Uwe Schummer – Weisheiten des Talmud

Im Talmud, dem Buch, das den jüdischen Glauben mit dem konkreten Leben verbindet, ist es wunderbar formuliert:

“Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen. Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter. Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein und unser Schicksal“

Zitat: Uwe Schummer in Anlehnung an einen Text aus dem Talmud

Texte aus der chassidischen Weisheitslehre:

Nähe:

Ein Schüler fragte den Baalschem: „Wie geht das zu, daß einer, der an Gott hangt und sich ihm nah weiß, zuweilen eine Unterbrechung und Entfernung erfährt?“ Der Baalschem erklärte: „Wenn ein Vater seinen kleinen Sohn will gehen lernen, stellt er ihn erst vor sich hin und hält die eignen Hände zu beiden Seiten ihm nah, daß er nicht falle, und so geht der Knabe zwischen den Vaterhänden auf den Vater zu. Sowie er aber zum Vater herankommt, rückt der um ein weniges ab und hält die Hände weiter auseinander, und so fort, daß das Kind gehen lerne.“

Wahrheit:

Was bedeutet das, was die Leute sagen: „Die Wahrheit geht über die ganze Welt“ Es bedeutet, daß sie von Ort zu Ort verstoßen wird und weiterwandern muß. (Rabbi Baruch)

Leib und Seele:

Als Rabbi Schmelke von seiner ersten Reise zum Maggid heimkehrte und man ihn fragte, was er erfahren habe, antwortete er: „Bis nun hatte ich meinen Leib kasteit, daß er die Seele ertragen könne. Jetzt aber habe ich gesehen und gelernt, daß die Seele den Leib ertragen kann und sich von ihm nicht abzuscheiden braucht. Das ist es, was uns in der heiligen Thora zugesprochen ist: ‚Ich will meine Wohnung in eurer Mitte geben, und meine Seele wird euch nicht verschmähen.‘ Denn nicht soll die Seele ihren Leib verschmähen.“

Die Lehre der Seele:

Rabbi Pinchas führte oftmals das Wort an: „Die Seele des Menschen wird ihn belehren“, und bekräftigte es: „Es gibt keinen Menschen, den die Seele nicht unablässig belehrte.“ Einst fragten die Schüler: „Wenn dem so ist, warum hört der Mensch nicht auf sie?“ „Unablässig lehrt die Seele,“ beschied sie Rabbi Pinchas, aber sie wiederholt nicht.“

Etwas Großes tun:

Wenn ein Mensch etwas Großes in Wahrheit zu tun beginnt, braucht er nicht zu fürchten, daß ein anderer es ihm nachtun könnte. Wenn er es aber nicht in Wahrheit tut, sondern darauf sinnt, es so zu tun, daß keiner es ihm nachtun könnte, dann bringt er das Große auf die niederste Stufe herab, und alle können dasselbe tun. (Rabbi Pinchas)

Der Eilige:

Der Berditschewer sah einen auf der Straße eilen, ohne rechts und links zu schauen. „Warum rennst du so?“ fragte er ihn. „Ich gehe meinem Erwerb nach,“ antwortete der Mann. „Und woher weißt du,“ fuhr der Rabbi fort zu fragen, „dein Erwerb laufe vor dir her, daß du ihm nachjagen mußt? Vielleicht ist er dir im Rücken, und du brauchst nur innezuhalten, um ihm zu begegnen, du aber fliehst vor Ihm

Triebe „brechen“:

Ein junger Mann gab dem Riziner einen Bittzettel, darauf stand, Gott möge ihm beistehn, damit es ihm gelinge, die bösen Triebe zu brechen. Der Rabbi sah ihn lachend an: „Triebe willst du brechen? Rücken und Lenden wirst du brechen, und einen Trieb wirst du nicht brechen. Aber bete, lerne, arbeite im Ernst, dann wird das Böse an deinen Trieben von selber verschwinden.“

In der Hölle:

Der Apter sprach zu Gott: „Herr der Welt, mir ist bewußt, daß ich keinerlei Tugend und Verdienst habe, um derentwillen du mich nach meinem Tode ins Paradies unter die Gerechten versetzen könntest. Aber willst du mich etwa in die Hölle in die Mitte der Bösewichter setzen, so weißt du doch, daß ich mich mit ihnen nicht vertragen kann. Darum bitte ich dich, führe alle Bösen aus der Hölle, dann kannst du mich hineinbringen.“

Gib und nimm:

Die Losung des Lebens ist: „Gib und nimm.“ Jeder Mensch soll ein Spender und Empfänger sein.Wer nicht beides in einem ist, der ist ein unfruchtbarer Baum. (Rabbi Jizchak Eisik)

Götzenopfer:

Man fragte Rabbi Bunam: „Was ist mit Götzenopfer gemeint? Es ist doch ganz undenkbar, daß ein Mensch einem Götzen Opfer darbringt!“ Er sagte: „So will ich euch ein Beispiel geben. Wenn ein frommer und gerechter Mann mit andern bei Tisch sitzt und würde gern noch etwas mehr essen, aber seines Ansehns bei den Leuten wegen verzichtet er darauf, das ist Götzenopfer.“

Die große Schuld:

Die große Schuld des Menschen sind nicht die Sünden, die er begeht – die Versuchung ist mächtig und seine Kraft gering! Die große Schuld des Menschen ist, daß er in jedem Augenblick die Umkehr tun kann und nicht tut.

Die kommende Welt:

Einmal war der Sinn des Baalschem so gesunken, daß ihm schien, er könne keinen Anteil an der kommenden Welt haben. Da sprach er zu sich: „Wenn ich Gott liebe, was brauche ich da eine kommende Welt?“

Wo wohnt Gott:

Mit dieser Frage überraschte der Kosker einige gelehrte Männer, die bei ihm zu Gast waren. Sie lachten über ihn: „Wie redet ihr! Ist doch die Welt seiner Herrlichkeit voll!“ Er aber beantwortete die eigene Frage: „Gott wohnt, wo man ihn einläßt“

Die Ideenwelt des Chassidismus

Im Chassidismus lässt sich der Gedanke der Demokratie in geistiger und ökonomischer Hinsicht feststellen.

Es entstehen hier nicht übersteigerter Intellekt und Wertung eines Juden nach seiner Gelehrsamkeit im Vordergrund wie im Rabbinismus, sondern man setzt hier prinzipiell auf das jedem zugängliche religiöse Gefühl und die Intention (Kawwana).
Der radikale gesellschaftliche Demokratismus zeigte sich bei den ersten Führern, den Zaddikim. Rabbi Israel Baal-schem tov (ca. 1700 -1760) war der Schöpfer der Bewegung und widmete sich mit Vorliebe Ungebildeten und Armen aus dem Volk. Damit schuf er sich den Weg zum Herzen des Volkes. Er passte seine Sprache und sein Lebensgefühl ihren Neigungen an. Die Nächstenliebe zum Volk stand im Vordergrund.

Der Zaddik (einer der Gerechten) repräsentierte den Typus des autonomen Führers und entspricht so dem Charakter des Chassidismus als einer autonomen Gemeinschaftsbildung. Er wird aufgrund seiner Begabung zum Führer und ist das Gegenteil eines falschen Messias. Dieser will die Erlösung jedes einzelnen selbst vollziehen.

Wir stellen klar: Wer Jüdinnen und Juden und jüdisches Leben in Deutschland – in welcher Form auch immer – angreift, der greift die Grundlagen unserer Gesellschaft an, der tritt die Menschenwürde und Grundrechte aller mit Füße #chaimguski

Der Netphener Tisch

Der Netphener Tisch, ein Projekt der Möglichkeitsdenker

ZDF-Menschen am 22.05.10. Vom Hilfeempfänger zum ehrenamtlichen Helfer. Wie Menschen mit Lernschwierigkeiten für bedürftige Bürger einer Region ehrenamtlich tätig werden. Ein Beispiel für bürgerschaftliches Engagement von Menschen mit Lernschwierigkeiten in der Stadt Netphen bei Siegen.

Der Netphener Tisch

WDR Lokalzeit Südwestfalen 31.05.07. Dank Alexandra Schneider werden hunderte Menschen in Netphen satt! Vom Hilfeempfänger zu ehrenamtlichen Helfer. Bürgermut ist gefragt.

Der Netphener Mittagstisch

Die Möglichkeitsdenker entwickelten sich aus verschiedenen Projekten zum freiwilligen bürgerschaftlichen von Menschen mit Lernschwierigkeiten in ihrer Region, begonnen im Jahre 2005.

Dort vollzog sich auch innerhalb des praktischen sozialpädagogischen Handlungsfeldes eine eindeutige Hinwendung zur Gemeinwesenarbeit.

Gleich zu Anfang entwickelte sich ein alle zukünftigen Bemühungen zusammenfassendes Narrativ.

Es war ein Gedicht von Rainer Maria Rilke einer der bekanntesten Lyriker der Romantik nämlich: „Werkleute sind wir…“
Es handelt sich dabei, das sei an dieser Stelle erwähnt auch um eines meiner Lieblingsgedichte.

Dass ein solches Gedicht, aus der bildungsbürgerlichen Hochkultur des ausgehenden 19. Jahrhunderts, zum vielfältig zitierten Narrativ wurde und all unsere Bemühungen und Entwicklungsschritte begleitete, freut mich ganz besonders.

Wiederlegt es doch glänzend die oft geäußerte und ausgrenzende Auffassung, das solche lyrisch anspruchsvolle Texte diesem Personenkreis per se nicht zugänglich seien.

Auch aus diesem Grunde sei es auch an dieser Stelle wieder einmal zitiert:

„Werkleute sind wir………..*

Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister, und bauen dich, du hohes Mittelschiff.
Und manchmal kommt ein ernster Hergereister, geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.

Wir steigen in die wiegenden Gerüste, in unsern Händen hängt der Hammer schwer, bis eine Stunde uns die Stirnen küsste, die strahlend und als ob sie Alles wüsste von dir kommt, wie der Wind vom Meer.

Dann ist ein Hallen von dem vielen Hämmern und durch die Berge geht es Stoß um Stoß.
Erst wenn es dunkelt lassen wir dich los:
Und deine kommenden Konturen dämmern.

….. .“

*Rainer Maria Rilke, 26.9.1899, Berlin-Schmargendorf

Folgen der Ökonomisierung für die Denkweise der praktizierenden Sozialarbeitenden:

„Nicht nur die Praxis und das Handeln der Sozialarbeitenden ist von der Ökonomisierung geprägt. In den Köpfen unserer PraktikerInnen haben sich das Gedankengut und die Denkweise der Betriebswirtschaft bereits festgesetzt.

Die betriebswirtschaftliche Sprache und Logik beherrscht auch die Köpfe. Qualifizierte Soziale Arbeit wird von den Fachkräften selber als Luxus abgetan.

Die Ökonomisierung und ihre Folgen werden als selbstverständlich, als unvermeidbar, normal und natürlich erlebt und akzeptiert. Man findet nichts dabei, die fachliche Verantwortung in die Hände der Politik und Verwaltung ab zugeben.

Und auch eine Abwertung der eigenen KlientInnen hat bereits Einzug in das Denken und Fühlen so mancher PraktikerInnen gefunden.

Zusammengefasst lässt sich feststellen:
Die Veränderungen durch die Ökonomisierung wirken sich auf den Prozess der Erbringung sozialer Dienstleistungen, und auf die Definition der Aufgaben und der Zielgruppen Sozialer Arbeit, aus.

Und nicht zuletzt verändern sie die Binnenstruktur, also z.B. die Organisation, die Sprache, die Bedeutung bestimmter Bezugswissenschaften, die intentionale Ausrichtung und die Methoden der Sozialen Arbeit.

Soziale Arbeit als in diesem Sinne ökonomisierte Soziale Arbeit ist damit nicht mehr in der Lage, ihre Ziele, Wege und Zielgruppen selber zu bestimmen.

Die Veränderungen und Herausforderungen der neoliberalen Politik und der Ökonomisierung führen zu einer Abwendung der Sozialen Arbeit von ihren fachlichen und ethischen Grundsätzen.“

Vor dem Hintergrund meiner eigenen beruflichen Erfahrungen aus den letzten 35 Jahren, kann ich dem nur zustimmen

Was hat Inklusion mit Rilke zu tun?

Rilke und das Thema Inklusion? Wie weit ist das denn hergeholt? Idealistische Spinnerei? Bildungsbürgerliche Gedankenverrenkung von spinnerten Erziehungswissenschaftlern, Sonderpädagogen und Sozialarbeitern? Braucht die „Behindertenhilfe ein neues Narrativ?

Neugierig geworden? Lesen Sie bitte meinen nachfolgenden Blogbeitrag:

1. Die Teilhabe an allen Bereichen unserer Gesellschaft ein wesentlicher Ausdruck von Inklusion.
2. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. So steht es in Artikel 3 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Gleichbehandlung und die Förderung von Chancengleichheit als eine Voraussetzung für Selbstbestimmung und Teilhabe behinderter und von Behinderung bedrohter Menschen stehen deshalb im Zentrum der Behindertenpolitik der Bundesregierung.

3. Die Vorschrift bindet als individuelles Grundrecht Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung unmittelbar, nicht nur auf Bundesebene, sondern auch in Ländern und Gemeinden sowie sonstigen Institutionen und Organisationen der „öffentlichen Gewalt“. Auf Rechtsbeziehungen zwischen Privaten wirkt das Benachteiligungsverbot mittelbar, indem es bei der Auslegung und Anwendung bürgerlichen Rechts berücksichtigt werden muss.

3. Mit dem Neunten Buch Sozialgesetzbuch (SGBIX, 2001) und dem Behindertengleichstellungsgesetz (BGG, 2002) wurden grundlegende gesetzliche Voraussetzungen zur Umsetzung des Benachteiligungsverbots des Grundgesetzes und für eine verbesserte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen geschaffen. Im SGB IX wurde das zersplitterte Recht zur Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen sowie das Schwerbehindertenrecht zusammengefasst und weiterentwickelt. Dabei trägt das SGB IX dem Grundsatz des selbstbestimmten Lebens und der Eigenverantwortlichkeit behinderter Menschen Rechnung und löste das bisher an Fürsorge und Versorgung behinderter Menschen orientierte Prinzip ab. Mit dem Behindertengleichstellungsgesetz wird das Gleichbehandlungsgebot des Grundgesetzes umgesetzt: Das BGG regelt Barrierefreiheit in einem umfassenden Sinn und erkennt die Deutsche Gebärdensprache, die lautsprachbegleitenden Gebärden an sowie das Recht, diese und andere geeignete Kommunikationsformen zu verwenden.

4. Der Paradigmenwechsel, der in der Behindertenpolitik in Deutschland insbesondere mit dem SGB IX und dem BGG eingeleitet wurde, wurde mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) fortgesetzt. Das SGB IX bietet bereits einen weitgehenden Schutz für schwerbehinderte Menschen im Arbeitsleben, das AGG weitet diesen Schutz jetzt auf alle Menschen mit Behinderung aus. Er erstreckt sich auf alle Bereiche des Arbeitslebens. Dieser Schutz reicht von der Bewerberauswahl über den Zugang zu beruflichen Bildungschancen bis hin zu Beförderungen. Im Alltagsleben wirkt das Gesetz Diskriminierungen bei so genannten Massengeschäften – z.B. bei Kaufverträgen, Hotelbuchungen und Ähnlichem – entgegen und verbietet Benachteiligungen auch bei privaten Versicherungen.

5. Die nationale Politik der Bundesregierung findet mit dem VN-Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderung seine Entsprechung auf internationaler Ebene. Deutschland hat das VN-Übereinkommen und das Zusatzprotokoll als einer der ersten Staaten am 30. März 2007 unterzeichnet und, nachdem die gesetzlichen Voraussetzungen mit dem Ratifizierungsgesetz am 1. Januar 2009 geschaffen wurden, am 24. Februar 2009 mit Hinterlegung der Ratifikationsurkunde in New York ratifiziert. Seit dem 26. März 2009 sind VN-Übereinkommen und Zusatzprotokoll für Deutschland verbindlich. Das Übereinkommen als erstes universelles Rechtsinstrument, ist auf die Lebenssituation von weltweit über 600 Millionen behinderten Bürgerinnen und Bürgern zugeschnitten, es definiert soziale Standards, an denen die Vertragsstaaten ihr politisches Handeln zukünftig messen lassen müssen. Ein gesellschaftlicher Wandel ist damit vorgezeichnet. Dieser Wandel ist von klaren Zielen bestimmt: Dabei geht es um Teilhabe, Selbstbestimmung und uneingeschränkte Gleichstellung. Es geht um das Ziel, alle Bürgerinnen und Bürger zu befähigen, ihr Leben selbstbestimmt nach den eigenen Vorstellungen und Wünschen führen zu können. Und es geht um Politik, die die berechtigten Ansprüche und die Rechte der behinderten Bürgerinnen und Bürger in den Mittelpunkt stellt.

6. Das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen konkretisiert die allgemeinen Menschenrechte aus der Perspektive der Menschen mit Behinderungen und vor dem Hintergrund ihrer spezifischen Lebenslagen, die im Menschenrechtsschutz systematische Beachtung finden müssen. Damit stellt das Übereinkommen einen wichtigen Schritt zur Stärkung der Rechte behinderter Menschen weltweit dar. Es würdigt Behinderung als Teil der Vielfalt menschlichen Lebens und überwindet damit das noch in vielen Ländern nicht mehr zeitgemäße Prinzip der Fürsorge. Das Übereinkommen und sein Fakultativprotokoll sind für Deutschland seit 26. März 2009 verbindlich.

7. Zur konkreten Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention hat die Bundesregierung einen Nationalen Aktionsplan erarbeitet, der die Ziele und Maßnahmen der Bundesregierung in einer Gesamtstrategie für die nächsten zehn Jahre zusammenfasst. Ziel ist es, Menschen mit Behinderungen eine gleichberechtigte Teilhabe am politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben zu ermöglichen, Chancengleichheit in der Bildung und in der Arbeitswelt herzustellen und allen Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit auf einen selbstbestimmten Platz in einer barrierefreien Gesellschaft zu geben. Bei der Ausarbeitung des Nationalen Aktionsplans hat die Bundesregierung großen Wert darauf gelegt, die Zivilgesellschaft – insbesondere behinderte Bürgerinnen und Bürger – einzubeziehen und ihre Visionen, Ideen und Vorschläge für Maßnahmen aufzugreifen.

8. Quo vadis Inklusion?

8.1 Braucht die „Behindertenhilfe“ ein neues Narrativ?

„Menschen lieben Geschichten – Wir hören sie an, erzählen sie selbst und erfahren dabei viel über uns, andere und die Welt, in der wir leben.

Methoden, in denen Geschichten im Mittelpunkt stehen, bieten auch für die politische Bildung und das Thema nachhaltige Entwicklung ein großes Potential.
Das Erzählen von Geschichten ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft.

Im Gegensatz zu analytisch-wissenschaftlichem Denken, das auf klar abgegrenzten Fakten beruht und zu eindeutigen Feststellungen führt, geht es beim narrativen Denken um den größeren Zusammenhang – um Kontext, Relevanz und Sinn. Beide Denkweisen bieten einen jeweils spezifischen Zugang zur Welt.

Es ist ein Wesensmerkmal unserer Kultur, dass wir dem analytisch-wissenschaftlichen Denken eine große Bedeutung zumessen.

Denn es hilft uns, die Dinge berechenbar zu machen, sie in den Griff zu bekommen. Das geht im Extrem so weit, dass nur wissenschaftlich-exaktes Wissen als wahr angesehen wird. Damit sind wir weit gekommen. Auf der anderen Seite erleben wir gerade die diffusen und vielschichtigen Angelegenheiten in unserem Leben (wie zum Beispiel die Liebe) als durchaus wahrhaftig – auch wenn sie hochgradig subjektive Erfahrungen darstellen und nicht exakt vermessbar sind. Angesichts der komplexen Struktur unserer Wirklichkeit lässt sich Exaktheit dementsprechend nur durch die Isolation des herausgegriffenen Sachverhalts erreichen. Mit dem fortschreitenden Herauslösen aus dem Kontext verringert sich aber auch der Relevanzgehalt, weil größere Beziehungs- und Bedeutungszusammenhänge verloren gehen. Um Sinn zu schaffen, brauchen wir den ’narrativen Modus‘.“
8.2 Die Lebenshilfe Möglichkeitsdenker: Ein nachahmenswertes Beispiel narrativen nachhaltigen öffentlichen Handelns – Menschen mit Lernschwierigkeiten sind den Weg des öffentlichen Gesprächs, des konstruktiven Diskurses, gegangen.

Die Möglichkeitsdenker, bei der Lebenshilfe Lüdenscheid, sind bereits in konkreter Planung, und suchen den Weg des öffentlichen Diskurses, vor allem bei wichtigen sozialpolitischen und ethischen Themenbereichen.

Eines der drängensten Themen unserer Zeit, den konstruktiven Dialog zwischen Judentum, Christentum, Islam und Humanismus, sind im Jahre 2015 bei insgesamt 5 öffentlichen Veranstaltungen diskutiert worden.

Das Narrativ, die Geschichte dazu, war die Bearbeitung und öffentliche szenische Aufführung der Ringparabel in leichter Sprache aus dem Theaterstück Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessing

Die Möglichkeitsdenker entwickelten sich aus verschiedenen Projekten zum freiwilligen bürgerschaftlichen von Menschen mit Lernschwierigkeiten in ihrer Region, begonnen im Jahre 2006.

Dort vollzog sich auch innerhalb des praktischen sozialpädagogischen Handlungsfeldes eine eindeutige Hinwendung zur Gemeinwesenarbeit.

Gleich zu Anfang entwickelte sich ein alle zukünftigen Bemühungen zusammenfassendes Narrativ.

Es war ein Gedicht von Rainer Maria Rilke einer der bekanntesten Lyriker der Romantik nämlich: „Werkleute sind wir…“
Es handelt sich dabei, das sei an dieser Stelle erwähnt auch um eines meiner Lieblingsgedichte.

Dass ein solches Gedicht, aus der bildungsbürgerlichen Hochkultur des ausgehenden 19. Jahrhunderts, zum vielfältig zitierten Narrativ wurde und all unsere Bemühungen und Entwicklungsschritte begleitete freut mich ganz besonders.

Wiederlegt es doch glänzend die oft geäußerte und ausgrenzende Auffassung, das solche lyrisch anspruchsvolle Texte diesem Personenkreis per se nicht zugänglich seien.

Auch aus diesem Grunde sei es auch an dieser Stelle wieder einmal zitiert:

„Werkleute sind wir………..*

Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister, und bauen dich, du hohes Mittelschiff.
Und manchmal kommt ein ernster Hergereister, geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.

Wir steigen in die wiegenden Gerüste, in unsern Händen hängt der Hammer schwer, bis eine Stunde uns die Stirnen küsste, die strahlend und als ob sie Alles wüsste von dir kommt, wie der Wind vom Meer.

Dann ist ein Hallen von dem vielen Hämmern und durch die Berge geht es Stoß um Stoß.
Erst wenn es dunkelt lassen wir dich los:
Und deine kommenden Konturen dämmern.

Gott, du bist groß. „

*Rainer Maria Rilke, 26.9.1899, Berlin-Schmargendorf

Rainer Maria Rilke
Rainer Maria Rilke

Ehrenamt macht Spaß

Mein Ehrenamt

Mitglieder Versammlung der Lebenshilfe Bundesvereinigung am 15. und 16. November 2018.

Jeanne Niklas Faust (Bundes Geschäftsführerin)

Ulla Schmidt (Bundes Vorsitzende)

Armin Herzberger (ehrenamtlicher Delegierter der Lebenshilfe Lüdenscheid)

Monika Haslberger (Stellvertretende Bundes Vorsitzende)

Ehrenamt ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Demokratie. Ehrenamt ist Bürgerrecht. Ehrenamt ist Bürgerpflicht. Ehrenamt tritt ein für Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit. Ehrenamt können alle machen.

Und: Ehrenamt macht Spaß weil es allen hilft.

Bitte mitmachen!

#Lebenshilfe #LebenshilfeLuedenscheid #LebenshilfeMarburg #Ehrenamt #Demokratie ##Bürgerrechte #GegenPopulismus #Vielfalt #Toleranz

Einige wichtige Inhalte und Personen:

Ulla Schmidt Bundesvorsitzende

Die Lebenshilfe ist eine der ältesten Bürgerinitiativen. Lasst uns in diesem Sinne weiter machen. „Quo vadis Lebenshilfe“ Die Lebenshilfe als deutsche Bürgerbewegung. Die Lebenshilfe versteht sich als Bürgerrechtsbewegung. Ehrenamt ist im Vordergrund der Lebenshilfe Arbeit. Das Ehrenamt, und die Dienste und Einrichtungen sind in Einklang zu bringen. Fachliche und hauptamtliche Kompetenz sind kein Wiederspruch. BSie sollen sich gegenseitig fördern und unterstützen, damit eine quartiersbezogene Weiterentwicklung befördert wird.

Prof. Dr. Jeanne Niklas Faust Bundesgeschäftsführerin

Die Lebenshilfe ist bunt, vielfältig und so spannend wie das Leben selbst. Vielfalt ist unsere Stärke. Vielen Dank an all die Menschen die bei uns mitmachen.

Dr. Angelika Magiros Lebenshilfe Bundesvereinigung Öffentlichkeitsarbeit

Dr. Angelika Magiros. Immer unterwegs für Inklusion, Bürgerrechte, und bürgerschaftliches Engagement. Und, eine liebe Kollegin mit der ich seit langer Zeit freundschaftlich verbunden bin.

Danke für alles liebe Angelika.

Bruder Karlheinz spricht

Nachfolgend zwei Reden von meinem langjährigen Freund Karlheinz anlässlich meines 50. im Jahre 2008 und zum 60. Geburtstag im Jahre 2018.
Karheinz ist, er würde es selber nie von sich behaupten, ein begnadeter Redner.
Würde man Ihn daraufhin ansprechen, wäre es Ihm mit Sicherheit sehr peinlich.

Aber nun lieber Karheinz muss es einfach mal sein zwei Deiner Reden dem geneigten Zuhörer auch über unser geliebtes hessisches Hinterland hinaus, zum genussvollen Lesen zur Verfügung zu stellen:

Sapere aude

Ich zitiere:

…… Als Henry Kissinger 60 Jahre alt wurde, stellte er fest: „Als ich noch jung war, habe ich 60-Jährige für eine andere Sorte Mensch gehalten. Jetzt glaube ich, 20-Jährige sind eine andere Sorte.“
…. Dich, lieber Armin, kenne ich nun seit vielen Jahren, und du bist und bleibst von besonderer, von erstklassiger Sorte. Mit 60 genau wie mit 20 oder noch davor….. .
60 Jahre sind seitdem vergangen. Und wir haben uns hier und jetzt an diesem Ehrentag alle gemeinsam versammelt, um diesen Menschen zu feiern, der als Kollege und guter Freund ordentlich gewürdigt und gefeiert gilt.
Ohne zu dick aufzutragen erlaube ich mir mit Recht zu behaupten: Es ist eine Bereicherung, einen Menschen wie Armin mit seinen Eigenheiten, seinen Arten und Unarten, seinen Wandlungen, Veränderungen und Reifungen in körperlicher und geistiger Weise zu kennen und zu erleben.
Über all die zurückliegenden Jahrzehnte hat uns beide ein Kontakt verbunden, der phasenweise recht lose war, dann aber auch wieder intensiver. Das ist nicht zuletzt auch unseren unterschiedlichen Weg-führungen, beruflichen Herausforderungen und Lebens-konzepten geschuldet.
Während sich mein beruflicher Weg von NRW nach Hessen verlagerte, verhielt es sich bei Armin genau umgekehrt. Viele Jahre seines engagierten Schaffens hat er bis zuletzt im Nachbarbundesland zugebracht. Und auch nach seinem Eintritt in den Ruhestand sucht und findet er dort sinnvolle Betätigungen in der Begleitung von Projekten und der vertretungsweisen Durchführung einer Lehrveranstaltungen „Soziale Arbeit in der Behinderten-hilfe“ an der Uni in Siegen.
Und wenn wir beide auch in manchen Ansichten, Welt-sichten, politischen Einschätzungen, in theologischen Überzeugungen zuweilen durchaus anderer, hier und da vielleicht sogar konträrer Ansichten und gegenteiliger Meinung sind, liegt darin überhaupt kein Grund für daraus potentiell erwachsende permanente Auseinandersetzungen, für irgendwelche Streitereien oder Hindernisse, kein Grund gegen eine echte grundlegende Achtung und ehrliche gegenseitige Wertschätzung.
Dass dem so ist, zeigt sich darin, dass Armin angefragt hat, ob ich zu seinem Ehrentag ein paar Worte sagen könnte. Dem will ich gern nachkommen, wenngleich mir, sicher meinem fortgeschrittenen Alter und meiner nachlassenden Leistungsfähigkeit geschuldet, die rechte zündende Idee nicht zugewachsen ist, wie die, welche vor just 10 Jahren bei jener denkwürdigen Geburtstagsfeier in Netphen-Hainchen für allgemeine Erheiterung gesorgt hat und uns Armins Bemühungen zur Kontaktaufnahme mit seiner Frau Doris thematisierte und vor Augen führte.
Nun, das sind auch schon wieder 10 Jahre her. Wir alle haben 3650 Tage mehr auf der Lebensuhr und allein schon der Ort und der Rahmen der Geburtstagsfeier zum 60. Geburtstag in diesem gut situierten, angenehmen Ambiente heute differiert signifikant zu Art und Ort jener Sause des Jahres 2008 im Siegerland, die zu nachmitter-nächtlicher Stunde gar einen Polizeieinsatz hervorrief.
Es ist nicht zu leugnen und es ist wohl natürlich und es ist gut so: Mit den Jahren sind wir, die meisten von uns, doch in gewisser Weise ruhiger, sollte ich sagen, gesetzter gewor-den. Das will und muss nicht automatisch heißen: Gleichgültiger, miesepetriger, vielleicht gar resignierter und womöglich im Denken nur noch auf die Grundfläche eines Bierdeckels begrenzt.
Dass dem bei unserem Jubilar ganz und gar so nicht ist, verrät ein Blick in und auf Armins reges Unterwegssein in den sozialen Medien, das zeigen seine vielfältigen Statements, seine kürzeren und längeren Ausführungen in den sozialen Netzwerken und Internetauftritten.
Da tritt immer wieder und bis heute jener ihm seit Jugend-jahren innewohnende streitbare und gegen viele Miss-Entwicklungen opponierende Geist zu Tage, der Partei ergreift für Schwache, Behinderte, Ausgegrenzte und Benachteiligte und der nach wie vor Mut hat, gegen den Strom zu schwimmen. Das ist ein besonderes Charak-teristikum von Armin und spricht für ihn.
Ich hege heute nicht die Absicht, wie vielleicht erwartet, diese oder jene gemeinsamen Erlebnisse aus vergangenen Tagen hier aufleben zu lassen. Ich könnte wohl erzählen von mancherlei Internas und Erlebnissen aus Tagen und Nächten einer Jungscharfreizeit, in der Armin seine medizinischen Ersthelferkenntnisse als viel gefragter Therapeut bei kleineren Verletzungen oder Störungen des Wohlbefindens von 10-14 Jährigen in der Praxis erprobte und Beweise dafür lieferte, dass Placebos in ihrer Wirksamkeit durchaus mit anderen gemeinhin gängigen und teuren Medikamenten der Pharma-Industrie mithalten können.
Auch über manche Sitzungen im gut versteckten und mit fortschreitender Dauer der Abende zunehmend rauch-geschwängerten Logenlokal des Bundes „Die Feuerzange“ hüllen wir an dieser Stelle dezent den Mantel des Schwei-gens; selbst über jenen denkwürdigen Abend dort, als unter Zuhilfenahme eines Notstromaggregates eine besondere Dia-Vorführung möglich wurde. Gerade diese im kleinen Kreis geschehenen Ereignisse und Unterredungen, ob nun eher seicht oder überwiegend durch-aus niveauvoll, mögen in den Köpfen und Erinnerungen derer weiterleben, die sie persönlich miterleben durften.
Zudem stehen diese Details – vorwiegend aus winterlichen Abenden und Nächten mit all den Beeinflussungen und Wirkungen des dort obligatorisch und einzig auf der Getränke-Karte stehenden Feuerzangenbowlen-Gesöffs -ohnehin unter besonderer Geheimhaltung.
Sie laufen Gefahr, von denen, die den Geschehnissen nicht persönlich beigewohnt haben, eher kopfschüttelnd, befremd-lich, sicherlich wunderlich oder miss- oder unverständlich aufgenommen zu werden.
Von mancher Spezialität und Kuriosität, für die unser Jubilar eine erhebliche Mitverantwortung trägt, könnte hier schon Kenntnis gegeben werden. So beispielsweise vom länger geplanten, letztlich dann doch unterbliebenen Versuch, im Abwasser-Abfluss-System eines benachbarten Hauses in Oberdieten durch die Zufuhr und Beimengung von Hefe in den flüssigen Inhalt der Jauche-grube für ein gewisses Maß an Aufregung und einen spe-ziellen Aufruhr zu sorgen. Damit belasse ich es aber jetzt.
Das wissen wir doch alle: Es ist in der Regel klug, es ist besser, über manche Sachen den Mantel des Schweigens zu breiten und sie bei denen zu belassen, die das besondere Privileg besaßen, sie miterleben zu dürfen.
Wie sagten schließlich schon die Lateiner: „o si tacuisses, philosophus mansisses“ (auf gut Deutsch: „wenn du geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph geblieben“)
Dieses lateinische Zitat bahnt mir den Weg zur knappen Fortführung und Beendigung meiner Gedanken. Für eine kurze Ansprache zu einem Geburtstag begibt man sich gern auf die Suche nach einem hoffentlich passenden, im Idealfall gar perfekten Geburtstagsspruch. Zahlreiche Dichter, Denker, Schriftsteller und Philosophen aber auch „normale Leute“ haben über Jahrhunderte sinnige und unsinnige, Zitate, Redewendungen und Aphorismen verfasst, ob nun innig, von Herzen kommend, liebevoll, emotional und vertraut, bis hin zu bissig und peinlich. Das Internet bietet gegenwärtig eine Plattform für die ent-sprechende Suche.
Armin hat für sich ein Lebensmotto gefunden, das ihm, wie ich weiß, wichtig ist, mit dem er sich befasst hat und es weiterhin tut. Es handelt sich um die lateinische Wortfolge Sapere aude. Diese auf den antiken römischen Dichter Horaz zurückge-hende Aussage lässt sich übersetzen mit wage es, weise zu sein. Bekannt wurde der Ausspruch viel später vor allem durch den Philosophen Immanuel Kant, der ihn zum Leispruch der Aufklärung machte und als „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ deutete.
Ich bin überzeugt, dass dieser weise Satz in gewisser Weise Leitlinie und Richtschnur für Armins Beschäftigung und Auseinandersetzungen mit unterschiedlichen Fragestellun-gen und Überzeugungen gewesen ist und nach wie vor ist.
Denn selbständig denkende, mündige und mutige Bürger sind Grundlage und Bedingung für eine funktionierende Gesellschaft, Grundlage gerade auch für gute politische Entwicklungen und Entscheidungen!

Kant schrieb vor über 200 Jahren (ich erlaube mir, ihn zu zitieren):

Immanuel Kant

„Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrieß-liche Geschäft schon für mich übernehmen.“
Armin möchte in diesem Sinne im Rahmen seiner Möglich-keiten für sich gegensteuern und seine Verantwortung als denkender und mündiger Bürger wahrnehmen, seine Zeit-genossen zu motovieren, nicht zu schweigen, sich nicht in ihr Schicksal zu ergeben, sondern Position zu beziehen, Profil zu zeigen und dadurch Spuren zu hinterlassen.
Dass das kein einfacher Weg ist, versteht sich von selbst. Deshalb eine weitere von Armin gebrauchte Weisheit: „Ad Portum itur per Procellas – Zum Hafen gelangt man durch Stürme.“

Lieber Armin, zu deinem 60. Geburtstag wünsche ich dir eine Menge: Geduld für die Enkel, Verständnis für deine Ehefrau und alles Glück der Welt.
Zudem wünsche ich dir -und ich gehe davon aus, dass sich andere ebenso diesen Wünschen anschließen – Weisheit, Geduld, Gelassenheit, weiterhin Lernbereitschaft und Lernfähigkeit, Standfestigkeit, Gesundheit, Energie für deine weitere Zeit, und in und über allem Gottes Segen, an dem „alles gelegen“ ist, wie unsere Väter es schon formu-liert haben.
Ein mir unbekannter Verfasser formulierte angesichts eines 60. Geburtstages folgendes:
Sechzig, das ist weder alt, noch ist es wirklich jung, es ist etwas dazwischen halt, doch immer noch mit Schwung, führst Du Dein Leben gut gelaunt; und bist Du mal gescheitert, hast Neues Du drauf aufgebaut.
Genau so geht’s, mach nur so weiter, so ist es allemal gescheiter!
P.S.:
Sollte dir als Senior in einem Bus oder in einer Straßenbahn jemand seinen Platz anbieten, dann denke daran: Besser fest sitzen als wackelig stehen.
Nochmals alles Gute!

Wo ist Wotan

Ich zitiere:
Es geschah zu der Zeit, da unser Jubilar Armin Herzberger noch im Breidenbacher Ortsteil Oberdieten, im Haus seiner Vorfahren mütterlicherseits beheimatet war.
Seine Schulzeit lag wohl noch nicht lange zurück, die berufliche Orientierung begann.

Seine Sympathien galten, angesichts später gänzlich andersartiger Entwicklungen seiner Vita, überraschender Weise der Metallbearbeitung und -gestaltung, war auf Gewinde und Drehmomente gerichtet.
Erst allmählich rückten andere Prioritäten in den Vordergrund seiner Wahrnehmung. Ein mögliches Studium der Sozialpädagogik zeichnete sich ab und wurde konkret.

Obgleich seinerzeit körperlich unauffällig, machte Armin immer wieder durch überaus originelle und noch dazu lautstarke Äußerungen, gesprochen und in gesungener Form, auf sich aufmerksam.

So konnte es durchaus geschehen, dass er angesichts nahender Gewitter und heftig hernieder prasselnden Regens,
selbst zu nachtschlafender Zeit die germanischen Götter, allen voran,
deren Oberhaupt Wotan
aus dem geöffneten Fenster anschrie
und zur Mäßigung und Verhaltensänderung aufforderte.

Wo ist Wotan?

Wo ist Wotan?

Aus diesem geöffneten Giebelfenster direkt unter dem Dach sah man zudem häufiger eine Angelschnur quer über die Feldstraße sausen. Ein Hinweis auf Armins Zielwurftraining mit Angelrute und Schur als Vorbereitung für seine damals vorhandene Angelleidenschaft. An den Haken ging dort aber, soweit auch im Nachhinein bekannt geworden, kein Fisch.
Ein besonderer, außergewöhnlicher Fisch (man verzeihe mir diese Ausdrucksweise) rückte in jenen Tagen, aus welchen Anlass und auf welche Art und Weise auch immer, in Armins Blickfeld.
Auf eine bestimmte Dame richtete er sein Augenmerk .

Die Gedanken an selbige ließen Armins Fantasie nicht mehr los. Es erhob sich für ihn die Frage, wie man mit dieser Person in Kontakt kommen könnte.
Wäre oder war der Kontakt einmal vorhanden, sah Armin keine größeren Schwierigkeiten, mittels verbaler und nonverbaler Kommunikation das auszudrücken, was er sagen und zeigen wollte.
Bloß, wie gelang die Verbindung?
Was tun?

Problematisch war nicht, dass er in einem anderen, Diete abwärts gelegenen Breidenbacher Ortsteil aktiv werden musste. Mobil war er, Auto fahren konnte und durfte er.
Die Hürde bei dem geplanten Unterfangen war der erste Schritt.
Der Weg ins Haus in der Buchwaldstraße.

Die Tragweite dieses ersten Schrittes war Armin sehr wohl bewusst.
So überließ er diesbezüglich nichts dem Zufall.
Selbst eine Portion 4711 auf die empfindlichen Bindehäute seiner Augen und eine damit einhergehende Krankschreibung wegen Bindehautentzündung musste herhalten, um mehr Zeit für seine Überlegungen zu gewinnen.

Es ging ganz konkret um den Schritt in die Wohnung von Doris, bzw. deren Eltern.
Wie sollte er sich verhalten?
Was sollte er sagen?
Wie zahm oder stürmisch sollte die Tür geöffnet werden?
In welchem Tonfall müsste die Begrüßung der Eltern von Doris erfolgen?
Fragen über Fragen.

Nun begab sich unser geschätzter Jubilar auf einen nicht unbedingt ganz üblichen Weg.
Armin begann eine Übungseinheit dazu in unserem Haus, welches er öfter betrat und in dem er vielmals seine angebrochenen Zigarettenschachteln vergaß oder auch bewusst samt Feuerzeug liegen ließ.

Die in den Folgewochen vielfach geprobte Szene umfasste eine kurze Handlung und lediglich 7 Worte:
Aus dem Flur kommend, öffnete Armin nach kurzem Klopfen in unterschiedlicher Ausprägung die Küchentür in unserem Haus und betrat die Räumlichkeit mit immer denselben Worten: Gen Dach, ess da aue Doris derhäm?
Mal dezent, mal kernig, mal fordernd, mal schüchtern:
Immer wieder:
Gen Dach, ess da aue Doris derhäm?

Durch dieses Training baute er nach und nach ein Stück weit seine Unruhe… —ab und gewann zunehmend Routine, die ihn befähigte, eines Tages den ganz entscheidenden Schritt in Niederdieten zu vollziehen, um in seinem Gefolge später um die Hand von Doris anhalten zu können.

Gen Dach, ess da aue Doris derhäm?
Ob er dann wirklich auf diese Weise und unter dieser Wortwahl in Niederdieten Eingang finden konnte, ist nicht authentisch bezeugt.

Was lernen wir aus diesem Geschehen, das nahezu 30 Jahre zurückliegen dürfte?

Ein kleiner Schritt durch eine Zimmertür
ermöglicht einen großen Schritt zu einer Herzenstür.

Und : Übung macht den Meister.
Ganz einfach, eben:
Gen Dach, ess da aue Doris derhäm?
Zitat Ende

Diese Rede bedarf keiner zusätzlichen Illustration, keines zusätzlichen Kommentars.
Sie spricht so wie sie verfasst und vorgetragen ist für sich

Chapeau Karheinz