Fromme Runden

Hoffnung

5 Sonette und ein Epilog über Kirche zwischen Selbsterhaltung und prophetischem Aufbruch

I. Sitzung im August

Man tritt ein, wie man es gewohnt ist,
die Mappe unter dem Arm,
den Blick auf die Agenda.
Die Stühle stehen im Kreis,
das Wasser ist gestellt,
doch wo sind die Stimmen von draußen?

Man spricht von Mitgliederzahlen,
von Finanzen,
von Strukturreformen.
Während draußen Menschen hungern,
während die Klimakrise eskaliert,
während Geflüchtete ertrinken.

„Das Reich Gottes lässt sich nicht verwalten“,
sagt eine junge Theologin.
Die Fenster müssen aufgestoßen werden –
nicht trotz des Sommers,
sondern weil er drängt,
weil die Welt brennt.

II. Der leere Gemeindesaal

Die Tische sind abgewischt,
die Stühle gestapelt.
Aber warum ist er leer?
Weil wir hier drinnen warten,
statt draußen präsent zu sein,
wo das Leben pulsiert.

Die Uhr tickt,
zählt verpasste Chancen.
Die Kaffeemaschine blinkt rot –
bereit für ein offenes Café,
für Begegnungen ohne Schwellen,
für Kirche als Gastgeberin.

Ein Vogel ruft draußen,
wie der Prophet Amos:
„Recht ströme wie Wasser!“
Die Stille hier drinnen
ist nicht gottgewollt,
sondern selbstverschuldet.

III. Protokoll

Man schreibt,
um Kontinuität zu wahren,
um alles beim Alten zu lassen.
Aber Jesus protokollierte nicht –
er heilte, teilte Brot,
stellte sich auf die Seite der Marginalisierten.

Was, wenn wir stattdessen notierten:
„Heute haben wir die Türen geöffnet
für die Wohnungslosen.
Heute haben wir demonstriert
für Klimagerechtigkeit.
Heute haben wir Asyl gewährt.“

Die Option für die Armen
steht nicht im Protokoll,
aber sie steht im Evangelium.

Ein neues Dokument entsteht:
nicht durch Beschlüsse,
sondern durch befreiendes Handeln,
durch Parteilichkeit für die Entrechteten,
durch gelebte Solidarität.

IV. Abendandacht

Die Kerzen sind angezündet,
und sie sind viele gekommen –
auch die ohne Mitgliedsausweis,
auch die ohne Taufschein,
auch die, die zweifeln.

Ein Lied wird angestimmt:
„Vertraut den neuen Wegen!“
Die Stimmen werden kräftig,
trotzig fast,
weil hier gesungen wird,
was draußen gelebt werden muss.

Ein Psalm über Gerechtigkeit –
„Selig sind, die hungern nach Gerechtigkeit!“
Ein Gebet für die Verfolgten weltweit,
für die Opfer struktureller Gewalt,
für alle, die unter Systemen leiden.
Und dann nicht Stille,
sondern Bekenntnis:
„Wir stehen auf der Seite der Unterdrückten.“

Das Kerzenlicht wird getragen
nach draußen,
als Zeichen:
Kirche ist Bewegung,
nicht Gebäude.

V. Kirchenkaffee

Die Tische sind anders gestellt:
offen, einladend, ohne Hierarchie.
Die Thermoskanne dampft,
der Kuchen ist selbstgebacken,
aber vor allem:
Die Türen stehen weit offen.

Man spricht nicht über Belangloses,
sondern über Asylpolitik,
über Care-Arbeit und ihre Entlohnung,
über Rüstungsexporte,
über die Würde aller Menschen –
ohne Wenn und Aber.

„Was würde Jesus tun?“, fragt jemand.
„Er würde nicht hier drinnen sitzen“,
antwortet ein anderer.
„Also: Wann gehen wir raus?“

Frau Schmidt organisiert bereits
die Tafel für nächste Woche.
Herr Müller die Demo am Samstag.
Die Konfirmandin einen Workshop
über Rassismus und Kirche.

Man steht auf
und geht,
aber nicht nach Hause,
sondern auf die Straße,
ins Asylheim,
zur Mahnwache,
dorthin, wo Kirche sein muss:
bei den Menschen am Rand.

VI. Epilog: Befreiung

Ein Blatt liegt auf dem Tisch,
und darauf steht:
„Kirche der Freiheit –
nicht als Slogan,
sondern als Programm.“

Die Sonne fällt durch offene Fenster,
durch offene Türen,
durch eine Kirche,
die endlich begreift:

Der Gott der Befreiung
duldet keine Neutralität.
Das Evangelium ist politisch –
war es immer.
Jesus war kein Verwalter,
sondern ein Revolutionär der Liebe.

Etwas wächst:
Eine Kirche, die sich einmischt,
die Partei ergreift für die Schwachen,
die prophetisch aufsteht gegen Unrecht,
die ökumenisch und interreligiös
für Frieden und Gerechtigkeit streitet.

Nicht morgen.
Jetzt.
Nicht irgendwo.
Hier.
Nicht vielleicht.
Gewiss.

Wie die Senfkörner im Gleichnis:
klein, unterschätzt,
aber mit der Kraft,
die Welt zu verwandeln.

Denn wo zwei oder drei
versammelt sind im Geist der Befreiung,
da beginnt das Reich Gottes –
konkret, solidarisch, gerecht.

Claudius/Herzberger

Inklusion ist machbar Frau Nachbar

Mitgliederversammlung 2025 der Lebenshilfe Bundesvereinigung am 14.11.25 Berlin


Das Lebenshilfe Werk Marburg Biedenkopf wird sich an der Weiterentwicklung dieses inklusiven Ansatzes beteiligen.

Dafür herzlichen Dank

Es geht voran

Abstract:

# Bürgerschaftliches Engagement von Menschen mit Assistenzbedarf

## Die Lebenshilfe Möglichkeitsdenker

Die Möglichkeitsdenker sind eine inklusive Arbeitsgruppe der Lebenshilfe, die Menschen mit Beeinträchtigung für ehrenamtliches Engagement begeistern möchte. Das Projekt zeigt, was trotz oder gerade durch eine Beeinträchtigung möglich ist und wie sinnstiftend ein Engagement sein kann.

### Motto: „Vom reinen Hilfeempfänger zum Hilfegeber“

### Entstehung

Die Möglichkeitsdenker entstanden 2010 aus drei inklusiven Projekten der Lebenshilfe NRW, darunter der Lebenshilfe Netphener Tisch und der Lebenshilfe Netphener Mittagstisch. Frau S. und Herr J., zwei Personen mit Lernschwierigkeiten, die seit 2004 Dienstleistungen im ambulant unterstützten Wohnen der Lebenshilfe NRW in Anspruch nahmen, waren Gründungspersonen und Ideengeber für diese Projekte.

### Aktivitäten der Möglichkeitsdenker

Die Möglichkeitsdenker engagieren sich auf vielfältige Weise:

Mitglieder wie Steven James berichten von ihrer ehrenamtlichen Arbeit beim Netphener Tisch und der Rasselbande und reisen durch Deutschland, um für das Ehrenamt von Menschen mit geistiger Behinderung zu werben. Sie arbeiten bei ehrenamtlichen Projekten mit, organisieren Veranstaltungen und Ausflüge zu verschiedenen Themen und sammeln Spenden für eine Schule in Nairobi.

Sie veranstalten Jahrestagungen, um barrierefrei über Inklusion aufzuklären, gute Praxisbeispiele bekannt zu machen und Möglichkeiten für eigenes Engagement vorzustellen. Darüber hinaus fördern sie internationalen Austausch, wie beim Möglichkeitsdenker Camp auf Texel 2016 mit Partnern von der Lebenshilfe Graz.



## Lebenshilfe Lüdenscheid

Die Lebenshilfe Lüdenscheid startete mit Unterstützung der Aktion Mensch das Projekt „Möglichkeitsdenker“. Die Idee entstand direkt von Kunden, die bereits ehrenamtlich aktiv waren und ihre Erfahrungen mit anderen teilen wollten. Begleitet wird das Projekt unter anderem von Armin Herzberger, der bereits mehrere Möglichkeitsdenker-Gruppen in NRW angestoßen hat.



## Der Netphener Tisch / Netphener Mittagstisch

### Gründung und Ursprung

Steven David James war 2006 Mitinitiator des Netphener Tisches, einem Angebot des Lebenshilfe Center Siegens der Lebenshilfe Wohnverbund NRW gGmbH. Frau S. und Herr J. waren seit 2004 Gründungspersonen und Ideengeber für drei inklusive Projekte der Lebenshilfe NRW: den Lebenshilfe Netphener Tisch, den Lebenshilfe Netphener Mittagstisch und die Lebenshilfe Rasselbande.

### Konzept und Durchführung

Menschen mit geistiger Behinderung engagierten sich ehrenamtlich, organisierten weitgehend eigenständig und verteilten Lebensmittel an Hilfebedürftige. Die Gäste kamen jeden zweiten und dritten Dienstag im Monat und erhielten für symbolisch einen Euro eine breite Auswahl von Lebensmitteln: Milchprodukte, Obst, Gemüse, Nudeln und Brot.

Der Lebenshilfe Netphener Tisch fand in der Georg-Heimann-Halle in Netphen statt. Die Türen öffneten um 15:30 Uhr, ab 16 Uhr wurden Marken für die Lebensmittel-Ausgabe verkauft, und ab 16:30 Uhr begann die Ausgabe.

### Besondere Atmosphäre

Die Organisation funktionierte gut, die Atmosphäre war sehr familiär, zumal die Mitarbeiter des Netphener Tisches zusätzlich Kaffee und Kuchen angeboten haben. Diese zusätzlichen Angebote schufen Raum für Begegnungen auf Augenhöhe zwischen Menschen mit und ohne Behinderung sowie den Gästen der Tafel.

### Entwicklung während Corona

Die Corona-Pandemie brachte große Herausforderungen mit sich. Die Lebenshilfe konnte die Organisation des Netphener Tisches nicht mehr übernehmen, die Feuerwehr sprang für eine Übergangszeit ein.

### Übernahme durch die Siegener Tafel

Martin Tigges von der Siegener Tafel und Roswitha Junak-Mößner, erste Vorsitzende des Vereins, entschieden, die Organisation des Netphener Tisches zu übernehmen, sodass sich Menschen mit Behinderung weiter ehrenamtlich in diesem Bereich engagieren können. In Absprache mit dem Lebenshilfe Center Siegen übernahm die Siegener Tafel die Lebensmittelbeschaffung und die Lebensmittelausgabe für die Gäste des Netphener Tischs.

### Neustart nach erneutem Rückschlag

Im Jahr 2022 musste der Netphener Tisch die Georg-Heimann-Halle verlassen, da die Räumlichkeiten für die Unterbringung von Geflüchteten aus der Ukraine benötigt wurden. Dank der Freien evangelischen Gemeinde Netphen wurde ein neuer Standort im Gemeindehaus in der Elisabeth-Grube-Straße 5 gefunden, wo der Netphener Tisch ab diesem Zeitpunkt mittwochs von 13 bis 14:30 Uhr Lebensmittel ausgab.

### Bedeutung für die Möglichkeitsdenker

Im Jahr 2010 wollten die Initiatoren mehr Verantwortung für die ehrenamtliche Arbeit übernehmen, da das Lebenshilfe Center von Netphen nach Siegen umzog und befürchtet wurde, dass das Interesse der Lebenshilfe und der Bürger an den Projekten nachlassen könnte.

Die etablierten Projekte „Lebenshilfe NETI“ und „Lebenshilfe Mittagstisch“, bei denen sich Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam für bedürftige Bürgerinnen und Bürger der Stadt Netphen stark machen, verblieben dank des Einsatzes des Netphener Bürgermeisters in der Georg-Heimann-Halle der Stadt Netphen.



## Lebenshilfewerk Marburg-Biedenkopf

Das Lebenshilfewerk Marburg-Biedenkopf begleitet Menschen mit Behinderung, gleichberechtigt und selbstbestimmt am Leben in der Gesellschaft teilzunehmen. Im Vorstand der Lebenshilfe Marburg engagieren sich Personen, die sich für Inklusion, Selbsthilfe und Teilhabe einsetzen, darunter auch Angehörige von Menschen mit Behinderung.



## Grundsätzliche Erwägungen zum bürgerschaftlichen Engagement

Menschen mit Behinderung setzen sich ehrenamtlich ein, etwa für ältere Menschen, Kinder, Geflüchtete, bei der Feuerwehr, im Naturschutz, bei Mittagstischen für Bedürftige, im Sport oder in Stadtteilcafés. Sich zu engagieren bedeutet, mitten in der Gesellschaft zu sein und ist ein Recht aller Bürgerinnen und Bürger.

### Kerngedanken

Der Netphener Mittagstisch ist ein Paradebeispiel für gelungenes bürgerschaftliches Engagement von Menschen mit Assistenzbedarf. Das Projekt zeigt eindrucksvoll, wie Menschen mit Behinderung von Hilfeempfängern zu Hilfegebern werden können. Es demonstriert die Möglichkeiten der Teilhabe und des Engagements für das Gemeinwohl und trägt gleichzeitig zur Entstigmatisierung und gesellschaftlichen Inklusion bei.

### Erfolgsfaktoren

Die Erfolgsgeschichte der Möglichkeitsdenker und des Netphener Mittagstisches beruht auf mehreren Faktoren:

**Eigenverantwortung und Selbstbestimmung**: Die Projekte wurden maßgeblich von Menschen mit Behinderung selbst initiiert und weitgehend eigenständig organisiert.

**Sinnstiftung**: Das Engagement ermöglicht es den Beteiligten, einen wertvollen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten und gesellschaftliche Anerkennung zu erfahren.

**Begegnung auf Augenhöhe**: Die Projekte schaffen Räume für echte Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung sowie unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen.

**Flexibilität und Anpassungsfähigkeit**: Die Projekte haben Krisen wie die Corona-Pandemie oder den Verlust von Räumlichkeiten durch kreative Lösungen und Kooperationen überstanden.

**Netzwerkbildung**: Durch regionale, nationale und internationale Vernetzung werden Ideen ausgetauscht und neue Initiativen angestoßen.



## Ausblick und Potenziale

Die Erfahrungen der Möglichkeitsdenker und des Netphener Mittagstisches zeigen das große Potenzial des bürgerschaftlichen Engagements von Menschen mit Assistenzbedarf. Sie sind Vorbild und Inspiration für weitere inklusive Projekte und tragen dazu bei, gesellschaftliche Barrieren abzubauen und ein neues Verständnis von Teilhabe zu etablieren.

Das Motto „Vom reinen Hilfeempfänger zum Hilfegeber“ verdeutlicht einen grundlegenden Paradigmenwechsel: Menschen mit Behinderung werden nicht nur als Empfänger von Unterstützungsleistungen gesehen, sondern als aktive Gestalter des gesellschaftlichen Zusammenlebens anerkannt.



**Dokumentation erstellt am 15. Oktober 2025**

HeCl

Christus ist schwarz

Mein Gott
Du hörst den Schrei der Unterdrückten,
du siehst die Tränen der Entrechteten,
du spürst den Schmerz derer, die an den Rand gedrängt werden.

In Jesus Christus bist du Mensch geworden –
nicht als Herrscher, sondern als Verfolgter,
nicht in Pracht, sondern in Armut,
nicht bei den Mächtigen, sondern bei den Rechtlosen.

Öffne unsere Augen für deine Gegenwart in den Gesichtern,
die wir übersehen haben.
Öffne unsere Ohren für deine Stimme in den Rufen nach Gerechtigkeit,
die wir ignoriert haben.
Öffne unsere Herzen für deine Liebe,
die keine Grenzen kennt und keine Menschen ausschließt.


Schriftlesungen

Exodus 3,7-8

*„Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und ihr Geschrei über ihre Bedränger habe ich gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand.“*

Lukas 4,18-19

*„Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehend werden sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.“*

Matthäus 25,40.45

*„Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Geschwistern, das habt ihr mir getan… Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.“*


Welche Farbe hat Christus?

Seit Jahrhunderten hängen in unseren Kirchen Bilder eines blonden, blauäugigen Jesus – ein Bild, das historisch falsch und theologisch gefährlich ist. Jesus von Nazareth war ein Jude aus dem Nahen Osten, lebte unter römischer Besatzung, kannte Verfolgung und Unterdrückung am eigenen Leib.

Das weiße Christusbild war nie neutral. Es diente der Legitimation von Kolonialismus, Sklaverei und Rassismus. Mit einem weißen Christus an der Wand ließen sich indigene Völker „zivilisieren“, schwarze Menschen versklaven, koloniale Gewalt rechtfertigen. Der weiße Christus war der Gott der Unterdrücker.

Wenn wir heute sagen „Christus ist schwarz“, dann brechen wir mit dieser Tradition der Gewalt.

Wir erinnern uns daran, dass Gott nicht auf der Seite der Mächtigen steht, sondern bei den Unterdrückten.


James Cone, der Begründer der Black Liberation Theology, schrieb 1970 in seinem bahnbrechenden Werk: „Gott ist schwarz.“

Damit meinte er nicht eine biologische Aussage, sondern eine theologische Wahrheit: In einer Gesellschaft, die schwarzes Leben entwertet und schwarze Menschen unterdrückt, identifiziert sich Gott mit den Schwarzen. Christus ist dort, wo Menschen leiden.

Diese Erkenntnis ist nicht neu – sie zieht sich durch die gesamte biblische Tradition.

Der Gott Israels ist der Gott des Exodus, der sein Volk aus der Sklaverei befreit. Jesus verkündet den Armen frohe Botschaft, nicht den Reichen. Er isst mit den Ausgestoßenen, nicht mit den Pharisäern. Er stirbt den Tod eines Verbrechers am Kreuz, hingerichtet vom römischen Staat.

Dietrich Bonhoeffer schrieb aus dem Gefängnis: „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“ Eine Kirche, die schweigt zu Rassismus, zu Polizeigewalt, zu struktureller Ungerechtigkeit, hat ihre Berechtigung verloren. Eine Kirche, die sich neutral verhält zwischen Unterdrückern und Unterdrückten, hat sich für die Seite der Unterdrücker entschieden.


„I can’t breathe“ – die letzten Worte von George Floyd sind zum Symbol geworden für jahrhundertelange rassistische Gewalt.

Und während Menschen auf den Straßen riefen „Black Lives Matter“, fragten manche: „Muss die Kirche da wirklich Stellung beziehen?“

Ja, sie muss.

Denn wenn schwarze Menschen unter dem Knie der Staatsgewalt sterben, dann stirbt Christus dort mit ihnen. Wenn Geflüchtete im Mittelmeer ertrinken, dann ertrinkt Christus dort mit ihnen. Wenn obdachlose Menschen auf unseren Straßen erfrieren, dann erfriert Christus dort mit ihnen.

„Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Geschwistern, das habt ihr mir getan.“

Das ist keine Metapher, keine Allegorie – es ist die radikale Identifikation Gottes mit den Leidenden dieser Welt.

Ein schwarzer Christus fordert uns heraus – besonders uns weiße Christinnen und Christen. Er fordert uns auf:

Unsere eigenen Privilegien zu erkennen. Die Hautfarbe, die uns keine Angst vor Polizeikontrollen machen muss. Die Herkunft, die uns Türen öffnet statt verschließt. Die Vorurteile, die wir verinnerlicht haben, ohne es zu merken.

Unsere kirchliche Tradition kritisch zu befragen. Welche Lieder singen wir? Welche Bilder hängen bei uns? Wessen Stimmen hören wir, wessen Theologie wird gelehrt? Wie viele Theologinnen und Theologen of Color kennen wir?

Solidarisch zu handeln. Nicht nur zu beten für die Unterdrückten, sondern mit ihnen zu kämpfen für Gerechtigkeit. Nicht nur Symptome zu lindern, sondern Strukturen zu verändern. Nicht nur individuell „gut“ zu sein, sondern kollektiv Verantwortung zu übernehmen.

Martin Luther King Jr. schrieb aus dem Gefängnis in Birmingham: „Ungerechtigkeit an irgendeinem Ort bedroht die Gerechtigkeit an jedem anderen Ort.“ Solange irgendwo auf dieser Welt Menschen unterdrückt werden wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihrer Religion, sind wir alle betroffen. Die Befreiung kann nur eine gemeinsame sein.

„Christus ist schwarz“ ist keine Aussage der Resignation, sondern der Hoffnung. Es ist die Hoffnung, dass Gott nicht neutral ist, sondern Partei ergreift. Die Hoffnung, dass das Kreuz nicht das letzte Wort hat, sondern die Auferstehung. Die Hoffnung, dass die Mächtigen vom Thron gestürzt werden und die Niedrigen erhöht.

Der Lobgesang Marias, ist ein revolutionäres Lied:

„Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“

Das ist keine ferne Zukunftsvision – das ist der Anspruch des Evangeliums hier und jetzt.

Wenn wir sagen „Christus ist schwarz“, dann bekennen wir uns zu diesem Gott der Befreiung. Dann stehen wir in der Tradition der Propheten, die gegen Ungerechtigkeit aufstanden. Dann folgen wir dem Jesus nach, der sein Leben gab für die Befreiung der Welt.

Fürbittengebet

Gott der Gerechtigkeit,
wir bringen vor dich unsere Bitten und unsere Hoffnungen:

Wir beten für alle Menschen, die unter Rassismus leiden –
für schwarze Menschen in Deutschland, die täglich Diskriminierung erfahren,
für People of Color, deren Würde verletzt wird,
für alle, die wegen ihrer Hautfarbe benachteiligt werden.

Wir beten für die Opfer rassistischer Gewalt –
für die Familien von George Floyd, Breonna Taylor, Eric Garner,
für die Opfer von Hanau, von Halle, von NSU-Terror,
für alle, deren Namen wir nicht kennen, deren Geschichten unerzählt bleiben.

Wir beten für alle, die für Gerechtigkeit kämpfen –
für Black Lives Matter und andere Bewegungen weltweit,
für Initiativen gegen Racial Profiling,
für alle, die ihre Stimme erheben gegen Ungerechtigkeit.

Wir beten für uns selbst –
für den Mut, unsere eigenen Privilegien zu erkennen,
für die Demut, von anderen zu lernen,
für die Kraft, nicht nur Worte zu sprechen, sondern zu handeln.

Wir beten für unsere Kirchen –
dass sie Orte der Befreiung werden, nicht der Unterdrückung,
dass sie ihre Stimme erheben gegen Ungerechtigkeit,
dass sie wirklich Kirche für andere werden.

Wir beten für eine Welt –
in der jedes Leben zählt, unabhängig von Hautfarbe,
in der Gerechtigkeit fließt wie Wasser,
in der dein Reich anbricht, schon jetzt.

Gott, höre unser Gebet.

Amen

Oktober 2025

Claudius Herzberger

Unser Kreuz hat keine Hacken

Für Deborah

Liebe Deborah, liebe Geschwister, ich stehe hier als Armin Herzberger.

Ich spreche ausdrücklich kein Grußwort. Ich mag keine Grußworte
Vielmehr möchte ich dir, liebe Deborah, noch etwas sagen.

Deborah erzählt in ihren Predigten oft Geschichten. Gute Geschichten, sinnstiftende Geschichten, biblische Geschichten, Geschichten aus dem Leben. Geschichten aus ihrem Leben.
Ich liebte diese Geschichten. Wann immer es ging war ich dabei wenn Sie Gottesdienste eierte

Ich möchte euch heute auch eine Geschichte erzählen.
Eine Geschichte, die mir wichtig ist.
Eine Geschichte, über die mich seit meiner Konfirmandenzeit bis heute berührt.

Sag mal Rabbi, wer ist denn der Nächste?
Jesus gab keine direkte Antwort.
Er erzählte eine Geschichte:
Ein Jude war auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho.
 Er wird blutig geschlagen, ausgeraubt und bleibt auf dem Weg liegen.
Ein Priester, der vorbeikommt, geht weiter.
Ein Levit, der ebenfalls vorbeikommt, geht weiter.
Dann kommt ein Samariter. Ein Fremder.
Viele Leute mögen ihn nicht.
Aber er bleibt stehen. Er hilft.
Er verbindet die Wunden.
Er bringt ihn in ein Gasthaus.
Er bezahlt für ihn. Er sagt, kümmert euch um ihn, ich komme wieder und bezahle, was noch fehlt.

Jesus fragt, wer ist der Nächste?
Die Antwort ist
Der, der geholfen hat.
Jesus sagt
Dann mache es genauso.

Was Jesus mir durch dieses Gleichnis zeigen, wollte:

  • Gott fragt nicht nach Religion oder Herkunft.
  • Gott fragt: Wer hilft?
  • Die wichtigen Leute haben versagt.
  • Der Priester und der Levit kannten die Regeln.
  • Aber sie gingen vorbei.
  • Sie schauten weg.
  • Der Samariter war ein Ausländer.
  • Viele Menschen mochten ihn nicht.
  • Aber er half.
  • Helfen ist wichtiger als fromm sein.
  • Es reicht nicht, in die Kirche zu gehen.
  • Es reicht nicht, schöne Worte zu sagen.
  • Wir müssen etwas tun für mehr Gerechtigkeit.
  • Alle Menschen sind gleich viel wert.
  • Egal woher sie kommen.
  • Egal welche Religion sie haben.
  • Egal ob sie arm oder reich sind.
  • Gott will, dass wir zusammenhalten.
  • Besonders mit Menschen, die ausgegrenzt werden.
  • Besonders mit Menschen, die keine Macht haben.
  • Besonders mit Menschen, die wir vergessen haben
  • Gottes Welt beginnt, wo wir Unrecht bekämpfen.
  • Wo wir Brücken bauen statt Mauern.
  • Wo wir teilen, statt immer mehr anzusammeln und nicht mehr bereit sind zu teilen.
  • Wo wir menschlich sind statt gleichgültig.

    Nach einer Predigt im Januar fragte ich Deborah:
    sag mal:
    Reicht suchen?
    Du hast geantwortet, suchen reicht vollkommen. Mit offenem Herzen.

    Das hat mich tief berührt.
    Mir ist dann das, was ich im Kopf hatte, ins Herz gerutscht.

Im Februar wurde meine Frau plötzlich schwer krank.
Sie wäre beinahe verstorben.

Im Laufe der folgenden Monate wurde meine Frau wieder gesund. Gott sei Dank

Ich spürte ich kann jetzt glauben
an einen Gott.
der mich hört,
mich hält,
mich führt,

Kein strafenden Gott,
sondern ein Gott, der mich liebt.

Dafür Deborah,
für Deine Seelsorge
für Deine Gebete
danke ich Dir von ganzem Herzen.
Gott segne Dich!
Und Deine Familie.

Abschiedsgottesdienst
der evangelischen Kirchengemeinde Oberdieten
für Deborah Kehr
am 28.09.25

Gemeinwesenorientierter Gemeindeaufbau – Chance zur Erneuerung – Ein vorläufiger Konzeptentwurf

Wer fromm ist muß auch politisch sein.
Allein weil Gott ein armer, elender, unbekannter, erfolgloser Mensch wurde, und weil Gott sich von nun an allein in dieser Armut, im Kreuz, finden lassen will, darum kommen wir von dem Menschen und von der Welt nicht los, darum lieben wir die Brüder.“
Dietrich Bonhoeffer

So wie bei Bonhoeffer lassen sich die Aufgaben der Kirche gegenüber Staat und Öffentlichkeit auch heute zusammenfassen.

Die erste von Bonhoeffer genannte Aufgabe verstehen wir heute als Kultur der Einmischung. Wenn die Kirchen mit Denkschriften in die demokratische Zivilgesellschaft hineinsprechen, dann geht es genau um das, was Bonhoeffer als „Verantwortlichmachung des Staates“ bezeichnete.

Die zweite Aufgabe, der diakonische Dienst an den Bedürftigen, bleibt ohnehin. Dass er heute geleistet wird, zeigt sich, wenn etwa Gemeinden mit großer öffentlicher Zustimmung für den Schutz von Flüchtlingen eintreten.

Und die dritte Aufgabe? Was heißt dem Rad in die Speichen fallen? Für Bonhoeffer rückte dies zunehmend ins Zentrum seines Denkens und Handelns. Dass der Imperativ keineswegs nur in der Diktatur gilt, sondern auch in demokratischen Gesellschaften eine Option sein kann, zeigte schon in den frühen achtziger Jahren die Diskussion um gewaltfreien zivilen Ungehorsam gegen die Stationierung von Massenvernichtungswaffen… .

Zitat: … Schon 1933 beschreibt Bonhoeffer drei Formen, in denen die Kirche ihre Verantwortung gegenüber dem Staat ausüben muss:

Sie stelle „erstens die an den Staat gerichtete Frage nach dem legitimen Charakter seines Handelns“. Das heiße „Verantwortlichmachung des Staates“.

Zweitens verrichte sie „den Dienst an den Opfern des Staatshandelns. Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde angehören.“
Die dritte Aufgabe der Kirche bestehe darin, „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.“

Wer fromm ist, muss auch politisch sein:
So wie bei Bonhoeffer lassen sich die Aufgaben der Kirche gegenüber Staat und Öffentlichkeit auch heute zusammenfassen.

Dietrich Bonhoeffer:
„Allein weil Gott ein armer, elender, unbekannter, erfolgloser Mensch wurde, und weil Gott sich von nun an allein in dieser Armut, im Kreuz, finden lassen will, darum kommen wir von dem Menschen und von der Welt nicht los, darum lieben wir die Brüder.“

Ausgangspunkte für einen gemeinwesenorientierte Gemeindeaufbau könnten folgende Überzeugungen sein:

1. Denken und Glauben schließen sich nicht aus, sondern befruchten sich, sie bedingen sich. Dementsprechend gibt es bei Worthaus auch keine Denk- und Sprechverbote. Und auch keine Tabus.

2. »Wer die Bibel wörtlich nimmt, nimmt sie nicht ernst.« – Jedes ungeschichtliche Bibelverständnis führt in eine Sackgasse,
entscheidend und weiterführend sind die Fragen nach dem Verständnis der biblischen Schriften: Aus der Enge in die Weite, aus der Oberflächlichkeit in die Tiefe!

3. Für jede Generation muss der christliche Glaube neu »übersetzt« und erklärt werden. Denn christlicher Glaube ist einem speziellen, für den Menschen der Moderne fremden kulturellen Kontext entstanden, dem Kontext der antiken Lebenswelt. Das Wissen um die damaligen Lebensumstände, das Verstehen der kulturellen und sozialen Voraussetzungen, die vor dreitausend Jahren in Israel und im gesamten Orient bestanden, sind entscheidend, um die Botschaft der biblischen Autoren zu begreifen.

4. Der christliche Glaube ist nicht etwas statisches, sondern etwas dynamisches. Auch wenn der christliche Glaube einen Ewigkeitsanspruch in sich trägt, muss er sich entwickeln. Es ist notwendig, dass er auf gesellschaftliche Veränderungen reagiert. Macht er dies nicht, wird er seltsam, skurril, einfältig, letztlich irrelevant.

5. Der Blick über den Tellerrand hinaus ist ein bereichernder Blick. Christlicher Glaube profitiert von der Beschäftigung mit Sozial- und Naturwissenschaften, Dialog mit anderen Religionen, aber auch mit der Kunst. Es lohnt sich fachübergreifend zu denken beziehungsweise das interdisziplinäre Gespräch zu suchen.
Auf dieser Basis versuchen wir einen unverstellteren Blick auf die biblischen Texte, die christlichen Traditionen und nicht zuletzt auf den Mann zu gewinnen, an dessen Geburt sich nicht nur die Zeitrechnung der westlichen Welt orientiert. Wir wollen den christlichen Glauben in seiner unglaublichen Fülle, Dichte und Relevanz für die Herausforderungen und Entscheidungen des heutigen Lebens wieder entdecken: Was sind die zentralen Themen von dem Mann aus Nazareth?
Welche Relevanz hat sein Leben, seine Botschaft und auch seine Person für die heutigen Lebensfragen?
Quellen
U. a.
Worthaus.de
Blog arminherzberger.com

Daraus folgende mögliche Themen vor den Hintergrund eines gemeinwesenorientierten Gemeindeaufbau:

Thema:
Mord am Menschen mit Behinderungen „Euthanasie“

Thema:
Martin Niemöller Theologische Kernaussagen und sein Wirken in der bekennenden Kirche

Thema:
Jüdisch christlicher Dialog

Thema:
Ökumene

Thema:
interreligiöser Dialog mit dem Islam

N.N.

Wie kommt die Liebe Gottes am besten zu den Menschen unserer Region?
Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) sieht sich in den nächsten Jahren großen Herausforderungen gegenüber: Es gibt immer weniger Menschen in der Kirche, und weniger Ressourcen. Die EKHN steht am Beginn einer großen Pensionierungswelle der geburtenstarken Jahrgänge in der Pfarrerschaft, bis 2030 wird ein Rückgang der Pfarrpersonen um etwa 20 Prozent erwartet. Auch die Mitgliederzahlen gehen zurück: vor allem auf Grund der allgemeinen demographischen Entwicklung, aber auch weil Kirche für viele Menschen nicht mehr relevant ist, der Anteil von Kindern und Jugendlichen nimmt besonders ab. Die geringere Zahl von Kirchenmitgliedern insgesamt ist auch der Hauptgrund, dass die Finanzmittel in den nächsten 10 Jahren um etwa 30 Prozent zurückgehen werden.

Das Ziel aller Anstrengungen für die EKHN ist es, eine ausstrahlungsstarke und relevante Kirche zu sein, die die Liebe Gottes mit den vorhandenen Möglichkeiten am besten zu den Menschen, auch in unserer Region bringt.

Dafür hat die Kirchenleitung in Darmstadt den „Zukunftsprozess 2030“ in Gang gesetzt, in dem die notwendigen Strukturanpassungen identifiziert und in ausnahmslos allen Arbeitsgebieten erörtert werden sollen. Eine Idee unter vielen ist es, dass benachbarte Kirchengemeinden und Hauptamtliche künftig enger zusammenarbeiten sollen. In so genannten Nachbarschaftsräumen können die Entwicklungen besser gestemmt werden und sich in multiprofessionellen Teams bestehend aus Pfarrer:innen, Kirchenmusiker:innen und Gemeindepägagogen:innen in ihrer Arbeit bereichern und ergänzen, damit Kirche lebendig und vielfältig bleibt.

Das Dekanat Rheingau-Taunus hat eine Steuerungsgruppe ins Leben gerufen, die Kirchengemeinden und Mitarbeitende unterstützen möchte, den anstehenden Prozess konstruktiv zu gestalten. Über 60 Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher haben sich an Informationsabenden am Prozess aktiv beteiligt.

Quelle:
Gekürzt zusammengestellt und ergänzt:
https://dekanat-rheingau-taunus.ekhn.de/projekte/dekanat2030.html

Miteinander im Quartier: Kirche in die politische Gemeinde öffnen
Ein Beispiel aus der Stadt Langen:

Zum Inhalt
EKD: Evangelische Kirche in DeutschlandEKD: Evangelische Kirche in Deutschland
24.10.2019

Zeitzeichen
Miteinander im Quartier: Kirchein den Stadtteil öffnen
Das evangelische Begegnungszentrum in Langen (Hessen) ist ein Beispiel für gemeinwesenorientierte Arbeit der Kirche

Jugendliche in Schürzen und mit Gemüse in der Hand in der Küche.

Diakonie Hessen/Steffen Held
Das Projekt „Jugend kocht für alle“ brachte Jung und Alt zusammen an den Tisch.

Langen, eine kleine Stadt mit 37 000 Einwohnern zwischen Darmstadt und Frankfurt/Main. Der Stadtteil war und ist ein Viertel mit besonders heterogener Bevölkerungsstruktur: Familien, ältere und alte Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund und so genannte Bildungsferne, neuerdings auch geflüchtete Menschen. Die meisten leben finanziell bescheiden. Gerade für ältere Menschen gab es im Stadtteil kaum Begegnungs- und Kommunikationsorte. Das änderte sich, als ab Mitte 2015 auf Initiative der Evangelischen Kirchengemeinde Langen (Hessen) das Begegnungszentrum für ältere Menschen zu einem stadtteilorientierten, generationenübergreifenden, interkulturellen Begegnungszentrum erweitert wurde. In einem ersten Schritt wandte man sich den oft kirchlich gebundenen so genannten Russlanddeutschen zu, für die Kirche und Gemeinde im besten Sinne auch Heimat bedeutet.

Gemeinsam mit der Evangelischen Familienbildung, dem Diakonischen Werk, den städtischen Kooperationspartnern, mit älteren Menschen und Geflüchteten ging es darum, bedarfs- und beteiligungsorientierte Angebote zu entwickeln, auszubauen und zu koordinieren. Heute sind Mitarbeitende der Diakonie als Ansprechpartnerinnen im Flüchtlingsbüro des Hauses erreichbar. Auszubildende im Servicebereich einer Produktionsschule des Zentrums für Weiterbildung haben die Möglichkeiten des Begegnungszentrums entdeckt und bieten seit drei Jahren zweimal wöchentlich für alle Besucher ein Mittagessen an, welches auch Beschäftigte aus der Region gerne nutzen.

Was Menschen bewegt und beschäftigt
So werden Begegnungen von Menschen unterschiedlicher Kulturen ermöglicht. Durch die gemeinwesenorientierte Arbeit für und mit älteren Menschen sind Kirchengemeinde und Diakonie im Quartier und in der Stadt Langen präsenter und sichtbarer geworden und die Nachhaltigkeit zwischenzeitlich durch eine feste Stelle abgesichert.

Das Begegnungszentrum Langen steht als Beispiel für eine Kirchengemeinde, die sich – gemeinsam mit der Diakonie und weiteren (zivil)gesellschaftlichen Akteuren – auf den Weg gemacht hat. Was Menschen bewegt und beschäftigt, wird von Mitarbeitenden der Kooperationspartner wahrgenommen und versucht, gemeinsam mit den Menschen eine Lösung herbeizuführen. Dafür werden auch eigene Ressourcen zur Verfügung gestellt. Der Auftrag von Kirche und ihren Gemeinden ist, Menschen zu unterstützen, damit die eigenverantwortliche Gestaltung gelingenden Lebens möglich ist. Dabei spielen tragende Nachbarschaften und die Entwicklung von Netzwerken im Sinne eines solidarischen Miteinanders eine bedeutende Rolle.

Das alltägliche Handeln des „Wortes“
Am Beispiel der Stadt Langen zeigt sich, dass gemeinwesenorientierte Arbeit für Kirche und ihre Diakonie unverzichtbar ist. Mit dieser Haltung sind Kirche und Diakonie Teil der Lebenswelt der Menschen, wahrnehmbar und attraktiv. Kirche braucht ihre diakonische Dimension, sonst ist sie nicht Kirche. In vielen evangelischen Ortsgemeinden ist jedoch ein Funktions- und Bedeutungsverlust wahrnehmbar. Um in Zukunft bestehen zu können, braucht Kirche einen gemeinde- und gemeinwesenorientierten Fachdienst, da solidarisches Handeln zunehmend der Anregung, Beratung und aktivierenden Begleitung bedarf.

Gemeinwesenorientierung ist die Schnittmenge der Verknüpfung von Ortsgemeinden, Diakonie und Zivilgesellschaft. Wenn die gottesdienstlichen Versammlungen einer Kirchengemeinde das liturgische Zentrum der Gemeindearbeit bilden, so muss der „Gottesdienst im Alltag“, in der Nachbarschaft, im Stadtteil, im Quartier oder im Dorf genauso ernstgenommen werden. Auch dies ist in gleicher Weise Gottesdienst und nicht beliebig: Es ist das alltägliche Handeln des „Wortes“.

Tragende, solidarische Netze
Der Lebensalltag der Menschen spielt sich im „Nahraum“ ab. Die Nachbarschaften strukturieren die sozialen Beziehungen der Menschen und ermöglichen, durch soziale Beziehungen an tragenden, solidarischen Netzen zu knüpfen. Chatten kann jeder im Internet, doch den fehlenden Kaffee und das fehlende Mehl leihen sich der Nachbar und die Nachbarin aus.

Kirchengemeinde und Diakonie wird oftmals unterstellt, es liege in ihrer Entscheidung, ob und inwieweit sie sich einmischen sollen in Prozesse vor Ort. Diese Freiwilligkeit ist falsch: Denn das Evangelium ist politisch. Kirchengemeinde und Diakonie nehmen immer eine gesellschaftspolitische Rolle wahr, indem sie zum Beispiel an der Verbesserung von Lebensverhältnissen beteiligt sind wie in der offenen Jugendarbeit, Beratungsdiensten, Seniorentreffs, Kindertagesstätten oder in Besuchsdiensten. Diese Rolle müssen sie annehmen und Gesellschaft mitgestalten.

Das Evangelium betrifft das ganze Leben
Und das Evangelium und das Handeln, das daraus folgt, betrifft das ganze Leben. Dies gilt für alle Menschen, die sich durch das Evangelium Jesu Christi treffen und betreffen lassen, die sich in seinem Namen zusammenschließen und auf den Weg machen: Sie sind seine Gemeinde. Die Multidiversität – sozial, kulturell wie religiös – sowie das Aufbrechen alter Handlungsverbünde fordern Gemeinden und Diakonie heraus, ihre Identität zu erhalten und zugleich selbstbewusst ihren Beitrag im sozialräumlichen Entwicklungsprozess zu leisten. Tafelarbeit und Suppenküchen als Armenspeisung können von Ehrenamtlichen realisiert werden. Doch bleibt sie ohne ein sozialraum-, beteiligungs- und aktivierungsorientiertes Konzept der Gemeindearbeit zufälliger und beliebiger Ausdruck engagierter Nächstenliebe.

Die gemeindliche Diakonie entwickelt sich dort, wo die Kirchengemeinde das soziale Feld als Herausforderung annimmt und tätig wird. Eine diakonische Gemeinde ist eine Gemeinde, die sich betreffen lässt von dem, was Menschen beschäftigt und belastet. Auf diese Weise können sich Verkündigung und soziales (diakonisches) Handeln gegenseitig durchdringen.

Menschen eingebettet in soziale Beziehungen
In der Sozialen Arbeit gibt es – vereinfacht – zwei wesentliche inhaltliche Stränge: Um einem/einer Hilfesuchenden in einer konkreten Lebenslage zu helfen, werden Einzelhilfen angeboten, von materieller Hilfe über Beratung bis hin zu Therapie. Im Mittelpunkt steht die/der Hilfesuchende in ihrer/seiner konkreten Notsituation und bedarf für einen (begrenzten) Zeitraum professioneller Unterstützung. Diese Notlage erscheint isoliert und ist mit einem bestimmten Spektrum von Maßnahmen zu bearbeiten.

Demgegenüber steht ein Verständnis einer/s Hilfesuchenden, das diese(n) als integrierten Bestandteil eines ökologischen und sozialen Zusammenhangs sieht. Nach diesem Verständnis ist die/der Hilfesuchende geprägt durch seine sozialen und materiellen Lebensbedingungen, seine Umwelt und die Wohnbedingungen, in denen er/sie lebt. Gleichzeitig ist er/sie aber auch in der Lage, Einfluss auf diese Faktoren auszuüben, Entscheidungen zu treffen und das Leben selbst zu gestalten.

Für die Soziale Arbeit ist die sozialräumliche Orientierung von zentraler Bedeutung, weil auch soziale Probleme einen Raumbezug haben. Das Leben im Sozialraum, in der Nachbarschaft, in der Kirchengemeinde, im Kirchenkreis oder im Stadtteil muss zum Anknüpfungspunkt werden für das Verstehen und Bearbeiten der Belastungen, Krisen und Notlagen der hier lebenden Menschen. Es wird nach Faktoren für Belastungen, aber auch nach Ressourcen zu deren Bewältigung im Sozialraum gefragt. Mit diesem Perspektivenwechsel erweitern sich die Handlungs- und Interventionsmöglichkeiten von der angebotsorientierten, institutionell orientierten Arbeit hin zu Konzepten der Gestaltung von Lebensräumen im Sinne der Menschen. Diese Perspektive sieht die Menschen eingebettet in soziale Beziehungen, Institutionen, Wohnumfeld und Arbeitswelt.

Verbesserung der Lebensbedigungen im Quartier
Sozialer Arbeit geht es um die Bearbeitung sozialer Probleme. Gemeinwesenorientierter sozialer Arbeit geht es um die Verbesserung der Lebensbedingungen in sozialen Räumen, in Nachbarschaften und Quartieren im Sinne der dort lebenden Menschen. Ausgehend von der Erkenntnis, dass Menschen nur bereit sind, sich für etwas zu engagieren, wenn es in ihrem eigenen Interesse ist und sie von der Notwendigkeit überzeugt sind, gilt es herauszufinden, was die Menschen denken und fühlen, was sie als veränderungswürdig ansehen und was sie selber bereit sind zu tun, damit sich etwas verändert.

Gemeinwesenorientierte soziale Arbeit richtet sich ganzheitlich auf den Stadtteil und nicht pädagogisch auf einzelne Individuen. Sie arbeitet mit den Ressourcen des Stadtteils und seiner Bewohner und Bewohnerinnen und fördert Selbstorganisation und Selbsthilfe. Sie orientiert sich an dem, was Menschen bewegt, diese für wichtig erachten, und bearbeitet sie gemeinsam mit ihnen. Sie sucht und fördert die Motivation der Menschen zur Verbesserung ihrer Lebenslage. Sie fördert gebietsbezogene soziale Netzwerke der dort lebenden Menschen. Sie arbeitet nicht nur mit einer Adressatengruppe, sondern übergreifend auch mit denjenigen, die von dem entsprechenden Themenfeld betroffen sind und sich betreffen lassen. Mit dieser Sichtweise ist nicht zwangsläufig ein ausgewiesenes Tätigkeitsfeld ausgedrückt, sondern vielmehr ein Arbeitsprinzip, eine Grundhaltung, ein Blickwinkel, eine bestimmte Form der Herangehensweise an Themen- und Problemstellungen.

Die gemeinwesenorientierte Arbeit bietet das Grundverständnis und das notwendige Methodenrepertoire, um qualitative Beiträge zur Aktivierung, Beteiligung und Selbstorganisation der Menschen im Stadtteil zu leisten – im Sinne diakonischer und kirchengemeindlicher Arbeit. Im Gegensatz zu klassischen Beratungsansätzen Sozialer Arbeit verlagert die sozialräumliche Sichtweise ihr Hauptaugenmerk von Individuen auf deren direkte Lebensumwelt und versucht, auf der Ebene der kleinräumigen, überschaubaren Strukturen – gemeinsam mit den Menschen – Veränderungsprozesse zu erreichen.

Gemeinderäume öffnen
Kirche und ihre Diakonie haben Kontakt zu Lebenswelten vieler Menschen, sie können hierüber das Miteinander im Quartier stärken. Teilhabeorientierung, die Bekämpfung der Folgen von Ausgrenzung und Armut sowie lokale Verankerung gehören zu den Leitlinien kirchlich-verbandlichen Handelns. Kirche und Diakonie sind für die Menschen da – nicht andersherum. Kirchengemeinde und Diakonie müssen sich notwendigerweise auf die Quartiere orientieren, in denen Probleme wachsen, in denen Armut, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Wohnungsnot, Überschuldung beheimatet sind. Die Öffnung von Einrichtungen in und für den Stadtteil als niedrigschwellige, verlässliche Kommunikationsräume, zum Beispiel als offener Stadtteilladen, Begegnungshaus oder Stadtteilcafé mit der Förderung von Selbsthilfeformen und -initiativen, kann eine Möglichkeit sein, nützliche Dienstleistungen anzubieten, und reicht bis zur Suche nach Bündnispartnern im Gemeinwesen.

Wie schön kann es sein, wenn in Gemeinderäume (wieder) Leben einkehrt, weil sie offen und ausgerichtet sind auf das, was Menschen aus dem Gemeinwesen bewegt. Dies sind Orte der Identifikation und Teilhabe. Es müssen Räume sein, in denen sich Menschen wohlfühlen können, keine „pädagogische Bearbeitung“ zu befürchten haben und an ihren sozialen Netzen stricken können – ohne an eine Dienstleistung als Gegenleistung gekoppelt zu sein.

Über Milieugrenzen hinweg
Offen sein für Ausgegrenzte und Benachteiligte ist ein zentrales Anliegen des christlichen Glaubens. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, heißt es in der Bibel. Dazu gehört auch gesellschaftspolitisches Engagement, um die Rahmenbedingungen für benachteiligte und ausgegrenzte Menschen zu verbessern. In Ansätzen ist in der Praxis eine gemeinwesenorientierte Gemeindeentwicklung wie die Öffnung der Gemeinde für Menschen im Stadtteil oder Gemeindediakonie zu erkennen. Diese gilt es weiterzuentwickeln, nicht zuletzt, um Menschen zu erreichen, die für die Kirche ansonsten verloren gehen – und denen die Kirche ansonsten verloren geht. Eigene Milieugrenzen können überschritten und die Akteure (wieder) zu gefragten zivilgesellschaftlichen Akteuren werden.

Menschen sind zunehmend existentiell auf die Entwicklung und den Aufbau von Netzwerken und Nachbarschaften angewiesen. Die Diakonie und die Kirchengemeinden müssen sich verstärkt in die wohnungs- und arbeitsmarktpolitischen Zieldiskussionen einmischen. Geboten ist eine Öffnung in das soziale und sozialpolitische Gemeinwesen. Gemeinwesenorientierung ist insofern eine zwingende Handlungsebene bei dem Ziel, zum Wohl von Menschen Teil eines tragenden sozialen Netzes zu werden.

Stefan Gillich (für zeitzeichen)

Stefan Gillich ist Abteilungsleiter für Existenzsicherung, Armutspolitik und Gemeinwesendiakonie bei der Diakonie Hessen in Frankfurt am Main.

Begegnungszentrum Katharina-von-Bora-Haus
Des Evangelische Begegnungszentrum Katharina-von-Bora-Haus in Langen ist ein Teilprojekt von DRIN (Dabei sein – Räume entdecken – Initiativ werden – Nachbarschaft leben) – eine gemeinsame Initiative der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und der Diakonie Hessen.

Flucht und Integration
Die Deutschen wollen Menschen in Not helfen. Drei von vier können sich einen persönlichen Beitrag zur Flüchtlingshilfe vorstellen. Die Zahl der in der Flüchtlingshilfe Engagierten ist 2016 weiter gestiegen. Erfahren Sie, wie und warum sich die evangelische Kirche einsetzt und welchen Beitrag Sie leisten können.

Kirche von zu Hause
Das Coronavirus schränkt immer mehr das Leben ein, wie wir es gewohnt sind. Natürlich ist Kirche davon nicht ausgenommen. Deswegen haben wir einige Alternativen zusammengestellt, wie der Glaube auch ohne Ansteckungsgefahr gelebt werden kann.

Quellen:
Gekürzt und geändert:
https://www.ekd.de/drin-projekt-langen-stadtteil-begegnungszentrum-50513.htm

Gott zu Ehr den Menschen zur Wehr

https://1drv.ms/w/c/79320b5ab478897e/ETO_wjXRXqpMmyKHZ0pvphYBg26Yh4SdDtgvAc7eERE2Ag?e=x7MTkC

Christen müssen zu den Menschen gehen anstatt beleidigt zu sein wenn niemand in die Kirche geht.

Und:

Jesus hat auch nicht auf dem Ölberg gesessen und war beleidigt, weil er auf 5000 Portionen Fisch sitzengeblieben ist.

Podcast: Wort und Fleisch

Für Alle,  die Universitätstheologie verständlich, nachvollziehbar hören wollen.

Kein bißchen trocken und langweilig.

Im Gegenteil:

Das Wort und das Fleisch

Kritischer Bericht: Kontroversen um die ERB Frankfurt

Im Zusammenhang mit der evangelikalen Kritik an der Nominierung von Frauke Brosius Gersdorf als Richterin an das Bundesverfassungsgericht

https://claude.ai/public/artifacts/880f23ac-fd99-4ca5-b6d5-1fde78064ce0

Die Hilflosen Helfer

Mein Vorlesungsskript zum Thema Helfer Syndrom für Studierende SA/SP

https://claude.ai/public/artifacts/b6b007e6-2928-41ea-ae5e-dd3cfdb0829e

Viel Spaß beim lesen. Erarbeitet mit Unterstützung von AI. #Claude.ai