Eeluwes

Ölofen
Eine Hommage an Jakob den klugen Wirt (R.i.P)

Jakob (der Fersenhalter) ringt mit dem Engel

Die in der folgenden Erzählung handelnden Personen existieren so nicht. Das gilt auch für die beschriebenen Orte.
Es liegt keinesfalls in der Absicht des Verfassers, einzelne Personen bloßzustellen oder sie in Ihrer Lebenweise, Ihrer Lebenseinstellung, Ihrer Überzeugung oder Ihrer religiösen Auffassung zu kritisieren oder gar parteiisch zu bewerten.

Im Gegenteil. Der Verfasser schreibt hier vor dem Hintergrund einer großen Zuneigung und Liebe gegenüber den Menschen, Ihrer Lebensweise und der Art und Weise wie sie Ihr Leben gestalten, wie Sie ihr Leben bewältigen, ist er doch höchstselbst ein Kind dieser Region, dort geboren, zu Schule gegangen, Herangewachsen, Familie gegründet und immer noch gerne dort lebend.

Wichtig ist ihm Dinge zu beschreiben, die er so empfunden, er so erlebt hat und welche Rückschlüsse er daraus für sein eigenes Leben gezogen hat.
Dabei bemüht er sich durch sprachliche Überzeichnungen, humorvolle und satirische Stilelemente, seine Leser zu interessieren und zu unterhalten.

Nichts aber auch überhaupt nichts liegt ihm daran eine „heimattümelnden“ kitschigen Wiedersprüche nivelierende Erzählweise zu pflegen, die subjektiv empfundene Wiedersprüche, Ungleichheiten sowie Benachteiligungen zukleistert oder gar leugnet.

Mitten im Dörfchen, gleich da wo die beiden Bäche zusammenflossen befand sich eine niedrige Brücke.
Sie bot dem einen kleineren Bach nur recht wenig Raum zum durchfließen. Im Herbst, bei Dauerregen und Sturm, im späten Winter bei der Schneeschmelze, konnte die alte Brücke die Wasserflut nicht mehr fassen.
Dann dann verwandelten sich beide Bäche in reisende Gebirgsbäche und überspülten mitunter die Hauptstraße.Gleich links von der Brücke befand sich eine Gaststätte, besser gesagt eine Eckkneipe. Diese war schon über hundert Jahre in Familienbesitz, nun bereits in der dritten Generation. Dort zapfte man ein prickelndes, schmackhaftes Pilsbier mit herbem Charakter, gebraut von einer Brauerei, gleich sechs Kilometer entfernt, die nur dieses eine Bier braute.
Und, Schnäpse gab es, wie damals üblich, Wacholderschnaps, Doppelwachholder, Korn und ein Destillat welches sich „Frucht“ (Obstler) nannte.

Speisen gab es nicht, nun ja, auf Bestellung und das eher wiederwillig, eine heiße Mettwurst mit Roggenbrot und einem Klecks Senf, aber nur dann wenn der örtliche Metzger geliefert hatte.
Zu besonderen Anlässen, zum Beispiel kurz vor Weihnachten oder zwischen den Jahren, erfuhr diese übersichtliche Speisekarte eine erstaunliche Erweiterung.
Auf besonderen Wunsch, bereitete der Wirt dieses Mettwürstchen auf eine ganz besondere Art zu.

Die Bestellung lautete dann so:
„Jakob“ (nennen wir Ihn so) mach mer mohl e Öluwes“ Die lässt sich schwerlich in hochdeutsche Sprache übersetzen.
Der geneigte Leser möge dies verzeihen ,es ergibt sich im Verlauf der weiteren Erzählung, Sinn und Inhalt dieser Bestellung.

Über viele Jahre hin war diese Eckkneipe der Treffpunkt vieler Handwerker und Bauern der umliegenden Dörfer und Weiler.
Hochbetrieb herrschte bei Wilhelm vor allem dann wenn die Handwerker und Arbeiter Feierabend hatten und auf dem Nachhauseweg noch einen oder auch zwei Schoppen trinken wollten
Das war an Werktagen zumeist zwischen vier und sechs Uhr Nachmittags.
Maurer, Dachdecker, Zimmerleute, Schlosser, Schweißer, fast immer in den dafür zur Verfügung gestellten Fahrzeugen, ankommend, betraten das Lokal dann, durstig, in Ihren Arbeitskleider die Lokalität.
Einige stumm, graugesichtig, die Mundwinkel zusammen gepresst, mit hängenden Schultern.

Andere, zumeist Dachdecker, Zimmerleute in ihrer Zunftkleidung, die Maurer in blauen unvermeidlichen Arbeitsjäckchen, oft ausgefärbt, zerschlissen und geflickt. Sie kommen oft laut, polternd, schimpfend, fluchend, derbe Witze reisend. „Jakob breng ins gläich e Herrengedeck! Oder bässer gläich zwoo. Meer hoo Daschd.“ (Bringe uns bitte gleich ein Herrengedeck (Bier und Korn) Oder besser gleich zwei. Wir haben Durst.) Es riecht nach Männerschweiß, Zigarettenqualm, Bierdunst, Ölofen und ein bisschen nach Urin, befindet sich das Männerklo doch gleich neben der Gaststube.

Eine Frauentoilette gibt es nicht.
Es war eine durchweg paternalistische Männergesellschaft die sich dort traf. Mädchen und Frauen waren fast nie zugegen, waren aber in Gedanken und Männer-Phantasien zugegen, was oft dadurch zum Ausdruck kam sich irgendwelche „schmutzigen“ frauenfeindliche Witze zu erzählen um anschließend in grölendes Gelächter auszubrechen.
Deshalb vom Grunde auf frauenfeindlich? Oh nein, daß sind Sie nicht.
Diese Witzchen über Mädchen und Frauen, wenn auch rau und ungehobelt vorgetragen, lassen oft auch eine Scham, eine zurückhaltende Scheu, eine subtile Angst vor Frauen erkennen.
Als Beleg dafür mag die Beobachtung gelten, dass viele junge Männer in heiratsfähigen Alter, Junggesellen bleiben, umgelenke, tapsige Hagestolze, die, wenn sie einem attraktiven weiblichen Wesen begegnen, verstummen, oder anzüglich derbe werden.
– – –
Ein durchgängig patriarchalisch orientierte Dorfgemeinschaft, so wie es nach den soeben verfassten Schilderungen zu vermuten wäre, war diese Gesellschaft aber eher nicht.
Eine kleine Anekdote, an dieser Stelle eingefügt, möge diese Behauptung untermauern:

Immer an Samstagen, an hohen kirchlichen Feiertagen wurde gebadet. Das galt als Dogma.
Alle badeten. Erst die Großeltern. Danach die Kinder und und schließlich im selben Badewasser, die Eltern.
Zuvor schon, war die frische Unterwäsche von der Mutter für alle Familienmitglieder, auch für den Vater zurecht gelegt worden. In diesen Zeiten badete man grundsätzlich nur einmal in der Woche, nämlich Samstag Abend.
Nun könnte man sagen:
Die Frau des Hauses, die eh schon mit der mühsamen Arbeit in Haus und Hof belastet, muß nun auch noch die frische Wäsche welche Sie auch mühsam gewaschen hat, für den Herrn des Hauses zurecht legen. Der Ehemann als Familienoberhaupt, als Pascha?
Nur bedingt.
Würde er nämlich die Initiative ergreifen und seine Kleidung für Sonntags selbst aussuchen, käme es unweigerlich zum Eklat:
„Vadder du wääd doch wohl nedd ii dörer Läwerie ( vermutlich französisch: Blanchisserie = Wäsche) ii der Körche gieh?“ (Vater Du willst doch nicht wirklich in dieser Kleidung zum Gottesdienst gehen?) so die Gattin.
Könnte es sein, daß durch diesen Brauch, eine allmähliche, eine schleichende Hospitalisierung des Mannes erreicht wird, die man unter Umständen als eine Entthronung, eine subtile Entmachtung des Mannes betrachten kann?

Vollkommen unselbständig gemachte Männer, die nicht mehr Lage sind ihren Alltag zu bewältigen, weil sie über Jahrzehnte bedient wurden?

Eine subtile eher unbewusste Machtausübung benachteiligter Frauen gegenüber dem Manne der bis zur Übergriffigkeit vollversorgt wird?

Die Frauen zur damaligen Zeit erschienen ihm zumeist bodenständig, alltagsklug, selbstbewusst und tonangebend. Sicher war das auch dem Umstande geschuldet, daß durch die Abwesenheit der Ehemänner vor allem in den Sommermonaten, weil diese sich als Saisonarbeiter hauptsächlich im Siegerland verdingen mussten, dies mühsame Arbeit in Haus und Hof alleine stemmen mussten.
– – –
Die Männer kommen alle in Ihren Arbeitsklamotten zum Jakob wie man sagte. Keiner dachte daran sich vorher umzukleiden.
Ihre Arbeitskluft zeigte, wie körperlich schwer und anstrengend die Arbeit ist. Die Gesichter, wettergegerbt, manchmal auch gerötet, zuweilen auch ein wenig aufgedunsen. Von Statur sind alle kräftig, die Arme muskulös, die Schultern breit. Viele auch mit beachtlichen Bierbäuchen ausgestattet.
Sie reden über Fussball, gewesene Feuerwehr Einsätze, Politik im allgemeinen, Kommunalpolitik im Besonderen.
Klischees werden bedient. Stammtischparolen werden gedroschen. Zuweilen mitgebrachte Lehrlinge, „Stifte“ genannt, meist still und verdruxt am Bier nippend, werden wie gewohnt, auf den Arm genommen, veräppelt, zuweilen auch bloßgestellt.
„Lehrjahre sind keine Herrenjahre!“ sagt man Ihnen.
Sie ertragen es, stoisch lassen sich nichts anmerken und denken an Ihre zukünftige Gesellenzeit. Dann werden Sie sich rächen, aber nicht an Ihren damaligen Peinigern, sondern an den „Stiften“ die Ihnen nachfolgen.
So war es wohl schon immer.

Nun ja die freiwillige Feuerwehr im kleinen Dörflein.
Wer Mitglied der freiwilligen Feuerwehr war, ob aktiv oder passiv der war auch immer Gast bei Wilhelm. Ein Automatismus der sich aus Tradition und Gewohnheit nährte und nicht unwesentlich das soziale Leben im Dorf bestimmte.
Die Feuerwehrkameraden unter sich, ein Mikrokosmos für sich.
Sie haben eine gemeinsame Mission. Menschen die plötzlich in Not sind zu helfen, zuweilen unter Einsatz der eigenen Gesundheit, des eigenen Lebens.
Das ist nobel, vorbildlich und, für die Feuerwehrkameraden sinnstiftend. Aus dieser Kameradschaft ergaben sich auch eine Fülle weiterer gemeinsamer Freizeitinteressen. Wechselseitige Einladungen der umliegenden Feuerwehren zum Würstchenbraten, Schlachtessen, örtlichen Feuerwehrfesten, regionalen Feuerwehrtagen und so fort.
Würstchen, Spießbraten, Schlachtplatten waren die deftige und schmackhafte Grundlage für den Genuss des regional gebrauten Gerstensaftes, und der anderen hochprozentigen geistigen Getränke.
Das war rundweg vergnüglich, kurzweilig. Streitereien, die sich von alter Zeit her aus Rivalitäten der Dörfer untereinander nährten und zuweilen in kleineren Prügeleien untereinander endeten, aber nie wirklich zu ernsthaften, folgenreichen Auseinandersetzungen führten.
Oft so gegen halb sechs am Abend öffnete sich die Türe der Gaststube. Ein stattlicher großgewachsener Herr in grüner Uniform betrat die Bühne.
Stolz, erhobenen Hauptes, ein wenig arrogant trat er in die Mitte des Raumes. „Nabend allerseits.“
Ohne Umschweife setzte er sich auf immer denselben Stuhl an einem Biertisch der, zwar nicht ausdrücklich für Ihn reserviert war, der aber dennoch solange freiblieb bis er höchstselbst dort Platz nahm. Er brauchte sein Bier nicht zu ordern.
Jakob der Wirt zapfte bereits an dem hellen Blonden für Ihn.
Er trug eine grasig grüne Uniformjacken mit jeweils zwei silbernen Eicheln nebeneinander auf den Schulterstücken.
„Dä Föschder ess doo.“ (Der Förster ist gekommen) bemerkte ein Waldarbeiter am Nachbartisch, der mit seinen schwieligen roten zerkratzten Händen zum Glase griff und dem Herrn Oberförster, nun nennen wir Ihn Roderich Brei, zuprostete.
Der aber hatte sein Bier noch nicht und nickte nur beiläufig.
Jakob der Wirt, dessen feste Überzeugung es war ein gut gezapftes Pils dauere sieben Minuten um zur Vollendung zu kommen brachte Ihm schließlich sein Bier samt Bierdeckel.
Das dünne Kelchglas trug am untersten Rand seines Stieles eine blütenweiße ganz dünne saugfähige Papiermanschette, um den überlaufenden Schaum des edlen Gerstensaftes gegebenenfalls aufzusaugen. Gekrönt von einer beachtlichen weißen Schaumkrone glitzerte das Pils in bernsteinfarbenen Gold. Feine Fäden aus winzigen Kohlensäurebläschen durchzogen das edle Nass.
Nie mehr sah er so ein perfektes Pilsgetränk.

Er reichte es Roderich, erst den Bierdeckel, dann den Kelch und sprach tonlos, kaum hörbar: „Zmm Wohl.“ Roderich nickte nur und hob den Kelch zum Munde um zu trinken.

Nach ein bis zwei Bieren, löste sich dann die Zunge des Herrn Oberförster Roderich Brei.

„Ich bin ein Wirtschaftsmann. Der Wald ist das Kapital für die kommenden Generationen.
Ich kann Euch sagen, die Gemeindeverwaltung, schlimm, lauter Sesselfurzer, verdienen eine Haufen Geld, wir müssen sie bezahlen. Keine Ahnung und immer eine große Klappe.
Und dann, seit neuestem diese grünen Käferzähler und Vogelschützer. Alles Spinner. Vorlaute Lehrerkinder, unerzogene Pfarrerskinder, noch nie was vernünftiges gearbeitet.
Und wir müssen die durchfüttern. Eine Schande.
Und die wollen uns auch noch regieren.
Früher, da gab’s sowas nicht!“

Einige Gäste nickten Ihm liebedienerisch zu, andere hoben das Glas und skandierten: „Jawolll“.
Andere blickten gelangweilt in Bierglas.
Wenige verzogen missbilligend Ihr Gesicht wendeten um und kommentierten: „Du Schwätzer.“ Jakob der Wirt hörte am Zapfhahn stehend zu und sagte schließlich, als der Disput allmählich abflaute: „Häsde gehäd ich menn nur“ Was schwerlich und nur sinngemäß zu übersetzen wäre: (Ich habe zugehört. Ich meine ja nur.)
Es kann vermutet werden, das Er damit sagen wollte.
„Jeder kann hier seine Meinung frei äußern, Ihr müsst euch nur vertragen.“

Immer schon hing ein Holztäfelchen an der Stirnwand, für jeden zu lesen, gegenüber der Theke auf dem geschrieben stand:
„Ein guter Gast ist niemals Last.“

Jakob der Wirt. Ein lebenskluger Mann, geprägt durch ein entbehrungsreiches Leben, als Soldat im Kriege durch Schicksal, Not und Angst.

Er jedoch, ebenfalls durch Biergenuss ein wenig enthemmt fühlte sich persönlich angegriffen und wurde zornig. Eifrig versuchte er sachliche Argumente für die beginnende Ökologie- und Umweltschutzbewegung der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu finden, was ihm jedoch nur ansatzweise gelang.
Er verhaspelte sich in der eigenen Argumentationskette, würde immer lauter und heftiger.

Sehr schnell verbündeten sich fast alle gegen ihn:
„Wos wäd du da du Bläss. Kää Ahnung voo nix. Lann öscht mo woss rechdijes. Da kinn mer wäirer schwädse.“
(„Was bist du denn für ein Hanswurst. Du grüner Junge. Verliere erst mal deine Eierschalen und werde trocken hinter den Ohren. Lerne erst Mal was richtiges. Dann können wir weiter reden.“)

Nun schaltete sich der kluge Wirt ein und sagte im ruhigen Tone:
„Du bäst enn oole Hezebletz. Genau wie Kottches Schöwerdägger. Derbäsde gesde jezz hääm. Kimmst da mann wörer.“
(Du bist ein alter Heißsporn. Genau so wie ein entfernter Vorfahre von dir aus dem neunzehnten Jahrhundert. Am besten gehst Du nun nach Hause. Morgen kannst Du gerne wiederkommen.)

Er nahm Jakobs Vorschlag an, zahlte und ging wütend und beleidigt nach Hause.

An einem anderen Nachmittag, so gegen drei Uhr Nachmittags an einem Freitag im frühen Frühling.
Er 16 Jahre jung befand sich auf dem Weg zu Jakobs Kneipe.
Nicht um dort Bier zu trinken, was er eher selten tat. Vielmehr war er auf dem Weg zu Jakbs Sohn, nennen wir Ihn Robert, der mit Ihm gemeinsam eine weiterführende Schule besuchte.
Sie hatten die Absicht die Hausaufgaben gemeinsam zu erledigen und für die anstehende Mathematikarbeit zu lernen.

Dabei überquerte er erneut die besagte niedrige Brücke. Weitere zehn Schritte geradeaus. Links nun das Treppenportal zu Jakobs Kneipe. Von zwei Seiten zu begehen, fünf Stufen hinaus. Nun befand sich direkt auf Augenhöhe die schwere lerchenhölzerne Eingangstür mit ihrem beim öffnen unverwechselbaren Geräusch…… *

Die sich gelegentlich ergebenden Übungsstunden im Fach Mathematik waren für Ihn zwar recht nützlich aber auch gelegentlich unerquicklich.
Konfrontierte sie ihn doch mit der zweifelsohne richtigen Feststellung, die Roberts große Schwester, nennen wir sie Babette, welche die beiden Jungen bei den Übungsstunden beaufsichtigte wie folgt ausdrückte:
“ Innser Robert ess im Rechen viel bässer wie du.“
(Mein Bruder Robert beherrscht das Fach Mathematik besser als Du es jemals vermögen wirst.)

Dennoch, in jener großen Küche vollzog sich das ganze bunte Familienleben dieser Gast- und Landwirtsfamilie, nebst allem was die Gaststätte betraf, war doch die Gaststube direkt nebenan und nur durch eine Schiebetür von jener großes Wohnküche getrennt.

Babette die Älteste der Geschwister, war schon seit Jahren in die Fußstapfen des Vaters getreten und damit auch schon in jungen Jahren die allseits geachtete Nachfolgerin und Wirtin in spe geworden.

Eine kluge, attraktive junge Frau, resoluter Natur, ohne jemals grob oder unhöflich zu sein.
Zuweilen, eher selten, erkundigte sich ein meist auswärtiger Gast nach der Speisekarte.

Die gab es nicht, war auch nicht notwendig.
Was Babette anbieten konnte, war ein Mettwürstchen, kalt oder warm.
Ließ ein Gast sich darauf ein, eilte Babette aus der Gaststube in die Küche, griff in den Kühlschrank und holte besagtes Würstchen heraus, bei Warmbestellung, fluchs in eine kleine Stielkasserolle, kaltes Leitungswasser dazu, auf die kleine Flamme des Gasherdes gestellt.

Das Mettwürstchen ins kalte Wasser gegeben. Zehn Minuten köcheln lassen schon fertig.
Babette inzwischen erneut auf der Gaststube kommend, geht zum Küchenschrank entnimmt dort ein Kuchentellerchen. Es ist aus weißem Porzellan mit einem Rosenmuster um den Tellerrand. Sie entnimmt das Würstchen aus dem siedenden Wasser. Vorsicht dann mit der Gabel auf das besagte Kuchentellerchen.
Auf dem noch siedenden Wasser schwimmen kleine Fettaugen.
Der feine Duft von frisch gebrühter Wurst breitet sich aus.
Babette nimmt nun eine Tube Löwensenf extra scharf aus dem Kühlschrank.
Ein kleiner gelber Fleck davon auf das Kuchentellerchen. Ganz an den Rand desselbigen.
Nun stellt Sie alles auf die silberne Abtropffläche der Spüle, auf der auch eine dunkelblaue Spülmittelflasche Marke Pril ihren festen Platz hatte. Das Gedeck war jedoch noch nicht vollendet.
Erneut wendet sie sich ab. Gleich linker Hand befand sich ein weißes Küchenschränckchen, direkt in gleicher Höhe wie der Gasherd.
Die Türe dieses Schränkchens war in der Mitte sowie gleich oben links und rechts mit bunten Prilblumen beklebt. Sie bildeten damit ein lustiges Dreieck auf der Oberfläche des sonst weißen Türchens.

Sie öffnete diese bunt beklebte Türchen. Sogleich entströmte von dort der typische Geruch von Sauerteigbrot. So war es auch.
Ganz unten lag, mit der Schnittseite nach unten, sorgfältig lose bedeckt mit einem sauberen Küchentuch aus Baumwolle, bunt kariert, ein zur Hälfte durchgeschnittenes Bauernbrot mit glatter Krumme, die wiederum einen matten schwärzlich brauen Glanz abgab.

Babette hob den halben Laib des Bauernbrotes heraus und legte Ihn auf die Abtropffläche der Spüle.
Nun mittels eines besonderen Mechanismus, ganz trickreich klappte Sie die Brotschneidemaschine aus demselben Schränken heraus.

Und so stand Sie da, in all ihrer funktionellen Pracht.
Auf einer graumelierten Bodenplatte war das Exponat fest verschraubt.
Die Flanken, der Messerschutz in weiß, schon ein wenig bestossen von häufigen Gebrauch.
Die Kurbel, mittels der das große runde Schneidemesser in Drehung versetzt wurde,l chromfarben.
Der Griff der Kurbel ganz in schwarz, aus Bagelitt gefertigt.
Babette bückte sich ein wenig und nahm das zur Hälfte angeschnittene Bauernbrot aus dem Brotschränkchen.
Sie legte das Trockentuch, mit dem das Brot eingewickelt war zu Seite, legte den halben Laib auf die Schneideseite der Brotmaschine an der rechten Hand, drückte den Laib nun umsichtig an das runde Schneidemesser und begann, links an der Kurbel zu drehen.

Dies alles vollzog sich mit einer vollkommenen Routine, ohne Eile, ruhig, sachlich, konzentriert.
Die runde Schneide begann sich zu drehen, und glitt mühelos in die Laibhälfte hinein.

Das dabei entstandene Geräusch war ein zweifaches, gleichzeitiges.
Das Zahnrad zwischen Kurbel und Schneiderad ratterte leise, gleichförmig und zuverlässig.
Die Schneide, sobald sie ins Brot einschnitt, zischte leise, gleichzeitig aber auch ein rutschender Klang, so als ob eine leinerne Tischdecke nach Gebrauch von Wohnzimmertische gezogen würde.

Die so erzeugte Bodder (Brotscheibe) war etwa acht Millimeter dick, nierenförmig von Gestalt. Die Krume feinporig, graubraun, die Kruste eher dünn und schwärzlich braun.
Ihr Duft, säuerlich, brotig, so wie Roggenbrot eben riecht wenn es nicht mehr ganz frisch, seit zwei bis drei Tagen im Brotschränkchen liegt, um auf seinen Verzehr zu warten.

Nun nahm Sie eine bereitliegende Besteckgabel, wandte sich nach links und spieste das nun zur Vollendung gebrachte Mettwürstchen damit auf, legte es sorgsam auf das schon mit Senf versehene Kuchentellerchen.
Die gerade aufgeschnittene Scheibe Brot dazugelegt.
Das Werk war vollendet.

Gabel, Messer und eine Serviette waren zum genussvollen Verzehr in der Gaststube nicht notwendig, so verzichtete Babette auch darauf.

Im dunklen Winterhalbjahr, vor allem über die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr, war die Gaststube schon nachmittags gut gefüllt.
Handwerker, Waldarbeiter, Steinmetze, Steinbrucharbeiter, Zimmerleute Dachdecker und Maurer machten „Schlechtwetter“ und „stempelten“ (meldeten sich zeitlich befristet witterungsbedingt arbeitslos).

Den meisten Männern war diese „Zwangspause“ hochwillkommen und oft auch bitter notwendig.
Die schwere Arbeit unter freiem Himmel, die nebenher noch betriebene kleine Landwirtschaft hauptsächlich zur Selbstversorgung, forderte ihren Tribut.

Das Gelächter der Männer, die lauten Stimmen, die oft grobe zuweilen umgelenke Konversation, das Hämmern der Würfelbecher, die Ansagen beim Skat, (Kontra, Re onn noch en Buuwe droff), gedämpfte Radiomusik, immer (HR 3), die populistischen Stammtisch Parolen, der Bier und Zigarettendunst all das ist ihm in Erinnerung.

Von Spätnachmittags bis tief in die Nacht zechte rauchte man. Eine Runde nach der anderen würde „geschmissen“.
Zur Speise gab es wie bereits berichtet Mettwürstchen mit Löwensenf und einer Scheibe Roggenbrot.

Allerdings gab es, das soll dem geneigten Leser nun nicht mehr vorenthalten werden, während dieser besonderen Winterzeit eine kulinarische Besonderheit:
Der Durst immer noch nicht gestillt, bestellen viele beim Wirt wie folgt:
„Jogeb meer hoo n Honnger wie n Beer!
(Jakob ich habe großen Hunger)
Mach mer mool zwoo Öluwes“

Wilhelm schmunzelte dann wissend, verließ die Gaststube durch die Schiebetür gleich hinter dem Tresen.
Nach einer kleinen Weile kam er zurück und trug zwei sorgfältig in Butterbrotpapier eingewickelte Mettwürstchen bei sich.
Mit Bedacht, noch wenige Schritte, hob er nun das schwere Abdeckgitter des großen Ölofens an und legte die beiden verpackten Würstchen auf die gusseiserne Ofenplatte, das Abdeckgitter wieder an ihren vorherigen Platz.

Ein leises, verheißungsvolles Zischen war sogleich zu vernehmen.

Ein Weilchen später dann, das eine oder andere weitere Pils war inzwischen getrunken, öffnete sich laut vernehmlich die Eingangstüre.

Ein großer kräftiger Mann trat herein. Es war, nun nennen wir Ihn „Eduscho“ seit Jahrzehnten Stammgast bei Jakob.
Dieser Augenblick des eintretens, alle blickten zu Ihm auf, berührte Ihn sichtlich peinlich. Kaum vernehmlich murmelte er „Nabend“, sein Blick irrte hin und her, suchte einen Anhaltspunkt, fand aber keinen. Stattdessen nahm er seine jagdgrüne Schirmmütze, vom fast kahlen Kopfe und legte sie auf die Hutablage der Garderobe, die bereits übervoll war mit den Wintermännermänteln der Gäste.

Dann ging er, immer noch verlegen, schwerfällig zur Theke und wartete wortlos.
Eine Bestellung war auch nicht notwendig. Jakob kannte die Vorlieben seiner Gäste.

Er trug eine Kniebundhose aus jagdgrünem grobem Cord. Dazu einen selbstgestrickten Pullover mit Zopfmuster.

Eduscho nahm das fertig gezapfte Pils von der Theke, führte es zum Munde, trank durstig.
Nun setzte er die Pilstulpe wieder ab. Seiner Kehle entführt nun ein, kaum hörbares unterdrücktes Rülpsen.
Willi hat inzwischen das uhrenglasförmige Schnapsglas bis am den Rand gefüllt.
Wieder dieses tonlos „Zmmm Wohl“. Herr Eduscho nahm das Gläschen, gefüllt mit „Doppelwachholder“ und kippte, wo wie es sich gehört, das edle Destillat, mit einem mal in durstige Kehle, schluckte zweimal. Seine Gesichtszüge entspannten sich sogleich. Sichtliches inneres Wohlwollen zeigten sich auf seinem Antlitz.
Immer noch an der Theke stehend wendete er seinen Kopf nach rechts. Dort stand, wie gesagt der große wärmespendende Ölofen.
Seine Mimik veränderte sich plötzlich. Ein jungenhaftes, spitzbübisches lächeln eroberte seine Gesichtszüge.
Lediglich eine kleine Bewegung mit seinem stattlichen Podex nach rechts, setzt er sich geradewegs auf den warmen Rost des Ölofens, blickt nach oben und grinst.
Die Mettwürstchen zischen ein letztes mal.
Ring gedämpftes „Wutsch“, dann ein vernehmlicheres Bruzeln.
Augenblicklich beginnt es nach knuspriger Bratwurst zu duften.
Alles lacht. Laut, mancher mit verrauchter heißerer Stimme.
Jakob, souverän wie immer:

„Der Eeluwes säi faddich. Ehr Jonge, ezz kinder ääse.“
(Die Ölofen Grillwürstchen sind zubereitet.
Guten Appetit die Herren.)

* ….Immer noch befand er sich sich direkt in Augenhöhe der schweren lerchenhölzernen Eingangstüre zu Jakobs Kneipe mit ihrem beim öffnen unverwechselbaren Geräusch.

Er wendete seinen Blick. Auf der gegenüberliegenden Seite der schmalen Dorfstraße wenige Meter bergan befand sich ein Bauernhaus, eng an die dahinterliegende Anhöhe geschmiegt. Im rechten Winkel gleich rechts daneben die Scheune. Nochmals dann erneut im rechten Winkel wieder links eine erneutes dazugehöriges Wirtschaftsgebäude, als zusätzliche Scheune mit einem Schweinestall im Parterre zu erkennen.
Für einen Bauernhof im Klippdachsland mit seinen kargen Böden und seinen kalten und langen Wintern, ein recht stattliches Gehöft.
Aber dies ist wieder eine andere Geschichte…….
„Mox continues“ (Wird fortgesetzt).

Wieviel wiegt ein Kilo Schnee?

Er war steht’s in tadelloser gekleidet.
Schlank, recht groß von Statur, graues Haupthaar, markantes Gesicht, betonte Kinnpartie.


Eine attraktiver Mann im besten Alter.
Steht’s moderne Krawatte, weißes Hemd sehr gut sitzendes Jackett meistens in hellen Grautönen, Die Hose dazu passend, elegant eng geschnitten in der Regel ein wenig heller als das Jackett. Der Gürtel zur Hose immer elegant, echtes Leder niemals auffällig.
In seiner ganzen Erscheinung elegant, seriös aber nie konservativ.
Alles in allem eine sympathische Erscheinung.


Vor allem die Frauen konnte er bezaubern.
Es wurde berichtet, das weibliche Mitarbeiterinnen, verließen Sie besprechungshalben sein Büro immer ganz glücklich und leuchtenden Augen die Stufen herunterschwebten. Dies soll keinesfalls despektierlich gemeint sein.
Er wirkte auf seine Weise, nun man kann sagen in einem gewissen Sinne charismatisch.


Ein Machtmensch, nein das war er nicht. Vielmehr liebte er die öffentlichen Auftritte um zu gefallen, um sein Ego zu streicheln.
Dann glänzte er, redete verständlich benutzte keine Fremdwörter, steht’s souverän und elegant im Auftreten.
Er liebte es die Zustimmung zu fühlen, steigerte seine Freundlichkeit noch und kam um so besser an. Er umgarnte seine Zuhörerschaft die Ihn dafür bewunderten.
Seine innere Anspannung verbarg er. Nur gelegentlich auftretende Schweißflecken unter den Achseln zeugten davon. Aus diesem Grunde vermied er steht’s sich bei solche Auftritten seines Jacketts zu entledigen.


Auf Kritik hingegen reagierte er äußerst dünnhäutig. Er verlor sehr schnell seine Kontenence, es bröckelte merklich, von smartem souveränem Auftreten blieb nichts.
Er wurde laut, verletzend, persönlich, drohte.


Wagt man, nach Fritz Riemann eine Einordnung seiner Persönlichkeit wäre folgendes zu konstatieren:


Hysterische Persönlichkeiten
 Sie erfreuen sich, wie Riemann es nannte, an dem „Zauber des Neuen“, suchen das Risiko, streben nach Freiheit und Veränderung und haben besondere Freude daran, Unbekanntes zu entdecken. Wird dieses Streben überwertig, stellen sich Angst vor Endgültigkeit und Unausweichlichkeit, vor Notwendigkeiten und Begrenztheit ein. Charakteristisch für diese Persönlichkeiten ist ein „kurzer Spannungsbogen“.Jeder Impuls, jeder Wunsch muss möglichst sofort befriedigt werden, weil Warten unerträglich ist. Darin liegt ihre große Verführbarkeit – sie können Versuchungen schwer widerstehen.
Mit einer „erstaunliche[n] Naivität“ würden diese Menschen an Patentlösungen und gern auch Wunder glauben, weil sie helfen, einer Wirklichkeit zu entkommen, die Grenzen setzt und die Freiheit einschränken kann. Über die Konsequenzen eigenen Tuns mögen sie sich keine Klarheit verschaffen und neigen dazu, sich ihnen ideenreich zu entziehen. Pünktlichkeit und planvolles Handeln halten sie für kleinlich, Verantwortungsübernahme für verzichtbar und den unverkennbar die eigene Endlichkeit anzeigenden Alterungsprozess versuchen sie durch jugendtümliches Verhalten und entsprechende Kleidung zu verleugnen. In ihrer Angst versuchen diese Menschen möglichst alles in der Schwebe zu halten und für relativ zu erklären. Und weil sie dem Augenblick den Vorzug vor Kontinuität geben, spielen sie Rollen und laufen Gefahr, eines Tages nicht mehr zu wissen, „wer sie selbst sind“.

In der Liebe seien hysterische Persönlichkeiten nach Riemann leidenschaftlich und fordernd, stets auf grenzüberschreitende Erfahrungen bedacht, aber wenn sie allein sind, langweilen sie sich schnell. Als Partner sind sie phantasievoll und verspielt, doch selten treu. In ihren Beziehungen könne der hysterische Mensch sein Gegenüber nicht als eigenständig anerkennen, sondern versteht ihn als „Spiegel, in dem er sich als liebenswert gespiegelt sehen will“. Es finde sich eine Neigung zur narzißtischen Partnerwahl, weil im Partner gesucht wird, was im Selbst nach Bestätigung verlangt.

Aggression stehe bei hysterischen Persönlichkeiten im „Dienst des Geltungsstrebens“. Diese Menschen rivalisieren und konkurrieren gern. Sie wollen andere Menschen beeindrucken und übertreiben dabei nicht selten. Weil Selbstkritik und Selbstkontrolle nicht zu ihren Stärken gehören, sind sie auch in ihrem aggressiven Verhalten recht impulsiv und ungesteuert. In Auseinandersetzungen überrumpeln sie gern und würden, so Riemann, nach dem Motto Angriff ist die beste Verteidigung handeln. Wegen ihres leicht störbaren Selbstwertgefühls sind sie schnell kränkbar und reagieren auf subjektiv erlebte Kränkungen recht heftig, auch mit Vorwürfen, die mit der Sache nichts zu tun haben.“ Quelle: Fritz Riemann Grundformen der Angst 1974

An einem kalten Novembernachmittag. Es ist zugig und nasskalt in den Straßen der Stadt. Ein kalter Wind weht von Nordost die städtische Durchgangsstraße entlang. Er treibt nasse Schneeflocken vor sich her. Der vor Tagen schon gefallene Schnee liegt schwer und schmutzig zusammengeschoben am Strassenrand und auf den Gehsteigen.
Eine Autoschlange bewegt sich träge die Strasse entlang. Ein Lindwurm bunt in allen Farben zwischen gelb und rot flackernd.
Im festen Rythmus stoppt er zuweilen an Ampelanlagen um sich dann wieder ebenso träge in Bewegung zu setzen.
Abgasschwaden wabern aus den Auspuffanlagen von Autos und Bussen. Es riecht nach unverbranntem Diesel, Teer, und zuweilen wiederlich nach Ammoniak der den Kanaldeckeln entsteigt. Es ist dieser typische Stadtgeruch der in den Wintermonaten vielen Innenstädten eigen ist.


Nun, dunkles Sakko, hellere Beinkleider, weißes Hemd, Krawatte passend, ein hellbrauner dezent gemusterter Schal, modisch drapiert um den Hals.
Wie immer perfekt gekleidet, erscheint er.
Er hatte das gegenüber liegende Parkhaus benutzt um seinen Dienstwagen zu parken. Links bei Ihm eingehängt, eine junge Frau sehr attraktiv, brünett mit einem modischen Mäntelchen gekleidet, ein dezenter Pelzbesatz umrahmten die Kapuze, die Sie keck zur Hälfte über Ihren hübschen Kopf gezogen hatte.
Das Pärchen unterhielt sich angeregt, zuweilen blickten Sie sich an und lächelten.


Über die Brücke hinweg, links ein Kinogebäude, ganz in Glas, in postmoderner Grossstadt Architektur gestaltet.
Es war diese Form der Architektur, die sich immer mehr breitmachte um auch in der Provinz einen großstädtischen Flair zu suggerieren.
Ein Architektur bei der die Wirkung auf den Hinschauenden im Vordergrund stehen soll.
Also nicht:
Form follows function, sondern im Gegenteil, Function follows Form.
Eine Architektur die auf Wirkung auf den Menschen ausgelegt ist. Ob sich Menschen in so einem Gebäude wohlfühlen ist zweitrangig.


Rechts gleich daneben ein Dönerladen der eher gehobenen Klasse.
Nun nur noch behende über die vielbefahrene Durchgangsstraße.


„Hallo Wilfried, das ist also unser neues „Frontoffice“. Passt wunderbar. Schön groß. Ebenerdig viel Laufkundschaft. Muss innen noch was umgebaut werden, mach am Sonntag Mal einen Plan.“


Grundsätzlich pflegte er Mitarbeiter mit dem Vornamen anzureden. Namensverwechslungen kamen dann häufig vor, so auch in diesem Falle.
Sein Blick dabei ununterbrochen auf das ebenerdige großzügige Ladenlokal.


„Was ist denn mit dem „Backoffice“? Backoffice ist wichtig sehr wichtig. Verwaltung und Kunden müssen getrennt sein, immer. Und hier:“ Er wieß dabei auf die Ladenfront.

„Koperateidenidie“ noch wichtiger. Wo wir drauf sind, da müssen wir auch drin sein.

Ganz wichtig, ist früher immer vernachlässigt worden, ich hab da schon was, vorigen Sonntag ausgedacht, ist schon beim Grafiker, der muss nicht mehr viel dran machen.“
Wilfried nickte, seine charmante Assistentin lächelte.


„Los geht’s, wo ist das Backoffice und der Ladenbesitzer wo ist er? Der Herr D. Ist im dritten Stock, er wartet dort auf uns.
„Also auf geht’s!“


Wilfried öffnete gleich links neben der Ladenfront eine Glastür. Bitteschön“
Sie betraten ein geräumiges Treppenhaus, erbaut im Stil der 70er Jahre, mit den unvermeidlichen Treppenstufen aus geschliffenem Terazzostein.
Die Atmosphäre dort wirkte muffig, spießig, gewöhnlich, was auch  mit die Glasbausteinen zu tun hatte, die ebenfalls verbaut waren und nur ein diffuses, dämmriges Licht hineinließen.
Wieder rechts zum Aufzug.
Die Türe öffnete und schloss sich mit jenem üblichen schleifenden Geräusch.
Alle hinein, es wurde eng.
Sofort breitete sich der Duft seines teuren Rasiewassers aus, unterlegt mit dem Parfüm seiner Assistentin, das eher grasig mit einem Hauch von Moschus angenehm wahrgenommen werden könnte Beide Düfte zusammen ergaben jedoch irgendwie eine Mischung von Geruch erzeugte der irgendwie halbseiden daherkam. Sowas von, mehr scheinen als sein. Wilfried blickte zu Boden, seine Assistentin lächelte.

Lassen wir Fritz Riemann nocheinmal zu Worte kommen:

Für die Entstehungsgeschichte hysterischer Persönlichkeitsmerkmale warf Riemann, wie auch für die anderen Persönlichkeitsstrukturen zunächst einen Blick auf Faktoren, die als anlagebedingt angenommen werden können. Er ging davon aus, eine verstärkte emotionale Ansprechbarkeit und ein erhöhtes Geltungsbedürfnis könnten ebenso angeboren sein wie ein besonders ausgeprägter Wunsch, sich mitzuteilen. Auch könnten Eigenschaften beteiligt sein, die in der Regel auf Sympathie stoßen. Ansonsten wird auf Erkenntnisse der Psychoanalyse verwiesen, nach denen insbesondere die Zeit zwischen etwa dem vierten und sechsten Lebensjahr und die währenddessen gesammelten Erfahrungen Einfluss auf den Umfang hysterischer Strukturelemente in der Persönlichkeit nehmen. Mehr als in den davor liegenden Zeiten der Entwicklung spielen hier Vorbilder aus der Welt der Erwachsenen eine zentrale Rolle. Die Frage, wie sie mit den Eigenarten des Kindes und seinem Stolz, aber auch der inzwischen gereiften kindlichen Kritik umgehen, beeinflusst die Möglichkeiten des Kindes, sie als Vorbilder anzunehmen und von ihnen zu lernen, oder sie zurückzuweisen. In dem Maß, in dem das Kind in dieser Zeit, in der „das Bedürfnis nach Führung und Vorbildern am stärksten ist“, mit diesen Wünschen im Stich gelassen wird, entwickelt sich eine mehr oder minder stark ausgeprägte hysterische Persönlichkeitsstruktur oder es wird gar die Grundlage für eine spätere hysterische Erkrankung geschaffen. Eines der Risiken dieser Menschen besteht darin, sich einerseits aus der Identifikation mit ihren Vorbildern oder andererseits aus der Rebellion gegen sie nicht lösen zu können und darin gleichsam stecken zu bleiben. Das hindert sie an der Entwicklung einer eigenständigen, unabhängigen Identität, ggf. auch ihrer Geschlechtsrolle.
Quelle: Fritz Riemann Grundformen der Angst 1975 – Wikipedia

Die Aufzugtüre öffnete sich. Im Treppenhaus, wartete bereits der Eigentümer.
„Darf ich vorstellen, das ist………. .“ bemerkte Willfried sehr verhalten, kam damit aber nicht weiter.


„Da ist ja der Chef, hab’s mir schon gedacht. Gestatten Waghals mein Name. Hans Adolf Waghals, der Hauptgeschäftsführer von dem Ganzen hier.“


„Herzliche Willkommen Herr Waghals…… . Ich bin der Eigentümer dieser Immobilie hier…… .


„O danke. Hab ich gleich gesehen, daß Sie der Chef sind.
Die Immobilie passt genau zu uns.
Muss noch einiges geändert werden. Kein Problem für uns. Telefoniere gleich mit unserem Fäksiliti Manager. Der hat seine Leute für sowas.
Ach ja die Miete. Darüber müssen wir noch verhandeln.“


Ein Stück vom Aufzug noch bis zu einer verschlossenen Türen.
„Ach hier die Türe, breit genug. Passt ein Rollstuhl durch. Barrierefrei. Das ist wichtig. Herr Schnäpflein (diesmal den Nachnamen verdreht) gleich aufschreiben.“


Unter der zuvor verschlossenen Türen erstreckte sich ein großer Raum, annähernd 100 Quadratmeter groß.
„Oh super genau die richtige Größe für uns Backoffice. Ich sage Ihnen: Wer heute nicht expandiert hat schon verloren.“
Dabei blickte er aus dem großen Fenster auf ein vorgelagertes Flachdach. Es war mit reichlich nassem Schnee bedeckt.
Der Vermieter, froh auch etwas beitragen zu können, verwies auf die gestiegene Dachlast bei solchen winterlichen Witterungsverhältnissen.
Ah ja das kenne ich. Wir haben NRW weit viele Häuser, auch solche mit Flachdach. Da muss man handeln. Nasser Schnee ist schwer.
Herr Schnäpflein schauen Sie gleich mal auf dem Computer nach. Bei Google oder so:
WIEVIEL WIEGT EIN KILO SCHNEE…….. ?“

Wieviel wiegt ein Kilo Schnee

Anmerkungen zum Text:

Es handelt sich hierbei um eine metaphorische Erzählung. Das Adjektiv metaphorisch bedeutet, dass eine Formulierung in übertragener Bedeutung und somit bildlich verwendet wird und dass etwas Metaphern gebraucht, wie etwa ein Text oder eine Rede und demnach vom Einsatz der Stilfigur geprägt ist. Dies kann als metaphorischer Stil bezeichnet werden.

Die beschriebenen Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Personen wären rein zufällig.

Aarmagedon

Wieder mal eine methaphorische kleine Erzählung. Ähnlichkeiten mit noch lebenden Personen wären rein zufällig.

Der leitende Angestellte.
Bewohner des Klippdachslandes und als solcher ein typischer männlicher Vertreter dieser Gegend.
Er war groß und schlank. Die Haare bereits zurückgewichen, nach Grossvater Art gekämmt.
Damit die blanken Stellen notdürftig kaschiert sind.
Die ganze Erscheinung verdruxt, verschämt voller unentdeckter Momente von unbewältigter Vergangenheit.
Schüchtern, menschenscheu, misstrauisch bis hin zu Verhaltensweisen die sich kaum erklären lassen.
Ein Mensch sozialisiert in engem bildungsfernen Milieu eines Bauerndorfes.
Zu jeder Zeit unpassend gekleidet. Nicht im auffälligen Sinne, sondern so, das eigentlich nichts zu Ihm passte.
Die Schimanskijacke genauso wenig wie die hellbraune Wildlederjacke, die unpassenden Pullover steht’s in grellen Farben, meist rot.
„Der Rotrock ist wieder da.“ bemerkte eine Mitarbeiterin einmal treffend, als er mit dunkelroter Windjacke bei einer herbstlichen Grillparty erschien.
Es schien als ob er niemandem in die Augen schauen konnte.
Nicht teamfähig, geschweige denn einer Führungsaufgabe gewachsen, die auf interne Kommunikation, im Interesse der Kundschaft, auf Durchlässigkeit und schlanke Hirarchien angewiesen ist.
„Ich bin Techniker.“ Wie er sich selbst charakterierte. „Ich betrachte die Dinge immer ganz praktisch.“
Er selbst hielt sich für einen Menschenkenner.
„Wenn ich jemanden einstellen will brauche ich nur eine Minute um zu wissen wie der tickt, ob der zu gebrauchen ist oder nicht, ob der zu uns passt oder nicht.“
Sein Technikerwissen ergänzte er mit einem wild zusammengewürfelten Sammelsurium aus Halbwissen, gespickt mit Elementen aus einem weltabgewandten, menschenfeindlichen Evangelikalismus der reaktionärsten Sorte. Im Pläne machen, wie er immer sagte, war er ziemlich gut. Aber was für Pläne, welche Art von Plänen?
Im Nachhinein betrachtet dienten sie nur einem Zweck. Machtgewinnung und Machterhalt unglaublich präzise angelegt.
Langfristig  ohne jemals direkt in Erscheinung tretend. Auf eine rücksichtslose Weise hinterhältig. Gefühlsarm, kalt, bindungslos.
Er schaffte es Menschen aus seiner näheren Umgebung, für sich fühlen zu lassen. Darauf war er angewiesen.
Auch darauf, daß Menschen für Ihn redeten, um seine Pläne und Absichten unter die Leute zu bringen. Sie rethorisch so zu verpacken, dass die kalte Absicht einer bloßen Machtsicherung und Machtausweitung nicht sichtbar würde.
Das konnte er besonders gut. Geradezu perfekt.
Wofür aber, für welchen Lohn.
Für keinen Lohn, jedoch aus schierer, roher, purer Angst vor Ihm. Vor seiner verdeckten Hinterhäligkeit.

‚Traue niemals einem Menschen. Der Mensch ist vom Grunde her schlecht, er ist böse von Jugend an, abgrundtief schlecht.
Vertraue nur auf Gott.“

Er fror dann plötzlich, von innen heraus, ein Gefühl von Kälte ging durch Mark und Bein.
Was hatte ihn bewogen einem solchen Menschen so viele Jahre dienstbar zu sein. Ein regnerischer, dunkler Novembermorgen gegen 07:00 Uhr.

Das Büro, beim anknipsen der Beleuchtung, grell, kalt, nichts was abmildern würde. Jeder Gegenstand zeigt sich in solch einem Lichte schonungslos, lässt keine Interpretation der Wirklichkeit zu, ist sie deswegen die Wahrheit.

Jedoch, was ist Wahrheit? Muss Wahrheit denn nicht einen Ort haben, um im humanistischen Sinne, in der jeweiligen Situation, wahr zu werden?

Die Wahrheit so nackt, so ungeschminkt, so grell, so aufdringlich, nicht den geringsten Spielraum mehr lassend. „Das kann doch nicht sein?“ dachte er sich.

„Wahrheit um der bloßen Wahrheit Willen, die darf es nicht geben. So eine Wahrheit wäre unmenschlich, grausam, menschenfeindlich.“

Sind es die Priester der absoluten Wahrheit, sind es die Gralshüter des Status confessionis, die die Menschheit immer wieder an den Rand des Abgrundes geführt haben?

Das kalte Licht eines Büros, zweckmäßig aber seelenlos. Der Geruch aus Reinigungsmitteln, Aktenstaub und säuerlich riechendem Speichels der von der Hörermuschel des Telefons vom vielen hineinsprechen entströmt.

Dann, urplötzlich, er hatte noch nicht einmal hinter dem Schreibtisch platzgenommen, wurde die Glastüre aufgerissen. Er stürzte hinein, machte noch in der Türe stehend halt. Dies geschah ganz gegen seine Gewohnheit, war er doch sonst eher auf leisen Sohlen unterwegs, freie Flächen meistens, lieber an der Wand lang sich bewegend.

Seine Augen weit aufgerissen, ja fest bebend sprach er, gepresst, ja panisch:

Arramagedon, Aarmagedon, das Ende der Welt bricht an … !!!

Aarmagedon

Die Küche

Das erste Auto war ein dunkel rot lackierter VW Käfer. Der war über einen Freund der Familie günstig erstanden worden. Keine 100 Mark, wie sein Vater sagte. Käfer typisch der Geruch in inneren des Fahrzeugs. Ein bisschen nach Fußschweiß mit einer Note von kaltem Zigaretten Rauch und nach Benzin. Am deutlichsten hervortretend aber der Geruch von verbranntem Gummi. Alle Käfer Autos litten in ihrem fortgeschrittenem Alter an immer desselben Krankheit. Die Heizung ließ sich nicht mehr abstellen.
Der Hebel eingerostet, die Lüftungsklappen verhakelt. Im Winter sehr nützlich, aber nur begrenzt ihrer eigentlichen Bestimmung tauglich, nämlich zu heizen. Vor allem die winterlich gefrorene Windschutzscheibe taute man damit nie auf.
Zum Gummigeruch gestellte sich, noch oft scharf in der Nase stechend, der Geruch von Säure. Salzsäure aus der Autobatterie die sich unter der Rücksitzbank befand.
Damals, es war Herbst, schon dunkel. Er fuhr mit Vater in Richtung Herrenbrunnen. Der hatte versprochen einem befreundeten Ehepaar bei Renovierungsarbeiten zu unterstützen. Vater war ein handwerkliches Allround Talent.
Immer wenn ein Handwerker gefragt war, Vater war stets zur Hilfe bereit. So auch an jenem Abend.
Dort angekommen, geklingelt, was für uns schon eine Ausnahme war, weil dort wo Vater und Sohn lebten alle Haustüren gewöhnlich immer offen standen. Günter öffnete. „Guten Abend, schön das Ihr gekommen seid, hereinspaziert.“

Günter mit seiner Frau Kritzel, die mir sogleich einen Kakao anbot, sind beide Darbysten.

Sie betraten die Küche. Helles Neonlicht blendete ihn sofort. Es roch nach Erbsensuppe, vom Abendessen.
Typische Kochküche der 1960er Jahre. Viel zu klein zu eng. Kein Küchentisch.
Nur eine ausziehbare Resopal- Platte, Farbe weiß die zum Essen diente. Keine Küche zum Leben, zum Wohnen zur gemeinsamen Essen und trinken. Blitzsauber, steril und ohne Seele. Wie geschaffen sich Nahrung zuzuführen. Vater war schnell fertig. Küchenschränkchen aufhängen, Leiste ziehen. Fertig. „Willst Du was trinken?“ „Nein, muss noch Fahren.“. „Was essen?“ „Sind schon satt, haben schon zu Abend gegessen.
„Und Du junger Stammhalter“, wie er diese Zuschreibung hasste, Bonbon gefällig?“ „Ja gerne Danke.“ Bayrisch Blockmalz. Schmeckte wiederlich. Nach Küchenschrank, alt, aufdringlich süsslich. Na ja dachte Er sich. „Aus so einer Küche kann’s nicht schmecken.“