Kann man Gott beweisen?
Eine Frage von einem Studenten
Ein Student hat mich gefragt:
„Herr Herzberger, Sie glauben an Gott.
Können Sie beweisen, dass es Gott gibt?“
Ich musste lachen.
Ich kann vieles.
Ich kann Seminare halten.
Ich kann singen.
Aber Gott beweisen?
Das geht nicht.
Was sind Gottesbeweise?
Früher haben kluge Leute versucht, Gott zu beweisen.
Sie haben sich schwierige Gedanken gemacht.
Sie haben Bücher geschrieben.
Aber für mich war das immer zu kompliziert.
Das hatte nichts mit meinem Leben zu tun.
Dietrich Bonhoeffer war ein mutiger Pfarrer.
Er wurde von den Nazis ermordet.
Er hat aus dem Gefängnis geschrieben:
„Einen Gott, den man beweisen kann, brauchen wir nicht.“
Das finde ich richtig.
Eine Geschichte von Michael
Ich erzähle lieber eine Geschichte.
Michael hat eine Behinderung.
Er hat lange in einem Wohnheim gelebt.
Dort hat er alles bekommen:
Essen
Betreuung
Ein Programm für den Tag
Aber Michael war nur jemand, um den man sich kümmert.
Niemand hat ihn gefragt: Was willst du?
Michael beim Netphener Tisch
Dann kam ein neues Projekt.
Der Netphener Tisch.
Das ist eine Lebensmittel-Ausgabe.
Menschen mit wenig Geld bekommen dort Essen.
Michael wollte dort helfen.
Nicht Essen bekommen.
Sondern selbst helfen!
Jetzt arbeitet Michael jeden Mittwoch dort.
Er sortiert Gemüse.
Er packt Tüten.
Er redet mit den Leuten.
Michael ist jetzt nicht mehr nur jemand, der Hilfe bekommt.
Er ist jemand, der anderen hilft.
Wo war Gott?
Kann ich beweisen, dass Gott dabei war?
Nein.
Aber ich habe etwas gespürt.
Als Michael das erste Mal gesagt hat:
„Ich helfe anderen.“
Da war etwas Großes in seinem Gesicht.
Das kann man nicht beweisen.
Das kann man nur erleben.
Gott zeigt sich beim Handeln
Menschen in Südamerika sagen:
„Gott erkennen heißt: Gutes tun.“
Das bedeutet:
Nicht lange über Gott nachdenken.
Sondern etwas Gutes tun.
Wo zeigt sich Gott?
Wenn Menschen nicht mehr klein gehalten werden
Wenn jemand seine Würde zurückbekommt
Wenn aus Ohnmacht Kraft wird
Das ist für mich Gott.
Nicht in klugen Büchern.
Sondern im Leben.
Die schwere Frage
Manchmal fragen mich Leute:
„Wenn es Gott gibt – warum gab es dann Auschwitz?
Warum gab es Hadamar?“
Hadamar ist ein Ort hier in der Nähe.
Dort haben die Nazis Kinder mit Behinderungen ermordet.
Ich habe keine Antwort darauf.
Ich kann das nicht erklären.
Aber ich weiß:
Wir müssen uns an die ermordeten Menschen erinnern.
Und wir müssen dafür sorgen, dass so etwas nie wieder passiert.
Auch heute werden manchmal Babys mit Behinderung abgetrieben.
Kurz vor der Geburt.
Das erinnert mich an Hadamar.
Gott zeigt sich dann im Widerstand.
Wenn Menschen sagen: Nein!
Jedes Leben ist wertvoll!
Meine Antwort
Nein, ich kann Gott nicht beweisen.
Aber ich kann erzählen:
Von Michael beim Netphener Tisch
Von vielen anderen Menschen
Von Momenten, wo ich gespürt habe: Da ist mehr
Das ist kein Beweis.
Das ist eine Spur.
Und für mich reicht das.
Wer hat das geschrieben?
Armin Herzberger.
Er hat 35 Jahre mit Menschen mit Behinderung gearbeitet.
Jetzt unterrichtet er an der Universität Siegen.