Möglichkeitsdenker und Kirche von unten: Was gehört zusammen?
Wer ist Dr. Steffen Bauer?
Steffen Bauer wurde 1961 in Mannheim geboren. Er hat evangelische Theologie studiert und war viele Jahre Gemeindepfarrer – erst in Mannheim, dann in Heidelberg. Dort war er auch sieben Jahre lang Dekan. Das bedeutet: Er war Chef von mehreren Kirchengemeinden.
Er kennt also die normale Gemeindearbeit sehr gut. Er weiß, wie Kirche vor Ort funktioniert – mit allen Problemen und Chancen.
Dann hat er etwas Neues gelernt: Von 2007 bis 2013 hat er sich mit Organisationen beschäftigt. Er hat gelernt, wie man große Einrichtungen verändert und weiterentwickelt. Er war in Wien bei Fachleuten, die sich damit auskennen.
Von 2013 bis 2024 war er Chef der Ehrenamtsakademie in Darmstadt. Das ist eine Einrichtung der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Dort bildet man Menschen aus, die ehrenamtlich in der Kirche mitarbeiten. Bauer hat also viele Jahre lang genau die Menschen unterstützt, die keine hauptberuflichen Pfarrer sind.
Seit September 2024 ist er im Ruhestand. Aber er arbeitet weiter. Er reist durch Deutschland und hält Vorträge in verschiedenen evangelischen Landeskirchen. Er berät Kirchenleitungen, die ihre Kirche verändern wollen.
Warum kennt Bauer sich so gut aus?
Bauer hat viele Jahre lang untersucht, wie sieben verschiedene Landeskirchen sich verändern. Er hat genau hingeschaut: Was funktioniert? Was funktioniert nicht? Was brauchen die Menschen wirklich?
Er verbindet drei Dinge:
– Die praktische Erfahrung als Pfarrer und Dekan
– Das Wissen über Organisationen und Veränderung
– Die Arbeit mit ehrenamtlichen Menschen, die Kirche mitgestalten wollen
Deshalb kann er nicht nur theoretisch reden. Er kennt die Realität. Er weiß, wo die Probleme liegen. Und er weiß, was Menschen vor Ort brauchen.
Die Hauptidee: Menschen können selbst entscheiden
Aus seiner ganzen Erfahrung sagt Bauer: Kirche gehört den Menschen, nicht den Pfarrern. Das Möglichkeitsdenken in der Lebenshilfe sagt: Menschen mit Behinderungen wissen selbst, was gut für sie ist. Das ist die gleiche Grundidee.
Früher lief es so: Die Fachleute wissen, was richtig ist. Die Pfarrer sagen, wie Kirche geht. Die Betreuer sagen, was Menschen mit Behinderungen brauchen. Heute sagen beide: Nein! Die Menschen selbst müssen entscheiden dürfen.
Bauer hat in seiner Ehrenamtsakademie jahrelang mit Menschen gearbeitet, die sich in der Kirche engagieren wollten. Er hat gesehen: Diese Menschen bringen viel mit. Sie haben Ideen. Sie haben Talente. Sie wollen gestalten.
Seine Frage aus dieser Erfahrung: „Was trauen wir den Menschen zu?“ Die Lebenshilfe fragt das Gleiche. Die Antwort ist erschreckend: Wir trauen den normalen Menschen zu wenig zu. Und den Fachleuten trauen wir zu viel zu.
Menschen können mehr, als wir denken
Als Pfarrer und Dekan hat Bauer erlebt: Wenn man Menschen lässt, können sie erstaunliche Dinge tun. Sie organisieren Gottesdienste. Sie kümmern sich um andere. Sie entwickeln neue Ideen für Kirche.
Er sagt: Alle getauften Christen können Kirche gestalten. Nicht nur die Pfarrer. Luther hat das auch schon gesagt. Er nannte die einfachen Bauern damals „königliches Priestertum“. Das heißt: Jeder Christ ist wichtig und wertvoll.
Das Möglichkeitsdenken sagt: Menschen mit Behinderungen können viel mehr, als viele denken. Wir müssen auf ihre Stärken schauen, nicht auf ihre Schwächen.
In Stuttgart hängt vor einer Kirche ein großes Schild: „Wir haben eine Kirche – haben Sie eine Idee?“ Bauer findet das genau richtig. Die Kirche fragt die Menschen: Was wollt ihr? Nicht: Wir sagen euch, was ihr bekommt.
In der Lebenshilfe bedeutet das: Wir fragen Menschen mit Behinderungen: Was willst du? Wie willst du leben? Nicht: Wir haben ein Programm, da musst du mitmachen.
Die Fachleute müssen loslassen
Das ist der schwierigste Teil. Bauer sagt aus seiner Beratungserfahrung: Pfarrer müssen Macht abgeben. Sie müssen zulassen, dass andere Menschen Kirche anders machen, als sie es selbst für richtig halten. Das ist eine große Veränderung. Viele Pfarrer können das nicht.
Bauer sagt sogar: Die größte Veränderung muss bei den Pfarrerinnen und Pfarrern selbst passieren. Das ist eine harte Aussage. Aber er hat es in vielen Landeskirchen gesehen: Oft blockieren gerade die hauptberuflichen Kirchenmitarbeiter die Veränderung.
In der Behindertenhilfe ist es genauso. Betreuer und Sozialarbeiter müssen ihre Macht abgeben. Sie müssen akzeptieren, dass Menschen mit Behinderungen ihr Leben selbst gestalten – auch wenn sie es anders machen würden.
Bauer sagt: „Ich lasse zu. Ich lasse andere machen. Ich lasse etwas zu, was nicht meinem eigenen Verständnis entspricht.“ Das ist schwer. Aber genau das braucht es.
Als Leiter der Ehrenamtsakademie hat Bauer genau daran gearbeitet: Menschen stark machen, die keine Pfarrer sind. Ihnen Mut machen. Ihnen Wissen geben. Damit sie selbstbewusst sagen können: Ich gestalte Kirche mit.
Jeder Mensch bringt etwas mit
Bauer sagt aus seiner Erfahrung: Wir denken falsch. Wir denken: Draußen laufen nur Menschen herum, die keine Ahnung haben. Aber das stimmt nicht. Viele Menschen haben wichtige Erfahrungen gemacht. Mit dem Leben. Mit dem Glauben. Mit Gott.
Diese Erfahrungen sind wertvoll. Wir müssen sie ernst nehmen.
In der Ehrenamtsakademie hat Bauer das immer wieder erlebt: Menschen kommen mit ihren Lebensgeschichten. Mit ihren Glaubenserfahrungen. Das ist oft viel wertvoller als das, was man im Theologiestudium lernt.
Das Möglichkeitsdenken sagt genau das Gleiche: Menschen mit Behinderungen haben wichtige Erfahrungen. Sie wissen, wie das Leben mit Behinderung ist. Sie haben Ideen, wie Hilfe gut funktioniert. Wir müssen ihnen zuhören.
Kirche von unten
Es gibt in der evangelischen Kirche eine lange Tradition. Sie heißt „Kirche von unten“. Das bedeutet: Die normalen Gemeindeglieder sollen mitbestimmen. Nicht nur die Bischöfe und Pfarrer oben.
Bauer sagt: Wir sind kein Hirte mit seiner Herde. Wir sind ein Körper mit vielen Teilen. Alle Teile sind wichtig. Nicht nur der Kopf.
Das passt genau zur Lebenshilfe. Auch dort geht es um Gleichberechtigung. Nicht: Einer weiß alles, die anderen hören zu. Sondern: Alle denken mit, alle entscheiden mit.
Bauers ganze berufliche Arbeit – erst als Pfarrer, dann in der Organisationsberatung, dann in der Ehrenamtsakademie – zielt genau darauf: Macht teilen. Menschen beteiligen. Hierarchien abbauen.
Die Welt hat sich verändert
Bauer hat in seinen Untersuchungen in sieben Landeskirchen gesehen: Heute wollen Menschen ihr Leben selbst gestalten. Jeder will sein eigenes, besonderes Leben haben. Nicht das Programm von der Stange.
Das gilt für Kirche: Nicht alle wollen sonntags um zehn Uhr Gottesdienst. Manche wollen online teilnehmen. Andere wollen im Park feiern. Wieder andere wollen ganz neue Formen ausprobieren.
Das gilt für Menschen mit Behinderungen: Nicht alle wollen in Wohnheimen leben. Nicht alle wollen in Werkstätten arbeiten. Jeder will sein eigenes Leben führen.
Das bedeutet: Wir brauchen viele verschiedene Angebote. Nicht ein Standardprogramm.
Altes bewahren und Neues wagen
Bauer hat eine 89-jährige Mutter. Sie liebt den Gottesdienst am Sonntagmorgen. Sie braucht das Vertraute.
Aber viele jüngere Menschen brauchen etwas Neues. Etwas anderes.
Die Kirche muss beides können: Das Alte für die Menschen bewahren, die es brauchen. Und Neues ausprobieren für die Menschen, die es wollen.
Bauer nennt das „Beidhändigkeit“. Wie jemand, der mit beiden Händen arbeiten kann. Die eine Hand macht das Alte weiter. Die andere Hand probiert Neues aus.
In der Behindertenhilfe ist es genauso. Manche Menschen fühlen sich wohl in der Wohngruppe. Sie sollen dort bleiben können. Aber andere wollen in einer eigenen Wohnung leben. Das muss möglich sein.
Beides gleichzeitig machen – das ist die Kunst. Bauer hat das in seiner Beratungsarbeit immer wieder erlebt: Das ist die größte Herausforderung für Kirchenleitungen.
Die Fachleute ändern sich schwer
Das größte Problem hat Bauer in allen sieben untersuchten Landeskirchen gesehen: Oft blockieren die Fachleute selbst die Veränderung.
Pfarrer wollen ihre Macht nicht abgeben. Kirchenleitungen halten an alten Strukturen fest.
Betreuer wollen ihre Rolle als Helfer behalten. Einrichtungsleiter wollen ihre Einrichtungen nicht verändern.
Dabei müsste gerade von ihnen die Veränderung kommen.
Deshalb reist Bauer heute durch Deutschland und spricht mit Kirchenleitungen. Er sagt ihnen unbequeme Wahrheiten. Er zeigt ihnen, was sich ändern muss. Das ist nicht immer bequem. Aber es ist nötig.
Im Stadtteil arbeiten, nicht nur in der Kirche oder Einrichtung
Aus seinen Untersuchungen sagt Bauer: Kirche muss vor Ort sein. Im Stadtteil. Wo die Menschen leben. Er nennt das „regiolokal“ – eine Mischung aus regional und lokal.
Die Behindertenhilfe sagt: Menschen mit Behinderungen sollen nicht abgesondert in Sondereinrichtungen leben. Sie sollen mittendrin im Stadtteil wohnen.
Das ist der gleiche Gedanke: Raus aus den abgeschotteten Gebäuden, rein ins normale Leben.
Verschiedene Leute mit verschiedenen Fähigkeiten
Bauer hat als Dekan mit verschiedenen Menschen zusammengearbeitet. Er weiß: Kirche braucht nicht nur Pfarrer. Sie braucht Menschen mit ganz verschiedenen Fähigkeiten. Manche können gut reden. Andere können gut organisieren. Wieder andere können gut zuhören. Alle sind wichtig.
Die Behindertenhilfe braucht auch verschiedene Leute. Nicht nur ausgebildete Sozialpädagogen. Sondern auch Handwerker, Künstler, normale Nachbarn. Alle bringen etwas mit.
Auch übers Internet
Bauer sieht: Heute gibt es neue Möglichkeiten. Gottesdienste kann man online feiern. Gemeinschaft kann auch digital entstehen.
Für Menschen mit Behinderungen eröffnet das Internet neue Chancen. Sie können sich vernetzen. Sie können teilnehmen, auch wenn sie nicht gut laufen können.
Bauers Buchprojekt
2022 hat Bauer sein Buch veröffentlicht: „Kirche der Menschen – zuversichtlich, mutig, beidhändig ermöglichen“. Darin fasst er zusammen, was er in vielen Jahren gelernt hat.
Er schreibt nicht nur für Fachtheologen. Er schreibt für alle, die sich um die Zukunft der Kirche Gedanken machen. Das Buch ist leicht lesbar.
Darin zeigt er: Wie können Kirchen sich verändern? Was braucht es dafür? Welche Hindernisse gibt es? Und vor allem: Wie macht man Menschen Mut, neue Wege zu gehen?
Warum das zusammengehört
Kirche der Menschen und Möglichkeitsdenken sagen beide: Menschen sind keine Objekte. Menschen sind Subjekte.
Das heißt: Menschen sind nicht Empfänger von Hilfe. Menschen gestalten ihr Leben selbst.
Das heißt auch: Menschen sind nicht Zuschauer. Menschen sind Mitmacher.
Bauer begründet das theologisch: Alle Getauften sind vor Gott gleich wichtig. Die Lebenshilfe sagt: Alle Menschen haben die gleiche Würde.
Aber das Ergebnis ist gleich: Respekt vor jedem Menschen. Zutrauen in die Fähigkeiten jedes Menschen. Bereitschaft, Macht zu teilen.
Bauer hat sein ganzes Berufsleben darauf verwendet, diesen Gedanken praktisch umzusetzen. Erst in Gemeinden. Dann in der Organisationsberatung. Dann in der Ausbildung von ehrenamtlichen Mitarbeitern. Und jetzt in der Beratung von Kirchenleitungen.
Was das in der Praxis bedeutet
Für die Kirche:
– Menschen fragen: Was wollt ihr? Was braucht ihr?
– Experimente zulassen: Probiert es aus!
– Pfarrer müssen lernen: Nicht alles kontrollieren
– Verschiedene Formen von Kirche ermöglichen
– Menschen ihre Gaben einbringen lassen
– Kirchenleitungen müssen Ideen freilassen (das betont Bauer immer wieder in seinen Vorträgen)
Für die Behindertenhilfe:
– Menschen mit Behinderungen fragen: Was willst du? Wie willst du leben?
– Neue Wohnformen ausprobieren
– Betreuer müssen lernen: Nicht alles besser wissen
– Verschiedene Lebensformen ermöglichen
– Menschen ihre Stärken einbringen lassen
Das große Bild
Es geht um eine Bewegung: Weg von Einrichtungen, die für sich selbst da sind. Hin zu Gemeinschaften, die für Menschen da sind.
Weg von Fachleuten, die alles bestimmen. Hin zu Menschen, die ihr Leben selbst gestalten.
Weg von Standardprogrammen. Hin zu vielfältigen Möglichkeiten.
Das gilt für Kirche. Das gilt für Behindertenhilfe. Das gilt für viele Bereiche der Gesellschaft.
Möglichkeitsdenken ist nicht nur ein Konzept für die Lebenshilfe. Es ist eine grundsätzliche Haltung: Wir trauen Menschen etwas zu. Wir ermöglichen ihnen, ihr Leben zu leben. Wir lassen sie ihre Erfahrungen einbringen.
Und das ist zutiefst christlich. Denn Gott traut uns Menschen auch etwas zu. Gott macht uns nicht zu Marionetten. Gott macht uns zu freien, verantwortlichen Menschen.
20.12.27
Claudius Herz