Was hat Inklusion mit Rilke zu tun?

Rilke und das Thema Inklusion? Wie weit ist das denn hergeholt? Idealistische Spinnerei? Bildungsbürgerliche Gedankenverrenkung von spinnerten Erziehungswissenschaftlern, Sonderpädagogen und Sozialarbeitern? Braucht die „Behindertenhilfe ein neues Narrativ?

Neugierig geworden? Lesen Sie bitte meinen nachfolgenden Blogbeitrag:

1. Die Teilhabe an allen Bereichen unserer Gesellschaft ein wesentlicher Ausdruck von Inklusion.
2. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. So steht es in Artikel 3 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Gleichbehandlung und die Förderung von Chancengleichheit als eine Voraussetzung für Selbstbestimmung und Teilhabe behinderter und von Behinderung bedrohter Menschen stehen deshalb im Zentrum der Behindertenpolitik der Bundesregierung.

3. Die Vorschrift bindet als individuelles Grundrecht Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung unmittelbar, nicht nur auf Bundesebene, sondern auch in Ländern und Gemeinden sowie sonstigen Institutionen und Organisationen der „öffentlichen Gewalt“. Auf Rechtsbeziehungen zwischen Privaten wirkt das Benachteiligungsverbot mittelbar, indem es bei der Auslegung und Anwendung bürgerlichen Rechts berücksichtigt werden muss.

3. Mit dem Neunten Buch Sozialgesetzbuch (SGBIX, 2001) und dem Behindertengleichstellungsgesetz (BGG, 2002) wurden grundlegende gesetzliche Voraussetzungen zur Umsetzung des Benachteiligungsverbots des Grundgesetzes und für eine verbesserte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen geschaffen. Im SGB IX wurde das zersplitterte Recht zur Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen sowie das Schwerbehindertenrecht zusammengefasst und weiterentwickelt. Dabei trägt das SGB IX dem Grundsatz des selbstbestimmten Lebens und der Eigenverantwortlichkeit behinderter Menschen Rechnung und löste das bisher an Fürsorge und Versorgung behinderter Menschen orientierte Prinzip ab. Mit dem Behindertengleichstellungsgesetz wird das Gleichbehandlungsgebot des Grundgesetzes umgesetzt: Das BGG regelt Barrierefreiheit in einem umfassenden Sinn und erkennt die Deutsche Gebärdensprache, die lautsprachbegleitenden Gebärden an sowie das Recht, diese und andere geeignete Kommunikationsformen zu verwenden.

4. Der Paradigmenwechsel, der in der Behindertenpolitik in Deutschland insbesondere mit dem SGB IX und dem BGG eingeleitet wurde, wurde mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) fortgesetzt. Das SGB IX bietet bereits einen weitgehenden Schutz für schwerbehinderte Menschen im Arbeitsleben, das AGG weitet diesen Schutz jetzt auf alle Menschen mit Behinderung aus. Er erstreckt sich auf alle Bereiche des Arbeitslebens. Dieser Schutz reicht von der Bewerberauswahl über den Zugang zu beruflichen Bildungschancen bis hin zu Beförderungen. Im Alltagsleben wirkt das Gesetz Diskriminierungen bei so genannten Massengeschäften – z.B. bei Kaufverträgen, Hotelbuchungen und Ähnlichem – entgegen und verbietet Benachteiligungen auch bei privaten Versicherungen.

5. Die nationale Politik der Bundesregierung findet mit dem VN-Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderung seine Entsprechung auf internationaler Ebene. Deutschland hat das VN-Übereinkommen und das Zusatzprotokoll als einer der ersten Staaten am 30. März 2007 unterzeichnet und, nachdem die gesetzlichen Voraussetzungen mit dem Ratifizierungsgesetz am 1. Januar 2009 geschaffen wurden, am 24. Februar 2009 mit Hinterlegung der Ratifikationsurkunde in New York ratifiziert. Seit dem 26. März 2009 sind VN-Übereinkommen und Zusatzprotokoll für Deutschland verbindlich. Das Übereinkommen als erstes universelles Rechtsinstrument, ist auf die Lebenssituation von weltweit über 600 Millionen behinderten Bürgerinnen und Bürgern zugeschnitten, es definiert soziale Standards, an denen die Vertragsstaaten ihr politisches Handeln zukünftig messen lassen müssen. Ein gesellschaftlicher Wandel ist damit vorgezeichnet. Dieser Wandel ist von klaren Zielen bestimmt: Dabei geht es um Teilhabe, Selbstbestimmung und uneingeschränkte Gleichstellung. Es geht um das Ziel, alle Bürgerinnen und Bürger zu befähigen, ihr Leben selbstbestimmt nach den eigenen Vorstellungen und Wünschen führen zu können. Und es geht um Politik, die die berechtigten Ansprüche und die Rechte der behinderten Bürgerinnen und Bürger in den Mittelpunkt stellt.

6. Das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen konkretisiert die allgemeinen Menschenrechte aus der Perspektive der Menschen mit Behinderungen und vor dem Hintergrund ihrer spezifischen Lebenslagen, die im Menschenrechtsschutz systematische Beachtung finden müssen. Damit stellt das Übereinkommen einen wichtigen Schritt zur Stärkung der Rechte behinderter Menschen weltweit dar. Es würdigt Behinderung als Teil der Vielfalt menschlichen Lebens und überwindet damit das noch in vielen Ländern nicht mehr zeitgemäße Prinzip der Fürsorge. Das Übereinkommen und sein Fakultativprotokoll sind für Deutschland seit 26. März 2009 verbindlich.

7. Zur konkreten Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention hat die Bundesregierung einen Nationalen Aktionsplan erarbeitet, der die Ziele und Maßnahmen der Bundesregierung in einer Gesamtstrategie für die nächsten zehn Jahre zusammenfasst. Ziel ist es, Menschen mit Behinderungen eine gleichberechtigte Teilhabe am politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben zu ermöglichen, Chancengleichheit in der Bildung und in der Arbeitswelt herzustellen und allen Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit auf einen selbstbestimmten Platz in einer barrierefreien Gesellschaft zu geben. Bei der Ausarbeitung des Nationalen Aktionsplans hat die Bundesregierung großen Wert darauf gelegt, die Zivilgesellschaft – insbesondere behinderte Bürgerinnen und Bürger – einzubeziehen und ihre Visionen, Ideen und Vorschläge für Maßnahmen aufzugreifen.

8. Quo vadis Inklusion?

8.1 Braucht die „Behindertenhilfe“ ein neues Narrativ?

„Menschen lieben Geschichten – Wir hören sie an, erzählen sie selbst und erfahren dabei viel über uns, andere und die Welt, in der wir leben.

Methoden, in denen Geschichten im Mittelpunkt stehen, bieten auch für die politische Bildung und das Thema nachhaltige Entwicklung ein großes Potential.
Das Erzählen von Geschichten ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft.

Im Gegensatz zu analytisch-wissenschaftlichem Denken, das auf klar abgegrenzten Fakten beruht und zu eindeutigen Feststellungen führt, geht es beim narrativen Denken um den größeren Zusammenhang – um Kontext, Relevanz und Sinn. Beide Denkweisen bieten einen jeweils spezifischen Zugang zur Welt.

Es ist ein Wesensmerkmal unserer Kultur, dass wir dem analytisch-wissenschaftlichen Denken eine große Bedeutung zumessen.

Denn es hilft uns, die Dinge berechenbar zu machen, sie in den Griff zu bekommen. Das geht im Extrem so weit, dass nur wissenschaftlich-exaktes Wissen als wahr angesehen wird. Damit sind wir weit gekommen. Auf der anderen Seite erleben wir gerade die diffusen und vielschichtigen Angelegenheiten in unserem Leben (wie zum Beispiel die Liebe) als durchaus wahrhaftig – auch wenn sie hochgradig subjektive Erfahrungen darstellen und nicht exakt vermessbar sind. Angesichts der komplexen Struktur unserer Wirklichkeit lässt sich Exaktheit dementsprechend nur durch die Isolation des herausgegriffenen Sachverhalts erreichen. Mit dem fortschreitenden Herauslösen aus dem Kontext verringert sich aber auch der Relevanzgehalt, weil größere Beziehungs- und Bedeutungszusammenhänge verloren gehen. Um Sinn zu schaffen, brauchen wir den ’narrativen Modus‘.“

8.2  Die Lebenshilfe Möglichkeitsdenker: Ein nachahmenswertes Beispiel narrativen nachhaltigen öffentlichen Handelns – Menschen mit Lernschwierigkeiten sind den Weg des öffentlichen Gesprächs, des konstruktiven Diskurses, gegangen.

Die Möglichkeitsdenker,  bei der Lebenshilfe Lüdenscheid, sind bereits in konkreter Planung, und suchen den Weg des öffentlichen Diskurses, vor allem bei wichtigen sozialpolitischen und ethischen Themenbereichen.

Eines der drängensten Themen unserer Zeit, den konstruktiven Dialog zwischen Judentum, Christentum, Islam und Humanismus, sind im Jahre 2015 bei insgesamt 5 öffentlichen Veranstaltungen diskutiert worden.

Das Narrativ, die Geschichte dazu, war die Bearbeitung und öffentliche szenische Aufführung der Ringparabel in leichter Sprache aus dem Theaterstück Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessing

Die Möglichkeitsdenker entwickelten sich aus verschiedenen Projekten zum freiwilligen bürgerschaftlichen von Menschen mit Lernschwierigkeiten in ihrer Region, begonnen im Jahre 2006.

Dort vollzog sich auch innerhalb des praktischen sozialpädagogischen Handlungsfeldes eine eindeutige Hinwendung zur Gemeinwesenarbeit.

Gleich zu Anfang entwickelte sich ein alle zukünftigen Bemühungen zusammenfassendes Narrativ.

Es war ein Gedicht von Rainer Maria Rilke einer der bekanntesten Lyriker der Romantik nämlich: „Werkleute sind wir…“
Es handelt sich dabei, das sei an dieser Stelle erwähnt auch um eines meiner Lieblingsgedichte.

Dass ein solches Gedicht, aus der bildungsbürgerlichen Hochkultur des ausgehenden 19. Jahrhunderts, zum vielfältig zitierten Narrativ wurde und all unsere Bemühungen und Entwicklungsschritte begleitete freut mich ganz besonders.

Wiederlegt es doch glänzend die oft geäußerte und ausgrenzende Auffassung, das solche lyrisch anspruchsvolle Texte diesem Personenkreis per se nicht zugänglich seien.

Auch aus diesem Grunde sei es auch an dieser Stelle wieder einmal zitiert:

„Werkleute sind wir………..*

Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister, und bauen dich, du hohes Mittelschiff.
Und manchmal kommt ein ernster Hergereister, geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister und zeigt uns zitternd einen neuen Griff. 

Wir steigen in die wiegenden Gerüste, in unsern Händen hängt der Hammer schwer, bis eine Stunde uns die Stirnen küsste, die strahlend und als ob sie Alles wüsste von dir kommt, wie der Wind vom Meer. 

Dann ist ein Hallen von dem vielen Hämmern und durch die Berge geht es Stoß um Stoß.
Erst wenn es dunkelt lassen wir dich los:
Und deine kommenden Konturen dämmern. 

Gott, du bist groß. „

*Rainer Maria Rilke, 26.9.1899, Berlin-Schmargendorf

Rainer Maria Rilke

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In großer Sorge um die Lebenshilfe NRW

In großer Sorge:

https://www.broeltal.de/nachrichten/artikel/haus-broeltal-vor-dem-aus-lebenshilfe-meldet-insolvenz-an.html?utm_source=dlvr.it&utm_medium=twitter [19.7., 18:57]

Zu dieser beunruhigenden Pressemeldung ist mir vor Tagen folgendes eingefallen:

Ich beschäftige mich zur Zeit mit dem Thema Inklusion in einer etwas anderer Weise als gewohnt.

Sozial- philosophischen Fragestellungen interessieren mich dabei besonders.
Um nicht nur auf meine eigenes Nachdenken angewiesen zu sein, habe ich an der Uni in Marburg ein sog. Studium Universale im Rentner Modus begonnen.

Meine weiterhin guten Kontakte zu Fachleuten an der Uni Siegen sind mir dabei ebenfalls wichtig.

Konkret würde gerne folgende Fragestellung diskutieren:

Ist es nicht eine verbandspolitische, strategische und auch weitreichend sozialpolitische Fehlentscheidung der Lebenshilfe NRW gewesen, sich so stark, und auch NRW weit, im operativen Bereich zu betätigen?

Je länger ich darüber nachdenke um so mehr entdecke ich hierin einen Grundwiederspruch der operativen Arbeit der Lebenshilfe NRW der letzten 20 Jahre, der sich kaum auflösen lässt.

Die Lebenshilfe hat sich, als Vereinigung für die Belange von Menschen mit Lernschwierigkeiten der Zielvorgabe #Inklusion in besonderer Weise verpflichtet.

Diese Aufgabe will sie gemeinsam mit den Menschen mit Lernschwierigkeiten erfüllen.

Dafür gibt es konkrete hoffnungsvolle Ansätze.

Ich erinnere beispielsweise an die vielfältigen Aktivitäten der Lebenshilfe Möglichkeitsdenker die seit dem Jahre 2011 einen breiten praktikablen Weg in Richtung Inklusion aufzeigen.

Die Möglichkeitsdenker sind unter anderem auch im Kontext der Erwachsenenbildungsarbeit der Lebenshilfe Bildung NRW konzipiert und auf Praxisrelevanz hin erprobt worden.

Gerade diese Arbeit darf keinesfalls durch den Konkurs der Lebenshilfe Bildung gefährdet werden.

Die Arbeit der Lebenshilfe muss von öffentlichem Interesse sein.

Würde Sie sich doch ansonsten vollkommen von einem bürgerrechtlich emanzipatorischen Ansatz ihrer Arbeit verabschieden?

Dezidierte Kommentare und Meinungsäußerungen hierzu, würden mich sehr interessieren und hier auch einer interessierten Öffentlichkeit vorgestellt

Mit dieser Vorgehensweise will ich den heutigen Akteuren der Lebenshilfe NRW auf keinen Fall zu nahe treten.

Meine aber, das vor allem die Geschäftsführung der Lebenshilfe NRW sich einem Diskurs über diese Fragestellung stellen muss.

Jetzt ist es „amtlich“:

Haus Bröltal wird zum 01.09.2017 geschlossen. Die MitarbeiterInnen sind entlassen worden.

Ein schwerer Schlag für die Bestrebungen der Lebenshilfe NRW in Richtung #Inklusion. Sehr schade und nur schwer wieder gut zu machen.

01.09.2018 Armin Herzberger

Die existenzielle Krise der Lebenshilfe NRW. Lösungsmöglichkeiten

Im Nachgang zu der Reise von ehrenamtlichen und hauptamtlichen Aktivisten zur  Lebenshilfe Graz, paar Gedanken:

Die Lebenshilfe Graz, dass haben wir gesehen, ist schon vielerorts, fest in den jeweiligen Quartieren, mit fest eingerichteten, robusten Projekten, verortet. 

Das quartiersbezogene Gemeinwesenarbeit im wesentlichen die traditionelle fürsorge- und defizitorientierte Behindertenarbeit abgelöst hat, wurde sehr deutlich. 

Graz ist eine Grossstadt, und bietet dafür eine Menge Möglichkeiten. Die Frage ist nun: 

Lässt sich ein solcher Ansatz auch in Lüdenscheid realisieren? Ich denke ja: 

Lüdenscheid hat einen hohen Anteil von Bürgern mit Migrationshintergrund. 

M.E. damit eine ideale Grundlage für quartiersbezogene Gemeinwesenarbeit. 

Daß solche zukünftigen Arbeitsgebiete auch betriebswirtschaftlich erfolgreich geführt werden können steht außer Frage. Dafür ist der Vorstandsvorsitzende der Lebenshilfe Lüdenscheid Garant. 

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass solche Projekte ein für jeden verständliches konkretes Narrativ dringend benötigen. 

Einen sinnstiftenden Zusammenhang, eine konkrete Aufgabe, die jeder Bürger sofort, verstehen kan, sofort mitarbeiten und sofort mitgestalten kann. 

Ich schlage daher vor umgehend mit den Vorbereitungen für das Projekt: 

Lüdenscheider Tisch – Tafel zu beginnen. Am besten gemeinsam mit anderen Initiativen, die im Gemeinwesen bereits verortet sind. 

Hier könnten gleichzeitig mehrere, gesellschaftlich dringend notwendige Aufgaben angegangen werden: 

Konkrete Unterstützung von Menschen in präkären Lebenssituationen. 

Unkomplizierte Begegnung und Zusammenarbeit von Bürgern mit verschiedenen kulturellen Hintergründen.

Ganz praktische Resourcen Schonung vor dem Hintergrund von Achtsamkeit gegenüber unseren ökologischen Lebensgrundlagen.

Unmittelbare praktische Mitarbeit an kommunalpolitsch relevanten Themen.

Dies scheint mir besonders notwendig vor dem Hintergrund von rechtspopulistischen Tendenzen zu sein, die nicht nur kommunalpolitsch sondern auch Deuschland- und Europaweit Einzug halten.

Wir würden dabei durchgängig inklusiv handeln und als Solches auch wahrgenommen werden.

N.n.

Insgesamt sollten wir Abschied von einem altväterlich paternalistischen Ansatz unserer Arbeit. Abschied nehmen ist er doch längst nicht mehr zeitgemäß.

In Graz haben wir dafür viele Beispiele sehen können.

M. E. hat die inhaltliche Krise der Lebenshilfe auch damit zu tun, dass wir diesen Weg eines gemeinwesenorientierten quartiersbezogenen Ansatzes, einer bürgerrechtsbezogenen Arbeit, bis dato nur ansatzweise gegangen sind.

Dies kann nur gelingen wenn wir einen engen Bezug zu den Wünschen unserer Kunden herstellen. 

Die Stärkung der Miteinscheidungsrechte der Selbstvertreter, die barrierefreie Öffnung des freiwilligen bürgerschaftlichen Engagements sind dabei unerlässlich.

Soweit erst einmal…. .

21.09.2018 Armin Herzberger


Was bringt mir das?

Wer nur das eine immer wieder fragt sein Leben lang:

„Was bringt mir das?“
Der ist ein armer Wicht.
Der hat verlorn all das was wirklich wichtig ist.
Der Mensch lebt nie für sich allein.
Und tut ers doch dann gerät er schnell
zum 
Hedonisten
und zum 
Utilitaristen.

Er sagt dann:
„Ich handle so, dass für mich das größtmögliche Maß an Glück entsteht!

Diese inzwischen weitverbreitet Lebenseinstellung führt zu verhängnisvollen Entwicklungen in den modernen spätkaptalistischen Gesellschaften der westlichen Welt.
Hinzu kommt, was noch weit schlimmer ist:
Weniger entwickelten Gesellschaften fügt er dadurch nicht wiedergutzumachende Schäden an Leib und Leben zu.

1.Die negativen Auswirkungen des kapitalistischen Systems

Heiner Geissler sagt dazu folgendes:

Heiner Geissler

„Die negativen Auswirkungen des kapitalistischen Wirtschaftssystems auf die Menschen sind nicht erst seit der Finanzkrise evident. Seit Jahren argumentiere ich, oft ausgelacht und absichtlich missverstanden, in fast jeder Talkshow, jedem Vortrag gegen diese Wirtschafts»ordnung« und ihre absehbaren Folgen.

Demokratische Entscheidungen wurden durch die Diktatur der internationalen Finanzmärkte ersetzt, und nach ihrem Zusammenbruch sind die Staaten gezwungen, sie zu retten.

Hundert Millionen von Arbeitslosigkeit bedrohte Menschen in Europa und den USA und drei Milliarden Arme, die zusammen jährlich ein geringeres Einkommen haben, als die 400 reichsten Familien der Erde an Vermögen besitzen, sind geeint in der Angst vor der Zukunft, aber auch in der Wut, dem Abscheu und dem tiefen Misstrauen gegenüber den politischen, ökonomischen und wissenschaftlichen Eliten, die ähnlich den Verantwortlichen in der Zeit des Übergangs vom Feudalismus in die Industriegesellschaft offensichtlich unfähig waren und teilweise immer noch sind, die offenkundigen Fehler des kapitalistischen Systems zu erkennen und die unausweichliche Globalisierung der Ökonomie human zu gestalten.

Die Menschen sind Opfer einer Shareholder-Value-Ökonomie, die keine Werte kennt jenseits von Angebot und Nachfrage, die Spekulanten begünstigt und langfristige Investitionen behindert.

Die Staatsmänner der westlichen Welt ließen sich von den multinationalen Konzernen und den Banken erpressen und gegeneinander ausspielen: Verantwortlich ist ein Meinungskartell von Ökonomieprofessoren und Publizisten, die meinen, die menschliche Gesellschaft müsse funktionieren wie ein Industriekonzern, und die sich beharrlich weigern anzuerkennen, dass der Markt geordnet werden muss, dass auch global Regeln einzuhalten sind und Lohndumping die Qualität der Arbeit und der Produkte zerstört.

Jetzt spürt jedermann die Folgen einer Wahnidee, die schon in den zwanziger Jahren die Weltwirtschaftskrise verursachte, nämlich des Irrglaubens, die Gesetze und Selbstheilungskräfte der Märkte würden alle Probleme von selbst lösen.

Das Spannungsverhältnis zwischen Kapital und menschlicher Arbeit, einschließlich Forschung und Innovation, ist geblieben.

Die Kommunisten hatten versucht, den Konflikt dadurch zu lösen, dass sie das Kapital eliminierten und die Kapitaleigner liquidierten.

Bekanntlich sind sie damit gescheitert. Der Kapitalismus eliminiert die Arbeit und liquidiert die Menschen am Arbeitsplatz. Der Kapitalismus ist genauso falsch wie der Kommunismus.

Während in den siebziger und achtziger Jahren noch über achtzig Prozent der Menschen den Satz »Wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es auch mir gut« bejahten, sind es heute keine zwanzig Prozent mehr. Unsere politische Stabilität beruht aber auf der Trias Demokratie, Marktwirtschaft, Sozialstaat. Wenn eine dieser Säulen wegbricht, sind auch die anderen gefährdet.

Die Folgen sind Perspektivlosigkeit und immer mehr Stückwerk. Es fehlt ein umfassendes politisches und makroökonomisches Konzept für eine humane Gestaltung der Globalisierung.“

In den letzten 20 bis 30 Jahren hat sich eben dieser unselige hedonistisch utilaristische Zeitgeist, maskiert als sog. neoliberale Wirtschaftsordnung, auch in unseren Gesundheits- und Sozialsystemen breit gemacht.
Unter dem Deckmantel von Kostenorientierung und angeblicher Kundenorientierung wurden die bestehenden Systeme entsprechend angepasst.
Was dabei herausgekommen ist:

2. Folgen der Ökonomisierung für die Denkweise der praktizierenden Sozialarbeitenden:

„Nicht nur die Praxis und das Handeln der Sozialarbeitenden ist von der Ökonomisierung geprägt. In den Köpfen unserer PraktikerInnen haben sich das Gedankengut und die Denkweise der Betriebswirtschaft bereits festgesetzt.

Die betriebswirtschaftliche Sprache und Logik beherrscht auch die Köpfe. Qualifizierte Soziale Arbeit wird von den Fachkräften selber als Luxus abgetan.

Die Ökonomisierung und ihre Folgen werden als selbstverständlich, als unvermeidbar, normal und natürlich erlebt und akzeptiert. Man findet nichts dabei, die fachliche Verantwortung in die Hände der Politik und Verwaltung ab zugeben.

Und auch eine Abwertung der eigenen KlientInnen hat bereits Einzug in das Denken und Fühlen so mancher PraktikerInnen gefunden.

Zusammengefasst lässt sich feststellen:
Die Veränderungen durch die Ökonomisierung wirken sich auf den Prozess der Erbringung sozialer Dienstleistungen, und auf die Definition der Aufgaben und der Zielgruppen Sozialer Arbeit, aus.

Und nicht zuletzt verändern sie die Binnenstruktur, also z.B. die Organisation, die Sprache, die Bedeutung bestimmter Bezugswissenschaften, die intentionale Ausrichtung und die Methoden der Sozialen Arbeit.

Soziale Arbeit als in diesem Sinne ökonomisierte Soziale Arbeit ist damit nicht mehr in der Lage, ihre Ziele, Wege und Zielgruppen selber zu bestimmen.

Die Veränderungen und Herausforderungen der neoliberalen Politik und der Ökonomisierung führen zu einer Abwendung der Sozialen Arbeit von ihren fachlichen und ethischen Grundsätzen.“

Vor dem Hintergrund meiner eigenen beruflichen Erfahrungen aus den letzten 35 Jahren, kann ich dem nur zustimmen
.

3.Politik und Ethik

Noch einmal Heiner Geissler:
„Die globale ökonomische und soziale Entwicklung steht im diametralen Gegensatz zur Botschaft des Evangeliums. Die Ökonomisierung der Gesellschaft beruht auf dem kapitalistischen Wirtschaftssystem, in dem die menschlichen Werte auf den Kopf gestellt werden.

Das Kapital ist im Lichte des Evangeliums keineswegs per se schlecht, aber es hat den Menschen zu dienen und nicht die Menschen zu beherrschen.

Heute ist es umgekehrt:
Das Kapital beherrscht die Menschen, und die Menschen sind seinen Interessen ausgeliefert.
Es gibt in der Politik aber keine überflüssigen Menschen.
In den Demokratien haben sie alle eine Stimme, und sie werden sie nutzen.
In autoritären oder diktatorischen Systemen, wo die Menschen keine Stimme haben, werden sie oder ihre geistlichen Führer sich Waffen besorgen, und wenn es f liegende Kerosinbomben sind, die in den Symboltürmen des Kapitalismus einschlagen, oder Sprengsätze, die, von Handys gezündet, in Vorortzügen europäischer Hauptstädte explodieren. Das verfehlte Wirtschaftssystem produziert den Terrorismus.“

3.1 Sapere aude.
Lösungswege vor dem Hintergrund jüdisch christlichem Denkens.
Die Sache mit der Nächstenliebe.

Und nochmals Heiner Geissler:
„Die Botschaft der Nächstenliebe ist die Grundlage der Zivilisation.
Doch sie wird missverstanden und lächerlich gemacht.
In Leitartikeln in den Wirtschaftsteilen der großen Zeitungen wird gefragt, was Nächstenliebe und Solidarität in einer modernen globalen Welt zu suchen hätten.

Vor 2000 Jahren schon stellte ein Pharisäer dem, wie die FDP sagen würde, Gutmenschen Jesus die Frage:

Sag mal, Rabbi, wer ist denn der Nächste? Jesus gab bekanntlich keine direkte Antwort, sondern erzählte eine Geschichte aus dem Wadi el-Kelt, von der Aduminsteige, der Blutsteige, einem für Mord und Totschlag berüchtigten Flusstal, das sich herabzieht von Jerusalem nach Jericho:
Ein Jude wird dort überfallen, blutig geschlagen, ausgeraubt und bleibt am Weg liegen.
Der Priester, der vorbeikommt, geht weiter, genauso der Levit.
Aber dann kommt der Mann aus Samaria.
In den Augen der Juden ein Ungläubiger, ein Apostat, und dieser Abweichler, so würden wir heute sagen, versorgt den Verletzten, bringt ihn ins nächste Hotel und gibt dem Wirt sogar Geld, damit der sich weiter um ihn kümmert.
Nachdem er das erzählt hatte, stellte Jesus die Gegenfrage.
Wir denken ja, der Verletzte sei der Nächste, aber Jesus fragte den Pharisäer etwas ganz anderes, nämlich wer von den dreien der Nächste für den Überfallenen gewesen sei, der Priester, der Levit oder der Samariter.
Darauf blieb dem Pharisäer nichts übrig, als zu antworten:
Der Mann aus Samaria.

Was bedeutet diese Geschichte?
Ich, wir alle sind die Nächsten für diejenigen, die in Not sind. Ich muss nicht die ganze Welt lieben von Kamtschatka bis zum Südpol, möglichst viele, damit es auch möglichst unverbindlich wird.
Ich muss auch nicht den Silvio Berlusconi lieben oder George W. Bush.
Mir wird schlecht schon bei dem Gedanken, ich müsste ohne Ausnahme alle Mitglieder der CDU/CSU-Bundestagsfraktion in Berlin lieben oder gar diejenigen der SPD.
Die Nächstenliebe oder modern gesprochen die Solidarität ist keine Gefühlsduselei, keine platonische Angelegenheit, nichts, das mit seelischem Wohlbefinden zu tun hat, eben kein Gutmenschentum.
Nächstenliebe ist eine Pflicht. Man muss demjenigen helfen, der in Not ist. Ohne Einschränkung, ohne Alternative.
Das kann unter Umständen auch der Feind sein.
Das ist in Wahrheit die Bedeutung der so verspotteten Feindesliebe.
Sie ist eine realisierbare Utopie, und sie scheitert nicht an einer rein quantitativen Unmöglichkeit, ihr zu entsprechen.
Denn wer nicht in Not ist, dem muss man nicht helfen. Dies ist der Raum für Eigeninitiative, Eigenverantwortung, für private Kompetenz bei den Risiken des Lebens.

Aber man täusche sich nicht.
Die Not in Deutschland ist zwar eine andere als in Bangladesch, aber auch hier steht sie vor der Haustür. Schon die Kosten einer mittelschweren Krankheit kann ein einzelner nicht mehr aufbringen, auch wenn er gut verdient. Deswegen bleibt die solidarische Grundsicherung, auch und gerade im Gesundheitswesen, die Grundlage jeder Zivilisation.

Man kann ein Volk von 82 Millionen nicht zur Absicherung der Grundrisiken auf den Kapitalmarkt verfrachten.

Die private Versicherung hat ihren Sinn in ergänzenden Leistungen. In der Rentenversicherung bietet sich ebenfalls nur eine solidarische Lösung an, gerade wegen des demographischen Wandels. Man kann es machen wie in der Schweiz, wo alle ab einem bestimmten Alter Versicherungsbeiträge bezahlen müssen, oder wie in Schweden, wo die Rente über die progressive Einkommenssteuer finanziert wird.
Das beste ethische Konzept haben in der Rentenversicherung die Schweizer. Alle zahlen von allem für alle: der Millionär von seinen Kapitaleinkünften, der Gemeinderat von seinen Sitzungsgeldern, der Arbeitnehmer vom Lohn.
Die Beitragssätze sind niedrig, die Renten hoch, das System ist finanzierbar, denn das Modell realisiert den plausiblen biblischen Grundsatz, dass die wirtschaftlich Stärkeren zur Solidarität mehr beitragen müssen als die wirtschaftlich Schwächeren.

Diese ethisch begründete Solidaritätspolitik ist ökonomisch unschlagbar und allen anderen Finanzierungssystemen überlegen.
Eine humane, ökologisch nachhaltige zukünftige Weltwirtschafts- und Friedensordnung kann von der Utopie zur Realität werden, wenn sie auf diesen ethischen Fundamenten aufgebaut wird: dem uneingeschränkten Schutz jedes, aber auch wirklich jedes Menschen, der dienenden Funktion des Kapitals, der Pflicht, denen zu helfen, die in Not sind, wobei die Stärkeren mehr beitragen müssen als die Schwächeren.
Dieses ethische Konzept hat den weiteren Vorteil, dass es konsensfähig ist über ethnische, religiöse, nationale Grenzen hinweg.“

4. Geschichten erzählen als zutiefst menschliche Eigenschaft – Narrative für eine Nachhaltige Entwicklung

Gleichnis vom Kamel und dem Nadelöhr

„Menschen lieben Geschichten – Wir hören sie an, erzählen sie selbst und erfahren dabei viel über uns, andere und die Welt, in der wir leben.

Methoden, in denen Geschichten im Mittelpunkt stehen, bieten auch für die politische Bildung und das Thema nachhaltige Entwicklung ein großes Potential.
Das Erzählen von Geschichten ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft.

Im Gegensatz zu analytisch-wissenschaftlichem Denken, das auf klar abgegrenzten Fakten beruht und zu eindeutigen Feststellungen führt, geht es beim narrativen Denken um den größeren Zusammenhang – um Kontext, Relevanz und Sinn. Beide Denkweisen bieten einen jeweils spezifischen Zugang zur Welt.

Es ist ein Wesensmerkmal unserer Kultur, dass wir dem analytisch-wissenschaftlichen Denken eine große Bedeutung zumessen.

Denn es hilft uns, die Dinge berechenbar zu machen, sie in den Griff zu bekommen. Das geht im Extrem so weit, dass nur wissenschaftlich-exaktes Wissen als wahr angesehen wird. Damit sind wir weit gekommen. Auf der anderen Seite erleben wir gerade die diffusen und vielschichtigen Angelegenheiten in unserem Leben (wie zum Beispiel die Liebe) als durchaus wahrhaftig – auch wenn sie hochgradig subjektive Erfahrungen darstellen und nicht exakt vermessbar sind. Angesichts der komplexen Struktur unserer Wirklichkeit lässt sich Exaktheit dementsprechend nur durch die Isolation des herausgegriffenen Sachverhalts erreichen. Mit dem fortschreitenden Herauslösen aus dem Kontext verringert sich aber auch der Relevanzgehalt, weil größere Beziehungs- und Bedeutungszusammenhänge verloren gehen. Um Sinn zu schaffen, brauchen wir den ’narrativen Modus‘.“

4.1 Die Gleichnissgeschichten Jesu

Der jüdische Rabbi Jesus Christus erzählte seinen Zuhörern und Nachfolgern eine Fülle von Gleichnissgeschichten die in ihrem Lebensbezug und ihrer Nähe zur Lebensrealität von jedem Menschen verstanden werden können.

Dabei geht es nicht darum diese Geschichten wortwörtlich zu glauben.
Dafür sind sie nicht tradiert. Vielmehr sind sie ein Anstoß zum lernen, zum selbstständigen denken.
Der Diskurs ist dabei am wichtigsten.
Die gemeinsame Auseinandersetzung mit dem was diese Geschichten, meinem Ich und dem Du des Mitmenschen, zu sagen haben.

4.2 Martin Buber : Der Mensch wird am Du zum Ich

Martin Buber

Der bedeutende Religionsphilosoph Martin Buber hat wesentlich zum jüdisch christlichen Dialog beigetragen. Er eröffnete damit auch den reichen Schatz der Geschichten und Weisheitssprüche der Chasidim.

4.3 Ein nachahmenswertes Beispiel narrativen nachhaltigen öffentlichen Handelns – Menschen mit Lernschwierigkeiten sind den Weg des öffentlichen Gesprächs, des konstruktiven Diskurses, gegangen.

Die Möglichkeitsdenker suchen seit Jahren den Weg des öffentlichen Diskurses, vor allem bei wichtigen sozialpolitischen und ethischen Themenbereichen.

Eines der drängensten Themen unserer Zeit, den konstruktiven Dialog zwischen Judentum, Christentum, Islam und Humanismus, sind im Jahre 2015 bei insgesamt 5 öffentlichen Veranstaltungen diskutiert worden.

Das Narrativ, die Geschichte dazu, war die Bearbeitung und öffentliche szenische Aufführung der Ringparabel in leichter Sprache aus dem Theaterstück Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessing.

Gotthold Ephraim Lessing

Die Möglichkeitsdenker entwickelten sich aus verschiedenen Projekten zum freiwilligen bürgerschaftlichen von Menschen mit Lernschwierigkeiten in ihrer Region, begonnen im Jahre 2006.

Dort vollzog sich auch innerhalb des praktischen sozialpädagogischen Handlungsfeldes eine eindeutige Hinwendung zur Gemeinwesenarbeit.

Gleich zu Anfang entwickelte sich ein alle zukünftigen Bemühungen zusammenfassendes Narrativ.

Es war ein Gedicht von Rainer Maria Rilke einer der bekanntesten Lyriker der Romantik nämlich: „Werkleute sind wir…“
Es handelt sich dabei, das sei an dieser Stelle erwähnt auch um eines meiner Lieblingsgedichte.

Dass ein solches Gedicht, aus der bildungsbürgerlichen Hochkultur des ausgehenden 19. Jahrhunderts, zum vielfältig zitierten Narrativ wurde und all unsere Bemühungen und Entwicklungsschritte begleitete freut mich ganz besonders.

Wiederlegt es doch glänzend die oft geäußerte und ausgrenzende Auffassung, das solche lyrisch anspruchsvolle Texte diesem Personenkreis per se nicht zugänglich seien.

Auch aus diesem Grunde sei es auch an dieser Stelle wieder einmal zitiert:

„Werkleute sind wir………..*

Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister, und bauen dich, du hohes Mittelschiff.
Und manchmal kommt ein ernster Hergereister, geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister und zeigt uns zitternd einen neuen Griff. 

Wir steigen in die wiegenden Gerüste, in unsern Händen hängt der Hammer schwer, bis eine Stunde uns die Stirnen küsste, die strahlend und als ob sie Alles wüsste von dir kommt, wie der Wind vom Meer. 

Dann ist ein Hallen von dem vielen Hämmern und durch die Berge geht es Stoß um Stoß.
Erst wenn es dunkelt lassen wir dich los:
Und deine kommenden Konturen dämmern. 

Gott, du bist groß. „

*Rainer Maria Rilke, 26.9.1899, Berlin-Schmargendorf

Menschen in der Arbeitswelt

Ohne Humor und Ironie kann man gar nicht leben (Mauricio KAGEL, Komponist)

Von Dr. Wolfgang Näser, Marburg

Die meisten Menschen nehmen sich nur wenig Zeit für ein ebenso faszinierendes wie kostenfreies Studium: nämlich das ihrer Mitmenschen. Ein solchermaßen bewußt zugebrachter Tag in der Arbeitsstelle kann sich spannender gestalten als der berühmte Besuch im Zoo, gibt es doch unter den Zweibeinern ebenso skurrile und merkwürdige Typen wie in der sogenannten Tierwelt. Ganz allgemein ist es jedoch sehr nützlich, wenn wir kurz einhalten, uns einige Minuten der Besinnung gönnen und uns bewußt werden, mit wem wir es möglicherweise zu tun haben und welchen Standort wir selbst einnehmen in all dem menschlichen Mit-, Durch- und Gegeneinander.

Die folgenden Typ-Beschreibungen sind das Ergebnis eigenen Nachdenkens; meine Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die „männliche Form“ entspringt lediglich grammatischer Ökonomie; alle Typen sind jeweils in beiden Geschlechtern anzutreffen. Manchmal begegnen uns auch Menschen, die Charakteristika mehrerer „Typen“ in sich vereinigen.

Der Angeber 
Seine Arbeit ist der Nabel der Welt; sein Denken und Handeln setzen Maßstäbe, ohne ihn geht es nicht (denkt er). Indem er sich erhöht, erniedrigt er die übrigen.

Der Biegsame 
Nicht, wie man vermuten könnte, geistige Flexibilität zeichnet ihn aus, sondern ein Mangel an Rückgrat; eng verwandt mit dem -> Opportunisten und dem -> scheinbar Hilflosen, führt er ein schwer durchschaubaresamphibisches Dasein und wird erst dann gefährlich, wenn er sich mit dieser Existenzform ein hohes Amt gesichert hat. Dann nämlich erweckt er leicht den Anschein von Souveränität und Verläßlichkeit und verrät gerade die, die sich ob dieses schönen Scheins vertrauensvoll an ihn wenden. VORSICHT: eine ganz besonders heimtückische Kreatur!

Der Bollerkopf 
Seine Hauptqualifikation wird in dB (Dezibel) gemessen (Bel kommt von A.G. BELL, könnte hier auch auf „Bellen“ bezogen sein). Er ruiniert fast jede Telefonkapsel und jedes intakte Trommelfell; cholerisch, wie er ist, brüllt er seine Ansichten heraus („Wer schreit, hat Unrecht“ gilt hier nicht immer!) und ist dann meist schnell wieder im Lot, weil er seinen Psycho-Müll vokal entsorgt hat. Aus diesem Grunde frißt er nie etwas in sich hinein, wird uralt und „erfreut“ noch in hohem Alter seine Mitmenschen, allerdings jetzt als Pensionär. Die im Grunde ehrlichen „Brüll-Affen“ sind meist nicht nachtragend.

Der Delegator 
Selbst die schwierigsten Arbeiten übernimmt er, verspricht vollmundig deren optimale Erledigung – und gibt sie an Dritte weiter. Er bekommt nie schmutzige Hände: er, der Koordinator und Organisator. Es gibt viel zu tun: verteilen wir es.

Der Fiesnickel 
Bisweilen auch Ekel oder (auf tieferer Sprachebene) Kotzbrocken genannt. Nach dem Motto „Wenn es mir schlecht geht, warum soll es dann anderen gut gehen?“ stets bestrebt, die eigene schlechte Laune auf die Mitmenschen zu übertragen (Giftgallen-Transfusion) oder Kollegen bzw. Untergebenen das mit gutem Willen zu bewältigende Arbeitsleben zur Hölle zu machen. F. sind manchmal gleichzeitig Workaholics, da sie zu Hause, also im Privatleben, nichts zu melden haben.

Der scheinbar Hilflose 
Er kann keinen Nagel in die Wand schlagen und hat zwei linke Hände: jede von ihnen wäre glatt gut genug, einen Meineid zu schwören. Sein Leben gründet darauf, daß ihm andere zuarbeiten; so ist er groß geworden und hat die, die ihm halfen, verbraucht am Wegesrand zurückgelassen. Sein harmloses Lächeln wiegt die Mitmenschen in Sicherheit, aus der heraus sie ihm selbst ihre intimsten Nöte und Geheimnisse anvertrauen, um sich damit ihr eigenes Grab zu graben. Denn der scheinbar so naive Lächler hat es faustdick hinter den Ohren.

Der Idealist 
Oft äußerst sensibel, nicht selten auch künstlerisch begabt und offen für die Mitmenschen und ihre Probleme. Der Idealist leidet an dem ihn umgebenden Unrecht. Er denkt und redet gradlinig, sitzt oft zwischen den Stühlen, leidet physisch und psychisch an seiner Umgebung, bringt es nur dann zu hohen Würden, wenn ihm irgendwann einmal Gleichgesinnte unter die Arme gegriffen haben. Ansonsten verharrt er meist im Mittelfeld und wird von Kollegen und Vorgesetzten gleichermaßen verkannt.

Der Initiative-Blocker 
(-> Bollerkopf, -> Fiesnickel, -> Statistiker) wartet stets ab, bis ein Mitarbeiter sich durch Eigeninitiative fast profiliert hat, um dann ex officio („das gibt das Amt her“) diese Initiative abzuschmettern. Ziel ist die Konstanz derMediokrität, die auch im universitären Rahmen (leider) oft sehr guten Nährboden vorfindet. Hilfe findet der IB oft bei besonders stromlinienförmigen -> Opportunisten. Auf Solidarität können seine Opfer schon deshalb kaum rechnen, weil in der Regel viele Bequeme den Initiative-Entfaltern nicht das Schwarze unterm Nagel gönnen und es aus einer anderen Art von Bequemlichkeit (sagen wir besser: aus Feigheit) und/oder Gleichgültigkeit vorziehen, im Falle des Falles wegzusehen/-zuhören und/oder den Mund zu halten. Auf diese Weise und nur so können Diktatoren jeglicher Art und Couleur zu Macht und Ansehen gelangen. Heinrich MANN („Der Untertan“) läßt grüßen: das gilt auch im nächsten Fall.

Der Karrieremacher 
Auch Erfolgsmensch oder Macher genannt. Accessoires: Handy, Samsonite-Koffer (mit Notebook), Nadelstreif und BMW. Jung, dynamisch, sportlich (Jogging), informiert, eloquent (eingebaute Datenbank für Profi-Phrasen) und gewinnend (Parties). Egozentrischer Utilitarist. Beurteilt die Menschen nach Man-Power. Verhalten ist für ihnStrategie. Einzig um schnellen Aufstieg bemüht und meist mit Hilfe zahlreicher Zuarbeiter bewältigt er die Stufenleiter in Rekordzeit. Jedes Stadium ein Lernschritt, jeder Eindruck eine auszuwertende Information. Gut nur das, was nützt. Gefühl ist out. Der einprogrammierte Kurs führt vorbei an den Menschen und deren Problemen. Nach Absolvieren aller Hausaufgaben residiert der KM in saalartigem Ambiente vor hochglanzpoliertem De-Luxe-Schreibtisch und lenkt mit einsamen Entscheidungen sein Imperium.

Weibliche Variante ist die sogenannte Karrierefrau. Ihre Devise: eine Frau muß immer besser (in diesem Falle rücksichtsloser) als ein Mann sein, um akzeptiert zu werden. Irgendwann, wenn überhaupt, stellt sie fest, daß weibliche Grazie und frauliche Würde auf der Strecke geblieben sind und daß das, was in dem Nadelstreifenkostüm steckt, ein nur etwas anderer Mann ist. Schade.

Der Kumpel 
Offen und ehrlich, immer zu Gesprächen und Hilfe bereit, stellt er die eigenen Interessen zurück, wenn es um die Kollegen geht. Der Typ, mit dem man Pferde stehlen möchte. Hat immer einen Kaffee, wenn es einem dreckig geht. Ist die gute Seele (s. auch dort) im Betrieb, hat selten Aufstiegschancen, weil er sich keine Zeit nimmt, an sein Fortkommen zu denken. Oft in Personalvertretungen anzutreffen.

Der Motivator 
Der Idealtyp eines Vorgesetzten (oder Team-Kollegen). Erkennt intuitiv die Begabungen und Neigungen seiner Mitmenschen und bestärkt sie darin, diese zum Wohle des Ganzen optimal einzusetzen. Obwohl selbst vielbeschäftigt, hat er doch ab und an Zeit für ein paar freundliche Worte: zur rechten Zeit und am rechten Ort.

Der Naive 
Wie ein Traumtänzer geht er durch’s Leben, immer den passenden Schutzengel neben sich; er hat noch die in Kleists „Marionettentheater“ erwähnte Unschuld. Argwohn, Mißtrauen, Intrigen sind ihm fremd, und so entgehen ihm auch Schlechtigkeiten, die für jedermann außer ihm gut sichtbar direkt vor seiner Nase passieren. Die Naivität ist unbewußt ein hervorragender Schutz und garantiert ein bis ins hohe Alter unversehrtes, stabiles Nervensystem. Negativ: der Naive wird oft unbewußt zum Werkzeug von Intrigen.

Der Opportunist 
Er braucht keinen Windkanal: sein CW-Wert übertrifft die kühnsten Ingenieurträume, denn er ist super-stromlinienförmig und aalglatt. Er tut immer das, was man von ihm verlangt, begehrt nie auf, paßt sich an, sein Fähnchen eilt der Winddrehung um eine Zehntelsekunde voraus. Wenn es opportun ist, verrät oder übergeht er die eigenen Kollegen.

Der Pedant 
Er bedenkt und bearbeitet alles bis ins Mikroskopische, wird deshalb selten fertig, beklagt sich ständig überUnordnungGammelei und Nachlässigkeit im Kollegenkreis, ordnet in psychopathologischem Zwang auf Kollegentischen die Bleistifte zur Parade-Formation, vergißt über seinem Genauigkeitsfimmel, daß es noch Menschen um ihn herum gibt und daß diese Sorgen haben, um die er sich vielleicht auch etwas genauer kümmern könnte.

Die Quasselstrippe 
Eine unaufhörlich und meist über andere redende Person. Ihr Arbeitsgerät ist der Telefonhörer, den sie (nach pharaonischem Brauch) als Beigabe mit ins Grab bekommt. Die QS interessiert sich für alles und jeden, ist eine wandelnde Enzyklopädie ihrer Umwelt, kennt die Kollegen und ihre Familien, ist als Info-Börse Anlaufstelle fürSorgenNöte und Vertraulichkeiten aus dem Kollegenkreis. Auch in populären TV-Serien (Familie Hesselbach, Büro-Büro) und -sketchen immer wieder gern karikiert, stirbt diese meist liebenswerte Spezies allmählich aus, findet sie doch weder Platz noch Nahrung in den unpersönlich-kalten Glitzerwelten und competence centersunserer Technokratie.

Der Querulant 
Mit dem Bollerkopf wesensverwandt, hat er eine Meisterschaft entwickelt darin, es mit jedem nur möglichen Mitmenschen zu verderben. „Viel Feind, viel Ehr“ ist seine Maxime.  

Der Resignator 
In einem langen Arbeitsleben wurde er so oft übergangen, verkannt und gedemütigt, daß er es aufgegeben hat, irgendwelche Initiativen zu entfalten oder mit den Vorgesetzten über seine Lage zu sprechen. Er, der für seine Arbeitsstelle möglicherweise so Wertvolle, Ergiebige, werkelt still und apathisch vor sich hin, offenbart sich gelegentlich seiner Mitwelt, die dann meist Sympathie heuchelt und froh ist, daß es nur ihn getroffen hat.

Der Schweigsame 
Ihn merkt man kaum. Der Schweigsame kommt, arbeitet, geht, erscheint nie zum Tee, im Grunde weiß niemand so recht, was er tut. Das ist schade, könnte er doch aus seinem Tun, Handeln, Beobachten und Fühlen heraus vieles Gute und Interessante an seine Mitmenschen weitergeben. Stille Wasser gründen tief!

Die gute Seele 
Diese Spezies ist meist weiblich; unzählige Sekretärinnen und Sachbearbeiterinnen überstrahlen die Arbeitswelt mit der milden Sonne eines ausgesprochen lieben Wesens. Gäbe es sie nicht, so hätte möglicherweise so manche im Dienst gequälte Mensch allen Grund, sich vor oder hinter einen Zug zu werfen. Das Lächeln einer guten, lieben Seele versetzt mehr Berge als eine ganze Bibliothek voller abstruser, als Resultat geistiger Blähungen freigesetzter Theorien.

Der Sensible 
Oft mit hochgradig künstlerischen Neigungen und Begabungen gesegnet, hungert der sensible Mensch in seinem Arbeitsfeld nach einfühlsamer Behandlung und dem Kontakt mit Gleichgesinnten, doch dieses Verlangen bleibt fast immer unerfüllt. Der sensible Mensch erduldet still alle Demütigungen (für die er eine ideale Übungs-Zielscheibe darstellt), sein Nervensystem ist bald zerrüttet, gravierende Gesundheitsschäden und ein frühes Siechtum sind die Folge.

Der Statistiker 
Ihn gibt es sowohl als Vorgesetzten wie als Mitarbeiter. Ersterer will zu allem und jedem eine Aufstellung (noch gestern) und kontrolliert alles: vom Fenster-Schließen bis hin zum Klorollenverbrauch; letzterer zählt und dokumentiert alles, bis hin zur Anzahl seiner Beiwohnungen; hat er Glück, avanciert er in eine Führungsposition.

Der Tüftler 
Nichts ist unmöglich, seine Devise. Kein Problem, das nicht gelöst werden kann. Der Wissenschaftler muß wissen, was zu wissen ist, und alles machen, was zu machen ist, sagte sinngemäß Edward TELLER, der Konstrukteur der Wasserstoffbombe. In seiner genialischen Verbissenheit steht der akademische Tüftler fernab von jeder gesellschaftlichen Verantwortung, ist williges Werkzeug skrupelloser Politiker. Das Problem fasziniert, die Lösung befriedigt, die Bombe fällt, und schon ist Hiroshima ausradiert.

Den Tüftler gibt es auch in einer geisteswissenschaftlichen Version. Er sitzt in seinem Elfenbeinturm und zählt sprachliche oder literarische Fliegenbeine, während „draußen“ brutale Kriege geführt und politische Lösungen, zu denen er sein geistiges Potential beisteuern könnte, nicht gefunden werden.

Der Wichtigtuer 
Wesensverwandt mit dem -> Angeber. Für ihn gilt das Axiom, daß manche Menschen nur in aufgeblasenemZustand sichtbar werden. Er macht aus allem einen coitus principalis *). Es gelingt ihm, alles hochzustilisieren: zuallererst die eigene Arbeit, aber auch jeden kleinsten Zwischenfall, der durch sein Zutun kriegerische Dimensionen annimmt.

Der Workaholic 
Dieser Suchtkranke lebt, um zu arbeiten. Die Arbeitsstelle ist oft Fluchtpunkt einer Existenz, die daheim unter dem Pantoffel steht nach dem Motto „Papa hat bei uns nichts zu sagen“. Der W. schuftet wie ein Berserker, auf seinem Schreibtisch türmen sich „gewachsene Haufen“ unerledigter Vorgänge, das WühlenSortierenAbzeichnenund Stempeln sind sein Lebens-Elixier. Über seiner Arbeit vergißt er, daß es Kollegen gibt.

Der Zeitlose
Scheinbar träumerisch durchs Leben (und die Arbeit) gehend, koppelt er sich ab von allen technischen Innovationen, die – zu hause wie im Beruf – die Arbeit erleichtern, neue Horizonte eröffnen und Erkenntnisse bringen könnten. Der Z. hält wenig von den sogenannten Neuen Medien, erzählt stolz, daß er daheim entweder keinen Fernseher hat oder ihn so gut wie nie benutzt; im Büro lehnt er Computer strikt ab (und nimmt daher verfügbare Etat-Mittel nicht in Anspruch), hält natürlich auch nichts vom Internet (einer Brutstätte von Kinder-Pornographie und sonstigen Verbrechen, hat er irgendwo gehört), von E-Mail und all diesem Zeugs. Aufgrund seiner gehobenen Position hat er das zweifelhafte Glück, sich solche Standpunkte leisten zu können. In den oftesoterisch angehauchten, realitätsfernen Zirkeln, in denen er privat verkehrt, hat er sich mit seinerTechnikfeindlichkeit ein gewisses Maß von Achtung und Anerkennung erworben.
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*) Fürstenbeischlaf

(c) Wolfgang Näser 8/96 ff.

http://staff-www.uni-marburg.de/~naeser/welc.htm