Heute ist ein großer Denker gestorben. Jürgen Habermas wurde 96 Jahre alt. Er hat sein Leben lang dafür gekämpft, dass alle Menschen mitreden dürfen. Das ist auch unser Anliegen – bei den Möglichkeitsdenkern.

Jürgen Habermas ist gestorben.
Er wurde 96 Jahre alt.
Er lebte in Starnberg in Bayern.

Jürgen Habermas war ein Philosoph.
Das bedeutet: Er hat viel nachgedacht.
Und er hat viel geschrieben.
Sein ganzes Leben lang.

Sein wichtigstes Thema war:
Wie reden Menschen miteinander?

Er sagte:
Miteinander reden ist wichtig.
Alle Menschen sollen mitreden dürfen.
Nicht nur die Mächtigen.
Nicht nur die Klugen.
Nicht nur die Reichen.
Alle.

Öffentlichkeit
Er hatte dafür einen besonderen Gedanken.
Er nannte ihn: Öffentlichkeit.

Was bedeutet das?

In einer Demokratie gibt es Orte,
wo Menschen zusammenkommen.
Wo sie reden.
Wo sie streiten.
Wo sie gemeinsam entscheiden.

Das kann ein Marktplatz sein.
Das kann eine Zeitung sein.
Das kann ein Stadtrat sein.
Das kann heute auch das Internet sein.

Habermas sagte:
Diese Orte sind sehr wichtig.
Denn dort entsteht Demokratie.
Nicht im Hinterzimmer der Mächtigen.
Sondern dort, wo alle reden dürfen.

Wer darf wirklich mitreden?
Aber er stellte auch eine schwierige Frage:
Wer darf wirklich mitreden?

Er beobachtete:
Manchmal reden nur wenige.
Die Lauten.
Die Mächtigen.
Die Gebildeten.

Die anderen werden überhört.
Oder sie trauen sich nicht.
Oder ihre Sprache wird nicht verstanden.
Oder sie werden gar nicht erst eingeladen.

Das fand Habermas falsch.
Er sagte:
Ein Gespräch ist nur dann fair,
wenn alle wirklich mitreden können.
Wenn niemand ausgeschlossen wird.
Wenn alle die gleiche Chance haben,
gehört zu werden.

Er nannte das den herrschaftsfreien Diskurs.
Das klingt kompliziert.
Es bedeutet einfach:
Kein Mensch soll den anderen überwältigen.
Nicht durch Geld.
Nicht durch Macht.
Nicht durch schwierige Sprache.
Nur das bessere Argument soll zählen.

Welche Menschen dürfen leben?
Habermas hat sich auch zu einer sehr wichtigen Frage geäußert:

Welche Menschen dürfen leben?
Und wer entscheidet das?

Im Jahr 2001 schrieb er ein Buch.
Der Titel lautete:
„Die Zukunft der menschlichen Natur.“

Er warnte darin vor einer Gefahr.
Die Gefahr heißt: Eugenik.

Was bedeutet Eugenik?
Eugenik bedeutet:
Menschen werden nach bestimmten Merkmalen ausgewählt.
Manche werden als „wertvoll“ betrachtet.
Andere nicht.

Das kennen wir aus der Geschichte.
In der Zeit des Nationalsozialismus
wurden Menschen mit Behinderungen ermordet.
Man nannte das damals „Euthanasie“.
Das Wort klingt griechisch und bedeutet „guter Tod.“
Aber es war kein guter Tod.
Es war Mord.

Habermas sagte:
Wir dürfen das nie vergessen.
Und wir dürfen es nie wieder zulassen.
Auch nicht in neuer Form.
Auch nicht durch Gentechnik.
Auch nicht durch Selektion vor der Geburt.

Er hat einen Satz immer wieder betont.
Er klingt einfach.
Aber er ist sehr wichtig.

Er sagte sinngemäß:

„Es gibt kein unwertes Leben.
Jeder Mensch zählt gleich viel.“

Das ist der Kern seiner Philosophie der Menschenwürde.

Habermas und die Religion
Habermas hatte auch eine Meinung zur Religion.

Er selbst war kein gläubiger Mensch.
Er sagte einmal:
„Ich bin alt, aber nicht fromm geworden.“

Aber er nahm die Religion ernst.
Er sagte:
Religion hat etwas,
das die Philosophie nicht hat.
Ein Gespur für Schuld.
Für Scheitern.
Für das, was zum Himmel schreit.

Er warnte aber auch vor einer bestimmten Gefahr.
Er nannte sie die Schwundform der Religion.

Was bedeutet das?

Manche Kirchen und Theologen,
so beobachtete Habermas,
reden immer weniger von Gott.
Immer weniger von Erlösung.
Immer weniger von Transzendenz.
Sie passen sich an.
Sie werden weich.
Sie verlieren ihren Kern.

Das fand Habermas falsch.
Er sagte:
Eine Religion ohne klaren Kern
überzeugt niemanden mehr.

Hier möchte ich widersprechen.
Und zustimmen.

Zustimmen: Ja.
Eine Religion, die sich nur anpasst,
die nur nickt und gefällt,
die hat keinen Rückgrat mehr.
Das ist keine Kirche.
Das ist ein Spiegel der Gesellschaft.

Widersprechen: Eine politische Theologie ist keine Schwundform.

Helmut Gollwitzer hat von Erlösung gesprochen.
Und von Revolution.
Beides zusammen.

Eine Theologie von unten sagt nicht:
„Wir glauben nicht mehr.“
Sie sagt:
„Wir glauben anders.
Wir glauben politisch.
Wir glauben von unten.“

Das ist kein Verlust des Kerns.
Das ist der Kern.

Gott ist auf der Seite der Schwachen.
Gott ist auf der Seite der Ausgeschlossenen.
Gott ist auf der Seite derer,
die nicht mitreden dürfen.

Das hätte auch Habermas gefallen.
Davon bin ich überzeugt.

Die Möglichkeitsdenker
Das ist auch der Kern der Inklusion.
Das ist auch der Kern der Möglichkeitsdenker.

Die Möglichkeitsdenker sind Menschen mit Beeinträchtigungen.
Sie reden mit.
Sie gestalten mit.
Sie helfen anderen Menschen.
Sie sind keine Hilfe-Empfänger mehr.
Sie sind Helfer.
Sie haben eine Stimme.
Und sie nutzen sie.

Früher wurden Menschen mit Beeinträchtigungen oft nicht gefragt.
Andere haben für sie entschieden.
Andere haben über sie geredet.
Aber nicht mit ihnen.

Das wollen die Möglichkeitsdenker ändern.
Vom Hilfe-Empfänger zum Helfer.
Von der Randnotiz zur Stimme im Raum.
Von der Fürsorge zur Teilhabe.

Das hätte Jürgen Habermas gut gefallen.
Da bin ich sicher.

Eine letzte Ironie
Jürgen Habermas hat das alles in langen, schweren Sätzen geschrieben.
Manchmal so schwer,
dass viele Menschen ihn nicht verstehen konnten.

Das ist eine Ironie.
Er wollte, dass alle mitreden.
Aber seine eigene Sprache war oft eine Hürde.

Deshalb brauchen wir Leichte Sprache.
Deshalb brauchen wir die Möglichkeitsdenker.
Deshalb brauchen wir Orte,
wo wirklich alle mitreden dürfen.

Jeder Mensch hat eine Stimme.
Jede Stimme zählt.
In der Demokratie.
Im Alltag.
Bei den Möglichkeitsdenkern.

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