Im Jahr 2017 hat die Bundesregierung ein neues Gesetz gemacht. Das Gesetz heißt: Bundesteilhabegesetz.
Das Versprechen war groß: Menschen mit Behinderung sollen selbst entscheiden. Menschen mit Behinderung sollen nicht mehr versorgt werden. Sie sollen Rechte haben.
Das war das Versprechen. Was wirklich passiert ist
Das Versprechen wurde nicht gehalten.
Wer heute Hilfe beantragt, muss sehr viel Papier ausfüllen. Die Formulare sind schwer zu verstehen. Die Ämter brauchen sehr lange. Manchmal wartet man Monate. Manchmal wartet man Jahre.
Viele Menschen geben auf. Sie kämpfen nicht mehr. Das Amt denkt dann: Alles ist gut. Aber alles ist nicht gut.
Die Ämter entscheiden. Nicht die Menschen.
Gutachter kommen ins Haus. Sie schauen, was ein Mensch nicht kann. Sie entscheiden, wie viel Hilfe er bekommt. Sie entscheiden, wie viel sein Leben kostet.
Das ist falsch.
Nicht der Gutachter soll entscheiden. Der Mensch selbst soll entscheiden.
Das steht so in einem Menschenrechts-Vertrag der Vereinten Nationen. Deutschland hat diesen Vertrag unterschrieben. Aber Deutschland hält sich nicht daran.
Wer verdient daran?
Viele Menschen mit Behinderung arbeiten in Werkstätten. Sie arbeiten hart. Aber sie bekommen sehr wenig Geld. Oft weniger als zwei Euro in der Stunde.
Den normalen Mindestlohn bekommen sie nicht.
Die Träger der Werkstätten bekommen Geld vom Staat. Manchmal viel Geld.
Das ist ungerecht. Die Menschen, die arbeiten, sollen das Geld bekommen. Nicht die Institutionen.
Was wir brauchen
Wir brauchen kein neues Formular. Wir brauchen kein neues Gutachten.
Wir brauchen:
Die Menschen mit Behinderung entscheiden selbst. Die Ämter müssen begründen, wenn sie Nein sagen. Nicht der Mensch muss beweisen, dass er Hilfe braucht.
Wir brauchen echte Beratung. Beratung, die auf der Seite der Betroffenen steht. Nicht auf der Seite der Ämter.
Und wir brauchen faire Löhne für alle. Auch für Menschen in Werkstätten.
Eine klare Anklage
Das System ist nicht kaputt gegangen. Das System war so gebaut.
Es schützt die Institutionen. Es schützt die Träger. Es schützt die Verwaltung.
Es schützt nicht die Menschen, die Hilfe brauchen.
Das ist kein Versehen. Das ist eine Entscheidung. Und jemand hat diese Entscheidung getroffen.
Die Politik sagt: Wir haben ein Gesetz gemacht. Aber ein Gesetz ist keine Gerechtigkeit.
Menschen mit Behinderung warten seit Jahren. Sie warten auf Würde. Sie warten auf Teilhabe. Sie warten auf ihr Recht.
Unser Kreuz hat keine Haken. Das ist ein Slogan, der von einigen christlichen Organisationen in Deutschland verwendet wird, um sich gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit auszusprechen. Er drückt aus, dass das christliche Symbol des Kreuzes nichts mit dem Hakenkreuz der Nazis zu tun hat, und dass Christen alle Menschen einladen, sich für Frieden, Solidarität und Demokratie einzusetzen. Wir finden, dass ist eine sehr wichtige und mutige Botschaft, die in unserer heutigen Zeit leider immer noch aktuell ist Gerade Christinnen und Christen sollten deutlich machen, für welche Werte wir mit unserem Glauben einstehen. Aus unserer christlichen Überzeugung hergeleitet sagen wir: Wir leben Vielfalt. Wir bieten Heimat. Wir setzen uns ein für mehr Gerechtigkeit bei uns und in der Welt‘.“ Wir sind der Überzeugung „dass jeder Mensch Gottes Ebenbild und die Würde jedes und jeder Einzelnen deswegen uneingeschränkt zu achten ist“. Auch in unserer Region werden zunehmend Menschen auf Grund ihrer Kultur, ihrer Kleidung, ihrer Sprache, ihrer Religion, ihrer sexuellen Orientierung oder auf Grund ihrer sozialen Stellung diskriminiert“. Christinnen und Christen sind gefordert, sich des Themas anzunehmen: Wir haben einen wichtigen Anteil am Gemeinwesen und damit den Auftrag, gesellschaftliche Prozesse zu begleiten und – wenn nötig – zu verändern. Wir wollen mit Menschen anderen Glaubens, anderer Hautfarbe oder anderer Lebensauffassungen friedlich zusammenleben.
Nach unserer Überzeugung ist jeder Mensch Gottes Ebenbild. Die Würde jedes und jeder Einzelnen ist darum uneingeschränkt zu achten.
Unseren Überzeugungen geben wir Ausdruck in unserer Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, in Gottesdiensten und Predigten, in unserem diakonischen Handeln wie in unserem gesellschaftspolitischen Engagement.
Als evangelische Christen und Christinnen tolerieren wir weder extremistische Positionen und Fremdenfeindlichkeit noch Rassismus oder sonstige menschenverachtende Einstellungen. Wir stehen für eine Gesellschaft ein, in der alle Menschen in Vielfalt friedlich miteinander leben können.« Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) steht mit vielen anderen in Deutschland für eine auf der unverlierbaren Würde jedes Menschen gründende, offene, tolerante und gerechte Gesellschaft. Deshalb kann die EKD sich nicht neutral verhalten, wenn Menschen ausgegrenzt, verachtet, verfolgt oder Opfer brutaler Gewalt werden. Es geht uns nicht um Parteipolitik Es geht hier nicht um links oder rechts im demokratischen Spektrum. Uns geht es um ein Signal für Freiheit, Vielfalt, Demokratie und die Achtung der Menschenwürde – und gegen die Verachtung unserer Grundwerte.‘ Was denken Sie darüber? Wir wollen mit Ihnen ins Gespräch kommen
Quellen: Homepage der EKHN Homepages verschiedener Dekanate und Kirchengemeinden innerhalb der EKHN
Einbezug des Erfahrungswissens von Menschen mit Lernschwierigkeiten
Im Gespräch mit Vanessa Nollmann, Wolfgang Nollmann und Armin Herzberger
Über die Einbindung von Menschen mit Lernschwierigkeiten als Expert*innen in eigener Sache.
„Wir haben neue Möglichkeiten und wir müssen sie weiterdenken.“ Die „Möglichkeitsdenker“ bringen ihr Erfahrungswissen als Menschen mit Behinderungen aktiv ein und setzen sich kritisch mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinander: Im Rahmen von Forschung und Lehre, in öffentlichen Veranstaltungen und durch bürgerschaftliches Engagement.
Damit bewirken sie vor allem eines: Einen Perspektivwechsel.
Im Gespräch geben Armin Herzberger (Gründer der Möglichkeitsdenker an unterschiedlichen Standorten), Vanessa und Wolfgang Nollmann (Mitglieder der Möglichkeitsdenker Lüdenscheid) Einblick in ihre Arbeit. Bevor Sie einen Einblick in Ihre Erfahrungen geben, würden Sie sich zu Beginn kurz vorstellen?
Vanessa Nollmann:
Ich bin Vanessa Nollmann. Ich bin 30 Jahre alt und arbeite bei der Lebenshilfe im Peer-Counceling. Außerdem mache ich nebenbei Übersetzungen in Leichte Sprache und bin Mitglied bei den Möglichkeitsdenkern. Zudem arbeite ich im Kundenrat. Dort überlegen wir gemeinsam, was man besser machen kann, wie man andere beraten und unterstützen kann. Wenn Kunden der Lebenshilfe Beschwerden oder Vorschläge haben, können sie zu uns kommen und wir tauschen uns darüber aus.
Wolfgang Nollmann:
Ich bin Wolfgang Nollmann, 38 Jahre alt und leite die Möglichkeitsdenker. Ich bin nicht der Chef, aber der Ansprechpartner. Das heißt, ich halte alles zusammen: Ich koordiniere alle Termine, halte Dienstbesprechungen ab und organisiere.
Armin Herzberger:
Mein Name ist Armin Herzberger und ich bin 64 Jahre alt. Ich arbeite ehrenamtlich als Assistent für die Möglichkeitsdenker bei der Lebenshilfe Lüdenscheid. Der interessante Begriff „Möglichkeitsdenker“ ist jetzt schon mehrfach gefallen – wie ist er entstanden und was bedeutet er?
Armin Herzberger:
Die Möglichkeitsdenker sind entstanden aus einer Gruppe von Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen, die sich bei einem Tafelprojekt ehrenamtlich engagiert haben. Es ging uns um einen Perspektivwechsel: Menschen mit Be255 Stimmen aus der Praxis: Einbezug des Erfahrungswissens von Menschen mit Lernschwierigkeiten hinderungen sollten nicht nur als Hilfeempfänger wahrgenommen werden, sondern selbst zum Helfer für andere Bürgerinnen und Bürger werden. Damals haben wir uns regelmäßig zu Besprechungen getroffen und ein Mitglied, ein junger Mann mit Lernschwierigkeiten, gab zu bedenken: „Wir müssten eigentlich noch mehr tun! Wir sollten den anderen Bürgern der Stadt von unserer Arbeit erzählen.“ Dann haben wir uns gefragt: Wie machen wir das? Und er schlug vor: „Wir könnten eine öffentliche Veranstaltung machen, wo wir unsere Arbeit vorstellen, damit es jeder weiß.“ Als es um die Frage ging, welchen Namen wir dem Ganzen geben, wurde aus dem Hinweis eines Teilnehmers „Wir haben ja hier neue Möglichkeiten und wir müssen sie weiterdenken“ schnell der außergewöhnliche Name. So sind die Möglichkeitsdenker entstanden. Unsere Arbeit haben wir dann im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung vorgestellt. Dabei haben wir uns dagegen entschieden, diese Veranstaltung in den Räumlichkeiten des Trägers zu machen, wir haben sie im öffentlichen Raum, einem Gebäude der Stadt durchgeführt. Weil die Veranstaltung am Abend stattfand, haben wir das ganze „Kamingespräch“ getauft – angelehnt an eine Fernsehsendung. Die Veranstaltung wurde von vielen ganz unterschiedlichen Menschen besucht, es gab großes Interesse. Dann haben wir gedacht, wenn das so gut läuft, können wir auch weitere Veranstaltungen machen, zu Themen, die viele vor Ort interessieren. Das heißt, es ging nicht mehr nur um die Arbeit des Tafelprojektes oder um das Leben von Menschen mit Behinderungen, sondern um allgemeine Themen, die uns alle angehen. Mit welchen Themen haben Sie sich beschäftigt?
Unter anderem Politik war dabei ein wichtiges Thema. Es ist Teil von Demokratie, dass wir alle uns damit beschäftigen. Gemeinsam haben wir uns verschiedene Themen ausgesucht und zu den Veranstaltungen immer auch Fachleute eingeladen, die etwas dazu zu sagen haben. Wir haben dann regelmäßig ganz unterschiedliche Veranstaltungen gemacht. Einmal ging es zum Beispiel um die anstehende Bundestagswahl und es haben sich verschiedene Parteien vorgestellt, ein weiteres Thema war Gesundheit. Wir haben uns immer weiter vorgewagt und mehr und mehr Themen hinzugenommen. Wir haben dann pro Jahr jeweils drei Veranstaltungen zu einem Thema gemacht und am Ende des Jahres eine Tagung. Einmal haben wir uns mit dem Lebensrecht für alle Menschen beschäftigt und uns auch damit auseinandersetzt, was mit Menschen mit Behinderungen während der Zeit des Nationalsozialismus geschah und auch die Frage des Schwangerschaftsabbruchs nach der Diagnose einer Behinderung thematisiert. Das sind schwierige Fragen. Wir haben damals die Geschäftsführung der Lebenshilfe Nordrhein-Westfalen eingeladen und auch eine Gedenkstätte besucht. Die abschließende Jahrestagung wurde von so vielen Menschen besucht, dass wir in den Plenarsaal der Stadt ausweichen mussten.
Auch Vanessa und Wolfgang Nollmann haben mal eine solche Jahrestagung besucht.
Wolfgang Nollmann:
Genau! Armin hat uns damals eingeladen, damit wir die Möglichkeitsdenker kennenlernen. Wir haben uns das damals angeschaut.
Das war die Geburtsstunde der Möglichkeitsdenker in Lüdenscheid?
Armin Herzberger:
Ja, gemeinsam haben wir uns dazu entschieden, auch in Lüdenscheid Möglichkeitsdenker zu gründen. Die Geschäftsführung fand die Idee sehr gut. Wir haben es mit dem bestehenden Angebot des Peer-Counceling verknüpft. Dort beraten Menschen mit Beeinträchtigungen andere Menschen mit Beeinträchtigungen und es gibt viele Überschneidungspunkte. Das Ganze wird von Aktion Mensch gefördert.
Vanessa Nollmann:
Die Arbeit bei den Möglichkeitsdenkern macht mir Spaß, denn ich arbeite gerne mit anderen Menschen zusammen und tausche mich aus. Ich finde es gut, dass bisher alle unsere Sitzungen stattgefunden haben. Was genau machen die Möglichkeitsdenker in Lüdenscheid? Wolfgang Nollmann: Mit den Möglichkeitsdenkern machen wir ganz unterschiedliche Projekte. Bei unserer Arbeit werden wir von einem Assistenten und auch von Armin unterstützt. Wir sind offen für viele Aktionen und Themen. Jeder, der möchte, kann bei uns mitmachen und wir sind auch immer auf der Suche nach neuen Kooperationspartnern. Wir arbeiten unter anderem mit zwei Universitäten im sogenannten „Forschungsbüro“ zusammen.
Armin Herzberger:
Genau, als wir die Möglichkeitsdenker gegründet haben, wollten wir öffentliche Veranstaltungen machen, aber Corona hat uns immer wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir haben dann jedoch die Referententätigkeit an der Uni ausgeweitet. Die Möglichkeitsdenker sind immer wieder zu Gast in Seminaren und bringen ihr Wissen als Expert*innen in eigener Sache ein. Daraus ist dann irgendwann die Idee eines „Forschungsbüros“ entstanden. Wir kannten ein solches Forschungsbüro von einem anderen Träger und waren von der Idee begeistert. Das klingt interessant, was genau verbirgt sich hinter dem „Forschungsbüro“?
Armin Herzberger:
Im Forschungsbüro geht es uns um „Bürgerwissenschaften“, auch „public science“ genannt. Es geht um die gemeinsame Forschung von Menschen, die an der Universität lernen und arbeiten, und Menschen, die das nicht tun. Vanessa Nollmann: Wir versuchen, anderen immer wieder in Leichter Sprache zu erklären, was das Forschungsbüro ist. Aber das ist gar nicht so leicht, vor allem, wenn man vorher noch nie was von der Universität gehört hat. Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich im „Forschungsbüro“?
Wolfgang Nollmann:
Im Moment beschäftigen wir uns mit dem Thema Arbeit und fragen uns „Was ist hier faul?“ Wir schauen uns gemeinsam eine Werkstatt für behinderte Menschen an. Viele Menschen mit Behinderungen haben Schwierigkeiten mit der Arbeit in einer Werkstatt. Unser Ziel ist es, dass jeder Mensch mit einer Beeinträchtigung Stimmen aus der Praxis: Einbezug des Erfahrungswissens von Menschen mit Lernschwierigkeiten die Möglichkeit hat, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu arbeiten. Jeder Mensch hat ein Recht darauf. Viele sagen, Menschen mit Behinderungen sollen in einer Werkstatt arbeiten, dabei verdient man dort fast nichts. Gerne würden wir zu dem Thema auch noch eine Veranstaltung machen.
Armin Herzberger:
Wir haben uns gemeinsam überlegt, dass wir für das gemeinsame Forschen Forschungsfragen brauchen. Weil die Unzufriedenheit mit der Arbeit in der Werkstatt für behinderte Menschen sehr groß ist, sind wir sehr schnell auf dieses Thema gekommen. Zu dieser Frage wollen wir in Leichter Sprache weitere Fragen entwickeln. Dann möchten wir Interviews führen und auswerten. Wir wollen zum Beispiel Werkstattleitungen und auch Werkstatträte befragen. Die Ergebnisse möchten wir öffentlich in Leichter Sprache bekannt machen, zum Beispiel in einer Art „Forschungszeitung“.
Wolfgang Nollmann:
Unser Ziel ist es, dass Menschen mit Behinderung über ihr eigenes Leben, über die Arbeit in der Werkstatt erzählen. Wir haben aber auch gesagt, es ist wichtig, dass wir uns selbst nochmal eine Werkstatt anschauen. Erzählen Sie doch mal von den Seminaren mit Studierenden! Wie bringen Sie sich dort ein und was ist Ihnen wichtig?
Wolfgang Nollmann:
Ich gebe meine Erfahrungen an die Studenten der Sozialen Arbeit weiter, ich erzähle zum Beispiel wie Ambulant Unterstütztes Wohnen funktioniert und welche Unterstützung Menschen mit Behinderung beim Wohnen meiner Erfahrung nach hilft.
Vanessa Nollmann:
Neben dem Ambulant Unterstützten Wohnen erzählen wir auch schonmal etwas zur Begleiteten Elternschaft. Wir erzählen von unseren Erfahrungen und geben unser Wissen weiter. Wolfgang Nollmann: Ich finde es wichtig, mit den Studenten in den Austausch zu kommen. Man kann mich alles fragen. Ich finde es auch ganz wichtig, dass Studenten eigene Erfahrungen in diesem Bereich sammeln – zum Beispiel, indem sie ein Praktikum machen.
Wolfgang Nollmann ist ein Sprecher der Möglichkeitsdenker, einer Gruppe von Menschen mit Beeinträchtigungen, die sich für Selbstvertretung, Peer-Beratung und inklusives bürgerschaftliches Engagement einsetzen¹². Er hat auch an einem Forschungsprojekt teilgenommen, das die Perspektiven von Beschäftigten in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) untersucht hat¹³. Er hat seine Erfahrungen mit Studierenden der Universität Koblenz geteilt und sie bei ihren Recherchen unterstützt¹. Er ist ein Experte in eigener Sache und bietet Peer-Counseling an, eine Beratungsmethode, bei der Menschen mit Beeinträchtigungen andere Menschen mit Beeinträchtigungen beraten².
Welche Lektion hättest du gerne früher im Leben gelernt:
„Geld entfremdet den Menschen von dem was wirklich wichtig ist.“
Die Entfremdung des Menschen durch Geld ist ein weiteres Thema, das Karl Marx in seinen ökonomisch-philosophischen Manuskripten behandelt hat.
Er argumentierte, dass das Geld das entfremdete Wesen des Daseins sei, das die Menschen beherrsche, das diese zu allem Übel auch noch anbeteten³.
Er sah das Geld als eine universelle Ware, die alle anderen Waren vermittelt und ihnen ihren Wert gibt.
Er kritisierte, dass die Menschen durch das Geld ihre natürlichen und gesellschaftlichen Beziehungen verloren und sich nur noch auf den Tauschwert ihrer Arbeit reduzierten. Er schrieb:
> Das Geld ist der veräußerte Geist der Menschenarbeit und des menschlichen Daseins, und dieser fremde Geist beherrscht sie, und sie beten ihn an.⁴
Für Marx war die Entfremdung durch Geld eine Folge der kapitalistischen Produktionsweise, die die Arbeit zu einer Ware machte und den Mehrwert als das Ziel des Kapitals ansah.
Er glaubte, dass nur eine Veränderung der Besitz- und Produktionsverhältnisse einen Ausgang aus dieser Situation bieten könnte.
Er forderte eine Revolution der Arbeiterklasse, die das Kapital abschaffen und eine kommunistische Gesellschaft aufbauen sollte, in der die Menschen frei von Entfremdung leben könnten.
Liebe Facebook Leserinnen und Leser, liebe Leser*innen meines Blogs
Im Zuge der Fastenzeit habe ich meinen Facebook Konto deaktivieren!
Dafür gibt es viele Gründe. Zum einen ist Facebook ein Lebenszeit Fresser. Facebook bildet keine verlässlichen Informationsquellen für wirklich wichtige Dinge Facebook trägt nicht dazu bei eine Meinungsbildung zu fördern die auf einen ehrlichen Diskurs unterschiedlicher Auffassungen ausgelegt ist.
Eher im Gegenteil: Facebook trägt zu einer vereinfachenden einseitigen Sicht der verschiedenen Auffassungen und Haltungen bei.
Facebook trägt nicht zu einem konstruktiven Miteinander bei. Facebook spaltet, Gruppen, Organisationen, ja sogar verwandtschaftliche und familiäre Bezüge.
Facebook trägt zu einer Barbarisierung der sprachlichen Umgangsformen bei.
Facebook wird rein kommerziell betrieben.
Nicht der Mensch, sondern der Profit steht im Vordergrund. Daran möchte ich mich fürderhin nicht mehr beteiligen.
Eine Projektbeschreibung aus dem Jahre 2008 zum Thema: Inklusion, bürgerschaftliches Engagement und Bürgerrechte.
Schon ein Weile her, aber immer noch aktuell. Inklusion als andauernde gesellschaftpolitische Aufgabe, vor dem Hintergrund der UN-BRK. Hier in leichter Sprache
Inklusion ist ein Prozess Welche Idee stand zu Beginn der Möglichkeitsdenker? Bei einem anschließenden Abendessen zeigt sich Erika Schmidt zufrieden mit der vorangegangenen öffentlichen Veranstaltung. Sie war 2011 eine der GründerInnen der Möglichkeitsdenker. Erika Schmidt ist Nutzerin, wie in Deutschland Lebenshilfe-KundInnen genannt werden, des ambulant unterstützten Wohnens im nahe gelegenen Ort Netphen. Hier hat sie gemeinsam mit anderen BewohnerInnen 2004 drei inklusive Freiwilligenprojekten initiiert: den Netphener Tisch, eine Lebensmittelausgabe für Hilfsbedürftige, den Netphener Mittagstisch, wo für dieselbe Zielgruppe gekocht wird, und die Krabbelgruppe „Die Rasselbande“.
Außerdem unterstützen die AktivistInnen ein Schul-Projekt in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Was dieses Engagement für die Beteiligten bedeutet, wird klar, wenn man Erika Schmidt über „ihre Rasselbande“ reden hört. Mit großer Begeisterung zeigt sie Kinderbücher und Spielzeug, erzählt vom Ausflug zum Spielplatz. Eine liebevollere Betreuung ist für die Eltern, die derweil ihre Einkäufe erledigen können, kaum vorstellbar. Schwere leichte Sprache: Auch mit komplexen gesellschaftspolitischen Fragen beschäftigen sich die Möglichkeitsdenker. Bei einer ihrer Jahrestagungen war etwa die Integration von Menschen mit Behinderung in den Arbeitsmarkt Thema. Wissenschaftlich beraten werden sie vom Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste der Universität Siegen, deren Sprecher Albrecht Rohrmann Mitglied der Möglichkeitsdenker ist. Lernen können dabei beide Seiten, denn Voraussetzung für alle Veranstaltungen ist das Verwenden einer einfachen Sprache. Dass die auch Wissenschaftler erlernen können, haben die Möglichkeitsdenker gezeigt – wie so viel anderes unmöglich Scheinende auch. „Jeder Mensch kann etwas beitragen zu einer Gemeinschaft, die Vielfalt wertschätzt und Teilhabe für alle aktiv ermöglicht. Freiwilliger Einsatz ist ein Baustein unserer Gesellschaft.“ sagt Armin Herzberger: „Inklusion ist eine Leitidee, an der wir uns orientieren und an die wir uns kontinuierlich annähern, selbst wenn wir sie nie vollständig erfüllen können. Inklusion ist kein Ergebnis, sondern ein Prozess. Die Lebenshilfe Möglichkeitsdenker sind angetreten, an dieser Aufgabenstellung konsequent und praxisorientiert gemeinsam mit Menschen mit Einschränkungen zu arbeiten – und zwar von Anfang an. Wie sind Sie auf das Thema Freiwilligenarbeit gekommen? Zu unserer Gesellschaft gehört auch das Recht auf freiwilligen ehrenamtlichen Einsatz. Jeder Mensch ist einmalig. Und, jeder Mensch kann etwas beitragen zu einer Gemeinschaft, die Vielfalt wertschätzt und Teilhabe für alle aktiv ermöglicht. Freiwilliger Einsatz ist ein Baustein unserer Gesellschaft. Er erfüllt die besten Ziele: Das Streben nach Frieden, Freiheit, Lebenschancen, Sicherheit und Gerechtigkeit für alle Menschen.
Welche Stolpersteine gibt es dabei? Bürgerschaftliches Engagement und Bürgerbeteiligung gelten vielfach immer noch als Betätigungsfeld der gebildeten Mittelschicht. Von ausgegrenzten, diskriminierten und beeinträchtigten Menschen als bürgerschaftlich Engagierte und politisch Aktive ist fast nichts zu hören. Vor allem bei Menschen mit seelischen Erkrankungen, Menschen mit Lernschwierigkeiten und sozial isoliert lebenden Menschen bestehen noch viele strukturelle, materielle und kulturelle Barrieren. Dem gilt es entgegenzuwirken.“
Schwester Käthe (RiP) war wieder einmal zu Besuch. Ein groß gewachsene Frau Mitte 30, ledig, mit wachen braunen Augen. Eher quadratisches Gesichtszüge, volle Wangen. Ein gütiges Antlitz, gleichzeitig aber auch Durchsetzungskraft und Stärke ausstrahlend. Charakterliche Eigenschaften, die vielen donauschwäbischen Frauen zueigen ist. Es waren diese Donauschwäbinnen, seit Jahrhunderten aus Not und Verfolgung flüchtend mit Ihren Familien im Balkan eine neue Heimat fanden Dort ist wohl diese glutvolle emotional offene slawische Seelenverwandtschaft entstanden, der die Familienbande über alles ging und Kinder immer die wichtigste Rolle einnahmen. Und fleißig waren sie, sehr fleißig, aber auch immer bereit zu feiern, gut zu essen und zu trinken.
Er liebte Schwester Käthe. Sie war in jungen Jahren einen Diakonissenorden beigetreten. hätte sich dort wohl auf Dauer nicht wohlgefühlt und war ausgetreten. Ein Schritt der Mut erforderte. Nun war Sie freie Rot Kreuz Schwester in einem Krankenhaus in Dillenschloß. Sie trug nun eine Schwesterntracht in himmelblau, das kleine Häubchen keck am Hinterkopf, eine blütenweiße Schürzen, der kleine Kragen dekoraktiv. Am geschlossenen Dekolleté die unvermeidliche Rot Kreuz Spange. Sah nett aus, ganz im Gegensatz zur Ordenstracht der Diakonissen, die immer schwarz trugen, die gestärkte Haube, bedeckte beinahe das ganze Haupt. Eine steife Schleife dicht am Halse engte die Bewegungsfreiheit des Kopfes zusätzlich ein. So könnten Sie eigentlich nur geradeaus blicken, die Sicht nach rechts und links, nach unten war so beinahe unmöglich.Nach oben, himmelwärts war immer möglich. Ob da eine subtile Absicht vorlag?
Eine wichtiges Ereignis stand bevor, von vielen freudig erwartet , jedoch auch mit einer gewissen Bangigkeit.
Die Zeltmission hatte sich angesagt. Ist alles sauber und adrett hergerichtet, ein großer Hausputz musste sein. Alle Böden geschrubbt und gebohnert Fensterscheiben geputzt, dabei die Kellerfenster nicht ausgespart. Die Männer fegten Höfe und Straßen, Misthaufen wurden ordentlich in ein rechteckige Form getrimmt. Kuhfladen wurden sorgfältig mit der Flachschaufel abgehoben. All dies in Erwartung der Gäste die nach der letzten Predigt, immer sonntags, bei den ortsansässigen Familien zu Gast waren. Dann wurde gebacken. Hefekuchen köstlich. Schon am Tage vorher lag der köstliche Duft dieser Backware in der Luft. Torten turmhoch, in der Regel Buttercremetorte, was nicht fehlen durfte, Frankfurter Kranz. Fettig, mächtig, süß. Sodbrennen war vorprogrammiert, vor allem bei den älteren Herrschaften.
Die Zeltmission ist ein evangelikales Missionswerk, per Zelt in Deutschland aber auch in der Schweiz unterwegs um für Sünder auf den rechten Weg zu bringen und treue Christen im Glauben zu bestärken. Arme Sünder, die sich im Verlauf, Zeltmissionswoche zum Glauben bekannten, wurden gegen Ende der Veranstaltungen aufgefordert, „nach vorne zu kommen“ um öffentlich vor der Schar der bereits gläubigen Schar der Schwestern und Brüder ihren neuen Glauben zu bekennen, und sich als wiedergeborene Christen erkennen zu geben. Für die die nach vorne gehen wollten, konnte das enormen Druck erzeugen sich mutig als Wiedergeborene zu outen. Ihm war diese Prozedur von Kindheit an sehr suspekt, ja in gewisser Hinsicht angstbesetzt. In den sechziger Jahren begann zunehmend der amerikanische Fernsehprediger Billy Graham, das selbsternannte Maschinengewehre Gottes an Einfluß zu gewinnen.
Billy Graham
Er einte Täufer, Charismatiker und pietistiche Christen unter Zuhilfenahme einer eingänigen theologischen Kost, die möglichst allen mundete. Die braven Pietisten, fremdelten erst mit so einer flachen theologischen Soße, überwanden sich letztlich doch hofften vielleicht heimlich auf eine neue Erweckungsbewegung ähnlich derer im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert. In der fünfziger und sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts startete das „Janz Team“ missionarische sogenannte „Feldzüge für Christus“. Tausende sammelten sich in Hallen und Zelten um zu lauschen, Ihren Glauben zu finden oder zu erneuern. So auch der „Dillkreis Feldzug“ dem sich dann auch das „Vorderland“ anschloss.
So kam es, daß auf der kleinen Bleiche der Stadt Biedenhals ein riesiges Zelt aufgebaut wurde. Überall im Vorderland hingen riesige Plakate mit der Überschrift: „Kehrt um glaubt an das Evangelium“ Das Zelt fasste an die dreitausend Personen. Diese Plätze waren allabendlich fast besetzt. Es roch nach frischgemähtem Gras, vorne eine gut beleuchtete Bühne in der Mitte trohnte das Rednerpult, umrahmt von Geranien die stechend nach Unkrautverteilungsmittel rochen. Posaunenchöre, Männerchöre waren geladen. Posaunenchöre tröteten, Männerchöre knödelten im vierviertel Takt im Wechseldirigat. Janzteamsänger intonierten Lobpreislieder mit amerikanischen Akzent. So gut wie immer in C-dur Tonleitern rauf und runter, eingänge Intervalle mit Gitarrengeschrammel begleitet. Dann Hildor Janz, als Evangelist, mit dem typischen Aussehen eines weißen Amerikaners, der in der Öffentlichkeit steht, der was zu sagen hat. Kantiger Kopf, rechteckige Gesichtsform, die Haare ordentlich gescheitelt, mit Haarcreme, speckig glatt, mit einer angedeuteten Haartolle. Schwarze Hornbrille, breites Lächeln, die makellosen Zähne bleckend. Seine Predigt, Verkündigung, rethorisch ausgefeilt, eingängig, polarisierend, auf ein Ziel ausgerichtet: Kehre um, glaube an das Evangelium, ansonsten bist Du verloren, für immer in den Händen des Satans gebunden. Eine einfache Botschaft, monokausal, entweder bist Du wiedergeboren, dann bist Du im Heil, oder Du bist es eben nicht, dann droht Dir die ewige Verdammnis und das höllische Feuer. Zum Ende des Missionsfeldzuges würde diejenigen, welche „nach vorne gegangen waren“ in ein kleines Zelt gebeten, um mit jenen verlorenen Seelen für die Aufnahme in den Kreis der gerechten zu flehen. Einige kritische Geister, behaupten dort begönne dann ein“ Kampfbeten“ um für jeden einzelnen dieser verlorenen Seelen. „Nicht nur Calvin bekundete, menschliches Handeln könne nicht ohne Gottes Gnade erfolgreich sein. Dass Calvin gleichzeitig die Notwendigkeit eigener Vorsorge für das irdische Wohl betonte, ließ im 16. und 17. Jahrhundert in calvinistischen Kreisen das Lebensgefühl entstehen, Erfolg sei Ausdruck von Gottes Segen. Vorstellungen, aus wirtschaftlichem Erfolg auf Erden darauf schließen zu können, wem Gnade nach seinem Tode beschieden sein solle….“. …“Max Weber schrieb dem Calvinismus in seinem Aufsatz Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus von 1904/05 eine herausragende Rolle bei der Entwicklung des Kapitalismus zu… .“ Quelle u. A. Wikipedia
In jenen kleinen Dörflein, dort wo der Verfasser Kindheit und Jugend verbrachte, ging dieses Ereignis deutlich entspannter vonstatten. Zunächst reiste der verantwortliche Evangelist zusammen mit dem Zeltmeister mit einem kleinen Wohnwagen an. Als Veranstaltungsort war bereits vorher eine Wiese, leicht abschüssig, am Randes des Dorfes ausgewählt. Dort war Strom und Wasser vorhanden. Ein Tag später fuhr ein Lastwagen ins Örtchen, suchte den Veranstungsort, war problemlos, waren doch die erfahren Brüder bereits wartend zur Stelle. Das einparken war auch ohne Probleme, auch dank der Brüder, die lautstark und wrfahren einwiesen. Zurück, links, halt, rechts, nochmal rechts, HALT, STOP gellte es. Vielen hatten deswegen zwei Stunden frei gemacht oder wurden dafür frei gestellt. Als der Laster nun dergestalt richtig eingeparkt war um das Zelt fachgerecht abzuladen war machte sich Zufriedenheit bereit. Die Gesichter der Brüder, und das des Zeltmeisters entspannten sich. „Dä Räsd mache meer meer de Owed“ (Den Rest der Arbeit erledigen wir dann am späten Nachmittag). Auch der Zeltmeister, mit deutlichem Siegerländer Dialekt, nickte zufrieden und zog sich in den kleinen Wohnwagen zurück in dem der Evangelist schon auf Ihn wartete. Am späten Nachmittag dann gingen die Männer ans Werk. Der Zeltmeister hatte die Aufsicht, regelte und dirigierte bestimmt und streng, aber wohlwollend.
Die „Jungenschaftler“ durften unter Aufsicht mitarbeiten. Die altersmäßige Zuordnung der Jungen, aber auch der Mädchen war streng geregelt. Alles begann mit der Sonntagsschule. Dann Jungenjungschar, Mädchenjungschar, Konfirmandenunterricht, „Jungenschaft“, „Mädchenschaft“, immer geschlechtergetrennt. Die männliche evangelikale Elite wurde dann zu Mitgliedern der „Männerstunde “ berufen. Dieser erlauchte Kreis, traf sich Samstag Abend in „Verzweihaus“, kleiner Saal. Strikt nach einer wortgetreuen Interpretation biblischer Text, mag deren Exegese auch noch so absurd erscheinen, wurde geredet, sich gegenseitig im Glauben gestärkt, um jederzeit in der Lage zu sein „Zeugnis“ abzulegen.
Pfarrer, vor allem studierte Theologen hatten es schwer. Sie standen, gemeinsam mit Frau und Kind unter Dauerbewachung. Waren die Rollläden im Pfarrhaus morgens um halb acht noch geschlossen. „Aha der Pfarrer hat wieder Mal verschlafen.“ War im Pfarrbüro Samstag abends um zehn Uhr noch Licht. „Aha, der Pfarrer ist mit der Predigt wieder nicht fertig geworden.“ Bei der sonntäglichen Predigt dann, würde, was ja nichts schlechtes bedeutet sorgfältig, nachgerade genau zugehört. Besonders fromme Brüder, zum Gottesdienst mit einer Bibel und einem Oktavheft bewaffnet, notierten eifrig mit. In der Regel verdeckt durch die vordere Kirchenbank, geduckt sitzend, die aufgeschlagene Bibel auf der Kirchenbank, das Oktavheft auf den Knien den Kugelschreiber in der Hand. Gelegentlich wurde schon während der Predigt missfallend mit dem Kopf geschüttelt. Nach Ende des Gottesdienstes bewegten sich zuweilen frommen Männer in Richtung Altarraum und mit bedeutungsschwerer Miene bewaffnet mit der Elberfelder Bibel und Oktavheftchen die Sakristei, die wegen Ihrer Ähnlichkeit, „Sauställche“ (Schweinestall) benannt wurde . Der Pfarrer sich gerade seines Talars entledigend blicke auf. Seine Miene verrieten Verunsicherung und Ängstlichkeit. Der fromme Bruder öffnete die Tür des „Sauställchen“, schloß sie sogleich und blickte den Pastor an. Öffnete sein Elberfelder Bibel, die mit einem Reißverschluss, zum Zwecke der witterungsbedingten der Unbilden und begann zu reden.
Der fromme Bruder
Zu hören was nichts, aber der Gestus des frommen Mannes verriet einges. Erst ein freundliches Lächeln, dann mit bestimmter Miene, weiter mit erhobenen Zeigefinger belehrend ja nachgerade drohend. Bei Pastor hingegen, kaum ein Mienenspiel, ein Nicken zu Beginn, zunächst ein Staunen, ein kritisches Stirnrunzeln, ein Einwänden, zum Ende dann ein kurzes Nicken, den Kopf gesenkt, niedergeschlagen. Er verließ, nachdem der frommen Bruder in Christi gegangen war die Sakristei, den Talar unter dem Arm.
Der Zeltaufbau war für die Jungenschaftler ein Ereignis. Durften sie doch tatkräftig mithelfen, Handreichungen machen, Planen schleppen, Heringe sortieren und verteilen, Bänke aufstellen helfen. Ein großer Spaß, wurden Sie doch ernst genommen und entsprechend gelobt. Das beste in diesem buten Reigen von Aufgaben und Pflichten war die Einrichtung einer „Zeltwache“ ab der ersten Nacht nach dem Zeltaufbau. Der Zeltmeister, ein ehrfurchgebietender Mann, aus dem Verliererland, mit gütigen Augen immer für ein Späßchen bereit, teilte die Zeltwache ein, trug er doch die gesamte Verantwortung für alles rund um das Zelt. Das Zelt kreisrund circa zwanzig Meter im Durchmesser.
Fast so wie ein kleines Zirkuszelt, zumal sein pyramidenförmiges Dach aus vielen trapezförmigen Bahnen, weiß und rot zusammengenäht. Lediglich der Duft von gebrannten Mandeln, Zuckerwatte, der Geruch von Dressurpferden, Ponys und Eseln fehlte. Die „Jungenschaftler, Mädchenschaftler, Jungenjungscharler, Mädchenjungscharler“ waren begeistert. Nachmittags für die Sonntagsschulkinder die Kinderstunde. Eine Frau, eine Diakonisse namens Schwester Siglinde, war dafür aus dem Verliererland angereist. Ihr hellblaues Schwesternkleid wadenlang, ähnlich das der Schwester Käthe, um die schmale Taille gehalten von einer kurzen weißen Schwesternschürze. Das weiße kleine Schwesterhäubchen keck am Dutt befestigt. Die brünette lockige Haarpracht nur schwer mittels des Häubchens gezähmt. Eine frohe, lustige, ausgeglichene Frau mit lieben braunen Augen. Rein äußerlich schon ein vollständiges Gegenbeispiel, zu der sonst vorgeschriebenen Schwesterntracht, in schwarz, mit einer Pellerine für kalte Tage versehen. Die Kinder liebten sie, ihre Geschichten, ihre Gitarre, die christlichen Lieder. Die Jungenschaftler auch, mit heimlichen verschämten Blicken, mit deren pubertierenden Fantasien sorgte Sie gewiss für manche nächtliche feuchten Träume. Aber auch einige frommen Brüder blickten heimlich, steht’s aber auch mit Furcht vor dem Weibe, das einst von der Schlage verführt, Adam um sein Seelenheil brachte.
Die „Verkündigung“ in diesem lustigen kleinen Zirkuszelt war verglichen zum mit dem „Feldzug für Gott und wider den Teufel“ des Janzteams, liberal. Der Missionar, ein Ostfriese mit typischem Seemannsbart, mit Namen Fokke Bushboom RiP, predigte schlicht, jedoch einladend, nicht fordernd, bodenständig, zuweilen humorvoll. Das sogenannte „nach vorne gehen“ im Anschluss an die Verkündigung, sozusagen als Erfolgskontrolle, entfiel vollständig. Im ganzen war es eine lustige Mischung aus verschiedenen Veranstaltungen für Groß und klein, in einem kleinen bunten Zirkuszelt .
Gegen 19:00 brachte Schwester Käthe und Ihn zu Bett. Sie tat das mit dem Ihr eigenen Charme. Freundlich, resolut, sehr eindeutig aber nie grob oder gar grenzüberschreitend. Sie strich uns über die Haare, legte die Fingerspitzen ihrer rechten Hand auf sein Handgelenk, tastete den Puls. Ihre Fingerspitzen waren ein wenig kühler als sein Handgelenk. Ihre Finger sehr gepflegt die ganze Hand angenehm trocken. Die schaute dabei auf die Uhr an Ihrem Handgelenk, eine besondere Uhr. Eine größeres deutlich zu lesendes Zifferblatt. Der Sekundenzeiger war rot. Die Uhr hatte ein silbernes Gelenkband. Auch das Gehäuse der Uhr war von dieser Farbe. Eine Edelstahlarmbanduhr, zweckdienlich hergestellt für medizinisches Personal. Sie verströmte einen zarten nicht unangenehmen Duft von Rivanol, einem damals gebräuchlichen Wundesinfektionsmittels, von kräftig gelber Farbe. Dazu kam, ein weniger angenehmer leicht fauliger Geruch auf Ihrem Atem. Nicht störend, dennoch deutlich in Hintergrund zu ahnen. Schwester Käthe war sehr stolz auf Ihre Uhr. Mit ernster, milder Miene fühlte sie den Puls. Dann folgte ein mildes Lächeln, Ihre rechte Hand strich erneut über seine Haare. Das gleiche bei seiner Schwester „Guud Nachd, schloufd guud ihr Kinn.“ (Donauschwäbisch) Gute Nacht ihr beiden. Schlaft schön träumt was Schönes.
Mutter, Vater, Oma, Opa und auch Schwester Käthe waren bereit und gingen „ins Zelt“. Nichts war in diesen Tagen wichtiger. Er und seine Schwester waren nun alleine in den alten Bauernhaus. Kinder oder Enkelkinder alleine Zuhause zu lassen, kam für Oma Chrnicht in Frage. Bei den Donauschwaben standen die Kinder immer im Vordergrund. Eine andere Lebensart, andere Sitten und Gebräuche, eine andere Küche, die aus Mehl, Wasser, Speck, Knoblauch, Paprika, ein wenig Zucker die köstlichen Gerichte zauberten. Elferraus und Apfelstrudel
Man erwog die beiden Geschwister bei Opa Christine und Opa Peter übernachten zu lassen. Darauf würde aber nichts. Oma Christine litt wieder mal unter einer Gallenkolik. Passierte öfter, Sie machte kein Gewese darum, legte sich für einen Tag ins Bett, nahm „Spalt Tabletten“ gegen Ihre Schmerzen und war am anderen Tag wieder munter und gesund. Er und seine Schwester, bedauerten das, war doch eine Übernachtung bei ihren donauschwäbischen Großeltern steht’s beliebt, standen sie doch in diesem Falle immer im Mittelpunkt des Geschehens, wurden umsorgt und „verwöhnt.“ Es war ein früher Sommerabend, die Sonne gerade erst untergegangen. Der Himmel war bedeckt, die untergehende Sonne malte ein blasses Abendrot am westlichen Horizont. Es war angenehm kühl, die richtige Temperatur im Schlafzimmer der beiden Geschwister. Die Geschwister unterhielten sich noch ein Weilchen, die Stimme seiner Schwester würde zunehmend schwächer. Alsbald war sie eingeschlafen. Mit ruhigem Atem lag Sie da, auf ihrem Antlitz ein kleines zufriedenes Lächeln. Er hatte eine hübsche kleine Schwester. Ein reizendes Kind. Schwarze, dichte, glatte Haare, ein entzückender Bubikopf umrahmte ihr schönes ebenmäßiges Antlitz. Er schlief nicht. Er beneidete den guten Schlaf seiner Schwester, ihre robuste Konsistenz, ihre Ruhe und Beharrlichkeit. Zappelphilipp nannte man ihn. Ruhelosigkeit, Umtriebigkeit, eine überbordende Phantasie prägten sein Wesen. Auch ängstlich und in der Hackordnung der Buben in jenem kleinen Dörfchen ziemlich weit unten. Zu jener Zeit existierte eine Art Mafia, angeführt von zwei drei Kindern aus der ortsansässigen Darbistengemeinde
John Nelson Darby
deren Eltern nach der fundamentalistischen Maxime „Wer sein Kind liebt der züchtigt es“ Sprüche Kapitel 12 Vers 13 So wurden in die Kinder dieser Gemeinde, für vergleichweise geringe „Vergehen“ zuweilen auch unter Zuhilfenahme von Rute und Gürtel, windelweich geschlagen. Die geschah in der Regel unter Ausschluss der Öffentlichkeit, also im Keller. Wäre die Bibel demnach ein Buch für Prügelpädagogen? Was hat es mit dem berüchtigten Satz auf sich: »Wer sein Kind liebt, der züchtigt es«? Die Lutherübersetzung von 1912 so: Wer seine Rute schont, der haßt seinen Sohn; wer ihn aber liebhat, der züchtigt ihn bald.“ Möge hier doch besser eine historisch kritische Interpretation dieser Textstelle zu Sprache kommen? Da wäre zu wünschen. Kurzum: Wer Prügel bezieht gibt sie gerne an Schwächere weiter. Zu jener Zeit jedenfalls regierte das Faustrecht in den Gassen Höfen, Scheunen und Wäldern im Klippdachsland. Er selbst hatte da keine Chance sich „empor“ zu prügeln. Nicht wenige erlitten traumatisierende Erfahrungen, die wohl ein Leben lang zu belasten vermochten. Er war wohl, neben allen guten Erfahrungen dieser Kindheit, verbunden mit einer pietistischen Lebfeindlichkeit in der Erziehung, die zu schweren neurotischen und leider auch zu psychiatrischen Erkrankungen führten konnten. Auch derVerfasser will sich da nicht ausnehmen. Zurück ins Schlafzimmer der Geschwister: War es möglich, das unter seinem Bett ein böser Geist verborgen hatte? Da war doch ein leises Knistern, ein Schmatzen zu hören. Sein Blick unters Bett verriet, das war nichts zu finden. Was er wirklich hörte war alltäglich und damit beruhigend. Das satte muhen der Milchkühe, das zufriedene Grunzen der Mastschweine aus den Ställen. Das leise gurren der Hühner, die sich bereits zu Nachtruhe zurück gezogen und auf ihren Sitzstangen dösten. Das alles sollte ihn beruhigen, tat es aber nicht. Er fühlte sich alleine, im Stich gelassen. Er sah aus dem Fenster. Es wahr noch hell, die Dämmerung zog auf. Er fasste einen Entschluss. Du musst jetzt aufstehen, das Fenster öffen und nachschauen ob er wirklich von allen verlassen war. Gesagt getan. Das Fenster stand offen er blickte hinaus. Da war alles wie immer. Nur eins war anders. Kein Mensch zu sehen. Kein Licht kein bläuliches flimmern der Fernsehapparate in den Stuben. Dem wollte er jetzt auf den Grund gehen. Einerseits aus Furcht andererseits aber auch aus Neugier. Der Weg nach draußen war leicht. Das Schlafzimmerfenster lag paterre, nahezu ebenerdig zur Gasse. Vor dem Fenster waren Pflastersteine lose geschichtet, dazu dienend die steile aufwärtstrebende Gasse vor dem heimatlichen Bauernhaus neu zu asphaltieren und zu pflastern. Er stieg auf das äußere Fensterbrett, ein beherzter Sprung unter Zuhilfenahme der Pflastersteine, sch befand er sich mitten auf der Gasse. Er trug einen hellgrünen Schlafanzug mit hellgrauen Längsstreifen. Seine Schwester war inzwischen aufgewacht, blickte neugierig, ein wenig belustigt und fragte: „Wo willst Du hin?“ „Schwester Käthe suchen.“ antwortete er, was gelogen war. Seine Schwester lächelte und sagte mit der ihr eigenen Gelassenheit: Komm wieder rein, ich bin so müde.“ Er fand das sie eigentlich recht hatte und wollte sich schon auf den Rückweg in sein Bett begeben. Dann jedoch änderte sich die Geräuschkulisse, Laut schlug die Kirchturmuhr, Sie schlug zehn mal. Auch das war ein vertrautes Geräusch. Im selben Moment schritt eine Gruppe Menschen die Gasse hinauf. Er erkannte sogleich, obwohl es nun sch deutlich finsterer wurde: Eine ältere Frau in der typischen schwarzen Witwentracht des Klippdachslandes. Es war Niewes Oma Eine frohe lustige Frau, mit schwerem wiegendem Gang. Gleich daneben ihre Tochter, ebenfalls oft lustig und frohgemut durchs Leben schreitend. Bei uns Kinder war sie beliebt aber auch gefürchtet, wegen ihrer Kitzelattacken die uns plötzlich und unerwartet trafen. Direkt dahinter, Schwester Käthe. Sie sah ihn gleich, eilte voran und winkte freudlich. Sie kann auf ihn zu strich ihm, so wie immer, über die Haare und lächelte ruhig und mitfühlend. Nun erblickte er die Mutter, besorgt, daneben der Vater. Er blickte enttäuscht und verständnislos aber keineswegs erbost auf seinen Sohn der dort halb ängstlich halb neugierig im Schlafanzug mitten auf der Gasse stand. Gleich dahinter ein dicker alter Mann mit Schirmütze, eine einfache Ausführung der Prinz Heinrich Mütze und krähte boshaft:
„Do örre wörrer. Kotches Angstschesser. Gruus Maul onn nix derhinner. Onn suwos well wenn Jonge säi. Schaam dich….!“
Hochdeutsch: Da ist er ja schon wieder. Kotches (Hausnahmen) Angstscheiser (Angsthase) Immer einen großen Mund riskieren, jedoch nichts dahin. Und sowas will ein echter Junge sein. Schäme Dich!
Im Ruhrpott. Ein Wohnhaus, gekauft, renoviert, neu ausgestattet als Heim umgebaut. In einem kleinbürgerlich geprägten Stadtteil. Viele alte Leute, die Vorgärten, peinlich akkurat, der Rasen bis zu seinen Wurzeln gestutzt. Gänseblümchen haben keine Chance. Erst recht nicht, im Frühling die Pusteblumen mir ihrem bezaubernden Gelb. Keine Chance. Ausgerottet vor Beginn der Blüte. Die tiefen Wurzeln ausgegraben, unbarmherzig herausgerissen. Dafür Steingärten, bepflanzt mit Exoten und industriefesten Bodendeckern. Insekten ohne Chancen, ebensowenig wie Singvögel, bis auf den klugen Sperling, der gelernt hat sich mit dieser Ödnis abzufinden.
Die Hecken, ebenfalls Exoten, Thuja und so. Peinlich genau gestutzt, mit dem Zollstock nachgemessen. Tannen in Bonsai Format. Bloß kein Laub. Das stört diese spiesige, bornierte, patriarchale Welt. Was ihm bereits zum ersten mal auffiel.
Es roch: Nach nichts. Näherte man sich den Haustüren ahnte man: Waschpulver- Spülmittel- Kloreinigerduft. Vorwiegend wohnten hier alte Menschen. Witwen, Witwer, Ehepaare die in die Jahre gekommen waren.
Es ist Winter, kurz vor Weihnachten. Wie Watte legen sich große Schneeflocken auf Wiesen und Wälder. Dicke große Flocken fallen von aschgrauen Himmel. Immer noch, obwohl doch schon in die Jahre gekommen, erliegt er dem Zauber des Winters. Seinen Lichtstimmungen, der allmählichen Veränderungen der Landschaft, die vorher grau und trist, dann aber in einem reinen Weiß unberührt erscheinen, so als ob all das was vorher war an Mühen und Plagen nie geschehen wäre.
Der Lärm, die Geräusche verstummen nun fast. Alles wird leiser, verschluckt durch den fallenden Schnee.
Das Heim ist nur über eine Türschelle mit Türöffner zu betreten. Menschen die hier wohnen sollen sich nicht gefährden, keinen anderen gefährden. Deswegen diese geschlossene Gesellschaft.
Ob dieser Umstand für die betroffenen Menschen immer zu Guten gereichte sei dahingestellt. Beim betreten des Konferenzraumes, er war in Begleitung der Wichtelprinzessin, erneut dieses Phänomen.
Wichtelprinzessin
Es roch: Schon wieder, nach nichts! Weder im Raum, noch im Flur, der zur Toilette führte, noch in der Toilette selbst, keine Gerüche. Irritation, Verwirrung, Angst überflutete ihn. Eine Gänsehaut machte sich bemerkbar, er begann zu schwitzen. Winzige Schweißperlen sammelten sich auf der Oberlippe.
Jahrelange Erfahrung hatten ihm gelehrt. Da wo nichts zu riechen ist, da ist auch nichts. Ist es möglich anzunehmen, das nichts existiert, erst wird wenn wir es denken? Es erst in dem Augenblick zu existieren beginnt, wenn er es denken kann? Später dann suchte er Hilfe aus diesem gedanklichen Dillema und entdeckte Decartes:
„In dem wir so alles nur irgend Zweifelhafte zurückweisen und für falsch gelten lassen, können wir leicht annehmen, dass es keinen Gott, keinen Himmel, keinen Körper gibt; dass wir selbst weder Hände noch Füße, überhaupt keinen Körper haben.“
Also auch nicht riechen können.
„Ego cogito ergo sum. Aber wir können nicht annehmen, dass wir, die wir solches denken, nichts sind; denn es ist ein Widerspruch, dass das, was denkt, in dem Zeitpunkt, wo es denkt, nicht bestehe. Deshalb ist die Erkenntnis: »Ich denke, also bin ich,« (lateinisch: ego cogito, ergo sum) von allen die erste und gewisseste, welche bei einem ordnungsmäßigen Philosophieren hervortritt.“
Für Ihn hieße das also: „Zwar riecht es, aber Du riechst es eben nicht.“ Daraus könnte er den Schluß ziehen: „Du hast ein psychosomatisches Problem. Du riechst nichts, weil du nichts riechen willst. Du sperrst dich innerlich, du willst mit dieser Zusammenkunft nichts zu tun haben. Du lehnst eigentlich alles ab, was du vorfindest.“ Das Gebäude, der liebevoll, adventlich gestalteten Wichteltisch, den nun allmählich beginnenden Smalltalk. „Du kannst und willst es nicht mehr riechen. Dir eckelt, obwohl du nichts riechst. Du hast Angst, Panik, du willst nur noch eines: Wegrennen.“
Alle sind da: Frau Mi, die Wichtelkönigin, die Wichtelprinzessin Fr. Bri, die Ihr nachfolgend wollte, weitere weibliche Führungskräfte und jene die sich dafür hielten. Zwei Männer sind auch dabei.
Schrottwichtel
Der Kamerad Hirsch dem er zugeneigt war und er selbst.
Er schrieb vorzeiten ein Gedicht. Schon eine Weile her. Heutzutage nicht mehr ganz Zeitgeist konform. Aus seiner Sicht an dieser Stelle recht passend. Vor allem dann, wenn man den zu Beginn unausweichlichen Smalltalk betrachtet, den er, als Sproß einer Handwerker- und Bauernfamilie, mit Dialekt aufgewachsen, eh nur sehr schlecht beherrschte.
Bunte Runde Bunte Runde laut und schrill Leiber duftend Haare schillernd Augen voller Anmut strahlen Münder von Verlockung künden Reden denkend ständig Künden süß fast nur Banales Er fällst drauf rein und hörst‘s voll Lust Doch steckt dahinter oft Berechnung. Hör näher hin lass dich nicht blenden Auch Gift und Galle sind oft süß Merk auf mein Freund, schmeckst nur Glasur; und innen wird es bitter. Duften, lockend Augen strahlend. Haut wie Alabaster schimmert Münder schwellen sanft Merk auf mein Freund Halt dich zurück Denn manchmal wird es bitter Merk auf meine Freund: Du bist es selbst. Gib acht.
Die geneigte, vor allem weibliche Leserschaft, möge Ihm verzeihen.
Nun zur Hauptperson, der Wichtelkönigin. Sie war eine beeindruckende Persönlichkeit. Von kleiner Statur, kugelrund, wirrer Haarschopf, oft knallrot gefärbt. Ein wenig wie Pumuckl.
Kleine lustige eisgraugrüne Augen die zunächst fröhlich und listig blickten. Auf den zweiten Blick dann, war eine anderer Charakter zu erkennen.
Die Wichtelkönigin
Kalt, berechnend, hinterhältig mit einem Hang zur Grausamkeit. Sehr merkwürdig. Zwei unterschiedliche, nachgerade, zwiespältige spannungsgeladene charakterliche Eigenschaften vereint bei einer Person.
Die Wichtelkönigin, war eindeutig die informelle Chefin der Runde. Berücksichtigt er, mit aller Vorsicht, das psychoanalytische Theorem der Persönlichkeitszuordnung des genialen Psychoanalytikers Fritz Riemann aus seinen Standardwerk „Grundformen der Angst“, so ist zur Erläuterung zunächst einmal folgendes zu berichten:
Grundformen der Angst ist eine tiefenpsychologische Studie des Psychoanalytikers Fritz Riemann, die erstmals im Jahr 1961 unter dem Titel Grundformen der Angst und die Antinomien des Lebens erschien. In dem Werk werden vier verschiedene Typen der Persönlichkeit charakterisiert und ihre jeweiligen Ängste und Verhaltensweisen sowie deren Ursachen thematisiert. Riemann unterscheidet schizoide, depressive, zwanghafte und hysterische Strukturen der Persönlichkeit. Wagt man, nach Fritz Riemann eine Einordnung der Persönlichkeit unserer Wichtelkönigin wäre es wert über folgendes nachzudenken:
Wie die Herkunft des Wortes schizoid schon sagt, das altgriechische Wort sch´ızein heißt auf deutsch ’spalten‘, ist das Sozialverhalten des schizoiden Typus’ (S-Typ) von einer Kontaktlücke, einem abgespalten-Sein von und eine Distanz zu Beziehungspartnern und dem sozialen Kollektiv gekennzeichnet. Der S-Typ legt Wert auf die Unterscheidung von anderen, auf seine Unverwechselbarkeit, Unaustauschbarkeit, Einmaligkeit und Individualität, er strebt Autarkie und Unabhängigkeit an, will auf niemanden angewiesen sein und niemanden brauchen, keine Pflichten gegenüber anderen haben.
Oder mal ein Erklärungsversuche mit Hilfe einer astronomischen Denkfigur. Den schizoiden Charakter kann man sich als eine Sonne vorstellen. Er steht im Mittelpunkt eines Systems. Er ist sich dessen in bestimmten Fällen sehr bewusst. Er strebt danach, will Einfluss, will Macht, will in diesem Sinne steuern. Das soll aber nicht sichtbar sein, macht ihm Angst. Aus der Ferne Menschen zu steuern, zu beeinflussen, zu manipulieren, ohne direkt in Erscheinung zu treten. Dafür steht er als Fixstern im Mittelpunkt. Der Depressive, liebt es, gleich wie Satelit um eine Idee, um eine Person zu kreisen. Sich ganz hinzugeben, für eine Idee und deren Inkarnation zu leben. Selbstaufgabe ist dabei folgerichtig, ja notwendig. Er weicht dann ganz von sich selbst ab, vergisst sich, achtet nicht mehr auf sich.
Mit fatalen Folgen. Er rückte zeitweise näher an die betreffende Person heran. Das war praktisch, könnte er doch eigene berufliche Ziele schneller vorstellen und mitunter auch durchsetzen.
Der schizoide Charakter fühlt sich dann bedroht, will er diese Nähe doch eigentlich nicht. Er fühlt sich von soviel Nähe bedroht. Er rückt deutlich ab. Gelingt das nicht, hat er lediglich noch eine Möglichkeit. Er betont seine Unabhängigkeit, distanziert sich deutlich. Nutzt das nichts, reagiert er voller Panik, Vernichtungsphantasien machen sich breit. Jedes Mittel ist dann Recht.
Wenn sich schizoide und depressive Partner anziehen, dann ahnt möglicherweise der Schizoide instinktiv die Liebesbereitschaft und Liebesfähigkeit des Depressiven, seine Opferbereitschaft, sein einfühlendes ich-Bemühen. Hier kann er sich aufgehoben fühlen.
Andererseits fasziniert den Depressiven am Schizoiden, daß dieser etwas lebt, was er sich nicht zu leben gewagt hat: unabhängiges Individuum zu sein, ohne Verlustangst und Schuldgefühle. Zugleich spürt er, daß hier jemand ist, der seine Liebesbereitschaft dringend braucht. Eine solche Konstellation kann gelingen aber auch in die Katastrophe führen, denn wenn sich der Schizoide zu sehr eingeengt fühlt, wird er sich zu lösen versuchen, was dazu führt, daß der Depressive sich vernachlässigt fühlend näher an den Schizoiden herankommen möchte. So entsteht ein Prozess der sich gegenseitig verstärkt und aufschaukelt. So auch hier. Da trafen sich zwei Charaktere die unterschiedlicher nicht sein konnten.
Mit Folgen die Beide betrafen, aber zunächst lediglich von der einen Seite wahrzunehmen war.
Zum einen Ihre schwere Adipositas Erkrankung die sich immer mehr ausprägte. Zum anderen, was Ihr enorme Kräfte abforderte, die Konstruktion von erdachten, Ihr zum Machterhalt dienenden zwischenmenschlichen Beziehungen und Situationen. Ein bestes Beispiel dafür war war das alljährliche Weihnachtswichteln.
Sie baute, mit unserer Hilfe ein Szenarios absoluter vorweihnachtlicher Harmonie, Friedfertigkeit und Geborgenheit für Alle auf. Täuschend echt.
Ihre eigentlichen Absichten, nämlich Ihren kalten Machtanspruch zu zementieren und auszubauen wurden dadurch verwischt. Das war der eigentliche Sinn dieser von Grund auf verlogenen Veranstaltung. Wir alle, vor allem aber die Bedauernswerte Frau M. jene Person, die allmählich innerlich ertrank, nahmen dankbar an und fielen darauf rein.
Friede, Freude Eierkuchen vor Weihnachten, das musste sein. Ein jährlich sich wiederholendes Ritual.
Nun wurde ihm klar. Hier war nichts zu riechen. Zu riechen ist nur daß was wirklich existiert um so seinen Duft zu verbreiten. Der Duft, der typische Geruch eines Gegenstandes, einer Situation die sich ergibt, nur der gibt verlässliche Auskunft über das was wirklich existiert. Riecht es nicht, existiert es auch nichts, ist falsch, unecht, verlogen, konstruiert.
Philosophisch im Existenzialismus betrachtet:
„Der Existenzialismus erlaubt die Vorstellung des Nichts und seine Erfahrung in der Angst überhaupt erst eine Ahnung des Seins zu haben.“
Für Dichter und Philosophen wie Jean-Paul Sartre (1905–1980) und Albert Camus (1913–1960) ist das Nichts das, woraus menschliches Dasein (Für-sich-sein) erwächst und menschliche Freiheit erst möglich wird.“ Quelle: Jura Forum
Dieser kurze Ausflug in die Philosophie mag genügen um sein: „Ich rieche hier nichts“ zu deuten.
Einer soll nicht vergessen werden. Kamerad Hirsch. In dieser Runde ein Lichtblick. Er, geprägt von einen tiefen herzlichen Sympathie für die Menschen mit Einschränkungen. Hirsch ließ sich auf eine kluge Art und Weise nicht auf die Ränkeschmiede dieser von Grund auf unehrlichen Runde nicht ein. Er folgte diesem Spiel nur dann, wenn es unbedingt erforderlich war, um sich zu schützen. Ansonsten machte er, im Windschatten dieses aufgebrachten Geweses, sein Ding. Er lachte viel, trieb seine Scherze ob dieser Zustände, aber nie so, daß er in Gefahr damit geriet. Ein guter Kamerad Ehrlich, kein bisschen arrogant, Machtspielchen verachtete er. Danke Kamerad Hirsch, für die schöne Zeit mit Dir, trotz aller erduldeten Unwahrheiten, Intrigen und Schmähungen.
Jemand hat mir zum neuen Jahr geschrieben: „Auch von mir ein frohes neues Jahr! Ich bin gespannt auf unseren gemeinsamen Weg…“
Diese Wortwahl vom „gemeinsamen Weg“ ist mehr als eine nette Floskel. Sie trägt eine tiefe Bedeutung – für den Glauben und für unser Zusammenleben.
Der Weg ist das Ziel – aber welcher Weg?
„Der Weg ist das Ziel“ heißt: Nicht nur das Ankommen zählt, sondern wie wir miteinander unterwegs sind.
Das wirkliche Handeln für Gerechtigkeit, die gelebte Verbundenheit, der tatsächliche Zusammenhalt – das ist bereits Gottes Reich, nicht erst ein fernes Ziel.
Die Redewendung wird oft Konfuzius zugeschrieben, doch die Idee gilt überall und ist zutiefst biblisch.
Biblische Weggeschichten sind Befreiungsgeschichten
Der Auszug aus Ägypten – die Urgeschichte der Befreiung:
Ein versklavtes Volk bricht auf in die Freiheit. Nicht das „gelobte Land“ allein ist das Ziel, sondern der Aufbruch aus der Unterdrückung, die Erfahrung des Zusammenhalts in der Wüste, das Aushandeln einer gerechten Ordnung unterwegs.
Die babylonische Gefangenschaft – Weggeschichte des Widerstands und der Hoffnung trotz Fremdherrschaft.
Jesu Weg nach Jerusalem – bewusster Gang in die Auseinandersetzung mit den Mächtigen in Religion und Politik.
Der Weg selbst ist bereits Widerstand.
Die Weihnachtsgeschichte – Maria und Josef, Flüchtlinge auf der Suche nach Unterkunft, finden Zusammenhalt bei den Ausgeschlossenen.
Der gemeinsame Weg heute
In der Überlieferung der Befreiungstheologie und der „Kirche von unten“ bedeutet der gemeinsame Weg:
Zusammenhalt mit den an den Rand Gedrängten
Widerstand gegen Unrecht und Ausgrenzung
Mitbestimmung statt Rangordnung
Gemeinsames Ringen um eine gerechtere Gesellschaft
Der Weg ist gemeinschaftlich oder er ist gar nicht. Niemand kann allein befreit werden – wir sind aufeinander angewiesen.
Auch in Beratung, Erziehung und Begleitung gilt:
Der Verlauf der Stärkung ist bereits das Ziel. Nicht das Ankommen bei einer fertigen Lösung, sondern das gemeinsame Suchen, das Wachsen an Schwierigkeiten, die Erfahrung: Ich kann etwas bewirken.
Für 2025 wünsche ich uns allen: Gesundheit, Frieden und die Kraft, gemeinsam Wege der Gerechtigkeit zu gehen.
Bleiben wir behütet – und behüten wir uns einander.