Die Kirche und die Mächtigen — eine alte und neue Frage
Am Ende auch in leichter Sprache
Ein theologischer Essay
Siegfried Zimmer erzählt bei Worthaus von einer Baumfabel aus dem Alten Testament. Was eine Fabel über einen Dialog zwischen Bäumen mit dem Urteil über ein politisches System zu tun hat, zeigt Zimmer anhand eines weitgehend unbekannten Bibeltextes — und er macht dabei klar: Den Mächtigen der Welt, den Reichen, Starken und Unterdrückern geht es mächtig an den Kragen. [Worthaus](https://worthaus.org/mediathek/search/)
Das ist keine Randnotiz. Das ist Programm. Und es wirft eine Frage auf, die die Kirche seit ihren Anfängen begleitet — und von der sie sich immer wieder weggeduckt hat: Was hat der Glaube mit der Macht zu tun?
**I. Die Versuchung der Stille**
Es gibt eine fromme Versuchung, die besonders gefährlich ist, weil sie so tugendhaft aussieht: die Versuchung zur Stille. Die Kirche solle sich aus der Politik heraushalten, heißt es dann. Sie solle das Ewige verkündigen, nicht das Zeitliche kommentieren. Sie solle Seelen retten, nicht Systeme kritisieren.
Diese Position hat eine lange Geschichte. Und eine schlechte.
Dietrich Bonhoeffer hat sie durchlebt und durchlitten. Im Gefängnis, während seine Mitverschwörer hingerichtet wurden, schrieb er: Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. Nicht für sich. Nicht für ihre Institutionen. Für die anderen — und das heißt: für die, denen Unrecht geschieht.
Karl Barth hat es 1934 im Barmer Bekenntnis auf den Punkt gebracht: Es gibt keinen Bereich des Lebens, der Jesus Christus nicht gehört. Kein Reich, das außerhalb seiner Herrschaft liegt. Auch nicht die Wirtschaft. Auch nicht die Politik. Auch nicht die Frage, wer Hunger hat und wer nicht.
**II. Was die Propheten wussten**
Die alttestamentliche Prophetie ist kein spirituelles Hobby. Sie ist politische Rede. Amos steht auf dem Marktplatz und rechnet mit denen ab, die falsche Gewichte benutzen, Arme für ein Paar Sandalen verkaufen, Weizen mit Spreu strecken. Jesaja beschreibt den Gottesdienst, der Gott zuwider ist — weil die Betenden draußen Witwen und Waisen unterdrücken. Micha fasst es zusammen: Recht tun, Güte lieben, demütig gehen.
Das ist keine Sozialpolitik als Anhängsel des Glaubens. Das ist der Kern.
Die fünfte Worthaus-Jahrestagung 2015 widmete sich eigens der prophetischen Dimension der biblischen Botschaft [Siegfriedzimmer](https://siegfriedzimmer.de/worthaus/) — und das war kein Zufall. Denn Zimmer weiß, dass die Bibel nicht politisch neutral ist. Sie ergreift Partei. Für die Schwachen. Gegen die Strukturen, die sie klein halten.
**III. Die Option für die Armen — kein Luxus**
Gustavo Gutiérrez hat den Begriff geprägt: die *Option für die Armen*. Er meinte damit keine Almosen, keine Charity, kein gutes Gewissen. Er meinte eine strukturelle Entscheidung: Wo steht die Kirche? Auf wessen Seite liest sie die Bibel?
Dorothee Sölle hat dasselbe auf ihre Weise gesagt: Mystik und Widerstand gehören zusammen. Wer Gott erfahren hat, kann nicht schweigen, wenn Menschen zertreten werden. Die Gotteserfahrung treibt in die politische Verantwortung — nicht heraus.
Und Pope Francis schreibt in *Evangelii Gaudium*, dass eine Kirche, die sich nur um sich selbst dreht, krank wird. Die Kirche muss aus sich heraustreten, an die Ränder gehen, zu den Menschen, die das System vergessen hat.
**IV. Konkret: Was heißt das heute?**
Es heißt, dass die Kirche Farbe bekennen muss — nicht parteipolitisch, aber politisch-theologisch.
Wenn Populisten die Würde von Menschen angreifen, die nicht ins Bild passen — Geflüchtete, Arme, Kranke, Menschen mit Behinderung — dann ist das nicht eine politische Meinung neben anderen. Das ist eine theologische Frage. Denn die Würde des Menschen ist nicht verhandelbar. Sie ist Gottesebenbildlichkeit.
Wenn Wirtschaftsstrukturen so organisiert sind, dass Wenige immer mehr bekommen und Viele immer weniger, dann ist das kein schicksalhafter Naturzustand. Das ist eine politische Entscheidung. Und die Bibel hat dazu etwas zu sagen — laut, und seit Jahrtausenden.
Das Abendmahl deutet Zimmer als Quelle des Friedens, der Gerechtigkeit und der Akzeptanz — nicht als Appell, nicht als Strenge, sondern als Zuwendung und Integration. [Worthaus](https://worthaus.org/mediathek/search/) Wenn das stimmt, dann ist der Tisch des Herrn das Gegenbild zur gesellschaftlichen Ausgrenzung. Wer hier isst, lernt, wer dazugehört.
**V. Die Kirche als Zeichen**
Die Kirche ist kein Staat. Sie hat keine Armeen, keine Haushalte, keine Gesetzgebung. Aber sie hat etwas, das alle diese Mächte nicht haben: die Freiheit, die Wahrheit zu sagen. Die Freiheit, unbequem zu sein. Die Freiheit, für jemanden einzutreten, der sich selbst nicht eintreten kann.
Diese Freiheit ist ihr Auftrag. Und sie ist zugleich ihr Geheimnis.
Bonhoeffer hat in seiner Gefängniszelle geschrieben, dass er sich eine Kirche wünscht, die von allen Privilegien loslässt und allein durch das Wort dient. Eine Kirche *für andere*. Nicht eine Kirche, die sich selbst feiert.
Vielleicht ist genau das die prophetische Aufgabe in unserer Zeit: nicht laut zu sein um der Lautstärke willen. Sondern klar zu sein — an der Seite derer, die das System vergessen hat.
Das wäre Kirche. Das wäre Evangelium.
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*Quellen und Impulse: Siegfried Zimmer, Worthaus-Mediathek (worthaus.org) — Vorträge zu Prophetie und Herrschaftskritik. Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Karl Barth, Barmer Theologische Erklärung 1934. Gustavo Gutiérrez, Theologie der Befreiung. Dorothee Sölle, Mystik und Widerstand. Papst Franziskus, Evangelii Gaudium.*
Hier ist der Essay vollständig in Leichter Sprache:
# Die Kirche und die Mächtigen
## Ein theologischer Text in Leichter Sprache
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### Was ist das Thema?
Siegfried Zimmer ist ein Theologe.
Er erklärt eine alte Geschichte aus der Bibel.
Es ist eine Fabel von Bäumen.
Die Bäume sprechen miteinander.
Zimmer zeigt:
Diese Geschichte ist wichtig für die Politik heute.
Die Bibel sagt:
Mächtige Menschen und Unterdrücker bekommen Probleme.
Das ist kein Zufall.
Das ist eine Botschaft von Gott.
Und das stellt eine wichtige Frage:
Was hat der Glaube mit der Macht zu tun?
### I. Die Versuchung zur Stille
Manche Menschen sagen:
Die Kirche soll sich aus der Politik heraushalten.
Sie soll nur über das Ewige sprechen.
Sie soll keine Kritik üben.
Das klingt fromm.
Aber das ist falsch.
Dietrich Bonhoeffer war ein Theologe.
Er wurde im Gefängnis eingesperrt.
Er schrieb dort:
Die Kirche ist nur Kirche,
wenn sie für andere da ist.
Nicht für sich selbst.
Für die Menschen, denen Unrecht geschieht.
Karl Barth war ein anderer Theologe.
Er schrieb 1934:
Alles in der Welt gehört zu Jesus Christus.
Auch die Wirtschaft.
Auch die Politik.
Auch die Frage:
Wer hat Hunger?
Und wer nicht?
### II. Was die Propheten sagten
Die Propheten im Alten Testament
sprachen über Politik.
Sie standen auf dem Marktplatz.
Sie sagten laut die Wahrheit.
Amos sagte:
Manche Händler betrügen die Armen.
Sie benutzen falsche Gewichte.
Sie verkaufen arme Menschen für wenig Geld.
Jesaja sagte:
Manche Menschen beten zu Gott.
Aber draußen unterdrücken sie Witwen und Waisen.
Das ist Gott nicht recht.
Micha sagte es kurz:
Tue Recht.
Liebe Güte.
Geh demütig.
Das ist nicht Sozialpolitik als Extra.
Das ist der Kern des Glaubens.
Siegfried Zimmer zeigt:
Die Bibel ist nicht politisch neutral.
Sie ergreift Partei.
Sie ist für die Schwachen.
Sie ist gegen die Strukturen,
die Menschen klein halten.
### III. Die Option für die Armen
Gustavo Gutiérrez ist ein Theologe aus Peru.
Er hat einen wichtigen Begriff geprägt:
*Option für die Armen.*
Das bedeutet nicht:
Gib ein bisschen Geld.
Das bedeutet:
Wo steht die Kirche?
Auf wessen Seite liest sie die Bibel?
Dorothee Sölle war eine Theologin.
Sie sagte:
Mystik und Widerstand gehören zusammen.
Wer Gott erfahren hat,
kann nicht schweigen,
wenn Menschen leiden.
Der Glaube treibt in die Verantwortung.
Papst Franziskus schreibt:
Eine Kirche, die nur um sich selbst kreist,
wird krank.
Die Kirche muss zu den Rändern gehen.
Zu den Menschen,
die das System vergessen hat.
### IV. Was das heute bedeutet
Die Kirche muss Farbe bekennen.
Nicht als politische Partei.
Aber klar und deutlich in der Menschenwürde.
Wenn Populisten sagen:
Geflüchtete, Arme, Kranke, Menschen mit Behinderung
gehören nicht dazu —
dann ist das keine normale Meinung.
Das ist eine theologische Frage.
Denn die Würde des Menschen ist nicht verhandelbar.
Jeder Mensch ist nach dem Bild Gottes geschaffen.
Wenn Wirtschaftsstrukturen so gebaut sind,
dass Wenige immer mehr bekommen
und Viele immer weniger —
dann ist das keine natürliche Sache.
Das ist eine politische Entscheidung.
Und die Bibel hat dazu seit Jahrtausenden etwas zu sagen.
Siegfried Zimmer sagt:
Das Abendmahl ist ein Zeichen des Friedens,
der Gerechtigkeit,
der Zuwendung.
Nicht Strenge.
Nicht Ausgrenzung.
Wer am Tisch des Herrn sitzt,
der lernt:
Alle gehören dazu.
### V. Die Kirche als Zeichen
Die Kirche hat keine Armee.
Sie hat keinen Haushalt wie ein Staat.
Sie macht keine Gesetze.
Aber sie hat etwas Wichtiges:
Die Freiheit, die Wahrheit zu sagen.
Die Freiheit, unbequem zu sein.
Die Freiheit, für andere einzutreten.
Das ist ihr Auftrag.
Das ist ihr Geheimnis.
Bonhoeffer schrieb im Gefängnis:
Ich wünsche mir eine Kirche,
die alle Privilegien loslässt.
Eine Kirche, die allein durch das Wort dient.
Eine Kirche *für andere*.
Keine Kirche, die sich selbst feiert.
Die prophetische Aufgabe heute ist:
Nicht laut sein um der Lautstärke willen.
Sondern klar sein.
An der Seite derer,
die das System vergessen hat.
Das wäre Kirche.
Das wäre Evangelium.
*Quellen und Impulse:
Siegfried Zimmer, Worthaus-Mediathek.
Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung.
Karl Barth, Barmer Theologische Erklärung 1934.
Gustavo Gutiérrez, Theologie der Befreiung.
Dorothee Sölle, Mystik und Widerstand.
Papst Franziskus, Evangelii Gaudium.*