Predigt zum ersten Advent

Predigttext (Römer 14,8-12):**

Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei. Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. Denn es steht geschrieben: ‚So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.‘ So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben.“



Liebe Schwestern und Brüder,

„Leben wir, so leben wir dem Herrn“ – das klingt fromm, aber was meint Paulus damit eigentlich? Geht es um Gebete und Gottesdienstbesuche? Um christliche Innerlichkeit?

Ich glaube, Paulus meint etwas anderes. Er fragt: Wem gehört dein Leben? Wofür setzt du dich ein? Was ist dir wichtig?

Wenn ich sage „ich lebe dem Herrn“, dann heißt das: Mein Leben gehört nicht mir allein. Ich lebe nicht nur für mich selbst, für meinen Wohlstand, für meine Ruhe. Ich lebe für etwas Größeres – für Gottes Reich, für Gerechtigkeit und Frieden, für die Gemeinschaft mit anderen Menschen.

Das ist keine Last, sondern eine Befreiung. Ich muss mich nicht ständig selbst beweisen. Ich muss nicht besser sein als andere. Ich darf einfach leben – in der Gewissheit, dass Gott mich trägt, im Leben wie im Sterben.

Wir sind alle gleich vor Gott

„Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.“ Manchmal hören wir das als Drohung. Aber ich denke, Paulus meint es anders.

Er sagt: Vor Gott sind wir alle gleich. Da gibt es keine Unterschiede zwischen Pfarrer und Gemeindeglied, zwischen Kirchenvorstand und Besucher im hinteren Kirchenbank, zwischen denen, die schon immer hier waren, und denen, die neu dazugekommen sind.

Das ist das Herzstück der Reformation: Wir sind alle unmittelbar vor Gott verantwortlich. Luther nannte das „Priestertum aller Gläubigen“. Nicht der Pfarrer steht näher bei Gott als Sie. Nicht die Kirchenleitung hat mehr zu sagen. Wir alle stehen gleich vor Gott.

Das hat Folgen für unsere Gemeinde: Wenn wir alle gleich sind, dann dürfen nicht nur wenige bestimmen, wo es langgeht. Dann müssen wir gemeinsam überlegen, was zu tun ist. Dann ist die Meinung der Reinigungskraft genauso wichtig wie die des Presbyteriumsvorsitzenden.

Hört auf zu richten und zu verachten

„Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder?“

Kennen Sie das? Da kommt jemand nicht mehr so oft in den Gottesdienst, und schon wird getuschelt: „Der hat wohl seinen Glauben verloren.“ Da hat jemand eine andere Meinung zu einer Frage in der Gemeinde, und schon heißt es: „Die versteht das halt nicht.“

Paulus sagt: Hört auf damit! Hört auf zu richten, wer ein „richtiger“ Christ ist und wer nicht. Hört auf zu verachten, wer anders denkt als ihr.

Das geschieht leider auch in unseren Gemeinden. Manche werden nicht ernst genommen, weil sie keine theologische Ausbildung haben. Andere werden überhört, weil sie nicht zu den „Alteingesessenen“ gehören. Wieder andere werden belächelt, weil sie neue Ideen haben.

Aber wer sind wir, dass wir über andere urteilen? Wir stehen alle vor Gott. Und Gott fragt nicht: „Warst du orthodox genug? Hast du die richtigen Lieder gesungen? Hast du oft genug die Bibel gelesen?“ Gott fragt: „Hast du in Liebe gelebt? Hast du für Gerechtigkeit gekämpft? Hast du anderen geholfen?“

Was kann das für uns bedeuten?

„Leben wir, so leben wir dem Herrn“ – was bedeutet das im Alltag?

Ich denke an die Frau, die jeden Sonntag nach dem Gottesdienst beim Kaffee auf die zugeht, die allein am Rand stehen. Sie richtet nicht, sie verachtet nicht – sie lebt dem Herrn, indem sie Gemeinschaft schafft.

Ich denke an den Mann, der im Kirchenvorstand immer wieder fragt: „Was ist eigentlich mit denen, die nicht hier sind? Was brauchen die jungen Familien? Was brauchen die Alleinerziehenden?“ Er lebt dem Herrn, indem er an die denkt, die keine Stimme haben.

Ich denke an die ältere Dame, die sich für den Erhalt der Diakoniestation einsetzt, obwohl sie selbst nicht darauf angewiesen ist. Sie lebt dem Herrn, indem sie für andere einsteht.

Das ist gemeint mit „dem Herrn leben“ – nicht fromme Innerlichkeit, sondern konkretes Handeln für andere.

Keine Hierarchien im Reich Gottes

„Jeder von uns wird für sich selbst Gott Rechenschaft geben.“ Das heißt: Ich kann mich nicht verstecken hinter anderen. Ich kann nicht sagen: „Der Pfarrer hat das so gesagt“ oder „Das haben wir schon immer so gemacht.“

Aber es heißt auch: Ich bin frei. Frei von dem, was andere von mir erwarten. Frei von der Angst, nicht dazuzugehören. Frei, meinem Gewissen zu folgen.

Das war für die Reformatoren zentral: Niemand steht zwischen mir und Gott. Kein Papst, kein Bischof, kein Pfarrer. Ich bin selbst verantwortlich.

Das bedeutet aber auch: Wir brauchen keine kirchlichen Hierarchien, die uns sagen, was wir zu glauben haben. Wir können gemeinsam überlegen, was der Auftrag der Kirche heute ist. Jede Stimme zählt.

Was wird am Ende zählen?

„Alle Knie sollen sich beugen, alle Zungen sollen Gott bekennen“ – das ist die große Perspektive, die Paulus uns gibt. Am Ende wird sich zeigen, was wirklich wichtig war.

Dann wird nicht gefragt: Wie groß war eure Kirche? Wie voll waren eure Gottesdienste? Wie gut war eure Finanzverwaltung?

Dann wird gefragt: Habt ihr euch für die Schwachen eingesetzt? Habt ihr Gerechtigkeit gesucht? Habt ihr Frieden gestiftet? Habt ihr einander angenommen, wie Christus euch angenommen hat?

Das relativiert vieles, worüber wir uns in der Kirche streiten. Die Frage ist nicht: Klassisch oder modern? Orgel oder Band? Liturgisch oder frei? Die Frage ist: Dient es der Liebe? Schafft es Gerechtigkeit? Bringt es das Reich Gottes näher?

Jesus ermutigt uns

Liebe Schwestern und Brüder, dieser Text von Paulus ist keine Drohung, sondern eine Ermutigung.

Er sagt: Ihr seid frei. Frei von der Angst vor menschlichem Urteil. Frei von dem Zwang, es allen recht zu machen. Frei von der Frage, ob ihr „gut genug“ seid.

Aber er sagt auch: Ihr seid verantwortlich. Verantwortlich dafür, wie ihr lebt. Verantwortlich dafür, ob ihr andere richtet oder annehmt. Verantwortlich dafür, ob euer Leben dem Reich Gottes dient.

Das können wir nicht delegieren – nicht an den Pfarrer, nicht an die Kirchenleitung, nicht an die Tradition. Jede und jeder von uns muss selbst entscheiden: Wie lebe ich dem Herrn?

Aber das ist keine Last. Es ist Würde. Gott traut uns zu, verantwortlich zu leben. Gott traut uns zu, für Gerechtigkeit einzustehen. Gott traut uns zu, seine Mitarbeiter zu sein am Reich Gottes.

In diesem Sinne: Leben wir, so leben wir dem Herrn.

Amen.

Die Predigt ist von mir

Mein Freund Claudius KI hat tüchtig dabei geholfen. Danke

30.11.25

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