Rechts Populismus

Eine Vorlesung in leichter Sprache an der Universität Siegen Studiengang Sozialarbeit Sozialpädagogik BA am 21.01.26

# Behinderten-Hilfe und Rechts-Populismus
##

in Leichter Sprache


Liebe StudentInnen

Es gibt eine wichtige Entwicklung in Europa.
Und auch in Deutschland.
Rechts-populistische Parteien werden stärker.

Das betrifft auch die Behinderten-Hilfe.
Menschen mit Behinderung sind eine schwache Gruppe.
Ihre Rechte sind in Gefahr.

In der Politik hört man oft diese Fragen:
– Was kostet das?
– Ist das nützlich?
– Brauchen wir das wirklich?

Manche sagen:
Inklusion ist nur eine Idee.
Eine schlechte Idee.

Das ist gefährlich.
Wir wissen aus der Geschichte:
So fängt es an.



## Gefährliche Argumente

Es gibt 3 Arten von gefährlichen Argumenten.

### 1. Menschen kosten Geld

Manche Leute fragen immer:
Was kostet das?

Sie meinen zum Beispiel:
– Hilfen für Menschen mit Behinderung
– Assistenz
– Barriere-Freiheit

Diese Leute denken:
Ein Mensch ist nur etwas wert,
wenn er Geld verdient.

Aber das stimmt nicht!

Es gibt die UN-Behinderten-Rechts-Konvention.
Deutschland hat sie 2009 unterschrieben.
Dort steht:
Teilhabe ist ein Menschen-Recht.
Kein Geschenk.
Keine Belohnung.

Rechts-Populisten sehen das anders.
Sie ändern langsam,
wie wir darüber reden.

### 2. Starke und schwache Menschen

Rechts-Populisten reden oft von:
– Leistungs-Trägern
– Schmarotzern

Sie meinen:
Manche Menschen arbeiten viel.
Die sind wichtig.

Andere Menschen arbeiten nicht.
Die sind unwichtig.

Menschen mit Behinderung zählen sie zur 2. Gruppe.
Egal, was diese Menschen können.
Egal, was sie tun.

Aber das ist falsch!

Behinderung ist keine Eigenschaft von Menschen.
Behinderung entsteht durch Barrieren.
Barrieren macht die Gesellschaft.

Zum Beispiel:
– Treppen statt Rampen
– Schwere Sprache statt Leichter Sprache
– Keine Hilfen

Rechts-Populisten sagen:
Der Sozial-Staat ist eine Last.
Wir müssen ihn bezahlen.
Für die anderen.

Aber der Sozial-Staat ist wichtig!
Er zeigt:
Wir halten zusammen.

### 3. Wir und die Anderen

Rechts-Populisten sagen oft:
Es gibt ein WIR.
Und es gibt die ANDEREN.

Zum WIR gehören nur manche Menschen.
Zum Beispiel:
– Menschen, die viel arbeiten
– Menschen aus Deutschland
– Menschen ohne Behinderung

Alle anderen gehören nicht dazu.

Rechts-Populisten sagen über Inklusion:
– Das ist Gender-Gaga.
– Das ist Minderheiten-Politik.
– Das schadet der Mehrheit.

Das ist gefährlich.
Denn es zerstört das Mit-Gefühl.
Und es macht Zusammen-Halt kaputt.



## Was früher passiert ist

Wir müssen uns erinnern.
An die Nazi-Zeit.

Die Nazis haben über 200.000 Menschen getötet.
Diese Menschen hatten:
– Behinderungen
– Psychische Krankheiten

Die Nazis nannten das: Euthanasie.
Aber es war Mord.

So hat es angefangen:

**Schritt 1:**
Die Nazis haben geredet über:
– Lebens-wertes Leben
– Lebens-unwertes Leben

**Schritt 2:**
Die Nazis haben gerechnet:
Was kostet die Pflege?
Sie haben Filme gemacht.
In den Filmen stand:
Diese Menschen kosten zu viel Geld.

**Schritt 3:**
Die Nazis haben Menschen entmenschlicht.
Sie haben sie genannt:
Ballast-Existenzen.
Minderwertige.

**Schritt 4:**
Die Nazis haben getötet.

### Die Kirchen haben versagt

Die Kirchen haben meistens geschwiegen.

Nur wenige haben widersprochen.
Zum Beispiel:
– Bischof von Galen
– Pfarrer Paul-Gerhard Braune

Aber viele Kirchen haben:
– Geschwiegen
– Mit-gemacht

Das war ein großer Fehler.

### Die Lehre

Diese Geschichte ist nicht lange her.
Sie zeigt uns:
Es kann schnell gehen.

Rechte können verloren gehen.
Wenn wir nicht aufpassen.
Wenn wir zulassen,
dass Menschen nach ihrem Nutzen bewertet werden.



## Was heute passiert

Die Gefahr ist real.
Sie ist nicht weit weg.

**In Ungarn:**
Viktor Orbán hat viele Sozial-Leistungen gestrichen.

**In den USA:**
Menschen mit Behinderung haben Angst.
Sie könnten ihre Kranken-Versicherung verlieren.

**In Deutschland:**
Manche Parteien sagen:
Der Sozial-Staat ist eine Hängematte.

Wir erleben auch:

**In Schulen:**
Manche sagen:
Inklusion senkt das Niveau.
Das schadet allen Kindern.

**Bei Assistenz-Leistungen:**
Manche sagen:
Das ist Vollkasko-Mentalität.
Die Leute wollen alles geschenkt bekommen.

**Bei Werkstätten:**
Manche sagen:
Das sind Parallel-Gesellschaften.

**Bei Selbst-Vertretung:**
Manche sagen:
Das sind nur Lobbyisten.
Die wollen nur Geld.



## Was wir tun können

### 1. Auf die Sprache achten

Wir müssen aufpassen.
Wie reden Menschen?

Zum Beispiel:
Jemand sagt: Leistungs-Träger.
Dann fragen wir:
Wen meinen Sie damit?
Wer ist kein Leistungs-Träger?

Jemand sagt: Inklusion ist eine Ideologie.
Dann fragen wir:
Was meinen Sie damit?
Warum sagen Sie das?

Jemand fragt: Was kostet das?
Dann fragen wir zurück:
Was ist es uns wert?
Welchen Wert haben Menschen?

Wir müssen widersprechen.
Klar und deutlich.
Nicht nur höflich.

### 2. Menschen mit Behinderung stark machen

Das ist sehr wichtig:
Menschen mit Behinderung sollen nicht nur Hilfe bekommen.
Sie sollen selbst handeln.
Sie sollen mit-gestalten.

Ein Beispiel:
Das Projekt Möglichkeits-Denker.
Es gibt das Projekt seit über 20 Jahren.

Was passiert dort?
Menschen mit Unterstützungs-Bedarf helfen anderen.
Sie arbeiten ehrenamtlich.
Sie sind nicht nur Empfänger.
Sie sind auch Gebende.

Das ist auch politisch wichtig.
Am besten ist:
Menschen mit Behinderung sprechen selbst.
Sie kämpfen selbst für ihre Rechte.

Dafür müssen wir:
– Selbst-Vertretungs-Gruppen unterstützen
– Kurse anbieten zu Politik
– Menschen ermutigen, ihre Meinung zu sagen

### 3. Zusammen arbeiten

Wir können nicht alleine kämpfen.
Wir brauchen Partner.

Zum Beispiel:
– Kirchen
– Gewerkschaften
– Menschen-Rechts-Gruppen
– Alle, die für Solidarität sind

Zusammen sind wir stark.
Wir müssen zusammen-halten.
Für die Menschen-Würde.

### 4. Klar Stellung beziehen

Unsere Verbände müssen klar sein.
Unsere Einrichtungen müssen klar sein.

Wenn Menschen-Rechte angegriffen werden,
dürfen wir nicht neutral sein.

Wir brauchen:
– Klare Aussagen
– Öffentliche Stellungnahmen
– Mut zur Diskussion

Wer für Inklusion arbeitet,
kann nicht unpolitisch sein.



## Schluss

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,

wir müssen uns entscheiden:

**Ist Behinderten-Hilfe nur ein Job?**
Nur eine Dienst-Leistung?
Nur Verwaltung?

**Oder ist Behinderten-Hilfe ein politischer Auftrag?**
Ein Kampf für eine gerechte Gesellschaft?
Ein Kampf für alle Menschen?

Rechts-Populismus ist eine Gefahr.
Für unsere Arbeit.
Für Menschen mit Behinderung.

Wir müssen antworten.

Unsere Antwort muss sein:
– Wachsamkeit
– Widerspruch
– Solidarität

Jeden Tag.
Überall.
Ohne Ausnahme.

Vielen Dank.



*Zeit zum Vorlesen: etwa 11-12 Minuten*



## Wichtige Wörter erklärt

**Rechts-Populismus:**
Eine politische Richtung.
Diese Leute sagen:
Manche Menschen sind besser als andere.
Sie sind oft gegen:
– Ausländer
– Schwache Menschen
– Minderheiten

**Vulnerable Gruppen:**
Schwache Gruppen.
Gruppen, die leicht verletzt werden können.
Gruppen, die Schutz brauchen.

**UN-Behinderten-Rechts-Konvention:**
Ein Vertrag.
Viele Länder haben ihn unterschrieben.
Auch Deutschland.
Darin steht:
Menschen mit Behinderung haben besondere Rechte.
Zum Beispiel das Recht auf Teilhabe.

**Inklusion:**
Alle gehören dazu.
Niemand wird ausgeschlossen.
Menschen mit Behinderung leben mitten in der Gesellschaft.

**Sozial-Staat:**
Der Staat hilft Menschen.
Zum Beispiel:
– Bei Krankheit
– Bei Arbeits-Losigkeit
– Bei Behinderung

**Selbst-Vertretung:**
Menschen mit Behinderung sprechen für sich selbst.
Sie kämpfen selbst für ihre Rechte.
Sie brauchen dafür manchmal Unterstützung.
Aber sie entscheiden selbst.

**Empowerment:**
Menschen stark machen.
Menschen befähigen.
Menschen ermutigen,
für sich selbst einzutreten.

21.01.26 Armin Herzberger

Rechtspopulismus

Behindertenhilfe und Rechtspopulismus

„Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Geschwistern, das habt ihr mir getan.“ Mit diesen Worten aus Matthäus 25 hat Jesus den Maßstab gesetzt, an dem sich Glaube und Kirche messen lassen müssen. Nicht an Bekenntnissen, nicht an Liturgien, nicht an Kirchensteuerzahlen – sondern an der Solidarität mit den Schwächsten.

In Zeiten erstarkenden Rechtspopulismus ist diese Botschaft keine fromme Sonntagsrede, sondern politischer Sprengstoff. Denn wenn Menschen wieder nach ihrem „Nutzen“ bewertet werden, wenn Solidarität als naiv verspottet wird, wenn die „Geringsten“ zu Kostenfaktoren degradiert werden – dann steht das Evangelium selbst zur Disposition.

## Die biblisch-theologische Grundlage

**Die Option für die Schwachen**

Die Bibel ist von Anfang bis Ende parteiisch. Sie ergreift Partei für die Unterdrückten, die Ausgegrenzten, die an den Rand Gedrängten. Die Propheten Israels geißeln die Reichen und Mächtigen: „Weh denen, die Häuser an Häuser reihen und Acker an Acker fügen!“ (Jesaja 5,8). Amos schreit: „Sie verkaufen den Unschuldigen um Geld und den Armen um ein Paar Schuhe“ (Amos 2,6).

Jesus radikalisiert diese prophetische Tradition. Er heilt am Sabbat und sagt: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat“ (Markus 2,27). Er isst mit Zöllnern und Sündern. Er berührt Aussätzige. Er stellt ein Kind in die Mitte und sagt: „Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen“ (Markus 10,15).

Das Reich Gottes, das Jesus verkündet, ist radikal inklusiv. Es kennt keine „Leistungsträger“ und keine „Empfänger“. Es kennt nur Gottes bedingungslose Liebe zu allen Menschen – gerade zu denen, die von der Gesellschaft als wertlos angesehen werden.

**Die Würde des Menschen als Gottesebenbildlichkeit**

„Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde“ (Genesis 1,27) – dieser Satz ist revolutionär. Er bedeutet: Jeder Mensch trägt die Würde Gottes in sich. Nicht weil er etwas leistet, nicht weil er produktiv ist, nicht weil er der Gemeinschaft „nützt“ – sondern weil Gott ihn liebt und gewollt hat.

Die reformatorische Rechtfertigungslehre radikalisiert das noch: Der Mensch ist gerecht nicht durch Werke, sondern allein durch Gnade. Wir müssen uns unseren Wert nicht verdienen. Wir haben ihn geschenkt bekommen.

Diese Theologie ist die schärfste Waffe gegen jeden Sozialdarwinismus, gegen jede Leistungsideologie, gegen jeden Versuch, Menschen nach ihrem „Nutzen“ zu sortieren.

## Rechtspopulistische Rhetoriken als Häresie

Lassen Sie mich das beim Namen nennen: Rechtspopulistische Ideologien sind aus christlicher Sicht Häresien – Irrlehren, die dem Evangelium fundamental widersprechen.

**Die Häresie der Ökonomisierung**

„Was kostet uns das?“ – Diese Frage wird gestellt, als gäbe es einen Preis für Menschenwürde. Als könnte man Teilhabe gegen Haushaltszahlen aufrechnen. Als wäre der Wert eines Menschen in Euro messbar.

Jesus sagt: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ (Matthäus 16,26). Die Logik des Marktes ist nicht die Logik des Reiches Gottes. Im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Matthäus 20) bekommen alle denselben Lohn – unabhängig von ihrer Leistung. Das ist ökonomisch absurd. Das ist theologisch präzise.

**Die Häresie des Sozialdarwinismus**

„Leistungsträger“ und „Schmarotzer“ – diese Unterscheidung ist zutiefst unchristlich. Paulus schreibt: „Wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft… und die Glieder des Leibes, die uns die schwächsten scheinen, sind die nötigsten“ (1. Korinther 12,22).

Die Kirche ist kein Leistungskollektiv der Starken. Sie ist Gemeinschaft der Erlösten – und gerade die Schwachen sind ihr Herzstück. Wo Rechtspopulisten von „Ballast“ reden, spricht Paulus von „den nötigsten Gliedern“. Das ist kein Zufall. Das ist Theologie.

**Die Häresie der Exklusion**

Rechtspopulismus arbeitet mit einem „Wir gegen die Anderen“. Das Evangelium sagt: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“ (Galater 3,28).

Das Reich Gottes ist grenzenlos inklusiv. Das große Abendmahl (Lukas 14) lädt die Armen, Krüppel, Blinden und Lahmen ein – genau die, die in der Gesellschaft nichts zählen. Sie sind nicht geduldet. Sie sind die Ehrengäste.

## Die historische Schuld der Kirche

Wir müssen bekennen: Die Kirchen haben in der NS-Zeit mehrheitlich versagt. Sie haben nicht die prophetische Stimme erhoben, als Menschen mit Behinderungen zu „lebensunwertem Leben“ erklärt wurden. Sie haben – mit rühmlichen Ausnahmen wie Bodelschwingh, von Galen, Braune – geschwiegen oder kollaboriert.

Die Kirche der Angepassten, die Kirche der Hierarchien, die Kirche der Staatsräson – sie hat das Evangelium verraten. Dietrich Bonhoeffer hat es klar formuliert: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“

Diese Schuld verpflichtet uns heute. Die Kirche muss prophetisch sein – oder sie ist keine Kirche Jesu Christi. Sie muss an der Seite der Schwachen stehen – oder sie verrät ihren Auftrag.

**Die Lehre: Kirche von unten**

Was wir brauchen, ist keine Amtskirche, die von oben herab verkündet. Was wir brauchen, ist „Kirche von unten“ – eine Bewegung von Menschen, die im Geist Jesu solidarisch handeln. Die Basisgemeinden Lateinamerikas haben es vorgemacht. Die Friedensbewegung in der DDR hat es praktiziert. Die Flüchtlingskirche tut es heute.

Kirche von unten bedeutet: Wir fragen nicht zuerst, was die Institution Kirche sagt. Wir fragen: Was würde Jesus tun? Und dann handeln wir – notfalls gegen kirchliche Hierarchien, notfalls in zivilem Ungehorsam, notfalls als „unbequeme Propheten“.

## Aktuelle Bedrohungen – prophetisch benannt

Die Bedrohung ist real. In Polen werden Sozialleistungen gekürzt. In Ungarn wird der Sozialstaat demontiert. In Deutschland wird Inklusion als „Ideologie“ diffamiert. Das sind keine politischen Spielchen. Das sind Angriffe auf die Würde von Gottes Geschöpfen.

Und die Kirche? Redet von „Bewahrung der Schöpfung“ – und meint vor allem Bäume. Redet von „christlichen Werten“ – und meint vor allem bürgerliche Moral. Aber schweigt zu oft, wenn Menschen konkret bedroht sind.

## Was wir tun müssen – ein prophetischer Auftrag

**Erstens: Die prophetische Stimme erheben**

Wir müssen widersprechen. Laut. Klar. Öffentlich. Wenn von „Leistungsträgern“ die Rede ist – widersprechen. Wenn Inklusion als „Ideologie“ diffamiert wird – widersprechen. Wenn Menschen zu Kostenfaktoren gemacht werden – widersprechen.

„Weh den Hirten Israels, die sich selbst weiden!“ ruft Hesekiel (34,2). Heute würde er rufen: „Weh den Politikern, die die Schwachen verraten! Weh den Ökonomen, die Menschenwürde berechnen! Weh den Theologen, die schweigen, wenn Unrecht geschieht!“

**Zweitens: Empowerment als diakonischer Auftrag**

Menschen mit Behinderungen sind nicht Objekte christlicher Barmherzigkeit. Sie sind Subjekte des Reiches Gottes. Mein Projekt „Möglichkeitsdenker“ versucht das praktisch: Menschen mit Unterstützungsbedarf werden zu Gebenden, zu Helfenden, zu Mitgestaltenden.

Das ist nicht sozialarbeiterische Technik. Das ist gelebte Theologie. Denn im Reich Gottes gibt es keine passiven Empfänger. Dort sind alle berufen, alle begabt, alle gesandt.

„Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum“ (1. Petrus 2,9) – das gilt für alle. Auch für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen. Auch für Menschen mit Mehrfachbehinderungen. Alle sind berufen. Alle haben Gaben. Alle haben eine Stimme.

**Drittens: Solidarische Bündnisse schmieden**

Die ersten Christen nannten sich „ekklesia“ – Versammlung, Gemeinschaft. Sie teilten ihren Besitz. Sie ließen niemanden im Stich. „Es war aber die Menge der Gläubigen ein Herz und eine Seele“ (Apostelgeschichte 4,32).

Das ist unser Modell: Bündnisse der Solidarität. Mit Gewerkschaften, die für gerechte Löhne kämpfen. Mit Friedensbewegungen, die Gewalt widerstehen. Mit Flüchtlingsinitiativen, die Grenzen überwinden. Mit allen, die das Reich Gottes bauen – ob sie es so nennen oder nicht.

Helmut Gollwitzer hat gesagt: „Die Frage ist nicht, ob wir Sozialisten oder Kapitalisten sind. Die Frage ist, ob wir Christen sind.“ Christen sind wir dort, wo wir für die Schwachen eintreten.

**Viertens: Institutionelle Prophetie**

Unsere Einrichtungen, unsere Verbände, unsere Kirchen müssen Position beziehen. Nicht mit diplomatischen Floskeln. Nicht mit „einerseits-andererseits“. Sondern klar.

Die Barmer Theologische Erklärung von 1934 ist unser Vorbild: „Wir verwerfen die falsche Lehre…“ – so muss es klingen. Wir verwerfen die falsche Lehre, dass Menschen nach ihrem Nutzen bewertet werden dürfen. Wir verwerfen die falsche Lehre, dass Solidarität naiv ist. Wir verwerfen die falsche Lehre, dass es „nützliche“ und „unnütze“ Leben gibt.

Die Hoffnung des Glaubens

wir leben nicht aus Angst, sondern aus Hoffnung. Nicht aus dem Bemühen, das Böse zu verhindern, sondern aus der Verheißung, dass Gottes Reich kommt. „Selig sind die Friedfertigen, selig die Barmherzigen, selig, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit“ (Matthäus 5).

Das Reich Gottes ist schon angebrochen. Nicht als ferner Traum, sondern als gegenwärtige Wirklichkeit – überall dort, wo Menschen solidarisch handeln, wo Schwache gestärkt werden, wo Liebe die Logik der Macht überwindet.

Rechtspopulismus ist mächtig. Aber das Evangelium ist mächtiger. Die Frage ist nur: Glauben wir das? Und wenn ja: Leben wir danach?

Martin Luther King sagte: „Unsere Leben beginnen zu enden an dem Tag, an dem wir über Dinge schweigen, die wichtig sind.“

Lasst uns nicht schweigen. Lasst uns Kirche sein – prophetisch, solidarisch, unbequem. Kirche von unten. Kirche der Geringsten. Kirche Jesu Christi.

„Suchet der Stadt Bestes „

Eine Weggeschichte


„Es ist kein Stuhl mehr für dich da“

Dieser Satz aus meiner Kindheit sitzt noch heute. Ein trüber Novemberabend, zwei Gemeindeälteste an der Haustür. Sie kamen, um die Gesangbücher abzuholen.

„Du warst seit über einem halben Jahr nicht mehr im Gottesdienst. In der Bibelstunde fast ein ganzes Jahr nicht. Andere Leute haben auch viel zu tun. Es ist sowieso kein Stuhl für dich da.“

Schweigend nahmen sie die Bücher mit. Fertig.

Die Botschaft kam an: Wer nicht mitmacht, fliegt raus. Dein Platz ist weg.

So wurde Glaube für mich etwas Bedrohliches. Die Bibel als Druckmittel. Gemeinde als Kontrollsystem. Angst statt Hoffnung.

Dann hab ich angefangen nachzudenken

Das war vor einiger Zeit. Durch meine Arbeit im Kirchenvorstand. Durch die lebensbedrohliche Erkrankung meiner Frau.

Ich hatte Gespräche mit einer Pfarrerin. Sie las die Bibel anders. Sie stellte andere Fragen.

Sie erzählte Geschichten. Sinnstiftende Geschichten.

Nicht als Drohung. Nicht als Kontrolle. Sondern als Geschichten, die Leben deuten. Die Hoffnung machen. Die zeigen: Du bist nicht allein.

Das hat mich tief berührt.

Sie fragte zum Beispiel beim barmherzigen Samariter: „Warum liegt der Mann überhaupt halb tot am Straßenrand? Wer profitiert davon?“ Plötzlich ging’s nicht mehr nur um individuelle Hilfe, sondern um Strukturen, die Menschen zu Opfern machen.

Sie ist jetzt nicht mehr da. Vergessen werd ich sie nicht.

Am Anfang dachte ich: Das kann nicht stimmen. Gott ist doch neutral.

Aber dann hab ich die Geschichten nochmal gelesen – und erkannt:

Gott ist nicht neutral. Im Gegenteil.

Der Exodus: Gott befreit Sklaven. Nicht weil sie fromm waren. Sondern weil Sklaverei falsch ist.

Jesus war Jude. Er war nicht nur bei den Ältesten, sondern vor allem bei den Ausgestoßenen. Bei denen, für die „kein Stuhl da war“. Beides gehört zusammen. Davon lernen wir untereinander.

Die Bergpredigt: „Selig sind die Armen“ – keine Vertröstung. Sondern eine Kampfansage: Die jetzige Ordnung ist falsch.

Nach und nach hab ich verstanden: Die Bibel erzählt keine Geschichten über brave Kirchgänger. Sie erzählt von Leuten, die sich gegen Unterdrückung wehren.

Das hat was mit mir gemacht?

Ich hab angefangen, anders zu denken. Über die Jahre damals. Über die Angst. Über das, was man mir beigebracht hatte.

Manchmal kam Wut hoch. Auf die Gemeindeältesten von damals. Auf ein System, das aus Gott einen Kontrolleur macht.

Aber auch: Erleichterung. Eine Last fiel ab. Ich musste nicht mehr gut genug sein. Musste mich nicht mehr rechtfertigen.

Und dann: Hoffnung. Wenn die Bibel wirklich von Befreiung erzählt, dann ist Veränderung möglich. Dann muss es nicht so bleiben, wie es ist.

Was ich verstanden habe:

Gott steht nicht über allem – er hat sich für eine Seite entschieden. Auf der Seite derer, die unten sind. Das ist Politik. Und Frömmigkeit. Beides gehört zusammen.

Jesus war beides: Seelsorger und Störenfried. Er hat sich um Menschen gekümmert UND die Mächtigen konfrontiert. Er hat geheilt UND die religiöse Elite herausgefordert. „Selig sind die Armen“ ist Tröstung UND Kampfansage zugleich.

Gemeinde kann anders sein. Nicht: Wer hat die Macht? Sondern: Wie stärken wir uns gegenseitig? Nicht Leistung als Maßstab, sondern Gerechtigkeit.

Der Weg zählt, nicht das Ankommen. Die Bibel ist voll von Weggeschichten. Es geht ums Unterwegssein. Wie wir miteinander umgehen. Ob wir niemanden zurücklassen.

Was das praktisch bedeutet:

Bei den „Möglichkeitsdenkern“ der Lebenshilfe.

Ich arbeite mit Menschen, die Unterstützung brauchen. Wir fragen nicht: „Was können die nicht?“ Sondern: „Was können die?“

Menschen, die jahrelang nur „betreut“ wurden, organisieren jetzt selbst Veranstaltungen. Engagieren sich. Haben eine Stimme.

Das ist konkret, was die Bibel meint: Menschen werden befreit. Nicht durch fromme Worte. Durch echte Teilhabe.

Als Kirchenvorstand:
Oft erlebe ich den Widerspruch: Kirche redet von Nächstenliebe – und nimmt Ehrenamtliche oft als selbstverständlich hin.

Ich versuche gegenzusteuern. Entscheidungen transparent machen. Ehrenamtliche stärken und wertschätzen. Kirche öffnen für alle.

Ziemlich schwer. Die Strukturen sind zäh. Aber manchmal geht was.

An der Uni:
Ich unterricht Soziale Arbeit. Und ich sag den Studierenden: „Gute Soziale Arbeit fragt nicht nur: Wie helfen wir? Sondern auch: Warum brauchen Menschen überhaupt Hilfe?“

Warum gibt es Armut in einem reichen Land? Warum werden Menschen mit Behinderungen ausgegrenzt? Das sind politische Fragen.

Was ich gewonnen habe.
Diese andere Art, die Bibel zu lesen, hat mir Freiheit gegeben:

Frei von der Angst, nicht gut genug zu sein. Vom Druck, ständig was leisten zu müssen. Von religiöser Kontrolle.

Frei für Solidarität mit denen, die unten sind. Für politisches Engagement. Für die Hoffnung, dass sich was ändern kann.

Frei mit allen, die ebenfalls auf der Suche sind. Mit denen am Rand. Mit allen, für die „kein Stuhl da ist“.

Die Suche geht weiter

Ich hab keine fertigen Antworten. Hab ich auch nie gehabt. Die Suche nach Gott hört nie auf.

Aber ich hab verstanden, wo ich suchen muss:

Nicht in perfekten Gottesdiensten. Sondern dort, wo Menschen befreit werden.

Nicht nur in frommen Bibelstunden. Sondern dort, wo Gerechtigkeit geschieht.

Nicht dort, wo Stühle weggenommen werden. Sondern dort, wo Tische gedeckt werden für alle.

Genau so was haben wir jetzt gerade. Der Nachbarschaftsraum in Breidenbach.

Das ist keine fromme Idee. Das ist eine notwendige Maßnahme. Weil Kirche in Zukunft nicht anders überleben kann. Nicht als Institution, die sich selbst erhält. Sondern als Kirche, die nah bei den Menschen ist.

Die Ängste sind da. Wird das funktionieren? Wie finanzieren wir das? Was, wenn’s schief geht?

Aber auch die Hoffnung. Die Chance, was Neues entstehen zu lassen. Einen Ort, wo Gemeinde wirklich Gemeinde ist. Nicht nur in Sonntagsgottesdiensten, sondern im Alltag.

Dabei wollen wir die alten Menschen mitnehmen. Beide Gruppen sind wichtig – die, die was Neues wagen, und die, die die Tradition kennen. Die Tradition ist auch wichtig. Aber sie ist nicht in Stein gemeißelt. Sie muss sich wandeln, wenn sie leben soll.

Alfred Delp, der Jesuitenpater, der im Widerstand gegen die Nazis war und dafür hingerichtet wurde, hat aus dem Gefängnis geschrieben:

„Man muss die Segel in den unendlichen Wind stellen, dann erst werden wir spüren, welcher Fahrt wir fähig sind.“

Wir setzen die Segel. Nicht weil wir so mutig sind. Sondern weil wir keine andere Wahl haben, wenn wir ehrlich sein wollen.

Gott baut sein Reich nicht mit Steinen, sondern mit Menschen.

Und Karl Barth hat es gesagt: „Seid ohne Angst – es wird regiert.“

Nicht von uns. Nicht von Kirchenvorständen. Nicht von perfekten Konzepten.

Sondern von dem Gott, der schon immer auf der Seite derer war, die was Neues wagen mussten.

Dieser Weg ist nicht einfach. Nicht bequem. Er macht einen manchmal unbequem für andere.

Aber er ist frei.

Der gemeinsame Weg ist gemeinschaftlich oder er ist gar nicht.
Niemand kann allein befreit werden.

„Suchet der Stadt Bestes“

Ich bin Autodidakt

Eine Satire

Samstag, Baumarkt. Kellerausbau mit Sauna. YouTube sagt „kinderleicht“.

Vier Stunden später: Dampfsperre an mir, nicht an der Wand. Rigips kaputt. Finger blutig. Aber weiter geht’s! Irgendwann wird das die geilste Sauna ever.

Ich bin nicht nur im Keller Heimwerker.

**Heimwerken an der Inklusion**

Berlin bastelt Bundesteilhabegesetz. Ohne Anleitung. Ohne die Betroffenen zu fragen.

Drei Anträge, um aufzustehen. Fünf Gutachten, um zur Arbeit zu fahren. Wer nicht bürokratiefest ist, bleibt liegen.

Deutsche Gründlichkeit nennen wir das.

Bei meiner Sauna frag ich den Fachmann. Bei Menschen mit Behinderung? „Ach, das krieg ich auch so hin!“

**Heimwerken an der Kirche**

Strukturreform mit Beraterhonoraren. „Kirche von unten“ – von oben gemacht.

Ehrenamtliche brennen aus? Nicht so zimperlich! Früher ging’s auch.

Gottesdienste leer? Fusionieren! Drei Tote sind ein Lebendiger.

Bei 400 Volt hol ich den Elektriker. Bei der Gemeinde? „Haben wir schon immer so gemacht!“

**Heimwerken in der Verwaltung**

Formular. Kästchen. Unterschrift nur persönlich. Dienstags 9-11:30 Uhr.

„Geht das einfacher?“ – Wo kämen wir da hin! Dann könnte ja jeder!

**Das Prinzip**

Im Keller: Sofort Schimmel. Mein Problem.

In der Gesellschaft: Kollaps nach Jahren. Bin dann befördert.

Inklusion gescheitert? „War schon immer schwierig.“
Gemeinden tot? „Strukturwandel.“ 
Demokratie müde? „Wollen halt nicht.“

Die Betroffenen hätten halt bei der Umfrage mitmachen sollen. Von 2019.

Von vorne sieht man’s kaum.

Meine Sauna wird super. Irgendwann.

Wie die Inklusion.

Wie die Kirche.

Wie die Bürgernähe.

Kinderleicht.

Stand 19.01.26

Handwerk hat goldenen Boden

Besuch der Möglichkeitsdenker –  Lebenshilfe Lüdenscheid

Vanessa und Wolfgang Nollmann berichten über EUTB

Vanessa und Wolfgang Nollmann waren zu Gast an der Universität Siegen.
Sie haben den Studierenden von ihrer Arbeit erzählt.
Auch andere Fachleute waren dabei:

  • Vertreter von der Lebenshilfe Lüdenscheid
  • Vertreter von der Lebenshilfe Marburg
  • Mitarbeiter von der EUTB Lüdenscheid

Was ist EUTB?
EUTB bedeutet: Ergänzende unabhängige Teilhabe-Beratung.
Das ist eine Beratungs-Stelle für Menschen mit Behinderung.
Die Berater helfen bei vielen Fragen:

  • Welche Rechte habe ich?
  • Wo bekomme ich Unterstützung?
  • Wie kann ich selbstbestimmt leben?

Was war besonders?
Vanessa und Wolfgang Nollmann arbeiten bei der Lebenshilfe.
Sie kennen die Praxis sehr gut.
Zusammen mit den anderen Experten haben sie den Studierenden gezeigt:

  • Wie Beratung wirklich funktioniert
  • Was Menschen mit Behinderung brauchen
  • Welche Probleme es im Alltag gibt
  • Wie verschiedene Organisationen zusammen-arbeiten

Wie kam es zu diesem Besuch?
Die Idee kam von Armin Herzberger.
Er ist Lehrbeauftragter an der Universität Siegen.
Er hat die Verbindung zwischen Universität und Praxis hergestellt.
Ihm ist wichtig: Studenten sollen echte Experten kennen-lernen.

Warum ist das wichtig?
Die Studierenden lernen viel aus Büchern.
Aber echte Experten aus der Praxis sind noch wichtiger.
Sie zeigen: So sieht die Arbeit wirklich aus.
Sie erzählen von echten Situationen.

Die Bilder zeigen die Experten bei ihrer Arbeit im Seminar.
Man sieht: Sie arbeiten konzentriert.
Und sie erklären den Studierenden viel.

Siehe ich mache alles neu…

Predigt zur Jahreslosung 2026


Gehalten von Pfarrerin Tatjana Frenzel
Evangelische Kirchengemeinde Wolzhausen am 31.12.26

Evangelische Kirche Wolzhausen


Die Gnade unseres HERRN Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.


Liebe Gemeinde,

die Jahreslosung für das Jahr 2026 lautet:

„Siehe, ich mache alles neu.“

Das klingt groß. Fast zu groß.

Alles neu – wirklich alles? Unsere Welt? Unser Leben? Mich selbst?

Manchmal wünschen wir uns genau das: einen Neustart, einen Reset-Knopf. Und manchmal macht uns dieser Satz eher Angst. Denn nicht alles Alte würden wir freiwillig hergeben. Manches ist uns vertraut geworden – selbst dann, wenn es weh tut.

Die Jahreslosung steht am Ende der Bibel, in der Offenbarung des Johannes. Sie steht nicht am Anfang, nicht bei der Schöpfung, sondern am Ziel. Nach Leid, nach Tränen, nach Chaos, nach Zerbruch. Genau dahin sagt er dies.

Und Gott sagt nicht: Ich repariere ein bisschen. Er sagt: Ich mache alles neu.

1. Neu heißt nicht: alles weg

Neu – das heißt in der Bibel nicht: alles Alte wird ausgelöscht. Gott ist kein Zerstörer der Vergangenheit. Er ist ein Verwandler.

Vielleicht hilft uns ein Bild, das viele von uns kennen: die Nordsee. Wer mich kennt, weiß, dass ich ja eher ein Ostsee-Fan bin, aber um die Jahreslosung etwas begreifen zu können, hilft mir ausnahmsweise mal die Nordsee.

Wer einmal am Meer war, kennt dieses Staunen. Eben noch war alles Wasser. Wellen, Tiefe, Weite. Und dann – Stunden später – ist das Meer weg. Watt. Schlamm. Boden unter den Füßen.

Was passiert da?

Das Meer ist nicht verschwunden. Es ist auch nicht kaputt. Es hat sich zurückgezogen. Und plötzlich wird etwas sichtbar, das vorher verborgen war.

Das Watt ist kein endgültiger Zustand. Es ist ein Zwischenraum. Ein Raum der Möglichkeit.


2. Gottes Neuschaffen geschieht oft im Zwischenraum

„Siehe, ich mache alles neu“ – das klingt nicht nach einem lauten Knall. Nicht nach einem schnellen Wunder. Oft beginnt das Neue genau dort, wo sich etwas zurückzieht.

Vielleicht kennen Sie solche Zeiten:

– Ein Lebensabschnitt endet.
– Eine Beziehung verändert sich oder bricht ab.
– Ein Plan geht nicht auf.
– Eine Sicherheit trägt nicht mehr.

Plötzlich fühlt sich das Leben an wie Watt. Unübersichtlich. Matschig. Man weiß nicht so recht, wo man hintreten soll.

Und wir fragen: Wo ist Gott jetzt? Warum zieht sich das Wasser zurück?

Vielleicht gerade deshalb. Weil Gott im Freilegen arbeitet. Weil Neues nur entstehen kann, wenn etwas Platz bekommt.

Auch wir stehen als Gemeinde in diesem Neuen. Ab morgen sind wir eine Gesamtkirchengemeinde. Es verändert sich etwas. Nicht nur der Name, sondern die Zusammenarbeit, das Miteinander, die Beziehungen werden neu. Und Gott? Gott bleibt in alledem. Gott ist der Beständige. Gott ist das Zentrum. Das Herz, dass auch im Großen für seine Menschen weiterschlägt. Und Gott ist der, der verbindet auch über die Ortsgrenzen hinaus. Eine Zusage. Ein Trost. Eine Perspektive.

Was heißt das konkret für unser Leben?

„Ich mache alles neu“ heißt:

– Gott ist nicht fertig mit dieser Welt.
– Gott ist nicht fertig mit unserer Geschichte.
– Gott ist nicht fertig mit uns.
– Gott ist nicht fertig mit dem wie Kirche sich verändert.

Auch nicht mit dem, was festgefahren scheint. Auch nicht mit dem, was sich alt, müde oder beschädigt anfühlt.

Im Watt sieht man plötzlich: kleine Krebse, Muscheln, Spuren im Sand. Leben, das vorher vom Wasser verdeckt war.

Vielleicht heißt Gottes Neuschaffen für uns:

– Alte Verletzungen dürfen endlich angeschaut werden.
– Fragen dürfen gestellt werden, ohne sofort Antworten zu haben.
– Wir müssen nicht alles überspielen mit Aktivität und Lärm.

Gott wirkt nicht nur in der Flut. Er wirkt auch in der Ebbe.

Und was bedeutet das für mich selbst?

Vielleicht ganz persönlich:

– Ich muss nicht bleiben, wie ich bin.
– Aber ich muss mich auch nicht selbst neu erfinden.
– Ich darf mich Gott aussetzen – wie das Watt dem Meer.
– Ich darf und muss mich auch den Veränderungen stellen, selbst wenn sie mit Trauer benetzt sind.

Das Watt weiß: Das Wasser kommt wieder. Nicht als Bedrohung, sondern als Vollendung.

So ist Gottes Verheißung kein billiger Trost. Sie sagt nicht: Alles wird sofort gut. Aber sie sagt: Nichts bleibt sinnlos alt.

Gott spricht: „Siehe“ – schau hin. Nicht weg. Hin auf das, was sich gerade verändert. Hin auf das, was freiliegt. Hin auf dich selbst.

Hoffnung mit offenen Händen

Am Ende der Offenbarung wird nicht alles überschwemmt und ausgelöscht. Am Ende wohnt Gott bei den Menschen. Tränen werden abgewischt. Nicht vergessen – aber geheilt.

Wie das Meer kommt, nicht um das Watt zu zerstören, sondern um es neu zu umarmen.

„Siehe, ich mache alles neu.“

Vielleicht ist das keine Drohung. Sondern eine Einladung. Eine Einladung, dem Zwischenraum zu vertrauen. Der Zeit, in der noch nicht klar ist, wie es weitergeht. Aber klar ist, wer trägt.

„Jesus Christus, gestern und heute und auch derselbe in Ewigkeit.“ Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem HERRN und Heiland. Amen.

Siehe ich mache alles neu

„Siehe, ich mache alles neu! (Offenbarung 21,5)

Eine Andacht zur Jahreslosung 2026

„Ich mache alles neu“ – das klingt erstmal großartig. Aber wer macht hier eigentlich was neu? Gott? Und wir? Warten wir dann einfach ab, bis er fertig ist?

Johannes schreibt diese Worte in der Verbannung, auf einer griechischen Insel, weggesperrt von den Mächtigen seiner Zeit. Um ihn herum: verfolgte Menschen, die nicht mehr weiterwissen. Und genau denen ruft er zu: Es kommt was Neues! Die alte, kaputte Ordnung hat nicht das letzte Wort.

Das ist kein Vertröstungstext fürs Jenseits. Das ist ein Weckruf fürs Hier und Jetzt.

Denn wenn Gott „alles neu macht“, dann fängt das nicht irgendwann im Himmel an – sondern da, wo Menschen aufstehen und nicht mehr mitmachen beim Alten. Da, wo die Kirche nicht mehr von oben regiert, sondern von unten wächst. Da, wo nicht Hierarchien bestimmen, was richtig ist, sondern Menschen gemeinsam nach Wegen suchen.

Eine Kirche der Menschen – das heißt: Wir warten nicht darauf, dass die Kirchenleitung, die Politik oder sonst wer die Welt neu macht. Wir fangen selbst an. In unseren Gemeinden, in unserem Alltag, auf der Straße.

Das Neue wächst da, wo:
– Menschen mit Behinderung nicht mehr nur „betreut“ werden, sondern selbst mitgestalten
– Geflüchtete nicht über sich reden lassen, sondern mitreden
– Kirchenvorstände nicht nur verwalten, sondern Räume öffnen für alle
– Wir nicht predigen „die da oben sollen mal“, sondern selber anpacken

Gottes „Ich mache alles neu“ ist keine Zauberformel. Es ist eine Einladung. Eine Ermutigung. Ein Versprechen: Du bist nicht allein, wenn du anfängst.

Das Neue ist schon da – in jedem kleinen Schritt raus aus den alten Machtspielen. In jeder Begegnung auf Augenhöhe. In jeder Kirche, die sich nicht an Traditionen klammert, sondern sich öffnet für die Menschen und ihre Fragen.

„Siehe!“ – heißt: Schau hin! Es passiert schon. Vielleicht leise, vielleicht unscheinbar. Aber es passiert. Überall da, wo Menschen nicht mehr akzeptieren, dass es so bleiben muss, wie es ist.

Möge uns 2026 Mut machen, gemeinsam das Neue zu wagen. Nicht weil wir alles besser wissen, sondern weil wir darauf vertrauen: Gott ist bei denen, die aufbrechen.

Kirche der Menschen

Eine Kirche der Menschen

Möglichkeitsdenker und Kirche von unten: Was gehört zusammen?

Wer ist Dr. Steffen Bauer?

Steffen Bauer wurde 1961 in Mannheim geboren. Er hat evangelische Theologie studiert und war viele Jahre Gemeindepfarrer – erst in Mannheim, dann in Heidelberg. Dort war er auch sieben Jahre lang Dekan. Das bedeutet: Er war Chef von mehreren Kirchengemeinden.

Er kennt also die normale Gemeindearbeit sehr gut. Er weiß, wie Kirche vor Ort funktioniert – mit allen Problemen und Chancen.

Dann hat er etwas Neues gelernt: Von 2007 bis 2013 hat er sich mit Organisationen beschäftigt. Er hat gelernt, wie man große Einrichtungen verändert und weiterentwickelt. Er war in Wien bei Fachleuten, die sich damit auskennen.

Von 2013 bis 2024 war er Chef der Ehrenamtsakademie in Darmstadt. Das ist eine Einrichtung der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Dort bildet man Menschen aus, die ehrenamtlich in der Kirche mitarbeiten. Bauer hat also viele Jahre lang genau die Menschen unterstützt, die keine hauptberuflichen Pfarrer sind.

Seit September 2024 ist er im Ruhestand. Aber er arbeitet weiter. Er reist durch Deutschland und hält Vorträge in verschiedenen evangelischen Landeskirchen. Er berät Kirchenleitungen, die ihre Kirche verändern wollen.

Warum kennt Bauer sich so gut aus?

Bauer hat viele Jahre lang untersucht, wie sieben verschiedene Landeskirchen sich verändern. Er hat genau hingeschaut: Was funktioniert? Was funktioniert nicht? Was brauchen die Menschen wirklich?

Er verbindet drei Dinge:
– Die praktische Erfahrung als Pfarrer und Dekan
– Das Wissen über Organisationen und Veränderung
– Die Arbeit mit ehrenamtlichen Menschen, die Kirche mitgestalten wollen

Deshalb kann er nicht nur theoretisch reden. Er kennt die Realität. Er weiß, wo die Probleme liegen. Und er weiß, was Menschen vor Ort brauchen.

Die Hauptidee: Menschen können selbst entscheiden

Aus seiner ganzen Erfahrung sagt Bauer: Kirche gehört den Menschen, nicht den Pfarrern. Das Möglichkeitsdenken in der Lebenshilfe sagt: Menschen mit Behinderungen wissen selbst, was gut für sie ist. Das ist die gleiche Grundidee.

Früher lief es so: Die Fachleute wissen, was richtig ist. Die Pfarrer sagen, wie Kirche geht. Die Betreuer sagen, was Menschen mit Behinderungen brauchen. Heute sagen beide: Nein! Die Menschen selbst müssen entscheiden dürfen.

Bauer hat in seiner Ehrenamtsakademie jahrelang mit Menschen gearbeitet, die sich in der Kirche engagieren wollten. Er hat gesehen: Diese Menschen bringen viel mit. Sie haben Ideen. Sie haben Talente. Sie wollen gestalten.

Seine Frage aus dieser Erfahrung: „Was trauen wir den Menschen zu?“ Die Lebenshilfe fragt das Gleiche. Die Antwort ist erschreckend: Wir trauen den normalen Menschen zu wenig zu. Und den Fachleuten trauen wir zu viel zu.

Menschen können mehr, als wir denken

Als Pfarrer und Dekan hat Bauer erlebt: Wenn man Menschen lässt, können sie erstaunliche Dinge tun. Sie organisieren Gottesdienste. Sie kümmern sich um andere. Sie entwickeln neue Ideen für Kirche.

Er sagt: Alle getauften Christen können Kirche gestalten. Nicht nur die Pfarrer. Luther hat das auch schon gesagt. Er nannte die einfachen Bauern damals „königliches Priestertum“. Das heißt: Jeder Christ ist wichtig und wertvoll.

Das Möglichkeitsdenken sagt: Menschen mit Behinderungen können viel mehr, als viele denken. Wir müssen auf ihre Stärken schauen, nicht auf ihre Schwächen.

In Stuttgart hängt vor einer Kirche ein großes Schild: „Wir haben eine Kirche – haben Sie eine Idee?“ Bauer findet das genau richtig. Die Kirche fragt die Menschen: Was wollt ihr? Nicht: Wir sagen euch, was ihr bekommt.

In der Lebenshilfe bedeutet das: Wir fragen Menschen mit Behinderungen: Was willst du? Wie willst du leben? Nicht: Wir haben ein Programm, da musst du mitmachen.

Die Fachleute müssen loslassen

Das ist der schwierigste Teil. Bauer sagt aus seiner Beratungserfahrung: Pfarrer müssen Macht abgeben. Sie müssen zulassen, dass andere Menschen Kirche anders machen, als sie es selbst für richtig halten. Das ist eine große Veränderung. Viele Pfarrer können das nicht.

Bauer sagt sogar: Die größte Veränderung muss bei den Pfarrerinnen und Pfarrern selbst passieren. Das ist eine harte Aussage. Aber er hat es in vielen Landeskirchen gesehen: Oft blockieren gerade die hauptberuflichen Kirchenmitarbeiter die Veränderung.

In der Behindertenhilfe ist es genauso. Betreuer und Sozialarbeiter müssen ihre Macht abgeben. Sie müssen akzeptieren, dass Menschen mit Behinderungen ihr Leben selbst gestalten – auch wenn sie es anders machen würden.

Bauer sagt: „Ich lasse zu. Ich lasse andere machen. Ich lasse etwas zu, was nicht meinem eigenen Verständnis entspricht.“ Das ist schwer. Aber genau das braucht es.

Als Leiter der Ehrenamtsakademie hat Bauer genau daran gearbeitet: Menschen stark machen, die keine Pfarrer sind. Ihnen Mut machen. Ihnen Wissen geben. Damit sie selbstbewusst sagen können: Ich gestalte Kirche mit.

Jeder Mensch bringt etwas mit

Bauer sagt aus seiner Erfahrung: Wir denken falsch. Wir denken: Draußen laufen nur Menschen herum, die keine Ahnung haben. Aber das stimmt nicht. Viele Menschen haben wichtige Erfahrungen gemacht. Mit dem Leben. Mit dem Glauben. Mit Gott.

Diese Erfahrungen sind wertvoll. Wir müssen sie ernst nehmen.

In der Ehrenamtsakademie hat Bauer das immer wieder erlebt: Menschen kommen mit ihren Lebensgeschichten. Mit ihren Glaubenserfahrungen. Das ist oft viel wertvoller als das, was man im Theologiestudium lernt.

Das Möglichkeitsdenken sagt genau das Gleiche: Menschen mit Behinderungen haben wichtige Erfahrungen. Sie wissen, wie das Leben mit Behinderung ist. Sie haben Ideen, wie Hilfe gut funktioniert. Wir müssen ihnen zuhören.

Kirche von unten

Es gibt in der evangelischen Kirche eine lange Tradition. Sie heißt „Kirche von unten“. Das bedeutet: Die normalen Gemeindeglieder sollen mitbestimmen. Nicht nur die Bischöfe und Pfarrer oben.

Bauer sagt: Wir sind kein Hirte mit seiner Herde. Wir sind ein Körper mit vielen Teilen. Alle Teile sind wichtig. Nicht nur der Kopf.

Das passt genau zur Lebenshilfe. Auch dort geht es um Gleichberechtigung. Nicht: Einer weiß alles, die anderen hören zu. Sondern: Alle denken mit, alle entscheiden mit.

Bauers ganze berufliche Arbeit – erst als Pfarrer, dann in der Organisationsberatung, dann in der Ehrenamtsakademie – zielt genau darauf: Macht teilen. Menschen beteiligen. Hierarchien abbauen.

Die Welt hat sich verändert

Bauer hat in seinen Untersuchungen in sieben Landeskirchen gesehen: Heute wollen Menschen ihr Leben selbst gestalten. Jeder will sein eigenes, besonderes Leben haben. Nicht das Programm von der Stange.

Das gilt für Kirche: Nicht alle wollen sonntags um zehn Uhr Gottesdienst. Manche wollen online teilnehmen. Andere wollen im Park feiern. Wieder andere wollen ganz neue Formen ausprobieren.

Das gilt für Menschen mit Behinderungen: Nicht alle wollen in Wohnheimen leben. Nicht alle wollen in Werkstätten arbeiten. Jeder will sein eigenes Leben führen.

Das bedeutet: Wir brauchen viele verschiedene Angebote. Nicht ein Standardprogramm.

Altes bewahren und Neues wagen

Bauer hat eine 89-jährige Mutter. Sie liebt den Gottesdienst am Sonntagmorgen. Sie braucht das Vertraute.

Aber viele jüngere Menschen brauchen etwas Neues. Etwas anderes.

Die Kirche muss beides können: Das Alte für die Menschen bewahren, die es brauchen. Und Neues ausprobieren für die Menschen, die es wollen.

Bauer nennt das „Beidhändigkeit“. Wie jemand, der mit beiden Händen arbeiten kann. Die eine Hand macht das Alte weiter. Die andere Hand probiert Neues aus.

In der Behindertenhilfe ist es genauso. Manche Menschen fühlen sich wohl in der Wohngruppe. Sie sollen dort bleiben können. Aber andere wollen in einer eigenen Wohnung leben. Das muss möglich sein.

Beides gleichzeitig machen – das ist die Kunst. Bauer hat das in seiner Beratungsarbeit immer wieder erlebt: Das ist die größte Herausforderung für Kirchenleitungen.

Die Fachleute ändern sich schwer

Das größte Problem hat Bauer in allen sieben untersuchten Landeskirchen gesehen: Oft blockieren die Fachleute selbst die Veränderung.

Pfarrer wollen ihre Macht nicht abgeben. Kirchenleitungen halten an alten Strukturen fest.

Betreuer wollen ihre Rolle als Helfer behalten. Einrichtungsleiter wollen ihre Einrichtungen nicht verändern.

Dabei müsste gerade von ihnen die Veränderung kommen.

Deshalb reist Bauer heute durch Deutschland und spricht mit Kirchenleitungen. Er sagt ihnen unbequeme Wahrheiten. Er zeigt ihnen, was sich ändern muss. Das ist nicht immer bequem. Aber es ist nötig.

Im Stadtteil arbeiten, nicht nur in der Kirche oder Einrichtung

Aus seinen Untersuchungen sagt Bauer: Kirche muss vor Ort sein. Im Stadtteil. Wo die Menschen leben. Er nennt das „regiolokal“ – eine Mischung aus regional und lokal.

Die Behindertenhilfe sagt: Menschen mit Behinderungen sollen nicht abgesondert in Sondereinrichtungen leben. Sie sollen mittendrin im Stadtteil wohnen.

Das ist der gleiche Gedanke: Raus aus den abgeschotteten Gebäuden, rein ins normale Leben.

Verschiedene Leute mit verschiedenen Fähigkeiten

Bauer hat als Dekan mit verschiedenen Menschen zusammengearbeitet. Er weiß: Kirche braucht nicht nur Pfarrer. Sie braucht Menschen mit ganz verschiedenen Fähigkeiten. Manche können gut reden. Andere können gut organisieren. Wieder andere können gut zuhören. Alle sind wichtig.

Die Behindertenhilfe braucht auch verschiedene Leute. Nicht nur ausgebildete Sozialpädagogen. Sondern auch Handwerker, Künstler, normale Nachbarn. Alle bringen etwas mit.

Auch übers Internet

Bauer sieht: Heute gibt es neue Möglichkeiten. Gottesdienste kann man online feiern. Gemeinschaft kann auch digital entstehen.

Für Menschen mit Behinderungen eröffnet das Internet neue Chancen. Sie können sich vernetzen. Sie können teilnehmen, auch wenn sie nicht gut laufen können.

Bauers Buchprojekt

2022 hat Bauer sein Buch veröffentlicht: „Kirche der Menschen – zuversichtlich, mutig, beidhändig ermöglichen“. Darin fasst er zusammen, was er in vielen Jahren gelernt hat.

Er schreibt nicht nur für Fachtheologen. Er schreibt für alle, die sich um die Zukunft der Kirche Gedanken machen. Das Buch ist leicht lesbar.

Darin zeigt er: Wie können Kirchen sich verändern? Was braucht es dafür? Welche Hindernisse gibt es? Und vor allem: Wie macht man Menschen Mut, neue Wege zu gehen?

Warum das zusammengehört

Kirche der Menschen und Möglichkeitsdenken sagen beide: Menschen sind keine Objekte. Menschen sind Subjekte.

Das heißt: Menschen sind nicht Empfänger von Hilfe. Menschen gestalten ihr Leben selbst.

Das heißt auch: Menschen sind nicht Zuschauer. Menschen sind Mitmacher.

Bauer begründet das theologisch: Alle Getauften sind vor Gott gleich wichtig. Die Lebenshilfe sagt: Alle Menschen haben die gleiche Würde.

Aber das Ergebnis ist gleich: Respekt vor jedem Menschen. Zutrauen in die Fähigkeiten jedes Menschen. Bereitschaft, Macht zu teilen.

Bauer hat sein ganzes Berufsleben darauf verwendet, diesen Gedanken praktisch umzusetzen. Erst in Gemeinden. Dann in der Organisationsberatung. Dann in der Ausbildung von ehrenamtlichen Mitarbeitern. Und jetzt in der Beratung von Kirchenleitungen.

Was das in der Praxis bedeutet

Für die Kirche:
– Menschen fragen: Was wollt ihr? Was braucht ihr?
– Experimente zulassen: Probiert es aus!
– Pfarrer müssen lernen: Nicht alles kontrollieren
– Verschiedene Formen von Kirche ermöglichen
– Menschen ihre Gaben einbringen lassen
– Kirchenleitungen müssen Ideen freilassen (das betont Bauer immer wieder in seinen Vorträgen)

Für die Behindertenhilfe:
– Menschen mit Behinderungen fragen: Was willst du? Wie willst du leben?
– Neue Wohnformen ausprobieren
– Betreuer müssen lernen: Nicht alles besser wissen
– Verschiedene Lebensformen ermöglichen 
– Menschen ihre Stärken einbringen lassen

Das große Bild

Es geht um eine Bewegung: Weg von Einrichtungen, die für sich selbst da sind. Hin zu Gemeinschaften, die für Menschen da sind.

Weg von Fachleuten, die alles bestimmen. Hin zu Menschen, die ihr Leben selbst gestalten.

Weg von Standardprogrammen. Hin zu vielfältigen Möglichkeiten.

Das gilt für Kirche. Das gilt für Behindertenhilfe. Das gilt für viele Bereiche der Gesellschaft.

Möglichkeitsdenken ist nicht nur ein Konzept für die Lebenshilfe. Es ist eine grundsätzliche Haltung: Wir trauen Menschen etwas zu. Wir ermöglichen ihnen, ihr Leben zu leben. Wir lassen sie ihre Erfahrungen einbringen.

Und das ist zutiefst christlich. Denn Gott traut uns Menschen auch etwas zu. Gott macht uns nicht zu Marionetten. Gott macht uns zu freien, verantwortlichen Menschen.

20.12.27

Claudius Herz

Darf sich Kirche in Politik einmischen?

Ja, die Kirche darf sich in die Politik einmischen, und viele sehen darin sogar eine Pflicht, insbesondere bei ethischen Fragen, Menschenrechten und dem Gemeinwohl.

Wobei sie sich aber von tagesaktuellen Parteipositionen fernhalten sollte, um ihre Glaubwürdigkeit zu wahren und als moralischer Kompass zu wirken.

Die Meinungen gehen auseinander, wie stark diese Einmischung sein sollte, aber die allgemeine Tendenz ist, dass Kirche sich für christliche Werte wie Nächstenliebe, Bewahrung der Schöpfung und Gerechtigkeit einsetzen muss, um ihre Rolle in der Gesellschaft wahrzunehmen, statt sich komplett zu neutralisieren.


Argumente für die Einmischung:

Glaubensauftrag:  Der Glaube ist nicht nur privat, sondern hat eine politische Dimension; Schweigen bei Ungerechtigkeit wäre ein Versagen.


Wertevermittlung:  Die Kirche kann christliche Werte als Leitlinien für politische Entscheidungen einbringen, z.B. in der Sozialpolitik oder beim Klimaschutz.


Menschliches Wohl:  Wenn das Wohl der Menschheit gefährdet ist, sieht sich die Kirche verpflichtet, eine Stimme zu erheben.


Demokratie stärken:  Als Institution kann sie Halt geben, Sinn stiften und so das zivile Miteinander und die Demokratie fördern.


Grenzen der Einmischung:
Keine Parteipolitik: Die Kirche soll nicht Partei ergreifen, sondern Partei für die Menschen ergreifen und nicht in tagespolitische Grabenkämpfe verfallen.


Neutralität wahren:  Der Staat muss religiös neutral bleiben, aber die Kirche agiert in der Gesellschaft und muss ihre Unabhängigkeit bewahren.


Spielfeld wechseln:  Eine zu starke Fokussierung auf Tagespolitik kann von der grundlegenden spirituellen Aufgabe ablenken.


Praxis in Deutschland:  Das deutsche Grundgesetz sieht keine strikte Trennung von Staat und Kirche vor; der Staat arbeitet mit Religionsgemeinschaften zusammen, z.B. beim Religionsunterricht.


Die Bundesregierung schätzt die Einbindung der Kirchen bei ethischen und sozialen Fragen.


Fazit: Die Kirche darf und muss sich politisch einmischen, aber mit Augenmaß, indem sie ihre ethischen Grundsätze in die Debatte einbringt, ohne sich selbst zu einer politischen Partei zu machen.

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17.12.25 Claudius Herz

Eine graue Runde

Für Maren und ihr Lebenswerk

Im Januar am Beginn des Jahres, ganz zu Beginn,
Diese Runde meist deutlich angegraut.
Alte Männer, das Haupthaar schütter, die Bärte grau,
wirken müde, die Köpfe interessiert nach vorne geneigt.
Viele alte, weise Männer, aus faltigem Gesicht
mit leerem, trüben Blick.

Viele alte Frauen, Haare gefärbt,
Einige onduliert, andere toupiert, Hochfrisur.
Mit Zweckfrisuren, kurzer Haarschnitt, Fasonschnitt,
männlich streng geschnitten.
Schminke im Gesicht, dick aufgetragen,
rote Lippen, viel zu rot,
auch Rouge auf den fahlen Wangen.
Backenknochen notdürftig weich geschminkt.

Eine alte graue Runde, lustlos.
Die Raumluft ist geschwängert
von billigem Rasierwasser:
Old Spice, Irisch Moos, Tabac, Pitralon.
Frauen-Düfte: Tosca, Kölnisch Wasser, Gabriela Sabatini.

Sie halten fest an alten Riten:
Begrüßung, Anwesenheitslisten, Tagesordnung.
Wir gedenken der Verstorbenen – sich kurz erhebend.
Schweigeminute für die verdienten Hingeschiedenen.

Eloquente Profis, auch dabei,
viele Frauen, wenige Männer.
Ein kleiner Lichtblick.
Ein wenig wie erweitertes Zentralkomitee
der längst vom Zeitenlauf verschluckten Regime.

Beklagt wird alles, Zeitgeist, Mitarbeiter ausgebrannt
und am System krank gemacht.
Niemand nimmt mehr Verantwortung ernst.
Wie war das früher doch anders?
Schöner, besser, früher.
Früher immer alles besser.

Dann reden die Profis.

Ja, ja, die Profis reden smart.
Fachbegriffe fliegen,
sind stolz auf das angelernte Vokabular
aus Psychologie, Erziehungswissenschaft.
Management-Vokabular:
Projektmanagement, Qualitätsmanagement, Lean Management.

Das Unternehmensberatungsvokabular restlos aufgesagt,
falsch gewählt, unecht.
Mit roten Wangen dargeboten, falsche Versprechungen.

Keiner sagt es, wagt es nicht,
keiner hat mehr Kraft zu sagen:
Was wabert durch den Raum?

Unsere Zeit, die ist vorbei.
Nichts wird mehr nützen, nichts mehr helfen.
Unsere Zeit, die ist vorbei,
unverrückbar, obsolet, verschluckt, verplempert,
aus der Zeit gefallen.

Im Abklingbecken der Geschichte wiedergefunden.
Da ist noch warm, vielleicht noch ein paar Jahre.
Kann man kuscheln, bleiben, die alten Zeiten weinen.
Aber jeder spürt allmählich:
Wird es kälter, immer kälter.

Die Jungen spielen nicht mehr mit.
Die Jungen, ach ja, die Jungen.
Die haben ihre eigenen Sorgen,
ihre eigene Art, mit der Welt umzugehen.
Was den Alten als Eigennutz erscheint,
ist vielleicht nur Selbstschutz
in einer Zeit, die keinen mehr trägt.

Liebe Menschen, sagt es doch: Es ist vorbei.
Sagt es bitte ehrlich: Es ist vorbei.

Bitte erst mal warten, klagen, trauern, weinen,
zur Ruhe kommen, warten, müssen können,
schauen, blicken, träumen, schlafen,
neue Kräfte sammeln.

Da wird vielleicht die neue Hoffnung keimen,
erst ganz klein und zart und grün,
dann stärker, größer werdend.

Was da ist, was kommt, das sehen wir dann.

Wie es wirklich werden wird, das weiß noch keiner.
Jeder kann es träumen.

Dann kommt ein guter Satz,
der in sich birgt etwas Kluges:
Wer träumen kann, der kann auch tun.

Darauf dürft ihr hoffen, aber lasst euch Zeit.

Bitte, bitte nicht dran ziehen.
Hoffnung braucht Geduld und Ruhe,
um zu wachsen, zu gedeihen.

26.12.25 Claudius

Begleit-Notiz
Dieses Gedicht entstand am zweiten Weihnachtstag 2025 — nach einer dieser Sitzungen, die man kennt und die einen nicht loslassen.
Es geht um Institutionen, die ihre Zeit hatten. Um Menschen, die das wissen, aber es nicht aussprechen können oder wollen. Und um die Frage, was nach dem ehrlichen Eingeständnis des Endes noch möglich ist.
Die Widmung gilt Maren und ihrem Lebenswerk — in Dankbarkeit und Respekt.
HeCl