Ein Wegbereiter. Zum Gedenken an Prof. Dr. Norbert Schwarte
Es gibt Menschen, die nicht lehren, indem sie dozieren — sondern indem sie fragen. Norbert Schwarte war ein solcher Mensch.
Ich habe ihn als Mentor erlebt, als freundschaftlichen Berater, als jemanden, der zuhörte, bevor er sprach. In einer Welt, in der akademisches Prestige oft mit Distanz verwechselt wird, war er das Gegenteil: präsent, direkt, interessiert. An der Sache. Und an den Menschen, die an ihr arbeiteten.
Wer er war
Norbert Schwarte, geboren im Rheinland, studierte Geschichte, Pädagogik und Publizistik in Bochum, Bonn und München — eine Kombination, die seinen späteren Stil prägte: historisch denken, pädagogisch handeln, öffentlich argumentieren. 1972 betrat er zum ersten Mal eine Behinderteneinrichtung. Die Eindrücke, so hat er es selbst beschrieben, ließen ihn mehrere Nächte nicht schlafen. Sie ließen ihn nie mehr los.
1981 wurde er auf den Lehrstuhl für Sozialpädagogik an der Gesamthochschule Siegen berufen. Was folgte, war mehr als eine akademische Karriere. Schwarte baute das Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZPE) auf — eine Institution, die seither prägend für die wissenschaftliche Begleitung von Inklusion und Behindertenhilfe in Deutschland ist. Über zehn Jahre war er dessen Sprecher.
Sein Credo: *„Unser Ziel war und ist es, den notwendigen sozialstaatlichen Umbau wissenschaftlich so zu begleiten, dass er nicht zum sozialen Abbau für die Betroffenen wird.“
Was er dachte
Schwarte war kein Theoretiker im Elfenbeinturm. Er verstand Wissenschaft als gesellschaftliche Verantwortung. Sein zentraler Begriff war Teilhabe — aber nicht als Schlagwort. In einem Vortrag formulierte er mit bemerkenswerter Klarheit:
*„Bürgerrechtliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für eine gelungene Lebenssituation.“*
Das klingt nüchtern. Es ist es nicht. Dahinter steckt eine jahrzehntelange Auseinandersetzung mit der Frage, was es konkret bedeutet, wenn Menschen mit geistiger Behinderung als Bürgerinnen und Bürger ernstgenommen werden — mit Rechten, mit Pflichten, mit Würde.
Sein bekanntestes Instrument ist LEWO — ein Verfahren zur Qualitätsentwicklung in Wohnstätten für Menschen mit geistiger Behinderung, entwickelt gemeinsam mit Ralf Oberste-Ufer und herausgegeben von der Bundesvereinigung Lebenshilfe. LEWO verstand Qualität nicht als bürokratische Norm, sondern als Maßstab für die gelebte Lebensqualität der Betroffenen.
Was er mir bedeutete
In einem Brief, den ich im Januar 2011 an ihn schrieb, berichtete ich ihm von meiner damals neuen Stelle als Beauftragter für Inklusion und bürgerschaftliches Engagement bei der Lebenshilfe Nordrhein-Westfalen. Ich schrieb:
*„Bürgerrechte für Menschen mit geistiger Behinderung sind die entscheidenden Zielvorgaben meiner Arbeit. Dies kann nur geschehen, wenn zwischen unmittelbarer Handlung und bürgerrechtlicher Zielsetzung ein direkt einsehbarer und lebbarer Zusammenhang hergestellt wird.“*
Ich erkenne heute, dass dieser Satz nicht allein meiner war. Er war gewachsen in vielen Gesprächen mit Norbert Schwarte. So arbeitet ein guter Mentor: Er gibt keine Antworten, er schärft die Fragen — bis man die eigene Antwort findet und sie für die eigene hält.
2006 schied er aus dem Hochschuldienst aus. Er sagte damals, er wolle den kommenden Lebensabschnitt gestalten, solange es ihm gut geht. Die Sorge um soziale Gerechtigkeit, so fügte er hinzu, werde ihn auch weiter umtreiben.
Was bleibt
Das ZPE Siegen steht. Es arbeitet weiter. Und ich, der ich heute selbst als Lehrbeauftragter an eben dieser Universität tätig bin — im Bachelor Soziale Arbeit, in Seminaren über Inklusion, Möglichkeitsdenken, Teilhabe —, spüre bisweilen, auf welchem Boden ich stehe. Es ist Boden, den andere bereitet haben.
Norbert Schwarte hat diesen Boden mit bereitet.
Er hat mich gelehrt, dass Wissenschaft und Haltung keine Gegensätze sind. Dass man dicke Bretter bohren muss — und dass man das nicht alleine tut. Und dass es gut ist, wenn man beim Bohren weiß, wozu man es tut.
Ich bin dankbar, dass ich ihn kannte.
Armin Herzberger ist Lehrbeauftragter an der Universität Siegen im Bachelor Soziale Arbeit und war 35 Jahre in der Lebenshilfe tätig.
Er schreibt unter dem Pseudonym Claudius Herz auf arminherzberger.com.