Die Angst vor der Rute
Eine Geschichte aus dem Klippdachsland über Glauben und Gewalt
In einfacher Sprache
Manche Dinge vergisst man nie.
Auch wenn sie lange her sind.
Die „Alte Versammlung“ habe ich nicht vergessen.
Die Männer im schwarzen Anzug
In jedem Dorf gab es sie.
Ältere Männer.
Oft im schwarzen Anzug.
Mit ernsten Gesichtern.
Sie sahen aus, als würde ihnen nichts gefallen.
Als würde ihnen das Leben keine Freude machen.
Sie gehörten zur „Alten Versammlung“.
Das war eine besondere Glaubens Gemeinschaft.
Man nannte sie auch: Darbisten.
Sie glaubten:
– Nur wir haben recht.
– Alle anderen Kirchen sind falsch.
– Die katholische Kirche ist vom Teufel.
– Die evangelische Kirche auch.
– Nur wir werden in den Himmel kommen.
Sie warteten jeden Tag darauf, dass Jesus wiederkommt.
Und dass die Welt untergeht.
Deshalb waren sie so ernst.
Wer immer an das Ende der Welt denkt,
der kann nicht lachen.
Der Gottesdienst
Sonntags trafen sie sich.
Nicht in einer Kirche.
Kirchen waren für sie schlecht.
Sie trafen sich in einem weißen Raum.
Ganz einfach.
Keine Bilder.
Keine Kerzen.
Nur ein Tisch mit Brot und Wein.
Die Männer saßen vorne.
Die Frauen hinten.
Die Frauen mussten ein Kopf-Tuch tragen.
Die Frauen durften nicht reden.
Es gab keinen Pfarrer.
Man wartete, bis der Heilige Geist kam.
Dann stand ein Mann auf und redete.
Immer nur Männer.
Sie redeten über die Bibel.
Sie warnten vor der bösen Welt.
Sie sagten immer wieder ein Wort: Zucht
Zucht bedeutet: streng sein.
Sie sagten:
Wer sein Kind liebt, der schont die Rute nicht
Das steht in der Bibel
Aber in diesem Raum gab es kein Lachen.
Keine Freude.
Nur Angst.
Die Kinder, die andere Kinder schlugen
Es gab Kinder, vor denen alle Angst hatten.
Nicht weil sie groß waren.
Sondern weil sie anders waren.
Sie schlugen andere Kinder.
Nicht aus Wut.
Sondern weil sie dachten: Das ist richtig so.
Diese Kinder kamen oft aus Familien der „Alten Versammlung“.
Sie herrschten auf dem Schul-Hof.
Sie bestimmten, wer mitspielen durfte.
Sie schlugen zu.
Warum taten sie das?
Weil ihre Eltern sie geschlagen hatten.
Ihre Eltern sagten:
„Die Bibel sagt: Wer sein Kind liebt, der schlägt es.
Also schlagen wir dich.
Aus Liebe.“
Die Kinder lernten:
Schlagen = Lieben.
Hart sein = Richtig sein.
Und sie gaben die Schläge weiter
Was passierte zu Hause?
Was passierte in diesen Familien?
Ein Kind machte etwas falsch.
Vielleicht redete es frech.
Vielleicht vergaß es etwas.
Dann holte der Vater die Rute.
Oder den Gürtel.
Das Kind musste in den Keller.
Im Keller war es dunkel.
Niemand hörte die Schreie.
Das Kind wurde geschlagen.
Danach wurde gebetet:
„Lieber Jesus, ich liebe dieses Kind.
Darum schlage ich es.
Weil du das willst.“
Das ist furchtbar.
Gott will nicht, dass Kinder geschlagen werden.
Aber die Eltern glaubten das.
Sie dachten: Die Bibel sagt das.
Also muss es richtig sein.
—
Ein Kind, das Angst hatte
Nennen wir ihn einfach „es“.
Denn diese Geschichte passt zu vielen Kindern.
Es war ängstlich.
Es träumte viel.
Er konnte nicht stillsitzen.
Die anderen nannten ihn: Zappel-Philipp.
Sihatten Angst.
Angst vor den Schlägen.
Angst vor den anderen Kindern.
Angst vor den Männern im schwarzen Anzug.
Einmal musste er im Gottesdienst lachen.
Er fand einen Bibel-Vers lustig.
Das war ein Fehler.
Am Abend kam der Vater.
Mit der Rute.
„Du lachst über Gottes Wort?“
Dann ging es in den Keller.
Das vergisst man nicht.
Auch als Erwachsener nicht.
Nachts wachte er auf.
Es träumte vom Keller.
Von der Rute.
Von der Angst.
Das nennt man: Trauma.
Eine seelische Verletzung, die bleibt.
Wer war John Nelson Darby?
Der Mann, der diese Lehre erfunden hat,
hieß John Nelson Darby.
Er lebte vor 200 Jahren in Irland.
Er war Pfarrer.
Er hatte eine Idee:
„Kirchen sind schlecht geworden.
Wir brauchen keine Pfarrer mehr.
Wir brauchen keine Hierarchie.
Nur die Bibel. Nur Jesus.“
Das klang gut.
Das klang nach Freiheit.
Aber dann kam etwas anderes:
Darby sagte:
– Die Welt ist böse.
– Bald kommt Jesus wieder.
– Dann geht die Welt unter.
– Nur wir werden gerettet.
Und er sagte:
– Wir müssen uns von der Welt absondern.
– Wir müssen streng sein.
– Wir müssen warten.
Warum war das schlimm?
Weil die Leute dachten:
„Die Welt geht sowieso unter.
Warum sollen wir sie besser machen?
Warum sollen wir für Gerechtigkeit kämpfen?
Warum sollen wir gegen Armut kämpfen?“
Sie warteten nur noch.
Und sie schlugen ihre Kinder.
Aus Freiheit wurde Zwang
Darby wollte Freiheit.
Aber was kam dabei heraus?
Neue Herrschaft.
Statt Pfarrern gab es „Älteste“.
Alte Männer, die das Sagen hatten.
Niemand konnte sie abwählen.
Niemand durfte widersprechen.
Neue Regeln.
Frauen mussten Kopf-Tücher tragen.
Fernsehen war verboten.
Man durfte keinen Kontakt zur „bösen Welt“ haben.
Ausschluss von Menschen.
Wer nicht gehorchte, wurde ausgeschlossen.
Dann durfte niemand mehr mit ihm reden.
Auch die eigene Familie nicht.
Das ist wichtig zu verstehen:
Auch gute Ideen können schlecht werden.
Auch Bewegungen, die Freiheit wollen,
können zu neuen Gefängnissen werden.
Deshalb muss man immer fragen:
– Sind wir wirklich frei?
– Oder haben wir nur neue Chefs?
– Befreien wir Menschen?
– Oder unterdrücken wir sie?
Die „Alte Versammlung“ stellte diese Fragen nicht.
Was sagt die Bibel wirklich?
„Wer sein Kind liebt, der züchtigt es.“
Das steht in der Bibel.
Sprüche 13, Vers 24.
Aber was bedeutet das wirklich?
Viele Jahre später erfuhr er:
Das hebräische Wort „schēḇeṭ“ bedeutet nicht „Schlag-Rute“.
Es bedeutet „Hirten-Stab“.
Ein Hirten-Stab ist zum Führen da.
Nicht zum Schlagen.
Der Hirte leitet die Schafe.
Er schützt sie.
Er sorgt für sie.
Er schlägt sie nicht.
Als er das las, weinte er.
All die Schläge.
All die Angst.
All die Gebete nach den Schlägen.
Das war falsch.
Die Bibel wollte das nicht.
Die Menschen hatten die Bibel falsch verstanden.
Oder absichtlich falsch benutzt.
Wer Kinder schlägt und sagt „Gott will das“,der missbraucht Gott.
Echte und falsche Kirche von unten
„Kirche von unten“ bedeutet:
Kirche ohne Hierarchie.
Kirche, wo alle mitmachen können.
Kirche, die befreit.
Aber:
Nicht jede „Kirche von unten“ ist gut.
Es gab andere Menschen, die auch „Kirche von unten“ wollten.
Zum Beispiel Dorothee Sölle.
Oder die Christen in Latein-Amerika.
Was war bei ihnen anders?
Dorothee Sölle fragte:
„Wie können wir die Welt gerechter machen?
Wie können wir armen Menschen helfen?
Wie können wir Frieden schaffen?“
Die Darbisten fragten:
„Wie können wir uns von der Welt abschotten?
Wann kommt Jesus endlich wieder?
Wer gehorcht unseren Regeln?“
Dorothee Sölle kämpfte:
– Für Frauen-Rechte
– Gegen Atom-Waffen
– Für arme Menschen
Die Darbisten warteten.
Und schlugen ihre Kinder.
Das ist der Unterschied:
Echte Kirche von unten hilft den Schwachen.
Falsche Kirche von unten schafft neue Schwache.
Echte Kirche von unten fragt:
Wem hilft das, was wir tun?
Wen machen wir frei?
Falsche Kirche von unten fragt:
Wer gehorcht?
Wer hält sich an die Regeln?
Echte Kirche von unten ist politisch.
Sie kämpft für Gerechtigkeit.
Jetzt. Nicht erst im Himmel.
Falsche Kirche von unten ist unpolitisch.
Sie wartet.
Sie überlässt die Welt dem Bösen.
Echte Kirche von unten lässt verschiedene Meinungen zu.
Falsche Kirche von unten duldet keinen Widerspruch.
Was Dietrich Bonhoeffer sagte
Dietrich Bonhoeffer war ein mutiger Christ.
Die Nazis haben ihn ermordet.
Er sagte:
„Wer fromm ist, muss auch politisch sein.“
Das bedeutet:
Glaube ist nicht nur beten.
Glaube ist auch handeln.
Für Gerechtigkeit kämpfen.
Schwachen helfen.
Die „Alte Versammlung“ war anders.
Sie war sehr fromm.
Aber sie war nicht politisch.
Sie kämpfte nicht für Gerechtigkeit.
Sie half den Schwachen nicht.
Im Gegenteil:
Sie schuf neue Opfer.
Die Kinder, die geschlagen wurden.
Die Frauen, die schweigen mussten.
Die Menschen, die ausgeschlossen wurden.
Das ist das Gegenteil von dem, was Jesus wollte.
Jesus sagte:
„Selig sind die Friedfertigen.“
Sie schlugen.
Jesus sagte:
„Selig sind, die nach Gerechtigkeit hungern.“
Sie warteten auf das Ende.
Jesus sagte:
„Was ihr den Schwächsten tut, das tut ihr mir.“
Sie schlugen die Kinder.
Was heute noch wichtig ist
Die „Alte Versammlung“ in diesem Dorf gibt es so nicht mehr.
Jedenfalls nicht so wie früher.
Manche Menschen haben sich entschuldigt.
Einer schrieb:
„Ich habe Kinder geschlagen.
Ich dachte, Gott will das.
Ich habe mich geirrt.
Verzeih mir.“
Es hat geweint, als es das las.
Ich habe geantwortet:
„Ich verzeihe.
Aber die Narben bleiben.“
Andere schweigen bis heute.
Was wichtig bleibt:
Für alle, die heute Kirche anders machen wollen:
✓ Macht muss kontrolliert werden.**
Keine Führer auf Lebens-Zeit.
✓ Verschiedene Meinungen sind gut.
Kein Ausschluss von Menschen, die anders denken.
✓ Frauen und Männer sind gleichberechtigt.
Kein Schweigen für Frauen.
✓ Kinder müssen geschützt werden.
Nie wieder Gewalt im Namen Gottes.
✓ Christen sollen die Welt mitgestalten.
Nicht nur auf den Himmel warten.
✓ Politik ist wichtig.
Für Gerechtigkeit kämpfen ist Gottes-Dienst.
✓ Immer selbst-kritisch sein.
Immer fragen: Machen wir Menschen wirklich frei?
Oder unterdrücken wir sie?
Ihr Glaube heute
Sie gehören keiner Kirche an,
die Kinder schlägt.
Oder Frauen zum Schweigen bringt.
Oder nur auf das Ende wartet.
Aber ich glaube noch.
An Gott, der will,
dass Menschen ein gutes Leben haben.
Nicht in Angst.
In Fülle.
An Jesus, der die Kinder zu sich rief.
Nicht um sie zu schlagen.
Sondern um sie zu segnen.
An einen Geist, der frei macht.
Nicht der Angst macht.
Das ist meine Kirche:
Eine Kirche, die befreit.
Eine Kirche, die heilt.
Eine Kirche ohne Angst vor der Rute.
Denn ich weiß:
Gottes Stab tröstet mich.
Er schlägt nicht.
Diese Geschichte ist wahr.
Die Narben sind echt.
Die Mahnung bleibt:
Kirche, die nicht befreit,
ist nicht die Gemeinde von Jesus.