Herzbergers Oma

Möge Sie in Frieden ruhn

Eine kurze Andacht

Gott macht die Tür auf. Menschen schließen sie.

Ich möchte euch von einer Frau erzählen.

Ihr Name war Christine.
Sie war meine Großmutter.

Wenn wir als Kinder zu ihr kamen,
hörte sie sofort auf zu arbeiten.
Sie legte alles hin.
Wir waren wichtiger.

Sie machte warmen Kakao.
Sie backte Apfelstrudel.
Sie spielte Karten mit uns.
Das Spiel hieß Elfer-Raus.

Das klingt einfach.
Aber es war sehr viel.
Es war Liebe.
Ohne Bedingungen.

Meine Großmutter kam nicht aus diesem Dorf.
Ihre Familie kam von weit weg.
Sie waren Donauschwaben.
Das bedeutet:
Ihre Vorfahren mussten fliehen.
Sie wurden vertrieben.
Sie waren fremd.
Sie kannten Armut.
Sie kannten Not.

Wer das erlebt hat,
der weiß:
Ein Mensch ist ein Mensch.
Egal woher er kommt.
Egal wie er spricht.
Egal wie er aussieht.

Bei meiner Großmutter war immer Platz.
Für alle.

Da war auch Hasan.
Hasan kam aus Albanien.
Er arbeitete im Dorf auf dem Sägewerk.
Er war anders als die anderen.
Er sprach anders.
Er glaubte anders.
Er lebte anders.

Aber er war willkommen.
Jeden Samstag kam er zu Besuch.
Mein Großvater öffnete die Tür.
Sie saßen zusammen.
Sie redeten zusammen.
Sie lachten zusammen.
Sie schauten Fußball.

Niemand sagte:
Du gehörst nicht dazu.
Du darfst nicht kommen.
Du bist zu fremd.
Du bist zu anders.

Nein.
Er gehörte dazu.
Einfach so.

Das war in den 1960er Jahren.
In einem kleinen Dorf in Hessen.

Heute schreiben wir das Jahr 2026.

Und heute hören wir andere Sätze.

Wir hören:
Ausländer raus.
Wir zuerst.
Deutschland den Deutschen.
Grenzen dicht.
Abschiebung.
Remigration.

Diese Worte kommen nicht von irgendwo.
Diese Worte kommen von einer Partei.
Diese Partei heißt AfD.
Diese Partei sitzt im Bundestag.
Diese Partei sitzt in vielen Landtagen.
Diese Partei wird immer stärker.

Und manche Christen wählen diese Partei.
Das macht mich fassungslos.
Das macht mich zornig.

Denn in der Bibel steht etwas anderes.

Jesus sagt:
Ich war fremd.
Und ihr habt mich aufgenommen.

Jesus sagt nicht:
Schaut zuerst,
ob der Fremde nützlich ist.
Ob er unsere Werte teilt.
Ob er zu uns passt.

Jesus sagt:
Nehmt ihn auf.
Punkt.

Das ist kein Zufall.
Jesus selbst war ein Flüchtling.
Als Kind musste er fliehen.
Nach Ägypten.
Vor einem Mächtigen,
der Angst hatte.
Der Grenzen zog.
Der ausschloss.

Das kennen wir heute auch.

Menschen fliehen vor Krieg.
Menschen fliehen vor Hunger.
Menschen fliehen vor Verfolgung.

Und was passiert?
Sie kommen an unsere Grenzen.
Und die Grenzen sind zu.
Und die Boote kentern.
Und Menschen sterben im Mittelmeer.

Das ist kein Unfall.
Das ist eine politische Entscheidung.
Und wer schweigt,
macht mit.

Ich komme aus einem frommen Dorf.
Die Kirche dort war eng.
Wer nicht dazugehörte, merkte das.
Wer anders war, merkte das.
Wer Fragen stellte, merkte das.

Dieser enge Glaube hat Menschen verletzt.
Er hat Menschen ausgeschlossen.
Er hat Türen zugemacht.

Meine Großmutter war anders.
Sie war auch gläubig.
Aber ihr Glaube machte sie weit.
Nicht eng.
Offen.
Nicht geschlossen.

Das ist der Unterschied.

Ein Glaube, der Menschen ausschließt,
ist kein Glaube.
Das ist Macht.
Das ist Angst.
Das ist das Gegenteil von Evangelium.

Evangelium bedeutet:
Gute Nachricht.

Die gute Nachricht lautet:
Du bist willkommen.
Du gehörst dazu.
Gott macht die Tür auf.

Nicht:
Du musst erst beweisen,
dass du dazugehörst.
Nicht:
Wir nehmen dich auf,
wenn du nützlich bist.
Nicht:
Erst die Eigenen,
dann die Fremden.

Nein.

Gott macht die Tür auf.
Für alle.
Ohne Bedingungen.
Ohne Rangliste.
Ohne Ausschluss.

Meine Großmutter hat das gelebt.
Mit Kakao.
Mit Apfelstrudel.
Mit Elfer-Raus.
Mit offener Tür.

Sie hat nicht viel geredet.
Sie hat einfach gemacht.

Hasan war willkommen.
Der Fremde war willkommen.
Der Andersgläubige war willkommen.

Das ist Kirche.
Das ist Glaube.
Das ist Evangelium.

Ich sage das deutlich:

Wer Menschen ausgrenzt,
handelt nicht im Namen Gottes.
Wer Grenzen zieht zwischen Wertvollem
und Wertlosem,
zwischen Dazugehörigem
und Fremdem,
der hat das Evangelium nicht verstanden.

Oder er versteht es.
Und handelt trotzdem so.
Das ist noch schlimmer.

Wir leben in einer Zeit,
in der die Ausgrenzung wieder salonfähig wird.
In der Hass eine Partei trägt.
In der Abschiebung als Lösung gilt.
In der Menschenwürde verhandelt wird.

Als Christen können wir dazu nicht schweigen.
Wir dürfen nicht schweigen.

Meine Großmutter hat nicht geschwiegen.
Sie hat die Tür aufgemacht.

Das ist unsere Aufgabe.
Heute.
Hier.
Jetzt.

Die Tür aufmachen.
Für alle.

So wie Gott es tut.

Amen.

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