Lätare – Freut Euch

Gott tröstet wie eine Mutter


Eine Andacht in verständlicher Sprache


„Freuet euch mit Jerusalem! Seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt!“
Jesaja 66, Vers 10


Lätare – das bedeutet: Freut euch!
Heute ist ein besonderer Sonntag.
Er heißt Lätare.
Das ist ein lateinisches Wort.
Es bedeutet: Freut euch!

Dieses Wort kommt aus einem alten Ruf.
Einem Ruf aus der Bibel.
Er lautet:
„Freuet euch mit Jerusalem! Freuet euch – alle, die ihr traurig wart um sie!“

Jerusalem steht in der Bibel für mehr als eine Stadt.
Jerusalem steht für das Volk, das leidet.
Jerusalem steht für die Hoffnung, die nicht aufgibt.
Jerusalem steht für den Ort, wo Gott wohnt –
mitten unter den Menschen.

Mitten in der Passionszeit – mitten in der dunklen Zeit –
sagt die Kirche: Freut euch mit Jerusalem!

Das klingt seltsam.
Viele Menschen sind müde.
Viele Menschen sind traurig.
Viele Menschen haben Angst.

Aber genau da spricht Gott.
Genau da tröstet Gott.


Was Jesaja sagt
Der Prophet Jesaja hat vor sehr langer Zeit gelebt.
Er hat das Volk Israel begleitet.
Das Volk war in großer Not.
Es war vertrieben worden.
Es lebte in der Fremde.

Und da sagt Jesaja etwas Erstaunliches.
Er sagt: Gott tröstet euch.
Wie eine Mutter ihr weinendes Kind tröstet.

Kennen Sie das?
Ein Kind weint.
Es weint laut.
Es weint und weiß selbst nicht warum.
Und die Mutter kommt.
Sie fragt nicht: Warum weinst du?
Sie fragt nicht: Hör jetzt auf.
Sie nimmt das Kind einfach auf den Arm.
Sie hält es fest.
Sie sagt: Ich bin da.

Genau so – sagt Jesaja – ist Gott.
Gott fragt nicht zuerst: Bist du schuldig?
Gott fragt nicht: Hast du es verdient?
Gott kommt einfach.
Gott hält uns fest.
Gott sagt: Ich bin da.

„Ihr werdet saugen und euch satt trinken
an den Brüsten ihres Trostes.
Auf dem Arm wird man euch tragen
und auf den Knien euch liebkosen.“
Jesaja 66, Vers 12

Das ist eine sehr starke Sprache.
Eine zärtliche Sprache.
Eine Sprache der Nähe.

Gott ist hier nicht weit weg.
Gott ist nicht kalt.
Gott ist nicht streng.

Gott trägt uns.
Gott hält uns.
Gott liebt uns – wie eine gute Mutter ihr Kind liebt.


Gott – auch sie
In der Bibel hat Gott viele Gesichter.

Gott ist Vater – das kennen wir.
Aber Gott ist in der Bibel auch Mutter.
Gott ist die Frau, die ihr verlorenes Geldstück sucht.
Gott ist die Hebamme, die neues Leben empfängt.
Gott ist die, die tröstet – wie Jesaja schreibt.

Mitten in der Bibel steht das.
Nicht am Rand.


Lange hat die Kirche das verschwiegen.
Sie hat Gott immer als Mann gedacht.
Als Herrn. Als König. Als Vater.

Das hat Frauen kleingemacht.
Das hat gesagt: Das Männliche ist das Göttliche.

Das stimmt nicht.
Das ist eine Lüge – auch wenn sie fromm klingt.


Der Gott der Bibel ist größer.
Größer als alle unsere Bilder.
Größer als Mann und Frau zusammen.

Und dieser Gott tröstet –
zärtlich, körperlich, nah.
Wie eine Mutter ihr weinendes Kind.

Das ist keine neue Erfindung.
Das steht seit Jahrhunderten in der Bibel.
Es war nur lange nicht erlaubt, es zu sagen.

Heute sagen wir es.


Was das für uns bedeutet
Wir leben in einer Zeit der Spaltung.
Manche haben sehr viel.
Viele haben zu wenig.
Manche werden gehört.
Viele werden nicht gehört.
Das ist keine Naturkatastrophe.
Das sind Entscheidungen von Menschen.
Das sind politische Entscheidungen.

Und da sagt der Gott der Bibel: Nein.
Das ist nicht mein Wille.

Der Gott der Bibel ist der Gott des Exodus.
Er hat das versklavte Volk befreit.
Er hat die Mächtigen gestürzt.
Er hat die Hungrigen satt gemacht.
Das steht in der Bibel – von Anfang bis Ende.

Jesus hat das fortgesetzt.
Er hat sich zu den Armen gesetzt.
Er hat die Kranken berührt – die Unberührbaren.
Er hat gesagt: Das Reich Gottes gehört den Kleinen.
Nicht den Großen.

„Gott hat keine anderen Hände als unsere.“

Das heißt:
Wir sind nicht Zuschauer.
Wir sind gerufen.
Gerufen, hinzusehen – wo andere wegsehen.
Gerufen, zu widersprechen – wo Ungerechtigkeit normal gemacht wird.
Gerufen, Seite zu wählen – die Seite der Schwachen.

Eine Kirche, die das tut, fängt unten an.
Nicht in den Chefetagen.
Sondern dort, wo Menschen Trost brauchen.
Dort, wo Menschen getragen werden müssen.


Eine Frage für uns alle
Wer braucht heute meinen Arm?
Wer braucht heute meine Hand?
Wem kann ich heute Trost bringen?

Lätare heißt: Freut euch!
Aber die Freude ist nicht für uns allein.
Die Freude ist zum Teilen.

Freut euch mit Jerusalem!
Freut euch mit allen, die geweint haben.
Freut euch mit allen, die ausgegrenzt wurden.
Freut euch mit allen, die getragen werden mussten.

Denn Gott ist bei ihnen.
Gott ist bei uns.
Lätare! Freut euch!


Gebet
Gott,
du kennst unser Leben.
Du kennst unsere müden Tage.
Du kennst unsere Traurigkeit.

Wir danken dir:
Du trägst uns.
Du hältst uns.
Du liebst uns – wie eine Mutter.

Gib uns Kraft,
dass wir füreinander da sind.
Dass wir tragen und halten.
Dass wir Trost weitergeben.

Amen.

Jürgen Habermas ist verstorben Rip

Heute ist ein großer Denker gestorben. Jürgen Habermas wurde 96 Jahre alt. Er hat sein Leben lang dafür gekämpft, dass alle Menschen mitreden dürfen. Das ist auch unser Anliegen – bei den Möglichkeitsdenkern.

Jürgen Habermas ist gestorben.
Er wurde 96 Jahre alt.
Er lebte in Starnberg in Bayern.

Jürgen Habermas war ein Philosoph.
Das bedeutet: Er hat viel nachgedacht.
Und er hat viel geschrieben.
Sein ganzes Leben lang.

Sein wichtigstes Thema war:
Wie reden Menschen miteinander?

Er sagte:
Miteinander reden ist wichtig.
Alle Menschen sollen mitreden dürfen.
Nicht nur die Mächtigen.
Nicht nur die Klugen.
Nicht nur die Reichen.
Alle.

Öffentlichkeit
Er hatte dafür einen besonderen Gedanken.
Er nannte ihn: Öffentlichkeit.

Was bedeutet das?

In einer Demokratie gibt es Orte,
wo Menschen zusammenkommen.
Wo sie reden.
Wo sie streiten.
Wo sie gemeinsam entscheiden.

Das kann ein Marktplatz sein.
Das kann eine Zeitung sein.
Das kann ein Stadtrat sein.
Das kann heute auch das Internet sein.

Habermas sagte:
Diese Orte sind sehr wichtig.
Denn dort entsteht Demokratie.
Nicht im Hinterzimmer der Mächtigen.
Sondern dort, wo alle reden dürfen.

Wer darf wirklich mitreden?
Aber er stellte auch eine schwierige Frage:
Wer darf wirklich mitreden?

Er beobachtete:
Manchmal reden nur wenige.
Die Lauten.
Die Mächtigen.
Die Gebildeten.

Die anderen werden überhört.
Oder sie trauen sich nicht.
Oder ihre Sprache wird nicht verstanden.
Oder sie werden gar nicht erst eingeladen.

Das fand Habermas falsch.
Er sagte:
Ein Gespräch ist nur dann fair,
wenn alle wirklich mitreden können.
Wenn niemand ausgeschlossen wird.
Wenn alle die gleiche Chance haben,
gehört zu werden.

Er nannte das den herrschaftsfreien Diskurs.
Das klingt kompliziert.
Es bedeutet einfach:
Kein Mensch soll den anderen überwältigen.
Nicht durch Geld.
Nicht durch Macht.
Nicht durch schwierige Sprache.
Nur das bessere Argument soll zählen.

Welche Menschen dürfen leben?
Habermas hat sich auch zu einer sehr wichtigen Frage geäußert:

Welche Menschen dürfen leben?
Und wer entscheidet das?

Im Jahr 2001 schrieb er ein Buch.
Der Titel lautete:
„Die Zukunft der menschlichen Natur.“

Er warnte darin vor einer Gefahr.
Die Gefahr heißt: Eugenik.

Was bedeutet Eugenik?
Eugenik bedeutet:
Menschen werden nach bestimmten Merkmalen ausgewählt.
Manche werden als „wertvoll“ betrachtet.
Andere nicht.

Das kennen wir aus der Geschichte.
In der Zeit des Nationalsozialismus
wurden Menschen mit Behinderungen ermordet.
Man nannte das damals „Euthanasie“.
Das Wort klingt griechisch und bedeutet „guter Tod.“
Aber es war kein guter Tod.
Es war Mord.

Habermas sagte:
Wir dürfen das nie vergessen.
Und wir dürfen es nie wieder zulassen.
Auch nicht in neuer Form.
Auch nicht durch Gentechnik.
Auch nicht durch Selektion vor der Geburt.

Er hat einen Satz immer wieder betont.
Er klingt einfach.
Aber er ist sehr wichtig.

Er sagte sinngemäß:

„Es gibt kein unwertes Leben.
Jeder Mensch zählt gleich viel.“

Das ist der Kern seiner Philosophie der Menschenwürde.

Habermas und die Religion
Habermas hatte auch eine Meinung zur Religion.

Er selbst war kein gläubiger Mensch.
Er sagte einmal:
„Ich bin alt, aber nicht fromm geworden.“

Aber er nahm die Religion ernst.
Er sagte:
Religion hat etwas,
das die Philosophie nicht hat.
Ein Gespur für Schuld.
Für Scheitern.
Für das, was zum Himmel schreit.

Er warnte aber auch vor einer bestimmten Gefahr.
Er nannte sie die Schwundform der Religion.

Was bedeutet das?

Manche Kirchen und Theologen,
so beobachtete Habermas,
reden immer weniger von Gott.
Immer weniger von Erlösung.
Immer weniger von Transzendenz.
Sie passen sich an.
Sie werden weich.
Sie verlieren ihren Kern.

Das fand Habermas falsch.
Er sagte:
Eine Religion ohne klaren Kern
überzeugt niemanden mehr.

Hier möchte ich widersprechen.
Und zustimmen.

Zustimmen: Ja.
Eine Religion, die sich nur anpasst,
die nur nickt und gefällt,
die hat keinen Rückgrat mehr.
Das ist keine Kirche.
Das ist ein Spiegel der Gesellschaft.

Widersprechen: Eine politische Theologie ist keine Schwundform.

Helmut Gollwitzer hat von Erlösung gesprochen.
Und von Revolution.
Beides zusammen.

Eine Theologie von unten sagt nicht:
„Wir glauben nicht mehr.“
Sie sagt:
„Wir glauben anders.
Wir glauben politisch.
Wir glauben von unten.“

Das ist kein Verlust des Kerns.
Das ist der Kern.

Gott ist auf der Seite der Schwachen.
Gott ist auf der Seite der Ausgeschlossenen.
Gott ist auf der Seite derer,
die nicht mitreden dürfen.

Das hätte auch Habermas gefallen.
Davon bin ich überzeugt.

Die Möglichkeitsdenker
Das ist auch der Kern der Inklusion.
Das ist auch der Kern der Möglichkeitsdenker.

Die Möglichkeitsdenker sind Menschen mit Beeinträchtigungen.
Sie reden mit.
Sie gestalten mit.
Sie helfen anderen Menschen.
Sie sind keine Hilfe-Empfänger mehr.
Sie sind Helfer.
Sie haben eine Stimme.
Und sie nutzen sie.

Früher wurden Menschen mit Beeinträchtigungen oft nicht gefragt.
Andere haben für sie entschieden.
Andere haben über sie geredet.
Aber nicht mit ihnen.

Das wollen die Möglichkeitsdenker ändern.
Vom Hilfe-Empfänger zum Helfer.
Von der Randnotiz zur Stimme im Raum.
Von der Fürsorge zur Teilhabe.

Das hätte Jürgen Habermas gut gefallen.
Da bin ich sicher.

Eine letzte Ironie
Jürgen Habermas hat das alles in langen, schweren Sätzen geschrieben.
Manchmal so schwer,
dass viele Menschen ihn nicht verstehen konnten.

Das ist eine Ironie.
Er wollte, dass alle mitreden.
Aber seine eigene Sprache war oft eine Hürde.

Deshalb brauchen wir Leichte Sprache.
Deshalb brauchen wir die Möglichkeitsdenker.
Deshalb brauchen wir Orte,
wo wirklich alle mitreden dürfen.

Jeder Mensch hat eine Stimme.
Jede Stimme zählt.
In der Demokratie.
Im Alltag.
Bei den Möglichkeitsdenkern.

Paulus und Israel

Worthaus 13 – Tübingen:

8. Juni 2025 von Prof. Dr. Kathy Ehrensperger


Irgendetwas ist in Rom passiert. Wir wissen nicht genau was, aber Paulus musste intervenieren, die Sache klären und entschuldigte sich gleichzeitig dafür, dass er noch immer nicht dort gewesen war, in der Hauptstadt des Reiches, bei den Juden, die dank ihm an Jesus als den Messias glaubten.


Er schreibt einen seiner berühmtesten Briefe, der später Geschichte gemacht hat.

Kathy Ehrensperger führt durch diesen Brief wie durch ein Gespräch, das entscheidende Fragen klären muss.

Wie ist das Verhältnis zwischen Gott, Israel und den Völkern, die Christus nachfolgen?

Warum wurde Israel von Gott auserwählt?

Was hat es mit den Nicht-Juden auf sich, die plötzlich einem jüdischen Wanderprediger aus der Provinz anhingen?

Und wenn Jesus der Messias ist, warum folgen dann nicht alle Juden Seinem Ruf?

Paulus und Israel: Ein theologischer Dialog im Römerbrief | 15.6.2

Der Stoß

Der Stoß
Eine Klippdachsland-Geschichte über Frömmigkeit und Gewalt


Für U
Es gibt Erinnerungen, die verblassen mit den Jahren. Und es gibt solche, die bleiben. Die sich einbrennen. Die einen nicht loslassen, auch nach Jahrzehnten nicht.
Die „Alte Versammlung“ gehört zu den Erinnerungen, die geblieben sind.



Die Männer mit der verdrießlichen Miene
Es gab sie in jedem Dorf im Klippdachsland. Ältere Herren, immer im dunklen Anzug, immer mit dieser Miene. Verdrießlich. Mürrisch. Als würde ihnen das Leben schwer auf den Schultern lasten.
Sie gehörten zur „Alten Versammlung“. So nannten sich die Darbisten im Klippdachsland. Fromme Leute. Sehr fromme Leute. So fromm, dass sie sich von allen anderen absonderten.
Die lutherische Kirche im Dorf? Abgefallen. Verweltlicht. Verloren.
Die katholische Kirche sowieso? Der Papst war für sie der Antichrist höchstpersönlich.
Nur sie, die kleine Schar der „Alten Versammlung“, hatten die reine Lehre bewahrt. Nur sie würden gerettet werden, wenn Christus wiederkam. Und das konnte jeden Tag geschehen.
Deshalb die verdrießliche Miene. Wer ständig das Ende der Welt erwartet, dem vergeht das Lachen.
Man wartet. Man sondert sich ab. Man züchtigt seine Kinder.



Sonntags im Versammlungsraum
Sonntags trafen sie sich. Nicht in der Kirche – Gott bewahre! Sie trafen sich in einem schlichten Raum. Weiß getüncht, kahl, schmucklos. In der Mitte ein Tisch mit einem weißen Tuch. Darauf Brot und Wein. Mehr nicht.
Die Männer saßen vorne. Anzug, Krawatte, Scheitel. Die Frauen hinten, mit Kopftuch. Sie schwiegen. Das war ihre Rolle. Schweigen, gehorchen, dienen.
Wenn der Geist jemanden ergriff – immer einen Mann, versteht sich –, dann stand der auf und sprach. Ihre Reden waren trocken. Voller Bibelstellen. Sie warnten vor der Welt. Sie mahnten zur Zucht.
Zucht. Das war ihr Lieblingswort.
„Wer sein Kind liebt, der züchtigt es.“ Sprüche 13, Vers 24. Die Bibel sage es. Also müsse es wahr sein.



Die Kinder, die prügelten
Es gab Kinder im Klippdachsland, vor denen man sich fürchtete. Nicht weil sie größer waren. Nicht weil sie älter waren. Sondern weil sie anders waren.
Sie prügelten nicht aus Lust. Sie prügelten mit System. Mit einer Kälte, die erschreckte.
Es waren Kinder aus der „Alten Versammlung“.
Sie hatten gelernt: Wer schwach ist, verdient Zucht. Wer anders ist, verdient Strafe. Wer nicht gehorcht, verdient den Schlag.
Sie hatten es zu Hause gelernt. Jetzt gaben sie weiter, was man ihnen beigebracht hatte.
Gewalt, die empfangen wird, wird weitergegeben. Das ist so alt wie die Menschheit.



Der Zappelphilipp
Es gab einen Jungen, den nannten alle so. Er konnte nicht stillsitzen. Er konnte nicht still sein. Er zuckte und zappelte und störte.
Für die „Alte Versammlung“ war das keine Krankheit. Das war Sünde. Das war Aufruhr gegen Gott und die Ordnung.
Er wurde gezüchtigt. Immer wieder. Zu Hause. Im Versammlungsraum. Vor allen.
Es half nichts. Es konnte nicht helfen. Weil er krank war, nicht böse.
Aber das wussten sie nicht. Oder sie wollten es nicht wissen.



Das Mädchen mit den schönen Augen
Und dann war da das Mädchen mit den schönen Augen.
Uli hieß sie. Ein stilles Kind. Ein gutes Kind. Ein Kind, das niemandem etwas zuleide tat.
Sie wuchs auf in der „Alten Versammlung“. Hörte die Predigten. Lernte die Bibelstellen. Fürchtete den Zorn Gottes.
Und sie war anders. In einer Weise, die die Frommen beunruhigte.
Es gab einen Stoß. Wann genau – niemand weiß es mehr. Was genau – niemand will es mehr sagen.
Vielleicht war es ein Schlag. Vielleicht eine Demütigung. Vielleicht ein Moment, in dem etwas in ihr zerbrach.
Danach war sie nicht mehr dieselbe.
Die Stimmen kamen. Stimmen, die ihr sagten:
Ich bin schlecht.
Ich bin vom Teufel besessen.
Ich lebe in der Hölle.
Die religiöse Verdammung wurde zur Überzeugung. Die Überzeugung wurde zur Krankheit. Die Krankheit wurde zu ihrem Leben.
Seit Jahrzehnten lebt sie im Wohnheim.



Darby und Sölle
Es gab einen Mann namens John Nelson Darby. Ein englischer Prediger des 19. Jahrhunderts. Er lehrte Absonderung. Reinheit. Rückzug aus der Welt.
Darby fragte: Wie können wir uns von der bösen Welt absondern?
Dorothee Sölle fragte: Wie können wir Gottes Reich jetzt verwirklichen?
Das ist der Unterschied. Der entscheidende.
Sölle kämpfte für Unterdrückte und bejahte den Körper.
Die Darbisten schlugen ihre Kinder und verdammten den Körper.
Was als Frömmigkeit begann, wurde zur Gewalt.



Kirche von unten – aber richtig
Es gibt heute viele, die von „Kirche von unten“ reden. Kreise, die frommer und strenger und enger werden.
Ich warne davor.
Nicht jede Bewegung, die sich „von unten“ nennt, befreit. Manche schafft neue Opfer.
Die „Alte Versammlung“ war Kirche von unten. Klein. Fromm. Entschieden. Und sie hat Kinder geschlagen, Frauen zum Schweigen gebracht, Seelen zerbrochen.
Das ist nicht die Kirche Jesu Christi.
Kirche von unten – aber richtig – das bedeutet: Befreiung statt Bindung. Heilung statt Schlagen. Ja zum Körper. Begleitung der Kranken statt Verdammung.



Die besorgten Geschwister
Uli wird besucht.
Von besorgten Gemeindemitgliedern. Geschwistern, die gelernt haben. Die umgekehrt sind.
Sie kommen. Sie sitzen an ihrem Bett. Sie halten ihre Hand.
Leider ist sie nun nicht mehr zu erreichen. Die Krankheit hat sie zu tief geholt.
Aber Gott behütet sie. Nicht der Gott der Strafe. Sondern der Gott der Gnade.
Und die besorgten Geschwister?
Sie schlagen nicht. Sie trösten.



Trotz allem
Und wenn ich an das Mädchen mit den schönen Augen denke,
an die Hölle, in der sie lebt,
an die Stimmen, die ihr sagen: Du bist vom Teufel besessen,
dann bete ich:

Herr, erbarme dich.
Nicht über sie.
Sondern über die, die ihr diese Hölle eingeredet haben.

Und segne die, die jetzt bei ihr sind.
Die besorgten Geschwister.
Die gelernt haben.
Die da sind.
Trotz allem.



Armin Herzberger
Klippdachsland, Februar 2026



Diese Geschichte ist wahr. Die Namen wurden geändert. Die Narben sind echt.

Das Mädchen lebt noch. Seit Jahrzehnten im Wohnheim.
Sie wird besucht. Von besorgten Geschwistern. Die gelernt haben.
Leider ist sie nun nicht mehr zu erreichen. Die Krankheit hat sie zu tief geholt.
Aber Gott behütet sie. Nicht der Gott der Strafe. Sondern der Gott der Gnade.

Trotz allem.

Und die Mahnung bleibt: Kirche, die nicht befreit, die den Körper verdammt, die Menschen in Höllen stößt – ist nicht die Kirche Jesu Christi.
Aber Kirche kann lernen. Kann umkehren. Kann lieben.
Trotz allem.

„Suchet der Stadt Bestes „

Eine Weggeschichte


„Es ist kein Stuhl mehr für dich da“

Dieser Satz aus meiner Kindheit sitzt noch heute. Ein trüber Novemberabend, zwei Gemeindeälteste an der Haustür. Sie kamen, um die Gesangbücher abzuholen.

„Du warst seit über einem halben Jahr nicht mehr im Gottesdienst. In der Bibelstunde fast ein ganzes Jahr nicht. Andere Leute haben auch viel zu tun. Es ist sowieso kein Stuhl für dich da.“

Schweigend nahmen sie die Bücher mit. Fertig.

Die Botschaft kam an: Wer nicht mitmacht, fliegt raus. Dein Platz ist weg.

So wurde Glaube für mich etwas Bedrohliches. Die Bibel als Druckmittel. Gemeinde als Kontrollsystem. Angst statt Hoffnung.

Dann hab ich angefangen nachzudenken

Das war vor einiger Zeit. Durch meine Arbeit im Kirchenvorstand. Durch die lebensbedrohliche Erkrankung meiner Frau.

Ich hatte Gespräche mit einer Pfarrerin. Sie las die Bibel anders. Sie stellte andere Fragen.

Sie erzählte Geschichten. Sinnstiftende Geschichten.

Nicht als Drohung. Nicht als Kontrolle. Sondern als Geschichten, die Leben deuten. Die Hoffnung machen. Die zeigen: Du bist nicht allein.

Das hat mich tief berührt.

Sie fragte zum Beispiel beim barmherzigen Samariter: „Warum liegt der Mann überhaupt halb tot am Straßenrand? Wer profitiert davon?“ Plötzlich ging’s nicht mehr nur um individuelle Hilfe, sondern um Strukturen, die Menschen zu Opfern machen.

Sie ist jetzt nicht mehr da. Vergessen werd ich sie nicht.

Am Anfang dachte ich: Das kann nicht stimmen. Gott ist doch neutral.

Aber dann hab ich die Geschichten nochmal gelesen – und erkannt:

Gott ist nicht neutral. Im Gegenteil.

Der Exodus: Gott befreit Sklaven. Nicht weil sie fromm waren. Sondern weil Sklaverei falsch ist.

Jesus war Jude. Er war nicht nur bei den Ältesten, sondern vor allem bei den Ausgestoßenen. Bei denen, für die „kein Stuhl da war“. Beides gehört zusammen. Davon lernen wir untereinander.

Die Bergpredigt: „Selig sind die Armen“ – keine Vertröstung. Sondern eine Kampfansage: Die jetzige Ordnung ist falsch.

Nach und nach hab ich verstanden: Die Bibel erzählt keine Geschichten über brave Kirchgänger. Sie erzählt von Leuten, die sich gegen Unterdrückung wehren.

Das hat was mit mir gemacht?

Ich hab angefangen, anders zu denken. Über die Jahre damals. Über die Angst. Über das, was man mir beigebracht hatte.

Manchmal kam Wut hoch. Auf die Gemeindeältesten von damals. Auf ein System, das aus Gott einen Kontrolleur macht.

Aber auch: Erleichterung. Eine Last fiel ab. Ich musste nicht mehr gut genug sein. Musste mich nicht mehr rechtfertigen.

Und dann: Hoffnung. Wenn die Bibel wirklich von Befreiung erzählt, dann ist Veränderung möglich. Dann muss es nicht so bleiben, wie es ist.

Was ich verstanden habe:

Gott steht nicht über allem – er hat sich für eine Seite entschieden. Auf der Seite derer, die unten sind. Das ist Politik. Und Frömmigkeit. Beides gehört zusammen.

Jesus war beides: Seelsorger und Störenfried. Er hat sich um Menschen gekümmert UND die Mächtigen konfrontiert. Er hat geheilt UND die religiöse Elite herausgefordert. „Selig sind die Armen“ ist Tröstung UND Kampfansage zugleich.

Gemeinde kann anders sein. Nicht: Wer hat die Macht? Sondern: Wie stärken wir uns gegenseitig? Nicht Leistung als Maßstab, sondern Gerechtigkeit.

Der Weg zählt, nicht das Ankommen. Die Bibel ist voll von Weggeschichten. Es geht ums Unterwegssein. Wie wir miteinander umgehen. Ob wir niemanden zurücklassen.

Was das praktisch bedeutet:

Bei den „Möglichkeitsdenkern“ der Lebenshilfe.

Ich arbeite mit Menschen, die Unterstützung brauchen. Wir fragen nicht: „Was können die nicht?“ Sondern: „Was können die?“

Menschen, die jahrelang nur „betreut“ wurden, organisieren jetzt selbst Veranstaltungen. Engagieren sich. Haben eine Stimme.

Das ist konkret, was die Bibel meint: Menschen werden befreit. Nicht durch fromme Worte. Durch echte Teilhabe.

Als Kirchenvorstand:
Oft erlebe ich den Widerspruch: Kirche redet von Nächstenliebe – und nimmt Ehrenamtliche oft als selbstverständlich hin.

Ich versuche gegenzusteuern. Entscheidungen transparent machen. Ehrenamtliche stärken und wertschätzen. Kirche öffnen für alle.

Ziemlich schwer. Die Strukturen sind zäh. Aber manchmal geht was.

An der Uni:
Ich unterricht Soziale Arbeit. Und ich sag den Studierenden: „Gute Soziale Arbeit fragt nicht nur: Wie helfen wir? Sondern auch: Warum brauchen Menschen überhaupt Hilfe?“

Warum gibt es Armut in einem reichen Land? Warum werden Menschen mit Behinderungen ausgegrenzt? Das sind politische Fragen.

Was ich gewonnen habe.
Diese andere Art, die Bibel zu lesen, hat mir Freiheit gegeben:

Frei von der Angst, nicht gut genug zu sein. Vom Druck, ständig was leisten zu müssen. Von religiöser Kontrolle.

Frei für Solidarität mit denen, die unten sind. Für politisches Engagement. Für die Hoffnung, dass sich was ändern kann.

Frei mit allen, die ebenfalls auf der Suche sind. Mit denen am Rand. Mit allen, für die „kein Stuhl da ist“.

Die Suche geht weiter

Ich hab keine fertigen Antworten. Hab ich auch nie gehabt. Die Suche nach Gott hört nie auf.

Aber ich hab verstanden, wo ich suchen muss:

Nicht in perfekten Gottesdiensten. Sondern dort, wo Menschen befreit werden.

Nicht nur in frommen Bibelstunden. Sondern dort, wo Gerechtigkeit geschieht.

Nicht dort, wo Stühle weggenommen werden. Sondern dort, wo Tische gedeckt werden für alle.

Genau so was haben wir jetzt gerade. Der Nachbarschaftsraum in Breidenbach.

Das ist keine fromme Idee. Das ist eine notwendige Maßnahme. Weil Kirche in Zukunft nicht anders überleben kann. Nicht als Institution, die sich selbst erhält. Sondern als Kirche, die nah bei den Menschen ist.

Die Ängste sind da. Wird das funktionieren? Wie finanzieren wir das? Was, wenn’s schief geht?

Aber auch die Hoffnung. Die Chance, was Neues entstehen zu lassen. Einen Ort, wo Gemeinde wirklich Gemeinde ist. Nicht nur in Sonntagsgottesdiensten, sondern im Alltag.

Dabei wollen wir die alten Menschen mitnehmen. Beide Gruppen sind wichtig – die, die was Neues wagen, und die, die die Tradition kennen. Die Tradition ist auch wichtig. Aber sie ist nicht in Stein gemeißelt. Sie muss sich wandeln, wenn sie leben soll.

Alfred Delp, der Jesuitenpater, der im Widerstand gegen die Nazis war und dafür hingerichtet wurde, hat aus dem Gefängnis geschrieben:

„Man muss die Segel in den unendlichen Wind stellen, dann erst werden wir spüren, welcher Fahrt wir fähig sind.“

Wir setzen die Segel. Nicht weil wir so mutig sind. Sondern weil wir keine andere Wahl haben, wenn wir ehrlich sein wollen.

Gott baut sein Reich nicht mit Steinen, sondern mit Menschen.

Und Karl Barth hat es gesagt: „Seid ohne Angst – es wird regiert.“

Nicht von uns. Nicht von Kirchenvorständen. Nicht von perfekten Konzepten.

Sondern von dem Gott, der schon immer auf der Seite derer war, die was Neues wagen mussten.

Dieser Weg ist nicht einfach. Nicht bequem. Er macht einen manchmal unbequem für andere.

Aber er ist frei.

Der gemeinsame Weg ist gemeinschaftlich oder er ist gar nicht.
Niemand kann allein befreit werden.

„Suchet der Stadt Bestes“

Ich bin Autodidakt

Eine Satire

Samstag, Baumarkt. Kellerausbau mit Sauna. YouTube sagt „kinderleicht“.

Vier Stunden später: Dampfsperre an mir, nicht an der Wand. Rigips kaputt. Finger blutig. Aber weiter geht’s! Irgendwann wird das die geilste Sauna ever.

Ich bin nicht nur im Keller Heimwerker.

**Heimwerken an der Inklusion**

Berlin bastelt Bundesteilhabegesetz. Ohne Anleitung. Ohne die Betroffenen zu fragen.

Drei Anträge, um aufzustehen. Fünf Gutachten, um zur Arbeit zu fahren. Wer nicht bürokratiefest ist, bleibt liegen.

Deutsche Gründlichkeit nennen wir das.

Bei meiner Sauna frag ich den Fachmann. Bei Menschen mit Behinderung? „Ach, das krieg ich auch so hin!“

**Heimwerken an der Kirche**

Strukturreform mit Beraterhonoraren. „Kirche von unten“ – von oben gemacht.

Ehrenamtliche brennen aus? Nicht so zimperlich! Früher ging’s auch.

Gottesdienste leer? Fusionieren! Drei Tote sind ein Lebendiger.

Bei 400 Volt hol ich den Elektriker. Bei der Gemeinde? „Haben wir schon immer so gemacht!“

**Heimwerken in der Verwaltung**

Formular. Kästchen. Unterschrift nur persönlich. Dienstags 9-11:30 Uhr.

„Geht das einfacher?“ – Wo kämen wir da hin! Dann könnte ja jeder!

**Das Prinzip**

Im Keller: Sofort Schimmel. Mein Problem.

In der Gesellschaft: Kollaps nach Jahren. Bin dann befördert.

Inklusion gescheitert? „War schon immer schwierig.“
Gemeinden tot? „Strukturwandel.“ 
Demokratie müde? „Wollen halt nicht.“

Die Betroffenen hätten halt bei der Umfrage mitmachen sollen. Von 2019.

Von vorne sieht man’s kaum.

Meine Sauna wird super. Irgendwann.

Wie die Inklusion.

Wie die Kirche.

Wie die Bürgernähe.

Kinderleicht.

Stand 19.01.26

Handwerk hat goldenen Boden

Siehe ich mache alles neu

„Siehe, ich mache alles neu! (Offenbarung 21,5)

Eine Andacht zur Jahreslosung 2026

„Ich mache alles neu“ – das klingt erstmal großartig. Aber wer macht hier eigentlich was neu? Gott? Und wir? Warten wir dann einfach ab, bis er fertig ist?

Johannes schreibt diese Worte in der Verbannung, auf einer griechischen Insel, weggesperrt von den Mächtigen seiner Zeit. Um ihn herum: verfolgte Menschen, die nicht mehr weiterwissen. Und genau denen ruft er zu: Es kommt was Neues! Die alte, kaputte Ordnung hat nicht das letzte Wort.

Das ist kein Vertröstungstext fürs Jenseits. Das ist ein Weckruf fürs Hier und Jetzt.

Denn wenn Gott „alles neu macht“, dann fängt das nicht irgendwann im Himmel an – sondern da, wo Menschen aufstehen und nicht mehr mitmachen beim Alten. Da, wo die Kirche nicht mehr von oben regiert, sondern von unten wächst. Da, wo nicht Hierarchien bestimmen, was richtig ist, sondern Menschen gemeinsam nach Wegen suchen.

Eine Kirche der Menschen – das heißt: Wir warten nicht darauf, dass die Kirchenleitung, die Politik oder sonst wer die Welt neu macht. Wir fangen selbst an. In unseren Gemeinden, in unserem Alltag, auf der Straße.

Das Neue wächst da, wo:
– Menschen mit Behinderung nicht mehr nur „betreut“ werden, sondern selbst mitgestalten
– Geflüchtete nicht über sich reden lassen, sondern mitreden
– Kirchenvorstände nicht nur verwalten, sondern Räume öffnen für alle
– Wir nicht predigen „die da oben sollen mal“, sondern selber anpacken

Gottes „Ich mache alles neu“ ist keine Zauberformel. Es ist eine Einladung. Eine Ermutigung. Ein Versprechen: Du bist nicht allein, wenn du anfängst.

Das Neue ist schon da – in jedem kleinen Schritt raus aus den alten Machtspielen. In jeder Begegnung auf Augenhöhe. In jeder Kirche, die sich nicht an Traditionen klammert, sondern sich öffnet für die Menschen und ihre Fragen.

„Siehe!“ – heißt: Schau hin! Es passiert schon. Vielleicht leise, vielleicht unscheinbar. Aber es passiert. Überall da, wo Menschen nicht mehr akzeptieren, dass es so bleiben muss, wie es ist.

Möge uns 2026 Mut machen, gemeinsam das Neue zu wagen. Nicht weil wir alles besser wissen, sondern weil wir darauf vertrauen: Gott ist bei denen, die aufbrechen.

Kirche der Menschen

Kein Stuhl mehr für Dich


Eine Geschichte aus Mittelhessen

Es war wieder einer dieser trüben Novemberabende, und wer da meint, der November sei nur eine Zeit des Nebels und der Schwermut, der kennt nicht die stillen Gewalten, die in solchen Tagen am Werk sind, wenn Gott den Menschen zur Besinnung ruft und sie doch, wie so oft, nicht hören wollen oder können.

Just zwei Tage nach Buß und Bettag war es geschehen, dass es plötzlich kälter geworden war. Schon an jenem Feiertag selbst, nach der üblichen erweiterten Bibelstunde – die Tersteegen-Konferenz nannte man sie, weil ein Prediger aus Herborn erwartet wurde, der das Evangelium rein und klar auszulegen verstand, wie’s leider nicht alle können oder wollen – hatte es begonnen zu schneien. Erst nur wenig, kleine Eiskristalle, dann in dicken nassen Flocken, die kaum gefallen, dahin schmolzen.

„Z äss Schnieloft i dä Loft“, pflegten die alten Bauersleute dann zu sagen.
Es riecht nach Frost und Schnee in der Luft. Und sie hatten recht, wie die Alten meistens recht haben, wenn sie von Wetter und Zeiten reden, denn sie haben’s erlebt und erfahren, was den Jungen noch bevorsteht.

Zu jener Zeit kam es durchaus vor, dass Väterchen Frost – wie sie ihn nannten, als wär’s ein guter Bekannter – zu Bußtag Einzug hielt und sich erst gegen Ende Februar wieder verabschiedete. Für die Kinder und Jugendlichen eine Freude, gewiss, denn was wissen die von den Beschwerden des Alters! Die Alten aber waren weniger begeistert, war ihre Bewegungsfreiheit doch recht eingeschränkt. Zu Fuß über die frostigen Straßen zum Nachbarn, zu Freunden, und abends zur Spinnstube zu pilgern wurde beschwerlicher. Ansonsten aber war man’s gewohnt, genoss auf seine Weise auch diese ruhige Zeit, in der die Natur ruht und der Mensch Zeit hätte zur Einkehr – hätte, sag ich, denn das Haben und das Tun sind zweierlei Ding.

Autos gab es damals nur wenige im Dorf, und der kleine Bulldog für die Landwirtschaft war eh eingemottet und wartete gemeinsam mit seinen Besitzern auf den Frühling. Das Bauernhaus, von dem ich berichten will, lag an der Chaussee, die den Ort ziemlich in der Mitte teilte. Wohnen, Arbeiten, Mensch und Vieh unter einem Dach – zu der Zeit ganz normal und auch recht so, denn wo der Bauer nicht bei seinem Vieh wohnt, da wohnt er auch nicht recht bei sich selbst.

Nun kamen an jenem Abend zwei Männer die Straße herauf. Der eine im mittleren Alter, der andere schon älter, beide ältlich, bieder, unauffällig – so wie Leute aussehen, die ihr Leben lang ihre Pflicht getan haben und dabei vergessen haben, dass Pflicht und Liebe manchmal zweierlei sind. Die Herren waren als Gemeindeälteste in wichtiger Funktion unterwegs, und wer da meint, es sei eine leichte Sache, über anderer Leute Seelenheil zu wachen, der irrt gewaltig.

„Gi du öschd“, sagte der ältere Herr mit der Halbglatze und ließ dem Gescheitelten den Vortritt.
Geh Du zuerst. Das war Höflichkeit, gewiss, aber vielleicht auch ein wenig Feigheit, denn was sie zu tun hatten, war keine angenehme Sache.

Der Gescheitelte öffnete die Haustüre. Eine Klingel gab es zu dieser Zeit noch nicht – man trat einfach ein, wie’s unter Nachbarn üblich war.

„Z äss imed komme“, stellte der Vater fest, ein älterer Mann, schon ein wenig kränklich, wie’s im Alter kommt, wenn die Last der Jahre schwer wird.
Es ist jemand gekommen.
„Wer wöd da ez noch komme? Im döre Zeid?“
Wer würde da jetzt noch kommen? In dieser Zeit?

Seine Frau, eine Frau jenseits der Vierzig mit gütigem Gesicht und schon ein wenig ergrautem dichtem Haar, strahlte Güte aus, Zuversicht, Verständnis. So sind manche Frauen, die viel erduldet und viel vergeben haben. Sie schwieg, wie’s ihre Art war, aber ihre Augen sahen, was kommen würde.

Die Herren traten ein. Ein wenig peinlich berührt kamen sie gleich zur Sache, denn wer unangenehme Dinge zu sagen hat, der sagt sie am besten kurz.

„Mer wolle de Bicher oblange.“
Wir wollen die Bücher abholen.

*“Welche Bicher?“* fragte der Ehemann, obwohl er’s wohl ahnte.
Welche Bücher?

„Ei de Gesongbicher ausm Vereinshaus.“
Nun, die Gesangbücher aus dem Vereinshaus.

„Worüm da?“
Weshalb denn?

Der Gescheitelte räusperte sich. „Du bäsd seid öwer em halwe Johr ned i der Körche gewesd. Onn id da Biwlstonn sch bole z ganze Johr ned.“
Du bist seit über einem halben Jahr nicht mehr in der Kirche gewesen. Und in der Bibelstunde warst du fast das ganze Jahr nicht.

Der Vater versuchte sich zu rechtfertigen, wie’s Menschen tun, wenn sie im Unrecht sind – oder meinen, im Recht zu sein: „Mer ho doch e Firma, onn die Landwirtschaft mächd sich och ned vom elä.“
Wir haben doch eine Firma, und die Landwirtschaft macht sich auch nicht von alleine.

Aber einer der Ältesten entgegnete streng: „Dos spield kä Roll ned. Anner Leire ho och viel zu du, onn säi trotzdem jeden Donetschdog im Vereinshaus.“
Das spielt keine Rolle. Andere Leute haben auch viel zu tun, und sind trotzdem jeden Donnerstag im Vereinshaus.

Und dann kam der Satz, der wie ein Richtspruch im Raum stand: „Es äss sowieso kein Stuhl fer dich do.“
Es ist sowieso kein Stuhl für dich da.

Kein Stuhl mehr. Was heißt das? Es heißt: Du gehörst nicht mehr dazu. Du bist ausgeschlossen. Die Gemeinschaft, in die du hineingeboren wurdest, will dich nicht mehr. Das ist hart, sehr hart, und wer’s nicht erlebt hat, der weiß nicht, wie schwer es wiegt.

Der Vater schwieg. Was hätte er auch sagen sollen? Er ging zum Küchenschrank, wo obenauf, neben anderen Papieren, zwei Gesangbücher lagen. Er händigte sie dem korrekt Gescheitelten aus und bemerkte nur kurz: „Dä.“
Da.

Die drei Ältesten nahmen die Bücher schweigend in Empfang. „Da genacht. Mei bere fer dich“, sagten sie und gingen.
Gute Nacht. Möge Wir betenfürDich – das sagten sie, aber ob Gott wirklich mit jemandem ist, wenn die Menschen ihn ausschließen, das ist eine andere Frage.

Die Mutter hatte die ganze Zeit geschwiegen, wie’s Frauen oft tun, wenn Männer ihre starren Regeln durchsetzen. Aber als die Haustür ins Schloss fiel, sagte sie betrübt: „Vadder äich ho dersch schoo immer gesod. Du gesd viel ze wing i de Stonn.“
Vater, ich habe es dir doch schon immer gesagt. Du gehst viel zu wenig zu den Stunden.

Der Vater, müde und verletzt: *“Lässt mich domed de Owed i rih.“*
Lass mich doch diesen Abend in Ruhe.


Nun könnte ich’s dabei bewenden lassen und den Leser mit seinen Gedanken allein lassen. Aber es gehört zur Wahrheit, dass man auch sagt, was aus den Menschen wurde, von denen man erzählt.

Der Winter kam, wie vorausgesagt, und legte sich schwer übers Land. Der Vater arbeitete weiter, wie er’s immer getan hatte – in der Firma, auf dem Hof, bei den Tieren. Die Arbeit wartete nicht, ob einer zur Kirche ging oder nicht. Man grüßte ihn noch auf der Straße, kaufte bei ihm, redete übers Wetter. Aber zu den Donnerstagabenden im Vereinshaus kam keine Einladung mehr.

Die Mutter ging weiterhin zur Bibelstunde, allein nun. Sie saß auf ihrem Platz, sang aus ihrem Gesangbuch. Die anderen Frauen nickten ihr zu, redeten mit ihr. Aber es war nicht mehr wie früher. Eine unsichtbare Wand war da.

Und der Stuhl im Vereinshaus? Der stand nicht mehr da. Man hatte ihn weggeräumt, Platz gemacht für andere. So war’s Brauch: Wer nicht kam, dessen Platz wurde vergeben.

Der Vater nahm’s hin. Er war nicht der erste, dem dies geschah, und würde nicht der letzte sein. Die Ordnung der Gemeinde war streng. Aber ob sie auch recht war, das steht auf einem anderen Blatt, und darüber mag jeder denken, wie er will.

Unser Kreuz hat keine Hacken

Für Deborah

Liebe Deborah, liebe Geschwister, ich stehe hier als Armin Herzberger.

Ich spreche ausdrücklich kein Grußwort. Ich mag keine Grußworte
Vielmehr möchte ich dir, liebe Deborah, noch etwas sagen.

Deborah erzählt in ihren Predigten oft Geschichten. Gute Geschichten, sinnstiftende Geschichten, biblische Geschichten, Geschichten aus dem Leben. Geschichten aus ihrem Leben.
Ich liebte diese Geschichten. Wann immer es ging war ich dabei wenn Sie Gottesdienste eierte

Ich möchte euch heute auch eine Geschichte erzählen.
Eine Geschichte, die mir wichtig ist.
Eine Geschichte, über die mich seit meiner Konfirmandenzeit bis heute berührt.

Sag mal Rabbi, wer ist denn der Nächste?
Jesus gab keine direkte Antwort.
Er erzählte eine Geschichte:
Ein Jude war auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho.
 Er wird blutig geschlagen, ausgeraubt und bleibt auf dem Weg liegen.
Ein Priester, der vorbeikommt, geht weiter.
Ein Levit, der ebenfalls vorbeikommt, geht weiter.
Dann kommt ein Samariter. Ein Fremder.
Viele Leute mögen ihn nicht.
Aber er bleibt stehen. Er hilft.
Er verbindet die Wunden.
Er bringt ihn in ein Gasthaus.
Er bezahlt für ihn. Er sagt, kümmert euch um ihn, ich komme wieder und bezahle, was noch fehlt.

Jesus fragt, wer ist der Nächste?
Die Antwort ist
Der, der geholfen hat.
Jesus sagt
Dann mache es genauso.

Was Jesus mir durch dieses Gleichnis zeigen, wollte:

  • Gott fragt nicht nach Religion oder Herkunft.
  • Gott fragt: Wer hilft?
  • Die wichtigen Leute haben versagt.
  • Der Priester und der Levit kannten die Regeln.
  • Aber sie gingen vorbei.
  • Sie schauten weg.
  • Der Samariter war ein Ausländer.
  • Viele Menschen mochten ihn nicht.
  • Aber er half.
  • Helfen ist wichtiger als fromm sein.
  • Es reicht nicht, in die Kirche zu gehen.
  • Es reicht nicht, schöne Worte zu sagen.
  • Wir müssen etwas tun für mehr Gerechtigkeit.
  • Alle Menschen sind gleich viel wert.
  • Egal woher sie kommen.
  • Egal welche Religion sie haben.
  • Egal ob sie arm oder reich sind.
  • Gott will, dass wir zusammenhalten.
  • Besonders mit Menschen, die ausgegrenzt werden.
  • Besonders mit Menschen, die keine Macht haben.
  • Besonders mit Menschen, die wir vergessen haben
  • Gottes Welt beginnt, wo wir Unrecht bekämpfen.
  • Wo wir Brücken bauen statt Mauern.
  • Wo wir teilen, statt immer mehr anzusammeln und nicht mehr bereit sind zu teilen.
  • Wo wir menschlich sind statt gleichgültig.

    Nach einer Predigt im Januar fragte ich Deborah:
    sag mal:
    Reicht suchen?
    Du hast geantwortet, suchen reicht vollkommen. Mit offenem Herzen.

    Das hat mich tief berührt.
    Mir ist dann das, was ich im Kopf hatte, ins Herz gerutscht.

Im Februar wurde meine Frau plötzlich schwer krank.
Sie wäre beinahe verstorben.

Im Laufe der folgenden Monate wurde meine Frau wieder gesund. Gott sei Dank

Ich spürte ich kann jetzt glauben
an einen Gott.
der mich hört,
mich hält,
mich führt,

Kein strafenden Gott,
sondern ein Gott, der mich liebt.

Dafür Deborah,
für Deine Seelsorge
für Deine Gebete
danke ich Dir von ganzem Herzen.
Gott segne Dich!
Und Deine Familie.

Abschiedsgottesdienst
der evangelischen Kirchengemeinde Oberdieten
für Deborah Kehr
am 28.09.25

Sachliche Analyse: Evangelikalismus und Körperfeindlichkeit

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Mit @claude.ai bearbeitet

Bei sorgfältiger Prüfung recht passabel.