Ja, ich liebe dieses Land!

Frei nach Kurt Tucholsky

»Ja, ich liebe dieses Land. Und nun will ich euch mal etwas sagen:

copyright-edgar-reitz-filmstiftung-mainz5861799013456002376.jpgEdgar Reitz: Heimat

Es ist ja nicht wahr, dass jene, die sich ›national‹ nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben.

Weder der Regierungsvertreter im Gehrock, noch der Oberstudienrat, noch die Herren und Damen des Stahlhelms allein sind Deutschland.

Wir sind auch noch da.

Sie reißen den Mund auf und rufen: ›Im Namen Deutschlands …!‹

Sie rufen: ›Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.‹

Es ist nicht wahr. […] Und so widerwärtig mir jene sind, die – umgekehrte Nationalisten – nun überhaupt nichts mehr Gutes an diesem Lande lassen, kein gutes Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle – so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen.

Wir pfeifen auf die Fahnen – aber wir lieben dieses Land.

Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser Deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluss und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land.

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Wi haben das Recht, Deutschland zu hassen – weil wir es lieben. Man hat uns zu berücksichtigen, wenn man von Deutschland spricht, uns:

Kommunisten, junge Sozialisten, Pazifisten, Freiheitliebende aller Grade; man hat uns mitzudenken, wenn ›Deutschland‹ gedacht wird … „

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Harmagedon

Dieser Text ist metaphorisch verfasst.

Metaphorische Texte können dazu dienen neue Sachverhalte zu beschreiben oder andere Sachverhalte drastisch zu charakterisieren. Sie erleichtern es darüber hinaus Unbekanntes durch Bekanntes darzustellen. Sie helfen tabuisierte Themen auf eine „verhüllende Weise“ anzusprechen.

Der Text kann ebenso auch als Parabel gedeutet werden. Will heißen: Die Parabel ist ein kurzer, lehrhafte Text, der durch den Empfänger (Leser, Hörer)entschlüsselt werden muss. In einer Parabel wird eine Geschichte erzählt, die sich auf eine eigentlich gemeinte Situation übertragen lässt. In diesem Zusammenhang spricht man von zwei Ebenen: der Bildebene sowie der Sachebene. 

Die Bildebene beschreibt das vordergründige Geschehen, aus dem durch Deutung das Eigentliche abgeleitet werden kann: die Sachebene. 

Die Parabel ähnelt demnach der Fabel und der Allegorie. existiert so nicht.

Ein Bewohner des Klippdachslandes und als solcher ein typischer männlicher Vertreter dieser Gegend.

Die hier allegorisch beschriebene Person existiert in der Form nicht.

Dies sei an dieser Stelle ausdrücklich erwähnt.

Er war groß und schlank. Die Haare bereits zurückgewichen, nach Grossvater Art gekämmt.

Damit die blanken Stellen notdürftig kaschiert sind.

Die ganze Erscheinung verdruxt verschämt voller unentdeckter Momente von unbewältigter Vergangenheit.

Schüchtern, menschenscheu, misstrauisch bis hin zu Verhaltensweisen die sich kaum erklären lassen.

Ein Mensch sozialisiert in engem bildungsfernen Milieu eines Bauerndorfes.

Zu jeder Zeit unpassend gekleidet. Nicht im auffälligen Sinne, sondern so, das eigentlich nichts zu ihm passte.

Die Schimanskijacke genauso wenig wie die hellbraune Wildlederjacke, die unpassenden Pullover steht’s in grellen Farben, meist rot.

„Der Rotrock ist wieder da.“ bemerkte eine Mitarbeiterin einmal treffend, als er mit dunkelroter Windjacke bei einer herbstlichen Grillparty erschien.

„Mit dem Mottek schlage ich ihn irgendwann tot“. So ein langjähriger Mitarbeiter.

Es schien als ob er niemandem in die Augen schauen konnte.

Nicht teamfähig, geschweige denn einer Führungsaufgabe gewachsen, die auf interne Kommunikation, im Interesse der Kundschaft, auf Durchlässigkeit und schlanke Hierarchien angewiesen ist.

„Ich bin Techniker.“ Wie er sich selbst charakterisierte. „Ich betrachte die Dinge immer ganz praktisch.“

Er selbst hielt sich für einen Menschenkenner.

„Wenn ich jemanden einstellen will brauche ich nur eine Minute um zu wissen wie der tickt, ob der zu gebrauchen ist oder nicht, ob der zu uns passt oder nicht.“

Sein Technikerwissen ergänzte er mit einem wild zusammengewürfelten Sammelsurium aus Halbwissen, gespickt mit Elementen aus einem weltabgewandten, menschenfeindlichen Evangelikalismus der reaktionärsten Sorte.

Im Pläne machen, wie er immer sagte, war er ziemlich gut. Aber was für Pläne, welche Art von Plänen?

Im Nachhinein betrachtet dienten sie nur einem Zweck. Machtgewinnung und Machterhalt unglaublich präzise angelegt.

Langfristig  ohne jemals direkt in Erscheinung tretend. Auf eine rücksichtslose Weise hinterhältig. Gefühlsarm, kalt, bindungslos.

Er schaffte es Menschen aus seiner näheren Umgebung, für sich fühlen zu lassen. Darauf war er angewiesen.

Auch darauf, daß Menschen für ihn redeten, um seine Pläne und Absichten unter die Leute zu bringen. Sie rhetorisch so zu verpacken, dass die kalte Absicht einer bloßen Machtsicherung und Machtausweitung nicht sichtbar würde.

Das konnte er besonders gut. Geradezu perfekt. 

Wofür aber, für welchen Lohn?

„Trauer niemals einem Menschen. Der Mensch ist vom Grunde her schlecht, abgrundtief schlecht. Vertraue nur auf Gott.“

Er fror dann plötzlich, von innen heraus, ein Gefühl von Kälte ging durch Mark und Bein. 

Was hatte ihn bewogen einem solchen Menschen so viele Jahre dienstbar zu sein.

Die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Der erste Golfkrieg. Ölquellen brannten. Früher morgen, noch dunkel draußen.

Das Büro neonhell erleuchtet, kaltes Licht. Der ewig gleiche Bürogeruch. Aktenstaubgeruch vermischt mit vertrockneten Druckertonergeruch. Säuerlich auch, von der Hörermuschel des Telefons. Vom vielen hineinsprechen.

Er kann, vielmehr er stützte herein, ganz gehen seine Gewohnheit, kam er doch ansonsten eher scheu und verdruxt, daher, freie Flächen meidend, immer an der Wand lang. Die Augen aufgerissen, Pupillen geweitet. Sein Blick starr, Panik in seinen Augen. Mit erhobener Stimme, heißer nuschelnd rief, ja schrie er beinahe:

HARMAGGEDON, HARMAGGEDON, HARMAGGEDON……….. !!!

DAS ENDE DER WELT….. !!!

Dann verschwand er wieder.