Eine Geschichte über Schuld und Vergebung
Es war wieder einer dieser trüben Novemberabende, und wer glaubt, der November sei nur eine Zeit des Nebels und der Melancholie, der versteht nicht die tiefen Kräfte, die an solchen Tagen wirken – Kräfte, die die Menschen zur Besinnung aufrufen, auch wenn sie meist nicht hören oder nicht hören wollen.
Nur zwei Tage nach Buß- und Bettag war es geschehen, dass die Kälte spürbar wurde. Bereits an jenem Feiertag, nach der üblichen erweiterten Bibelstunde – die Tersteegen-Konferenz genannt, da ein Prediger aus Herborn erwartet wurde, der das Evangelium klar und rein zu verkünden verstand, was nicht jeder vermag – hatte der Schnee begonnen zu fallen. Zunächst nur leicht, in Form kleiner Eiskristalle, dann fiel er als dicke nasse Flocken, die kaum den Boden berührend schnell schmolzen.
„Z äss Schnieloft i dä Loft“, pflegten die alten Bauersleute zu sagen.
Es roch nach Frost und Schnee in der Luft. Und sie hatten recht, denn wie man oft bei den Alten sieht, wissen sie, wovon sie sprechen – sie haben das Wetter erlebt und die Zeiten durchlebt, die den Jüngeren noch bevorstehen.
Zu jener Zeit kam es häufig vor, dass Väterchen Frost – so nannten sie ihn, als wäre er ein alter Bekannter – am Bußtag Einzug hielt und sich erst gegen Ende Februar wieder zurückzog. Für die Kinder und Jugendlichen war das sicherlich eine Freude, denn sie waren sich der Beschwerden des Alters nicht bewusst. Die Alten hingegen waren weniger begeistert, da ihre Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt war. Der Weg zu Fuß über die frostigen Straßen zu Nachbarn, Freunden und abends zur Spinnstube wurde zunehmend beschwerlich. Aber man hatte sich daran gewöhnt und genoss in gewisser Weise auch diese besinnliche Zeit, in der die Natur zur Ruhe kam und der Mensch die Möglichkeit zur Einkehr hatte – hätte, denn das Haben und das Tun sind zwei verschiedene Dinge.
Autos gab es damals nur wenige im Dorf, und der kleine Bulldog für die Landwirtschaft war längst eingemottet und wartete gemeinsam mit seinen Besitzern auf den Frühling. Das Bauernhaus, von dem ich berichten möchte, lag an der Chaussee, die den Ort genau in der Mitte teilte. Wohnen, Arbeiten, Mensch und Vieh unter einem Dach – zu jener Zeit war dies ganz normal und auch recht so, denn wo der Bauer nicht bei seinem Vieh wohnt, da verweilt er auch nicht recht bei sich selbst.
An jenem Abend traten zwei Männer die Straße hinauf. Der eine im mittleren Alter, der andere älter, beide wirkten unscheinbar – so wie Menschen, die ihr Leben lang ihre Pflicht erfüllt haben und dabei vergessen haben, dass Pflicht und Liebe oft zweierlei sind. Diese Herren waren als Gemeindeälteste in einer bedeutenden Rolle unterwegs, und wer meint, es sei eine leichtfertige Angelegenheit, über das Seelenheil anderer zu wachen, irrt sich gewaltig.
„Gi du öschd“, sagte der ältere Herr mit der Halbglatze und ließ dem Jüngeren den Vortritt. Gehe Du zuerst. Dies war Höflichkeit, gewiss, aber vielleicht auch ein Zeichen von Unsicherheit, denn was sie vor hatten, war alles andere als angenehm.
Der Jüngere öffnete die Haustür. Eine Klingel gab es zu jener Zeit noch nicht – man trat einfach ein, wie es unter Nachbarn Brauch war.
„Z äss imed komme“, stellte der Vater fest, ein älterer Mann, dessen Gesundheit schon ein wenig angeschlagen war, wie es im Alter oft der Fall ist, wenn die Last der Jahre schwer wird.
Es ist jemand gekommen.
„Wer wöd da ez noch komme? Im döre Zeid?“
Wer würde jetzt noch kommen? Zur später Stunde?
Seine Frau, eine Frau über vierzig mit einem gütigen Gesicht und bereits ein wenig ergraut, strahlte Güte, Zuversicht und Verständnis aus. So sind viele Frauen, die viel erduldet und vergeben haben. Sie schwieg, wie es ihre Art war, aber ihre Augen sahen das bevorstehende Unheil.
Die Herren traten ein. Etwas verlegen kamen sie direkt auf den Punkt, denn wer unangenehme Dinge zu sagen hat, tut dies am besten ohne Umschweife.
„Mer wolle de Bicher oblange.“
Wir wollen die Bücher abholen.
„Welche Bicher?“ fragte der Ehemann, obwohl er es wohl schon ahnte.
Welche Bücher?
„Ei de Gesongbicher ausm Vereinshaus.“
Nun, die Gesangbücher aus dem Vereinshaus.
„Worüm da?“
Weshalb denn?
Der Jüngere räusperte sich. „Du bäsd seid öwer em halwe Johr ned i der Körche gewesd. Onn id da Biwlstonn sch bole z ganze Johr ned.“
Du bist seit über einem halben Jahr nicht mehr in der Kirche gewesen. Und in der Bibelstunde warst du fast das ganze Jahr nicht.
Der Vater versuchte sich zu rechtfertigen, wie es Menschen tun, wenn sie im Unrecht sind – oder meinen, im Recht zu sein: „Mer ho doch e Firma, onn die Landwirtschaft mächd sich och ned vom elä.“
Wir haben doch eine Firma, und die Landwirtschaft kümmert sich nicht allein um sich selbst.
Aber einer der Ältesten entgegnete mit strenger Stimme: „Dos spield kä Roll ned. Anner Leire ho och viel zu du, onn säi trotzdem jeden Donetschdog im Vereinshaus.“
Das spielt keine Rolle. Andere Leute haben auch viel zu tun, und kommen dennoch jeden Donnerstag ins Vereinshaus.
Dann folgte der Satz, der wie ein harter Richtspruch im Raum schwebte: „Es äss sowieso kein Stuhl fer dich do.“
Es ist kein Platz mehr für dich.
Kein Stuhl mehr. Was bedeutet das? Es bedeutet: Du gehörst nicht mehr dazu. Du bist ausgeschlossen. Der Gemeinschaft, in die du hineingeboren wurdest, wird deine Anwesenheit nicht mehr gewünscht. Das ist hart, extrem hart, und wer es nicht erfahren hat, der kann die Schwere solcher Worte nicht erahnen.
Der Vater schwieg. Was hätte er dazu auch sagen sollen? Er ging zum Küchenschrank, wo obenauf, neben anderen Papieren, zwei Gesangbücher lagen. Er reichte sie dem formal korrekt wirkenden Jüngeren und sagte lediglich: „Dä.“
Da.
Die drei Ältesten nahmen die Bücher schweigend in Empfang. „Da genacht. Mer bere fer dich“, sagten sie und gingen.
Gute Nacht.
Wir beten für dich
Das sagten sie, aber ob Gott tatsächlich bei jemandem ist, wenn die Menschen ihn aussschließen, bleibt eine andere Frage.
Die Mutter hatte während des ganzen Vorfalls geschwiegen, wie es Frauen oft tun, wenn Männer verbindliche Regeln aufstellen. Doch als die Haustür ins Schloss fiel, äußerte sie betrübt: „Vadder äich ho dersch schoo immer gesod. Du gesd viel ze wing i de Stonn.“
Vater, ich habe es dir schon immer gesagt: Du gehst viel zu wenig zu den Stunden.
Der Vater, müde und verletzt: „Lässt mich domed de Owed i ruh.“
Lass mich bitte diesen Abend in Ruhe.
Ich könnte an dieser Stelle einfach aufhören und den Leser mit seinen Gedanken allein lassen. Aber es gehört zur Wahrheit, auch zu berichten, was aus jenen Menschen wurde, von denen ich erzähle.
Der Winter kam, wie vorausgesagt, und legte sich schwer über das Land. Der Vater arbeitete weiterhin, wie er es immer getan hatte – in der Firma, auf dem Hof, bei den Tieren. Die Arbeit wartete nicht, egal ob jemand in die Kirche ging oder nicht. Man grüßte ihn noch auf der Straße, kaufte bei ihm ein, sprach über das Wetter. Doch zu den Donnerstagabenden im Vereinshaus kam keine Einladung mehr.
Die Mutter besuchte weiterhin die Bibelstunde, nun allein. Sie nahm ihren Platz ein, sang aus ihrem Gesangbuch. Die anderen Frauen nickten ihr zu, unterhielten sich mit ihr. Doch es war nicht mehr wie früher. Eine unsichtbare Wand war zwischen ihnen.
Und der Stuhl im Vereinshaus? Er war nicht mehr vorhanden. Man hatte ihn entfernt, um Platz für andere zu schaffen. So war der Brauch: Wer nicht erschien, dessen Platz wurde neu vergeben.
Der Vater akzeptierte dies. Er war nicht der erste, dem das widerfuhr, und würde gewiss nicht der letzte sein.
Die Ordnung der Gemeinde war straff, doch ob sie auch gerecht war, bleibt eine andere Frage, und darüber kann jeder nach eigenen Maßstäben urteilen.