. Die Kinder störte das nicht, hatten sie doch keine musikalischen Vergleichsmöglichkeiten. Im Gegenteil, sie sangen mit Inbrunst, gefühlvoll das kommende Weihnachtsfest freudig erwartend.
Ihre Lehrerin erzählte die biblische Weihnachtsgeschichte so, daß die Kinder sie gut verstehen konnten. Sie erzählte sehr schön mit ruhigem Ton und weicher Stimme, die schon andeutungsweise, ein sanftes Tremolo zeigte. Ein Umstand der viele weibliche Sopranstimmen betrifft, die allmählich das Klimakterium erreichen.
Als die Stelle mit der Verkündigung der Engel über die Geburt des Jesuskindes gekommen war, erreichten Ihre erzählerischen Qualitäten einen Höhepunkt.
Die Engel erschienen prachtvoller, ihr Erscheinen spektakulärer.
Auch den Stall zu Bethlehem, als Geburtsort des Jesuskindes schilderte Sie bildhaft und verständlich.
Im Zentrum Maria sitzend mit dem Kinde in der Futterkrippe, liebevoll mütterlich saß Sie dort. Ihr Blick strahlte Freude, aber auch Wehmut, Schmerz und Trauer aus. Als ob Sie schon ahnen könne, welchen Weg Ihr Sohn bis hin zum Kreuz auf Golgatha gehen würde.
Ein Zitat von Dietrich Bonhoeffer mag an diese Stelle passen, ohne den Erzählstrom wesentlich zu unterbrechen:
„Allein weil Gott ein armer, elender, unbekannter, erfolgloser Mensch wurde, und weil Gott sich von nun an allein in dieser Armut, im Kreuz, finden lassen will, darum kommen wir von dem Menschen und von der Welt nicht los, darum lieben wir die Brüder. Wer fromm ist muß auch politisch sein.“
Gleich daneben rechts, Joseph. Groß, würdig, mehr Hirte als Zimmermann, ein schwerer Umhang und der unvermeidliche Hirtenstab. Alle drei beisammen die heilige Familie.
Die Krippe umlagernd, sitzend halb liegend aufgestützt, drei Hirten. Sie blicken staunend und zugleich erfreut auf das Jesuskind.
„Sind wir es, die ärmsten der Armen, wir die wir am Rand des Gesellschaft leben wirklich die ersten, die das Wunder der Geburt Christi erleben dürfen? Sie wir es, die als Erste dabei sein dürfen, von himmlischen Heerscharen, gerufen, wenn Gott als hilfloses kleines Baby auf die Erde kommt?“
Dabei der Ochse, der Esel und 3 Schafe. Die Körper der Tiere sind hinter einer Bretterwand verborgen. Lediglich die Köpfe sind zu sehen. Ihre Köpfe sind größer als gewohnt, die Augen staunend groß, blicken sie bewundernd und fröhlich auf die Szene.
Fast wie Kinder, die Ihre Weihnachtsgeschenke erhalten haben.
Die 3 Waisen aus dem Morgenlande mit den Gaben, Gold,Weihrauch und Myrhe.
Nun, die fehlen noch. Sind vielleicht noch nicht angekommen.
Zum Ende dann noch: Oh du fröhliche oh du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit…….
Die letzte Strophe dann hymnisch, laut und voller Inbrunst gesungen: …….freue dihich freue dich oh Christenheit !!!
Die Kinder liebten Ihre Geschichten, vor allem dann wenn nach dem letzten Schultage die Ferien begannen.
Zuweilen gingen nicht nur Ihren Schülern, sondern auch Ihr selbst die Geschichten so nahe, daß Ihr die Augen feucht wurden und Sie leise zu weinen begann. Sie erzählte dann von Krieg, Not und Tod, von Flucht und Vertreibung ihrer Familie, von Ihrer Geige die auf der Flucht mitgenommen, plötzlich beim einem Zusammenstoß der Pferdewagen in tausend Teile zerschellte …… .
Ja, Sie war ein Schöngeist im besten Sinne, eine kluge musikalisch begabte empfindsame Seele, wie geschaffen bei uns Kindern die Neugier zu wecken, die Phantasie und die Kreativität.
Wir Kinder wussten das nicht, aber, sie fühlten es.
Gegen 21:00 Uhr.
Die Oma hatte Ihn schon zu Bett gebracht.
Er war ziemlich müde, fühlte sich ein wenig abgeschlagen.
Ein paar Minuten erschien Sie dann, in ihrem blassrosa Unterrock, welchen er gut kannte, diente er Ihr doch als Nachthemd.
Opa, war wie üblich noch aufgeblieben um fern zu sehen. Opa war ein leidenschaftlicher Fernsehgucker. Am liebsten: Die Tagesschau, Ein Platz für Tiere, Eiskunstlauf, Skispringen und am liebsten Spiel ohne Grenzen, aber auch Krimis: Tatort und Edgar Wallace.
Gewöhnlich schaute man gemeinsam fern. Eine Zeit für das Zubettgehen für Kinder gab es nicht.
Oft schauten Oma, Opa und Kinder bis zum Sendeschluss. Dann erklang immer die Nationalhymne, dann erschien das Testbild, danach erst ging’s zu Bett.
Seinen Eltern wurde davon nichts gesagt. Es war unser Geheimnis, welches auch nie gelüftet würde.
Oma schlug die Bettdecke zurück. Er lag schon im selben Bette, was schon, Dank einer Heizdecke, wohlig warm war.
Oma legte sich dazu, strich Ihm sanft über den Kopf.
Sie roch immer, ganz im Hintergrund, ganz zurückhaltend nach Vanille. Es war Ihr ureigenen Geruch, den er liebte.
Die Heizdecke wurde ausgeschaltet.
Oma griff nun zu einem silbrig blassvioletten Kordel welches senkrecht von der Wand hinter dem Bette baumelte und den kopfseitigen berührte. Es war an dessen Ende mit einem ebenfalls blassvioletten Bommel versehen, der an seiner Unterseite mit lustigen herabhängenden kleinen Fäden versehen war.
Dieser Kordel nun hing über dem unvermeidlichen Heilandsbild. Eine erhabene, milde, verständnisvoll und gütig blickende Jesusfigur, mit Vollbart und langem gewellten Haupthaar, den Hirtenstab in der Hand. Vor Ihm in der mondbeschienenen hügeligen Landschaft, die an den Allgäu erinnerte, seine Schafherde.
Das Kordel baumelte, zwangsläufig, keck direkt über die Nase von Jesus.
Dieser schien sich daran nicht zu stören, im Gegenteil, er nahm er hin und schien durchaus belustigt.
Oma zog an dem besagten Bommel. Ein lautes Klack erklang, da Deckenlicht verlosch sogleich.
Sie nahm seine Hand und sagte:
„Kumm kläinr Buu. Mer welle noch zum Himmelvaddr bääde.“
Nun ja, es sei nochmals erwähnt:
„Oma und Opa waren fleißig, lebten sparsam, tat Ihre Pflicht, und waren durchaus gottesfürchtig. Aber nicht auf diese ausgrenzende verhärtete, kalte Art und Weise wie sie im Klippdachsland zu beobachten war.“
Ihm tat das immer sehr gut. Es hat sein bisheriges Leben entscheidend geprägt.
Die Oma und auch der Opa haben immer noch ein festen Platz in seinem Herzen.“
Nachdem das Licht verloschen war, erzählte Oma wie so oft von der alten donauschwäbischen Heimat. Von Opas Stellmacher Werkstatt, von eigenen Weinberg, vom Maulbeerbaum am Strassenrand und dessen süßen, köstlichen Früchten. Von der schweren Arbeit im Felde auf einem fruchtbaren Boden. Von der Kukerutzernte (Maisernte) .
Bald wurden beide müde, ihre Augenlieder wurden immer schwerer und fielen schließlich zu.
Mitten in der Nacht erwachte er mit heftigen stechenden Schmerzen im rechten Ohr. Er erinnerte sich an einen Alptraum:
Ihm träumte, daß er mit hohem Fieber im Bett lag, schweißnass und mit heftigen Schmerzen an ganzen Körper. Er war nass geschwitzt, der Kopf glühte förmlich und hatte rasende Kopfschmerzen. Er litt grossen Durst, die Zunge klebte Ihm am Gaumen.
Wirre Gestalten gnomenhafte Gesichter legten sich auf seine Brust, das stmen wurde ihm immer schwerer.
Ein besonderes niederträchtiger Gnom mit bösem hinterhältigen grinsen stach ihm mit einer langen Strick-Nadel ins Ohr.
Dann schien alles zu verschwimmen, graue Schwärze verdunkelten seinen Blick. Er schien zu schweben.
Dann ganz plötzlich wandelte sich die Szenerie.
Er befand sich nun in einem großen langestreckten Raum. Die Wände, hellgrün gekachelt. Bei einigen Kachel schien die hellgrüne Glasur abgeplatzt zu sein.
Der Boden ebenfalls gekachelt. Kleine rechteckige Fliesen mir kleinen grauen und schwarzen Punkten. Der lange Raum war mit einem recht lauten ratterden Geräusch erfüllt. Nicht unangenehm, eher mechanisch gleichmäßig, verlässlich, fast beruhigend.
Es waren 2 altertümliche Kompressoren, die freistehend, surrend und nagelnd seit Jahrzehnten ihren treuen Dienst, Tag und Nacht jeden Tag des Jahres ohne zu murren, versahen.
Diese Kompressoren dienten zur Kühlung dieses riesigen Gefrierschrankes. Man nannte diese ganze Anlagen somit Gefrieranlage, welche einem einzigen Zweck diente, nämlich allen Bewohnern des Dorfes unabhängig von Stand und Bildung eine Gefriermöglichkeit, zu einer verschwindend geringen Miete zu gewährleisten.
Genau in der Mitte des Saales befand sich ein rechteckiger großer Quader, nämlich der besagte riesige Gefrierschrank.
Der hatte die gleiche Farbe als die Fliesen, nämlich hellgrün.
So um die 3 Meter breit und mindestens 10 Meter lang, genau in der Mitte des langestreckten Saales,
sodas sich links und rechts Gänge befanden, die bequem zu begehen waren.
Von rechts wurde der Saal lichtdurchflutet.
Dort befand sich eine lange Fensterfront, die, vor allem im Sommer viel Licht spendete.
Nun, der Quader hatte links und rechts, auf 3 Ebenen 10 kleine weiße Türchen, lustig anzuschauen und von cremeweisser Farbe.
Jedes Türchen hatte ein Schloss, in Chrom, ebenso possierlich anzuschauen.
Wie gesagt, immer noch fiebrig, krank und vollkommen verschwitzt schwebte er in diesen Saal.
Alles war vertraut.
Schon an der Eingangstüre sah er links in der obersten Reihe jenes Türchen auf dem sich ein rotes Schildchen klebte.
Darauf stand: Vorfroster.
Ein Stehleiterchen ganz in der Nähe, diente dazu die dritte Reihe der Fensterchen bequem zu erreichen. Er schob es zurecht. Laut schleifend, kratzend, als ob es sich nicht bewegen wolle. Durch die gekachelte Halle, vielfach im Geräusche gebrochen, hallend ergab die eine infernalische Kakophonie, die ihn in Mark und Bein erschütterte.
Der kleine Schlüssel baumelte vom verchromten Schloß des Türchens.
Er stieg eine Stufe empor drehte ohne Mühe am Schlüssel, zog nur wenig am Schloß und schon öffnete sich das weiße Türchen.
Ein eisig kalter Windhauch kam ihm sogleich entgegen, er fühlte sich augenblicklich erfrischt.
Das innere dieses Vorfrosters war ganz aus Buchenholzlatten gefertigt. Zwischen den Latten war immer genügend Platz gelassen worden.
Aus diesen Zwischenräumen wehte ein kontinuierlichen eiskalter Windhauch. Auch am Boden fanden sich jene Latten aus Holz.
Dort befanden sich einige wenige Flecken aus Blut, nein nicht eckelerregend, nicht abstoßend, sondern wie selbstverständlich dorthingehörend. Es war Schweineblut.
Er öffnete das Türchen noch ein Stück weiter, sodass mehr Tageslicht von Außen hineindran. Was er nun sah entzückte ihn so sehr, daß er beinahe das Gleichgewicht auf dem Leiterchen verlor.
Ganz hinten links, im hölzernen Gefrierfach, stand ein Glasflasche im Jugendstil. Unten etwas breiter, sich dann elegant verjüngend, um sich danach wieder zu verbreitern, so elegant und anziehend wirkte wie eine schöne Frau im knöchelangem Kleide dessen Faltenwurf, Figur und Taille vorteilhaft umspielte.
Die Flasche, an sich schon in ihrem jugendstilarigen Ausehen faszinierend und von einer nachgerade erotischen Anziehungskraft steigerte sein Verlangen zu trinken. Umso mehr als sie von der Kälte mit winzigen Wassertröpfchen beschlagen war, die sich ab und an zu größeren Wassertropfen vereinigten und langsam den Flaschenhals hinunterrannen. Mit unwiderstehlichem Durst, die Zunge am Gaumen klebend, stieg er nun vollends in das kühle Fach und sah, das jene Flasche bereits geöffnet war. Ihr runder Kronkorken lag, gleich neben ihr. Die zwei Ränder ihrer runden Gestalt waren ein wenig nach oben gebogen. Er hob die Flasche an. Wie kühl sie sich anfühlte. Er betrachtete sie nochmals und trank, gierig und voller Wonne, von dem köstlichen dunkelbraunen Naß……… .
Dann erwachte er, fühlte sogleich diesen stechenden bohrenden Schmerz im rechten Ohr, als ob ihm jemand mit einer glühenden Stricknadel in den Gehörgang stach. Vor Schmerz begann er leise zu weinen. Oma erwachte, tastete nach ihm, fand im Finstern seinen glühenden Kopf.
„Mei Buu, warum duuscht dann greine uffd Nacht?
(Mein kleiner Bub, warum weinst du denn mitten in der Nacht?)
„Ganz schlimme Ohrenschmerzen“ tat er mit weinerlicher Stimme kund.
„Duu nedd greine mei Buu, ich weck drr Oba, däär werd drr helfe kenne,“ flüsterte sie und streckte Ihren Arm zu Opa aus.
Er aber war schon wach geworden und sagte leise: „Was iss dann Christschinn? (Christine?)“ „Drr Buu hodd Ohreschmerze, kannscht helfe?“
Opa fasste Ihn bei der Hand, zog am Schlafzimmerleuchtenbommel.
Das Deckenlicht leutete auf.
Er kniff die Augen zusammen.
„Kumm mit Buulä. I will drr helfe.“
Opa zog seine Hauschuhe mir dem rechten Fuss unter dem Bettgestell hervor und schlüpfte hinein.
Er fasste ihn bei der rechten Hand, öffnete die Schlafzimmertüre. Sie schlurften durch den dunklen kalten Flur, dann gleich links durch die Türe in die Küche.
Opa schaltete auch hier das Licht an. Hell und ohne Erbarmen durchflutete es die Küche.
„Setz di mei Gulbass.“(liebevolle Umschreibung für einen schalkhaften kleinen Buben)
„I kann dr helfe.“
Opa schlurfte ins gegenüberliegende Wohnzimmer und öffnete die linke Schranktüre. Er kam wieder zurück und hatte ein kleines Schnapsglas in der Hand welches er bedächtig auf den Küchentisch stellte.
„Woort noch e bische. I geh gschwind in die Speis (Speisekammer) und hol was. Des helft mei Buuleh.“ (ebenfalls eine liebevolle Umschreibung für einen kleinen Buben) Opa verlies die Küche gleich links in Richtung Schlafzimmer, dann wieder links in die Speisekammer.
Er hörte ein zurechtrückendes leises Gläserklingen.
Als Grossvater zurückkam hatte er eine Ölflasche in der Hand, die er ebenso bedächtig auf den Küchentisch neben des Schnapsglässchen stellte.
Dann öffnete er die Ölflasche ing goss einen winzigen Schluck Öl in des bereitstehende Gläschen. Er so auf dem Küchenstuhl, am Tisch, gleich unter der Küchenleuchte, nur bekleidet mit seinem Schlafanzug. Er begann zu frösteln, ja sich ein wenig zu fürchten. Was mochte nun mit Ihm geschehen?
Grossvater trat zu Ihm hin, strich Ihm über den Kopf, beugte selbigen ein wenig auf die linke Körperseite des Knaben.
Er nahm das Schnapsglässchen und goss einen kleinen Tropfen des Öles in sein rechtes schmerzendes Ohr und sagte:
Wir Buchenwalder Antifaschisten sind heute angetreten zu Ehren der in Buchenwald und seinen Außenkommandos von der Nazi-Bestie und ihren Helfershelfern ermordeten 51 000 Gefangenen!
51 000 erschossen, gehenkt, zertrampelt, erschlagen, erstickt, ersäuft, verhungert, vergiftet, abgespritzt.
51 000 Väter-Brüder-Söhne starben einen qualvollen Tod, weil sie Kämpfer gegen das faschistische Mordregime waren.
51 000 Mütter und Frauen und Hunderttausende Kinder klagen an!
Wir lebend Gebliebenen, wir Zeugen der nazistischen Bestialität, sahen in ohnmächtiger Wut unsere Kameraden fallen.
Wenn uns eins am Leben hielt, dann war es der Gedanke: Es kommt der Tag der Rache!
Heute sind wir frei!
Wir danken den verbündeten Armeen der Amerikaner, Engländer, Sowjets und allen Freiheitsarmeen, die uns und der gesamten Welt den Frieden und das Leben erkämpfen.
Wir gedenken an dieser Stelle des großen Freundes der Antifaschisten aller Länder, eines Organisatoren und Initiatoren des Kampfes um eine neue, demokratische, friedliche Welt, F. D. Roosevelt. Ehre seinem Andenken!
Wir Buchenwalder, Russen, Franzosen, Polen, Tschechen, Slowaken und Deutsche, Spanier, Italiener und Österreicher, Belgier und Holländer, Engländer, Luxemburger, Rumänen, Jugoslawen und Ungarn, kämpften gemeinsam gegen die SS, gegen die nazistischen Verbrecher, für unsere eigene Befreiung.
Uns beseelte eine Idee: Unsere Sache ist gerecht – Der Sieg muß unser sein!
Wir führten in vielen Sprachen den gleichen harten, erbarmungslosen, opferreichen Kampf, und dieser Kampf ist noch nicht zu Ende. Noch wehen Hitlerfahnen! Noch leben die Mörder unserer Kameraden! Noch laufen unsere sadistischen Peiniger frei herum!
Wir schwören deshalb vor aller Welt auf diesem Appellplatz, an dieser Stätte des faschistischen Grauens:
Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht!
Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.
Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig. Zum Zeichen Eurer Bereitschaft für diesen Kampf erhebt die Hand zum Schwur und sprecht mir nach:
,WIR SCHWÖREN! ,
Er war steht’s in tadelloser gekleidet. Schlank, recht groß von Statur, graues Haupthaar, markantes Gesicht, betonte Kinnpartie. R.i.P Eine attraktiver Mann im besten Alter. Steht’s moderne Krawatte, weißes Hemd sehr gut sitzendes Jackett meistens in hellen Grautönen, Die Hose dazu passend, elegant eng geschnitten in der Regel ein wenig heller als das Jackett. Der Gürtel zur Hose immer elegant, echtes Leder niemals auffällig. In seiner ganzen Erscheinung elegant, seriös aber nie konservativ. Alles in allem eine sympathische Erscheinung.
Vor allem die Frauen konnte er bezaubern. Es wurde berichtet, das weibliche Mitarbeiterinnen, verließen Sie besprechungshalben sein Büro immer ganz glücklich und leuchtenden Augen die Stufen herunterschwebten. Dies soll keinesfalls despektierlich gemeint sein. Er wirkte auf seine Weise, nun man kann sagen in einem gewissen Sinne charismatisch.
Ein Machtmensch, nein das war er nicht. Vielmehr liebte er die öffentlichen Auftritte um zu gefallen, um sein Ego zu streicheln. Dann glänzte er, redete verständlich benutzte keine Fremdwörter, steht’s souverän und elegant im Auftreten. Er liebte es die Zustimmung zu fühlen, steigerte seine Freundlichkeit noch und kam um so besser an. Er umgarnte seine Zuhörerschaft die Ihn dafür bewunderten. Seine innere Anspannung verbarg er. Nur gelegentlich auftretende Schweißflecken unter den Achseln zeugten davon. Aus diesem Grunde vermied er steht’s sich bei solche Auftritten seines Jacketts zu entledigen.
Auf Kritik hingegen reagierte er äußerst dünnhäutig. Er verlor sehr schnell seine Kontenence, es bröckelte merklich, von smartem souveränem Auftreten blieb nichts. Er wurde laut, verletzend, persönlich, drohte.
Wagt man, nach Fritz Riemann eine Einordnung seiner Persönlichkeit wäre folgendes zu konstatieren:
„Hysterische Persönlichkeiten Sie erfreuen sich, wie Riemann es nannte, an dem „Zauber des Neuen“, suchen das Risiko, streben nach Freiheit und Veränderung und haben besondere Freude daran, Unbekanntes zu entdecken. Wird dieses Streben überwertig, stellen sich Angst vor Endgültigkeit und Unausweichlichkeit, vor Notwendigkeiten und Begrenztheit ein. Charakteristisch für diese Persönlichkeiten ist ein „kurzer Spannungsbogen“.Jeder Impuls, jeder Wunsch muss möglichst sofort befriedigt werden, weil Warten unerträglich ist. Darin liegt ihre große Verführbarkeit – sie können Versuchungen schwer widerstehen. Mit einer „erstaunliche[n] Naivität“ würden diese Menschen an Patentlösungen und gern auch Wunder glauben, weil sie helfen, einer Wirklichkeit zu entkommen, die Grenzen setzt und die Freiheit einschränken kann. Über die Konsequenzen eigenen Tuns mögen sie sich keine Klarheit verschaffen und neigen dazu, sich ihnen ideenreich zu entziehen. Pünktlichkeit und planvolles Handeln halten sie für kleinlich, Verantwortungsübernahme für verzichtbar und den unverkennbar die eigene Endlichkeit anzeigenden Alterungsprozess versuchen sie durch jugendtümliches Verhalten und entsprechende Kleidung zu verleugnen. In ihrer Angst versuchen diese Menschen möglichst alles in der Schwebe zu halten und für relativ zu erklären. Und weil sie dem Augenblick den Vorzug vor Kontinuität geben, spielen sie Rollen und laufen Gefahr, eines Tages nicht mehr zu wissen, „wer sie selbst sind“.
In der Liebe seien hysterische Persönlichkeiten nach Riemann leidenschaftlich und fordernd, stets auf grenzüberschreitende Erfahrungen bedacht, aber wenn sie allein sind, langweilen sie sich schnell. Als Partner sind sie phantasievoll und verspielt, doch selten treu. In ihren Beziehungen könne der hysterische Mensch sein Gegenüber nicht als eigenständig anerkennen, sondern versteht ihn als „Spiegel, in dem er sich als liebenswert gespiegelt sehen will“. Es finde sich eine Neigung zur narzißtischen Partnerwahl, weil im Partner gesucht wird, was im Selbst nach Bestätigung verlangt.
Aggression stehe bei hysterischen Persönlichkeiten im „Dienst des Geltungsstrebens“. Diese Menschen rivalisieren und konkurrieren gern. Sie wollen andere Menschen beeindrucken und übertreiben dabei nicht selten. Weil Selbstkritik und Selbstkontrolle nicht zu ihren Stärken gehören, sind sie auch in ihrem aggressiven Verhalten recht impulsiv und ungesteuert. In Auseinandersetzungen überrumpeln sie gern und würden, so Riemann, nach dem Motto Angriff ist die beste Verteidigung handeln. Wegen ihres leicht störbaren Selbstwertgefühls sind sie schnell kränkbar und reagieren auf subjektiv erlebte Kränkungen recht heftig, auch mit Vorwürfen, die mit der Sache nichts zu tun haben.“ Quelle: Fritz Riemann Grundformen der Angst 1974
An einem kalten Novembernachmittag. Es ist zugig und nasskalt in den Straßen der Stadt. Ein kalter Wind weht von Nordost die städtische Durchgangsstraße entlang. Er treibt nasse Schneeflocken vor sich her. Der vor Tagen schon gefallene Schnee liegt schwer und schmutzig zusammengeschoben am Strassenrand und auf den Gehsteigen. Eine Autoschlange bewegt sich träge die Strasse entlang. Ein Lindwurm bunt in allen Farben zwischen gelb und rot flackernd. Im festen Rythmus stoppt er zuweilen an Ampelanlagen um sich dann wieder ebenso träge in Bewegung zu setzen. Abgasschwaden wabern aus den Auspuffanlagen von Autos und Bussen. Es riecht nach unverbranntem Diesel, Teer, und zuweilen wiederlich nach Ammoniak der den Kanaldeckeln entsteigt. Es ist dieser typische Stadtgeruch der in den Wintermonaten vielen Innenstädten eigen ist.
Nun, dunkles Sakko, hellere Beinkleider, weißes Hemd, Krawatte passend, ein hellbrauner dezent gemusterter Schal, modisch drapiert um den Hals. Wie immer perfekt gekleidet, erscheint er. Er hatte das gegenüber liegende Parkhaus benutzt um seinen Dienstwagen zu parken. Links bei Ihm eingehängt, eine junge Frau sehr attraktiv, brünett mit einem modischen Mäntelchen gekleidet, ein dezenter Pelzbesatz umrahmten die Kapuze, die Sie keck zur Hälfte über Ihren hübschen Kopf gezogen hatte. Das Pärchen unterhielt sich angeregt, zuweilen blickten Sie sich an und lächelten.
Über die Brücke hinweg, links ein Kinogebäude, ganz in Glas, in postmoderner Grossstadt Architektur gestaltet. Es war diese Form der Architektur, die sich immer mehr breitmachte um auch in der Provinz einen großstädtischen Flair zu suggerieren. Ein Architektur bei der die Wirkung auf den Hinschauenden im Vordergrund stehen soll. Also nicht: Form follows function, sondern im Gegenteil, Function follows Form. Eine Architektur die auf Wirkung auf den Menschen ausgelegt ist. Ob sich Menschen in so einem Gebäude wohlfühlen ist zweitrangig.
Rechts gleich daneben ein Dönerladen der eher gehobenen Klasse. Nun nur noch behende über die vielbefahrene Durchgangsstraße.
„Hallo Wilfried, das ist also unser neues „Frontoffice“. Passt wunderbar. Schön groß. Ebenerdig viel Laufkundschaft. Muss innen noch was umgebaut werden, mach am Sonntag Mal einen Plan.“
Grundsätzlich pflegte er Mitarbeiter mit dem Vornamen anzureden. Namensverwechslungen kamen dann häufig vor, so auch in diesem Falle. Sein Blick dabei ununterbrochen auf das ebenerdige großzügige Ladenlokal.
„Was ist denn mit dem „Backoffice“? Backoffice ist wichtig sehr wichtig. Verwaltung und Kunden müssen getrennt sein, immer. Und hier:“ Er wieß dabei auf die Ladenfront.
„Koperateidenidie“ noch wichtiger. Wo wir drauf sind, da müssen wir auch drin sein.
Ganz wichtig, ist früher immer vernachlässigt worden, ich hab da schon was, vorigen Sonntag ausgedacht, ist schon beim Grafiker, der muss nicht mehr viel dran machen.“ Wilfried nickte, seine charmante Assistentin lächelte.
„Los geht’s, wo ist das Backoffice und der Ladenbesitzer wo ist er? Der Herr D. Ist im dritten Stock, er wartet dort auf uns. „Also auf geht’s!“
Wilfried öffnete gleich links neben der Ladenfront eine Glastür. Bitteschön“ Sie betraten ein geräumiges Treppenhaus, erbaut im Stil der 70er Jahre, mit den unvermeidlichen Treppenstufen aus geschliffenem Terazzostein. Die Atmosphäre dort wirkte muffig, spießig, gewöhnlich, was auch mit die Glasbausteinen zu tun hatte, die ebenfalls verbaut waren und nur ein diffuses, dämmriges Licht hineinließen. Wieder rechts zum Aufzug. Die Türe öffnete und schloss sich mit jenem üblichen schleifenden Geräusch. Alle hinein, es wurde eng. Sofort breitete sich der Duft seines teuren Rasiewassers aus, unterlegt mit dem Parfüm seiner Assistentin, das eher grasig mit einem Hauch von Moschus angenehm wahrgenommen werden könnte Beide Düfte zusammen ergaben jedoch irgendwie eine Mischung von Geruch erzeugte der irgendwie halbseiden daherkam. Sowas von, mehr scheinen als sein. Wilfried blickte zu Boden, seine Assistentin lächelte.
Lassen wir Fritz Riemann nocheinmal zu Worte kommen:
Für die Entstehungsgeschichte hysterischer Persönlichkeitsmerkmale warf Riemann, wie auch für die anderen Persönlichkeitsstrukturen zunächst einen Blick auf Faktoren, die als anlagebedingt angenommen werden können. Er ging davon aus, eine verstärkte emotionale Ansprechbarkeit und ein erhöhtes Geltungsbedürfnis könnten ebenso angeboren sein wie ein besonders ausgeprägter Wunsch, sich mitzuteilen. Auch könnten Eigenschaften beteiligt sein, die in der Regel auf Sympathie stoßen. Ansonsten wird auf Erkenntnisse der Psychoanalyse verwiesen, nach denen insbesondere die Zeit zwischen etwa dem vierten und sechsten Lebensjahr und die währenddessen gesammelten Erfahrungen Einfluss auf den Umfang hysterischer Strukturelemente in der Persönlichkeit nehmen. Mehr als in den davor liegenden Zeiten der Entwicklung spielen hier Vorbilder aus der Welt der Erwachsenen eine zentrale Rolle. Die Frage, wie sie mit den Eigenarten des Kindes und seinem Stolz, aber auch der inzwischen gereiften kindlichen Kritik umgehen, beeinflusst die Möglichkeiten des Kindes, sie als Vorbilder anzunehmen und von ihnen zu lernen, oder sie zurückzuweisen. In dem Maß, in dem das Kind in dieser Zeit, in der „das Bedürfnis nach Führung und Vorbildern am stärksten ist“, mit diesen Wünschen im Stich gelassen wird, entwickelt sich eine mehr oder minder stark ausgeprägte hysterische Persönlichkeitsstruktur oder es wird gar die Grundlage für eine spätere hysterische Erkrankung geschaffen. Eines der Risiken dieser Menschen besteht darin, sich einerseits aus der Identifikation mit ihren Vorbildern oder andererseits aus der Rebellion gegen sie nicht lösen zu können und darin gleichsam stecken zu bleiben. Das hindert sie an der Entwicklung einer eigenständigen, unabhängigen Identität, ggf. auch ihrer Geschlechtsrolle. Quelle: Fritz Riemann Grundformen der Angst 1975 – Wikipedia
Die Aufzugtüre öffnete sich. Im Treppenhaus, wartete bereits der Eigentümer. „Darf ich vorstellen, das ist………. .“ bemerkte Willfried sehr verhalten, kam damit aber nicht weiter.
„Da ist ja der Chef, hab’s mir schon gedacht. Gestatten Waghals mein Name. Hans Adolf Waghals, der Hauptgeschäftsführer von dem Ganzen hier.“
„Herzliche Willkommen Herr Waghals…… . Ich bin der Eigentümer dieser Immobilie hier…… .
„O danke. Hab ich gleich gesehen, daß Sie der Chef sind. Die Immobilie passt genau zu uns. Muss noch einiges geändert werden. Kein Problem für uns. Telefoniere gleich mit unserem Fäksiliti Manager. Der hat seine Leute für sowas. Ach ja die Miete. Darüber müssen wir noch verhandeln.“
Ein Stück vom Aufzug noch bis zu einer verschlossenen Türen. „Ach hier die Türe, breit genug. Passt ein Rollstuhl durch. Barrierefrei. Das ist wichtig. Herr Schnäpflein (diesmal den Nachnamen verdreht) gleich aufschreiben.“
Unter der zuvor verschlossenen Türen erstreckte sich ein großer Raum, annähernd 100 Quadratmeter groß. „Oh super genau die richtige Größe für uns Backoffice. Ich sage Ihnen: Wer heute nicht expandiert hat schon verloren.“ Dabei blickte er aus dem großen Fenster auf ein vorgelagertes Flachdach. Es war mit reichlich nassem Schnee bedeckt. Der Vermieter, froh auch etwas beitragen zu können, verwies auf die gestiegene Dachlast bei solchen winterlichen Witterungsverhältnissen. Ah ja das kenne ich. Wir haben NRW weit viele Häuser, auch solche mit Flachdach. Da muss man handeln. Nasser Schnee ist schwer. Herr Schnäpflein schauen Sie gleich mal auf dem Computer nach. Bei Google oder so: WIEVIEL WIEGT EIN KILO SCHNEE…….. ?“
Wieviel wiegt ein Kilo Schnee
Anmerkungen zum Text:
Es handelt sich hierbei um eine metaphorische Erzählung. Das Adjektiv metaphorisch bedeutet, dass eine Formulierung in übertragener Bedeutung und somit bildlich verwendet wird und dass etwas Metaphern gebraucht, wie etwa ein Text oder eine Rede und demnach vom Einsatz der Stilfigur geprägt ist. Dies kann als metaphorischer Stil bezeichnet werden.
Die beschriebenen Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Personen wären rein zufällig.