Eeluwes

Ölofen
Eine Hommage an Jakob den klugen Wirt (R.i.P)

Jakob (der Fersenhalter) ringt mit dem Engel

Die in der folgenden Erzählung handelnden Personen existieren so nicht. Das gilt auch für die beschriebenen Orte.
Es liegt keinesfalls in der Absicht des Verfassers, einzelne Personen bloßzustellen oder sie in Ihrer Lebenweise, Ihrer Lebenseinstellung, Ihrer Überzeugung oder Ihrer religiösen Auffassung zu kritisieren oder gar parteiisch zu bewerten.

Im Gegenteil. Der Verfasser schreibt hier vor dem Hintergrund einer großen Zuneigung und Liebe gegenüber den Menschen, Ihrer Lebensweise und der Art und Weise wie sie Ihr Leben gestalten, wie Sie ihr Leben bewältigen, ist er doch höchstselbst ein Kind dieser Region, dort geboren, zu Schule gegangen, Herangewachsen, Familie gegründet und immer noch gerne dort lebend.

Wichtig ist ihm Dinge zu beschreiben, die er so empfunden, er so erlebt hat und welche Rückschlüsse er daraus für sein eigenes Leben gezogen hat.
Dabei bemüht er sich durch sprachliche Überzeichnungen, humorvolle und satirische Stilelemente, seine Leser zu interessieren und zu unterhalten.

Nichts aber auch überhaupt nichts liegt ihm daran eine „heimattümelnden“ kitschigen Wiedersprüche nivelierende Erzählweise zu pflegen, die subjektiv empfundene Wiedersprüche, Ungleichheiten sowie Benachteiligungen zukleistert oder gar leugnet.

Mitten im Dörfchen, gleich da wo die beiden Bäche zusammenflossen befand sich eine niedrige Brücke.
Sie bot dem einen kleineren Bach nur recht wenig Raum zum durchfließen. Im Herbst, bei Dauerregen und Sturm, im späten Winter bei der Schneeschmelze, konnte die alte Brücke die Wasserflut nicht mehr fassen.
Dann dann verwandelten sich beide Bäche in reisende Gebirgsbäche und überspülten mitunter die Hauptstraße.Gleich links von der Brücke befand sich eine Gaststätte, besser gesagt eine Eckkneipe. Diese war schon über hundert Jahre in Familienbesitz, nun bereits in der dritten Generation. Dort zapfte man ein prickelndes, schmackhaftes Pilsbier mit herbem Charakter, gebraut von einer Brauerei, gleich sechs Kilometer entfernt, die nur dieses eine Bier braute.
Und, Schnäpse gab es, wie damals üblich, Wacholderschnaps, Doppelwachholder, Korn und ein Destillat welches sich „Frucht“ (Obstler) nannte.

Speisen gab es nicht, nun ja, auf Bestellung und das eher wiederwillig, eine heiße Mettwurst mit Roggenbrot und einem Klecks Senf, aber nur dann wenn der örtliche Metzger geliefert hatte.
Zu besonderen Anlässen, zum Beispiel kurz vor Weihnachten oder zwischen den Jahren, erfuhr diese übersichtliche Speisekarte eine erstaunliche Erweiterung.
Auf besonderen Wunsch, bereitete der Wirt dieses Mettwürstchen auf eine ganz besondere Art zu.

Die Bestellung lautete dann so:
„Jakob“ (nennen wir Ihn so) mach mer mohl e Öluwes“ Die lässt sich schwerlich in hochdeutsche Sprache übersetzen.
Der geneigte Leser möge dies verzeihen ,es ergibt sich im Verlauf der weiteren Erzählung, Sinn und Inhalt dieser Bestellung.

Über viele Jahre hin war diese Eckkneipe der Treffpunkt vieler Handwerker und Bauern der umliegenden Dörfer und Weiler.
Hochbetrieb herrschte bei Wilhelm vor allem dann wenn die Handwerker und Arbeiter Feierabend hatten und auf dem Nachhauseweg noch einen oder auch zwei Schoppen trinken wollten
Das war an Werktagen zumeist zwischen vier und sechs Uhr Nachmittags.
Maurer, Dachdecker, Zimmerleute, Schlosser, Schweißer, fast immer in den dafür zur Verfügung gestellten Fahrzeugen, ankommend, betraten das Lokal dann, durstig, in Ihren Arbeitskleider die Lokalität.
Einige stumm, graugesichtig, die Mundwinkel zusammen gepresst, mit hängenden Schultern.

Andere, zumeist Dachdecker, Zimmerleute in ihrer Zunftkleidung, die Maurer in blauen unvermeidlichen Arbeitsjäckchen, oft ausgefärbt, zerschlissen und geflickt. Sie kommen oft laut, polternd, schimpfend, fluchend, derbe Witze reisend. „Jakob breng ins gläich e Herrengedeck! Oder bässer gläich zwoo. Meer hoo Daschd.“ (Bringe uns bitte gleich ein Herrengedeck (Bier und Korn) Oder besser gleich zwei. Wir haben Durst.) Es riecht nach Männerschweiß, Zigarettenqualm, Bierdunst, Ölofen und ein bisschen nach Urin, befindet sich das Männerklo doch gleich neben der Gaststube.

Eine Frauentoilette gibt es nicht.
Es war eine durchweg paternalistische Männergesellschaft die sich dort traf. Mädchen und Frauen waren fast nie zugegen, waren aber in Gedanken und Männer-Phantasien zugegen, was oft dadurch zum Ausdruck kam sich irgendwelche „schmutzigen“ frauenfeindliche Witze zu erzählen um anschließend in grölendes Gelächter auszubrechen.
Deshalb vom Grunde auf frauenfeindlich? Oh nein, daß sind Sie nicht.
Diese Witzchen über Mädchen und Frauen, wenn auch rau und ungehobelt vorgetragen, lassen oft auch eine Scham, eine zurückhaltende Scheu, eine subtile Angst vor Frauen erkennen.
Als Beleg dafür mag die Beobachtung gelten, dass viele junge Männer in heiratsfähigen Alter, Junggesellen bleiben, umgelenke, tapsige Hagestolze, die, wenn sie einem attraktiven weiblichen Wesen begegnen, verstummen, oder anzüglich derbe werden.
– – –
Ein durchgängig patriarchalisch orientierte Dorfgemeinschaft, so wie es nach den soeben verfassten Schilderungen zu vermuten wäre, war diese Gesellschaft aber eher nicht.
Eine kleine Anekdote, an dieser Stelle eingefügt, möge diese Behauptung untermauern:

Immer an Samstagen, an hohen kirchlichen Feiertagen wurde gebadet. Das galt als Dogma.
Alle badeten. Erst die Großeltern. Danach die Kinder und und schließlich im selben Badewasser, die Eltern.
Zuvor schon, war die frische Unterwäsche von der Mutter für alle Familienmitglieder, auch für den Vater zurecht gelegt worden. In diesen Zeiten badete man grundsätzlich nur einmal in der Woche, nämlich Samstag Abend.
Nun könnte man sagen:
Die Frau des Hauses, die eh schon mit der mühsamen Arbeit in Haus und Hof belastet, muß nun auch noch die frische Wäsche welche Sie auch mühsam gewaschen hat, für den Herrn des Hauses zurecht legen. Der Ehemann als Familienoberhaupt, als Pascha?
Nur bedingt.
Würde er nämlich die Initiative ergreifen und seine Kleidung für Sonntags selbst aussuchen, käme es unweigerlich zum Eklat:
„Vadder du wääd doch wohl nedd ii dörer Läwerie ( vermutlich französisch: Blanchisserie = Wäsche) ii der Körche gieh?“ (Vater Du willst doch nicht wirklich in dieser Kleidung zum Gottesdienst gehen?) so die Gattin.
Könnte es sein, daß durch diesen Brauch, eine allmähliche, eine schleichende Hospitalisierung des Mannes erreicht wird, die man unter Umständen als eine Entthronung, eine subtile Entmachtung des Mannes betrachten kann?

Vollkommen unselbständig gemachte Männer, die nicht mehr Lage sind ihren Alltag zu bewältigen, weil sie über Jahrzehnte bedient wurden?

Eine subtile eher unbewusste Machtausübung benachteiligter Frauen gegenüber dem Manne der bis zur Übergriffigkeit vollversorgt wird?

Die Frauen zur damaligen Zeit erschienen ihm zumeist bodenständig, alltagsklug, selbstbewusst und tonangebend. Sicher war das auch dem Umstande geschuldet, daß durch die Abwesenheit der Ehemänner vor allem in den Sommermonaten, weil diese sich als Saisonarbeiter hauptsächlich im Siegerland verdingen mussten, dies mühsame Arbeit in Haus und Hof alleine stemmen mussten.
– – –
Die Männer kommen alle in Ihren Arbeitsklamotten zum Jakob wie man sagte. Keiner dachte daran sich vorher umzukleiden.
Ihre Arbeitskluft zeigte, wie körperlich schwer und anstrengend die Arbeit ist. Die Gesichter, wettergegerbt, manchmal auch gerötet, zuweilen auch ein wenig aufgedunsen. Von Statur sind alle kräftig, die Arme muskulös, die Schultern breit. Viele auch mit beachtlichen Bierbäuchen ausgestattet.
Sie reden über Fussball, gewesene Feuerwehr Einsätze, Politik im allgemeinen, Kommunalpolitik im Besonderen.
Klischees werden bedient. Stammtischparolen werden gedroschen. Zuweilen mitgebrachte Lehrlinge, „Stifte“ genannt, meist still und verdruxt am Bier nippend, werden wie gewohnt, auf den Arm genommen, veräppelt, zuweilen auch bloßgestellt.
„Lehrjahre sind keine Herrenjahre!“ sagt man Ihnen.
Sie ertragen es, stoisch lassen sich nichts anmerken und denken an Ihre zukünftige Gesellenzeit. Dann werden Sie sich rächen, aber nicht an Ihren damaligen Peinigern, sondern an den „Stiften“ die Ihnen nachfolgen.
So war es wohl schon immer.

Nun ja die freiwillige Feuerwehr im kleinen Dörflein.
Wer Mitglied der freiwilligen Feuerwehr war, ob aktiv oder passiv der war auch immer Gast bei Wilhelm. Ein Automatismus der sich aus Tradition und Gewohnheit nährte und nicht unwesentlich das soziale Leben im Dorf bestimmte.
Die Feuerwehrkameraden unter sich, ein Mikrokosmos für sich.
Sie haben eine gemeinsame Mission. Menschen die plötzlich in Not sind zu helfen, zuweilen unter Einsatz der eigenen Gesundheit, des eigenen Lebens.
Das ist nobel, vorbildlich und, für die Feuerwehrkameraden sinnstiftend. Aus dieser Kameradschaft ergaben sich auch eine Fülle weiterer gemeinsamer Freizeitinteressen. Wechselseitige Einladungen der umliegenden Feuerwehren zum Würstchenbraten, Schlachtessen, örtlichen Feuerwehrfesten, regionalen Feuerwehrtagen und so fort.
Würstchen, Spießbraten, Schlachtplatten waren die deftige und schmackhafte Grundlage für den Genuss des regional gebrauten Gerstensaftes, und der anderen hochprozentigen geistigen Getränke.
Das war rundweg vergnüglich, kurzweilig. Streitereien, die sich von alter Zeit her aus Rivalitäten der Dörfer untereinander nährten und zuweilen in kleineren Prügeleien untereinander endeten, aber nie wirklich zu ernsthaften, folgenreichen Auseinandersetzungen führten.
Oft so gegen halb sechs am Abend öffnete sich die Türe der Gaststube. Ein stattlicher großgewachsener Herr in grüner Uniform betrat die Bühne.
Stolz, erhobenen Hauptes, ein wenig arrogant trat er in die Mitte des Raumes. „Nabend allerseits.“
Ohne Umschweife setzte er sich auf immer denselben Stuhl an einem Biertisch der, zwar nicht ausdrücklich für Ihn reserviert war, der aber dennoch solange freiblieb bis er höchstselbst dort Platz nahm. Er brauchte sein Bier nicht zu ordern.
Jakob der Wirt zapfte bereits an dem hellen Blonden für Ihn.
Er trug eine grasig grüne Uniformjacken mit jeweils zwei silbernen Eicheln nebeneinander auf den Schulterstücken.
„Dä Föschder ess doo.“ (Der Förster ist gekommen) bemerkte ein Waldarbeiter am Nachbartisch, der mit seinen schwieligen roten zerkratzten Händen zum Glase griff und dem Herrn Oberförster, nun nennen wir Ihn Roderich Brei, zuprostete.
Der aber hatte sein Bier noch nicht und nickte nur beiläufig.
Jakob der Wirt, dessen feste Überzeugung es war ein gut gezapftes Pils dauere sieben Minuten um zur Vollendung zu kommen brachte Ihm schließlich sein Bier samt Bierdeckel.
Das dünne Kelchglas trug am untersten Rand seines Stieles eine blütenweiße ganz dünne saugfähige Papiermanschette, um den überlaufenden Schaum des edlen Gerstensaftes gegebenenfalls aufzusaugen. Gekrönt von einer beachtlichen weißen Schaumkrone glitzerte das Pils in bernsteinfarbenen Gold. Feine Fäden aus winzigen Kohlensäurebläschen durchzogen das edle Nass.
Nie mehr sah er so ein perfektes Pilsgetränk.

Er reichte es Roderich, erst den Bierdeckel, dann den Kelch und sprach tonlos, kaum hörbar: „Zmm Wohl.“ Roderich nickte nur und hob den Kelch zum Munde um zu trinken.

Nach ein bis zwei Bieren, löste sich dann die Zunge des Herrn Oberförster Roderich Brei.

„Ich bin ein Wirtschaftsmann. Der Wald ist das Kapital für die kommenden Generationen.
Ich kann Euch sagen, die Gemeindeverwaltung, schlimm, lauter Sesselfurzer, verdienen eine Haufen Geld, wir müssen sie bezahlen. Keine Ahnung und immer eine große Klappe.
Und dann, seit neuestem diese grünen Käferzähler und Vogelschützer. Alles Spinner. Vorlaute Lehrerkinder, unerzogene Pfarrerskinder, noch nie was vernünftiges gearbeitet.
Und wir müssen die durchfüttern. Eine Schande.
Und die wollen uns auch noch regieren.
Früher, da gab’s sowas nicht!“

Einige Gäste nickten Ihm liebedienerisch zu, andere hoben das Glas und skandierten: „Jawolll“.
Andere blickten gelangweilt ins Bierglas.
Wenige verzogen missbilligend Ihr Gesicht wendeten um und kommentierten: „Du Schwätzer.“

Jakob der Wirt hörte am Zapfhahn stehend zu und sagte schließlich, als der Disput allmählich abflaute:

„Häsde gehäd ich menn nur“,

was schwerlich und nur sinngemäß zu übersetzen wäre: (Ich habe zugehört. Ich meine ja nur.)

Es kann vermutet werden, das Er damit sagen wollte:

„Jeder kann hier in meiner Gaststätte, seine Meinung frei äußern. Ihr müsst euch nur vertragen.“

Immer schon hing ein Holztäfelchen an der Stirnwand, für jeden zu lesen, gegenüber der Theke auf dem geschrieben stand:
„Ein guter Gast ist niemals Last.“

Jakob der Wirt. Ein lebenskluger Mann, geprägt durch ein entbehrungsreiches Leben, als Soldat im Kriege durch Schicksal, Not und Angst.

Er jedoch, ebenfalls durch Biergenuss ein wenig enthemmt fühlte sich persönlich angegriffen und wurde zornig. Eifrig versuchte er sachliche Argumente für die beginnende Ökologie- und Umweltschutzbewegung der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu finden, was ihm jedoch nur ansatzweise gelang.
Er verhaspelte sich in der eigenen Argumentationskette, würde immer lauter und heftiger.

Sehr schnell verbündeten sich fast alle gegen ihn:
„Wos wäd du da du Bläss. Kää Ahnung voo nix. Lann öscht mo woss rechdijes. Da kinn mer wäirer schwädse.“
(„Was bist du denn für ein Hanswurst. Du grüner Junge. Verliere erst mal deine Eierschalen und werde trocken hinter den Ohren. Lerne erst Mal was richtiges. Dann können wir weiter reden.“)

Nun schaltete sich der kluge Wirt ein und sagte im ruhigen Tone:
„Du bäst enn oole Hezebletz. Genau wie Kottches Schöwerdägger. Derbäsde gesde jezz hääm. Kimmst da mann wörer.“
(Du bist ein alter Heißsporn. Genau so wie ein entfernter Vorfahre von dir aus dem neunzehnten Jahrhundert. Am besten gehst Du nun nach Hause. Morgen kannst Du gerne wiederkommen.)

Er nahm Jakobs Vorschlag an, zahlte und ging wütend und beleidigt nach Hause.

An einem anderen Nachmittag, so gegen drei Uhr Nachmittags an einem Freitag im frühen Frühling.
Er 16 Jahre jung befand sich auf dem Weg zu Jakobs Kneipe.
Nicht um dort Bier zu trinken, was er eher selten tat. Vielmehr war er auf dem Weg zu Jakbs Sohn, nennen wir Ihn Robert, der mit Ihm gemeinsam eine weiterführende Schule besuchte.
Sie hatten die Absicht die Hausaufgaben gemeinsam zu erledigen und für die anstehende Mathematikarbeit zu lernen.

Dabei überquerte er erneut die besagte niedrige Brücke. Weitere zehn Schritte geradeaus. Links nun das Treppenportal zu Jakobs Kneipe. Von zwei Seiten zu begehen, fünf Stufen hinaus. Nun befand sich direkt auf Augenhöhe die schwere lerchenhölzerne Eingangstür mit ihrem beim öffnen unverwechselbaren Geräusch…… *

Die sich gelegentlich ergebenden Übungsstunden im Fach Mathematik waren für Ihn zwar recht nützlich aber auch gelegentlich unerquicklich.
Konfrontierte sie ihn doch mit der zweifelsohne richtigen Feststellung, die Roberts große Schwester, nennen wir sie Babette, welche die beiden Jungen bei den Übungsstunden beaufsichtigte wie folgt ausdrückte:
“ Innser Robert ess im Rechen viel bässer wie du.“
(Mein Bruder Robert beherrscht das Fach Mathematik besser als Du es jemals vermögen wirst.)

Dennoch, in jener großen Küche vollzog sich das ganze bunte Familienleben dieser Gast- und Landwirtsfamilie, nebst allem was die Gaststätte betraf, war doch die Gaststube direkt nebenan und nur durch eine Schiebetür von jener großes Wohnküche getrennt.

Babette die Älteste der Geschwister, war schon seit Jahren in die Fußstapfen des Vaters getreten und damit auch schon in jungen Jahren die allseits geachtete Nachfolgerin und Wirtin in spe geworden.

Eine kluge, attraktive junge Frau, resoluter Natur, ohne jemals grob oder unhöflich zu sein.
Zuweilen, eher selten, erkundigte sich ein meist auswärtiger Gast nach der Speisekarte.

Die gab es nicht, war auch nicht notwendig.
Was Babette anbieten konnte, war ein Mettwürstchen, kalt oder warm.
Ließ ein Gast sich darauf ein, eilte Babette aus der Gaststube in die Küche, griff in den Kühlschrank und holte besagtes Würstchen heraus, bei Warmbestellung, fluchs in eine kleine Stielkasserolle, kaltes Leitungswasser dazu, auf die kleine Flamme des Gasherdes gestellt.

Das Mettwürstchen ins kalte Wasser gegeben. Zehn Minuten köcheln lassen schon fertig.
Babette inzwischen erneut auf der Gaststube kommend, geht zum Küchenschrank entnimmt dort ein Kuchentellerchen. Es ist aus weißem Porzellan mit einem Rosenmuster um den Tellerrand. Sie entnimmt das Würstchen aus dem siedenden Wasser. Vorsicht dann mit der Gabel auf das besagte Kuchentellerchen.
Auf dem noch siedenden Wasser schwimmen kleine Fettaugen.
Der feine Duft von frisch gebrühter Wurst breitet sich aus.
Babette nimmt nun eine Tube Löwensenf extra scharf aus dem Kühlschrank.
Ein kleiner gelber Fleck davon auf das Kuchentellerchen. Ganz an den Rand desselbigen.
Nun stellt Sie alles auf die silberne Abtropffläche der Spüle, auf der auch eine dunkelblaue Spülmittelflasche Marke Pril ihren festen Platz hatte. Das Gedeck war jedoch noch nicht vollendet.
Erneut wendet sie sich ab. Gleich linker Hand befand sich ein weißes Küchenschränckchen, direkt in gleicher Höhe wie der Gasherd.
Die Türe dieses Schränkchens war in der Mitte sowie gleich oben links und rechts mit bunten Prilblumen beklebt. Sie bildeten damit ein lustiges Dreieck auf der Oberfläche des sonst weißen Türchens.

Sie öffnete diese bunt beklebte Türchen. Sogleich entströmte von dort der typische Geruch von Sauerteigbrot. So war es auch.
Ganz unten lag, mit der Schnittseite nach unten, sorgfältig lose bedeckt mit einem sauberen Küchentuch aus Baumwolle, bunt kariert, ein zur Hälfte durchgeschnittenes Bauernbrot mit glatter Krumme, die wiederum einen matten schwärzlich brauen Glanz abgab.

Babette hob den halben Laib des Bauernbrotes heraus und legte Ihn auf die Abtropffläche der Spüle.
Nun mittels eines besonderen Mechanismus, ganz trickreich klappte Sie die Brotschneidemaschine aus demselben Schränken heraus.

Und so stand Sie da, in all ihrer funktionellen Pracht.
Auf einer graumelierten Bodenplatte war das Exponat fest verschraubt.
Die Flanken, der Messerschutz in weiß, schon ein wenig bestossen von häufigen Gebrauch.
Die Kurbel, mittels der das große runde Schneidemesser in Drehung versetzt wurde,l chromfarben.
Der Griff der Kurbel ganz in schwarz, aus Bagelitt gefertigt.
Babette bückte sich ein wenig und nahm das zur Hälfte angeschnittene Bauernbrot aus dem Brotschränkchen.
Sie legte das Trockentuch, mit dem das Brot eingewickelt war zu Seite, legte den halben Laib auf die Schneideseite der Brotmaschine an der rechten Hand, drückte den Laib nun umsichtig an das runde Schneidemesser und begann, links an der Kurbel zu drehen.

Dies alles vollzog sich mit einer vollkommenen Routine, ohne Eile, ruhig, sachlich, konzentriert.
Die runde Schneide begann sich zu drehen, und glitt mühelos in die Laibhälfte hinein.

Das dabei entstandene Geräusch war ein zweifaches, gleichzeitiges.
Das Zahnrad zwischen Kurbel und Schneiderad ratterte leise, gleichförmig und zuverlässig.
Die Schneide, sobald sie ins Brot einschnitt, zischte leise, gleichzeitig aber auch ein rutschender Klang, so als ob eine leinerne Tischdecke nach Gebrauch von Wohnzimmertische gezogen würde.

Die so erzeugte Bodder (Brotscheibe) war etwa acht Millimeter dick, nierenförmig von Gestalt. Die Krume feinporig, graubraun, die Kruste eher dünn und schwärzlich braun.
Ihr Duft, säuerlich, brotig, so wie Roggenbrot eben riecht wenn es nicht mehr ganz frisch, seit zwei bis drei Tagen im Brotschränkchen liegt, um auf seinen Verzehr zu warten.

Nun nahm Sie eine bereitliegende Besteckgabel, wandte sich nach links und spieste das nun zur Vollendung gebrachte Mettwürstchen damit auf, legte es sorgsam auf das schon mit Senf versehene Kuchentellerchen.
Die gerade aufgeschnittene Scheibe Brot dazugelegt.
Das Werk war vollendet.

Gabel, Messer und eine Serviette waren zum genussvollen Verzehr in der Gaststube nicht notwendig, so verzichtete Babette auch darauf.

Im dunklen Winterhalbjahr, vor allem über die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr, war die Gaststube schon nachmittags gut gefüllt.
Handwerker, Waldarbeiter, Steinmetze, Steinbrucharbeiter, Zimmerleute Dachdecker und Maurer machten „Schlechtwetter“ und „stempelten“ (meldeten sich zeitlich befristet witterungsbedingt arbeitslos).

Den meisten Männern war diese „Zwangspause“ hochwillkommen und oft auch bitter notwendig.
Die schwere Arbeit unter freiem Himmel, die nebenher noch betriebene kleine Landwirtschaft hauptsächlich zur Selbstversorgung, forderte ihren Tribut.

Das Gelächter der Männer, die lauten Stimmen, die oft grobe zuweilen umgelenke Konversation, das Hämmern der Würfelbecher, die Ansagen beim Skat, (Kontra, Re onn noch en Buuwe droff), gedämpfte Radiomusik, immer (HR 3), die populistischen Stammtisch Parolen, der Bier und Zigarettendunst all das ist ihm in Erinnerung.

Von Spätnachmittags bis tief in die Nacht zechte rauchte man. Eine Runde nach der anderen würde „geschmissen“.
Zur Speise gab es wie bereits berichtet Mettwürstchen mit Löwensenf und einer Scheibe Roggenbrot.

Allerdings gab es, das soll dem geneigten Leser nun nicht mehr vorenthalten werden, während dieser besonderen Winterzeit eine kulinarische Besonderheit:
Der Durst immer noch nicht gestillt, bestellen viele beim Wirt wie folgt:
„Jogeb meer hoo n Honnger wie n Beer!
(Jakob ich habe großen Hunger)
Mach mer mool zwoo Öluwes“

Wilhelm schmunzelte dann wissend, verließ die Gaststube durch die Schiebetür gleich hinter dem Tresen.
Nach einer kleinen Weile kam er zurück und trug zwei sorgfältig in Butterbrotpapier eingewickelte Mettwürstchen bei sich.
Mit Bedacht, noch wenige Schritte, hob er nun das schwere Abdeckgitter des großen Ölofens an und legte die beiden verpackten Würstchen auf die gusseiserne Ofenplatte, das Abdeckgitter wieder an ihren vorherigen Platz.

Ein leises, verheißungsvolles Zischen war sogleich zu vernehmen.

Ein Weilchen später dann, das eine oder andere weitere Pils war inzwischen getrunken, öffnete sich laut vernehmlich die Eingangstüre.

Ein großer kräftiger Mann trat herein. Es war, nun nennen wir Ihn „Eduscho“ seit Jahrzehnten Stammgast bei Jakob.
Dieser Augenblick des eintretens, alle blickten zu Ihm auf, berührte Ihn sichtlich peinlich. Kaum vernehmlich murmelte er „Nabend“, sein Blick irrte hin und her, suchte einen Anhaltspunkt, fand aber keinen. Stattdessen nahm er seine jagdgrüne Schirmmütze, vom fast kahlen Kopfe und legte sie auf die Hutablage der Garderobe, die bereits übervoll war mit den Wintermännermänteln der Gäste.

Dann ging er, immer noch verlegen, schwerfällig zur Theke und wartete wortlos.
Eine Bestellung war auch nicht notwendig. Jakob kannte die Vorlieben seiner Gäste.

Er trug eine Kniebundhose aus jagdgrünem grobem Cord. Dazu einen selbstgestrickten Pullover mit Zopfmuster.

Eduscho nahm das fertig gezapfte Pils von der Theke, führte es zum Munde, trank durstig.
Nun setzte er die Pilstulpe wieder ab. Seiner Kehle entführt nun ein, kaum hörbares unterdrücktes Rülpsen.
Willi hat inzwischen das uhrenglasförmige Schnapsglas bis am den Rand gefüllt.
Wieder dieses tonlos „Zmmm Wohl“. Herr Eduscho nahm das Gläschen, gefüllt mit „Doppelwachholder“ und kippte, wo wie es sich gehört, das edle Destillat, mit einem mal in durstige Kehle, schluckte zweimal. Seine Gesichtszüge entspannten sich sogleich. Sichtliches inneres Wohlwollen zeigten sich auf seinem Antlitz.
Immer noch an der Theke stehend wendete er seinen Kopf nach rechts. Dort stand, wie gesagt der große wärmespendende Ölofen.
Seine Mimik veränderte sich plötzlich. Ein jungenhaftes, spitzbübisches lächeln eroberte seine Gesichtszüge.
Lediglich eine kleine Bewegung mit seinem stattlichen Podex nach rechts, setzt er sich geradewegs auf den warmen Rost des Ölofens, blickt nach oben und grinst.
Die Mettwürstchen zischen ein letztes mal, ein gedämpftes „Wutsch“, dann ein vernehmlicheres Bruzeln.
Augenblicklich beginnt es nach knuspriger Bratwurst zu duften.
Alles lacht. Laut, manche mit verrauchter heißerer Stimme.
Jakob, souverän wie immer:

„Der Eeluwes säi faddich. Ehr Jonge, ezz kinder ääse.“
(Die Ölofen Grillwürstchen sind zubereitet.
Guten Appetit die Herren.)

* ….Immer noch befand er sich sich direkt in Augenhöhe der schweren lerchenhölzernen Eingangstüre zu Jakobs Kneipe mit ihrem beim öffnen unverwechselbaren Geräusch.

Er wendete seinen Blick. Auf der gegenüberliegenden Seite der schmalen Dorfstraße wenige Meter bergan befand sich ein Bauernhaus, eng an die dahinterliegende Anhöhe geschmiegt. Im rechten Winkel gleich rechts daneben die Scheune. Nochmals dann erneut im rechten Winkel wieder links eine erneutes dazugehöriges Wirtschaftsgebäude, als zusätzliche Scheune mit einem Schweinestall im Parterre zu erkennen.
Für einen Bauernhof im Klippdachsland mit seinen kargen Böden und seinen kalten und langen Wintern, ein recht stattliches Gehöft.
Aber dies ist wieder eine andere Geschichte…….
„Mox continues“ (Wird fortgesetzt).

Kumm mei kläinr Buu, mr welle zum Himmelvadr bääde

Komm mein kleines Bübchen wir wollen zum Himmelvater beten.“

Das alte Ehebett mit den hohen Brüstungen vor Kopf und am Fußende. Dicke Federbetten
zusätzlich noch eine Wolldecke auf jedem Bett, darüber.
Grossmutter Christine hatte schon vor einer Stunde die Heizdecke angeschaltet.
Die Bettlaken aus Bieberbettwäsche, wollig aufgeraut, weich warm und anschmiegsam.
Ein kleiner Holzofen gleich links neben der Schlafzimmertüre brannte noch, war jedoch schon am verlöschen. Trotzdem war noch ein sanftes knistern zu vernehmen. Es roch undeutlich nach frisch verbranntem Holz und Asche.
Der große Kleiderschrank unmittelbar gegenüber des Ehebettes ragte hoch bis fast unter die Zimmerdecke.
Er zeigte ein dunkles graues braun auf seiner Oberfläche. Am oberen Ende, befand sich ein kleiner durchgehender Sims im Stile des Neobiedermeier.

Es war im Dezember, an einem Freitagnachmittag, so eine Woche vor Weihnachten. Die Winterferien hatten mit diesem Tage begonnen. Schon am Morgen hatten dicke Schneeflocken die Dächer und Felder bedeckt.

Die Dorfschlehrerin, Frau Wollmantel hatte Ihre Zöglinge mit den Worten: „Ein gesegnetes Weihnachtsfest mein Völkchen“ in die Weihnachtsferien entlassen.

Zuvor in der letzten Schulstunde war das Fach Religion, wie üblich, an der Reihe.
Alle Schüler, von der ersten bis zur dritten Schulklasse, saßen im größten Klassenraum zusammen. Sie sangen zu Beginn, das schöne Weihnachtslied, Ihr Kinderlein kommen, oh kommet doch bald…… .

Frau Wollmantel begleitete dabei mit einem schwarzlackierten Musikinstrument aus Plastik, welches ein Mittelding von Ziehharmonika, und Harmonium darstellte.
Dieses Instrument wimmerte erbärmlich, zwischendurch asthmatisch pfeifend. Die Kinder störte das nicht, hatten sie doch keine musikalischen Vergleichsmöglichkeiten. Im Gegenteil, sie sangen mit Inbrunst, gefühlvoll das kommende Weihnachtsfest freudig erwartend.

Ihre Lehrerin erzählte die biblische Weihnachtsgeschichte so, daß die Kinder sie gut verstehen konnten. Sie erzählte sehr schön mit ruhigem Ton und weicher Stimme, die schon andeutungsweise, ein sanftes Tremolo zeigte. Ein Umstand der viele weibliche Sopranstimmen betrifft, die allmählich das Klimakterium erreichen.

Als die Stelle mit der Verkündigung der Engel über die Geburt des Jesuskindes gekommen war, erreichten Ihre erzählerischen Qualitäten einen Höhepunkt.

Die Engel erschienen prachtvoller, ihr Erscheinen spektakulärer.
Auch den Stall zu Bethlehem, als Geburtsort des Jesuskindes schilderte Sie bildhaft und verständlich.

Im Zentrum Maria sitzend mit dem Kinde in der Futterkrippe, liebevoll mütterlich saß Sie dort. Ihr Blick strahlte Freude, aber auch Wehmut, Schmerz und Trauer aus. Als ob Sie schon ahnen könne, welchen Weg Ihr Sohn bis hin zum Kreuz auf Golgatha gehen würde.

Ein Zitat von Dietrich Bonhoeffer mag an diese Stelle passen, ohne den Erzählstrom wesentlich zu unterbrechen:

„Allein weil Gott ein armer, elender, unbekannter, erfolgloser Mensch wurde, und weil Gott sich von nun an allein in dieser Armut, im Kreuz, finden lassen will, darum kommen wir von dem Menschen und von der Welt nicht los, darum lieben wir die Brüder. Wer fromm ist muß auch politisch sein.“

Gleich daneben rechts, Joseph. Groß, würdig, mehr Hirte als Zimmermann, ein schwerer Umhang und der unvermeidliche Hirtenstab. Alle drei beisammen die heilige Familie.

Die Krippe umlagernd, sitzend halb liegend aufgestützt, drei Hirten. Sie blicken staunend und zugleich erfreut auf das Jesuskind.

„Sind wir es, die ärmsten der Armen, wir die wir am Rand des Gesellschaft leben wirklich die ersten, die das Wunder der Geburt Christi erleben dürfen? Sie wir es, die als Erste dabei sein dürfen, von himmlischen Heerscharen, gerufen, wenn Gott als hilfloses kleines Baby auf die Erde kommt?“

Dabei der Ochse, der Esel und 3 Schafe. Die Körper der Tiere sind hinter einer Bretterwand verborgen. Lediglich die Köpfe sind zu sehen. Ihre Köpfe sind größer als gewohnt, die Augen staunend groß, blicken sie bewundernd und fröhlich auf die Szene.
Fast wie Kinder, die Ihre Weihnachtsgeschenke erhalten haben.

Die 3 Waisen aus dem Morgenlande mit den Gaben, Gold,Weihrauch und Myrhe.
Nun, die fehlen noch. Sind vielleicht noch nicht angekommen.

Zum Ende dann noch: Oh du fröhliche oh du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit…….
Die letzte Strophe dann hymnisch, laut und voller Inbrunst gesungen: …….freue dihich freue dich oh Christenheit !!!

Die Kinder liebten Ihre Geschichten, vor allem dann wenn nach dem letzten Schultage die Ferien begannen.

Zuweilen gingen nicht nur Ihren Schülern, sondern auch Ihr selbst die Geschichten so nahe, daß Ihr die Augen feucht wurden und Sie leise zu weinen begann. Sie erzählte dann von Krieg, Not und Tod, von Flucht und Vertreibung ihrer Familie, von Ihrer Geige die auf der Flucht mitgenommen, plötzlich beim einem Zusammenstoß der Pferdewagen in tausend Teile zerschellte …… .

Ja, Sie war ein Schöngeist im besten Sinne, eine kluge musikalisch begabte empfindsame Seele, wie geschaffen bei uns Kindern die Neugier zu wecken, die Phantasie und die Kreativität.
Wir Kinder wussten das nicht, aber, sie fühlten es.

Gegen 21:00 Uhr.
Die Oma hatte Ihn schon zu Bett gebracht.
Er war ziemlich müde, fühlte sich ein wenig abgeschlagen.
Ein paar Minuten erschien Sie dann, in ihrem blassrosa Unterrock, welchen er gut kannte, diente er Ihr doch als Nachthemd.

Opa, war wie üblich noch aufgeblieben um fern zu sehen. Opa war ein leidenschaftlicher Fernsehgucker. Am liebsten: Die Tagesschau, Ein Platz für Tiere, Eiskunstlauf, Skispringen und am liebsten Spiel ohne Grenzen, aber auch Krimis: Tatort und Edgar Wallace.
Gewöhnlich schaute man gemeinsam fern. Eine Zeit für das Zubettgehen für Kinder gab es nicht.
Oft schauten Oma, Opa und Kinder bis zum Sendeschluss. Dann erklang immer die Nationalhymne, dann erschien das Testbild, danach erst ging’s zu Bett.

Seinen Eltern wurde davon nichts gesagt. Es war unser Geheimnis, welches auch nie gelüftet würde.

Oma schlug die Bettdecke zurück. Er lag schon im selben Bette, was schon, Dank einer Heizdecke, wohlig warm war.
Oma legte sich dazu, strich Ihm sanft über den Kopf.
Sie roch immer, ganz im Hintergrund, ganz zurückhaltend nach Vanille. Es war Ihr ureigenen Geruch, den er liebte.

Die Heizdecke wurde ausgeschaltet.
Oma griff nun zu einem silbrig blassvioletten Kordel welches senkrecht von der Wand hinter dem Bette baumelte und den kopfseitigen berührte. Es war an dessen Ende mit einem ebenfalls blassvioletten Bommel versehen, der an seiner Unterseite mit lustigen herabhängenden kleinen Fäden versehen war.
Dieser Kordel nun hing über dem unvermeidlichen Heilandsbild. Eine erhabene, milde, verständnisvoll und gütig blickende Jesusfigur, mit Vollbart und langem gewellten Haupthaar, den Hirtenstab in der Hand. Vor Ihm in der mondbeschienenen hügeligen Landschaft, die an den Allgäu erinnerte, seine Schafherde.

Das Kordel baumelte, zwangsläufig, keck direkt über die Nase von Jesus.
Dieser schien sich daran nicht zu stören, im Gegenteil, er nahm er hin und schien durchaus belustigt.
Oma zog an dem besagten Bommel. Ein lautes Klack erklang, da Deckenlicht verlosch sogleich.

Sie nahm seine Hand und sagte:

„Kumm kläinr Buu. Mer welle noch zum Himmelvaddr bääde.“

Nun ja, es sei nochmals erwähnt:
„Oma und Opa waren fleißig, lebten sparsam, tat Ihre Pflicht, und waren durchaus gottesfürchtig. Aber nicht auf diese ausgrenzende verhärtete, kalte Art und Weise wie sie im Klippdachsland zu beobachten war.“
Ihm tat das immer sehr gut. Es hat sein bisheriges Leben entscheidend geprägt.
Die Oma und auch der Opa haben immer noch ein festen Platz in seinem Herzen.“

Nachdem das Licht verloschen war, erzählte Oma wie so oft von der alten donauschwäbischen Heimat. Von Opas Stellmacher Werkstatt, von eigenen Weinberg, vom Maulbeerbaum am Strassenrand und dessen süßen, köstlichen Früchten. Von der schweren Arbeit im Felde auf einem fruchtbaren Boden. Von der Kukerutzernte (Maisernte) .
Bald wurden beide müde, ihre Augenlieder wurden immer schwerer und fielen schließlich zu.

Mitten in der Nacht erwachte er mit heftigen stechenden Schmerzen im rechten Ohr. Er erinnerte sich an einen Alptraum:

Ihm träumte, daß er mit hohem Fieber im Bett lag, schweißnass und mit heftigen Schmerzen an ganzen Körper. Er war nass geschwitzt, der Kopf glühte förmlich und hatte rasende Kopfschmerzen. Er litt grossen Durst, die Zunge klebte Ihm am Gaumen.
Wirre Gestalten gnomenhafte Gesichter legten sich auf seine Brust, das stmen wurde ihm immer schwerer.
Ein besonderes niederträchtiger Gnom mit bösem hinterhältigen grinsen stach ihm mit einer langen Strick-Nadel ins Ohr.
Dann schien alles zu verschwimmen, graue Schwärze verdunkelten seinen Blick. Er schien zu schweben.
Dann ganz plötzlich wandelte sich die Szenerie.
Er befand sich nun in einem großen langestreckten Raum. Die Wände, hellgrün gekachelt. Bei einigen Kachel schien die hellgrüne Glasur abgeplatzt zu sein.
Der Boden ebenfalls gekachelt. Kleine rechteckige Fliesen mir kleinen grauen und schwarzen Punkten. Der lange Raum war mit einem recht lauten ratterden Geräusch erfüllt. Nicht unangenehm, eher mechanisch gleichmäßig, verlässlich, fast beruhigend.
Es waren 2 altertümliche Kompressoren, die freistehend, surrend und nagelnd seit Jahrzehnten ihren treuen Dienst, Tag und Nacht jeden Tag des Jahres ohne zu murren, versahen.
Diese Kompressoren dienten zur Kühlung dieses riesigen Gefrierschrankes. Man nannte diese ganze Anlagen somit Gefrieranlage, welche einem einzigen Zweck diente, nämlich allen Bewohnern des Dorfes unabhängig von Stand und Bildung eine Gefriermöglichkeit, zu einer verschwindend geringen Miete zu gewährleisten.
Genau in der Mitte des Saales befand sich ein rechteckiger großer Quader, nämlich der besagte riesige Gefrierschrank.
Der hatte die gleiche Farbe als die Fliesen, nämlich hellgrün.
So um die 3 Meter breit und mindestens 10 Meter lang, genau in der Mitte des langestreckten Saales,
sodas sich links und rechts Gänge befanden, die bequem zu begehen waren.
Von rechts wurde der Saal lichtdurchflutet.
Dort befand sich eine lange Fensterfront, die, vor allem im Sommer viel Licht spendete.
Nun, der Quader hatte links und rechts, auf 3 Ebenen 10 kleine weiße Türchen, lustig anzuschauen und von cremeweisser Farbe.
Jedes Türchen hatte ein Schloss, in Chrom, ebenso possierlich anzuschauen.
Wie gesagt, immer noch fiebrig, krank und vollkommen verschwitzt schwebte er in diesen Saal.
Alles war vertraut.
Schon an der Eingangstüre sah er links in der obersten Reihe jenes Türchen auf dem sich ein rotes Schildchen klebte.
Darauf stand: Vorfroster.
Ein Stehleiterchen ganz in der Nähe, diente dazu die dritte Reihe der Fensterchen bequem zu erreichen. Er schob es zurecht. Laut schleifend, kratzend, als ob es sich nicht bewegen wolle. Durch die gekachelte Halle, vielfach im Geräusche gebrochen, hallend ergab die eine infernalische Kakophonie, die ihn in Mark und Bein erschütterte.
Der kleine Schlüssel baumelte vom verchromten Schloß des Türchens.
Er stieg eine Stufe empor drehte ohne Mühe am Schlüssel, zog nur wenig am Schloß und schon öffnete sich das weiße Türchen.
Ein eisig kalter Windhauch kam ihm sogleich entgegen, er fühlte sich augenblicklich erfrischt.
Das innere dieses Vorfrosters war ganz aus Buchenholzlatten gefertigt. Zwischen den Latten war immer genügend Platz gelassen worden.
Aus diesen Zwischenräumen wehte ein kontinuierlichen eiskalter Windhauch. Auch am Boden fanden sich jene Latten aus Holz.
Dort befanden sich einige wenige Flecken aus Blut, nein nicht eckelerregend, nicht abstoßend, sondern wie selbstverständlich dorthingehörend. Es war Schweineblut.
Er öffnete das Türchen noch ein Stück weiter, sodass mehr Tageslicht von Außen hineindran. Was er nun sah entzückte ihn so sehr, daß er beinahe das Gleichgewicht auf dem Leiterchen verlor.
Ganz hinten links, im hölzernen Gefrierfach, stand ein Glasflasche im Jugendstil. Unten etwas breiter, sich dann elegant verjüngend, um sich danach wieder zu verbreitern, so elegant und anziehend wirkte wie eine schöne Frau im knöchelangem Kleide dessen Faltenwurf, Figur und Taille vorteilhaft umspielte.
Die Flasche, an sich schon in ihrem jugendstilarigen Ausehen faszinierend und von einer nachgerade erotischen Anziehungskraft steigerte sein Verlangen zu trinken. Umso mehr als sie von der Kälte mit winzigen Wassertröpfchen beschlagen war, die sich ab und an zu größeren Wassertropfen vereinigten und langsam den Flaschenhals hinunterrannen. Mit unwiderstehlichem Durst, die Zunge am Gaumen klebend, stieg er nun vollends in das kühle Fach und sah, das jene Flasche bereits geöffnet war. Ihr runder Kronkorken lag, gleich neben ihr. Die zwei Ränder ihrer runden Gestalt waren ein wenig nach oben gebogen. Er hob die Flasche an. Wie kühl sie sich anfühlte. Er betrachtete sie nochmals und trank, gierig und voller Wonne, von dem köstlichen dunkelbraunen Naß……… .

Dann erwachte er, fühlte sogleich diesen stechenden bohrenden Schmerz im rechten Ohr, als ob ihm jemand mit einer glühenden Stricknadel in den Gehörgang stach. Vor Schmerz begann er leise zu weinen. Oma erwachte, tastete nach ihm, fand im Finstern seinen glühenden Kopf.

„Mei Buu, warum duuscht dann greine uffd Nacht?
(Mein kleiner Bub, warum weinst du denn mitten in der Nacht?)
„Ganz schlimme Ohrenschmerzen“ tat er mit weinerlicher Stimme kund.
„Duu nedd greine mei Buu, ich weck drr Oba, däär werd drr helfe kenne,“ flüsterte sie und streckte Ihren Arm zu Opa aus.

Er aber war schon wach geworden und sagte leise: „Was iss dann Christschinn? (Christine?)“ „Drr Buu hodd Ohreschmerze, kannscht helfe?“
Opa fasste Ihn bei der Hand, zog am Schlafzimmerleuchtenbommel.

Das Deckenlicht leutete auf.
Er kniff die Augen zusammen.
„Kumm mit Buulä. I will drr helfe.“
Opa zog seine Hauschuhe mir dem rechten Fuss unter dem Bettgestell hervor und schlüpfte hinein.

Er fasste ihn bei der rechten Hand, öffnete die Schlafzimmertüre. Sie schlurften durch den dunklen kalten Flur, dann gleich links durch die Türe in die Küche.

Opa schaltete auch hier das Licht an. Hell und ohne Erbarmen durchflutete es die Küche.
„Setz di mei Gulbass.“(liebevolle Umschreibung für einen schalkhaften kleinen Buben)
„I kann dr helfe.“

Opa schlurfte ins gegenüberliegende Wohnzimmer und öffnete die linke Schranktüre. Er kam wieder zurück und hatte ein kleines Schnapsglas in der Hand welches er bedächtig auf den Küchentisch stellte.

„Woort noch e bische. I geh gschwind in die Speis (Speisekammer) und hol was. Des helft mei Buuleh.“ (ebenfalls eine liebevolle Umschreibung für einen kleinen Buben) Opa verlies die Küche gleich links in Richtung Schlafzimmer, dann wieder links in die Speisekammer.
Er hörte ein zurechtrückendes leises Gläserklingen.

Als Grossvater zurückkam hatte er eine Ölflasche in der Hand, die er ebenso bedächtig auf den Küchentisch neben des Schnapsglässchen stellte.
Dann öffnete er die Ölflasche ing goss einen winzigen Schluck Öl in des bereitstehende Gläschen. Er so auf dem Küchenstuhl, am Tisch, gleich unter der Küchenleuchte, nur bekleidet mit seinem Schlafanzug. Er begann zu frösteln, ja sich ein wenig zu fürchten. Was mochte nun mit Ihm geschehen?

Grossvater trat zu Ihm hin, strich Ihm über den Kopf, beugte selbigen ein wenig auf die linke Körperseite des Knaben.

Er nahm das Schnapsglässchen und goss einen kleinen Tropfen des Öles in sein rechtes schmerzendes Ohr und sagte:

„Buulä des wärd helfe, kannschsts gloowe.“ ….. .

Frühlingserwachen?

Der Frühling kommt

Der Frühling kommt was bringt er dir
Sonne die Du meidest

Helligkeit die Unruh schafft
Weil außen bunt und innen grau und fad und alt

Licht das den Schmutz der Ecken lüftet
Es zeigt den Restedreck aus all den Jahren

Der angesammelt sich als Lebenskehricht

Vogelzwitschern laut und schrill

Farbe deren Pracht so schnell
verschwindt und Wärme die zur Schwüle neigt

Aufbruch die Gewohnheit raubt
doch eigentlich sich alles immer gleicht

Seelenschmerz weil Neues trügt

Alle lieben diese Zeit von Anbeginn
Er nicht, ist wohl ein rechter Sonderling

Bunte Runde

Bunte Runde laut und schrill
Leiber duftend Haare schillernd

Augen voller Anmut strahlen
Münder von Verlockung künden

Reden denkend ständig
Künden süß fast nur Banales
Du fällst drauf rein und hörst‘s voll Lust

Doch steckt dahinter oft Berechnung.
Hör näher hin lass dich nicht blenden
Auch Gift und Galle sind oft süß

Merk auf mein Freund,
schmeckst nur Glasur;
und innen wird es bitter.

Duften, lockend
Augen strahlend.
Haut wie Alabaster schimmert
Münder schwellen sanft
Merk auf mein Freund
Halt dich zurück
Denn manchmal wird es bitter
Merk auf meine Freund:
Du bist es selbst.
Gib acht.

Die Aktivistin

Die Menschenrechtsaktivistin Nicole Preuss aus Marburg im DER SPIEGEL Nr.15/19:

Mit Ihrem herausragenden ehrenamtlichebürgerschaftlichen bürgerschaftlichen Engagement gibt Sie ein nachahmenswertes Beispiel für den Einsatz für die #Inklusion von Menschen mit Behinderungen.

Nicole Preuss ist Mitglied bei der Lebenshilfe Marburg.

Sie ist unermüdlich arbeitende ehrenamtliche Vorsitzende der Marburger Vereins Down-Syndrom 21 Aktive Mitglieder gesucht!
http://www.downsyndrom21-marburg.de

Sie ist aktives Mitglied der Lebenshilfe Marburg
https://www.lebenshilfewerk.net
Ebenfalls aktive Mitglieder gesucht.

Als Vorstandsmitglied des Lebenshilfe Landesverbandes Hessen ist Sie ebenfalls ehrenamtlich tätig.
https://www.lebenshilfe-hessen.de/de/landesverband/vorstand.html

Ni­co­le Preuss hat ih­ren Sohn Dario ge­nannt
Der Name be­deu­tet: das Ge­schenk. Er lässt sich leicht aus­spre­chen, auch von be­son­de­ren Kin­dern….

Ich habe viel geheult
Dario kam vor fast neun Jah­ren mit dem Down­syn­drom zur Welt. »Ich war sau­er, als ich das in der Schwan­ger­schaft er­fah­ren habe«, sagt Preuss. »Ich habe viel ge­heult.« Tat­säch­lich gab es ein paar Tage, in de­nen sie über­leg­te, ob es sich über­haupt loh­ne, das Ba­by­jäck­chen aus wei­ßem Ted­dy­plüsch zu be­hal­ten, das im Gäs­te­zim­mer der El­tern be­reit­lag…..

Ein Kind mit Behinderungen macht man nicht weg
Dass es Dario gibt, hat auch da­mit zu tun, dass Ni­co­le Preuss wäh­rend ih­rer Schwan­ger­schaft gleich zwei­er­lei er­fuhr. Ihr Kind wür­de be­hin­dert sein. Und ein Jun­ge. Ein We­sen, des­sen Ge­schlecht man schon kennt, macht man nicht weg, so sah sie das schließ­lich.

Danke wir haben uns anders entschieden
Heu­te be­rät Preuss Schwan­ge­re, die sich mit der Fra­ge quä­len, ob sie ein be­hin­der­tes Kind zur Welt brin­gen wol­len. Sie lädt die Frau­en und ihre Part­ner ein, und sie stellt ih­nen Dario vor, der auf ei­nem Stuhl vor der Kaf­fee­ma­schi­ne steht und die Tas­sen füllt. Es kommt vor, dass die Frau­en ein paar Wo­chen spä­ter an­ru­fen und sa­gen: »Dan­ke, wir ha­ben uns an­ders ent­schie­den.«

Was wollen Sie denn mit so einem Kind
Ni­co­le Preuss sagt, sie ken­ne zu vie­le Schwan­ge­re, die ei­nen be­stimm­ten Satz hö­ren und nicht mehr ver­ges­sen: »Was wol­len Sie denn mit so ei­nem Kind?« Als sie selbst schwan­ger war, gab es den Blut­test noch nicht, doch wenn die Spra­che dar­auf kommt, reckt Ni­co­le Preuss den Mit­tel­fin­ger der lin­ken Hand: »Das Pro­blem be­ginnt mit den Ärz­ten«, sagt sie.

Der Gynäkologe verstummte
Sie habe selbst er­lebt, er­zählt Preuss, wie es ist, wenn der Gy­nä­ko­lo­ge beim Ul­tra­schall ver­stummt. Wenn der Hu­man­ge­ne­ti­ker bei der Pflicht­be­ra­tung auf den Bo­den starrt, Vor­er­kran­kun­gen in der Fa­mi­lie ab­fragt, über Wor­te wie »Mo­sa­ik-Tri­so­mie« oder »Trans­lo­ka­ti­ons-Tri­so­mie« do­ziert und dass das ein­zig Auf­mun­tern­de sei, dass be­trof­fe­ne Kin­der gute Über­le­bens­chan­cen hät­ten.

Die Aktivistin Ni­co­le Preuss ver­teilt jetzt die ei­ge­nen Fly­er ih­rer Mar­bur­ger El­tern­in­itia­ti­ve. »Viel­leicht sind Sie er­staunt dar­über, dass wir Ih­nen zu Ih­rem Baby gra­tu­lie­ren?«, steht dar­in. »Wir ver­ste­hen Ihre Trau­rig­keit, Ih­ren Schmerz, weil wir dies ge­nau­so er­lebt ha­ben.« Aber die­sen Schmerz will Preuss nicht so ste­hen las­sen.

Die Kritikerin
Es gibt ei­ni­ges, was sie nicht ak­zep­tie­ren will. Dass El­tern ih­ren Arzt ver­kla­gen, weil der in der Schwan­ger­schaft nicht be­merkt hat, dass ihr Kind das Down­syn­drom hat. Dass der Bun­des­ge­richts­hof den Un­ter­halt für ein be­hin­der­tes Kind als Scha­den wer­tet, für den ein Me­di­zi­ner un­ter Um­stän­den haf­ten muss. »Un­vor­stell­bar«, sagt Preuss. »Mein Sohn soll ein Scha­den sein?«

Dario ist Borussia Dortmund Fan
Dario, der sei­ne Bo­rus­sia-Dort­mund-Bett­wä­sche liebt. Dario, der an die­sem Fe­bru­ar­abend sein Play­mo­bil-Pi­ra­ten­schiff über den Tep­pich se­geln lässt, um eine Prin­zes­sin zu ret­ten. Dario, der im Mai ein vier­tes Mal am Her­zen ope­riert wer­den muss. Dario, der noch nicht weiß, was Tri­so­mie 21 ist. »Dario hat im Kopf ei­nen lee­ren Ord­ner mit der Auf­schrift Down­syn­drom ab­ge­legt«, sagt Ni­co­le Preuss. »Er weiß, dass er das hat. Er kann an­de­re Kin­der mit dem Down­syn­drom er­ken­nen. Aber er weiß noch nicht, was das be­deu­tet.“ *
*Quelle:
DER SPIEGEL 15/19

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DER SPIEGEL Nr. 15/19

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Eine kleine Vogelkunde

Die Krähe

Einsamkeit wer bist du denn? Bist du wie eine Krähe, die an einem grauen Abend im November das Gebüsch verlässt,auf den sie spähend ruhte und nur noch Leere hinterlässt?


Der Bussard

Freiheit wer bist Du denn?

Bist du der Bussard der
auf hohem Ansitz ruht,
reglos sitzt und lugt.

Im nächsten Augenblicke
schwingst du dich auf,
du stürzt herab,
breitest deine Schwingen aus,
der Wind der fängt dich auf.

Und scheinbar ohne Mühe gleitetst du ein Stück, schraubst dich langsam hoch
in einen Himmel der nichts ist
als blaues helles Strahlen.

Dort ohne Mühe bist du frei.

Von allem frei und weißt dich doch geborgen.
In diesem Ozean der Lüfte.

Die wiegen sanft
und dennoch heben sie
dich hoch und immer höher.

Was eine wahre Lust zu leben.

Ja, ich liebe dieses Land!

Frei nach Kurt Tucholsky

»Ja, ich liebe dieses Land. Und nun will ich euch mal etwas sagen:

copyright-edgar-reitz-filmstiftung-mainz5861799013456002376.jpgEdgar Reitz: Heimat

Es ist ja nicht wahr, dass jene, die sich ›national‹ nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben.

Weder der Regierungsvertreter im Gehrock, noch der Oberstudienrat, noch die Herren und Damen des Stahlhelms allein sind Deutschland.

Wir sind auch noch da.

Sie reißen den Mund auf und rufen: ›Im Namen Deutschlands …!‹

Sie rufen: ›Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.‹

Es ist nicht wahr. […] Und so widerwärtig mir jene sind, die – umgekehrte Nationalisten – nun überhaupt nichts mehr Gutes an diesem Lande lassen, kein gutes Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle – so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen.

Wir pfeifen auf die Fahnen – aber wir lieben dieses Land.

Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser Deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluss und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land.

img_20181220_1204103848952281740146379.jpg

Wi haben das Recht, Deutschland zu hassen – weil wir es lieben. Man hat uns zu berücksichtigen, wenn man von Deutschland spricht, uns:

Kommunisten, junge Sozialisten, Pazifisten, Freiheitliebende aller Grade; man hat uns mitzudenken, wenn ›Deutschland‹ gedacht wird … „

Aarmagedon

Wieder mal eine methaphorische kleine Erzählung. Ähnlichkeiten mit noch lebenden Personen wären rein zufällig.

Der leitende Angestellte.
Bewohner des Klippdachslandes und als solcher ein typischer männlicher Vertreter dieser Gegend.
Er war groß und schlank. Die Haare bereits zurückgewichen, nach Grossvater Art gekämmt.
Damit die blanken Stellen notdürftig kaschiert sind.
Die ganze Erscheinung verdruxt, verschämt voller unentdeckter Momente von unbewältigter Vergangenheit.
Schüchtern, menschenscheu, misstrauisch bis hin zu Verhaltensweisen die sich kaum erklären lassen.
Ein Mensch sozialisiert in engem bildungsfernen Milieu eines Bauerndorfes.
Zu jeder Zeit unpassend gekleidet. Nicht im auffälligen Sinne, sondern so, das eigentlich nichts zu Ihm passte.
Die Schimanskijacke genauso wenig wie die hellbraune Wildlederjacke, die unpassenden Pullover steht’s in grellen Farben, meist rot.
„Der Rotrock ist wieder da.“ bemerkte eine Mitarbeiterin einmal treffend, als er mit dunkelroter Windjacke bei einer herbstlichen Grillparty erschien.
Es schien als ob er niemandem in die Augen schauen konnte.
Nicht teamfähig, geschweige denn einer Führungsaufgabe gewachsen, die auf interne Kommunikation, im Interesse der Kundschaft, auf Durchlässigkeit und schlanke Hirarchien angewiesen ist.
„Ich bin Techniker.“ Wie er sich selbst charakterierte. „Ich betrachte die Dinge immer ganz praktisch.“
Er selbst hielt sich für einen Menschenkenner.
„Wenn ich jemanden einstellen will brauche ich nur eine Minute um zu wissen wie der tickt, ob der zu gebrauchen ist oder nicht, ob der zu uns passt oder nicht.“
Sein Technikerwissen ergänzte er mit einem wild zusammengewürfelten Sammelsurium aus Halbwissen, gespickt mit Elementen aus einem weltabgewandten, menschenfeindlichen Evangelikalismus der reaktionärsten Sorte. Im Pläne machen, wie er immer sagte, war er ziemlich gut. Aber was für Pläne, welche Art von Plänen?
Im Nachhinein betrachtet dienten sie nur einem Zweck. Machtgewinnung und Machterhalt unglaublich präzise angelegt.
Langfristig  ohne jemals direkt in Erscheinung tretend. Auf eine rücksichtslose Weise hinterhältig. Gefühlsarm, kalt, bindungslos.
Er schaffte es Menschen aus seiner näheren Umgebung, für sich fühlen zu lassen. Darauf war er angewiesen.
Auch darauf, daß Menschen für Ihn redeten, um seine Pläne und Absichten unter die Leute zu bringen. Sie rethorisch so zu verpacken, dass die kalte Absicht einer bloßen Machtsicherung und Machtausweitung nicht sichtbar würde.
Das konnte er besonders gut. Geradezu perfekt.
Wofür aber, für welchen Lohn.
Für keinen Lohn, jedoch aus schierer, roher, purer Angst vor Ihm. Vor seiner verdeckten Hinterhäligkeit.

‚Traue niemals einem Menschen. Der Mensch ist vom Grunde her schlecht, er ist böse von Jugend an, abgrundtief schlecht.
Vertraue nur auf Gott.“

Er fror dann plötzlich, von innen heraus, ein Gefühl von Kälte ging durch Mark und Bein.
Was hatte ihn bewogen einem solchen Menschen so viele Jahre dienstbar zu sein. Ein regnerischer, dunkler Novembermorgen gegen 07:00 Uhr.

Das Büro, beim anknipsen der Beleuchtung, grell, kalt, nichts was abmildern würde. Jeder Gegenstand zeigt sich in solch einem Lichte schonungslos, lässt keine Interpretation der Wirklichkeit zu, ist sie deswegen die Wahrheit.

Jedoch, was ist Wahrheit? Muss Wahrheit denn nicht einen Ort haben, um im humanistischen Sinne, in der jeweiligen Situation, wahr zu werden?

Die Wahrheit so nackt, so ungeschminkt, so grell, so aufdringlich, nicht den geringsten Spielraum mehr lassend. „Das kann doch nicht sein?“ dachte er sich.

„Wahrheit um der bloßen Wahrheit Willen, die darf es nicht geben. So eine Wahrheit wäre unmenschlich, grausam, menschenfeindlich.“

Sind es die Priester der absoluten Wahrheit, sind es die Gralshüter des Status confessionis, die die Menschheit immer wieder an den Rand des Abgrundes geführt haben?

Das kalte Licht eines Büros, zweckmäßig aber seelenlos. Der Geruch aus Reinigungsmitteln, Aktenstaub und säuerlich riechendem Speichels der von der Hörermuschel des Telefons vom vielen hineinsprechen entströmt.

Dann, urplötzlich, er hatte noch nicht einmal hinter dem Schreibtisch platzgenommen, wurde die Glastüre aufgerissen. Er stürzte hinein, machte noch in der Türe stehend halt. Dies geschah ganz gegen seine Gewohnheit, war er doch sonst eher auf leisen Sohlen unterwegs, freie Flächen meistens, lieber an der Wand lang sich bewegend.

Seine Augen weit aufgerissen, ja fest bebend sprach er, gepresst, ja panisch:

Arramagedon, Aarmagedon, das Ende der Welt bricht an … !!!

Aarmagedon

Was hat Inklusion mit Rilke zu tun?

Rilke und das Thema Inklusion? Wie weit ist das denn hergeholt? Idealistische Spinnerei? Bildungsbürgerliche Gedankenverrenkung von spinnerten Erziehungswissenschaftlern, Sonderpädagogen und Sozialarbeitern? Braucht die „Behindertenhilfe ein neues Narrativ?

Neugierig geworden? Lesen Sie bitte meinen nachfolgenden Blogbeitrag:

1. Die Teilhabe an allen Bereichen unserer Gesellschaft ein wesentlicher Ausdruck von Inklusion.
2. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. So steht es in Artikel 3 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Gleichbehandlung und die Förderung von Chancengleichheit als eine Voraussetzung für Selbstbestimmung und Teilhabe behinderter und von Behinderung bedrohter Menschen stehen deshalb im Zentrum der Behindertenpolitik der Bundesregierung.

3. Die Vorschrift bindet als individuelles Grundrecht Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung unmittelbar, nicht nur auf Bundesebene, sondern auch in Ländern und Gemeinden sowie sonstigen Institutionen und Organisationen der „öffentlichen Gewalt“. Auf Rechtsbeziehungen zwischen Privaten wirkt das Benachteiligungsverbot mittelbar, indem es bei der Auslegung und Anwendung bürgerlichen Rechts berücksichtigt werden muss.

3. Mit dem Neunten Buch Sozialgesetzbuch (SGBIX, 2001) und dem Behindertengleichstellungsgesetz (BGG, 2002) wurden grundlegende gesetzliche Voraussetzungen zur Umsetzung des Benachteiligungsverbots des Grundgesetzes und für eine verbesserte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen geschaffen. Im SGB IX wurde das zersplitterte Recht zur Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen sowie das Schwerbehindertenrecht zusammengefasst und weiterentwickelt. Dabei trägt das SGB IX dem Grundsatz des selbstbestimmten Lebens und der Eigenverantwortlichkeit behinderter Menschen Rechnung und löste das bisher an Fürsorge und Versorgung behinderter Menschen orientierte Prinzip ab. Mit dem Behindertengleichstellungsgesetz wird das Gleichbehandlungsgebot des Grundgesetzes umgesetzt: Das BGG regelt Barrierefreiheit in einem umfassenden Sinn und erkennt die Deutsche Gebärdensprache, die lautsprachbegleitenden Gebärden an sowie das Recht, diese und andere geeignete Kommunikationsformen zu verwenden.

4. Der Paradigmenwechsel, der in der Behindertenpolitik in Deutschland insbesondere mit dem SGB IX und dem BGG eingeleitet wurde, wurde mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) fortgesetzt. Das SGB IX bietet bereits einen weitgehenden Schutz für schwerbehinderte Menschen im Arbeitsleben, das AGG weitet diesen Schutz jetzt auf alle Menschen mit Behinderung aus. Er erstreckt sich auf alle Bereiche des Arbeitslebens. Dieser Schutz reicht von der Bewerberauswahl über den Zugang zu beruflichen Bildungschancen bis hin zu Beförderungen. Im Alltagsleben wirkt das Gesetz Diskriminierungen bei so genannten Massengeschäften – z.B. bei Kaufverträgen, Hotelbuchungen und Ähnlichem – entgegen und verbietet Benachteiligungen auch bei privaten Versicherungen.

5. Die nationale Politik der Bundesregierung findet mit dem VN-Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderung seine Entsprechung auf internationaler Ebene. Deutschland hat das VN-Übereinkommen und das Zusatzprotokoll als einer der ersten Staaten am 30. März 2007 unterzeichnet und, nachdem die gesetzlichen Voraussetzungen mit dem Ratifizierungsgesetz am 1. Januar 2009 geschaffen wurden, am 24. Februar 2009 mit Hinterlegung der Ratifikationsurkunde in New York ratifiziert. Seit dem 26. März 2009 sind VN-Übereinkommen und Zusatzprotokoll für Deutschland verbindlich. Das Übereinkommen als erstes universelles Rechtsinstrument, ist auf die Lebenssituation von weltweit über 600 Millionen behinderten Bürgerinnen und Bürgern zugeschnitten, es definiert soziale Standards, an denen die Vertragsstaaten ihr politisches Handeln zukünftig messen lassen müssen. Ein gesellschaftlicher Wandel ist damit vorgezeichnet. Dieser Wandel ist von klaren Zielen bestimmt: Dabei geht es um Teilhabe, Selbstbestimmung und uneingeschränkte Gleichstellung. Es geht um das Ziel, alle Bürgerinnen und Bürger zu befähigen, ihr Leben selbstbestimmt nach den eigenen Vorstellungen und Wünschen führen zu können. Und es geht um Politik, die die berechtigten Ansprüche und die Rechte der behinderten Bürgerinnen und Bürger in den Mittelpunkt stellt.

6. Das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen konkretisiert die allgemeinen Menschenrechte aus der Perspektive der Menschen mit Behinderungen und vor dem Hintergrund ihrer spezifischen Lebenslagen, die im Menschenrechtsschutz systematische Beachtung finden müssen. Damit stellt das Übereinkommen einen wichtigen Schritt zur Stärkung der Rechte behinderter Menschen weltweit dar. Es würdigt Behinderung als Teil der Vielfalt menschlichen Lebens und überwindet damit das noch in vielen Ländern nicht mehr zeitgemäße Prinzip der Fürsorge. Das Übereinkommen und sein Fakultativprotokoll sind für Deutschland seit 26. März 2009 verbindlich.

7. Zur konkreten Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention hat die Bundesregierung einen Nationalen Aktionsplan erarbeitet, der die Ziele und Maßnahmen der Bundesregierung in einer Gesamtstrategie für die nächsten zehn Jahre zusammenfasst. Ziel ist es, Menschen mit Behinderungen eine gleichberechtigte Teilhabe am politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben zu ermöglichen, Chancengleichheit in der Bildung und in der Arbeitswelt herzustellen und allen Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit auf einen selbstbestimmten Platz in einer barrierefreien Gesellschaft zu geben. Bei der Ausarbeitung des Nationalen Aktionsplans hat die Bundesregierung großen Wert darauf gelegt, die Zivilgesellschaft – insbesondere behinderte Bürgerinnen und Bürger – einzubeziehen und ihre Visionen, Ideen und Vorschläge für Maßnahmen aufzugreifen.

8. Quo vadis Inklusion?

8.1 Braucht die „Behindertenhilfe“ ein neues Narrativ?

„Menschen lieben Geschichten – Wir hören sie an, erzählen sie selbst und erfahren dabei viel über uns, andere und die Welt, in der wir leben.

Methoden, in denen Geschichten im Mittelpunkt stehen, bieten auch für die politische Bildung und das Thema nachhaltige Entwicklung ein großes Potential.
Das Erzählen von Geschichten ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft.

Im Gegensatz zu analytisch-wissenschaftlichem Denken, das auf klar abgegrenzten Fakten beruht und zu eindeutigen Feststellungen führt, geht es beim narrativen Denken um den größeren Zusammenhang – um Kontext, Relevanz und Sinn. Beide Denkweisen bieten einen jeweils spezifischen Zugang zur Welt.

Es ist ein Wesensmerkmal unserer Kultur, dass wir dem analytisch-wissenschaftlichen Denken eine große Bedeutung zumessen.

Denn es hilft uns, die Dinge berechenbar zu machen, sie in den Griff zu bekommen. Das geht im Extrem so weit, dass nur wissenschaftlich-exaktes Wissen als wahr angesehen wird. Damit sind wir weit gekommen. Auf der anderen Seite erleben wir gerade die diffusen und vielschichtigen Angelegenheiten in unserem Leben (wie zum Beispiel die Liebe) als durchaus wahrhaftig – auch wenn sie hochgradig subjektive Erfahrungen darstellen und nicht exakt vermessbar sind. Angesichts der komplexen Struktur unserer Wirklichkeit lässt sich Exaktheit dementsprechend nur durch die Isolation des herausgegriffenen Sachverhalts erreichen. Mit dem fortschreitenden Herauslösen aus dem Kontext verringert sich aber auch der Relevanzgehalt, weil größere Beziehungs- und Bedeutungszusammenhänge verloren gehen. Um Sinn zu schaffen, brauchen wir den ’narrativen Modus‘.“
8.2 Die Lebenshilfe Möglichkeitsdenker: Ein nachahmenswertes Beispiel narrativen nachhaltigen öffentlichen Handelns – Menschen mit Lernschwierigkeiten sind den Weg des öffentlichen Gesprächs, des konstruktiven Diskurses, gegangen.

Die Möglichkeitsdenker, bei der Lebenshilfe Lüdenscheid, sind bereits in konkreter Planung, und suchen den Weg des öffentlichen Diskurses, vor allem bei wichtigen sozialpolitischen und ethischen Themenbereichen.

Eines der drängensten Themen unserer Zeit, den konstruktiven Dialog zwischen Judentum, Christentum, Islam und Humanismus, sind im Jahre 2015 bei insgesamt 5 öffentlichen Veranstaltungen diskutiert worden.

Das Narrativ, die Geschichte dazu, war die Bearbeitung und öffentliche szenische Aufführung der Ringparabel in leichter Sprache aus dem Theaterstück Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessing

Die Möglichkeitsdenker entwickelten sich aus verschiedenen Projekten zum freiwilligen bürgerschaftlichen von Menschen mit Lernschwierigkeiten in ihrer Region, begonnen im Jahre 2006.

Dort vollzog sich auch innerhalb des praktischen sozialpädagogischen Handlungsfeldes eine eindeutige Hinwendung zur Gemeinwesenarbeit.

Gleich zu Anfang entwickelte sich ein alle zukünftigen Bemühungen zusammenfassendes Narrativ.

Es war ein Gedicht von Rainer Maria Rilke einer der bekanntesten Lyriker der Romantik nämlich: „Werkleute sind wir…“
Es handelt sich dabei, das sei an dieser Stelle erwähnt auch um eines meiner Lieblingsgedichte.

Dass ein solches Gedicht, aus der bildungsbürgerlichen Hochkultur des ausgehenden 19. Jahrhunderts, zum vielfältig zitierten Narrativ wurde und all unsere Bemühungen und Entwicklungsschritte begleitete freut mich ganz besonders.

Wiederlegt es doch glänzend die oft geäußerte und ausgrenzende Auffassung, das solche lyrisch anspruchsvolle Texte diesem Personenkreis per se nicht zugänglich seien.

Auch aus diesem Grunde sei es auch an dieser Stelle wieder einmal zitiert:

„Werkleute sind wir………..*

Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister, und bauen dich, du hohes Mittelschiff.
Und manchmal kommt ein ernster Hergereister, geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.

Wir steigen in die wiegenden Gerüste, in unsern Händen hängt der Hammer schwer, bis eine Stunde uns die Stirnen küsste, die strahlend und als ob sie Alles wüsste von dir kommt, wie der Wind vom Meer.

Dann ist ein Hallen von dem vielen Hämmern und durch die Berge geht es Stoß um Stoß.
Erst wenn es dunkelt lassen wir dich los:
Und deine kommenden Konturen dämmern.

Gott, du bist groß. „

*Rainer Maria Rilke, 26.9.1899, Berlin-Schmargendorf

Rainer Maria Rilke

Rainer Maria Rilke

Deutsch nicht dumpf…?

Eine Literaturempfehlung:

Thea Dorn: Deutsch nicht dumpf….

Thea Dorn

Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“

Heinrich Heine

Heinrich Heine

Zunehmend erfasst mich Ratlosigkeit.

Die Ereignisse und Entwicklungen der letzten Jahre:
Die weltumspannende Globalisierung der Wirtschaft mit dem Ergebnis eines ungebremsten Kapitalismus, der rücksichtslos vorgeht und alles in Frage stellt was mir wichtig ist.
Menschen fühlen sich zunehmend orientierungslos, unbeheimatet.
Ängste machen sich breit.
Populismus bricht sich, europaweit, seine Bahn.
Die Vernunft, wichtigste Errungenschaften der Aufklärung und Ihre Leitgedanken von Freiheit, Gleichheit, und Solidarität prägen zunehmend nicht mehr den politischen Diskurs.
Stattdessen:
Populismus der dümmsten Art und Weise prägen die Verlautbarungen der AfD.
Das so viele BürgerInnen darauf hereinfallen schmerzt mich, bis hin zu körperlichem Schmerz.
Ein dumpfer unheilvoller Druck ensteht mir im Kopf, steigt hinunter über Hals und Rücken.
So als ob sich ein Migräne-Anfall ankündigen würde.
Zukunftsängste kommen auf.
Was wird einmal aus Deutschland werden? Was wird aus den Kindern und Enkelkindern werden denen wir eine weitgehend zerstörte Welt hinterlassen?

Aber genug mit dem Lamento:

Erst kürzlich bei der Lektüre des Buches: #Deutschnichtdumpf der Autorin: #TheaDorn.

Der Deutschlandfunk sendete dazu ein Radiobeitrag dem ich mich vollinhaltlich anschließen kann, aus dem ich im folgenden zitieren möchte:

„Dürfen wir unser Land lieben?“ Das fragt Thea Dorn in „deutsch, nicht dumpf“. Die Schriftstellerin und Philosophin skizziert einen Patriotismus, der die kulturelle Identität betont, ohne sich in die Nähe einer Seehoferschen „Leitkultur“ zu begeben.

Nach dem ersten Satz möchte man eigentlich gar nicht weiterlesen. „Dürfen wir unser Land lieben?

Dürfen wir es gar Heimat nennen?“

fragt Thea Dorn zu Beginn ihres neuen Buchs „deutsch, nicht dumpf“, und da es darauf nur eine vernünftige Antwort gibt – „Warum denn nicht?“ –, fürchtet man sich sofort davor, dass hinter der Frage doch wieder nur ein weiteres Mal der Popanz einer vaterlandslosen linken Meinungshegemonie aufgebaut wird, die einem diese selbstverständlichen Heimatgefühle verbietet. Doch die Furcht ist unbegründet: Entgegen ihrer im Feuilleton ausgiebig ausgelebten Neigung zu einem aufmerksamkeitsheischend zugespitzten Konservatismus hat die Schriftstellerin und Philosophin einen erstaunlich differenzierten Essay verfasst, angenehm im Ton, abwägend in den Argumenten, durchweg um die Vermittlung zwischen den politischen Lagern bemüht.

Bevor sie für einen „aufgeklärten Patriotismus“ plädiert, erörtert sie beispielsweise ausführlich die Frage, worauf sich dieser Patriotismus beziehen kann. Auf die Kultur, sagen manche. Aber kann man überhaupt von einer „deutschen Kultur“ reden, obgleich Deutschland in so viele Regionalkulturen zerfällt? Und wie ist es mit den kulturellen Erzeugnissen und Gepflogenheiten der islamischen Bürger? Gehören das Minarett und die Geschichten des Nasreddin Hodscha zur deutschen Kultur?

Verwurzelt in der kulturellen Identität Nein, sagt Thea Dorn, denn wer so redet, verwischt die Unterschiede zwischen dem Eigenen und dem Fremden; und nur, wer sicher auf dem Boden seiner kulturellen Tradition steht, kann das Neue suchen und das Fremde genießen, ohne seine eigene Ich-Identität in der Überforderung durch unendlich viele Möglichkeiten aufs Spiel zu setzen. Was aber noch lange nicht heißt, dass wir eine „Leitkultur“ nach der Art von Horst Seehofer brauchen. Statt dessen, so Dorn, sollte man „kulturelle Identität“ im Sinn der Wittgenstein’schen „Familienähnlichkeit“ betrachten: als Begriff, der durchlässig und wandelbar ist, produktiv unscharf, aber nicht beliebig. Ein interessanter Gedanke. In munterer Weise wechselt Dorn fortan zwischen begrifflichen Erörterungen und historischen Exkursen etwa über die schwierige Ausbildung des deutschen Nationalbewusstseins. Sie diskutiert das Verhältnis zwischen einem „aufgeklärten Patriotismus“ und dem Wunsch nach europäischer Einigung und einem kosmopolitischen Dasein; sie erteilt dem rein rückwartsgewandten Denken der „Identitären Bewegung“ eine klare Absage und der Relativierung des Nationalsozialismus sowieso; aber sie warnt auch davor, den kulturellen Reichtum der deutschen Geschichte zu vergessen und sich im wurzellosen Individualismus der neuen Internet-Kultur zu verlieren.“

Ebendort fand ich auch einen Text von

#KurtTucholski aus dem Jahre 1932:

„Ja, wir lieben dieses Land.

Und nun will ich euch mal etwas sagen: Es ist ja nicht wahr, dass jene, die sich ›national‹ nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben. Weder der Regierungsvertreter im Gehrock, noch der Oberstudienrat, noch die Herren und Damen des Stahlhelms allein sind Deutschland. Wir sind auch noch da. Sie reißen den Mund auf und rufen: ›Im Namen Deutschlands …!‹ Sie rufen: ›Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.‹ Es ist nicht wahr. […] Und so widerwärtig mir jene sind, die – umgekehrte Nationalisten – nun überhaupt nichts mehr Gutes an diesem Lande lassen, kein gutes Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle – so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen. Wir pfeifen auf die Fahnen – aber wir lieben dieses Land. Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser Deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluss und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land. Wir haben das Recht, Deutschland zu hassen – weil wir es lieben. Man hat uns zu berücksichtigen, wenn man von Deutschland spricht, uns: Kommunisten, junge Sozialisten, Pazifisten, Freiheitliebende aller Grade; man hat uns mitzudenken, wenn ›Deutschland‹ gedacht wird …“

Kurt Tucholsky

Ich wünsche mir einen konstruktiven Diskurs zum Thema.

Danke!

Deutsch, nicht dumpf: Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten

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