Eine Klippdachsland-Geschichte über Frömmigkeit und Gewalt

 Für Uli

Es gibt Erinnerungen, die verblassen mit den Jahren. Und es gibt solche, die bleiben. Die sich einbrennen. Die einen nicht loslassen, auch nach Jahrzehnten nicht.

Die „Alte Versammlung“ gehört zu den Erinnerungen, die geblieben sind.

 

Die Männer mit der verdrießlichen Miene

Es gab sie in jedem Dorf im Klippdachsland. Ältere Herren, immer im dunklen Anzug, immer mit dieser Miene. Verdrießlich. Mürrisch. Als würde ihnen das Leben schwer auf den Schultern lasten.

Sie gehörten zur „Alten Versammlung“. So nannten sich die Darbisten im Klippdachsland. Fromme Leute. Sehr fromme Leute. So fromm, dass sie sich von allen anderen absonderten.

Die lutherische Kirche im Dorf? Abgefallen. Verweltlicht. Verloren.

Die katholische Kirche sowieso? Der Papst war für sie der Antichrist höchstpersönlich.

Nur sie, die kleine Schar der „Alten Versammlung“, hatten die reine Lehre bewahrt. Nur sie würden gerettet werden, wenn Christus wiederkam. Und das konnte jeden Tag geschehen.

Deshalb die verdrießliche Miene. Wer ständig das Ende der Welt erwartet, dem vergeht das Lachen.

Man wartet. Man sondert sich ab. Man züchtigt seine Kinder.

 

Sonntags im Versammlungsraum

Sonntags trafen sie sich. Nicht in der Kirche – Gott bewahre! Sie trafen sich in einem schlichten Raum. Weiß getüncht, kahl, schmucklos. In der Mitte ein Tisch mit einem weißen Tuch. Darauf Brot und Wein. Mehr nicht.

Die Männer saßen vorne. Anzug, Krawatte, Scheitel. Die Frauen hinten, mit Kopftuch. Sie schwiegen. Das war ihre Rolle. Schweigen, gehorchen, dienen.

Wenn der Geist jemanden ergriff – immer einen Mann, versteht sich –, dann stand der auf und sprach. Ihre Reden waren trocken. Voller Bibelstellen. Sie warnten vor der Welt. Sie mahnten zur Zucht.

Zucht. Das war ihr Lieblingswort.

„Wer sein Kind liebt, der züchtigt es.“ Sprüche 13, Vers 24. Die Bibel sage es. Also müsse es wahr sein.

 

Die Kinder, die prügelten

Es gab Kinder im Klippdachsland, vor denen man sich fürchtete. Nicht weil sie größer waren. Nicht weil sie älter waren. Sondern weil sie anders waren.

Sie prügelten nicht aus Lust. Sie prügelten mit System. Mit einer Kälte, die erschreckte.

Es waren Kinder aus der „Alten Versammlung“.

Sie hatten gelernt: Wer schwach ist, verdient Zucht. Wer anders ist, verdient Strafe. Wer nicht gehorcht, verdient den Schlag.

Sie hatten es zu Hause gelernt. Jetzt gaben sie weiter, was man ihnen beigebracht hatte.

Gewalt, die empfangen wird, wird weitergegeben. Das ist so alt wie die Menschheit.

 

Der Zappelphilipp

Es gab einen Jungen, den nannten alle so. Er konnte nicht still sein. Er zuckte und zappelte und störte.

Für die „Alte Versammlung“ war das keine Krankheit. Das war Sünde. Das war Aufruhr gegen Gott und die Ordnung.

Ich war nicht in der Versammlung. Ich wurde nicht geschlagen. Aber ich kenne den Druck, der Kinder klein macht. Aus der Jungschar. Aus dem CVJM. Der Druck hat viele Gesichter.

 

Das Mädchen mit den schönen Augen

Und dann war da das Mädchen mit den schönen Augen.

Meine Schwester. Ein stilles Kind. Ein gutes Kind. Ein Kind, das niemandem etwas zuleide tat.

Sie war auch nicht in der „Alten Versammlung“. Aber sie lebte in derselben Welt. Denselben Erwartungen. Demselben leibfeindlichen, patriarchalen Pietismus.

Mädchen hatten keinen Spielraum. Was Jungen wegstecken konnten — das hat Mädchen zerbrochen.

Und sie war anders. In einer Weise, die die Frommen beunruhigte.

Es gab einen Bruch. Wann genau – niemand weiß es mehr. Was genau – niemand will es mehr sagen.

Vielleicht war es ein Schlag. Vielleicht eine Demütigung. Vielleicht ein Moment, in dem etwas in ihr zerbrach.

Danach war sie nicht mehr dieselbe.

Die Stimmen kamen. Stimmen, die ihr sagten:

Ich bin schlecht.

Ich bin vom Teufel besessen.

Ich lebe in der Hölle.

Die religiöse Verdammung wurde zur Überzeugung. Die Überzeugung wurde zur Krankheit. Die Krankheit wurde zu ihrem Leben.

Seit Jahrzehnten lebt sie im Wohnheim.

 

Darby und Sölle

Es gab einen Mann namens John Nelson Darby. Ein englischer Prediger des 19. Jahrhunderts. Er lehrte Absonderung. Reinheit. Rückzug aus der Welt.

Darby fragte: Wie können wir uns von der bösen Welt absondern?

Dorothee Sölle fragte: Wie können wir Gottes Reich jetzt verwirklichen?

Das ist der Unterschied. Der entscheidende.

Sölle kämpfte für Unterdrückte und bejahte den Körper.

Die Darbisten schlugen ihre Kinder und verdammten den Körper.

Was als Frömmigkeit begann, wurde zur Gewalt.

 

Kirche von unten – aber richtig

Es gibt heute viele, die von „Kirche von unten“ reden. Kreise, die frommer und strenger und enger werden.

Ich warne davor.

Nicht jede Bewegung, die sich „von unten“ nennt, befreit. Manche schafft neue Opfer.

Die „Alte Versammlung“ war Kirche von unten. Klein. Fromm. Entschieden. Und sie hat Kinder geschlagen, Frauen zum Schweigen gebracht, Seelen zerbrochen.

Das ist nicht die Kirche Jesu Christi.

Kirche von unten – aber richtig – das bedeutet: Befreiung statt Bindung. Heilung statt Schlagen. Ja zum Körper. Begleitung der Kranken statt Verdammung.

 

Die besorgten Geschwister

Sie wird besucht. Meine Schwester.

Aber die Geschwister sitzen nicht einfach an ihrem Bett. Sie sind beschämt. Sie haben Angst. Angst, dass ihnen dasselbe widerfahren könnte. Dass der Druck, der sie alle geformt hat, auch sie hätte zerbrechen können.

Vor allem ihr Vater kümmert sich. Er kommt. Er ist da. Vielleicht weiß er, was dieser Druck angerichtet hat. Vielleicht trägt er das mit sich.

Leider ist sie nun nicht mehr zu erreichen. Die Krankheit hat sie zu tief geholt.

Aber Gott behütet sie. Nicht der Gott der Strafe. Sondern der Gott der Gnade.

 

Trotz allem

Und wenn ich an das Mädchen mit den schönen Augen denke,

an die Hölle, in der sie lebt,

an die Stimmen, die ihr sagen: Du bist vom Teufel besessen,

dann bete ich:

 

Herr, erbarme dich.

Nicht über sie.

Sondern über die, die ihr diese Hölle eingeredet haben.

 

Und segne die, die jetzt bei ihr sind.

Die besorgten Geschwister.

Die gelernt haben.

Die da sind.

Trotz allem.

 

Armin Herzberger

Klippdachsland, Februar 2026

 

Diese Geschichte ist wahr. Die Namen wurden geändert. Die Narben sind echt.

Hinterlasse einen Kommentar