Zum Vortrag von Kathy Ehrensperger und Peter Arzt-Grabner auf Worthaus 13 in Tübingen, Juni 2025

Früher, in meiner Kindheit:
Die Männer redeten.
Die Frauen machten Kaffee.
Wenn eine Frau etwas Wichtiges sagen wollte, schaute der Bruder Vorsitzender zur Seite.

Er räusperte sich. Und das Gespräch ging weiter — als wäre nichts gewesen.


Der Geruch nach Karbonseife hing in der Luft. Nach Bohnerwachs. Nach dem Sonntagsanzug des Vaters.


Und alle wussten:
Das steht so bei Paulus. Irgendwo. Man wusste es immer.


Ich habe jetzt einen Vortrag gehört. Zwei Professorinnen und Professoren aus Tübingen haben dieses „Irgendwo bei Paulus“ genau angeschaut.


Und ich habe gemerkt: Wir haben Paulus falsch gelesen.
Paulus war kein Macho.


Kathy Ehrensperger ist Professorin. Sie erforscht Paulus.
Sie sagt: Paulus war Jude. Er ist Jude geblieben. Sein ganzes Leben lang.
Er hat geglaubt: Jesus ist der Messias. Das macht ihn noch nicht zum Christen, wie wir heute Christen kennen.
Das ist wichtig.


Denn viele lesen Paulus so, als wäre er ein Kirchenmann aus dem Mittelalter. Einer, der Frauen aus dem Amt heraushalten will.
Das stimmt nicht.


Was bedeutete der Schleier damals?
Peter Arzt-Grabner ist auch Professor. Er liest alte Texte aus der Antike. Verträge, Briefe, Quittungen.


Er erklärt:
Vor 2000 Jahren trugen verheiratete Frauen einen Schleier. Das war selbstverständlich. Der Schleier bedeutete: Diese Frau gehört zur Gemeinde. Sie ist eine angesehene Frau.


Frauen ohne Schleier galten als nicht angesehen. Das war die Sprache der damaligen Zeit.


Und jetzt kommt das Wichtige:
Paulus schreibt: Frauen sollen beim Beten den Schleier nicht ablegen.


Das bedeutet:
Frauen dürfen beten. Frauen dürfen predigen. Aber sie sollen dabei würdevoll auftreten — mit Schleier.


Paulus wollte nicht, dass Frauen schweigen. Er wollte, dass Frauen ernst genommen werden.
Paulus kannte viele Frauen — als Mitarbeiterinnen


In seinen Briefen nennt Paulus viele Frauen.
Phöbe — sie war Diakonin. (Röm 16,1)
Priska — sie leitete mit ihrem Mann eine Gemeinde. (Röm 16,3)
Junia — Paulus nennt sie eine „herausragende Apostelin“. (Röm 16,7)


Diese Frauen haben gearbeitet. Sie haben geleitet. Sie haben Theologie gemacht.


Was bedeutet das für heute?
Paulus hat einen wichtigen Satz geschrieben.

Er steht im Galater-Brief, Kapitel 3, Vers 28:
„Hier ist nicht Jude noch Grieche. Nicht Sklave noch Freier. Nicht Mann noch Frau. Denn ihr seid alle einer in Christus Jesus.“


Das ist das Programm von Paulus. Das ist die Richtung.
Ich denke an den Bruder Vorsitzender. An das Räuspern. An die Frauen im Klippdachsland, die mehr zu sagen gehabt hätten.


Heute verbieten manche Gemeinden Frauen das Predigen. Sie sagen: Das steht bei Paulus.


Aber Paulus hat das nicht so gemeint.
Er hat Frauen als Aposelinnen anerkannt. Er hat mit Frauen zusammengearbeitet. Er hat die Würde aller Menschen ernst genommen.


Das ist mutig. Und ich meine:

Das ist Evangelium.


Den Vortrag können Sie kostenlos hören auf: worthaus.org

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