Was hat Inklusion mit Rilke zu tun?

Rilke und das Thema Inklusion? Wie weit ist das denn hergeholt? Idealistische Spinnerei? Bildungsbürgerliche Gedankenverrenkung von spinnerten Erziehungswissenschaftlern, Sonderpädagogen und Sozialarbeitern? Braucht die „Behindertenhilfe ein neues Narrativ?

Neugierig geworden? Lesen Sie bitte meinen nachfolgenden Blogbeitrag:

1. Die Teilhabe an allen Bereichen unserer Gesellschaft ein wesentlicher Ausdruck von Inklusion.
2. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. So steht es in Artikel 3 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Gleichbehandlung und die Förderung von Chancengleichheit als eine Voraussetzung für Selbstbestimmung und Teilhabe behinderter und von Behinderung bedrohter Menschen stehen deshalb im Zentrum der Behindertenpolitik der Bundesregierung.

3. Die Vorschrift bindet als individuelles Grundrecht Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung unmittelbar, nicht nur auf Bundesebene, sondern auch in Ländern und Gemeinden sowie sonstigen Institutionen und Organisationen der „öffentlichen Gewalt“. Auf Rechtsbeziehungen zwischen Privaten wirkt das Benachteiligungsverbot mittelbar, indem es bei der Auslegung und Anwendung bürgerlichen Rechts berücksichtigt werden muss.

3. Mit dem Neunten Buch Sozialgesetzbuch (SGBIX, 2001) und dem Behindertengleichstellungsgesetz (BGG, 2002) wurden grundlegende gesetzliche Voraussetzungen zur Umsetzung des Benachteiligungsverbots des Grundgesetzes und für eine verbesserte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen geschaffen. Im SGB IX wurde das zersplitterte Recht zur Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen sowie das Schwerbehindertenrecht zusammengefasst und weiterentwickelt. Dabei trägt das SGB IX dem Grundsatz des selbstbestimmten Lebens und der Eigenverantwortlichkeit behinderter Menschen Rechnung und löste das bisher an Fürsorge und Versorgung behinderter Menschen orientierte Prinzip ab. Mit dem Behindertengleichstellungsgesetz wird das Gleichbehandlungsgebot des Grundgesetzes umgesetzt: Das BGG regelt Barrierefreiheit in einem umfassenden Sinn und erkennt die Deutsche Gebärdensprache, die lautsprachbegleitenden Gebärden an sowie das Recht, diese und andere geeignete Kommunikationsformen zu verwenden.

4. Der Paradigmenwechsel, der in der Behindertenpolitik in Deutschland insbesondere mit dem SGB IX und dem BGG eingeleitet wurde, wurde mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) fortgesetzt. Das SGB IX bietet bereits einen weitgehenden Schutz für schwerbehinderte Menschen im Arbeitsleben, das AGG weitet diesen Schutz jetzt auf alle Menschen mit Behinderung aus. Er erstreckt sich auf alle Bereiche des Arbeitslebens. Dieser Schutz reicht von der Bewerberauswahl über den Zugang zu beruflichen Bildungschancen bis hin zu Beförderungen. Im Alltagsleben wirkt das Gesetz Diskriminierungen bei so genannten Massengeschäften – z.B. bei Kaufverträgen, Hotelbuchungen und Ähnlichem – entgegen und verbietet Benachteiligungen auch bei privaten Versicherungen.

5. Die nationale Politik der Bundesregierung findet mit dem VN-Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderung seine Entsprechung auf internationaler Ebene. Deutschland hat das VN-Übereinkommen und das Zusatzprotokoll als einer der ersten Staaten am 30. März 2007 unterzeichnet und, nachdem die gesetzlichen Voraussetzungen mit dem Ratifizierungsgesetz am 1. Januar 2009 geschaffen wurden, am 24. Februar 2009 mit Hinterlegung der Ratifikationsurkunde in New York ratifiziert. Seit dem 26. März 2009 sind VN-Übereinkommen und Zusatzprotokoll für Deutschland verbindlich. Das Übereinkommen als erstes universelles Rechtsinstrument, ist auf die Lebenssituation von weltweit über 600 Millionen behinderten Bürgerinnen und Bürgern zugeschnitten, es definiert soziale Standards, an denen die Vertragsstaaten ihr politisches Handeln zukünftig messen lassen müssen. Ein gesellschaftlicher Wandel ist damit vorgezeichnet. Dieser Wandel ist von klaren Zielen bestimmt: Dabei geht es um Teilhabe, Selbstbestimmung und uneingeschränkte Gleichstellung. Es geht um das Ziel, alle Bürgerinnen und Bürger zu befähigen, ihr Leben selbstbestimmt nach den eigenen Vorstellungen und Wünschen führen zu können. Und es geht um Politik, die die berechtigten Ansprüche und die Rechte der behinderten Bürgerinnen und Bürger in den Mittelpunkt stellt.

6. Das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen konkretisiert die allgemeinen Menschenrechte aus der Perspektive der Menschen mit Behinderungen und vor dem Hintergrund ihrer spezifischen Lebenslagen, die im Menschenrechtsschutz systematische Beachtung finden müssen. Damit stellt das Übereinkommen einen wichtigen Schritt zur Stärkung der Rechte behinderter Menschen weltweit dar. Es würdigt Behinderung als Teil der Vielfalt menschlichen Lebens und überwindet damit das noch in vielen Ländern nicht mehr zeitgemäße Prinzip der Fürsorge. Das Übereinkommen und sein Fakultativprotokoll sind für Deutschland seit 26. März 2009 verbindlich.

7. Zur konkreten Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention hat die Bundesregierung einen Nationalen Aktionsplan erarbeitet, der die Ziele und Maßnahmen der Bundesregierung in einer Gesamtstrategie für die nächsten zehn Jahre zusammenfasst. Ziel ist es, Menschen mit Behinderungen eine gleichberechtigte Teilhabe am politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben zu ermöglichen, Chancengleichheit in der Bildung und in der Arbeitswelt herzustellen und allen Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit auf einen selbstbestimmten Platz in einer barrierefreien Gesellschaft zu geben. Bei der Ausarbeitung des Nationalen Aktionsplans hat die Bundesregierung großen Wert darauf gelegt, die Zivilgesellschaft – insbesondere behinderte Bürgerinnen und Bürger – einzubeziehen und ihre Visionen, Ideen und Vorschläge für Maßnahmen aufzugreifen.

8. Quo vadis Inklusion?

8.1 Braucht die „Behindertenhilfe“ ein neues Narrativ?

„Menschen lieben Geschichten – Wir hören sie an, erzählen sie selbst und erfahren dabei viel über uns, andere und die Welt, in der wir leben.

Methoden, in denen Geschichten im Mittelpunkt stehen, bieten auch für die politische Bildung und das Thema nachhaltige Entwicklung ein großes Potential.
Das Erzählen von Geschichten ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft.

Im Gegensatz zu analytisch-wissenschaftlichem Denken, das auf klar abgegrenzten Fakten beruht und zu eindeutigen Feststellungen führt, geht es beim narrativen Denken um den größeren Zusammenhang – um Kontext, Relevanz und Sinn. Beide Denkweisen bieten einen jeweils spezifischen Zugang zur Welt.

Es ist ein Wesensmerkmal unserer Kultur, dass wir dem analytisch-wissenschaftlichen Denken eine große Bedeutung zumessen.

Denn es hilft uns, die Dinge berechenbar zu machen, sie in den Griff zu bekommen. Das geht im Extrem so weit, dass nur wissenschaftlich-exaktes Wissen als wahr angesehen wird. Damit sind wir weit gekommen. Auf der anderen Seite erleben wir gerade die diffusen und vielschichtigen Angelegenheiten in unserem Leben (wie zum Beispiel die Liebe) als durchaus wahrhaftig – auch wenn sie hochgradig subjektive Erfahrungen darstellen und nicht exakt vermessbar sind. Angesichts der komplexen Struktur unserer Wirklichkeit lässt sich Exaktheit dementsprechend nur durch die Isolation des herausgegriffenen Sachverhalts erreichen. Mit dem fortschreitenden Herauslösen aus dem Kontext verringert sich aber auch der Relevanzgehalt, weil größere Beziehungs- und Bedeutungszusammenhänge verloren gehen. Um Sinn zu schaffen, brauchen wir den ’narrativen Modus‘.“

8.2  Die Lebenshilfe Möglichkeitsdenker: Ein nachahmenswertes Beispiel narrativen nachhaltigen öffentlichen Handelns – Menschen mit Lernschwierigkeiten sind den Weg des öffentlichen Gesprächs, des konstruktiven Diskurses, gegangen.

Die Möglichkeitsdenker,  bei der Lebenshilfe Lüdenscheid, sind bereits in konkreter Planung, und suchen den Weg des öffentlichen Diskurses, vor allem bei wichtigen sozialpolitischen und ethischen Themenbereichen.

Eines der drängensten Themen unserer Zeit, den konstruktiven Dialog zwischen Judentum, Christentum, Islam und Humanismus, sind im Jahre 2015 bei insgesamt 5 öffentlichen Veranstaltungen diskutiert worden.

Das Narrativ, die Geschichte dazu, war die Bearbeitung und öffentliche szenische Aufführung der Ringparabel in leichter Sprache aus dem Theaterstück Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessing

Die Möglichkeitsdenker entwickelten sich aus verschiedenen Projekten zum freiwilligen bürgerschaftlichen von Menschen mit Lernschwierigkeiten in ihrer Region, begonnen im Jahre 2006.

Dort vollzog sich auch innerhalb des praktischen sozialpädagogischen Handlungsfeldes eine eindeutige Hinwendung zur Gemeinwesenarbeit.

Gleich zu Anfang entwickelte sich ein alle zukünftigen Bemühungen zusammenfassendes Narrativ.

Es war ein Gedicht von Rainer Maria Rilke einer der bekanntesten Lyriker der Romantik nämlich: „Werkleute sind wir…“
Es handelt sich dabei, das sei an dieser Stelle erwähnt auch um eines meiner Lieblingsgedichte.

Dass ein solches Gedicht, aus der bildungsbürgerlichen Hochkultur des ausgehenden 19. Jahrhunderts, zum vielfältig zitierten Narrativ wurde und all unsere Bemühungen und Entwicklungsschritte begleitete freut mich ganz besonders.

Wiederlegt es doch glänzend die oft geäußerte und ausgrenzende Auffassung, das solche lyrisch anspruchsvolle Texte diesem Personenkreis per se nicht zugänglich seien.

Auch aus diesem Grunde sei es auch an dieser Stelle wieder einmal zitiert:

„Werkleute sind wir………..*

Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister, und bauen dich, du hohes Mittelschiff.
Und manchmal kommt ein ernster Hergereister, geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister und zeigt uns zitternd einen neuen Griff. 

Wir steigen in die wiegenden Gerüste, in unsern Händen hängt der Hammer schwer, bis eine Stunde uns die Stirnen küsste, die strahlend und als ob sie Alles wüsste von dir kommt, wie der Wind vom Meer. 

Dann ist ein Hallen von dem vielen Hämmern und durch die Berge geht es Stoß um Stoß.
Erst wenn es dunkelt lassen wir dich los:
Und deine kommenden Konturen dämmern. 

Gott, du bist groß. „

*Rainer Maria Rilke, 26.9.1899, Berlin-Schmargendorf

Rainer Maria Rilke

Advertisements

Da steh ich nun, ich armer Tor…..

img_20181108_1007338301515884846230632.jpg
Goethe

 

 

 

 

 

 

Faust: Habe nun, acht! Philosophie, Juristerei und Medizin.

Und leider auch Theologie. Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.

Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor.

Zwar bin ich gescheiter als all die Laffen, Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen, mich plagen keine Skrupel noch Zweifel fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel.

Dafür ist mir auch aller Freud entrissen, bilde mir nicht ein, was Rechts zu wissen.

Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren,
Menschen zu bessern und zu bekehren.

Auch hab ich weder Gut noch Geld noch Ehr und Herrlichkeit der Welt.

Es möchte kein Hund so länger leben!

Drum hab ich mich der Magie ergeben,  mir durch Geistes Kraft und Mund, nicht manch Geheimnis würde kund.

Daß ich nicht mehr mit saurem Schweiß
Zu sagen brauche, was ich nicht weiß.

Daß ich erkenne, was die Welt Im Innersten zusammenhält.

Schau alle Wirkenskraft und Samen und tu nicht mehr in Worten kramen.

Faust: „Bei euch, ihr Herrn, kann man das Wesen, gewöhnlich aus dem Namen lesen.

Wo es sich allzu deutlich weist, wenn man euch Fliegengott, Verderber, Lügner heißt.
Nun gut, wer bist du denn?“

Mephistopheles: „Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

Goethe: Faust

Deutsch nicht dumpf…?

Eine Literaturempfehlung:

Thea Dorn: Deutsch nicht dumpf…. 

Thea Dorn

Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“

Heinrich Heine

Heinrich Heine

Zunehmend erfasst mich Ratlosigkeit.

Die Ereignisse und Entwicklungen der letzten Jahre:
Die weltumspannende Globalisierung der Wirtschaft mit dem Ergebnis eines ungebremsten Kapitalismus, der rücksichtslos vorgeht und alles in Frage stellt was mir wichtig ist.
Menschen fühlen sich zunehmend orientierungslos, unbeheimatet.
Ängste machen sich breit.
Populismus bricht sich, europaweit, seine Bahn.
Die Vernunft, wichtigste Errungenschaften der Aufklärung und Ihre Leitgedanken von Freiheit, Gleichheit, und Solidarität prägen zunehmend nicht mehr den politischen Diskurs.
Stattdessen:
Populismus der dümmsten Art und Weise prägen die Verlautbarungen der AfD.
Das so viele BürgerInnen darauf hereinfallen schmerzt mich, bis hin zu körperlichem Schmerz.
Ein dumpfer unheilvoller Druck ensteht mir im Kopf, steigt hinunter über Hals und Rücken.
So als ob sich ein Migräne-Anfall ankündigen würde.
Zukunftsängste kommen auf.
Was wird einmal aus Deutschland werden? Was wird aus den Kindern und Enkelkindern werden denen wir eine weitgehend zerstörte Welt hinterlassen?

Aber genug mit dem Lamento:

Erst kürzlich bei der Lektüre des Buches: #Deutschnichtdumpf der Autorin: #TheaDorn.

Der Deutschlandfunk sendete dazu ein Radiobeitrag dem ich mich vollinhaltlich anschließen kann, aus dem ich im folgenden zitieren möchte:

„Dürfen wir unser Land lieben?“
Das fragt Thea Dorn in „deutsch, nicht dumpf“. Die Schriftstellerin und Philosophin skizziert einen Patriotismus, der die kulturelle Identität betont, ohne sich in die Nähe einer Seehoferschen „Leitkultur“ zu begeben.

Nach dem ersten Satz möchte man eigentlich gar nicht weiterlesen. „Dürfen wir unser Land lieben? 

Dürfen wir es gar Heimat nennen?“

fragt Thea Dorn zu Beginn ihres neuen Buchs „deutsch, nicht dumpf“, und da es darauf nur eine vernünftige Antwort gibt – „Warum denn nicht?“ –, fürchtet man sich sofort davor, dass hinter der Frage doch wieder nur ein weiteres Mal der Popanz einer vaterlandslosen linken Meinungshegemonie aufgebaut wird, die einem diese selbstverständlichen Heimatgefühle verbietet. Doch die Furcht ist unbegründet: Entgegen ihrer im Feuilleton ausgiebig ausgelebten Neigung zu einem aufmerksamkeitsheischend zugespitzten Konservatismus hat die Schriftstellerin und Philosophin einen erstaunlich differenzierten Essay verfasst, angenehm im Ton, abwägend in den Argumenten, durchweg um die Vermittlung zwischen den politischen Lagern bemüht. 

Bevor sie für einen „aufgeklärten Patriotismus“ plädiert, erörtert sie beispielsweise ausführlich die Frage, worauf sich dieser Patriotismus beziehen kann. Auf die Kultur, sagen manche. Aber kann man überhaupt von einer „deutschen Kultur“ reden, obgleich Deutschland in so viele Regionalkulturen zerfällt? Und wie ist es mit den kulturellen Erzeugnissen und Gepflogenheiten der islamischen Bürger? Gehören das Minarett und die Geschichten des Nasreddin Hodscha zur deutschen Kultur?

Verwurzelt in der kulturellen Identität Nein, sagt Thea Dorn, denn wer so redet, verwischt die Unterschiede zwischen dem Eigenen und dem Fremden; und nur, wer sicher auf dem Boden seiner kulturellen Tradition steht, kann das Neue suchen und das Fremde genießen, ohne seine eigene Ich-Identität in der Überforderung durch unendlich viele Möglichkeiten aufs Spiel zu setzen. Was aber noch lange nicht heißt, dass wir eine „Leitkultur“ nach der Art von Horst Seehofer brauchen. Statt dessen, so Dorn, sollte man „kulturelle Identität“ im Sinn der Wittgenstein’schen „Familienähnlichkeit“ betrachten: als Begriff, der durchlässig und wandelbar ist, produktiv unscharf, aber nicht beliebig. Ein interessanter Gedanke. In munterer Weise wechselt Dorn fortan zwischen begrifflichen Erörterungen und historischen Exkursen etwa über die schwierige Ausbildung des deutschen Nationalbewusstseins. Sie diskutiert das Verhältnis zwischen einem „aufgeklärten Patriotismus“ und dem Wunsch nach europäischer Einigung und einem kosmopolitischen Dasein; sie erteilt dem rein rückwartsgewandten Denken der „Identitären Bewegung“ eine klare Absage und der Relativierung des Nationalsozialismus sowieso; aber sie warnt auch davor, den kulturellen Reichtum der deutschen Geschichte zu vergessen und sich im wurzellosen Individualismus der neuen Internet-Kultur zu verlieren.“

Ebendort fand ich auch einen Text von

#KurtTucholski
aus dem Jahre 1932:

„Ja, wir lieben dieses Land. 

Und nun will ich euch mal etwas sagen: Es ist ja nicht wahr, dass jene, die sich ›national‹ nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben. Weder der Regierungsvertreter im Gehrock, noch der Oberstudienrat, noch die Herren und Damen des Stahlhelms allein sind Deutschland. Wir sind auch noch da. Sie reißen den Mund auf und rufen: ›Im Namen Deutschlands …!‹ Sie rufen: ›Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.‹ Es ist nicht wahr. […] Und so widerwärtig mir jene sind, die – umgekehrte Nationalisten – nun überhaupt nichts mehr Gutes an diesem Lande lassen, kein gutes Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle – so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen. Wir pfeifen auf die Fahnen – aber wir lieben dieses Land. Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser Deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluss und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land. Wir haben das Recht, Deutschland zu hassen – weil wir es lieben. Man hat uns zu berücksichtigen, wenn man von Deutschland spricht, uns: Kommunisten, junge Sozialisten, Pazifisten, Freiheitliebende aller Grade; man hat uns mitzudenken, wenn ›Deutschland‹ gedacht wird …“

Kurt Tucholsky

Ich wünsche mir einen konstruktiven Diskurs zum Thema.

Danke!

Deutsch, nicht dumpf: Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten 

https://www.amazon.de/dp/B078ZYSB3M/ref=cm_sw_r_other_apa_i_rHW0Bb3M53YKH

Theologie der Befreiung

Christlicher Sozialismus

„11 So ihr Hilflosen Pachtgeld annehmt und sein Getreide mit Steuern belegt, darum baut ihr Häuser aus behauenen Steinen – und wohnt nicht darin, legt ihr euch prächtige Weinberge an – und werdet den Wein nicht trinken.

12 Denn ich kenne eure Frevel, die so viel sind, und eure Sünden, die so groß sind, wie ihr die Gerechten bedrängt und Bestechungsgeld nehmt und die Armen im Tor unterdrückt.“ Amos 5,11-12

„Ein wirklicher Christ muß Sozialist werden (wenn er mit der Reformation des Christentums Ernst machen will!). Ein wirklicher Sozialist muß Christ sein, wenn ihm an der Reformation des Sozialismus gelegen ist.“. Karl Barth

Christlicher Anarchismus Anarchist ist […] jemand, der die andere Wange hin hält, die Tische der Geldwechsler umwirft und keinen Polizisten braucht, um sich gut zu benehmen. Ein christlicher Anarchist ist nicht von Wahlurnen oder Gewehrkugeln abhängig, um sein Ideal zu erreichen; er erreicht dieses Ideal tagtäglich durch die One Man Revolution, mit der er einer dekadenten, verwirrten und sterbenden Welt begegnet.[2] Ammon Hennacy

Das Christentum wird in einer Art und Weise begriffen, das letztendlich in politischen und sozialen Fragen auf etwas hinauslauft, das politisch Aktive in der ArbeiterInnenbewegung des späten 19. Jahrhunderts begannen, als ‚Anarchismus‘ oder ‚libertärer Sozialismus‘ zu bezeichnen – und zwar nicht trotz, sondern aufgrund dessen, was in der Bibel geschrieben steht. Es ist ein Anarchismus, der sich aus der Bibel und dem Leben und Wirken Jesu herleitet. Die Bibel und die Botschaft Jesu dienen so als Grundlage dafür, zu ähnlichen oder denselben Schlüssen zu gelangen wie sie von anarchistischen TheoretikerInnen formuliert wurden:

Den Staat mit all seinen Institutionen und RepräsentantInnen als illegitim anzusehen, den Kapitalismus als Wirtschaftssystem abzulehnen und eine egalitäre, dezentrale und gewaltfreie Gesellschaftsordnung, frei von Unterdrückung und Ausbeutung, an deren Stelle zu verwirklichen.[3]

Es ist ein Anarchismus, der sich aus der Bibel und dem Leben und Wirken Jesu herleitet. Die Bibel und die Botschaft Jesu dienen so als Grundlage dafür, zu ähnlichen oder denselben Schlüssen zu gelangen wie sie von anarchistischen TheoretikerInnen formuliert wurden:

Den Staat mit all seinen Institutionen und RepräsentantInnen als illegitim anzusehen, den Kapitalismus als Wirtschaftssystem abzulehnen und eine egalitäre, dezentrale und gewaltfreie Gesellschaftsordnung, frei von Unterdrückung und Ausbeutung, an deren Stelle zu verwirklichen.[3]

Sebastian Kalicha

Willkommen im Klippdachsland

Der Verfasser widmet diesen Text Frau Prof. Ruth Lapide.
„Ruth Lapide geb. Rosenblatt (* 1929 in Burghaslach) ist jüdische Religionswissenschaftlerin und Historikerin. Nach dem Tod ihres Mannes Pinchas Lapide im Jahr 1997 begann sie eine Karriere als Autorin und Lehrbeauftragte der Evangelischen Fachhochschule in Nürnberg.
Gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem jüdischen Religionswissenschaftler Pinchas Lapide, setzte sie sich intensiv für die Versöhnung von Juden und Christen, für die Verständigung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staat Israel und für die Annäherung der drei großen monotheistischen Religionen ein.“

Mit großer Sympathie danke ich auch Angelika, Elfi und meiner geliebten Frau Doris
Angelika, Elfi und Doris sind ist im besten Sinne des Wortes Persönlichkeiten, die sich den Blick auf die Hoffnungen, aber auch auf die Nöte ihrer Mitmenschen nicht verloren haben.
Sie sind das, was im chassidischen Judentum als …..a Mensch geblieben… , beschrieben wird.
Viel, sehr viel verdanke ich Ihnen.
Sie machten mir auch Mut, den nachfolgenden Text zu veröffentlichen.

Schreibhemmung
Weißes Textfeld leer und fordernd. Himmelblauer Hintergrund, langweilig und bedeutungslos. Die Schreiboberfläche von Word auf dem Flat-Screen. „Warum schreibst Du jetzt nicht Flachbildschirm?“ Ein schönes deutsches Wort? Immer diese Anglizismen. So was in Denglisch.
Mir gefällt Flat-Screen besser, dachte er, irgendwie passt es besser, klingt auch besser, spricht sich besser, klingt moderner, wissender, für einen, der den Überblick hat. Für einen, der sich für so klug hält, die Dinge von außen zu betrachten und so besser einschätzen zu können.
Aber stimmte das wirklich? Hatte er tatsächlich den Überblick und schaute von außen, sozusagen als Betrachter auf die Dinge seines Lebens?
Niemals! Was für eine Selbstüberschätzung lag darin! Wie blöd musst Du eigentlich sein, Dich so zu sehen? Und schlimmer noch: Dich so zu präsentieren!
Es ist alles eitel, sagt der Dichter.
„Bitte ein wenig konkreter:
Ich bin eitel!“
Vor Tagen hatte er ein Gedicht im Web gefunden.
Vom Dichter Andreas Gryphius von aus dem Jahr 1637.
Verfasst mitten im 30 jährigen Krieg.
Das geht, in moderner Fassung, so:

„Es ist alles eitel
Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein.
Wo jetzt noch Städte stehn, wird eine Wiese sein.
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.
Was jetzt noch prächtig blüht, soll bald zertreten werden.
Was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch’ und Bein.
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.
Der hohen Taten Ruhm muss wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch, bestehn?
Ach was ist alles dies, was wir für köstlich achten.
Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind.
Als eine Wiesenblum’, die man nicht wieder find’t.
Noch will, was ewig ist, kein einzig Mensch betrachten!“

Oft schon, in den letzten Monaten, hatte er dieses Sonett, das ist wohl die richtige Bezeichnung für diese Form der Gedichte aus dieser Zeit, gelesen.
Gefiel ihm immer besser. Der Inhalt sowieso. Aber auch diese altertümliche Sprache, die Versform, das Versmaß. Einfach schön zu lesen.
Na ja bis auf das Schäferskind….

Über das Land der Klippdachse zu schreiben ist schwierig für einen wie mich, dachte er.
War er doch dort geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen, hatte ganz in der Nähe studiert, geheiratet ,eine Familie gegründet und, lebte immer noch dort.
Also der wissende Blick des Außenstehenden?
Abermals eine Anmaßung?„Ja so ist es. Hör auf, zu schreiben. Lass es sein, kommt nichts bei raus.“
Du kannst ja nur für dich schreiben.
Sozusagen als Möglichkeit zur Klärung innerer Konflikte. Als eine Art von literarischer Katharsis? „Das muss ich mir durch den Kopf gehen lassen.“ Dachte er sich.
Schreiben heißt sich mitteilen wollen. Das was innen ist nach außen kehren, weil es nach außen strebt. Da macht es wenig Sinn zu schreiben ohne den Anspruch, dass Andere ein Interesse daran haben, das Geschriebene zu lesen.
„Für mich jedenfalls,“ überlegte er.
Zurück zu den Klippdachsen.

Der Klippdach

Wer im Web sucht, findet zunächst Folgendes:
Wie die moderne Forschung annimmt, entspricht dem. Klippschliefer der mehrfach in der Bibel erwähnte Klippdachs.
Psalm 104 beschreibt ihn als Tier, das in den Felsen Zuflucht sucht. In den Zahlensprüchen schildert das Buch der Sprichwörter den Klippdachs als machtloses, schwaches Tier, das aber aufgrund seiner Weisheit trotzdem seine Wohnungen im Felsen baut. Einer missinterpretierten Beobachtung der biblischen Redakteure dürfte die Gesetzesvorschrift im Buch Levitikus entstammen, wonach der Klippdachs wiederkäue, aber keine gespaltenen Hufe habe, weshalb er als unrein anzusehen sei. Darauf basiert auch die Parallelstelle im Buch Deuteronomium.
Auch wenn dies letztlich nicht mehr sicher belegbar sein dürfte, sprechen diese Übereinstimmungen der biblischen Schilderungen mit der tatsächlichen Anatomie und Lebensweise des Klippschliefers dafür, den im Deutschen so bezeichneten Klippdachs mit dem Klippschliefer zu identifizieren.

An anderer Stelle ist zu lesen: Eines der Tiere, welche die Israeliten nicht essen durften. Es wird gesagt, dass er wiederkäut, jedoch keine gespaltene Hufe besitzt. Man nimmt an, dass das hebräische Wort shaphan auf den syrischen Schliefer hinweist, ein Tier, das ungefähr so groß ist wie ein Kaninchen. Es hat die Gewohnheit, dauernd die Zähne übereinander zu reiben. Es passt genau auf die Beschreibung von shaphan, zum Beispiel, dass es zwischen den Felsen wohnt, und dass es außergewöhnlich schnell von Fels zu Fels springt.

Es ist auch extrem schwierig zu fangen; eines von diesen Tieren hält steht’s stets Wache.
Wenn ein Feind sich nähert, wird ein Signal gegeben und sofort verschwinden alle Tiere.
Dies stimmt mit der Tatsache überein, dass sie „mit Weisheit wohl versehen sind.“

Aber wieso in aller Welt geht mir dieser Klippdachs nicht aus dem Kopf, dachte er.
Hatte es damit zu tun, dass er vor Monaten, wieder mal auf seinen Streifzügen durch das Web mehr zufällig auf die Seite einer Ausbildungsstätte für zukünftige evangelikale Pastoren gestoßen war?
Dort war zum Anlass der Verabschiedung eines Lehrers in den Ruhestand zu lesen:

„…. verglich Ihn mit dem biblischen Klippdachs, der sich auch in rauer Umgebung zu helfen wisse. Als Herdentier habe er sich nicht nur um sich selbst, sondern wie der Klippdachs vor allem um seine „Artgenossen“, die Studierenden und Kollegen, gekümmert…“
Mag sein. Erinnerungen aus Kindheit und früher Jugend waren geweckt.

Irrlehrer

Laienprediger unterschiedlicher evangelikaler Denominationen bestiegen damals die Kanzeln und Pulte der evangelischen Kirchen und der Gemeindehäuser. Und legten Zeugnis ab, wie es damals hieß.
Das geschah ohne besondere nachvollziehbare Eignung für diese Aufgabe.

Eine wie auch immer geartete theologische Vorbildung gab es wohl kaum oder sie wurde unterlaufen.
Die damals oft von ihm gehörte Begründung dafür:
Studierten Theologen bekämen an den Universitäten eine Lehre verpasst, die sich nicht mehr an der reinen Lehre der Bibel orientieren würde.
Bibeltreue Verkündigung sollte sein. Alles darüber hinaus sei eine gefährliche Irrlehre. Die gelte es zu bekämpfen.
Sie bilde eine große Gefahr für alle, die sich damit beschäftigen würden.
So mancher unbefangene junge Mann, der vorher aus so einer rechtgläubigen Gemeinde kam und sich aufgemacht hatte, um ein universitäres Theologie Studium zu beginnen sei vom rechten Glauben abgefallen.

Mit verheerenden Folgen. Der Teufel selbst habe sich mit Hilfe seiner Helfer an den Universitäten dieser armen Seele bemächtigt und sie verführt.
Nun drohe unweigerlich die ewige Verdammnis.
Es sei denn, er kehre um und schwöre der Irrlehre ab.
Dann – nur dann – sei eine erneute Aufnahme in die Gemeinschaft bibeltreuer Christen wieder möglich.
Der geneigte Leser mag sich nun denken :
Das kann doch nicht möglich sein.
Das ist doch eine mittelalterliche Denkweise.
Das ist doch ein Denken, was schon spätestens nach dem Zeitalter der Aufklärung für überholt erklärt worden ist.
Diese Einwände sind wohl für aufgeklärte, gebildete, modern denkende Menschen plausibel.
„Dennoch ist vom soeben niedergeschriebenen nichts zurück zu nehmen,“ dachte er sich.
Nun aber, bevor mit dem Schreiben fortgefahren wird, braucht es noch,
einer Klärung des an dieser Stelle schon häufiger verwendeten Begriffes:

Evangelikal
Sucht du nach seriösen Quellen im Web wird es sehr schnell unübersichtlich. Man muss sich beschränken, ganz sicher ist die Quellenauswahl subjektiv:
Mehr als 420 Millionen Evangelikale weltweit vereint die „World Evangelical Alliance“ nach eigenen Angaben unter ihrem Dach, insbesondere in den USA, Lateinamerika und Afrika boomt die bibeltreue Bewegung. Die missionarische Sammelbewegung speist sich aus Protestanten unterschiedlicher Herkunft, die eine wörtliche Bibelauslegung und die Sehnsucht nach persönlicher Glaubenserfahrung eint. Die Bibel gilt als oberste Autorität für das gesamte Leben, die Schöpfungslehre wird gegen Darwins Evolutionstheorie gestellt, vorehelicher Sex, Homosexualität und Abtreibung werden abgelehnt. In Deutschland leben nach Schätzungen bis zu 2,5 Millionen Evangelikale, genaue Zahlen kennt keiner.
Das Spektrum der Evangelikalen ist breit: Von Pietisten innerhalb der evangelischen Landeskirchen bis zu charismatischen und anderen Freikirchen oder Gruppierungen.
Als ein zentrales Dokument der weltweiten evangelikalen Bewegung gilt die „Lausanner Verpflichtung“ von 1974. Dort heißt es: „Wir halten fest an der göttlichen Inspiration, der gewissmachenden Wahrheit und Autorität der alt- und neutestamentlichen Schriften in ihrer Gesamtheit als dem einzigen geschriebenen Wort Gottes. Es ist ohne Irrtum in allem, was es bekräftigt und ist der einz ?unfehlbare Maßstab des Glaubens und Lebens.“ Noch weiter geht die Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Bibel von 1978, auf die sich aber nicht alle Evangelikalen beziehen: „Wir verwerfen die Ansicht, dass die Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit der Bibel auf geistliche, religiöse oder die Erlösung betreffende Themen beschränkt seien, sich aber nicht auf historische und naturwissenschaftliche Aussagen bezögen.“

Viele Evangelikale geben sich proisraelisch. Dahinter steckt allerdings oft eine problematische Haltung. Denn gleichzeitig halten die Evangelikalen an der „Judenmission“ fest. Die „Deutsche Evangelische Allianz“ hat ihre Position erst im September 2008 bekräftigt: „Gott ruft Gläubige auf, das Evangelium in die Welt zu tragen. Jeder muss diese Botschaft hören – auch das jüdische Volk.“ WOS 365857 4851
In Deutschland leben nach Schätzungen bis zu 2,5 Millionen Evangelikale, genaue Zahlen kennt keiner.

Das war jetzt ziemlich lang.
Und zugegeben nicht wertfrei verfasst.
Alle Quellentexte sind kursiv geschrieben vom Verfasser dokumentiert und können gerne auf Nachfrage genannt werden.
Der Verfasser beabsichtigt auch nicht wertfrei zum Thema schreiben.
Selbst wenn er es wollte würde es ihm sicher nicht gelingen.

Musik
Der Verfasser erinnert sich:
In der 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde eine grundlegende Renovierung des Kirchengebäudes erforderlich.
Dieses Vorhaben wurde von einem damals noch jungen und neu in die Gemeinde gekommenen Pfarrers vorangetrieben. Die Ältesten in dieser Gemeinde sahen das Unterfangen kritisch. Viel wichtiger schien ihnen die schon Jahre zuvor durchgeführte Renovierung und Modernisierung des sogenannten Gemeinschaftshauses. Die Besitzverhältnisse für diese Immobilie sind dem Verfasser bis dato nicht klar.
Er schweifte ab. „Darum soll es an dieser Stelle nicht gehen. Also weiter:“
Im Zuge der Renovierung wurde auch das alte Orgelpositiv beseitigt. Alt nicht im Sinne von historisch altem Instrument.
Es war wohl eine Schenkung an die Kirchengemeinde nach dem Kriege aus Amerika, wie immer gesagt wurde.
Ein unglaublich schräg klingender Musikkasten, bei dessen Spielen ab und an einzelnen Tasten klemmten, sodass sich der gerade intonierte Ton nicht mehr abstellen ließ. Dann war der Organist, der Bürgermeister der besagten politischen Gemeinde, gezwungen das Gebläse des Instruments auszuschalten.
Er tat dies mit Hilfe eines Drehschalters aus Porzellan, der am Instrument befestigt war, was dann postwendend mit einem laut vernehmlichen PENG verbunden war.
Der klemmende intonierte Ton blieb dann noch für Sekunden konstant und verabschiedete sich dann aber ebenfalls langanhaltend mit immer leiser werdendem Jaulen.
Zum Schreien komisch.
Was geschah unmittelbar danach?
Nichts.
Kein Lachen, kein Prusten.
Nichts.
„Ach ja, öffentliches Lachen und sich laut freuen ist ja verboten,“ erinnert sich der Verfasser.

Dazu später mehr.
Die Quellenlage zu diesem Thema ist sehr reichhaltig und kaum an dieser Stelle zusammen zu fassen.
Würde dies doch die Grenzen einer Erzählung sprengen und beim geneigten Leser vielleicht Langeweile aufkommen lassen.
Nur so viel in aller Kürze:
Deutlich wird, dass es von Beginn an zu einer Blütezeit vor allem der Kirchenlied Literatur gekommen ist:
„Ab etwa 1670 wurde der Pietismus zur bestimmenden Strömung der deutschsprachigen Kirchenlied Literatur.
Der Pietismus begann als innerkirchliche Reformbewegung, welche die als Erstarrung wahrgenommene Rationalisierung der Theologie aufbrechen wollte (Vom Kopf in’s Herz) und ihr eine auf persönliche Bekehrung und gefühlsbetonte Frömmigkeit gegründete Glaubenspraxis entgegensetzte. Als „Vater“ des Pietismus gilt Philipp Jacob Spener mit seiner 1675 erschienenen Programmschrift Pia desideria. Nach Ablehnung von offizieller Seite fand der Pietismus schnell seinen Platz in privaten Erbauungszirkeln, in deren Stunden das pietistische Kirchenlied von zentraler Bedeutung war.
Die neuen Lieder waren meist betont subjektive, durch sprachliche Bilder geprägte Betrachtungen, in denen Beschreibung des persönlichen Empfindens vor klaren theologischen Aussagen im Vordergrund stand. Die Welt als Jammertal waren geläufige Inhalte. Daneben entstanden kämpferisch-missionarische Lieder, die zu einer neuen, bewussten Bekehrung aufriefen. Im Ganzen sank die literarische Qualität, dieselben abgegriffenen Formeln begegnen immer wieder.
Der Pietismus war bis zum Ende des 18. Jahrhunderts für die Kirchenlieddichtung von großer Bedeutung.

Das Licht

Schwester Nicotiana Solanaceä…*

Dein Duft kann mich betören Und verführen Mit deinen blauen Wolken Trägst Du mich davon In ferne Welten Schwindlig fern Freiheit ahn ich Ganz ohne Körper sphärisch leicht Wanderschaft nach Elysion dann Dort ein Held Von Göttern geliebt Unsterblich und selig

* botanisch: Tabak Nachtschattengewächs

Es roch nach Gummi, abgestandener Gebläseluft, nach Schweiß und säuerlichem Glühweindunst.
Er kannte diesen Geruch aus vielen Jahren Busfahrt. Immer hin und her, immer von Dydena nach Hufenburg und zurück.
Zum Busgrunddunst kamen dann, je nach Jahreszeit, wechselnde Gerüche hinzu und hinweg. Auch die einzelnen Bushaltestellen auf dem Weg zur Schule in Hufenburg hatten unterschiedliche Gerüche.
Beierbach roch nach verbrannter Kohle, nach heißem Sand und, stinkend, nach Schwefeldunst.
Waldenau hatte eine merkwürdige Melange aus Bohröl, Benzin und Kuhstalldunst zu bieten.
Spitzenstein bot ein zweifaches olfaktorisches Erlebnis:
Dunst vom Wurstkessel und von Schweinemist aus der nahegelegenen Metzgerei gemischt mit dem Duft von frisch gebackenen Brötchen und sich aus dem Gärbottich blähenden Dunst von Sauerteig aus der benachbarten Landbäckerei herbeiwehend.
In Quotenhausen dominierte ganz klar der würzige, oft buttrig süße Duft der gegenüberliegenden kleinen Brauerei. War Vor allem dann, wenn aus dem roten Backsteingebäude über eine Förderschnecke frisch ausgekochtes Gerstenmalz sich breiig dampfend auf einen bereitstehenden Anhänger ergoss, der dann von einem eilfertigen Bauersmann abtransportiert wurden. Futter für sein Vieh. „Die Brauerei kotzt wieder mal!“ dachte er dann bei in solchen Momenten und ihm wurde augenblicklich übel.

Er stieg die enge Treppe hinunter, murmelte ein „Tschüss dann!“ und trat ins Freie, ohne eine Antwort zu erwarten. Augenblicklich atmete er klare kalte Winterluft, die nach nichts roch außer nach: „Du bist zu Hause.“ Er hustete kurz, mehr aus Verlegenheit als aus einem echten Bedürfnis seine Lunge vom Schleime zu befreien. „“Voll peinlich der Tag heute.“ dachte er, zog eine zerknitterte Zigarettenpackung aus der Parkatasche, nestelte, suchte und wurde schließlich fündig.
Der alte Bus schloss zischend die Tür und setzte sich träge brummend in Bewegung.

Das Feuerzeug fand sich in der anderen Manteltasche. Es zündelte hell, sogleich sah er eine bläulich gelblich, rötliche Flamme. Die Kippe entzündete sich knisternd. Der Duft war wunderbar. Er sog den Rauch tief ein, behielt ihn eine Weile in sich, um ihn dann deutlich hörbar auszustoßen.
Augenblicklich spürte er einen Schwindel, der sich beim zweiten Zug deutlich steigerte und unangenehm wurde:„Scheiße, Scheißtag heute. Gut, dass jetzt Ferien sind, Weihnachtsferien. Klassenfahrt mit achtzehneinhalb, die meisten sind noch älter, einige schon fünfundzwanzig, das kann einfach nicht gut gehen. Und dann nur Jungs. Was bleibt da mehr als Saufen, Druckbetankung sozusagen.“

Er überquerte die Straße. Der Schnee knirschte nass, unter seinen Füßen. Ein Wind wehte von Osten her und wischte eisig über sein Gesicht. Er nahm ein Geruch von Kuhstall wahr, der wohle aus dem gegenüberliegenden Gebäude her entgegen wehte. Muffig süßlich, ein wenig stechend wie Salmiak.
Ein paar Schritte weiter an einem alten Gartenzaun entlang. Die Latten des Zaunes trugen weiße Hütchen aus Schnee und glitzerndem Eis. Die Turmuhr schlug einen dumpfen tiefen Schlag. Tong.
Das Geräusch war ihm vertraut und weckte viele Erinnerungen aus der Zeit seiner Kindheit.
An der Zigarette ziehend drehte er sich um und blickte zum Kirchturm. Da stand er samt Kirchenschiff. Schwarz und massig aus Granitstein erbaut.

„Diabas“ sagte sein Großvater immer. „Das ist der Stein, aus dem dieses Gebäude erbaut ist.“

Man findet dieses Gestein hier in seiner Gegend. Seit 100 Jahren mühsam gewonnen. Damals noch Handarbeit.
Großvater hatte 30 Jahre im Steinbruch gearbeitet. Entsprechende Hände. Groß, dicke Finger, rau und faltig mit Schwielen an den Kuppen und am Ballen.

Landwirtschaft im Nebenerwerb, wie alle Familien hier. Das war dann vor allem Frauensache, wenn die Männer sich den Sommer über als Maurergehilfen im nahe gelegenen Verliererland verdingen mussten. Harte schwere Feldarbeit, fast alles per Hand und Buckel.
Ein Pflug, ein Wagen aus Holz. Große Speichenräder mit eisernen Laufflächen. Davor, zum Ziehen, eine Kuh manchmal auch zwei. Dunkelrote knochige Kühe. Eher mager und gedrungen, aber muskulös, gehörnt und drahtig. Kleiner Euter, aus dem so oft die Milch tropfte, wenn, auf dem Weg vom Feld, Mensch und Tier die Erschöpfung überkam.

Er kannte diese Geschichten gut, die sich die alten Männer und Frauen erzählten, wenn sie an Winterabenden zusammen saßen und sich unterhielten. Das klang dann so romantisierend ideal, verklärt und vom vielen Nacherzählen immer weiter weg von dem, was wirklich einmal so geschah.
Er saß damals als kleiner Junge mit dabei und hörte zu. Er spürte dann eine Stille, eine Ruhe, die ihn wohlig stimmte. Eine Stille, die durch die Wände der alten Bauernhäuser drang und sich auf die Gemüter legte.

„Geh nach Hause und geh zu Bett.“ Er schritt bergan, schnippte den glühenden Zigarettenstummel in den nassen Schnee. Der Stummel verlosch mit einem leisen Zischen, kaum hörbar, aber auf eine bestimmte Weise eindringlich. So als ob da etwas endgültig und unwiederbringlich zu Ende ging. Da war es wieder, dieses Gefühl von… ?
Etwas nicht zu Beschreibenes, etwas Drohendes, Dunkles, Leeres, Einsames unsagbar Vernichtung und Endgültigkeit Kündendes.

„Geh nach Hause, Du bist betrunken, müde und erledigt. Geh zu Bett, mach die Augen zu und schlaf.“

Weiter bergan. Die Silhouetten der Gebäude, die er erblickte, die ihm so vertraut waren, allesamt kleine Bauernhäuser mit Scheune und Hof. Weder stattlich noch wirklich bäuerlich. Eher klein und geduckt sich aneinander drängend, wie eine Schar von Weiderindern, die sich im nassen Schneeschauer aneinander drängen um Schutz zu finden. Damit nicht genug: Die ehemals schmucklosen Fachwerkfassaden verkleidet mit unendlich trostlosem Eternit. Die Fensteröffnungen ehemals klein und passend, nun herausgebrochen und ersetzt durch große Einflügelfenster, die mehr Licht in die Stuben bringen sollten. Wahrscheinlich sollte so eine Anpassung an die modernen Zeiten gezeigt werden. An eine städtisch kleinbürgerliche Wohnkultur der 60er und 70er Jahre.
Das Ergebnis war erbärmlich. Die letzten Reste des Ausdrucks einer dörflich-bäuerlichen Lebensweise, die eigentlich immer von Sparsamkeit, Entbehrung und trotzigem Fleiß gekennzeichnet war, sind bis zur Unkenntlichkeit verbaut, verhunzt und kaputt saniert worden.
Wenn die Häuser jemals etwas von der wirklichen Identität und der eigentlichen Lebensweise ihrer Bewohner zeigten, ist dies nun verschandelt und damit für immer verloren.
Weiter bergan. Die beiden Straßenlaternen, die an Draht befestigt, gespannt von einem Haus zum andern, milchig weiß ihr spärliches Licht abgaben, schon verloschen.
Er blickte auf und sah am Ende des Weges eine gleißend helle, punktförmige Lichtquelle. Sie strahlte hell und durchdringend, beleuchtet die Fassade, an der sie befestigt war und warf ihren hellen Schein auf den Schnee unterhalb von ihr auf den schneebedeckten Asphalt und, auf den schräg gegenüberliegenden Abhang der wiederum auf eine Hofeinfahrt mündete, die eine weiteres Bauernhaus mit der Straße verband.

Ein metaphorisches Gedicht

Schnee riecht…..
Ich riech den Schnee er riecht nach Dorf ganz vertraut nach Haus und Hof.
Nach Kindheit riecht er recht vertraut: süß und bitter
frisch und muffig
gut gewürzt und schal zugleich.

Er riecht nach Schule Bohnerwachs
Kreide, Tafelschwamm ganz nass.
Nach Pippi auch nach Schulbuchdunst,
Fußschweiß riech ich, ungewaschner Hals und Ohrenschmalz.

Er riecht nach Kuhstall süßlich scharf und stechend, nach warmer frischer Milch erst rahmig süß und später sauer.

Nach Kirchgang riecht er unverdrossen
Mottenpulver Schweiß und Seife,
Witwentracht und Tannengrün,
nach Kerzenduft und nach Gesangbuch.

Nach warmem Blute riecht er
und nach dem Dunst vom den Gedärmen
der dampfend aus dem Leib von Schweinen, sich süßlich mischt mit feisten Wurstgerüchen die brodelnd aus dem Kessel wabern.

Das Rasselchen

Es ist Dezember, kurz vor Weihnachten. Die Verwandtschaft trifft sich zur Geburtstagsfeier. Die Vorbereitungen zu solch einem Ereignis sind umfänglich. Ein willkommenes Ereignis in einer dörflichen Umgebung. Ein nachmittägliches üppiges Kuchenbuffet ist obligatorisch. Buttercremetorten, Sahnetorten in beachtlicher Höhe werden hergestellt.Der Stolz für jede einer jeden Hausfrau.Er erinnert sich an ein hämmerndes, sägendes Geräusch zu früher Morgenstunden, welches ihn weckte.Hervorgerufen durch den Handmixer, der wohl starken Kontakt zur Rührschüssel hatte. Dazu der Geruch von Sahne, Vanille, und heiß gelaufenem Elektromotor.
Noch verschlafen und im Pyjama stieg er die Treppen hinunter, öffnete die Küchentür. „Zieh dich erstMmal an.“ sagte Großmutter. Mutter und Tante nickten beifällig, ohne die Arbeit zu unterbrechen.
Großvater saß im Sessel und rasierte sich ebenfalls elektrisch. Das ergab ein unnachahmliches Geräuschkonzert, das ihn noch Jahrzehnte an die Weihnachtszeit erinnerte.
Abends dann ein deftiges Geburtstagsessen. Der Höhepunkt einer jeden Familienfeier. Kartoffelsalat, Nudelsalat immer. Bratwürste und heiße Fleischwurst ebenfalls. Das Highlight aber immer Pumpernickel, dick mit Margarine bestrichen und mit Scheiblettenkäse belegt, mindestens in drei Schichten. Das ganze in längliche kleine Quadrate geschnitten und nach dem Essen zum Bier oder zum Wein gereicht. Der Wein eine wirklich süße Plörre, Marke Himmlisch Moseltröpfchen oder Kröver Nacktarsch.
Zum Schluss noch, vor allem zur Weihnachtszeit, selbstgemachte Plätzchen aller Art, die himmlische nach Butter, Vanille und Nüssen schmeckten.
Dergestalt gesättigt folgte auch er den Gesprächen der Gäste.
Für die Frauen ganz typisch, eigene Krankheiten, die der Nachbarn und Bekannten. Die schulischen Leistungen der Kinder, im Frühling dann der Zustand des eigenen Gemüsegartens.
Und schließlich, in aller Ausführlichkeit, Dorfklatsch jeglicher Art
Bei Männern hingegen war deren Mitteilungsbedürfnis eher übersichtlich. Bei den Alten war’s der Krieg und ihre Arbeit im benachbarten Siegerland als Maurer. Noch viele Jahre später glaubte er tatsächlich, dass alle arbeitsfähigen Männer Maurer waren und im Siegerland arbeiteten. Oft später dann, das Essen war schon im Gange kam, nun nennen wir Ihn Ottmar.
Er betrat das Wohnzimmer, ihm war anzumerken, dass ihn solche öffentlichen Auftritte deutlich überforderten und sagte:
Nichts.
Was niemanden wunderte. „Ottmar willst du noch Kuchen?“ „Das fehlt noch!“ sagte er.
Er schaute sich um und setzte sich dahin, wo noch Platz war. Frauen reichten ihm Teller und Besteck und rückten ihm die deftigen Speisen zurecht. „Lass es Dir schmecken!“ Ottmar delektierte sich bereits, nickte nur und öffnete die bereitstehenden Bierflasche.
All das geschah ganz beifällig, niemand nahm Notiz davon.
Einige Flaschen Bier später wurde Ottmar redseliger.
Sein Blick hellte sich dann deutlich auf und bekam dann bald etwas Wehmütiges und Verschämtes.
Er habe mal bald nach dem Kriege ein Flüchtlingsmädchen gekannt. Sie sei schlank gewesen. Dunkle Haare, ein Lockenkopf. Immer unternehmungslustig, zu Späßen und Streichen aufgelegt. Eine gute Tänzerin. Man nannte sie „Rasselchen.“
Alle jungen Männer seien hinter ihr her gewesen. Sie wäre dann aber von einem Katholiken weggeschnappt worden. „Von einem Sudetengauner!“ wie er sagte. Das dieses junge Mädchen wohl die Liebe seines Lebens gewesen ist, erwähnte er mit keinem Wort. Ottmar ist ledig geblieben. Wohnt mit seiner Schwester zusammen, die ihn versorgt.

Kakao und Käse

Emmerich trug meistens eine Baskenmütze. Sein Markenzeichen.
War im Kriege in französischer Gefangenschaft gewesen. Davon berichtete er mit Vorliebe. Von seinen Erlebnissen dort, vom Essen und Trinken und, von den Frauen. Die Schrecken und Grausamkeiten, die Mitschuld dieser Generation am Hiltlerfaschismus verschwieg er, oder hatte sie nicht erkannt. So wie fast alle Männer seiner Generation. Was übrig blieb, waren Geschichten, die in ihrer Verklärung eher an Pfadfinder-Geschichten erinnerten. Voller Verklärung und nostalgischer Idealisierung der damaligen Zeit.
Emmerich war beides. Auf der einen Seite ein beinharter Calvinist, der vehement alles ablehnte, was mit Genuss und Lebensfreude bedeutete.
Auf der anderen Seite ein sentimentaler Lebemann, der gerne aß und trank, vor allem den schweren süßen Moselwein.
Bier holte er sich gelegentlich mit der Milchkanne in der Dorfkneipe. Man sollte nicht sehen, dass er gerne ein Bierchen trank.
Er liebte diesen verkappten Lebemann, der zwischen Frömmelei und leichtem genussvollem Leben scheinbar ohne Problem hin- und herschwankte.
Gerade diese Doppeldeutigkeit, die so zwanglos daher kam, faszinierte ihn.
Mit der Zeit wurden sie Freunde mit einem Altersunterschied von annähernd 40 Jahren.
„Komm doch mit nach Hause, bei uns gibt es heute Abend Kakao und Käse.“ bot er ihm an.
Er schlug dieses Angebot nicht aus und ging mit.
In Emmerichs Zuhause angekommen duftete es schon an der Haustüre nach köstlichem selbstgekochten Kakao.
Auf dem Küchentisch stand dann schon verzehrfertig eine ordentliche Anzahl bereits dick mit Butter und Edamerkäse belegter Weizenbrötchen.
Liebevoll zubereitet von Emilia, seiner Ehefrau. Eine tiefgläubige Frau, die immer sanftmütig und freundlich den Haushalt führte, gut kochte und klaglos akzeptierte, dass er bei seinen häufigen Besuchen seine geliebten filterlosen Gauloise Coporal dabei rauchte.

Emmerichs politische Einstellungen waren denen der den Seinen gegenüber diametral entgegen gesetzt.
Er, der seinem Onkel Theodor nacheifernd Willi Brandt verehrte.
Emmerich dagegen ein Anhänger von Konrad Adenauer und dessen rückwärtsgewandter Politik der Restauration und der Verdrängung.
Typisch für die Bewohner des Klippdachslandes zu jener Zeit.

Wenn er vom Politisieren mit ihm genug hatte, bemerkte er: 

„Wenn der Russe von Osten her, über den Steinbruch nach Oberdieten kommt, wirst Du Bürgermeister!“

Was schon fast wieder eine Anerkennung für ihn bedeutete.

Emmerich verstarb sehr früh und er erinnerte sich der bitteren Tränen, die er deswegen geweint hatte.

Die Küche

Das erste Auto war ein dunkel rot lackierter VW Käfer. Der war über einen Freund der Familie günstig erstanden worden. Keine 100 Mark, wie sein Vater sagte. Käfer typisch der Geruch in inneren des Fahrzeugs. Ein bisschen nach Fußschweiß mit einer Note von kaltem Zigaretten Rauch und nach Benzin. Am deutlichsten hervortretend aber der Geruch von verbranntem Gummi. Alle Käfer Autos litten in ihrem fortgeschrittenem Alter an immer desselben Krankheit. Die Heizung ließ sich nicht mehr abstellen.
Der Hebel eingerostet, die Lüftungsklappen verhakeln. Im Winter sehr nützlich, aber nur begrenzt ihrer eigentlichen Bestimmung tauglich, nämlich zu heizen. Vor allem die winterlich gefrorene Windschutzscheibe traute man damit nie auf.
Zum Gummigeruch gestellte sich noch oft scharf in der Nase stechend der Geruch von Säure. Salzsäure aus der Autobatterie die sich unter der Rücksitzbank befand.
Damals, es war Herbst, schon dunkel. Er fuhr mit Vater in Richtung Herrenbrunnen. Der hatte versprochen einem befreundeten Ehepaar bei Renovierungsarbeiten zu unterstützen. Vater war ein handwerkliches Allround Talent.
Immer wenn ein Handwerker gefragt war, Vater war stets zur Hilfe bereit. So auch an jenem Abend.
Dort angekommen, geklingelt, was für uns schon eine Ausnahme war, weil dort wo Vater und Sohn lebten alle Haustüren gewöhnlich immer offen standen. Günter öffnete. „Guten Abend, schön das Ihr gekommen seid, hereinspaziert.“
Sie betraten die Küche. Helles Neonlicht blendete ihn sofort. Es roch nach Erbsensuppe, vom Abendessen.
Typische Kochküche der 1960er Jahre. Viel zu klein zu eng. Kein Küchentisch.
Nur eine ausziehbare Resopal- Platte, Farbe weiß die zum Essen diente. Keine Küche zum Leben, zum Wohnen zur gemeinsamen Essen und trinken. Blitzsauber, steril und ohne Seele. Wie geschaffen sich Nahrung zuzuführen. Vater war schnell fertig. Küchenschränkchen aufhängen, Leiste ziehen. Fertig. „Willst Du was trinken?“ „Nein, muss noch Fahren.“. „Was essen?“ „Sind schon satt, haben schon zu Abend gegessen.
„Und Du junger Stammhalter“, wie er diese Zuschreibung hasste, Bonbon gefällig?“ „Ja gerne Danke.“ Bayrisch Blockmalz. Schmeckte wiederlich. Nach Küchenschrank, alt, aufdringlich süsslich. Na ja dachte Er sich. „Aus so einer Küche kann’s nicht schmecken.“

Mox continues (Wird fortgesetzt……!

Lektorat von Dr. Katrin Thomas, die mir stilsicher und sachkundig über manche Hürden der deutschen Sprache hinweghalf.

Danke liebes Katrinchen

Illustrationen von #Kotti_R_Bumquist

Danke mein liebes Bruderherz

Wer fromm ist muss auch politisch sein

„Wer fromm ist muß auch politisch sein.
Allein weil Gott ein armer, elender, unbekannter, erfolgloser Mensch wurde, und weil Gott sich von nun an allein in dieser Armut, im Kreuz, finden lassen will, darum kommen wir von dem Menschen und von der Welt nicht los, darum lieben wir die Brüder.“

Dietrich Bonhoeffer

So wie bei Bonhoeffer lassen sich die Aufgaben der Kirche gegenüber Staat und Öffentlichkeit auch heute zusammenfassen.

  • Die erste von Bonhoeffer genannte Aufgabe verstehen wir heute als Kultur der Einmischung. Wenn die Kirchen mit Denkschriften in die demokratische Zivilgesellschaft hineinsprechen, dann geht es genau um das, was Bonhoeffer als „Verantwortlichmachung des Staates“ bezeichnete.
  • Die zweite Aufgabe, der diakonische Dienst an den Bedürftigen, bleibt ohnehin. Dass er heute geleistet wird, zeigt sich, wenn etwa Gemeinden mit großer öffentlicher Zustimmung für den Schutz von Flüchtlingen eintreten.
  • Und die dritte Aufgabe? Was heißt dem Rad in die Speichen fallen? Für Bonhoeffer rückte dies zunehmend ins Zentrum seines Denkens und Handelns. Dass der Imperativ keineswegs nur in der Diktatur gilt, sondern auch in demokratischen Gesellschaften eine Option sein kann, zeigte schon in den frühen achtziger Jahren die Diskussion um gewaltfreien zivilen Ungehorsam gegen die Stationierung von Massenvernichtungswaffen… .

Gerne würde ich das Thema mit Euch weiter diskutieren.

Ich hoffe auf einen regen Austausch auf

Facebook oder auf Twitter

Weihnachtliche Grüße sendet euch

Armin Herzberger

Ein guter Herbst

Du guter Herbst

Du kühlst. Du ziehst in deinen Bann mit Gold und Rot und all dem dazwischen.

Du gibst eine Ruhe zurück. Du weist den Weg nach innen, raubst den Zwang sich dauernd zu zeigen.