Mein Gott
Du hörst den Schrei der Unterdrückten,
du siehst die Tränen der Entrechteten,
du spürst den Schmerz derer, die an den Rand gedrängt werden.
In Jesus Christus bist du Mensch geworden –
nicht als Herrscher, sondern als Verfolgter,
nicht in Pracht, sondern in Armut,
nicht bei den Mächtigen, sondern bei den Rechtlosen.
Öffne unsere Augen für deine Gegenwart in den Gesichtern,
die wir übersehen haben.
Öffne unsere Ohren für deine Stimme in den Rufen nach Gerechtigkeit,
die wir ignoriert haben.
Öffne unsere Herzen für deine Liebe,
die keine Grenzen kennt und keine Menschen ausschließt.
Schriftlesungen
Exodus 3,7-8
*„Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und ihr Geschrei über ihre Bedränger habe ich gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand.“*
Lukas 4,18-19
*„Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehend werden sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.“*
Matthäus 25,40.45
*„Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Geschwistern, das habt ihr mir getan… Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.“*
Welche Farbe hat Christus?
Seit Jahrhunderten hängen in unseren Kirchen Bilder eines blonden, blauäugigen Jesus – ein Bild, das historisch falsch und theologisch gefährlich ist. Jesus von Nazareth war ein Jude aus dem Nahen Osten, lebte unter römischer Besatzung, kannte Verfolgung und Unterdrückung am eigenen Leib.
Das weiße Christusbild war nie neutral. Es diente der Legitimation von Kolonialismus, Sklaverei und Rassismus. Mit einem weißen Christus an der Wand ließen sich indigene Völker „zivilisieren“, schwarze Menschen versklaven, koloniale Gewalt rechtfertigen. Der weiße Christus war der Gott der Unterdrücker.
Wenn wir heute sagen „Christus ist schwarz“, dann brechen wir mit dieser Tradition der Gewalt.
Wir erinnern uns daran, dass Gott nicht auf der Seite der Mächtigen steht, sondern bei den Unterdrückten.
James Cone, der Begründer der Black Liberation Theology, schrieb 1970 in seinem bahnbrechenden Werk: „Gott ist schwarz.“
Damit meinte er nicht eine biologische Aussage, sondern eine theologische Wahrheit: In einer Gesellschaft, die schwarzes Leben entwertet und schwarze Menschen unterdrückt, identifiziert sich Gott mit den Schwarzen. Christus ist dort, wo Menschen leiden.
Diese Erkenntnis ist nicht neu – sie zieht sich durch die gesamte biblische Tradition.
Der Gott Israels ist der Gott des Exodus, der sein Volk aus der Sklaverei befreit. Jesus verkündet den Armen frohe Botschaft, nicht den Reichen. Er isst mit den Ausgestoßenen, nicht mit den Pharisäern. Er stirbt den Tod eines Verbrechers am Kreuz, hingerichtet vom römischen Staat.
Dietrich Bonhoeffer schrieb aus dem Gefängnis: „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“ Eine Kirche, die schweigt zu Rassismus, zu Polizeigewalt, zu struktureller Ungerechtigkeit, hat ihre Berechtigung verloren. Eine Kirche, die sich neutral verhält zwischen Unterdrückern und Unterdrückten, hat sich für die Seite der Unterdrücker entschieden.
„I can’t breathe“ – die letzten Worte von George Floyd sind zum Symbol geworden für jahrhundertelange rassistische Gewalt.
Und während Menschen auf den Straßen riefen „Black Lives Matter“, fragten manche: „Muss die Kirche da wirklich Stellung beziehen?“
Ja, sie muss.
Denn wenn schwarze Menschen unter dem Knie der Staatsgewalt sterben, dann stirbt Christus dort mit ihnen. Wenn Geflüchtete im Mittelmeer ertrinken, dann ertrinkt Christus dort mit ihnen. Wenn obdachlose Menschen auf unseren Straßen erfrieren, dann erfriert Christus dort mit ihnen.
„Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Geschwistern, das habt ihr mir getan.“
Das ist keine Metapher, keine Allegorie – es ist die radikale Identifikation Gottes mit den Leidenden dieser Welt.
Ein schwarzer Christus fordert uns heraus – besonders uns weiße Christinnen und Christen. Er fordert uns auf:
Unsere eigenen Privilegien zu erkennen. Die Hautfarbe, die uns keine Angst vor Polizeikontrollen machen muss. Die Herkunft, die uns Türen öffnet statt verschließt. Die Vorurteile, die wir verinnerlicht haben, ohne es zu merken.
Unsere kirchliche Tradition kritisch zu befragen. Welche Lieder singen wir? Welche Bilder hängen bei uns? Wessen Stimmen hören wir, wessen Theologie wird gelehrt? Wie viele Theologinnen und Theologen of Color kennen wir?
Solidarisch zu handeln. Nicht nur zu beten für die Unterdrückten, sondern mit ihnen zu kämpfen für Gerechtigkeit. Nicht nur Symptome zu lindern, sondern Strukturen zu verändern. Nicht nur individuell „gut“ zu sein, sondern kollektiv Verantwortung zu übernehmen.
Martin Luther King Jr. schrieb aus dem Gefängnis in Birmingham: „Ungerechtigkeit an irgendeinem Ort bedroht die Gerechtigkeit an jedem anderen Ort.“ Solange irgendwo auf dieser Welt Menschen unterdrückt werden wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihrer Religion, sind wir alle betroffen. Die Befreiung kann nur eine gemeinsame sein.
„Christus ist schwarz“ ist keine Aussage der Resignation, sondern der Hoffnung. Es ist die Hoffnung, dass Gott nicht neutral ist, sondern Partei ergreift. Die Hoffnung, dass das Kreuz nicht das letzte Wort hat, sondern die Auferstehung. Die Hoffnung, dass die Mächtigen vom Thron gestürzt werden und die Niedrigen erhöht.
Der Lobgesang Marias, ist ein revolutionäres Lied:
„Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“
Das ist keine ferne Zukunftsvision – das ist der Anspruch des Evangeliums hier und jetzt.
Wenn wir sagen „Christus ist schwarz“, dann bekennen wir uns zu diesem Gott der Befreiung. Dann stehen wir in der Tradition der Propheten, die gegen Ungerechtigkeit aufstanden. Dann folgen wir dem Jesus nach, der sein Leben gab für die Befreiung der Welt.
Fürbittengebet
Gott der Gerechtigkeit,
wir bringen vor dich unsere Bitten und unsere Hoffnungen:
Wir beten für alle Menschen, die unter Rassismus leiden –
für schwarze Menschen in Deutschland, die täglich Diskriminierung erfahren,
für People of Color, deren Würde verletzt wird,
für alle, die wegen ihrer Hautfarbe benachteiligt werden.
Wir beten für die Opfer rassistischer Gewalt –
für die Familien von George Floyd, Breonna Taylor, Eric Garner,
für die Opfer von Hanau, von Halle, von NSU-Terror,
für alle, deren Namen wir nicht kennen, deren Geschichten unerzählt bleiben.
Wir beten für alle, die für Gerechtigkeit kämpfen –
für Black Lives Matter und andere Bewegungen weltweit,
für Initiativen gegen Racial Profiling,
für alle, die ihre Stimme erheben gegen Ungerechtigkeit.
Wir beten für uns selbst –
für den Mut, unsere eigenen Privilegien zu erkennen,
für die Demut, von anderen zu lernen,
für die Kraft, nicht nur Worte zu sprechen, sondern zu handeln.
Wir beten für unsere Kirchen –
dass sie Orte der Befreiung werden, nicht der Unterdrückung,
dass sie ihre Stimme erheben gegen Ungerechtigkeit,
dass sie wirklich Kirche für andere werden.
Wir beten für eine Welt –
in der jedes Leben zählt, unabhängig von Hautfarbe,
in der Gerechtigkeit fließt wie Wasser,
in der dein Reich anbricht, schon jetzt.
Gott, höre unser Gebet.
Amen
Oktober 2025
Claudius Herzberger