Lebenshilfe Lüdenscheid Möglichkeitsdenker Forschungsbüro


Stimmen aus der Praxis:

Einbezug des Erfahrungswissens
von Menschen mit Lernschwierigkeiten

Im Gespräch mit Vanessa Nollmann, Wolfgang Nollmann und Armin Herzberger

Über die Einbindung von Menschen mit Lernschwierigkeiten als Expert*innen in
eigener Sache.


„Wir haben neue Möglichkeiten und
wir müssen sie weiterdenken.“
Die „Möglichkeitsdenker“ bringen ihr Erfahrungswissen als Menschen mit Behinderungen
aktiv ein und setzen sich kritisch mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinander:
Im Rahmen von Forschung und Lehre, in öffentlichen Veranstaltungen und durch
bürgerschaftliches Engagement.

Damit bewirken sie vor allem eines: Einen Perspektivwechsel.


Im Gespräch geben Armin Herzberger (Gründer der Möglichkeitsdenker an
unterschiedlichen Standorten), Vanessa und Wolfgang Nollmann (Mitglieder der Möglichkeitsdenker
Lüdenscheid) Einblick in ihre Arbeit.
Bevor Sie einen Einblick in Ihre Erfahrungen geben, würden Sie sich zu Beginn kurz vorstellen?


Vanessa Nollmann:

Ich bin Vanessa Nollmann. Ich bin 30 Jahre alt und arbeite bei
der Lebenshilfe im Peer-Counceling. Außerdem mache ich nebenbei Übersetzungen in
Leichte Sprache und bin Mitglied bei den Möglichkeitsdenkern. Zudem arbeite ich im
Kundenrat. Dort überlegen wir gemeinsam, was man besser machen kann, wie man
andere beraten und unterstützen kann. Wenn Kunden der Lebenshilfe Beschwerden
oder Vorschläge haben, können sie zu uns kommen und wir tauschen uns darüber aus.


Wolfgang Nollmann:

Ich bin Wolfgang Nollmann, 38 Jahre alt und leite die Möglichkeitsdenker.
Ich bin nicht der Chef, aber der Ansprechpartner. Das heißt, ich halte alles
zusammen: Ich koordiniere alle Termine, halte Dienstbesprechungen ab und organisiere.


Armin Herzberger:

Mein Name ist Armin Herzberger und ich bin 64 Jahre alt. Ich arbeite
ehrenamtlich als Assistent für die Möglichkeitsdenker bei der Lebenshilfe Lüdenscheid.
Der interessante Begriff „Möglichkeitsdenker“ ist jetzt schon mehrfach gefallen
– wie ist er entstanden und was bedeutet er?


Armin Herzberger:

Die Möglichkeitsdenker sind entstanden aus einer Gruppe von
Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen, die sich bei einem Tafelprojekt ehrenamtlich
engagiert haben. Es ging uns um einen Perspektivwechsel: Menschen mit Be255
Stimmen aus der Praxis: Einbezug des Erfahrungswissens
von Menschen mit Lernschwierigkeiten
hinderungen sollten nicht nur als Hilfeempfänger wahrgenommen werden, sondern
selbst zum Helfer für andere Bürgerinnen und Bürger werden. Damals haben wir uns
regelmäßig zu Besprechungen getroffen und ein Mitglied, ein junger Mann mit Lernschwierigkeiten,
gab zu bedenken: „Wir müssten eigentlich noch mehr tun! Wir sollten
den anderen Bürgern der Stadt von unserer Arbeit erzählen.“ Dann haben wir uns
gefragt: Wie machen wir das? Und er schlug vor: „Wir könnten eine öffentliche Veranstaltung
machen, wo wir unsere Arbeit vorstellen, damit es jeder weiß.“ Als es um
die Frage ging, welchen Namen wir dem Ganzen geben, wurde aus dem Hinweis eines
Teilnehmers „Wir haben ja hier neue Möglichkeiten und wir müssen sie weiterdenken“
schnell der außergewöhnliche Name. So sind die Möglichkeitsdenker entstanden. Unsere
Arbeit haben wir dann im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung vorgestellt.
Dabei haben wir uns dagegen entschieden, diese Veranstaltung in den Räumlichkeiten
des Trägers zu machen, wir haben sie im öffentlichen Raum, einem Gebäude der
Stadt durchgeführt. Weil die Veranstaltung am Abend stattfand, haben wir das ganze
„Kamingespräch“ getauft – angelehnt an eine Fernsehsendung. Die Veranstaltung
wurde von vielen ganz unterschiedlichen Menschen besucht, es gab großes Interesse.
Dann haben wir gedacht, wenn das so gut läuft, können wir auch weitere Veranstaltungen
machen, zu Themen, die viele vor Ort interessieren. Das heißt, es ging nicht mehr
nur um die Arbeit des Tafelprojektes oder um das Leben von Menschen mit Behinderungen,
sondern um allgemeine Themen, die uns alle angehen.
Mit welchen Themen haben Sie sich beschäftigt?

Die Ringparabel


Armin Herzberger:

Unter anderem Politik war dabei ein wichtiges Thema. Es ist Teil von Demokratie, dass wir alle uns damit beschäftigen. Gemeinsam haben wir uns verschiedene
Themen ausgesucht und zu den Veranstaltungen immer auch Fachleute
eingeladen, die etwas dazu zu sagen haben. Wir haben dann regelmäßig ganz unterschiedliche
Veranstaltungen gemacht. Einmal ging es zum Beispiel um die anstehende
Bundestagswahl und es haben sich verschiedene Parteien vorgestellt, ein weiteres
Thema war Gesundheit. Wir haben uns immer weiter vorgewagt und mehr und mehr
Themen hinzugenommen. Wir haben dann pro Jahr jeweils drei Veranstaltungen zu
einem Thema gemacht und am Ende des Jahres eine Tagung. Einmal haben wir uns mit
dem Lebensrecht für alle Menschen beschäftigt und uns auch damit auseinandersetzt, was mit Menschen mit Behinderungen während der Zeit des Nationalsozialismus geschah
und auch die Frage des Schwangerschaftsabbruchs nach der Diagnose einer Behinderung
thematisiert. Das sind schwierige Fragen. Wir haben damals die Geschäftsführung
der Lebenshilfe Nordrhein-Westfalen eingeladen und auch eine Gedenkstätte
besucht. Die abschließende Jahrestagung wurde von so vielen Menschen besucht, dass wir in den Plenarsaal der Stadt ausweichen mussten.

https://www.lokalplus.nrw/kreis-olpe/fuenfte-jahrestagung-der-lebenshilfe-moeglichkeitsdenker-olpe-und-siegen-20233

Auch Vanessa und Wolfgang Nollmann
haben mal eine solche Jahrestagung besucht.


Wolfgang Nollmann:

Genau! Armin hat uns damals eingeladen, damit wir die Möglichkeitsdenker
kennenlernen. Wir haben uns das damals angeschaut.


Das war die Geburtsstunde der Möglichkeitsdenker in Lüdenscheid?


Armin Herzberger:

Ja, gemeinsam haben wir uns dazu entschieden, auch in Lüdenscheid
Möglichkeitsdenker zu gründen. Die Geschäftsführung fand die Idee sehr gut.
Wir haben es mit dem bestehenden Angebot des Peer-Counceling verknüpft. Dort beraten
Menschen mit Beeinträchtigungen andere Menschen mit Beeinträchtigungen
und es gibt viele Überschneidungspunkte. Das Ganze wird von Aktion Mensch gefördert.


Vanessa Nollmann:

Die Arbeit bei den Möglichkeitsdenkern macht mir Spaß, denn ich
arbeite gerne mit anderen Menschen zusammen und tausche mich aus. Ich finde es
gut, dass bisher alle unsere Sitzungen stattgefunden haben.
Was genau machen die Möglichkeitsdenker in Lüdenscheid?
Wolfgang Nollmann: Mit den Möglichkeitsdenkern machen wir ganz unterschiedliche
Projekte. Bei unserer Arbeit werden wir von einem Assistenten und auch von Armin unterstützt. Wir sind offen für viele Aktionen und Themen. Jeder, der möchte, kann bei uns mitmachen und wir sind auch immer auf der Suche nach neuen Kooperationspartnern.
Wir arbeiten unter anderem mit zwei Universitäten im sogenannten „Forschungsbüro“
zusammen.


Armin Herzberger:

Genau, als wir die Möglichkeitsdenker gegründet haben, wollten
wir öffentliche Veranstaltungen machen, aber Corona hat uns immer wieder einen
Strich durch die Rechnung gemacht. Wir haben dann jedoch die Referententätigkeit
an der Uni ausgeweitet. Die Möglichkeitsdenker sind immer wieder zu Gast in Seminaren
und bringen ihr Wissen als Expert*innen in eigener Sache ein. Daraus ist dann
irgendwann die Idee eines „Forschungsbüros“ entstanden. Wir kannten ein solches
Forschungsbüro von einem anderen Träger und waren von der Idee begeistert.
Das klingt interessant, was genau verbirgt sich hinter dem „Forschungsbüro“?


Armin Herzberger:

Im Forschungsbüro geht es uns um „Bürgerwissenschaften“, auch
„public science“ genannt. Es geht um die gemeinsame Forschung von Menschen, die an
der Universität lernen und arbeiten, und Menschen, die das nicht tun.
Vanessa Nollmann: Wir versuchen, anderen immer wieder in Leichter Sprache zu erklären,
was das Forschungsbüro ist. Aber das ist gar nicht so leicht, vor allem, wenn
man vorher noch nie was von der Universität gehört hat.
Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich im „Forschungsbüro“?


Wolfgang Nollmann:

Im Moment beschäftigen wir uns mit dem Thema Arbeit und fragen
uns „Was ist hier faul?“ Wir schauen uns gemeinsam eine Werkstatt für behinderte
Menschen an. Viele Menschen mit Behinderungen haben Schwierigkeiten mit der Arbeit
in einer Werkstatt. Unser Ziel ist es, dass jeder Mensch mit einer Beeinträchtigung
Stimmen aus der Praxis: Einbezug des Erfahrungswissens
von Menschen mit Lernschwierigkeiten
die Möglichkeit hat, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu arbeiten. Jeder Mensch hat ein Recht darauf. Viele sagen, Menschen mit Behinderungen sollen in einer Werkstatt
arbeiten, dabei verdient man dort fast nichts. Gerne würden wir zu dem Thema auch noch eine Veranstaltung machen.


Armin Herzberger:

Wir haben uns gemeinsam überlegt, dass wir für das gemeinsame
Forschen Forschungsfragen brauchen. Weil die Unzufriedenheit mit der Arbeit in
der Werkstatt für behinderte Menschen sehr groß ist, sind wir sehr schnell auf dieses
Thema gekommen. Zu dieser Frage wollen wir in Leichter Sprache weitere Fragen entwickeln.
Dann möchten wir Interviews führen und auswerten. Wir wollen zum Beispiel
Werkstattleitungen und auch Werkstatträte befragen. Die Ergebnisse möchten wir öffentlich
in Leichter Sprache bekannt machen, zum Beispiel in einer Art „Forschungszeitung“.

Wolfgang Nollmann:

Unser Ziel ist es, dass Menschen mit Behinderung über ihr eigenes
Leben, über die Arbeit in der Werkstatt erzählen. Wir haben aber auch gesagt, es
ist wichtig, dass wir uns selbst nochmal eine Werkstatt anschauen.
Erzählen Sie doch mal von den Seminaren mit Studierenden! Wie bringen Sie
sich dort ein und was ist Ihnen wichtig?


Wolfgang Nollmann:

Ich gebe meine Erfahrungen an die Studenten der Sozialen Arbeit
weiter, ich erzähle zum Beispiel wie Ambulant Unterstütztes Wohnen funktioniert
und welche Unterstützung Menschen mit Behinderung beim Wohnen meiner Erfahrung
nach hilft.


Vanessa Nollmann:

Neben dem Ambulant Unterstützten Wohnen erzählen wir auch
schonmal etwas zur Begleiteten Elternschaft. Wir erzählen von unseren Erfahrungen
und geben unser Wissen weiter.
Wolfgang Nollmann: Ich finde es wichtig, mit den Studenten in den Austausch zu kommen.
Man kann mich alles fragen. Ich finde es auch ganz wichtig, dass Studenten eigene
Erfahrungen in diesem Bereich sammeln – zum Beispiel, indem sie ein Praktikum
machen.

Familie Nollmann mit Tochter Anna

Quelle: Dr. Miriam Düber ZPE Universität Siegen https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0111-pedocs-279681

Lebenshilfe Möglichkeitsdenker

Wolfgang Nollmann ist ein Sprecher der Möglichkeitsdenker, einer Gruppe von Menschen mit Beeinträchtigungen, die sich für Selbstvertretung, Peer-Beratung und inklusives bürgerschaftliches Engagement einsetzen¹². Er hat auch an einem Forschungsprojekt teilgenommen, das die Perspektiven von Beschäftigten in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) untersucht hat¹³. Er hat seine Erfahrungen mit Studierenden der Universität Koblenz geteilt und sie bei ihren Recherchen unterstützt¹. Er ist ein Experte in eigener Sache und bietet Peer-Counseling an, eine Beratungsmethode, bei der Menschen mit Beeinträchtigungen andere Menschen mit Beeinträchtigungen beraten².

Quelle: Unterhaltung mit Bing, 30.12.2023
(1) Forschungsbüro der Möglichkeitsdenker im Austausch mit Studierenden …. https://www.uni-koblenz.de/de/bildungswissenschaften/transfer/neuigkeiten/bericht-ueber-das-projekt-forschungsbuero-der-moeglichkeitsdenker.
(2) Peer-Counseling: Beratungsangebot von und für Kunden mit …. https://www.lebenshilfe-lued-mk.de/de/aktuelles/meldungen_lebenshilfe/2015_04-Peer-Counseling.php.
(3) Ehrenamt für alle? Selbstvertreter der Lebenshilfe Lüdenscheid besuchen …. https://www.lebenshilfe-lued-mk.de/de/aktuelles/meldungen_lebenshilfe/2018_03-Fachtag-Altenkirchen.php.

„Der Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch“ Berthold Brecht

Was beunruhigt dich am meisten?

Populismus

Liebe Facebook Leserinnen und Leser, liebe Leser*innen meines Blogs


Im Zuge der Fastenzeit habe ich meinen Facebook Konto deaktivieren!


Dafür gibt es viele Gründe.
Zum einen ist Facebook ein Lebenszeit Fresser.
Facebook bildet keine verlässlichen Informationsquellen für wirklich wichtige Dinge
Facebook trägt nicht dazu bei eine Meinungsbildung zu fördern die auf einen ehrlichen Diskurs unterschiedlicher Auffassungen ausgelegt ist.

Eher im Gegenteil:
Facebook trägt zu einer vereinfachenden einseitigen Sicht der verschiedenen Auffassungen und Haltungen bei.


Facebook trägt nicht zu einem konstruktiven Miteinander bei.
Facebook spaltet, Gruppen, Organisationen, ja sogar verwandtschaftliche und familiäre Bezüge.

Facebook trägt zu einer Barbarisierung der sprachlichen Umgangsformen bei.


Facebook wird rein kommerziell betrieben.

Nicht der Mensch, sondern der Profit steht im Vordergrund.
Daran möchte ich mich fürderhin nicht mehr beteiligen.

Trauer oder Zorn?

Wofür entscheidet Ihr euch? Ich entscheide mich für Zorn.

P.S.: Wenn Ihr weiterhin die Beiträge auf meinem Blog lesen wollt.
Einfach mal reinschauen.


Etwas alle 4 Wochen erscheint ein neuer Beitrag.
http://www.arminherzberger.com
Seid herzlich gegrüßt.

Nachmittags fischen

Ein Beitrag zum Thema Arbeit: Es beginnt schon damit wie Arbeit zu definieren ist. Ist es Lohnarbeit oder sinnhaftes Tätigsein zum Nutzen aller. Oder gar beides?

Menschen in der Arbeitswelt

Eine Utopie:

… die lohnabhängige Arbeit durch »freie Tätigkeit«zu ersetzen oder zu ergänzen.

Sie werde jedem einzelnen ermöglichen, »heute dies, morgen jenes zu tun:

morgens zu jagen,

nachmittags zu fischen,

abends Viehzucht zu treiben,

nach dem Essen zu kritisieren, (zu philosophieren)

wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“

Quelle:Der SPIEGEL 53.65 – Thema: Marxismus und Arbeitswelt

Papst Franziskus kritisiert Konsum und warnt: „Schlimmer als eine Pandemie“

Gastbeitrag von Uwe Schummer„Schlimmer als eine Pandemie“: Die düstere Warnung von Papst Franziskus vom 09.10.2o

FOCUS-Online-Gastautor Uwe Schummer

In seiner Enzyklika weist Papst Franziskus daraufhin, dass die Kirche auch das „Handeln Gottes in anderen Religionen“ schätzt und dass sie beim Aufbau einer besseren Welt nicht abseits stehen dürfe.

Papst Franziskus hat in seiner Sozialen Enzyklika „Fratelli tutti“ über die Geschwisterlichkeit und soziale Freundschaft einen Leuchtturm gesetzt.

Dabei beleuchtet er die Welt im Lichte der Menschenwürde. Unabhängig davon, wo und wie dieser Mensch lebt.

Dabei verurteilt er eine „Welt voller Wachtürme und Verteidigungsmauern“.

Die Alternative des weltweit geltenden Schreibens ist, den „Nächsten“ auch in dem Menschen zu sehen, der weit von uns entfernt lebt oder noch gar nicht geboren ist und zur künftigen Generation angehören wird.

Seine Vision ist eine Geschwisterlichkeit und soziale Freundschaft, die die Schätze der Welt und die uns mitgegebenen Talente und Fähigkeiten so organisiert, dass wir nicht zu Lasten anderer Völker und Generationen diesen Planeten Schlimmer als eine Pandemie\“plündern.

ÜBER DEN GASTAUTOR:

Uwe Schummer ist Mitglied des Deutschen Bundestags und dort Vorsitzender der CDU/CSU-Arbeitnehmergruppe.

Papst Franziskus warnt davor, Lehren der Vergangenheit zu vergessen

Dabei bezieht sich Papst Franziskus auch auf die aktuelle Erfahrung einer Pandemie, die „falsche Sicherheiten“ offenlegte und die Verletzlichkeit selbst starker ökonomischer Volkswirtschaften zeigt.

Sie liefere auch den Beweis dafür, dass „wütende und aggressive Nationalismen“ unfähig sind, die Herausforderungen der Zeit zu lösen; zumal sie mit „Egoismus und dem Verlust des Sozialempfindens“ einhergehen.

Er warnt davor, die Lehren der Vergangenheit zu vergessen, die aus einem überbordenden Nationalismus – mit all ihren unzähligen Kriegen – zur Zusammenarbeit der Völker in der UN geführt habe.

Sein Bild ist die Menschheitsfamilie, in der Völker nicht nebeneinander, sondern miteinander und inklusiv ihre positiven Kulturansätze leben.

Er kritisiert die gegenteilige Entwicklung, in der Teile der Menschheit „geopfert werden“ – zugunsten einiger bevorzugter Bevölkerungsgruppen.

Dabei benennt er „wirtschaftliche Regeln, die sich als wirksam für das Wachstum, aber nicht für die Gesamtentwicklung des Menschen erweisen“.

Er geißelt eine Form der Versklavung des Menschen, die „zulässt, ihn wie einen Gegenstand zu behandeln, ihn kommerzialisiert und zum Eigentum eines anderen herabmindert.“

„Schlimmer als eine Pandemie“

In diesem Lichte ist die Enzyklika auch ein wichtiger Impuls für ein faires Lieferkettengesetz, wie es von Bundesentwicklungsminister… .

… Deutschland und die Europäische Union als weltweit starke Märkte können über ein ernsthaftes Bemühen für Transparenz bei Zulieferern sorgen, dass Kinder- und Sklavenarbeit ausgeschlossen sind.

Dies wäre ein konkreter Beitrag für bessere Lebensbedingungen auf anderen Kontinenten.

Die Pandemie habe uns auch dazu „gezwungen, wieder an alle Menschen zu denken, anstatt an den Nutzen einiger“. Ähnlich wie Papst Johannes Paul II. in seinem sozialen Weltrundschreiben „Laborem exercens“ von 1981 kritisiert Papst Franziskus „fieberhaften Konsumismus“ und eine Haltung des „Rette sich, wer kann“ in einem universalen Kampf „Alle gegen Alle“.

Dies werde „schlimmer als eine Pandemie sein“.

Statt sich abzuschotten und „als Inseln zu leben“, sieht er die „Notwendigkeit, über die eigenen Grenzen hinauszugehen“.

Er benennt die „Sorge um das gemeinsame Haus unseres Planeten“.

Sein Beispiel: Wer Wasser im Überfluss hat und trotzdem sorgsam damit umgeht, weil er an andere denkt, der blicke über sich und die Seinen hinaus.

„Gesunde Politik“, die nicht dem Diktat der Finanzwelt unterworfen ist.

Das Recht auf Privatbesitz sei niemals absolut und immer mit der sozialen Funktion zu verbinden.

Unternehmerische Tätigkeit sieht er als eine edle Berufung, die darauf ausgerichtet ist, Wohlstand zu erzeugen und die Welt für alle zu verbessern.

Ziel müsse immer auch die Entwicklung des Menschen und die Schaffung vielfältiger Beschäftigungsmöglichkeiten sein. Er verweist auf den Zusammenhang von Globalisierung und Lokalisierung.

Man müsse auf die globale Dimension achten, um nicht in die alltägliche Kleinigkeit zu verfallen. Sonst werde das Zuhause nicht Heimat, sondern Zelle.

Unter diesem Aspekt sei auch die Entwicklungshilfe für die „armen Länder“ eine „Vermögensschaffung für alle“.

Die Welt könne nicht auf Dauer fruchtbar sein, wenn sie nicht gerecht ist.

Es gehe darum auf „gesunde Weise lokal zu denken, sich dabei im Herzen eine Offenheit für das Universale“ zu bewahren.

Die Pandemie zeige auch, dass nicht alles durch den freien Markt gelöst werden könne.

Stattdessen fordert er eine „gesunde Politik“, „die nicht dem Diktat der Finanzwelt unterworfen ist, die Menschenwürde in den Mittelpunkt stellt“.

Gegen den transnationalen Charakter von Wirtschaft und Finanzen müssen auch internationale politische Institutionen entwickelt werden, die so mit Macht ausgestattet sind, dass sie dem Primat der Politik dienen.

Kirche darf beim Aufbau einer besseren Welt nicht abseits stehen

„Die Politik darf sich nicht der Wirtschaft unterwerfen, und diese darf sich nicht dem Diktat und dem effizienzorientierten Paradigma der Technokratie unterwerfen“.

Er erinnert: Die Erde sei eine Leihgabe, die jede Generation empfängt und den nachfolgenden Generationen weitergeben müsse.

Durch Finanzspekulationen erzeugte Hungersnöte nennt er „ein Verbrechen; Ernährung ein unveräußerliches Recht“.

Das Leben sei eine Kunst der Begegnung mit der Fähigkeit das Recht einzugestehen, anders zu sein.

Aus dem Miteinander bestehender Kulturen, erwachse ein „Sozialpakt“, aus dem heraus die Weltgesellschaft zum friedlichen Miteinander geführt werden kann.

Dies bedeute auch die Fähigkeit auf Verzicht für andere und die Erkenntnis, dass die letzte Wahrheit nicht von dieser Welt ist.

„Wahrheit ist die untrennbare Gefährtin von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit“.

Nur in diesem Gleichklang könne sich globale soziale Freundschaft entwickeln.

Dabei schätze die Kirche auch das „Handeln Gottes in anderen Religionen“. Sie respektiere die „Autonomie der Politik, beschränke aber ihre eigene Mission nicht auf den privaten Bereich“.

Die Kirche dürfe beim Aufbau einer besseren Welt nicht abseits stehen…. .“

Die Aktivistin

Die Menschenrechtsaktivistin Nicole Preuss aus Marburg im DER SPIEGEL Nr.15/19:

Mit Ihrem herausragenden ehrenamtlichebürgerschaftlichen bürgerschaftlichen Engagement gibt Sie ein nachahmenswertes Beispiel für den Einsatz für die #Inklusion von Menschen mit Behinderungen.

Nicole Preuss ist Mitglied bei der Lebenshilfe Marburg.

Sie ist unermüdlich arbeitende ehrenamtliche Vorsitzende der Marburger Vereins Down-Syndrom 21 Aktive Mitglieder gesucht!
http://www.downsyndrom21-marburg.de

Sie ist aktives Mitglied der Lebenshilfe Marburg
https://www.lebenshilfewerk.net
Ebenfalls aktive Mitglieder gesucht.

Als Vorstandsmitglied des Lebenshilfe Landesverbandes Hessen ist Sie ebenfalls ehrenamtlich tätig.
https://www.lebenshilfe-hessen.de/de/landesverband/vorstand.html

Ni­co­le Preuss hat ih­ren Sohn Dario ge­nannt
Der Name be­deu­tet: das Ge­schenk. Er lässt sich leicht aus­spre­chen, auch von be­son­de­ren Kin­dern….

Ich habe viel geheult
Dario kam vor fast neun Jah­ren mit dem Down­syn­drom zur Welt. »Ich war sau­er, als ich das in der Schwan­ger­schaft er­fah­ren habe«, sagt Preuss. »Ich habe viel ge­heult.« Tat­säch­lich gab es ein paar Tage, in de­nen sie über­leg­te, ob es sich über­haupt loh­ne, das Ba­by­jäck­chen aus wei­ßem Ted­dy­plüsch zu be­hal­ten, das im Gäs­te­zim­mer der El­tern be­reit­lag…..

Ein Kind mit Behinderungen macht man nicht weg
Dass es Dario gibt, hat auch da­mit zu tun, dass Ni­co­le Preuss wäh­rend ih­rer Schwan­ger­schaft gleich zwei­er­lei er­fuhr. Ihr Kind wür­de be­hin­dert sein. Und ein Jun­ge. Ein We­sen, des­sen Ge­schlecht man schon kennt, macht man nicht weg, so sah sie das schließ­lich.

Danke wir haben uns anders entschieden
Heu­te be­rät Preuss Schwan­ge­re, die sich mit der Fra­ge quä­len, ob sie ein be­hin­der­tes Kind zur Welt brin­gen wol­len. Sie lädt die Frau­en und ihre Part­ner ein, und sie stellt ih­nen Dario vor, der auf ei­nem Stuhl vor der Kaf­fee­ma­schi­ne steht und die Tas­sen füllt. Es kommt vor, dass die Frau­en ein paar Wo­chen spä­ter an­ru­fen und sa­gen: »Dan­ke, wir ha­ben uns an­ders ent­schie­den.«

Was wollen Sie denn mit so einem Kind
Ni­co­le Preuss sagt, sie ken­ne zu vie­le Schwan­ge­re, die ei­nen be­stimm­ten Satz hö­ren und nicht mehr ver­ges­sen: »Was wol­len Sie denn mit so ei­nem Kind?« Als sie selbst schwan­ger war, gab es den Blut­test noch nicht, doch wenn die Spra­che dar­auf kommt, reckt Ni­co­le Preuss den Mit­tel­fin­ger der lin­ken Hand: »Das Pro­blem be­ginnt mit den Ärz­ten«, sagt sie.

Der Gynäkologe verstummte
Sie habe selbst er­lebt, er­zählt Preuss, wie es ist, wenn der Gy­nä­ko­lo­ge beim Ul­tra­schall ver­stummt. Wenn der Hu­man­ge­ne­ti­ker bei der Pflicht­be­ra­tung auf den Bo­den starrt, Vor­er­kran­kun­gen in der Fa­mi­lie ab­fragt, über Wor­te wie »Mo­sa­ik-Tri­so­mie« oder »Trans­lo­ka­ti­ons-Tri­so­mie« do­ziert und dass das ein­zig Auf­mun­tern­de sei, dass be­trof­fe­ne Kin­der gute Über­le­bens­chan­cen hät­ten.

Die Aktivistin Ni­co­le Preuss ver­teilt jetzt die ei­ge­nen Fly­er ih­rer Mar­bur­ger El­tern­in­itia­ti­ve. »Viel­leicht sind Sie er­staunt dar­über, dass wir Ih­nen zu Ih­rem Baby gra­tu­lie­ren?«, steht dar­in. »Wir ver­ste­hen Ihre Trau­rig­keit, Ih­ren Schmerz, weil wir dies ge­nau­so er­lebt ha­ben.« Aber die­sen Schmerz will Preuss nicht so ste­hen las­sen.

Die Kritikerin
Es gibt ei­ni­ges, was sie nicht ak­zep­tie­ren will. Dass El­tern ih­ren Arzt ver­kla­gen, weil der in der Schwan­ger­schaft nicht be­merkt hat, dass ihr Kind das Down­syn­drom hat. Dass der Bun­des­ge­richts­hof den Un­ter­halt für ein be­hin­der­tes Kind als Scha­den wer­tet, für den ein Me­di­zi­ner un­ter Um­stän­den haf­ten muss. »Un­vor­stell­bar«, sagt Preuss. »Mein Sohn soll ein Scha­den sein?«

Dario ist Borussia Dortmund Fan
Dario, der sei­ne Bo­rus­sia-Dort­mund-Bett­wä­sche liebt. Dario, der an die­sem Fe­bru­ar­abend sein Play­mo­bil-Pi­ra­ten­schiff über den Tep­pich se­geln lässt, um eine Prin­zes­sin zu ret­ten. Dario, der im Mai ein vier­tes Mal am Her­zen ope­riert wer­den muss. Dario, der noch nicht weiß, was Tri­so­mie 21 ist. »Dario hat im Kopf ei­nen lee­ren Ord­ner mit der Auf­schrift Down­syn­drom ab­ge­legt«, sagt Ni­co­le Preuss. »Er weiß, dass er das hat. Er kann an­de­re Kin­der mit dem Down­syn­drom er­ken­nen. Aber er weiß noch nicht, was das be­deu­tet.“ *
*Quelle:
DER SPIEGEL 15/19

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DER SPIEGEL Nr. 15/19

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