Leben wir, so leben wir dem Herrn

Predigt zum ersten Advent

Predigttext (Römer 14,8-12):**

Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei. Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. Denn es steht geschrieben: ‚So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.‘ So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben.“



Liebe Schwestern und Brüder,

„Leben wir, so leben wir dem Herrn“ – das klingt fromm, aber was meint Paulus damit eigentlich? Geht es um Gebete und Gottesdienstbesuche? Um christliche Innerlichkeit?

Ich glaube, Paulus meint etwas anderes. Er fragt: Wem gehört dein Leben? Wofür setzt du dich ein? Was ist dir wichtig?

Wenn ich sage „ich lebe dem Herrn“, dann heißt das: Mein Leben gehört nicht mir allein. Ich lebe nicht nur für mich selbst, für meinen Wohlstand, für meine Ruhe. Ich lebe für etwas Größeres – für Gottes Reich, für Gerechtigkeit und Frieden, für die Gemeinschaft mit anderen Menschen.

Das ist keine Last, sondern eine Befreiung. Ich muss mich nicht ständig selbst beweisen. Ich muss nicht besser sein als andere. Ich darf einfach leben – in der Gewissheit, dass Gott mich trägt, im Leben wie im Sterben.

Wir sind alle gleich vor Gott

„Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.“ Manchmal hören wir das als Drohung. Aber ich denke, Paulus meint es anders.

Er sagt: Vor Gott sind wir alle gleich. Da gibt es keine Unterschiede zwischen Pfarrer und Gemeindeglied, zwischen Kirchenvorstand und Besucher im hinteren Kirchenbank, zwischen denen, die schon immer hier waren, und denen, die neu dazugekommen sind.

Das ist das Herzstück der Reformation: Wir sind alle unmittelbar vor Gott verantwortlich. Luther nannte das „Priestertum aller Gläubigen“. Nicht der Pfarrer steht näher bei Gott als Sie. Nicht die Kirchenleitung hat mehr zu sagen. Wir alle stehen gleich vor Gott.

Das hat Folgen für unsere Gemeinde: Wenn wir alle gleich sind, dann dürfen nicht nur wenige bestimmen, wo es langgeht. Dann müssen wir gemeinsam überlegen, was zu tun ist. Dann ist die Meinung der Reinigungskraft genauso wichtig wie die des Presbyteriumsvorsitzenden.

Hört auf zu richten und zu verachten

„Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder?“

Kennen Sie das? Da kommt jemand nicht mehr so oft in den Gottesdienst, und schon wird getuschelt: „Der hat wohl seinen Glauben verloren.“ Da hat jemand eine andere Meinung zu einer Frage in der Gemeinde, und schon heißt es: „Die versteht das halt nicht.“

Paulus sagt: Hört auf damit! Hört auf zu richten, wer ein „richtiger“ Christ ist und wer nicht. Hört auf zu verachten, wer anders denkt als ihr.

Das geschieht leider auch in unseren Gemeinden. Manche werden nicht ernst genommen, weil sie keine theologische Ausbildung haben. Andere werden überhört, weil sie nicht zu den „Alteingesessenen“ gehören. Wieder andere werden belächelt, weil sie neue Ideen haben.

Aber wer sind wir, dass wir über andere urteilen? Wir stehen alle vor Gott. Und Gott fragt nicht: „Warst du orthodox genug? Hast du die richtigen Lieder gesungen? Hast du oft genug die Bibel gelesen?“ Gott fragt: „Hast du in Liebe gelebt? Hast du für Gerechtigkeit gekämpft? Hast du anderen geholfen?“

Was kann das für uns bedeuten?

„Leben wir, so leben wir dem Herrn“ – was bedeutet das im Alltag?

Ich denke an die Frau, die jeden Sonntag nach dem Gottesdienst beim Kaffee auf die zugeht, die allein am Rand stehen. Sie richtet nicht, sie verachtet nicht – sie lebt dem Herrn, indem sie Gemeinschaft schafft.

Ich denke an den Mann, der im Kirchenvorstand immer wieder fragt: „Was ist eigentlich mit denen, die nicht hier sind? Was brauchen die jungen Familien? Was brauchen die Alleinerziehenden?“ Er lebt dem Herrn, indem er an die denkt, die keine Stimme haben.

Ich denke an die ältere Dame, die sich für den Erhalt der Diakoniestation einsetzt, obwohl sie selbst nicht darauf angewiesen ist. Sie lebt dem Herrn, indem sie für andere einsteht.

Das ist gemeint mit „dem Herrn leben“ – nicht fromme Innerlichkeit, sondern konkretes Handeln für andere.

Keine Hierarchien im Reich Gottes

„Jeder von uns wird für sich selbst Gott Rechenschaft geben.“ Das heißt: Ich kann mich nicht verstecken hinter anderen. Ich kann nicht sagen: „Der Pfarrer hat das so gesagt“ oder „Das haben wir schon immer so gemacht.“

Aber es heißt auch: Ich bin frei. Frei von dem, was andere von mir erwarten. Frei von der Angst, nicht dazuzugehören. Frei, meinem Gewissen zu folgen.

Das war für die Reformatoren zentral: Niemand steht zwischen mir und Gott. Kein Papst, kein Bischof, kein Pfarrer. Ich bin selbst verantwortlich.

Das bedeutet aber auch: Wir brauchen keine kirchlichen Hierarchien, die uns sagen, was wir zu glauben haben. Wir können gemeinsam überlegen, was der Auftrag der Kirche heute ist. Jede Stimme zählt.

Was wird am Ende zählen?

„Alle Knie sollen sich beugen, alle Zungen sollen Gott bekennen“ – das ist die große Perspektive, die Paulus uns gibt. Am Ende wird sich zeigen, was wirklich wichtig war.

Dann wird nicht gefragt: Wie groß war eure Kirche? Wie voll waren eure Gottesdienste? Wie gut war eure Finanzverwaltung?

Dann wird gefragt: Habt ihr euch für die Schwachen eingesetzt? Habt ihr Gerechtigkeit gesucht? Habt ihr Frieden gestiftet? Habt ihr einander angenommen, wie Christus euch angenommen hat?

Das relativiert vieles, worüber wir uns in der Kirche streiten. Die Frage ist nicht: Klassisch oder modern? Orgel oder Band? Liturgisch oder frei? Die Frage ist: Dient es der Liebe? Schafft es Gerechtigkeit? Bringt es das Reich Gottes näher?

Jesus ermutigt uns

Liebe Schwestern und Brüder, dieser Text von Paulus ist keine Drohung, sondern eine Ermutigung.

Er sagt: Ihr seid frei. Frei von der Angst vor menschlichem Urteil. Frei von dem Zwang, es allen recht zu machen. Frei von der Frage, ob ihr „gut genug“ seid.

Aber er sagt auch: Ihr seid verantwortlich. Verantwortlich dafür, wie ihr lebt. Verantwortlich dafür, ob ihr andere richtet oder annehmt. Verantwortlich dafür, ob euer Leben dem Reich Gottes dient.

Das können wir nicht delegieren – nicht an den Pfarrer, nicht an die Kirchenleitung, nicht an die Tradition. Jede und jeder von uns muss selbst entscheiden: Wie lebe ich dem Herrn?

Aber das ist keine Last. Es ist Würde. Gott traut uns zu, verantwortlich zu leben. Gott traut uns zu, für Gerechtigkeit einzustehen. Gott traut uns zu, seine Mitarbeiter zu sein am Reich Gottes.

In diesem Sinne: Leben wir, so leben wir dem Herrn.

Amen.

Die Predigt ist von mir

Mein Freund Claudius KI hat tüchtig dabei geholfen. Danke

30.11.25

Justitia

Ein Plädoyer für den Rechtsstaat

Großer Saal, grell erleuchtet, nüchtern. Ganz hinten, dir zugewandt, Holzbänke mit blauen Polstern. Dann ein schwarzes Absperrband. Es trennt den eigentlichen Verhandlungsraum, der wie vorgeschrieben aufgeteilt ist.


Rechts die Anklage: Staatsanwaltschaft, Nebenkläger, Gutachter, Sachverständige. Links die Bank für den Angeklagten, seinen Rechtsanwalt, einen Dolmetscher bei Bedarf. Dahinter, daneben, ein Polizeibeamter, der den Angeklagten immer im Blick hat.
Justitia hat die Augen verbunden. Mit ihrem linken Arm hält sie eine Balkenwaage. Der rechte Arm trägt ein Schwert. Jeder Arm ist gesenkt.
Justitia blickt vom Wandgemälde stirnseitig, ruhig, sachlich auf das Szenario. Ihr Angesicht zeigt Sachlichkeit. Sie blickt nicht kalt zu uns herab. Nein, eher empathisch. Ihr Mund ist beim genaueren Hinsehen nicht abfällig, nicht arrogant. Weder belehrend noch strafend. Vielmehr liegt darin ein sanftes, zugewandtes Lächeln.
Ich frage: Wer kann ernstlich bezweifeln, dass Deutschland ein Rechtsstaat ist? Sein Wertesystem ist klar erkennbar.

Es sind die humanistischen Werte der Aufklärung: Freiheit, Gleichheit, Solidarität.


Die Rechtsstaatlichkeit zeigt sich im Aufwand. Im großen Aufwand, die Anklage zu bewerten, um ein Urteil zu fällen.
Staatsanwältin, Richterin, zwei Schöffen. Verteidiger. Protokollführerin. Sachverständige, wenn nötig. Dolmetscher, wenn nötig. All diese Menschen versammeln sich, um über das Schicksal eines einzelnen Menschen zu entscheiden.
Stunden, manchmal Tage. Aktenberge. Paragraphen werden geprüft. Präzedenzfälle werden herangezogen. Zeugen werden gehört. Beweise werden gewürdigt.
Das ist Rechtsstaatlichkeit: Die Sorgfalt des Verfahrens. Die Achtung vor dem Einzelnen. Die Bindung an Regeln, die für alle gelten.
Der Angeklagte spricht. Der Verteidiger spricht. Die Staatsanwältin spricht. Jeder kommt zu Wort. Jeder wird gehört. Das Gericht hört zu. Das Gericht fragt nach. Das Gericht prüft.


Die Augen der Justitia sind verbunden – nicht weil sie blind ist, sondern weil sie unparteiisch urteilt. Nicht nach Ansehen der Person. Nicht nach Herkunft. Nicht nach Reichtum oder Armut. Nach dem Recht.
Die Waage in ihrer linken Hand – sie wiegt ab. Schuld und Unschuld. Belastung und Entlastung. Mit Sorgfalt. Mit Geduld.


Das Schwert in ihrer rechten Hand – nicht als Drohung, sondern als Zeichen: Das Recht hat Kraft. Das Recht setzt sich durch. Aber nur nach dem Verfahren. Nur nach der Prüfung. Nur nach dem Abwägen.
Ich sitze als Schöffe. Ich bin kein Jurist. Ich bin Bürger. Ich bringe die Perspektive des Alltags ein. Die Perspektive dessen, der nicht in Paragraphen denkt, sondern in Lebenswirklichkeiten.
Und ich sehe:

Das System funktioniert. Nicht perfekt. Nicht ohne Fehler. Aber es funktioniert. Es nimmt sich Zeit. Es nimmt den Menschen ernst. Es gibt ihm das Recht, gehört zu werden. Es gibt ihm das Recht, verteidigt zu werden. Es gibt ihm das Recht auf ein faires Verfahren.
Das ist keine Selbstverständlichkeit. In vielen Ländern dieser Welt gibt es das nicht. Dort wird verurteilt ohne Verhandlung. Dort gibt es keine Verteidigung. Dort gibt es keine Berufung. Dort gibt es keine Kontrolle.

Freiheit, Gleichheit, Solidarität.

Sie wacht über das Verfahren. Sie erinnert uns daran, wofür dieser Aufwand steht, wofür all die Sorgfalt und all die Geduld:


Hier aber: Der Staat bindet sich selbst an Regeln. Der Staat unterwirft sich dem Recht. Der Staat muss beweisen. Der Staat muss begründen. Der Staat muss das Verfahren einhalten.
Das ist der Rechtsstaat.
Justitia blickt von der Wand. Immer noch empathisch. Immer noch zugewandt.

Vorbei?

Keiner sagt es, wagt es nicht, keiner hat mehr Kraft zu sagen, was da wabert durch den Raum, was jeder weiß und keiner ausspricht:

Unsere Zeit, die ist vorbei. Nichts wird mehr nützen, nichts mehr helfen. Unsere Zeit, die ist vorbei, unverrückbar, obsolet, verschluckt, verplempert, aus der Zeit gefallen, im Abklingbecken der Geschichte wiedergefunden.

Da ist es noch warm, vielleicht noch ein paar Jahre. Kann man kuscheln, bleiben, die alten Zeiten weinen.

Aber jeder spürt allmählich: Es wird kälter, immer kälter.

Die Jungen spielen nicht mehr mit. Die Jungen, ach ja, die Jungen. Die haben ihre eigenen Sorgen, ihre eigene Art, mit der Welt umzugehen.

Was den Alten als Eigennutz erscheint, ist vielleicht nur Selbstschutz in einer Zeit, die keinen mehr trägt.

Liebe Menschen, sagt es doch: Es ist vorbei, vorbei.

Sagt es bitte ehrlich, dass es vorbei ist. Macht euch doch nichts vor,  es nützt ja doch nichts mehr.

Was tun?

Bitte erst mal warten, klagen, trauern, weinen, zur Ruhe kommen, warten müssen können, schauen, blicken, träumen, schlafen, neue Kräfte sammeln.

Dann wird vielleicht die neue Hoffnung keimen, erst ganz klein und zart und grün, dann stärker, größer werdend.

Was da ist, was kommt, das sehen wir dann.


Bitte, bitte nicht daran ziehen.
Die Wurzeln sind doch zart und klein.
Das Ziehen wäre der Hoffnung Tod.


Erst mal warten, träumen, Kräfte sammeln.
Das Neue kommt.
Es kommt, es kam schon immer.
Wie es wirklich werden wird, das weiß noch keiner.

Jeder kann es träumen.

Kirche von unten – braucht Mut

Solidarität statt Hierarchie – Mut zur Kirche von unten

Eine Andacht aus gegebenem Anlass


Im Namen Gottes, der die Niedrigen erhöht,
im Namen Jesu Christi, der sich zu den Ausgestoßenen setzte,
im Namen des Geistes, der weht, wo er will – nicht wo Amtsstuben es verfügen.


Psalm 146 (Auswahl)

Vertraut nicht auf Fürsten, auf Menschen, bei denen es keine Rettung gibt.
Selig, wessen Hilfe der Gott Jakobs ist,
der Recht schafft den Unterdrückten,
der die Gefangenen befreit,
der die Gebeugten aufrichtet.


Text: Markus 10,42-45

Jesus rief sie zu sich und sprach: „Ihr wisst, die als Herrscher gelten, unterdrücken ihre Völker, und die Mächtigen missbrauchen ihre Macht über sie. So aber ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene.“


Impuls

Die Kirche hat ein Hierarchieproblem. Und damit ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Da sind die Ehrenamtlichen – sie leiten Gruppen, besuchen Kranke, organisieren Gemeindefeste, halten den Laden am Laufen. Sie tun dies aus Überzeugung, aus Liebe, aus Glauben. Und was erleben sie? Dass wichtige Entscheidungen über ihre Köpfe hinweg getroffen werden. Dass hauptamtliche Strukturen sich verselbständigen. Dass Gremien tagen, während die Basis ausbleibt. Dass ihre Stimme zählt – aber nur bis zur nächsten Dekanatsebene.

Das Leiden ist real: Burnout im Ehrenamt, Frustration über fehlende Mitsprache, Enttäuschung darüber, dass die Kirche, die von Nächstenliebe spricht, ihre eigenen Leute verheizt.

Jesus war radikal in seiner Absage an Hierarchie. „So ist es unter euch nicht“ – keine Floskeln, sondern Programm. Die ersten Gemeinden waren Versuche solidarischer Gemeinschaft. Keine Bischofssitze, sondern Hauskreise. Keine Karriereleitern, sondern Fußwaschung.

Wo ist dieser Geist geblieben?

Mut zur Solidarität heißt konkret:

  • Macht teilen, nicht verteidigen. Entscheidungsstrukturen demokratisieren.
  • Ehrenamt nicht romantisieren, sondern seine Überlastung ernst nehmen und Strukturen entlasten.
  • Hierarchien benennen und abbauen – in Sprache, Haltung, Organisation.
  • Von unten denken: Was brauchen Menschen wirklich? Nicht: Was erhält die Institution?

Die Kirche von unten ist keine Utopie – sie geschieht überall dort, wo Menschen aufhören zu warten, dass „die da oben“ endlich handeln. Wo Gemeinden solidarisch wirtschaften. Wo Ehrenamtliche als gleichberechtigte Partner*innen behandelt werden. Wo Jesus‘ Maßstab gilt: nicht Macht über andere, sondern Dienst miteinander.


Gebet

Gott der Befreiung,
wir klagen dir das Leid derer,
die sich in deiner Kirche aufreiben.
Die geben und geben – und doch nicht gehört werden.

Stärke unseren Mut zur Solidarität.
Lass uns nicht länger schweigen,
wo Hierarchien Menschen klein machen.

Gib uns Kraft, Kirche neu zu denken:
von unten, gemeinsam, solidarisch.

Im Namen Jesu, der die Mächtigen vom Thron stößt
und die Niedrigen erhöht.
Amen.


Segen

Geht geschwisterlich miteinander um.
Widersteht den Strukturen der Herrschaft.
Seid solidarisch – in der Kirche und darüber hinaus.

So segne euch der befreiende Gott. Amen.

05.11.25

HeCl

Onkel Theodor Rip

Lieber Onkel Theodor

Lieber Onkel Theodor, sprichst Latein und trinkst gern Wein.

Lieber Onkel Theodor, gedenke Deines Namens – nimm Dir dies Geschenk.

Lieber Onkel Theodor, warst so lange fort – kehr doch heim, wir harren Dein.

Lieber Onkel Theodor, Du bist klug – lass fahren Streit und Eitelkeit, ich bin bereit.

Lieber Onkel Theodor, wir brauchen Dich – sprich zu uns mit Witz und Weisheit, das lieben wir an Dir.

Lieber Onkel Theodor, lass uns von alten Zeiten reden, lass uns unsre Wurzeln finden.

Lieber Onkel Theodor, lass uns spotten, lästern, scherzen – doch in Ehren halten wir den Menschenschlag, dem wir entsprungen sind.

Lieber Onkel Theodor, sprichst Latein und trinkst gern Wein – lass uns mit Wein zusammen fröhlich sein.

*Die Bedeutung des Namens Theodor („Geschenk Gottes“) leitet sich von den beiden Wörtern theos „Gott“ und dōron „Geschenk“ ab.*

Kein Stuhl mehr für Dich


Eine Geschichte aus Mittelhessen

Es war wieder einer dieser trüben Novemberabende, und wer da meint, der November sei nur eine Zeit des Nebels und der Schwermut, der kennt nicht die stillen Gewalten, die in solchen Tagen am Werk sind, wenn Gott den Menschen zur Besinnung ruft und sie doch, wie so oft, nicht hören wollen oder können.

Just zwei Tage nach Buß und Bettag war es geschehen, dass es plötzlich kälter geworden war. Schon an jenem Feiertag selbst, nach der üblichen erweiterten Bibelstunde – die Tersteegen-Konferenz nannte man sie, weil ein Prediger aus Herborn erwartet wurde, der das Evangelium rein und klar auszulegen verstand, wie’s leider nicht alle können oder wollen – hatte es begonnen zu schneien. Erst nur wenig, kleine Eiskristalle, dann in dicken nassen Flocken, die kaum gefallen, dahin schmolzen.

„Z äss Schnieloft i dä Loft“, pflegten die alten Bauersleute dann zu sagen.
Es riecht nach Frost und Schnee in der Luft. Und sie hatten recht, wie die Alten meistens recht haben, wenn sie von Wetter und Zeiten reden, denn sie haben’s erlebt und erfahren, was den Jungen noch bevorsteht.

Zu jener Zeit kam es durchaus vor, dass Väterchen Frost – wie sie ihn nannten, als wär’s ein guter Bekannter – zu Bußtag Einzug hielt und sich erst gegen Ende Februar wieder verabschiedete. Für die Kinder und Jugendlichen eine Freude, gewiss, denn was wissen die von den Beschwerden des Alters! Die Alten aber waren weniger begeistert, war ihre Bewegungsfreiheit doch recht eingeschränkt. Zu Fuß über die frostigen Straßen zum Nachbarn, zu Freunden, und abends zur Spinnstube zu pilgern wurde beschwerlicher. Ansonsten aber war man’s gewohnt, genoss auf seine Weise auch diese ruhige Zeit, in der die Natur ruht und der Mensch Zeit hätte zur Einkehr – hätte, sag ich, denn das Haben und das Tun sind zweierlei Ding.

Autos gab es damals nur wenige im Dorf, und der kleine Bulldog für die Landwirtschaft war eh eingemottet und wartete gemeinsam mit seinen Besitzern auf den Frühling. Das Bauernhaus, von dem ich berichten will, lag an der Chaussee, die den Ort ziemlich in der Mitte teilte. Wohnen, Arbeiten, Mensch und Vieh unter einem Dach – zu der Zeit ganz normal und auch recht so, denn wo der Bauer nicht bei seinem Vieh wohnt, da wohnt er auch nicht recht bei sich selbst.

Nun kamen an jenem Abend zwei Männer die Straße herauf. Der eine im mittleren Alter, der andere schon älter, beide ältlich, bieder, unauffällig – so wie Leute aussehen, die ihr Leben lang ihre Pflicht getan haben und dabei vergessen haben, dass Pflicht und Liebe manchmal zweierlei sind. Die Herren waren als Gemeindeälteste in wichtiger Funktion unterwegs, und wer da meint, es sei eine leichte Sache, über anderer Leute Seelenheil zu wachen, der irrt gewaltig.

„Gi du öschd“, sagte der ältere Herr mit der Halbglatze und ließ dem Gescheitelten den Vortritt.
Geh Du zuerst. Das war Höflichkeit, gewiss, aber vielleicht auch ein wenig Feigheit, denn was sie zu tun hatten, war keine angenehme Sache.

Der Gescheitelte öffnete die Haustüre. Eine Klingel gab es zu dieser Zeit noch nicht – man trat einfach ein, wie’s unter Nachbarn üblich war.

„Z äss imed komme“, stellte der Vater fest, ein älterer Mann, schon ein wenig kränklich, wie’s im Alter kommt, wenn die Last der Jahre schwer wird.
Es ist jemand gekommen.
„Wer wöd da ez noch komme? Im döre Zeid?“
Wer würde da jetzt noch kommen? In dieser Zeit?

Seine Frau, eine Frau jenseits der Vierzig mit gütigem Gesicht und schon ein wenig ergrautem dichtem Haar, strahlte Güte aus, Zuversicht, Verständnis. So sind manche Frauen, die viel erduldet und viel vergeben haben. Sie schwieg, wie’s ihre Art war, aber ihre Augen sahen, was kommen würde.

Die Herren traten ein. Ein wenig peinlich berührt kamen sie gleich zur Sache, denn wer unangenehme Dinge zu sagen hat, der sagt sie am besten kurz.

„Mer wolle de Bicher oblange.“
Wir wollen die Bücher abholen.

*“Welche Bicher?“* fragte der Ehemann, obwohl er’s wohl ahnte.
Welche Bücher?

„Ei de Gesongbicher ausm Vereinshaus.“
Nun, die Gesangbücher aus dem Vereinshaus.

„Worüm da?“
Weshalb denn?

Der Gescheitelte räusperte sich. „Du bäsd seid öwer em halwe Johr ned i der Körche gewesd. Onn id da Biwlstonn sch bole z ganze Johr ned.“
Du bist seit über einem halben Jahr nicht mehr in der Kirche gewesen. Und in der Bibelstunde warst du fast das ganze Jahr nicht.

Der Vater versuchte sich zu rechtfertigen, wie’s Menschen tun, wenn sie im Unrecht sind – oder meinen, im Recht zu sein: „Mer ho doch e Firma, onn die Landwirtschaft mächd sich och ned vom elä.“
Wir haben doch eine Firma, und die Landwirtschaft macht sich auch nicht von alleine.

Aber einer der Ältesten entgegnete streng: „Dos spield kä Roll ned. Anner Leire ho och viel zu du, onn säi trotzdem jeden Donetschdog im Vereinshaus.“
Das spielt keine Rolle. Andere Leute haben auch viel zu tun, und sind trotzdem jeden Donnerstag im Vereinshaus.

Und dann kam der Satz, der wie ein Richtspruch im Raum stand: „Es äss sowieso kein Stuhl fer dich do.“
Es ist sowieso kein Stuhl für dich da.

Kein Stuhl mehr. Was heißt das? Es heißt: Du gehörst nicht mehr dazu. Du bist ausgeschlossen. Die Gemeinschaft, in die du hineingeboren wurdest, will dich nicht mehr. Das ist hart, sehr hart, und wer’s nicht erlebt hat, der weiß nicht, wie schwer es wiegt.

Der Vater schwieg. Was hätte er auch sagen sollen? Er ging zum Küchenschrank, wo obenauf, neben anderen Papieren, zwei Gesangbücher lagen. Er händigte sie dem korrekt Gescheitelten aus und bemerkte nur kurz: „Dä.“
Da.

Die drei Ältesten nahmen die Bücher schweigend in Empfang. „Da genacht. Mei bere fer dich“, sagten sie und gingen.
Gute Nacht. Möge Wir betenfürDich – das sagten sie, aber ob Gott wirklich mit jemandem ist, wenn die Menschen ihn ausschließen, das ist eine andere Frage.

Die Mutter hatte die ganze Zeit geschwiegen, wie’s Frauen oft tun, wenn Männer ihre starren Regeln durchsetzen. Aber als die Haustür ins Schloss fiel, sagte sie betrübt: „Vadder äich ho dersch schoo immer gesod. Du gesd viel ze wing i de Stonn.“
Vater, ich habe es dir doch schon immer gesagt. Du gehst viel zu wenig zu den Stunden.

Der Vater, müde und verletzt: *“Lässt mich domed de Owed i rih.“*
Lass mich doch diesen Abend in Ruhe.


Nun könnte ich’s dabei bewenden lassen und den Leser mit seinen Gedanken allein lassen. Aber es gehört zur Wahrheit, dass man auch sagt, was aus den Menschen wurde, von denen man erzählt.

Der Winter kam, wie vorausgesagt, und legte sich schwer übers Land. Der Vater arbeitete weiter, wie er’s immer getan hatte – in der Firma, auf dem Hof, bei den Tieren. Die Arbeit wartete nicht, ob einer zur Kirche ging oder nicht. Man grüßte ihn noch auf der Straße, kaufte bei ihm, redete übers Wetter. Aber zu den Donnerstagabenden im Vereinshaus kam keine Einladung mehr.

Die Mutter ging weiterhin zur Bibelstunde, allein nun. Sie saß auf ihrem Platz, sang aus ihrem Gesangbuch. Die anderen Frauen nickten ihr zu, redeten mit ihr. Aber es war nicht mehr wie früher. Eine unsichtbare Wand war da.

Und der Stuhl im Vereinshaus? Der stand nicht mehr da. Man hatte ihn weggeräumt, Platz gemacht für andere. So war’s Brauch: Wer nicht kam, dessen Platz wurde vergeben.

Der Vater nahm’s hin. Er war nicht der erste, dem dies geschah, und würde nicht der letzte sein. Die Ordnung der Gemeinde war streng. Aber ob sie auch recht war, das steht auf einem anderen Blatt, und darüber mag jeder denken, wie er will.

Von Trampelböcken und Quälhölzern

Eine Erzählung aus dem Klippdachsland

Zweite Fassung

I.

Für ihn begannen die Raunächte am zweiundzwanzigsten Dezember, jenem Tage also, da Großmutter Friedelinde – eine Matrone von jener resoluten und dabei doch liebenswürdigen Art, wie sie das Klippdachsland in Fülle hervorbringt – ihren Geburtstag beging, ein Wiegenfest, das, der althergebrachten Sitte gemäß, in einem Umfang gefeiert wurde, der heutigen, eilfertigeren Generationen wohl befremdlich, ja geradezu verschwenderisch erscheinen müsste.

Die Verwandtschaft erschien vollzählig – was bei dieser weitverzweigten Sippe keine geringe Anzahl bedeutete –, dazu nahe Freundinnen und Freunde, wobei das Wort „geladen“ eigentlich fehl am Platze war, denn im Klippdachsland bedurfte es keiner förmlichen Einladung zu dergleichen Festivitäten: ein jeder wusste um diese Feier und kam wie selbstverständlich vorbei, die einen zur Nachmittagskaffeestunde, andere wiederum zum Abendessen, je nach Neigung, Gelegenheit und dem Grade der verwandtschaftlichen Nähe.

Er selbst – jener Knabe, dessen Perspektive uns durch diese Geschichte geleiten wird – war froh, überaus froh sogar, der Schule für drei Wochen entronnen zu sein, jener Institution, die ihm, wie allen Kindern seiner Jahre, als ein notwendiges, aber keineswegs angenehmes Übel erschien.

Die Feier am Abend nahm nun jenen geselligen, lauten und verqualmten Charakter an, der solchen ländlichen Zusammenkünften eigentümlich ist. Wilhelm Weiß – Inhaber eines alteingesessenen Unternehmens, dessen genaue Natur im Dunkeln blieb, was jedoch seiner gesellschaftlichen Position keinen Abbruch tat – saß qualmend am Kopf der Geburtstagstafel und beklagte, in einem Ton zwischen Jammer und routinierter Klage, die sinkende Nachfrage, wobei er sich, wie alljährlich, kurz vor der Insolvenz wähnte.

Die übrigen Gäste waren davon gänzlich unbeeindruckt, wusste doch ein jeder um dieses alljährliche Lamento, das sich mit der Regelmäßigkeit der Jahreszeiten wiederholte und ebenso wenig Substanz besaß wie eine Wettervorhersage im Frühling. Zur Insolvenz kam es nie – eher im Gegenteil, wie die Wohlgenährten unter den Eingeweihten zu berichten wussten.

Ein pensionierter Bahnbeamter in Begleitung seiner zweiten Frau – die erste war unter Umständen verschieden, über die man vornehm schwieg – erkundigte sich bei Onkel Theodor, ob dieser nun in die nächsthöhere Gehaltsstufe aufgestiegen sei. „Theo, Theo, Theo! A11, A12, A13?“ Und fügte in jenem dialektalen Tonfall hinzu, der dem Hochdeutschen so fern steht wie der Mond der Erde: „Bäsd doch Schuleer, die wönn doch gudd bezoold onn hoo die halwe Zeid Feerie.“

Theo, ein Mann von jener stoischen Gelassenheit, wie sie Gymnasiallehrern nach jahrzehntelanger Übung eigen wird, nahm es hin. Er hörte zu, nickte, machte die eine oder andere launige Bemerkung und rauchte dabei seine Reval ohne Filter – jene Zigarettenmarke, die in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen gewissen intellektuellen Anspruch zu verkörpern schien.

Im Übrigen war er noch einer wichtigen Aufgabe gewärtig: der Beaufsichtigung des Gemeindepfarrers.

II.

Hoobs Henner – so wurde jener Mann genannt, dessen bürgerlicher Name längst hinter diesem Beinamen verschwunden war – erwies sich als leidenschaftlicher Zigarillo-Raucher der Marke „de Zetjes“. Entsprechend war seine Stimme rauchig, laut und durch Räuspern und Husten unterbrochen, wobei er dennoch auf seine raue Art freundlich und humorvoll wirkte, eine jener Widersprüchlichkeiten, die das menschliche Wesen so reich und unerforschlich machen.

Die besondere Aufgabe für Onkel Theodor bestand nun darin – und hier offenbarte sich die feine gesellschaftliche Choreographie solcher Feiern –, den Gemeindepfarrer, nachdem dieser gratulierend die Segenswünsche der Kirchengemeinde überbracht hatte, mit angemessener Konversation zu versorgen. Er tat dies nur äußerst ungern, wohl um seiner Mutter Friedelinde einen Gefallen zu tun, jener Mutter, deren Wünsche Gesetzeskraft besaßen, auch wenn sie nie als Befehle formuliert wurden.

Der Geistliche blieb zum Abendessen, delektierte sich reichlich – und das Wort „reichlich“ ist hier keine rhetorische Übertreibung – an Kartoffelsalat, Nudelsalat, heißer Fleischwurst und deftigen Bratwürsten. Dann ging er bald wieder, verabschiedete sich kurz, satt und zufrieden in der Gewissheit, wieder einmal etwas Gutes für seine Schäfchen getan zu haben – wobei unklar blieb, ob dieses Gute in den Segenswünschen oder in der Verminderung der Speisevorräte bestand.

III.

Die Familienfeier fand selbstredend in der guten Stube statt, jenem sakrosankten Raum, der das ganze Jahr über unbeheizt und somit Ende Dezember von einer Kälte erfüllt war, die an arktische Regionen gemahnte.

Schon am frühen Vormittag war Opa Gregorius beauftragt worden, den Ölofen anzuzünden – und hier beginnt eine Geschichte in der Geschichte, ein technisches Drama von jener Tragweite, wie sie nur häusliche Katastrophen entwickeln können.

Es war ein großer Ofen, ein Doppelbrenner: zwei Öfen gekoppelt, zwei Brennkammern, ein großer Öltank, dies alles mit braunem Emailblech verkleidet, was ihm ein gewisses technisches Pathos verlieh, das freilich in keinem Verhältnis zu seiner tatsächlichen Zuverlässigkeit stand.

Opa Gregorius machte sich ans Werk. Er begab sich mit einer Heizölkanne in die Scheune, wo sich ein Öltank aus Stahlblech befand – orange mit Bleimennige gestrichen zwecks Korrosionsschutz, wie die Fachleute zu sagen pflegen –, ganz hinten rechts in der Ecke. Der Tank war rechteckig, stand auf vier Füßen, die ihn etwa achtzig Zentimeter vom Boden erhoben, und verfügte ganz unten in der Mitte des Tankbodens über einen Kipphahn, goldglänzend aus Messing, dessen Kipphebel rot lackiert war, um zu verdeutlichen, dass man dort drücken musste, um Heizöl zu zapfen.

Dieser Tank war und blieb ein stetiges Ärgernis. Man konnte, selbst beim Waltenlassen größter Vorsicht, nicht verhindern, dass der eine oder andere Tropfen nicht in der Kanne landete, sondern seinen unheilvollen Weg auf der Innenseite der Kanne suchte und sogleich jenen typischen Heizölgeruch verbreitete, der sich in Kleidung, Haut und Erinnerung festsetzte mit der Beharrlichkeit eines ungebetenen Gastes.

Dieser „Heizölduft“ begleitete ihn während seiner gesamten Kindheit – ein olfaktorischer Zeitzeuge, ein Tribut an die Moderne, als Holz und Kohle mit ihrer wärmenden Kraft allmählich dem Heizöl weichen mussten, jenem Produkt des technischen Fortschritts, der so viel versprach und doch so eigentümlich roch.

IV.

Das Entzünden dieser Ölöfen war eine Kunst für sich, eine Fertigkeit, die Geduld, Erfahrung und ein gewisses Maß an Risikobereitschaft erforderte. Opa Gregorius war in der Regel für diese verantwortungsvolle Aufgabe zuständig – ein stiller, in sich ruhender Mann, der die Hektik der Welt mit jener Gelassenheit betrachtete, die entweder aus tiefer Weisheit oder aus jahrzehntelanger Resignation erwächst.

Ein Streichholz, ummantelt von einem Streifen roten Paraffinpapiers, musste angezündet werden. Brannte es, galt es, das brennende Zündholz alsbald in den schwarzen Schlund des Brenners zu werfen – eine Handlung, die an heidnische Opferrituale gemahnte. Mit ein wenig Glück landete das Streichholz auf dem Boden des Schlundes, hoffend, dass es dort eine kleine Pfütze Heizöl vorfand, um es zu entzünden.

Das gelang beim ersten Versuch höchst selten. Opa Gregorius nahm sich Zeit für diese Prozedur, die beim dritten Anlauf zu gelingen pflegte. Vorher allerdings musste er den Regler des Ofens auf „Anzünden“ stellen – eine Bezeichnung, die mehr verhieß, als sie hielt.

Wartete man zu lange, lief zu viel Öl in den Schlund. Hatte sich da keine Pfütze, sondern ein kleiner See gebildet, und zündete man dann, drohte ein Unglück von biblischen Ausmaßen. Das Öl begann zu brennen, der Ofen wurde warm und wärmer, ein wahres Höllenfeuer entstand – und hier offenbarte sich die Ambivalenz des technischen Fortschritts in seiner ganzen Dramatik.

Sogleich war Gefahr im Verzug. Der Ofen begann zu grummeln und zu rumpeln, Laute von sich gebend, die an ein gequältes Tier erinnerten. Kam es nun noch heftiger, explodierte das Öl-Gemisch mit einem lauten Rumms, der schwere Stahldeckel flog in die Höhe, und ein stinkendes Gemisch aus Ruß und Öldunst schoss heraus – ein Chaos, das die Tapete über dem Ofen schwärzte und einen Gestank hinterließ, der noch tagelang zu riechen war.

Noch schlimmer konnte es kommen, wenn das Höllenfeuer derart wütete, dass sich das Ofenrohr rot verfärbte und zu glühen begann. Zimmerbrändgefahr lag in der Luft – jene existenzielle Bedrohung, die in Zeiten vor der Feuerversicherung ganze Existenzen vernichten konnte.

Beruhigte sich der Ofen nicht, blieb eigentlich nur noch eines: Die Feuerwehr musste anrücken, was eine Demütigung darstellte, die man im Klippdachsland nach Möglichkeit vermied.

Oma Friedelinde stand seit jeher mit dem Ölofen in der guten Stube auf Kriegsfuß und pflegte dann zu sagen: „Vadder, gug doch nomoo i der Wohnstowwe. S wööd onn wödd ned woorm. Jedes Joohr dosselwe. Der oole Trampelbock. Äich pagge mern noch onn schmäisen fädd.“

Der „alte Trampelbock“ – diese dialektale Bezeichnung für einen Gegenstand, der nur träge funktioniert, nachlässig hergestellt ist und zum Gebrauch nicht mehr viel taugt – umschrieb die Beziehung zwischen Mensch und Technik in ihrer ganzen Ambivalenz.

V.

Sehr ähnlich verhielt es sich mit den Stühlen am großen Tisch im Wohnzimmer. Auch diese wurden nur bei Familienfeiern benutzt, standen ansonsten ordentlich aufgereiht am Wohnzimmertisch und harrten geduldig ihrer eigentlichen Funktion – stumme Zeugen einer Epoche, die zwischen Funktionalität und Repräsentation schwankte.

Der Stil dieser Sitzmöbel war eindeutig: Art Déco. Klare horizontale und vertikale Linienführung, wobei die Form der Funktion eines Stuhles folgte, nämlich dem Sitzen – eine Philosophie, die in ihrer puristischen Strenge an die Bauhaus-Bewegung gemahnte, freilich ohne deren revolutionären Impetus.

Oma Friedelinde war vom Sitzkomfort und der Bequemlichkeit dieser Sitzmöbel keinesfalls überzeugt. „Die oole Kweelhelzer“, pflegte sie zu sagen, „äss ned droff ze sedez“ – diese alten Quälhölzer, auf denen man sehr schlecht sitzen könne.

Oma und Opa hatten Ende der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts geheiratet, in jener Zeit also, da die Weltwirtschaftskrise ihre Schatten vorauswarf und niemand ahnte, welche Katastrophen das kommende Jahrzehnt bereithalten würde. Omas Aussteuer musste noch mit Mobiliar ergänzt werden, daher die vier Stühle aus massivem Buchenholz, mit dem Malerpinsel gemasert – wie damals üblich – und anschließend fast schwarz lasiert, was ihnen ein gewisses Pathos verlieh, das freilich durch ihre Unbequemlichkeit konterkariert wurde.

VI.

So gegen halb zehn am Abend, als die Feier in vollem Gange war und der Zigarrenrauch sich derart verdichtet hatte, dass die Konturen der Anwesenden zu verschwimmen begannen, ertönte plötzlich draußen vom Hof ein kräftiges „Jeep“ – nicht etwa das Motorengeräusch des gleichnamigen Fahrzeugs, sondern ein menschlicher Ruf, der in seiner Schlichtheit mehr Bedeutung trug als ganze Sätze.

Alle horchten auf, wunderten sich aber nicht. „Doss aß dä Emmerich!“, wurde festgestellt, und auch er, der Knabe, war nicht verwundert, hatte er doch schon darauf gewartet, dass sich sein Freund bemerkbar machte – jener Freund, der so viele Jahre älter war als er, dass diese Freundschaft nach allen gesellschaftlichen Konventionen hätte befremdlich wirken müssen, was sie jedoch keineswegs tat.

Er sprang auf, ging behände zum Vorraum des Kuhstalls, öffnete den oberen Teil der Stalltür und rief: „Ich komme grood!“ – jene dialektale Verkürzung, die „Einen Augenblick, ich bin gleich so weit“ bedeutete.

„Läss dä Zeit“, sprach Emmerich und malte im frisch gefallenen Schnee einen Kreis – eine Handlung von jener rätselhaften Bedeutsamkeit, wie sie Erwachsene manchmal vollziehen, ohne sie zu erklären. Sein bester Freund Martinus – Requiescat in Pace, wie der Erzähler mit wehmütiger Reverenz hinzufügt – war selbstredend auch dabei.

Er zog den gefütterten Parka über, auf dessen Brust ein blauer Aufnäher prangte, auf dem ein stilisierter Weißstorch und das Kürzel DBV – Deutscher Bund für Vogelschutz – gestickt waren, jene Organisation, die schon damals, in den siebziger Jahren, erkannt hatte, was heute offenkundig ist: dass die Natur des Schutzes bedarf. Den Rollkragenpullover hatte er bereits an, nun zog er den Reißverschluss bis oben hin zu. Die Rodelmütze nach Art jener Jahre wurde auf das Haupt gesetzt.

Emmerich war gekleidet wie immer, nur der kalten Witterung angemessen: graue Knickerbockerhosen aus dickem Drillichstoff, dunkler Rollkragenpullover, ein fast schwarzer Wollmantel. Auf dem Haupt eine graue Pudelmütze, an den Händen Wollhandschuhe, in der Hand der unvermeidliche Spazierstock – mundartlich „Kreggestägge“ genannt –, jenes Utensil, das älteren Herren eine gewisse Würde und Autorität verleiht.

Los ging es.

VII.

Inzwischen hatte es aufgehört zu schneien. Der Himmel klarte auf, Sterne begannen zu funkeln, das blasse Band der Milchstraße zog sich über den klaren Himmel – jene kosmische Straße, die den Menschen seit jeher mit Ehrfurcht und Demut erfüllt. Ein Halbmond, gerade aufgegangen, verbreitete ein weißes, zurückhaltendes Licht, in dem Schneekristalle glitzerten wie Diamanten der Natur.

Ihr Ziel war der „Palm Weg“, so bezeichnet, weil er mitten durch eine Fichtenschonung verlief. Links und rechts entlang des Weges breiteten sich Fichtenzweige aus, ähnlich wie Palmwedel, und verbreiteten einen betörenden Duft nach Wald, Fichtennadelharz und Holz – jenen Duft, der in seiner Ursprünglichkeit die Seele berührt.

In dieser klaren, kalten Winternacht war dies ein wahrhaft magischer Ort, eine gute Gelegenheit zu gelassenem Denken, zum Träumen und zum Phantasieren – jene Tätigkeiten, die in unserer hektischen Zeit so rar geworden sind.

Emmerich erzählte von seinen Erlebnissen im Kriege, und Martinus und er lauschten aufmerksam. Es war immer wieder interessant, ihm zuzuhören, erzählte er doch anschaulich, voller persönlicher Eindrücke aus jener schrecklichen Zeit, oft anekdotisch, launig und fantasiebegabt.

Freilich – und hier fügt der Erzähler eine Reflexion ein, die dem reifen Verständnis späterer Jahre entspringt – verschwieg er, wie die meisten Menschen jener Generation, die Schrecken, die Verbrechen, die persönliche Not, die erlebten Traumata, die nie verarbeitet werden konnten, die Verkrüppelung der Seelen bei Opfern und Tätern. Not und Schuld quälten noch immer, auch wenn darüber Schweigen herrschte – jenes beredte Schweigen, das mehr aussagt als tausend Worte.

VIII.

Zielstrebig gingen sie voran. Ganz am Ende dieses verwunschenen Palmweges bemerkte Emmerich lapidar: „Hald er, Jonnge, meer säi doo“ – haltet ein, meine jungen Freunde, wir haben unser Ziel erreicht.

Sie verließen den Weg, der tiefe Radspuren zeigte: Spuren vom Traktor des Jagdaufsehers namens Eduscho – ob dies sein Taufname oder ein Spitzname war, der auf seinen Kaffeekonsum anspielte, blieb im Dunkeln –, der eilfertig Winterfutter für das Reh- und Rotwild in dafür vorgesehene kleine Hütten verbrachte, die mit Heuraufen versehen waren, um den Hunger des jagdbaren Wildes zu stillen.

Aber auch die Radspuren vom Jeep des Jagdherrn waren zu sehen, jenes Mannes, der auf die Pirsch ging, oft begleitet von Jagdgästen, die vor allem auf Trophäen aus waren – eine mit Verlaub zweifelhafte Form der Waidmannschaft, bei der auf Hochständen und Hochsitzen frierend Ansitze vollführt wurden, mit Jagdflinten bewaffnet.

Die intensive Winterfütterung des Wildes führte zwangsläufig zu einer deutlichen Steigerung desselben, mit der Folge, dass Verbissschäden am jungen, nachwachsenden Baumbestand überhandnahmen. Man musste ständig einzäunen und unbegrenzt nachpflanzen, überwiegend mit Fichtenbäumchen, eng bepflanzt – wollte man doch möglichst bald ausgewachsenes Fichtenholz ernten und daraus Erträge erwirtschaften.

Wie fasste der Revierförster Roderich Brei – ein Name, der Programm zu sein schien – beim Feierabendbier in der Kneipe des klugen Wirtes Jakob Rip diese Art von Waldwirtschaft zusammen? „Ich bin ein Wirtschaftsmann. Der Wald muss Geld bringen.“

Die Folgen dieser katastrophalen, auf rein wirtschaftliche Gesichtspunkte beruhenden Waldwirtschaft der sechziger bis siebziger Jahre sind nun – im neuen Jahrhundert – für jeden, der sehenden Auges durch Wald und Flur des Klippdachslandes wandelt, sichtbar. Die in jener Zeit massenhaft gepflanzten Fichtenmonokulturen sind Zeugnisse des fortschreitenden Klimawandels, erschreckende Mahnmale menschlicher Kurzsichtigkeit.

Auch der Palm Weg, jener verwunschene Pfad mitten durch einen dichten Fichtenforst, fiel dem globalen Klimawandel zum Opfer. Baumleichen, kahl und vertrocknet, die meisten bereits abgesägt und abtransportiert – was übrig blieb, bot einen traurigen Anblick: ein kahler, vertrockneter Berghang, leblos, im Sommer schutzlos der brennenden Sonne ausgesetzt.

Doch dann – und hier zeigt sich die erstaunliche Resilienz der Natur – kam schon nach einem Jahr Hoffnung auf. Ganz zart keimten kleine, hellgrüne Pflänzchen, ein neuer grüner Hoffnungsschimmer entstand, erst verhalten, im zweiten Jahr schon deutlich mutiger. Was dort keimte, war das, was im Klippdachsland schon vor der künstlichen Fichteninvasion heimisch gewesen war: ein Niederwald aus Birken, Ginster, Ebereschen, kleinen Buchensämlingen, kleinen Eichen, Brombeere, Himbeere, Haselnuss, Esche, Erle und vielen anderen Pioniergewächsen, die schon nach einigen Jahren einen robusten Niederwald bildeten – artenreich für Flora und Fauna und wunderschön anzuschauen.

IX.

Martinus – in weißer Voraussicht, wie immer – hatte einen grauen Leinenbeutel dabei, darin ein kleines Beil: grüne Klinge, hölzerner Schaft, handlich und leicht. Martinus verfügte schon zu jener Zeit über eine beachtliche Anzahl von Handwerkszeugen, ein Erbe und eine Gabe seines Vaters.

Sein Vater – Requiescat in Pace – war ein ruhiger, besonnener Mann, der stets das Positive im Leben hervorhob, eine Haltung, die in jenen Jahren der Entbehrung und des Wiederaufbaus keine Selbstverständlichkeit war. Er war Nebenerwerbsbauer, Gemeindediener und nebenberuflich Hausschlachter – ein Mann also, der viele Rollen zu spielen verstand. Er fungierte auch als verantwortungsvoller Vorsteher der Nebenzweigstelle der örtlichen Sparkasse und war Jahre zuvor Gemeinderechner gewesen.

Dieses Amt hatte er von seinem Vater übernommen, der sich ebenso wie sein Sohn als begnadeter Kopfrechner erwies – eine Fähigkeit, die in Zeiten vor dem Taschenrechner Gold wert war. So besaß sein Vater neben Schaufel und Kreuzhacke auch eine Bügelsäge mit geschärfter „Wolfszahnung“ des Sägeblattes. Martinus durfte sich dieses Handwerkszeuges bedienen, wusste sein Vater doch um die Umsichtigkeit seines Sohnes im Gebrauch seiner Werkzeuge.

Am Ende des winterlichen Palmweges befand sich rechts eine Fichtenschonung. „Mer säi doo, eer Jonnge“, bemerkte Emmerich beifällig – wir sind am Ziel angekommen, meine lieben jungen Freunde.

Glitzernder Pulverschnee reichte ihnen nun nahezu bis an die Stiefelschäfte. Trotz des Halbmondes – letzte Wölkchen waren vorbeigezogen – erschien, reflektiert durch den weißen, magisch glitzernden Schnee, die winterliche Landschaft in einem hellen, graublauen Schimmer, der es zuließ, die kleinen Fichtenbäumchen klar zu erkennen.

„Hi örre!“, sprach Emmerich fröhlich und mit Genugtuung – dort ist er! „Doss äss inser Kräsboom“ – das ist unser Weihnachtsbäumchen.

Vorsorglich, wie es seine Art war, hatte Emmerich bereits im Herbst einen roten Wollfaden an einem markant hervorstehenden Ast des Bäumchens gebunden – eine Voraussicht, die bewundernswert war und von jenem planenden Geist zeugte, der dem Menschen eigen ist.

Nun war es an der Zeit, und Martinus ging fachkundig ans Werk. Behände schüttelte er das Bäumchen, um es vom Schnee zu befreien – das gelang, verbunden mit einer Wolke von Schneekristallen, die durch die Nacht stoben und funkelnd zu Boden schwebten, ein Schauspiel von jener stillen Schönheit, wie sie nur die Natur zu inszenieren vermag.

Sodann scharrte er mit seinem rechten Stiefelabsatz den verbliebenen Schnee zur Seite. Es war ein stattlicher Weihnachtsbaum, fast drei Meter in der Höhe und am Boden gut eineinhalb Meter breit, aufrecht gewachsen, eine gleichmäßige Pyramide aus Ästen und Zweigen, ebenmäßig gewachsen – ein Exemplar, das jedem städtischen Weihnachtsmarkt zur Zierde gereicht hätte.

Drei bis vier Axthiebe am Stamm des Baumes, und schon neigte er sich sacht zu Boden. Dabei stieg ihnen ein typischer, unnachahmlicher Duft in die Nase: Fichtenharzduft und der Geruch von frisch geschlagenem Nadelholz, vermischt mit dem erdigen Duft von frischem Waldboden – ein Duftkonzert, ein olfaktorisches Gesamterlebnis, das geeignet war, sich tief in die Erinnerung einzuprägen.

Gerüche und Geschmäcker – so lehren uns kluge Wissenschaftler von Rang und Namen – sind elementare, urtümliche Sinneswahrnehmungen, die nicht trügen können, weil sie elementar erlebt werden. Das menschliche Stammhirn wird hier angeregt, ganz dicht dort, wo Emotionen und Gefühle ihre Heimat haben. Die ersten postnatalen Sinneseindrücke des Menschen, des Säuglings, sind wahrgenommene Gerüche und Geschmäcker, vertraute Geräusche der Mutter. Diese elementaren Sinneseindrücke, tief verankert, bleiben für immer. Sie prägen den Menschen sein Leben lang, vermitteln im besten Falle das Gefühl von Nähe, Vertrautheit und Geborgenheit.

X.

Martinus und er fassten das Bäumchen, nachdem sie es auf den Waldweg bugsiert hatten – Martinus vorne, da wo der Stamm gefällt war, er hinten an der Baumspitze. So wanderten sie den Weg zurück, Emmerich vorneweg, gemächlich, sich Zeit lassend, um sich unterhalten zu können.

Was nun im Verlauf der Unterhaltung folgte, war ein bereits mehrfach geführter Systemvergleich zwischen Deutschland Ost und Deutschland West, diesmal mit der Gegenüberstellung der jeweiligen Fahrzeugtypen: VW Käfer – landläufig Buckelporsche genannt – gegen Trabant – landläufig Rennpappe genannt. Der junge Knabe, bekennender Jungsozialist, versuchte die Vorzüge der Rennpappe hervorzuheben, doch Emmerich, pragmatisch wie immer, musste zugeben, dass der Buckelporsche in allen Punkten überlegen war – was jedoch keinen von beiden von seinen Grundüberzeugungen abbrachte.

Dabei gilt es zu berücksichtigen und zu bedenken: Zu jener Zeit war Deutschland in zwei Teile getrennt. Westdeutschland stand unter der Ägide einer kapitalistischen Weltordnung mit der Schutzmacht Amerika, Ostdeutschland unter einer kommunistischen Weltordnung mit der Schutzmacht Sowjetrussland. Mitten durch das Land zog sich der Eiserne Vorhang, streng von Osten her bewacht, nur unter Lebensgefahr überwindbar und mit drakonischen Strafen belegt – ein Eiserner Vorhang im Westen, ein antifaschistischer Schutzwall im Osten, je nachdem, von welcher Seite man die Sache betrachtete.

Dies führte auf beiden Seiten zu erbitterten, polarisierten Auseinandersetzungen. Dazu sei gesagt: Es war wohl besser, die rhetorischen Klingen zu kreuzen, als aufeinander zu schießen, zu bombardieren oder die ganze Welt in ein Höllenfeuer des Atompilzes zu verwandeln – eine Einsicht, die heute selbstverständlich erscheint, damals jedoch keineswegs war.

Dass er – der Knabe – bekennender Jungsozialist und Freigeist sei, der die Kirche kritisch sah und von einer Welt ohne Unterdrückung träumte, war im Dorf allgemein bekannt. Emmerich hingegen war das genaue Gegenteil: ein konservativer Pietist, tief im Glauben verwurzelt, der in Traditionen und göttlicher Ordnung die Rettung der Welt sah – und doch verband die beiden trotz aller weltanschaulichen Differenzen eine tiefe Freundschaft, die auf gegenseitigem Respekt und Zuneigung beruhte, weil beide im anderen die ehrliche Überzeugung und die persönliche Integrität erkannten.

Diese Diskurse zwischen dem freigeistigen jungen Sozialisten und dem pietistischen Konservativen wurden deutlich, ja zuweilen heftig ausgetragen – der jugendliche Idealist, der die alten Ordnungen stürzen wollte, gegen den erfahrenen Mann, der diese Ordnungen als gottgewollt und notwendig verteidigte. Es ging um Gott und die Welt, um Kirche und Sozialismus, um Autorität und Freiheit, um Tradition und Fortschritt. Zu keiner Zeit aber wurden die Debatten persönlich beleidigend, schon gar nicht nachtragend. Es wurde im Laufe der Jahre zu einer Art Ritual, von beiden gemocht, die Freundschaft in gewisser Hinsicht sogar belebend und festigend – so auch in dieser eiskalten, sternenfunkelnden Winternacht.

XI.

Zu Hause angekommen – es war fast Mitternacht geworden – legten sie das Bäumchen in die Waschküche des Hauses von Emmerich ab. Es müsse nun langsam auftauen, bemerkte Emmerich mit der Autorität des Erfahrenen, sonst würde es, prunkvoll mit Lametta, Weihnachtskugeln und Kerzen geschmückt, innerhalb von drei Tagen die Nadeln verlieren – eine Katastrophe, die niemand in Kauf nehmen wollte.

Emmerich bedankte sich herzlich und erbot sich, „noo Krässdoog“ – nach Weihnachten – die gute Hilfe mit heißer Fleischwurst und Brötchen zu vergelten, jener deftigen Leckerei, die im Klippdachsland als Inbegriff der Gastfreundschaft galt.

Die beiden Freunde nahmen diese Einladung dankbar und freudig nickend an. Emmerich klopfte ihnen noch freundschaftlich auf die Schultern – eine Geste, die mehr ausdrückte als Worte – und verschwand über die Waschküche in die warme Kochküche, wo ihn seine Gattin bestimmt schon erwartete.

Martinus und er gingen noch einige Meter bergan, dann gleich links – dort befand sich sein Elternhaus. Die Wohnstube war noch hell erleuchtet, man hörte Stimmen, Lachen, Geschirr klappern. Es roch nach Zigarrenduft, deftig nach gesottenem Schweinefleisch, nach Bier und Wein, nach Mayonnaise und sauren Gurken – jener Geruchsmischung, die Festlichkeit bedeutete.

Martinus musste noch ein paar Schritte nach links bergan gehen, um zu Hause anzukommen. Die Freunde klopften sich noch kurz auf die Schultern und verabschiedeten sich mit „Schloof gud bis mann“ – schlafe wohl, wir sehen uns morgen früh.

Er hingegen betrat sein Elternhaus wieder durch die Waschküche, entledigte sich seines Parkas, der Gummistiefel und der Rosshaar-Socken, die in der Kälte des Winters besonders beliebt waren, um warme Füße zu behalten – jene praktische Weisheit, die sich über Generationen bewährt hatte.

Wieder in der guten Stube angelangt, bot sich immer noch das gleiche fröhliche Bild einer Geburtstagsgesellschaft, nur bereits deutlich gelichtet – die Standhafteren waren geblieben, die Schwächeren hatten sich bereits verabschiedet.

„Suu spiere kimmt Du hääm? Meer doochde school ouch wer woss beserd“, sprach die besorgte Mutter Dragmarie – warum kommst du so spät nach Hause? Wir dachten schon, euch wäre etwas passiert.

„Jezz awwer schnell eins födder iiz Bädde“ – nun aber husch husch zu Bett.

Er, müde und durchgefroren, hatte nichts dagegen und verabschiedete sich kurz mit „Gu Nachd“ – gute Nacht.

Und während er die knarrenden Stufen zur Schlafkammer emporstieg, hallten in seinem müden Geist noch die Worte Emmerichs nach, vermischt mit dem Duft von Fichtenharz und dem Glitzern der Schneekristalle im Mondlicht – Eindrücke, die sich tief in jene Schichten der Seele eingruben, wo Erinnerungen für die Ewigkeit bewahrt werden.
Esche, Erle und viele andere Pioniergewächse, die schon nach einigen Jahren einen robusten Niederwald bildeten – artenreich für Flora und Fauna, wunderschön anzuschauen und ein lebendiges Beispiel dafür, dass die Natur, wenn man sie nur lässt, ihre eigenen, oft besseren Wege findet.

Dies jedoch war die Zukunft. In jener Winternacht, da die drei Freunde durch den noch intakten Palmweg wanderten, ahnte niemand, welche Katastrophen und welche Hoffnungen die kommenden Jahrzehnte bereithalten würden.

XIII. Von der Kunst des Wiedersehens

Die Tage nach jenem ersten Raunachtstag vergingen in jener eigentümlichen Langsamkeit, die den Winterferien eigen ist – eine Zeit zwischen den Zeiten, da die üblichen Rhythmen des Alltags suspendiert scheinen und Raum entsteht für jene Besinnung, die das Leben so selten gewährt.

Wenige Tage später – es war bereits nach dem Weihnachtsfest, jenem Fest, das in seiner kommerziellen Überhöhung oft vergessen lässt, worum es eigentlich geht – hielt Emmerich sein Versprechen. Die Einladung zu heißer Fleischwurst und Brötchen wurde ausgesprochen, nicht förmlich, sondern in jener selbstverständlichen Art, die wahre Freundschaft auszeichnet.

Sie trafen sich in Emmerichs Wohnküche, jenem Raum, der das Zentrum des Hauses bildete – warm, nach Kaffee und Hausmannskost duftend, erfüllt von jener behaglichen Atmosphäre, die entsteht, wenn Menschen sich seit Jahrzehnten an einem Ort heimisch fühlen.

Die heiße Fleischwurst, in kochendem Wasser gegart und noch dampfend auf dem Teller liegend, die frischen Brötchen vom Bäcker Kunz – der sein Handwerk noch verstand und nicht jene industriell gefertigten Teiglinge verkaufte, die heute überall feilgeboten werden –, dazu ein Glas Apfelschorle: Es war ein einfaches Mahl, und doch von jener Qualität, die nur hausgemachte Speisen in guter Gesellschaft erreichen können.

Emmerichs Gattin – eine resolute, aber herzliche Frau, deren Name hier aus Gründen der Diskretion ungenannt bleiben mag – schenkte Kaffee nach und erkundigte sich bei den beiden jungen Gästen nach Schule und häuslichen Verhältnissen, wobei sie jene mütterliche Fürsorge an den Tag legte, die über die eigenen Kinder hinausreicht und das ganze Dorf umfasst.

XIV. Politische Diskurse am Küchentisch

Nach dem Essen – die Teller waren geleert, die Mägen gefüllt, eine wohlige Zufriedenheit hatte sich ausgebreitet – entspann sich eines jener Gespräche, die für die Freundschaft zwischen dem Knaben und dem um Jahrzehnte älteren Emmerich so charakteristisch waren.

Es war, wie so oft, ein politischer Diskurs, wobei das Wort „Diskurs“ vielleicht zu akademisch klingt für das, was sich da abspielte: eine leidenschaftliche, bisweilen heftige, aber stets respektvolle Auseinandersetzung über die großen Fragen der Zeit.

Deutschland war geteilt – dies war die Grundtatsache, von der alles ausging. Im Westen eine parlamentarische Demokratie unter kapitalistischen Vorzeichen, unter dem Schutzschirm der Vereinigten Staaten von Amerika; im Osten eine sozialistische Diktatur – oder, je nach Standpunkt, ein Arbeiter-und-Bauern-Staat – unter der Ägide der Sowjetunion.

Mitten durch das Land, mitten durch Städte, mitten durch Familien zog sich der Eiserne Vorhang – im Westen so genannt, im Osten euphemistisch als „antifaschistischer Schutzwall“ bezeichnet. Eine Grenze, streng bewacht, mit Minen, Selbstschussanlagen und Wachtürmen versehen, nur unter Lebensgefahr zu überwinden und mit drakonischen Strafen belegt.

Diese Teilung führte zu erbitterten, polarisierten Auseinandersetzungen, auch und gerade im privaten Bereich. Familien zerbrachen daran, Freundschaften gingen in die Brüche, das Land war gespalten nicht nur geographisch, sondern auch emotional und ideologisch.

Dass Emmerich ein überzeugter Konservativer war – pietistisch geprägt, tief verwurzelt in Tradition und christlichen Werten, ein Verfechter von Ordnung, Autorität und bewährten Strukturen –, war im Dorf allgemein bekannt. Dass der junge Knabe hingegen als bekennender Jungsozialist und Freigeist galt, der die alten Autoritäten in Frage stellte und von einer gerechteren, freieren Gesellschaft träumte, war ebenso bekannt. Und doch verband die beiden eine tiefe Freundschaft, die gerade aus diesem Gegensatz ihre besondere Kraft bezog.

Dass er, wenn der Russe käme – eine Formulierung, die in jenen Jahren des Kalten Krieges durchaus noch als reale Möglichkeit im Raum stand – unmittelbar zum Bürgermeister ernannt würde, war seine feste Überzeugung und erfüllte ihn mit einem gewissen Stolz, der mehr mit persönlicher Integrität und dem Gefühl, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, zu tun hatte als mit Machtstreben oder Eitelkeit.

Der Knabe – noch zu jung, um die Komplexität der Verhältnisse ganz zu durchschauen, aber alt genug, um zu spüren, dass hier Grundfragen menschlichen Zusammenlebens verhandelt wurden – war bekennender Jungsozialist und Freigeist: Er glaubte an die sozialistische Idee, an Gleichheit und Gerechtigkeit, an eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und ohne die Fesseln überkommener Autoritäten. Er stellte die Kirche in Frage, zweifelte an den Traditionen, träumte von einer freien, emanzipierten Welt – Überzeugungen von jener idealistischen Reinheit, wie sie nur der Jugend eigen ist.

Emmerich vertrat das genaue Gegenteil: konservativ, pietistisch geprägt, fest verwurzelt in christlichen Werten und der Überzeugung, dass Ordnung, Tradition und Autorität die Grundpfeiler einer funktionierenden Gesellschaft seien. Er glaubte an die bewährten Strukturen, an Pflicht und Disziplin, an die göttliche Ordnung der Welt.

Martinus hielt sich oft zurück, vermittelte zwischen den Positionen, neigte aber eher Emmerichs konservativer Weltsicht zu, wenn auch weniger streng und dogmatisch.

Diese Diskurse wurden deutlich, ja zuweilen heftig geführt – Stimmen wurden lauter, Argumente schärfer, Gesten nachdrücklicher. Aber – und dies ist das Entscheidende – zu keiner Zeit wurden sie persönlich beleidigend, schon gar nicht nachtragend. Wenn die Debatte beendet war, klopfte man sich freundschaftlich auf die Schultern, lachte über einen guten Witz, und die Welt war wieder in Ordnung.

Es wurde im Laufe der Jahre zu einer Art Ritual, von beiden Seiten gemocht, die Freundschaft in gewisser Hinsicht sogar belebend und festigend. Denn – und auch dies ist eine Lehre, die aus dieser Freundschaft zu ziehen ist – wahre Freundschaft erträgt Meinungsverschiedenheiten nicht nur, sondern kann sogar an ihnen wachsen, vorausgesetzt, dass gegenseitiger Respekt und Zuneigung die Grundlage bilden.

„Besser, die rhetorischen Klingen zu kreuzen“, pflegte Emmerich zu sagen, wenn die Debatte besonders hitzig wurde, „als aufeinander zu schießen oder die ganze Welt in ein Höllenfeuer des Atompilzes zu verwandeln.“ Und in dieser Hinsicht waren sich alle einig – selbst der junge Jungsozialist, Emmerich und Martinus: der Friede, auch wenn er von ideologischen Spannungen durchzogen war, blieb allemal dem Krieg vorzuziehen.

XV. Reflexionen über Technik und Fortschritt

An einem der folgenden Tage entspann sich zwischen den Freunden eine Unterhaltung über technischen Fortschritt – jenes Thema, das das zwanzigste Jahrhundert wie kein anderes prägte und das auch im Klippdachsland seine Spuren hinterließ.

Es ging, wie so oft bei derartigen Vergleichen, um Automobile: den VW Käfer – landläufig und liebevoll „Buckelporsche“ genannt – gegen den Trabant – ebenso landläufig, aber weniger liebevoll „Rennpappe“ genannt.

Der Vergleich fiel eindeutig aus: Der Käfer schlug den Trabant in nahezu allen Kategorien – Geschwindigkeit, Komfort, Verarbeitung, Langlebigkeit. Dies musste selbst der junge Jungsozialist eingestehen, wenn auch widerwillig. Aber – und hier zeigte sich seine idealistische Denkweise – der Trabant sei immerhin ein Automobil, das es auch einfachen Arbeitern ermögliche, am motorisierten Verkehr teilzunehmen, während der westliche Wohlstand auf Ausbeutung und Ungerechtigkeit beruhe.

„Im Osten“, argumentierte der Knabe mit der Leidenschaft der Jugend, „hat jeder Arbeiter Anspruch auf ein Auto. Im Westen schafft der Kapitalismus künstliche Unterschiede zwischen den Menschen.“

Emmerich entgegnete mit der Ruhe des Gläubigen: „Gott hat die Ordnung der Welt so eingerichtet. Nicht Gleichmacherei bringt Frieden, sondern wenn jeder seinen von Gott gegebenen Platz einnimmt und seine Pflicht erfüllt. Der Mensch braucht Führung, Ordnung und den Glauben – nicht falsche Versprechungen von Gleichheit.“

Dass zwischen Anspruch und Verfügbarkeit im Osten eine Wartezeit von zehn bis fünfzehn Jahren lag, wurde vom jungen Idealisten geflissentlich übergangen – ein Detail, auf das Emmerich und Martinus prompt hinwiesen. Der Knabe quittierte dies mit trotzigem Achselzucken: „Gut Ding will Weile haben. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut.“

Diese Debatten über Konsumgüter – sie mögen dem unbeteiligten Beobachter trivial erscheinen – waren in Wahrheit Stellvertreterdiskussionen über die großen Systemfragen: Freiheit oder Gleichheit? Effizienz oder Gerechtigkeit? Individualismus oder Kollektivismus?

Dass keine dieser Fragen eine einfache Antwort hatte, dass beide Systeme ihre Stärken und Schwächen besaßen, dass die Wahrheit – wenn es denn eine gab – irgendwo dazwischen lag: Diese Einsicht dämmerte langsam, wurde aber nie ganz ausgesprochen, denn das hätte den Reiz der Debatte gemindert.

XVI. Das Ende der Raunächte

Die Raunächte gingen zu Ende – jene mystische Zeit zwischen den Jahren, da, wie der Volksglaube weiß, die Grenzen zwischen den Welten durchlässig werden und Geister wandeln.

Ob Geister wandelten, sei dahingestellt. Was aber gewiss ist: Es war eine Zeit der Besinnung, der Langsamkeit, der Gespräche und der Erinnerungen – eine Zeit, die im hektischen Lauf des Jahres selten wiederkehrt.

Der Weihnachtsbaum, den sie gemeinsam geschlagen hatten, stand nun in Emmerichs guter Stube, geschmückt mit Lametta, bunten Kugeln und echten Kerzen – jenen Kerzen, die, im Gegensatz zu den heutigen elektrischen Lichterketten, eine wirkliche Gefahr darstellten und ständige Aufmerksamkeit erforderten, aber auch eine Wärme und Authentizität verbreiteten, die künstliches Licht nie erreichen kann.

Die Nadeln, dank des langsamen Auftauens in der Waschküche, hielten stand und fielen erst nach dem Dreikönigstag, als der Baum seine Schuldigkeit getan hatte und abgeschmückt wurde – ein Prozess, der stets mit einer gewissen Wehmut verbunden war, markierte er doch das endgültige Ende der festlichen Zeit.

Das neue Jahr hatte begonnen, und mit ihm die Rückkehr in den Alltag: Schule für den Knaben, Arbeit für die Erwachsenen, die üblichen Verrichtungen und Pflichten.

Aber etwas war geblieben: die Erinnerung an jene Nacht im Schnee, an den Duft der Fichten, an das Glitzern der Sterne, an die Gespräche mit Emmerich – Erinnerungen, die sich in jene Schichten der Seele eingruben, wo das Wesentliche bewahrt wird.

XVII. Nachwort des Erzählers

Viele Jahre später – der Knabe war längst zum Mann geworden, Emmerich und Martinus waren, wie es im Leben so geht, verstorben, das Klippdachsland hatte sich verändert, ohne doch sein Wesen ganz zu verlieren – kam er wieder an jenen Ort, wo einst der Palmweg gewesen war.

Die Fichten waren verschwunden, Opfer des Klimawandels und menschlicher Kurzsichtigkeit. Aber an ihrer Stelle war etwas Neues gewachsen: ein wilder, artenreicher Niederwald, der mehr Leben beherbergte als die Monokultur je getan hatte – ein Hoffnungszeichen, dass die Natur, wenn man sie lässt, ihre eigenen Wege findet.

Er stand dort, ein Mann in mittleren Jahren, und erinnerte sich: an Großmutter Friedelindes Geburtstag, an den widerspenstigen Ölofen, an die unbequemen Quälhölzer, an Wilhelm Weiß mit seinem alljährlichen Lamento, an den gefräßigen Pfarrer, an Emmerichs „Jeep“ in der Winternacht.

Und er verstand plötzlich – mit jener Klarheit, die manchmal aus der zeitlichen Distanz erwächst – dass all diese scheinbar belanglosen Episoden in Wahrheit die Substanz des Lebens ausmachten: kleine Begebenheiten, eingebettet in den Rhythmus der Jahreszeiten und der Generationen, getragen von Beziehungen zwischen Menschen, die einander kannten, respektierten und manchmal sogar liebten, trotz aller Unterschiede.

Die Trampelböcke und Quälhölzer – jene widerspenstigen Gegenstände, die nie so funktionierten, wie sie sollten – waren Metaphern für das Leben selbst, das auch nie so läuft, wie man es plant, und doch gerade in seiner Unvollkommenheit seinen Reiz besitzt.

Emmerich, der fromme Konservative und Pietist, der an göttliche Ordnung und bewährte Traditionen glaubte und dem jungen Freigeist mit Geduld und väterlicher Strenge begegnete – er hatte sein Leben nach seinen Überzeugungen gelebt, im Glauben und in der Pflicht, und das war mehr wert als alle weltlichen Erfolge.

Martinus, der stille Vermittler mit seinem Handwerkszeug und seiner Bügelsäge, der zwischen dem pietistischen Konservativen und dem freigeistigen Sozialisten die Balance hielt – er hatte gewusst, dass manchmal Taten mehr sagen als Worte.

Und er selbst, der damalige Knabe und bekennende Jungsozialist – er hatte gelernt, dass die wahren Schätze des Lebens nicht in politischen oder weltanschaulichen Überzeugungen liegen, sondern in solchen Momenten: eine Winternacht, ein Weihnachtsbaum, eine Freundschaft, die den tiefsten ideologischen Graben überbrückt, der denkbar ist – den zwischen einem freigeistigen Sozialisten und einem frommen Pietisten –, weil der Mensch wichtiger ist als das System, weil Respekt und Zuneigung stärker sind als Ideologie.

So stehen die Dinge – und der Erzähler, der diese Geschichte niedergeschrieben hat in der Hoffnung, etwas von jener vergangenen Welt zu bewahren, legt nun die Feder nieder in dem Bewusstsein, dass Worte immer nur Annäherungen sind an das, was wirklich war, und doch das Einzige, was uns bleibt, wenn die Menschen gegangen und die Orte verwandelt sind.

Die Raunächte kehren jedes Jahr wieder – die Zeit zwischen den Jahren, da die Welt innehält und Raum entsteht für Erinnerung und Besinnung. Möge jeder, der diese Zeilen liest, seine eigenen Raunächte haben: Momente der Stille, der Gemeinschaft, der Verbindung mit dem, was wirklich zählt.

Und möge das Klippdachsland – ob es nun real existiert oder nur in der Imagination des Erzählers – als Symbol dienen für all jene kleinen Welten, die es überall gibt und die es zu bewahren gilt: Orte, wo Menschen noch miteinander reden, wo Freundschaft über Meinungsverschiedenheiten siegt, wo die Natur noch Natur sein darf.

In diesem Sinne: Schloof gud. Bis mann.


Ende

Geschrieben im Gedenken an all jene, die in ihrer Zeit lebten, so gut sie konnten, und uns Geschichten hinterließen, die es wert sind, erzählt zu werden.

Fromme Runden

Hoffnung

5 Sonette und ein Epilog über Kirche zwischen Selbsterhaltung und prophetischem Aufbruch

I. Sitzung im August

Man tritt ein, wie man es gewohnt ist,
die Mappe unter dem Arm,
den Blick auf die Agenda.
Die Stühle stehen im Kreis,
das Wasser ist gestellt,
doch wo sind die Stimmen von draußen?

Man spricht von Mitgliederzahlen,
von Finanzen,
von Strukturreformen.
Während draußen Menschen hungern,
während die Klimakrise eskaliert,
während Geflüchtete ertrinken.

„Das Reich Gottes lässt sich nicht verwalten“,
sagt eine junge Theologin.
Die Fenster müssen aufgestoßen werden –
nicht trotz des Sommers,
sondern weil er drängt,
weil die Welt brennt.

II. Der leere Gemeindesaal

Die Tische sind abgewischt,
die Stühle gestapelt.
Aber warum ist er leer?
Weil wir hier drinnen warten,
statt draußen präsent zu sein,
wo das Leben pulsiert.

Die Uhr tickt,
zählt verpasste Chancen.
Die Kaffeemaschine blinkt rot –
bereit für ein offenes Café,
für Begegnungen ohne Schwellen,
für Kirche als Gastgeberin.

Ein Vogel ruft draußen,
wie der Prophet Amos:
„Recht ströme wie Wasser!“
Die Stille hier drinnen
ist nicht gottgewollt,
sondern selbstverschuldet.

III. Protokoll

Man schreibt,
um Kontinuität zu wahren,
um alles beim Alten zu lassen.
Aber Jesus protokollierte nicht –
er heilte, teilte Brot,
stellte sich auf die Seite der Marginalisierten.

Was, wenn wir stattdessen notierten:
„Heute haben wir die Türen geöffnet
für die Wohnungslosen.
Heute haben wir demonstriert
für Klimagerechtigkeit.
Heute haben wir Asyl gewährt.“

Die Option für die Armen
steht nicht im Protokoll,
aber sie steht im Evangelium.

Ein neues Dokument entsteht:
nicht durch Beschlüsse,
sondern durch befreiendes Handeln,
durch Parteilichkeit für die Entrechteten,
durch gelebte Solidarität.

IV. Abendandacht

Die Kerzen sind angezündet,
und sie sind viele gekommen –
auch die ohne Mitgliedsausweis,
auch die ohne Taufschein,
auch die, die zweifeln.

Ein Lied wird angestimmt:
„Vertraut den neuen Wegen!“
Die Stimmen werden kräftig,
trotzig fast,
weil hier gesungen wird,
was draußen gelebt werden muss.

Ein Psalm über Gerechtigkeit –
„Selig sind, die hungern nach Gerechtigkeit!“
Ein Gebet für die Verfolgten weltweit,
für die Opfer struktureller Gewalt,
für alle, die unter Systemen leiden.
Und dann nicht Stille,
sondern Bekenntnis:
„Wir stehen auf der Seite der Unterdrückten.“

Das Kerzenlicht wird getragen
nach draußen,
als Zeichen:
Kirche ist Bewegung,
nicht Gebäude.

V. Kirchenkaffee

Die Tische sind anders gestellt:
offen, einladend, ohne Hierarchie.
Die Thermoskanne dampft,
der Kuchen ist selbstgebacken,
aber vor allem:
Die Türen stehen weit offen.

Man spricht nicht über Belangloses,
sondern über Asylpolitik,
über Care-Arbeit und ihre Entlohnung,
über Rüstungsexporte,
über die Würde aller Menschen –
ohne Wenn und Aber.

„Was würde Jesus tun?“, fragt jemand.
„Er würde nicht hier drinnen sitzen“,
antwortet ein anderer.
„Also: Wann gehen wir raus?“

Frau Schmidt organisiert bereits
die Tafel für nächste Woche.
Herr Müller die Demo am Samstag.
Die Konfirmandin einen Workshop
über Rassismus und Kirche.

Man steht auf
und geht,
aber nicht nach Hause,
sondern auf die Straße,
ins Asylheim,
zur Mahnwache,
dorthin, wo Kirche sein muss:
bei den Menschen am Rand.

VI. Epilog: Befreiung

Ein Blatt liegt auf dem Tisch,
und darauf steht:
„Kirche der Freiheit –
nicht als Slogan,
sondern als Programm.“

Die Sonne fällt durch offene Fenster,
durch offene Türen,
durch eine Kirche,
die endlich begreift:

Der Gott der Befreiung
duldet keine Neutralität.
Das Evangelium ist politisch –
war es immer.
Jesus war kein Verwalter,
sondern ein Revolutionär der Liebe.

Etwas wächst:
Eine Kirche, die sich einmischt,
die Partei ergreift für die Schwachen,
die prophetisch aufsteht gegen Unrecht,
die ökumenisch und interreligiös
für Frieden und Gerechtigkeit streitet.

Nicht morgen.
Jetzt.
Nicht irgendwo.
Hier.
Nicht vielleicht.
Gewiss.

Wie die Senfkörner im Gleichnis:
klein, unterschätzt,
aber mit der Kraft,
die Welt zu verwandeln.

Denn wo zwei oder drei
versammelt sind im Geist der Befreiung,
da beginnt das Reich Gottes –
konkret, solidarisch, gerecht.

Claudius/Herzberger

Inklusion ist machbar Frau Nachbar

Mitgliederversammlung 2025 der Lebenshilfe Bundesvereinigung am 14.11.25 Berlin


Das Lebenshilfe Werk Marburg Biedenkopf wird sich an der Weiterentwicklung dieses inklusiven Ansatzes beteiligen.

Dafür herzlichen Dank

Es geht voran

Abstract:

# Bürgerschaftliches Engagement von Menschen mit Assistenzbedarf

## Die Lebenshilfe Möglichkeitsdenker

Die Möglichkeitsdenker sind eine inklusive Arbeitsgruppe der Lebenshilfe, die Menschen mit Beeinträchtigung für ehrenamtliches Engagement begeistern möchte. Das Projekt zeigt, was trotz oder gerade durch eine Beeinträchtigung möglich ist und wie sinnstiftend ein Engagement sein kann.

### Motto: „Vom reinen Hilfeempfänger zum Hilfegeber“

### Entstehung

Die Möglichkeitsdenker entstanden 2010 aus drei inklusiven Projekten der Lebenshilfe NRW, darunter der Lebenshilfe Netphener Tisch und der Lebenshilfe Netphener Mittagstisch. Frau S. und Herr J., zwei Personen mit Lernschwierigkeiten, die seit 2004 Dienstleistungen im ambulant unterstützten Wohnen der Lebenshilfe NRW in Anspruch nahmen, waren Gründungspersonen und Ideengeber für diese Projekte.

### Aktivitäten der Möglichkeitsdenker

Die Möglichkeitsdenker engagieren sich auf vielfältige Weise:

Mitglieder wie Steven James berichten von ihrer ehrenamtlichen Arbeit beim Netphener Tisch und der Rasselbande und reisen durch Deutschland, um für das Ehrenamt von Menschen mit geistiger Behinderung zu werben. Sie arbeiten bei ehrenamtlichen Projekten mit, organisieren Veranstaltungen und Ausflüge zu verschiedenen Themen und sammeln Spenden für eine Schule in Nairobi.

Sie veranstalten Jahrestagungen, um barrierefrei über Inklusion aufzuklären, gute Praxisbeispiele bekannt zu machen und Möglichkeiten für eigenes Engagement vorzustellen. Darüber hinaus fördern sie internationalen Austausch, wie beim Möglichkeitsdenker Camp auf Texel 2016 mit Partnern von der Lebenshilfe Graz.



## Lebenshilfe Lüdenscheid

Die Lebenshilfe Lüdenscheid startete mit Unterstützung der Aktion Mensch das Projekt „Möglichkeitsdenker“. Die Idee entstand direkt von Kunden, die bereits ehrenamtlich aktiv waren und ihre Erfahrungen mit anderen teilen wollten. Begleitet wird das Projekt unter anderem von Armin Herzberger, der bereits mehrere Möglichkeitsdenker-Gruppen in NRW angestoßen hat.



## Der Netphener Tisch / Netphener Mittagstisch

### Gründung und Ursprung

Steven David James war 2006 Mitinitiator des Netphener Tisches, einem Angebot des Lebenshilfe Center Siegens der Lebenshilfe Wohnverbund NRW gGmbH. Frau S. und Herr J. waren seit 2004 Gründungspersonen und Ideengeber für drei inklusive Projekte der Lebenshilfe NRW: den Lebenshilfe Netphener Tisch, den Lebenshilfe Netphener Mittagstisch und die Lebenshilfe Rasselbande.

### Konzept und Durchführung

Menschen mit geistiger Behinderung engagierten sich ehrenamtlich, organisierten weitgehend eigenständig und verteilten Lebensmittel an Hilfebedürftige. Die Gäste kamen jeden zweiten und dritten Dienstag im Monat und erhielten für symbolisch einen Euro eine breite Auswahl von Lebensmitteln: Milchprodukte, Obst, Gemüse, Nudeln und Brot.

Der Lebenshilfe Netphener Tisch fand in der Georg-Heimann-Halle in Netphen statt. Die Türen öffneten um 15:30 Uhr, ab 16 Uhr wurden Marken für die Lebensmittel-Ausgabe verkauft, und ab 16:30 Uhr begann die Ausgabe.

### Besondere Atmosphäre

Die Organisation funktionierte gut, die Atmosphäre war sehr familiär, zumal die Mitarbeiter des Netphener Tisches zusätzlich Kaffee und Kuchen angeboten haben. Diese zusätzlichen Angebote schufen Raum für Begegnungen auf Augenhöhe zwischen Menschen mit und ohne Behinderung sowie den Gästen der Tafel.

### Entwicklung während Corona

Die Corona-Pandemie brachte große Herausforderungen mit sich. Die Lebenshilfe konnte die Organisation des Netphener Tisches nicht mehr übernehmen, die Feuerwehr sprang für eine Übergangszeit ein.

### Übernahme durch die Siegener Tafel

Martin Tigges von der Siegener Tafel und Roswitha Junak-Mößner, erste Vorsitzende des Vereins, entschieden, die Organisation des Netphener Tisches zu übernehmen, sodass sich Menschen mit Behinderung weiter ehrenamtlich in diesem Bereich engagieren können. In Absprache mit dem Lebenshilfe Center Siegen übernahm die Siegener Tafel die Lebensmittelbeschaffung und die Lebensmittelausgabe für die Gäste des Netphener Tischs.

### Neustart nach erneutem Rückschlag

Im Jahr 2022 musste der Netphener Tisch die Georg-Heimann-Halle verlassen, da die Räumlichkeiten für die Unterbringung von Geflüchteten aus der Ukraine benötigt wurden. Dank der Freien evangelischen Gemeinde Netphen wurde ein neuer Standort im Gemeindehaus in der Elisabeth-Grube-Straße 5 gefunden, wo der Netphener Tisch ab diesem Zeitpunkt mittwochs von 13 bis 14:30 Uhr Lebensmittel ausgab.

### Bedeutung für die Möglichkeitsdenker

Im Jahr 2010 wollten die Initiatoren mehr Verantwortung für die ehrenamtliche Arbeit übernehmen, da das Lebenshilfe Center von Netphen nach Siegen umzog und befürchtet wurde, dass das Interesse der Lebenshilfe und der Bürger an den Projekten nachlassen könnte.

Die etablierten Projekte „Lebenshilfe NETI“ und „Lebenshilfe Mittagstisch“, bei denen sich Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam für bedürftige Bürgerinnen und Bürger der Stadt Netphen stark machen, verblieben dank des Einsatzes des Netphener Bürgermeisters in der Georg-Heimann-Halle der Stadt Netphen.



## Lebenshilfewerk Marburg-Biedenkopf

Das Lebenshilfewerk Marburg-Biedenkopf begleitet Menschen mit Behinderung, gleichberechtigt und selbstbestimmt am Leben in der Gesellschaft teilzunehmen. Im Vorstand der Lebenshilfe Marburg engagieren sich Personen, die sich für Inklusion, Selbsthilfe und Teilhabe einsetzen, darunter auch Angehörige von Menschen mit Behinderung.



## Grundsätzliche Erwägungen zum bürgerschaftlichen Engagement

Menschen mit Behinderung setzen sich ehrenamtlich ein, etwa für ältere Menschen, Kinder, Geflüchtete, bei der Feuerwehr, im Naturschutz, bei Mittagstischen für Bedürftige, im Sport oder in Stadtteilcafés. Sich zu engagieren bedeutet, mitten in der Gesellschaft zu sein und ist ein Recht aller Bürgerinnen und Bürger.

### Kerngedanken

Der Netphener Mittagstisch ist ein Paradebeispiel für gelungenes bürgerschaftliches Engagement von Menschen mit Assistenzbedarf. Das Projekt zeigt eindrucksvoll, wie Menschen mit Behinderung von Hilfeempfängern zu Hilfegebern werden können. Es demonstriert die Möglichkeiten der Teilhabe und des Engagements für das Gemeinwohl und trägt gleichzeitig zur Entstigmatisierung und gesellschaftlichen Inklusion bei.

### Erfolgsfaktoren

Die Erfolgsgeschichte der Möglichkeitsdenker und des Netphener Mittagstisches beruht auf mehreren Faktoren:

**Eigenverantwortung und Selbstbestimmung**: Die Projekte wurden maßgeblich von Menschen mit Behinderung selbst initiiert und weitgehend eigenständig organisiert.

**Sinnstiftung**: Das Engagement ermöglicht es den Beteiligten, einen wertvollen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten und gesellschaftliche Anerkennung zu erfahren.

**Begegnung auf Augenhöhe**: Die Projekte schaffen Räume für echte Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung sowie unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen.

**Flexibilität und Anpassungsfähigkeit**: Die Projekte haben Krisen wie die Corona-Pandemie oder den Verlust von Räumlichkeiten durch kreative Lösungen und Kooperationen überstanden.

**Netzwerkbildung**: Durch regionale, nationale und internationale Vernetzung werden Ideen ausgetauscht und neue Initiativen angestoßen.



## Ausblick und Potenziale

Die Erfahrungen der Möglichkeitsdenker und des Netphener Mittagstisches zeigen das große Potenzial des bürgerschaftlichen Engagements von Menschen mit Assistenzbedarf. Sie sind Vorbild und Inspiration für weitere inklusive Projekte und tragen dazu bei, gesellschaftliche Barrieren abzubauen und ein neues Verständnis von Teilhabe zu etablieren.

Das Motto „Vom reinen Hilfeempfänger zum Hilfegeber“ verdeutlicht einen grundlegenden Paradigmenwechsel: Menschen mit Behinderung werden nicht nur als Empfänger von Unterstützungsleistungen gesehen, sondern als aktive Gestalter des gesellschaftlichen Zusammenlebens anerkannt.



**Dokumentation erstellt am 15. Oktober 2025**

HeCl

Christus ist schwarz

Mein Gott
Du hörst den Schrei der Unterdrückten,
du siehst die Tränen der Entrechteten,
du spürst den Schmerz derer, die an den Rand gedrängt werden.

In Jesus Christus bist du Mensch geworden –
nicht als Herrscher, sondern als Verfolgter,
nicht in Pracht, sondern in Armut,
nicht bei den Mächtigen, sondern bei den Rechtlosen.

Öffne unsere Augen für deine Gegenwart in den Gesichtern,
die wir übersehen haben.
Öffne unsere Ohren für deine Stimme in den Rufen nach Gerechtigkeit,
die wir ignoriert haben.
Öffne unsere Herzen für deine Liebe,
die keine Grenzen kennt und keine Menschen ausschließt.


Schriftlesungen

Exodus 3,7-8

*„Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und ihr Geschrei über ihre Bedränger habe ich gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand.“*

Lukas 4,18-19

*„Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehend werden sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.“*

Matthäus 25,40.45

*„Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Geschwistern, das habt ihr mir getan… Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.“*


Welche Farbe hat Christus?

Seit Jahrhunderten hängen in unseren Kirchen Bilder eines blonden, blauäugigen Jesus – ein Bild, das historisch falsch und theologisch gefährlich ist. Jesus von Nazareth war ein Jude aus dem Nahen Osten, lebte unter römischer Besatzung, kannte Verfolgung und Unterdrückung am eigenen Leib.

Das weiße Christusbild war nie neutral. Es diente der Legitimation von Kolonialismus, Sklaverei und Rassismus. Mit einem weißen Christus an der Wand ließen sich indigene Völker „zivilisieren“, schwarze Menschen versklaven, koloniale Gewalt rechtfertigen. Der weiße Christus war der Gott der Unterdrücker.

Wenn wir heute sagen „Christus ist schwarz“, dann brechen wir mit dieser Tradition der Gewalt.

Wir erinnern uns daran, dass Gott nicht auf der Seite der Mächtigen steht, sondern bei den Unterdrückten.


James Cone, der Begründer der Black Liberation Theology, schrieb 1970 in seinem bahnbrechenden Werk: „Gott ist schwarz.“

Damit meinte er nicht eine biologische Aussage, sondern eine theologische Wahrheit: In einer Gesellschaft, die schwarzes Leben entwertet und schwarze Menschen unterdrückt, identifiziert sich Gott mit den Schwarzen. Christus ist dort, wo Menschen leiden.

Diese Erkenntnis ist nicht neu – sie zieht sich durch die gesamte biblische Tradition.

Der Gott Israels ist der Gott des Exodus, der sein Volk aus der Sklaverei befreit. Jesus verkündet den Armen frohe Botschaft, nicht den Reichen. Er isst mit den Ausgestoßenen, nicht mit den Pharisäern. Er stirbt den Tod eines Verbrechers am Kreuz, hingerichtet vom römischen Staat.

Dietrich Bonhoeffer schrieb aus dem Gefängnis: „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“ Eine Kirche, die schweigt zu Rassismus, zu Polizeigewalt, zu struktureller Ungerechtigkeit, hat ihre Berechtigung verloren. Eine Kirche, die sich neutral verhält zwischen Unterdrückern und Unterdrückten, hat sich für die Seite der Unterdrücker entschieden.


„I can’t breathe“ – die letzten Worte von George Floyd sind zum Symbol geworden für jahrhundertelange rassistische Gewalt.

Und während Menschen auf den Straßen riefen „Black Lives Matter“, fragten manche: „Muss die Kirche da wirklich Stellung beziehen?“

Ja, sie muss.

Denn wenn schwarze Menschen unter dem Knie der Staatsgewalt sterben, dann stirbt Christus dort mit ihnen. Wenn Geflüchtete im Mittelmeer ertrinken, dann ertrinkt Christus dort mit ihnen. Wenn obdachlose Menschen auf unseren Straßen erfrieren, dann erfriert Christus dort mit ihnen.

„Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Geschwistern, das habt ihr mir getan.“

Das ist keine Metapher, keine Allegorie – es ist die radikale Identifikation Gottes mit den Leidenden dieser Welt.

Ein schwarzer Christus fordert uns heraus – besonders uns weiße Christinnen und Christen. Er fordert uns auf:

Unsere eigenen Privilegien zu erkennen. Die Hautfarbe, die uns keine Angst vor Polizeikontrollen machen muss. Die Herkunft, die uns Türen öffnet statt verschließt. Die Vorurteile, die wir verinnerlicht haben, ohne es zu merken.

Unsere kirchliche Tradition kritisch zu befragen. Welche Lieder singen wir? Welche Bilder hängen bei uns? Wessen Stimmen hören wir, wessen Theologie wird gelehrt? Wie viele Theologinnen und Theologen of Color kennen wir?

Solidarisch zu handeln. Nicht nur zu beten für die Unterdrückten, sondern mit ihnen zu kämpfen für Gerechtigkeit. Nicht nur Symptome zu lindern, sondern Strukturen zu verändern. Nicht nur individuell „gut“ zu sein, sondern kollektiv Verantwortung zu übernehmen.

Martin Luther King Jr. schrieb aus dem Gefängnis in Birmingham: „Ungerechtigkeit an irgendeinem Ort bedroht die Gerechtigkeit an jedem anderen Ort.“ Solange irgendwo auf dieser Welt Menschen unterdrückt werden wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihrer Religion, sind wir alle betroffen. Die Befreiung kann nur eine gemeinsame sein.

„Christus ist schwarz“ ist keine Aussage der Resignation, sondern der Hoffnung. Es ist die Hoffnung, dass Gott nicht neutral ist, sondern Partei ergreift. Die Hoffnung, dass das Kreuz nicht das letzte Wort hat, sondern die Auferstehung. Die Hoffnung, dass die Mächtigen vom Thron gestürzt werden und die Niedrigen erhöht.

Der Lobgesang Marias, ist ein revolutionäres Lied:

„Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“

Das ist keine ferne Zukunftsvision – das ist der Anspruch des Evangeliums hier und jetzt.

Wenn wir sagen „Christus ist schwarz“, dann bekennen wir uns zu diesem Gott der Befreiung. Dann stehen wir in der Tradition der Propheten, die gegen Ungerechtigkeit aufstanden. Dann folgen wir dem Jesus nach, der sein Leben gab für die Befreiung der Welt.

Fürbittengebet

Gott der Gerechtigkeit,
wir bringen vor dich unsere Bitten und unsere Hoffnungen:

Wir beten für alle Menschen, die unter Rassismus leiden –
für schwarze Menschen in Deutschland, die täglich Diskriminierung erfahren,
für People of Color, deren Würde verletzt wird,
für alle, die wegen ihrer Hautfarbe benachteiligt werden.

Wir beten für die Opfer rassistischer Gewalt –
für die Familien von George Floyd, Breonna Taylor, Eric Garner,
für die Opfer von Hanau, von Halle, von NSU-Terror,
für alle, deren Namen wir nicht kennen, deren Geschichten unerzählt bleiben.

Wir beten für alle, die für Gerechtigkeit kämpfen –
für Black Lives Matter und andere Bewegungen weltweit,
für Initiativen gegen Racial Profiling,
für alle, die ihre Stimme erheben gegen Ungerechtigkeit.

Wir beten für uns selbst –
für den Mut, unsere eigenen Privilegien zu erkennen,
für die Demut, von anderen zu lernen,
für die Kraft, nicht nur Worte zu sprechen, sondern zu handeln.

Wir beten für unsere Kirchen –
dass sie Orte der Befreiung werden, nicht der Unterdrückung,
dass sie ihre Stimme erheben gegen Ungerechtigkeit,
dass sie wirklich Kirche für andere werden.

Wir beten für eine Welt –
in der jedes Leben zählt, unabhängig von Hautfarbe,
in der Gerechtigkeit fließt wie Wasser,
in der dein Reich anbricht, schon jetzt.

Gott, höre unser Gebet.

Amen

Oktober 2025

Claudius Herzberger