Luft der Kindheit


Eine Andacht
Armin Herzberger (Claudius Herz / HeCl)


„Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerrissenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu predigen das Gnadenjahr des Herrn.“
Lukas 4, 18–19 (Luther 2017)

„Der Herr aber ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“
2. Korinther 3, 17 (Luther 2017)

Ich erinnere mich an einen Sommer in meiner Kindheit. Die Zeltmission war da. Es roch nach Kerzenwachs, nach feuchtem Gras und nach etwas, für das ich als Kind keinen Namen hatte. Vielleicht war es Angst, die fromm geworden ist.


Der Prediger stand vorne. Er trug einen dunklen Anzug. Er sprach mit fester Stimme. Und er sagte Sätze, die wie Urteile klangen. Wer nicht glaubt, ist verloren. Wer zweifelt, steht auf wackeligen Beinen. Wer fragt, ob die Bibel wirklich alles so gemeint hat — der gefährdet sein Seelenheil.


Ich war acht Jahre alt. Ich schwieg. Aber etwas in mir wurde unruhig. Nicht weil ich nicht glauben wollte. Sondern weil dieses Christentum so eng war. Wie ein Schuh, der drückt. Wie ein Raum ohne Fenster.


Viele Jahre später bin ich auf diesen Text gestoßen. Jesus steht in der Synagoge von Nazareth. Er nimmt die Buchrolle. Er liest vor. Und was er vorliest, ist keine Drohung. Es ist ein Versprechen.


Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen.
Den Armen. Den Gefangenen. Den Blinden. Den Zerrissenen. Jesus stellt sich vor als jemand, der zu diesen Menschen kommt. Nicht mit einem Urteil.

Mit einer Botschaft:

Heute beginnt das Gnadenjahr des Herrn.
Das Gnadenjahr — das war im alten Israel die Zeit, in der Schulden erlassen wurden, in der Versklavte frei kamen, in der das, was aus dem Lot geraten war, wieder gerade wurde. Jesus sagt: Heute. Hier. Jetzt. Das beginnt jetzt.


Ich frage mich manchmal:

Warum höre ich diesen Text so anders als die Sätze des Predigers von damals? Beide sprechen von Jesus. Beide berufen sich auf die Bibel. Und doch — das eine macht mir Angst, das andere öffnet etwas in mir.

Der Apostel Paulus hat dieses Öffnen in einem einzigen Satz zusammengefasst:

Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.


Das ist nicht Freiheit im Sinne von: Ich darf alles tun, was ich will. Es ist Freiheit im Sinne von: Ich muss nicht mehr in Angst leben. Ich muss nicht beweisen, dass ich gläubig genug bin. Ich muss keine Mauern bauen um meinen Glauben, damit er sicher bleibt. Der Geist Gottes hält ihn.
Wo aber die Angst regiert — wo ein Glaube sich vor allem schützen muss, alles kontrollieren, alle Fragen abwehren — da ist kein Geist des Herrn. Oder jedenfalls: da ist keine Freiheit. Und ohne Freiheit ist der Glaube kein Glaube mehr. Er ist ein Käfig.
Das ist kein Angriff auf den Glauben. Das ist eine Einladung, ihn zu atmen. Tief zu atmen. Wie frische Luft.

Glaube ist nicht:

Möglichst viele Glaubenssätze für richtig halten.

Glaube ist nicht:

auf der sicheren Seite stehen und alle anderen beurteilen.

Glaube ist nicht:

Das Evangelium schützen wie einen Schatz hinter sieben Schloss und Riegel.


Glaube ist:

Sich dem anvertrauen, der in Jesus Christus zu uns kommt. Und dieser Jesus kommt nicht mit Urteilen. Er kommt mit einer Einladung. Er setzt sich zu den Menschen, die am Rand sitzen. Er berührt die Kranken. Er spricht mit denen, mit denen man nicht spricht. Er fragt nicht zuerst: Bist du gläubig genug? Er fragt: Was brauchst du?


Dietrich Bonhoeffer, ein evangelischer Theologe, der sein Leben im Widerstand gegen Hitler verloren hat, hat einmal geschrieben, die Kirche sei nur dann wirklich Kirche, wenn sie „Kirche für andere“ ist.

Eine Kirche, die sich selbst schützt, ihre Grenzen bewacht und den anderen misstraut — die ist keine Kirche mehr. Die ist ein Verein.


Das ist kein Angriff auf den Glauben. Das ist eine Einladung, ihn tiefer zu verstehen.

Jesus sagt in der Synagoge von Nazareth ein einziges Wort, das alles zusammenfasst:

Heute.


Nicht:

Irgendwann, wenn ihr alles richtig glaubt.

Nicht:

In einer besseren Welt, die nach dem Tod kommt. Heute ist das Gnadenjahr des Herrn.


Das bedeutet:

Gott wartet nicht. Das Evangelium ist keine Angelegenheit für später. Es begegnet uns in dem Menschen, dem es heute schlecht geht. In dem, der heute ausgegrenzt wird. In dem, der heute keine Stimme hat.
Und es begegnet uns in der Frage, die wir uns selbst stellen müssen: Auf welcher Seite stehe ich? Stehe ich auf der Seite derer, die Grenzen ziehen und andere beurteilen? Oder stehe ich auf der Seite dessen, der in die Synagoge von Nazareth geht und sagt: Für euch. Für die Armen. Für die Zerrissenen. Heute.


Die Luft der Kindheit bleibt. Ich atme sie noch manchmal. Den Geruch von Wachs und Wolle und Angst. Aber daneben atme ich etwas anderes — die Luft der Freiheit. Die Luft eines Evangeliums, das nicht einengt, sondern befreit. Das nicht urteilt, sondern einlädt. Das nicht Käfige baut, sondern Türen öffnet.
Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Das steht in der Bibel. Es riecht anders als Kerzenwachs und Angst. Es riecht nach dem, was Luther einmal Evangelium nannte:

Gute Nachricht. Für alle.

Gebet
Gott, du hast deinen Sohn nicht gesandt, um zu richten, sondern um zu suchen, was verloren ist. Gib uns Mut, diesem Jesus zu folgen — dorthin, wo Menschen in Not sind. Bewahre uns vor einem Glauben, der sich selbst schützt, statt sich auszugeben. Schenk uns die Freiheit deines Geistes — jene Freiheit, die nicht einengt, sondern trägt. Und lass uns heute hören, was du uns sagst: Für dich. Gnadenjahr. Jetzt.

Amen.

Mach uns unbequem

Wie Kirchenvorstand interessant werden kann


Freitagabend. Kurzfreizeit in Beienbach bei Netphen. Konfirmanden, erster Abend. Ich war nur zum Auftakt dabei — kurz vorgestellt, wer ich bin und was ich mache.
Das hier ist, was ich gesagt habe.

Kirchenvorstand. Klingt langweilig. Ist es nicht.
Jedenfalls nicht, wenn man die eine Frage ernst nimmt: Für wen ist diese Kirche eigentlich da?
Kirche war in der Geschichte oft auf der falschen Seite. Hat Mächtige geschützt. Hat weggeschaut. Hat mitgemacht, wenn Menschen unterdrückt wurden. Das ist kein Angriff. Das ist Geschichte. Und die muss man kennen, bevor man irgendetwas anderes sagt.
Trotzdem bin ich da. Weil ich will, dass sich jemand die Frage stellt: Wer sitzt nicht mit am Tisch — und warum nicht?
Menschen, die nicht ins Schema passen.
Menschen, die anders lieben.
Menschen, die sich nicht einordnen lassen wollen.
Menschen, die ausgegrenzt werden, weil sie einfach sie selbst sind.
Menschen mit Behinderung.
Menschen ohne Geld.
Menschen, die von der Kirche verletzt wurden und trotzdem noch irgendwie suchen.
Die sind nicht das Problem. Die sind der Maßstab.
Eine Kirche, die nur für die funktioniert, die schon drin sind — die ist überflüssig. Die kann zumachen.
Wir haben keine perfekten Antworten. Wir streiten. Wir liegen falsch. Aber wir stellen diese Fragen. Und wenn ihr reden wollt — über Kirche, Glauben, Zweifel, irgendetwas davon — kommt einfach auf uns zu. Kein Vortrag. Versprochen.

Zum Schluss hab ich gefragt, ob jemand ein Gebet möchte. Nicht alle. Wer will.

Gott —
falls du da bist:
Mach uns unbequem.
Nicht fromm.
Unbequem.
Damit wir nicht wegsehen,
wenn jemand keinen Platz kriegt.
Der Maßstab sind die,
die draußen stehen.
Immer.
Amen.

Dann bin ich gegangen. Die Freizeit geht noch bis Sonntag — ohne mich.

Das Evangelium gehört nicht uns

Das Evangelium gehört nicht uns


Andacht zu Lukas 4,16–21


Jesus kommt nach Nazareth.
Er liest einen alten Text vor.
Und er sagt: Heute. Hier. Jetzt.
Das ist kein Bekenntnis zur richtigen Lehre.
Das ist ein Programm.
Für die Armen.

Für die Gefangenen.

Für die Fremden.


Diese Andacht fragt:
Was passiert, wenn fromme Menschen
das Evangelium festhalten wollen —
wie einen Besitz?


Sie erinnert an Adolf Stoecker.


Er war fromm. Er hat geholfen.
Und er hat Hass auf Juden verbreitet.
Beides gleichzeitig.
Das ist keine Anklage.
Das ist eine Warnung.


Auch für uns heute.
Denn Jesus wird in Nazareth abgelehnt —
nicht von den Sündern.
Von den Frommen.


Weil er sagt: Gott ist auch für die Fremden da.
Die Andacht schließt mit einem Gebet
und einem letzten Gedanken:


Das Evangelium ist größer als mein Milieu.
Es ist größer als meine Gewissheit.
Es sagt: Heute. Hier. Für andere.
Das ist genug.

Eine Andacht

War Paulus ein Macho?


Zum Vortrag von Kathy Ehrensperger und Peter Arzt-Grabner auf Worthaus 13 in Tübingen, Juni 2025

Früher, in meiner Kindheit:
Die Männer redeten.
Die Frauen machten Kaffee.
Wenn eine Frau etwas Wichtiges sagen wollte, schaute der Bruder Vorsitzender zur Seite.

Er räusperte sich. Und das Gespräch ging weiter — als wäre nichts gewesen.


Der Geruch nach Karbonseife hing in der Luft. Nach Bohnerwachs. Nach dem Sonntagsanzug des Vaters.


Und alle wussten:
Das steht so bei Paulus. Irgendwo. Man wusste es immer.


Ich habe jetzt einen Vortrag gehört. Zwei Professorinnen und Professoren aus Tübingen haben dieses „Irgendwo bei Paulus“ genau angeschaut.


Und ich habe gemerkt: Wir haben Paulus falsch gelesen.
Paulus war kein Macho.


Kathy Ehrensperger ist Professorin. Sie erforscht Paulus.
Sie sagt: Paulus war Jude. Er ist Jude geblieben. Sein ganzes Leben lang.
Er hat geglaubt: Jesus ist der Messias. Das macht ihn noch nicht zum Christen, wie wir heute Christen kennen.
Das ist wichtig.


Denn viele lesen Paulus so, als wäre er ein Kirchenmann aus dem Mittelalter. Einer, der Frauen aus dem Amt heraushalten will.
Das stimmt nicht.


Was bedeutete der Schleier damals?
Peter Arzt-Grabner ist auch Professor. Er liest alte Texte aus der Antike. Verträge, Briefe, Quittungen.


Er erklärt:
Vor 2000 Jahren trugen verheiratete Frauen einen Schleier. Das war selbstverständlich. Der Schleier bedeutete: Diese Frau gehört zur Gemeinde. Sie ist eine angesehene Frau.


Frauen ohne Schleier galten als nicht angesehen. Das war die Sprache der damaligen Zeit.


Und jetzt kommt das Wichtige:
Paulus schreibt: Frauen sollen beim Beten den Schleier nicht ablegen.


Das bedeutet:
Frauen dürfen beten. Frauen dürfen predigen. Aber sie sollen dabei würdevoll auftreten — mit Schleier.


Paulus wollte nicht, dass Frauen schweigen. Er wollte, dass Frauen ernst genommen werden.
Paulus kannte viele Frauen — als Mitarbeiterinnen


In seinen Briefen nennt Paulus viele Frauen.
Phöbe — sie war Diakonin. (Röm 16,1)
Priska — sie leitete mit ihrem Mann eine Gemeinde. (Röm 16,3)
Junia — Paulus nennt sie eine „herausragende Apostelin“. (Röm 16,7)


Diese Frauen haben gearbeitet. Sie haben geleitet. Sie haben Theologie gemacht.


Was bedeutet das für heute?
Paulus hat einen wichtigen Satz geschrieben.

Er steht im Galater-Brief, Kapitel 3, Vers 28:
„Hier ist nicht Jude noch Grieche. Nicht Sklave noch Freier. Nicht Mann noch Frau. Denn ihr seid alle einer in Christus Jesus.“


Das ist das Programm von Paulus. Das ist die Richtung.
Ich denke an den Bruder Vorsitzender. An das Räuspern. An die Frauen im Klippdachsland, die mehr zu sagen gehabt hätten.


Heute verbieten manche Gemeinden Frauen das Predigen. Sie sagen: Das steht bei Paulus.


Aber Paulus hat das nicht so gemeint.
Er hat Frauen als Aposelinnen anerkannt. Er hat mit Frauen zusammengearbeitet. Er hat die Würde aller Menschen ernst genommen.


Das ist mutig. Und ich meine:

Das ist Evangelium.


Den Vortrag können Sie kostenlos hören auf: worthaus.org

Die Kirche und die Mächtigen


Die Kirche und die Mächtigen — eine alte und neue Frage

Am Ende auch in leichter Sprache

Ein theologischer Essay

Siegfried Zimmer erzählt bei Worthaus von einer Baumfabel aus dem Alten Testament. Was eine Fabel über einen Dialog zwischen Bäumen mit dem Urteil über ein politisches System zu tun hat, zeigt Zimmer anhand eines weitgehend unbekannten Bibeltextes — und er macht dabei klar: Den Mächtigen der Welt, den Reichen, Starken und Unterdrückern geht es mächtig an den Kragen. [Worthaus](https://worthaus.org/mediathek/search/)

Das ist keine Randnotiz. Das ist Programm. Und es wirft eine Frage auf, die die Kirche seit ihren Anfängen begleitet — und von der sie sich immer wieder weggeduckt hat: Was hat der Glaube mit der Macht zu tun?

**I. Die Versuchung der Stille**

Es gibt eine fromme Versuchung, die besonders gefährlich ist, weil sie so tugendhaft aussieht: die Versuchung zur Stille. Die Kirche solle sich aus der Politik heraushalten, heißt es dann. Sie solle das Ewige verkündigen, nicht das Zeitliche kommentieren. Sie solle Seelen retten, nicht Systeme kritisieren.

Diese Position hat eine lange Geschichte. Und eine schlechte.

Dietrich Bonhoeffer hat sie durchlebt und durchlitten. Im Gefängnis, während seine Mitverschwörer hingerichtet wurden, schrieb er: Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. Nicht für sich. Nicht für ihre Institutionen. Für die anderen — und das heißt: für die, denen Unrecht geschieht.

Karl Barth hat es 1934 im Barmer Bekenntnis auf den Punkt gebracht: Es gibt keinen Bereich des Lebens, der Jesus Christus nicht gehört. Kein Reich, das außerhalb seiner Herrschaft liegt. Auch nicht die Wirtschaft. Auch nicht die Politik. Auch nicht die Frage, wer Hunger hat und wer nicht.

**II. Was die Propheten wussten**

Die alttestamentliche Prophetie ist kein spirituelles Hobby. Sie ist politische Rede. Amos steht auf dem Marktplatz und rechnet mit denen ab, die falsche Gewichte benutzen, Arme für ein Paar Sandalen verkaufen, Weizen mit Spreu strecken. Jesaja beschreibt den Gottesdienst, der Gott zuwider ist — weil die Betenden draußen Witwen und Waisen unterdrücken. Micha fasst es zusammen: Recht tun, Güte lieben, demütig gehen.

Das ist keine Sozialpolitik als Anhängsel des Glaubens. Das ist der Kern.

Die fünfte Worthaus-Jahrestagung 2015 widmete sich eigens der prophetischen Dimension der biblischen Botschaft [Siegfriedzimmer](https://siegfriedzimmer.de/worthaus/) — und das war kein Zufall. Denn Zimmer weiß, dass die Bibel nicht politisch neutral ist. Sie ergreift Partei. Für die Schwachen. Gegen die Strukturen, die sie klein halten.

**III. Die Option für die Armen — kein Luxus**

Gustavo Gutiérrez hat den Begriff geprägt: die *Option für die Armen*. Er meinte damit keine Almosen, keine Charity, kein gutes Gewissen. Er meinte eine strukturelle Entscheidung: Wo steht die Kirche? Auf wessen Seite liest sie die Bibel?

Dorothee Sölle hat dasselbe auf ihre Weise gesagt: Mystik und Widerstand gehören zusammen. Wer Gott erfahren hat, kann nicht schweigen, wenn Menschen zertreten werden. Die Gotteserfahrung treibt in die politische Verantwortung — nicht heraus.

Und Pope Francis schreibt in *Evangelii Gaudium*, dass eine Kirche, die sich nur um sich selbst dreht, krank wird. Die Kirche muss aus sich heraustreten, an die Ränder gehen, zu den Menschen, die das System vergessen hat.

**IV. Konkret: Was heißt das heute?**

Es heißt, dass die Kirche Farbe bekennen muss — nicht parteipolitisch, aber politisch-theologisch.

Wenn Populisten die Würde von Menschen angreifen, die nicht ins Bild passen — Geflüchtete, Arme, Kranke, Menschen mit Behinderung — dann ist das nicht eine politische Meinung neben anderen. Das ist eine theologische Frage. Denn die Würde des Menschen ist nicht verhandelbar. Sie ist Gottesebenbildlichkeit.

Wenn Wirtschaftsstrukturen so organisiert sind, dass Wenige immer mehr bekommen und Viele immer weniger, dann ist das kein schicksalhafter Naturzustand. Das ist eine politische Entscheidung. Und die Bibel hat dazu etwas zu sagen — laut, und seit Jahrtausenden.

Das Abendmahl deutet Zimmer als Quelle des Friedens, der Gerechtigkeit und der Akzeptanz — nicht als Appell, nicht als Strenge, sondern als Zuwendung und Integration. [Worthaus](https://worthaus.org/mediathek/search/) Wenn das stimmt, dann ist der Tisch des Herrn das Gegenbild zur gesellschaftlichen Ausgrenzung. Wer hier isst, lernt, wer dazugehört.

**V. Die Kirche als Zeichen**

Die Kirche ist kein Staat. Sie hat keine Armeen, keine Haushalte, keine Gesetzgebung. Aber sie hat etwas, das alle diese Mächte nicht haben: die Freiheit, die Wahrheit zu sagen. Die Freiheit, unbequem zu sein. Die Freiheit, für jemanden einzutreten, der sich selbst nicht eintreten kann.

Diese Freiheit ist ihr Auftrag. Und sie ist zugleich ihr Geheimnis.

Bonhoeffer hat in seiner Gefängniszelle geschrieben, dass er sich eine Kirche wünscht, die von allen Privilegien loslässt und allein durch das Wort dient. Eine Kirche *für andere*. Nicht eine Kirche, die sich selbst feiert.

Vielleicht ist genau das die prophetische Aufgabe in unserer Zeit: nicht laut zu sein um der Lautstärke willen. Sondern klar zu sein — an der Seite derer, die das System vergessen hat.

Das wäre Kirche. Das wäre Evangelium.



*Quellen und Impulse: Siegfried Zimmer, Worthaus-Mediathek (worthaus.org) — Vorträge zu Prophetie und Herrschaftskritik. Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Karl Barth, Barmer Theologische Erklärung 1934. Gustavo Gutiérrez, Theologie der Befreiung. Dorothee Sölle, Mystik und Widerstand. Papst Franziskus, Evangelii Gaudium.*

Hier ist der Essay vollständig in Leichter Sprache:

# Die Kirche und die Mächtigen
## Ein theologischer Text in Leichter Sprache



### Was ist das Thema?

Siegfried Zimmer ist ein Theologe.
Er erklärt eine alte Geschichte aus der Bibel.
Es ist eine Fabel von Bäumen.
Die Bäume sprechen miteinander.
Zimmer zeigt:
Diese Geschichte ist wichtig für die Politik heute.
Die Bibel sagt:
Mächtige Menschen und Unterdrücker bekommen Probleme.
Das ist kein Zufall.
Das ist eine Botschaft von Gott.

Und das stellt eine wichtige Frage:
Was hat der Glaube mit der Macht zu tun?


### I. Die Versuchung zur Stille

Manche Menschen sagen:
Die Kirche soll sich aus der Politik heraushalten.
Sie soll nur über das Ewige sprechen.
Sie soll keine Kritik üben.
Das klingt fromm.
Aber das ist falsch.

Dietrich Bonhoeffer war ein Theologe.
Er wurde im Gefängnis eingesperrt.
Er schrieb dort:
Die Kirche ist nur Kirche,
wenn sie für andere da ist.
Nicht für sich selbst.
Für die Menschen, denen Unrecht geschieht.

Karl Barth war ein anderer Theologe.
Er schrieb 1934:
Alles in der Welt gehört zu Jesus Christus.
Auch die Wirtschaft.
Auch die Politik.
Auch die Frage:
Wer hat Hunger?
Und wer nicht?



### II. Was die Propheten sagten

Die Propheten im Alten Testament
sprachen über Politik.
Sie standen auf dem Marktplatz.
Sie sagten laut die Wahrheit.

Amos sagte:
Manche Händler betrügen die Armen.
Sie benutzen falsche Gewichte.
Sie verkaufen arme Menschen für wenig Geld.

Jesaja sagte:
Manche Menschen beten zu Gott.
Aber draußen unterdrücken sie Witwen und Waisen.
Das ist Gott nicht recht.

Micha sagte es kurz:
Tue Recht.
Liebe Güte.
Geh demütig.

Das ist nicht Sozialpolitik als Extra.
Das ist der Kern des Glaubens.

Siegfried Zimmer zeigt:
Die Bibel ist nicht politisch neutral.
Sie ergreift Partei.
Sie ist für die Schwachen.
Sie ist gegen die Strukturen,
die Menschen klein halten.


### III. Die Option für die Armen

Gustavo Gutiérrez ist ein Theologe aus Peru.
Er hat einen wichtigen Begriff geprägt:
*Option für die Armen.*

Das bedeutet nicht:
Gib ein bisschen Geld.
Das bedeutet:
Wo steht die Kirche?
Auf wessen Seite liest sie die Bibel?

Dorothee Sölle war eine Theologin.
Sie sagte:
Mystik und Widerstand gehören zusammen.
Wer Gott erfahren hat,
kann nicht schweigen,
wenn Menschen leiden.
Der Glaube treibt in die Verantwortung.

Papst Franziskus schreibt:
Eine Kirche, die nur um sich selbst kreist,
wird krank.
Die Kirche muss zu den Rändern gehen.
Zu den Menschen,
die das System vergessen hat.


### IV. Was das heute bedeutet

Die Kirche muss Farbe bekennen.
Nicht als politische Partei.
Aber klar und deutlich in der Menschenwürde.

Wenn Populisten sagen:
Geflüchtete, Arme, Kranke, Menschen mit Behinderung
gehören nicht dazu —
dann ist das keine normale Meinung.
Das ist eine theologische Frage.
Denn die Würde des Menschen ist nicht verhandelbar.
Jeder Mensch ist nach dem Bild Gottes geschaffen.

Wenn Wirtschaftsstrukturen so gebaut sind,
dass Wenige immer mehr bekommen
und Viele immer weniger —
dann ist das keine natürliche Sache.
Das ist eine politische Entscheidung.
Und die Bibel hat dazu seit Jahrtausenden etwas zu sagen.

Siegfried Zimmer sagt:
Das Abendmahl ist ein Zeichen des Friedens,
der Gerechtigkeit,
der Zuwendung.
Nicht Strenge.
Nicht Ausgrenzung.
Wer am Tisch des Herrn sitzt,
der lernt:
Alle gehören dazu.



### V. Die Kirche als Zeichen

Die Kirche hat keine Armee.
Sie hat keinen Haushalt wie ein Staat.
Sie macht keine Gesetze.

Aber sie hat etwas Wichtiges:
Die Freiheit, die Wahrheit zu sagen.
Die Freiheit, unbequem zu sein.
Die Freiheit, für andere einzutreten.

Das ist ihr Auftrag.
Das ist ihr Geheimnis.

Bonhoeffer schrieb im Gefängnis:
Ich wünsche mir eine Kirche,
die alle Privilegien loslässt.
Eine Kirche, die allein durch das Wort dient.
Eine Kirche *für andere*.
Keine Kirche, die sich selbst feiert.

Die prophetische Aufgabe heute ist:
Nicht laut sein um der Lautstärke willen.
Sondern klar sein.
An der Seite derer,
die das System vergessen hat.

Das wäre Kirche.
Das wäre Evangelium.



*Quellen und Impulse:
Siegfried Zimmer, Worthaus-Mediathek.
Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung.
Karl Barth, Barmer Theologische Erklärung 1934.
Gustavo Gutiérrez, Theologie der Befreiung.
Dorothee Sölle, Mystik und Widerstand.
Papst Franziskus, Evangelii Gaudium.*

Wer schützt die Schwachen

Das Bibelwort: Amos 5

Ich hasse eure Feste und verabscheue sie. Eure Gottesdienste kann ich nicht riechen. Strom soll das Recht sein – wie Wasser. Gerechtigkeit soll fliessen – wie ein reissender Bach. (Amos 5, 21 und 24)

Amos war ein einfacher Mann.
Er war Schafhirt.
Er hatte keine Macht.
Aber er sprach harte Worte.
Er sagte: Fromm sein reicht nicht.
Gerechtigkeit muss sein.

Wer betet – und die Armen vergisst – den mag Gott nicht.



1. Donald Trump und die Macht

Donald Trump ist Prasident der USA.
Er ist einer der maechtigsten Menschen der Welt.
Er ist reich.
Er hat Palaeste und Privatflugzeuge.

Jesus hat gesagt:
Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadeloeher geht, als dass ein Reicher in das Reich Gottes kommt. (Lukas 18, 25)

Das ist kein Zufall.
Reichtum macht blind.
Reichtum trennt von den Armen.

Trump steht fuer die Reichen. Nicht fuer die Armen.

Das sind Taten:
Er gibt den Reichen Steuererleichterungen.
Er kuetzt Hilfen fuer arme Menschen.
Er baut Mauern gegen Fluechtlinge.
Er schickt Menschen weg – auch Familien mit Kindern.

Wenn du einen Hunger leidenden siehst und nicht hilfst – das ist, als haettest du ihn getoetet.
— Dorothee Soelle, Theologin (1929-2003)



2. Hat Gott Trump gemacht?

Manche Christen in Amerika sagen:
Trump ist von Gott auserwahlt. Gott hat ihn gerettet. Gott hat ihn gesandt.

Das hoeren wir – und erschrecken.
Denn: Das haben andere auch gesagt.
Von Kaiser Wilhelm II.
Von Hitler.
Immer sagten Kirchenleute: Gott steht auf unserer Seite.

Wer Gott fuer einen Maechtigen einspannt – missbraucht Gott.

Die Kirche muss den Staat fragen: Bist du Recht und Ordnung? Oder bist du Gewalt?
— Dietrich Bonhoeffer, 1933

Und Walter Rauschenbusch – ein amerikanischer Theologe – hat geschrieben:
Die Suende ist nicht nur persoenlich. Die Suende steckt in den Strukturen. In Wirtschaft und Politik.
— Walter Rauschenbusch, Theologe (1861-1918)

Trumps Machtpolitik ist eine solche Struktur-Suende.



3. Und bei uns in Deutschland?

Trump ist weit weg.
Amerika ist weit weg.
Aber das Gleiche passiert bei uns.

Die AfD benutzt das Wort Christlich.
Sie sagt: Wir verteidigen das christliche Abendland.
Sie sagt: Wir schuetzen christliche Werte.

Aber ihre Politik widerspricht Jesus – Satz fuer Satz.

Was sagt die AfD?
Fluechtlinge sind eine Gefahr.
Kirchenasyl ist kriminell.
Kirchen sollen den Mund halten.

Was sagt Jesus?
Ich war ein Fremder – und ihr habt mich aufgenommen. (Matthaeus 25, 35)

Was Kirchen und Theologen sagen:
EKD-Bischoefi Kirsten Fehrs: Die AfD steht ausserhalb des Grundgesetzes.
VELKD-Bischoefe: Wer die AfD waehlt, unterstuetzt eine Partei,
die das christliche Menschenbild mit Fuessen tritt.
Theologe Hans-Ulrich Probst: Die AfD benutzt ein christliches Deckmantel
fuer einen menschenfeindlichen Kern.
Kathol. und evang. Kirche: AfD ist fuer Christen nicht waehlbar.

Und trotzdem:
Bei der Bundestagswahl 2025 hat die AfD ihr Ergebnis verdoppelt.
Auch viele Christen haben die AfD gewaehlt.

Das ist der Verrat am Evangelium – mitten unter uns.

Die AfD hat nicht das Recht, unseren Namen fuer ihre politische Agenda zu verwenden.
— Pastorin Kate Weishaupt, Evangelisch-methodistische Kirche Halle

Die AfD greift die Kirchen sogar direkt an.
Sie will der Diakonie den Geldhahn zudrehen.
Sie will Kirchenasyl verbieten.
Sie will Kirchensteuer abschaffen.

Das trifft die Schwachen direkt:
Menschen in Pflegeheimen.
Kinder in Kitas der Diakonie.
Fluechtlinge im Kirchenasyl.

Wenn das Zusammenleben zur Debatte steht, weil Gruppen ausgegrenzt werden – dann schadet das allen.
— Christoph Stolte, Diakonie Mitteldeutschland



4. Warum schweigen so viele Christen?

Viele Christen schweigen.
Manche unterstuetzen die AfD sogar.

Wie ist das moeglich?

Es gab das schon einmal.
1933 in Deutschland.
Da haben Christen gesagt:
Gott und Hitler – das gehoert zusammen. Fuehrer, Volk und Kirche – ein Wille.

Das war der Verrat am Evangelium.

Bonhoeffer hat widersprochen.
Er hat bezahlt mit dem Leben.

Martin Luther King hat gesagt:
Eine Ungerechtigkeit irgendwo ist eine Bedrohung der Gerechtigkeit ueberall.
— Martin Luther King Jr. (1929-1968)

Er hat bezahlt mit dem Leben.

Heute?
Heute ist es bequem zu schweigen.
Heute hat man Angst vor Streit.
Heute will man niemanden verargern.

Bequeme Kirche ist keine Kirche Jesu.

Gott ist kein Freund der Reichen. Gott ist der Befreier der Unterdrueckten.
— Gustavo Gutierrez, Vater der Befreiungstheologie



5. Was koennen wir tun?

Wir koennen nicht schweigen.
Wir sind Christen.
Das verpflichtet uns.

Selig sind die, die nach Gerechtigkeit hungern und duersten. Denn sie werden satt werden. (Matthaeus 5, 6)

Hunger nach Gerechtigkeit – das ist keine Meinung.
Das ist ein Auftrag.

Konkret heisst das:

Redet in eurer Gemeinde darueber.
Sagt klar: Die AfD ist nicht christlich.
Unterstuetzt Kirchenasyl.
Seid bei Demos fuer Demokratie.
Waehlt mit eurem Gewissen – und dem Evangelium.

Glaube ohne Politik ist Privatsache. Nicht Evangelium.


Gebet

Gott,
wir sehen eine Welt,
in der Reiche immer reicher werden.
Und Arme immer aermer.

Wir sehen Mauern – aus Beton und aus Kaalte.
Wir sehen Fluechtlinge – zurueckgestossen.
Wir sehen Christen,
die das alles gut finden.
Die sagen: Das ist Gottes Wille.

Das macht uns zoernig.
Weil Amos zoernig war.
Weil Jesus zoernig war – im Tempel.
Weil Zorn auf Unrecht ein Zeichen der Liebe ist.

Gib uns diesen Zorn.
Und gib uns Kraft daraus.
Kraft zu reden.
Kraft zu handeln.
Kraft, auf der Seite der Schwachen zu stehen.

In Deutschland.
Und ueberall auf der Welt.

Amen.



Claudius Herz | arminherzberger.com
Andacht in Leichter Sprache

Karfreitag und Ostern


Was ist Karfreitag?
An Karfreitag denken wir an Jesus.

Jesus wurde getötet.

Das war vor fast 2.000 Jahren.

Er wurde ans Kreuz genagelt.

Das nennt man Kreuzigung.

Kreuzigung – was bedeutet das?
Das Kreuz war damals eine Strafe.

Die Römer haben Menschen so hingerichtet.

Es war sehr grausam.

Und es war eine öffentliche Demütigung.

Jesus war kein König.

Er war kein reicher Mann.

Er war ein armer Wanderprediger.

Er starb als Armer.

Er starb als Gefangener.

Er starb allein.

Warum wurde Jesus getötet?
Jesus hat den Mächtigen widersprochen.

Er hat gesagt:

Gott steht auf der Seite der Armen.

Nicht auf der Seite der Reichen.

Jesus hat kranke Menschen geheilt.

Auch die, die niemand anfassen wollte.

Er hat mit Menschen gegessen,

die alle anderen ausgeschlossen haben.

Er hat Frauen geachtet.

Obwohl Frauen damals wenig galten.

Das haben die Mächtigen nicht gemocht.

Sie hatten Angst vor ihm.

Deshalb haben sie ihn töten lassen.

Was zeigt uns Karfreitag?
Karfreitag zeigt uns:

Wenn jemand für Gerechtigkeit eintritt,

dann ist das gefährlich.

Die Mächtigen wollen das nicht.

Manchmal wehren sie sich mit Gewalt.

Das war früher so.

Das ist heute noch so.

Menschen sterben in Armut.

Menschen werden ausgeschlossen.

Menschen werden ungerecht behandelt.

Gott schaut dabei nicht weg.

Gott ist mitten bei denen, die leiden.

Gott leidet mit.

Die Theologin Dorothee Sölle hat das so gesagt:

Gott ist kein mächtiger Herrscher.

Gott teilt unser Leid.

Gott ist auf der Seite der Schwachen.

Ostern
Was ist Ostern?
Drei Tage nach dem Tod von Jesus

ist etwas Unglaubliches passiert.

Die Freundinnen und Freunde von Jesus

haben ihn als lebendig erlebt.

Das nennen wir Auferstehung.

Auferstehung – was bedeutet das?
Jesus war tot.

Und dann erlebten seine Freunde ihn neu.

Als lebendige Kraft.

Als Gegenwart, die bleibt.

Die Freundinnen und Freunde von Jesus

hatten große Angst gehabt.

Sie dachten: Alles ist verloren.

Jetzt hatten sie wieder Mut.

Sie haben weitergekämpft.

Für eine gerechte Welt.

Was bedeutet Auferstehung für uns?
Auferstehung bedeutet nicht nur:

Es gibt ein Leben nach dem Tod.

Auferstehung bedeutet vor allem:

Das Unrecht hat nicht das letzte Wort.

Die Mächtigen gewinnen nicht für immer.

Gott macht Neues möglich.

Martin Luther King hat das so gesagt:

„Der Bogen der Geschichte ist lang.

Aber er neigt sich zur Gerechtigkeit.“

Das ist Osterhoffnung.

Nicht naiv.

Sondern stark und geerdet.

Was bedeutet das für unser Leben?
Karfreitag und Ostern gehören zusammen.

Karfreitag sagt uns:

Schau hin.

Schau nicht weg.

Benenne das Unrecht beim Namen.

Ostern sagt uns:

Steh auf.

Mach weiter.

Veränderung ist möglich.

Das ist keine leichte Hoffnung.

Das ist eine erkämpfte Hoffnung.

Christus ist auferstanden.
Er ist wahrhaftig auferstanden.

Das verändert, wie wir leben.



Karfreitag & Ostern 2026

Claudius Herz / arminherzberger.com

Wir Christen und die schwule Frage

Ein Vortrag, der mich bewegt hat
Siegfried Zimmer und „Die schwule Frage“
von Armin Herzberger

Ich habe einen Vortrag gesehen.
Der Vortrag heißt: „Die schwule Frage – Die Bibel, die Christen und das Homosexuelle.“

Die Würde des Menschen ist unantastbar


Der Referent ist Professor Siegfried Zimmer.
Er ist Theologe.
Er hat viele Jahre an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg gelehrt.
Und er hat die Plattform Worthaus mitgegründet.
Worthaus macht Theologie für alle zugänglich.
Der Vortrag dauert eineinhalb Stunden.
Ich habe ihn in einem Stück gesehen.
Das passiert mir selten.
Was sagt Zimmer?


Zimmer stellt eine einfache Frage:
Wo waren die Christen – als Schwule und Lesben verfolgt wurden?
Jahrhunderte lang wurden Menschen verfolgt.


Sie wurden ausgegrenzt.
Sie wurden gefoltert.
Sie wurden getötet.


Und die Kirche?
Die Kirche hat oft mitgemacht.
Oder geschwiegen.
Das sagt Zimmer klar und deutlich.
Und er sagt: Das ist eine Schande.
Was ist mit der Bibel?
Viele Christen sagen: „Die Bibel verbietet Homosexualität.“
Zimmer schaut genau hin.
Er fragt: Was stand damals wirklich dahinter?


Er erklärt: Das Konzept der gleichgeschlechtlichen Liebe, so wie wir sie heute kennen – das gab es in der Antike noch nicht.
Die Bibel redet also über etwas anderes.
Nicht über liebende, gleichberechtigte Beziehungen.
Das ist eine wichtige Unterscheidung.


Was hat mich berührt?
Zimmer fragt: Wenn Gott die Liebe ist – wie kann dann etwas, das so viel Leid verursacht hat, wirklich Gottes Wille sein?


Diese Frage hat mich getroffen.
Jesus hat uns gelehrt: An den Früchten erkennt man den Baum.
Die Früchte der Ausgrenzung von Schwulen und Lesben?
Das war Leid. Das war Verzweiflung. Das war Tod.
Das können keine guten Früchte sein.
Was denke ich?


Ich stimme Zimmer zu.
Nicht weil es bequem ist.
Sondern weil es mir theologisch richtig erscheint.


Die Würde jedes Menschen ist unantastbar.


Das ist kein politischer Satz.
Das ist ein theologischer Satz.
Gott hat jeden Menschen geschaffen. Jeden. Ohne Ausnahme.


Und die Kirche – unsere Kirche – muss lernen zu sagen: Wir haben Fehler gemacht. Wir haben Menschen verletzt. Es tut uns leid.
Das ist kein Zeichen von Schwäche.
Das ist ein Zeichen von Glauben.
Ein Theologe, der unbequeme Fragen stellt.


Zimmer kommt selbst aus dem evangelikalen Umfeld.
Er kennt diese Welt von innen.
Und er sagt klar: Er will nicht evangelikal sein.
Der Preis dafür sei zu hoch.
Das ist eine mutige Aussage.
Denn Zimmer redet nicht von außen.
Er redet als jemand, der die Bibel ernst nimmt.
Der die Geschichte des Christentums kennt.

Er kritisiert einen bestimmten Umgang mit der Bibel.
Einen Umgang, der nicht fragt.
Der nicht zweifelt.
Der alles schon zu wissen meint.


Ich kenne diesen Umgang.
Ich bin damit aufgewachsen.
In meiner Kindheit gab es Menschen, die die Bibel wie ein Gesetzbuch lasen.
Schwarz. Weiß. Fertig.


Zimmer zeigt: Das ist nicht das Einzige, was die Bibel ist.
Die Bibel ist ein lebendiges Buch.
Ein Buch, das Fragen stellt.
Nicht nur Antworten gibt.
Das befreit mich.
Heute noch.


Ein Vortrag für viele
Ich empfehle diesen Vortrag.
Besonders Menschen, die selbst betroffen sind.
Die vielleicht in einer Gemeinde aufgewachsen sind, in der sie sich schämen mussten.
Die ihren Glauben verloren haben – weil die Kirche sie nicht angenommen hat.
Und ich empfehle ihn Menschen, die noch zweifeln.
Die noch fragen.
Die noch suchen.


Siegfried Zimmer zeigt: Es geht auch anders.
Theologie kann befreien.
Nicht einengen.


Zum Schluss
Ein Mensch hat nach dem Vortrag geschrieben:
Sie hatte ihren Glauben verloren.
Wegen der Ablehnung durch Christen.
Nach diesem Vortrag spürte sie zum ersten Mal wieder:

Vielleicht gibt es einen Weg zurück zu Gott.
Das hat mich bewegt.
Darum geht es.
Nicht um Recht haben.
Sondern um Menschen.
Der Vortrag ist auf YouTube zu finden: „Die schwule Frage – Die Bibel, die Christen und das Homosexuelle“ von Prof. Dr. Siegfried Zimmer (Worthaus)

Ein Wegbereiter

Ein Wegbereiter. Zum Gedenken an Prof. Dr. Norbert Schwarte


Es gibt Menschen, die nicht lehren, indem sie dozieren — sondern indem sie fragen. Norbert Schwarte war ein solcher Mensch.

Ich habe ihn als Mentor erlebt, als freundschaftlichen Berater, als jemanden, der zuhörte, bevor er sprach. In einer Welt, in der akademisches Prestige oft mit Distanz verwechselt wird, war er das Gegenteil: präsent, direkt, interessiert. An der Sache. Und an den Menschen, die an ihr arbeiteten.


Wer er war

Norbert Schwarte, geboren im Rheinland, studierte Geschichte, Pädagogik und Publizistik in Bochum, Bonn und München — eine Kombination, die seinen späteren Stil prägte: historisch denken, pädagogisch handeln, öffentlich argumentieren. 1972 betrat er zum ersten Mal eine Behinderteneinrichtung. Die Eindrücke, so hat er es selbst beschrieben, ließen ihn mehrere Nächte nicht schlafen. Sie ließen ihn nie mehr los.

1981 wurde er auf den Lehrstuhl für Sozialpädagogik an der Gesamthochschule Siegen berufen. Was folgte, war mehr als eine akademische Karriere. Schwarte baute das Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZPE) auf — eine Institution, die seither prägend für die wissenschaftliche Begleitung von Inklusion und Behindertenhilfe in Deutschland ist. Über zehn Jahre war er dessen Sprecher.

Sein Credo: *„Unser Ziel war und ist es, den notwendigen sozialstaatlichen Umbau wissenschaftlich so zu begleiten, dass er nicht zum sozialen Abbau für die Betroffenen wird.“

Was er dachte

Schwarte war kein Theoretiker im Elfenbeinturm. Er verstand Wissenschaft als gesellschaftliche Verantwortung. Sein zentraler Begriff war Teilhabe — aber nicht als Schlagwort. In einem Vortrag formulierte er mit bemerkenswerter Klarheit:

*„Bürgerrechtliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für eine gelungene Lebenssituation.“*

Das klingt nüchtern. Es ist es nicht. Dahinter steckt eine jahrzehntelange Auseinandersetzung mit der Frage, was es konkret bedeutet, wenn Menschen mit geistiger Behinderung als Bürgerinnen und Bürger ernstgenommen werden — mit Rechten, mit Pflichten, mit Würde.

Sein bekanntestes Instrument ist LEWO — ein Verfahren zur Qualitätsentwicklung in Wohnstätten für Menschen mit geistiger Behinderung, entwickelt gemeinsam mit Ralf Oberste-Ufer und herausgegeben von der Bundesvereinigung Lebenshilfe. LEWO verstand Qualität nicht als bürokratische Norm, sondern als Maßstab für die gelebte Lebensqualität der Betroffenen.

Was er mir bedeutete

In einem Brief, den ich im Januar 2011 an ihn schrieb, berichtete ich ihm von meiner damals neuen Stelle als Beauftragter für Inklusion und bürgerschaftliches Engagement bei der Lebenshilfe Nordrhein-Westfalen. Ich schrieb:

*„Bürgerrechte für Menschen mit geistiger Behinderung sind die entscheidenden Zielvorgaben meiner Arbeit. Dies kann nur geschehen, wenn zwischen unmittelbarer Handlung und bürgerrechtlicher Zielsetzung ein direkt einsehbarer und lebbarer Zusammenhang hergestellt wird.“*

Ich erkenne heute, dass dieser Satz nicht allein meiner war. Er war gewachsen in vielen Gesprächen mit Norbert Schwarte. So arbeitet ein guter Mentor: Er gibt keine Antworten, er schärft die Fragen — bis man die eigene Antwort findet und sie für die eigene hält.

2006 schied er aus dem Hochschuldienst aus. Er sagte damals, er wolle den kommenden Lebensabschnitt gestalten, solange es ihm gut geht. Die Sorge um soziale Gerechtigkeit, so fügte er hinzu, werde ihn auch weiter umtreiben.

Was bleibt

Das ZPE Siegen steht. Es arbeitet weiter. Und ich, der ich heute selbst als Lehrbeauftragter an eben dieser Universität tätig bin — im Bachelor Soziale Arbeit, in Seminaren über Inklusion, Möglichkeitsdenken, Teilhabe —, spüre bisweilen, auf welchem Boden ich stehe. Es ist Boden, den andere bereitet haben.

Norbert Schwarte hat diesen Boden mit bereitet.

Er hat mich gelehrt, dass Wissenschaft und Haltung keine Gegensätze sind. Dass man dicke Bretter bohren muss — und dass man das nicht alleine tut. Und dass es gut ist, wenn man beim Bohren weiß, wozu man es tut.

Ich bin dankbar, dass ich ihn kannte.

Armin Herzberger ist Lehrbeauftragter an der Universität Siegen im Bachelor Soziale Arbeit und war 35 Jahre in der Lebenshilfe tätig.

Er schreibt unter dem Pseudonym Claudius Herz auf arminherzberger.com.

Gott lässt sich nicht einmauern


Dies ist ein Blogbeitrag, der allein meine eigene Meinung abbildet.

Ich habe den Text von Pfarrer Hellenschmidt (Rip) im Reisedienst gelesen. Mehrmals. Und ich merke, wie er mich nicht loslässt – nicht weil er mich überzeugt, sondern weil er mich beunruhigt. Nicht theologisch. Menschlich.

Ich war lange genug dabei. 35 Jahre Lebenshilfe, Jahrzehnte in Gemeinden, Kirchenvorstand, Schöffe. Ich kenne Menschen, die anders glauben als ich. Muslimische Eltern, die ihre Kinder mit Behinderung durch ein System begleiten, das ihnen fremd ist. Jüdische Kolleginnen, die Inklusion als religiöse Pflicht verstehen – Tzedakah, Gerechtigkeit. Ich habe mit ihnen gearbeitet, gestritten, gefeiert. Ich habe in ihnen Gottes Handeln gesehen. Hellenschmidts Artikel macht das unmöglich.

Er schreibt: Gott ist in seinem Wesen nicht interreligiös. Klar, unmissverständlich, endgültig. Das 1. Gebot als Sperrriegel. Jesus als Entweder-Oder. Wer nicht durch ihn, geht nicht durch.

Ich nehme das ernst. Ich nehme das Erste Gebot ernst. Aber ich lese es anders.“

Barth hat mich gelehrt: Gottes Freiheit lässt sich nicht einmauern.
Karl Barth, auf den sich die konservative Theologie so gerne beruft, hat zeitlebens betont: Gott ist der ganz Andere. Das heißt auch – er ist nicht in unsere theologischen Systeme einzusperren. Nicht einmal in unsere Exklusivitätsformeln. Barths Nein zur natürlichen Theologie war kein Nein zum Dialog, sondern ein Nein zu menschlicher Selbstvergewisserung. Genau das, was Hellenschmidts Artikel betreibt: Er vergewissert sich seiner Wahrheit – und nennt es Gehorsam.“

Bonhoeffer hat mich gelehrt: Wer für die anderen nicht da ist, ist für Christus nicht da.
Bonhoeffer schrieb aus dem Gefängnis, in einer Welt, die in Trümmer fiel. Er fragte, wer Christus heute für uns ist. Nicht abstrakt. Sondern: Wo ist er? Und seine Antwort war immer konkret, menschlich, randständig. Der Christus, den Bonhoeffer kannte, stand nicht auf der Seite der Gewissheiten. Er stand auf der Seite der Angefochtenen, der Ausgegrenzten, der Anderen.

Wenn ich heute mit einem muslimischen Vater spreche, dessen Kind endlich einen Platz in einer inklusiven Schule bekommt – dann erlebe ich etwas. Ich nenne es Gnade. Ich weiß nicht, wie er es nennt. Aber ich weigere mich, das theologisch zu verwalten.“

Judenmission: Wo diese Theologie hinführt
Hellenschmidt schreibt, der ‚Ruf zur Umkehr gilt auch den Religionen.‘ Er meint das allgemein. Aber ich höre dahinter etwas Konkretes, das ich nicht verschweigen kann: die Judenmission.

Die Idee, dass Jüdinnen und Juden durch Christus gerettet werden müssen – dass ihr Glaube, ihr Bund, ihre Jahrtausende alte Treue zur Tora ungenügend sind – diese Idee hat eine Geschichte. Und diese Geschichte ist dunkel. Sie hat Pogrome theologisch vorbereitet. Sie hat Menschen, die anders glauben, zu Objekten der Bekehrung gemacht statt zu Geschwistern im Gespräch.

Die evangelische Kirche hat nach 1945 – langsam, schmerzhaft, nicht vollständig – gelernt, Jüdinnen und Juden nicht als Missionsfeld zu betrachten, sondern als den älteren Zweig am selben Baum. Das war kein Verrat am Evangelium. Das war Umkehr. Echte Umkehr. Dass Texte wie der von Hellenschmidt diesen Lernprozess wieder rückgängig machen wollen, macht mir Sorgen.“

Evangelikalismus: Gewissheit als Versuchung
Ich kenne das evangelikale Milieu von innen. Ich habe Menschen erlebt, deren Glaube trägt, die in Krisen standhaft sind, die anderen helfen. Das ist real und verdient Respekt.

Aber ich kenne auch die Kehrseite: die Gewissheit, die keine Fragen mehr duldet. Das Bekenntnis als Schutzwall. Die Gemeinde als geschlossener Kreis, in dem Andersglaubende nicht vorkommen – außer als Missionsobjekte. Hellenschmidts Ton gehört in dieses Milieu. Er klagt, dass ‚von der Kirche keine Weisungen ausgehen.“ Er vermisst Eindeutigkeit. Er leidet unter Pluralismus.

Ich nicht. Ich halte Pluralismus für eine theologische Herausforderung, nicht für eine Bedrohung. Der Glaube, der keine Anfechtung kennt, ist kein Glaube. Er ist Ideologie. Und Ideologie – das hat Bonhoeffer gewusst – macht blind.“

Fünfzig Jahre CVJM – was mich geformt hat, und was nicht
Ich unterschreibe diesen Text mit meinem Namen: Armin Herzberger. Das tue ich bewusst. Denn was ich jetzt schreibe, kommt von innen.

Ich war fünfzig Jahre Mitglied im CVJM Oberdieten. Fünfzig Jahre. Das ist keine Distanz. Das ist Biografie.

Vieles war gut. Die Gemeinschaft. Das Singen. Die Verlässlichkeit. Menschen, die füreinander da waren. Ein Glaube, der getragen hat – in echten Krisen, in echten Nächten. Das gehört zu mir. Das nehme ich nicht zurück.

Aber manches war nicht gut.

Ich habe Menschen erlebt, die in diesem Milieu groß geworden sind und deren Leben sich dabei immer enger gezogen hat. Menschen, die labil waren, die Halt suchten – und die statt Halt eine Enge bekamen. Klare Grenzen, klare Antworten, klare Gemeinschaft. Das fühlt sich sicher an. Aber es kann auch einengen. Es kann krank machen.

Einige sind krank geworden. Das sage ich nicht leichtfertig. Ich sage es, weil es wahr ist. Und weil es gesagt werden muss.

Der Glaube, der keine Fragen duldet, tut Menschen nicht gut, die ohnehin schon mit sich ringen. Er gibt ihnen keine Freiheit. Er gibt ihnen eine weitere Last.

Das darf nicht sein.

Ich schreibe das nicht, um abzurechnen. Ich schreibe es, weil Pfarrer Hellenschmidt genau diese Art von Gewissheit vertritt – die Gewissheit, die keine Lücke lässt. Und weil ich aus fünfzig Jahren weiß, was diese Gewissheit mit Menschen machen kann.

Quer: Was mich an diesem Text wirklich stört
Es ist nicht die Treue zum Bekenntnis. Die respektiere ich. Es ist der Ton. Der Text spricht von ‚fadenscheinigem Gerede“, von ‚religiösen Maskeraden“, von ‚Tummelplatz der Götzen“. Das ist keine Theologie mehr. Das ist Polemik. Und Polemik in Glaubensfragen hat eine Geschichte in diesem Land, die ich nicht vergessen kann und nicht vergessen darf.

Das ‚House of One“ in Berlin – ein Gebäude, in dem Christen, Juden und Muslime zusammen einen Raum teilen – wird hier als Angriff auf das Erste Gebot dargestellt. Ich sehe es anders: als ein Zeichen, dass Menschen in einer pluralen Gesellschaft nicht aufhören wollen, Gott zu suchen. Das verdient Respekt, kein Bannwort.

Was mich am meisten beunruhigt: Dieser Text erscheint in einem Reisedienst, der in Gemeinden geht. Er wird gelesen. Er wird diskutiert. Er formt. Und er formt in eine Richtung, die ich für gefährlich halte – nicht weil sie fromm ist, sondern weil sie Frömmigkeit mit Ausgrenzung verwechselt.“

Ich bleibe Christ. Bekennender, zweifelnder, suchender Christ.
Ich glaube, dass Jesus Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Aber ich glaube das nicht so, dass es mich blind macht für das Licht, das anderswo leuchtet. Die Reformatoren wussten: die Kirche bleibt lernfähig. Auch gegenüber dem, was Gott außerhalb ihrer Mauern tut.

Pfarrer Hellenschmidt fragt: Ist Gott interreligiös?

Meine Antwort: Ich weiß es nicht. Aber ich bin sicher, dass ein Gott, der sich in einem palästinensischen Flüchtlingskind offenbart hat, größer ist als alle meine Antworten auf diese Frage.


In leichter Sprache

Gott lässt sich nicht einmauern

Ein Pfarrer hat einen Text geschrieben.
Sein Name ist Hansfrieder Hellenschmidt.
Der Text geht in viele Gemeinden.

Der Pfarrer sagt:
Nur Jesus führt zu Gott.
Andere Religionen liegen falsch.
Wer nicht an Jesus glaubt, ist verloren.
Das Gespräch mit anderen Religionen ist gefährlich.

Ich sehe das anders.
Ich will erklären, warum.

Was ich erlebt habe
Ich habe viele Jahre mit Menschen gearbeitet.
Mit Menschen mit Behinderung.
Und mit ihren Familien.

Manche Familien beten in einer Moschee.
Manche beten in einer Synagoge.
Manche beten gar nicht.

Ich habe mit diesen Menschen gearbeitet.
Ich habe mit ihnen gestritten.
Ich habe mit ihnen gefeiert.

Und ich habe etwas erlebt:
In diesen Menschen war Güte.
Menschlichkeit.
Gerechtigkeit.

Ich nenne das Gnade.
Gottes Gnade.
Auch wenn diese Menschen keine Christen sind.

Was die Bibel sagt – anders gelesen
Der Pfarrer sagt: Die Bibel ist eindeutig.
Nur Christus rettet.

Aber die Bibel sagt auch anderes.

Die Propheten haben immer wieder gesagt:
Gott steht auf der Seite der Armen.
Gott steht auf der Seite der Menschen ohne Macht.
Nicht auf der Seite derer, die alles besser wissen.

Das haben Amos, Micha und Jesus gesagt.

Jesus hat nicht gefragt: Was glaubst du?
Jesus hat gefragt: Was tust du?
Hast du den Hungrigen gespeist?
Den Fremden aufgenommen?
Den Kranken besucht?

Das steht in Matthäus 25.
Das ist auch Bibel.

Was Dietrich Bonhoeffer gesagt hat
Dietrich Bonhoeffer war ein Theologe.
Er hat gegen Hitler gekämpft.
Er wurde dafür getötet.

Bonhoeffer hat aus dem Gefängnis geschrieben.
Er hat gefragt:
Wer ist Christus heute für uns?

Seine Antwort war:
Christus ist bei den Leidenden.
Bei den Menschen, die niemand haben will.

Bonhoeffer hat nicht gefragt:
Sind diese Menschen Christen?
Er hat gefragt:
Sind wir für sie da?

Wer für andere da ist, ist für Christus da.
Das glaube ich auch.

Was Karl Barth gesagt hat
Karl Barth war ein großer Theologe.

Barth hat gesagt:
Gott ist frei.
Gott lässt sich nicht einsperren.
Nicht in unsere Worte.
Nicht in unsere Kirchen.
Nicht in unsere Sicherheiten.

Wer sagt: Ich weiß genau, was Gott tut –
der macht sich selbst zu Gott.
Das ist das Gegenteil von Glauben.

Das Thema: Juden bekehren wollen
Der Pfarrer schreibt:
Auch Juden müssen zu Jesus kommen.

Ich muss hier deutlich werden.

Jahrhundertelang hat die Kirche Juden schlecht behandelt.
Sie hat gesagt: Ihr glaubt falsch.
Ihr müsst bekehrt werden.

Das hat zu Verfolgung geführt.
Zu großem Leid.
Zum Mord an Millionen von Juden.

Nach 1945 hat die evangelische Kirche langsam gelernt:
Juden sind unsere Geschwister.
Gott hat seinen Bund mit ihnen nicht aufgekündigt.

Das war keine Abkehr vom Glauben.
Das war echte Umkehr.

Dieser Lernprozess darf nicht rückgängig gemacht werden.

50 Jahre CVJM – meine eigene Geschichte
Ich heiße Armin Herzberger.
Ich schreibe das mit meinem vollen Namen.
Denn was ich jetzt sage, kommt von innen.

Ich war 50 Jahre Mitglied im CVJM Oberdieten.
Das ist ein christlicher Jugend-Verband.

Vieles war gut.
Die Gemeinschaft.
Das Singen.
Menschen, die füreinander da waren.
Das hat mich geprägt.
Das nehme ich nicht zurück.

Aber manches war nicht gut.

Ich habe Menschen erlebt,
die Halt gesucht haben.
Die labil waren.
Die Sicherheit brauchten.

Sie haben im CVJM klare Antworten bekommen.
Klare Regeln.
Klare Grenzen.

Das hat sich gut angefühlt.
Aber es hat ihr Leben eingegrenzt.

Einige sind krank geworden.
Das sage ich nicht leichtfertig.
Ich sage es, weil es wahr ist.
Und weil es gesagt werden muss.

Das darf nicht sein.

Ich schreibe das nicht aus Wut.
Ich schreibe es, weil Pfarrer Hellenschmidt
genau diese Art von Glauben vertritt.
Einen Glauben ohne Fragen.
Einen Glauben ohne Lücken.

Ich weiß aus 50 Jahren:
Das tut Menschen nicht gut.

Was mich besorgt
Der Text des Pfarrers klingt sehr sicher.
Er lässt keine Fragen zu.

Aber ein Glaube ohne Fragen ist kein Glaube.
Er ist blinder Gehorsam.

In Berlin soll ein Haus gebaut werden.
Christen, Juden und Muslime sollen dort beten können.
Das Haus heißt: Das Haus des Einen.

Der Pfarrer nennt das einen Angriff auf Gott.
Ich nenne es ein Zeichen der Hoffnung.

Was Gott von uns will
Ich glaube nicht, dass Gott Mauern will.
Ich glaube nicht, dass Gott Ausgrenzung will.

Ich glaube:
Gott will Gerechtigkeit.
Gott will Güte.
Gott will, dass wir aufeinander zugehen.

Das steht bei Micha.
Das steht bei Jesus.
Das steht bei Bonhoeffer.

Meine Antwort
Pfarrer Hellenschmidt fragt:
Ist Gott nur für Christen?

Ich weiß es nicht genau.

Aber ich weiß:
Der Gott, der als Kind in einer Krippe lag,
der mit Armen gegessen hat,
der für Ausgestoßene gestorben ist –
dieser Gott ist größer als alle meine Antworten.

Ich bleibe Christ.
Ich zweifle.
Ich suche.

Und ich weigere mich,
im Namen dieses Glaubens
Menschen auszugrenzen.

Armin Herzberger im März 2026