Ja, die Kirche darf sich in die Politik einmischen, und viele sehen darin sogar eine Pflicht, insbesondere bei ethischen Fragen, Menschenrechten und dem Gemeinwohl.
Wobei sie sich aber von tagesaktuellen Parteipositionen fernhalten sollte, um ihre Glaubwürdigkeit zu wahren und als moralischer Kompass zu wirken.
Die Meinungen gehen auseinander, wie stark diese Einmischung sein sollte, aber die allgemeine Tendenz ist, dass Kirche sich für christliche Werte wie Nächstenliebe, Bewahrung der Schöpfung und Gerechtigkeit einsetzen muss, um ihre Rolle in der Gesellschaft wahrzunehmen, statt sich komplett zu neutralisieren.
Argumente für die Einmischung:
Glaubensauftrag: Der Glaube ist nicht nur privat, sondern hat eine politische Dimension; Schweigen bei Ungerechtigkeit wäre ein Versagen.
Wertevermittlung: Die Kirche kann christliche Werte als Leitlinien für politische Entscheidungen einbringen, z.B. in der Sozialpolitik oder beim Klimaschutz.
Menschliches Wohl: Wenn das Wohl der Menschheit gefährdet ist, sieht sich die Kirche verpflichtet, eine Stimme zu erheben.
Demokratie stärken: Als Institution kann sie Halt geben, Sinn stiften und so das zivile Miteinander und die Demokratie fördern.
Grenzen der Einmischung: Keine Parteipolitik: Die Kirche soll nicht Partei ergreifen, sondern Partei für die Menschen ergreifen und nicht in tagespolitische Grabenkämpfe verfallen.
Neutralität wahren: Der Staat muss religiös neutral bleiben, aber die Kirche agiert in der Gesellschaft und muss ihre Unabhängigkeit bewahren.
Spielfeld wechseln: Eine zu starke Fokussierung auf Tagespolitik kann von der grundlegenden spirituellen Aufgabe ablenken.
Praxis in Deutschland: Das deutsche Grundgesetz sieht keine strikte Trennung von Staat und Kirche vor; der Staat arbeitet mit Religionsgemeinschaften zusammen, z.B. beim Religionsunterricht.
Die Bundesregierung schätzt die Einbindung der Kirchen bei ethischen und sozialen Fragen.
Fazit: Die Kirche darf und muss sich politisch einmischen, aber mit Augenmaß, indem sie ihre ethischen Grundsätze in die Debatte einbringt, ohne sich selbst zu einer politischen Partei zu machen.
Im Januar am Beginn des Jahres, ganz zu Beginn, Diese Runde meist deutlich angegraut. Alte Männer, das Haupthaar schütter, die Bärte grau, wirken müde, die Köpfe interessiert nach vorne geneigt. Viele alte, weise Männer, aus faltigem Gesicht mit leerem, trüben Blick.
Viele alte Frauen, Haare gefärbt, Einige onduliert, andere toupiert, Hochfrisur. Mit Zweckfrisuren, kurzer Haarschnitt, Fasonschnitt, männlich streng geschnitten. Schminke im Gesicht, dick aufgetragen, rote Lippen, viel zu rot, auch Rouge auf den fahlen Wangen. Backenknochen notdürftig weich geschminkt.
Eine alte graue Runde, lustlos. Die Raumluft ist geschwängert von billigem Rasierwasser: Old Spice, Irisch Moos, Tabac, Pitralon. Frauen-Düfte: Tosca, Kölnisch Wasser, Gabriela Sabatini.
Sie halten fest an alten Riten: Begrüßung, Anwesenheitslisten, Tagesordnung. Wir gedenken der Verstorbenen – sich kurz erhebend. Schweigeminute für die verdienten Hingeschiedenen.
Eloquente Profis, auch dabei, viele Frauen, wenige Männer. Ein kleiner Lichtblick. Ein wenig wie erweitertes Zentralkomitee der längst vom Zeitenlauf verschluckten Regime.
Beklagt wird alles, Zeitgeist, Mitarbeiter ausgebrannt und am System krank gemacht. Niemand nimmt mehr Verantwortung ernst. Wie war das früher doch anders? Schöner, besser, früher. Früher immer alles besser.
Dann reden die Profis.
Ja, ja, die Profis reden smart. Fachbegriffe fliegen, sind stolz auf das angelernte Vokabular aus Psychologie, Erziehungswissenschaft. Management-Vokabular: Projektmanagement, Qualitätsmanagement, Lean Management.
Das Unternehmensberatungsvokabular restlos aufgesagt, falsch gewählt, unecht. Mit roten Wangen dargeboten, falsche Versprechungen.
Keiner sagt es, wagt es nicht, keiner hat mehr Kraft zu sagen: Was wabert durch den Raum?
Unsere Zeit, die ist vorbei. Nichts wird mehr nützen, nichts mehr helfen. Unsere Zeit, die ist vorbei, unverrückbar, obsolet, verschluckt, verplempert, aus der Zeit gefallen.
Im Abklingbecken der Geschichte wiedergefunden. Da ist noch warm, vielleicht noch ein paar Jahre. Kann man kuscheln, bleiben, die alten Zeiten weinen. Aber jeder spürt allmählich: Wird es kälter, immer kälter.
Die Jungen spielen nicht mehr mit. Die Jungen, ach ja, die Jungen. Die haben ihre eigenen Sorgen, ihre eigene Art, mit der Welt umzugehen. Was den Alten als Eigennutz erscheint, ist vielleicht nur Selbstschutz in einer Zeit, die keinen mehr trägt.
Liebe Menschen, sagt es doch: Es ist vorbei. Sagt es bitte ehrlich: Es ist vorbei.
Bitte erst mal warten, klagen, trauern, weinen, zur Ruhe kommen, warten, müssen können, schauen, blicken, träumen, schlafen, neue Kräfte sammeln.
Da wird vielleicht die neue Hoffnung keimen, erst ganz klein und zart und grün, dann stärker, größer werdend.
Was da ist, was kommt, das sehen wir dann.
Wie es wirklich werden wird, das weiß noch keiner. Jeder kann es träumen.
Dann kommt ein guter Satz, der in sich birgt etwas Kluges: Wer träumen kann, der kann auch tun.
Darauf dürft ihr hoffen, aber lasst euch Zeit.
Bitte, bitte nicht dran ziehen. Hoffnung braucht Geduld und Ruhe, um zu wachsen, zu gedeihen.
26.12.25 Claudius
Begleit-Notiz Dieses Gedicht entstand am zweiten Weihnachtstag 2025 — nach einer dieser Sitzungen, die man kennt und die einen nicht loslassen. Es geht um Institutionen, die ihre Zeit hatten. Um Menschen, die das wissen, aber es nicht aussprechen können oder wollen. Und um die Frage, was nach dem ehrlichen Eingeständnis des Endes noch möglich ist. Die Widmung gilt Maren und ihrem Lebenswerk — in Dankbarkeit und Respekt. HeCl
Wir feiern den Advent nur nebenbei – wenn überhaupt. Es sind schließlich die hektischen Wochen vor Weihnachten:
Geschenke kaufen, Feiertagsbesuche planen, Festessen organisieren, dazwischen Weihnachtsfeiern und bitte auch etwas Besinnlichkeit. Ach ja, und wieder eine Kerze anzünden, wie die Zeit vergeht!
Dabei hat der Advent wenig mit Weihnachten zu tun. Und viel damit, wie wir durchs Leben gehen. In der Antike – und auch heute noch – schaute man auf das Bewährte, erklärt Siegfried Zimmer. Gut war, was schon lange funktionierte. Neues machte Angst, die Zukunft war ungewiss.
Jesus aber war ein Revolutionär – er blickte nach vorn.
Er versprach den Leidenden künftigen Trost und den Trauernden das Reich Gottes.
Das Gute kommt noch. Und wer zurückblickt, so sagte es Jesus, der ist nicht geschaffen für das Reich Gottes, der erstarrt im Hier und Jetzt. Damit uns das nicht passiert, gibt es den Advent.
Lebenshilfe Möglichkeitsdenker ist ein innovatives Graswurzelprojekt im Bereich der Teilhabe- und Inklusionsförderung, das Menschen mit Beeinträchtigungen als aktiv Gestaltende zivilgesellschaftlichen Engagements in den Mittelpunkt stellt. Der Begriff „Möglichkeitsdenker“ beschreibt dabei eine Haltung, die nicht von Defiziten, sondern von Potenzialen und Möglichkeiten ausgeht.
Gründung und Gründungspersonen
Das Möglichkeitsdenker-Projekt wurde von einer Gruppe engagierter Personen aus Praxis und Wissenschaft initiiert, die gemeinsam neue Wege der inklusiven Teilhabe entwickeln wollten. Als Graswurzelprojekt entstand es nicht top-down durch institutionelle Vorgaben, sondern bottom-up aus der konkreten Praxis und dem persönlichen Engagement der Beteiligten.
Gründungsteam
Armin Herzberger fungierte als zentrale Gründungsperson und Initiator des Projekts. Als Sozialpädagoge mit langjähriger Erfahrung in der Lebenshilfe-Arbeit und späterer akademischer Tätigkeit brachte er die praktische Expertise und theoretische Reflexion zusammen. Herzberger dokumentiert und reflektiert das Projekt sowie seine theoretischen und literarischen Überlegungen zu Inklusion auf seinem persönlichen Blog.
Auf seinem Blog veröffentlicht Herzberger unter anderem den bemerkenswerten Essay „Was hat Inklusion mit Rilke zu tun?“, der die Verbindung zwischen literarischer Sensibilität, humanistischer Bildung und inklusiver Pädagogik aufzeigt. Diese Reflexionen verdeutlichen, dass Inklusion nicht nur eine sozialpolitische oder organisatorische Aufgabe ist, sondern auch eine Frage der Haltung, der Wahrnehmung und des menschlichen Miteinanders – Dimensionen, die in der klassischen Literatur oft eindringlich thematisiert werden.
Erika Schmidt war als Person mit eigenem Assistenzbedarf von Beginn an maßgeblich an der Konzeptentwicklung beteiligt. Ihre Perspektive als Expertin in eigener Sache prägte die partizipative Ausrichtung des Projekts entscheidend.
Wolfgang Nollmann und Vanessa Nollmann, beide mit eigenem Assistenzbedarf, waren ebenfalls Gründungsmitglieder und verkörperten von Anfang an den Grundgedanken, dass Menschen mit Beeinträchtigungen nicht nur Zielgruppe, sondern aktive Gestalter*innen des Projekts sind.
Wolfgang Nollmann übernahm darüber hinaus eine besondere Rolle als Referent und Dozent an der Universität Siegen im Studiengang Soziale Arbeit/Sozialpädagogik. In dieser Funktion bringt er seine Erfahrungen und Perspektiven direkt in die Ausbildung künftiger Sozialarbeiter*innen ein und trägt so zur Sensibilisierung und Kompetenzentwicklung der Studierenden bei. Diese direkte Einbindung eines Menschen mit Assistenzbedarf in die akademische Lehre ist exemplarisch für den Möglichkeitsdenker-Ansatz.
Dr. Angelika Magiros brachte ihre Expertise im Bereich des unterstützten Wohnens und der Beratung ein. Als Mitarbeiterin bei der Lebenshilfe Bundesvereinigung (LHBV) trug sie wesentlich zur fachlichen Fundierung und konzeptionellen Ausarbeitung bei sowie zur Vernetzung mit der bundesweiten Lebenshilfe-Struktur.
Weitere beteiligte Dozentinnen und Expertinnen in eigener Sache
Das Möglichkeitsdenker-Projekt zeichnet sich dadurch aus, dass neben Wolfgang Nollmann weitere Menschen mit Beeinträchtigungen als Dozentinnen und Referentinnen in die akademische Lehre und Weiterbildung eingebunden sind:
Dr. Martin Reichstein ist als Wissenschaftler mit eigener Betroffenheit im Projekt aktiv und bringt seine akademische Expertise sowie seine persönlichen Erfahrungen in Forschung und Lehre ein. Seine Doppelrolle als Wissenschaftler und Mensch mit Beeinträchtigung verkörpert die Überwindung traditioneller Rollenzuschreibungen.
Dr. Miriam Düber und Dr. Hanna Weinbach engagieren sich ebenfalls als Dozentin und Expertin in eigener Sache im Kontext des Projekts. Sie tragen mit ihrer wissenschaftlichen Qualifikation und ihrer persönlichen Perspektive zur Weiterentwicklung inklusiver Hochschuldidaktik bei.
Darüber hinaus sind weitere Betroffene als Dozent*innen in verschiedenen Bildungskontexten aktiv, die ihre Erfahrungen und ihr Wissen weitergeben. Diese Einbindung von Menschen mit Beeinträchtigungen als Lehrende auf Augenhöhe ist ein zentrales Merkmal des Möglichkeitsdenker-Ansatzes und trägt zur Transformation des Bildungssystems bei.
Wissenschaftliche Begleitung
Die wissenschaftliche Begleitung erfolgte durch das Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZpE) der Universität Siegen:
Prof. Dr. Albrecht Rohrmann übernahm die wissenschaftliche Leitung und Begleitung des Projekts. Als renommierter Forscher im Bereich der Heilpädagogik und Behindertenhilfe brachte er umfassende Expertise in Fragen der Inklusion, Teilhabe und Sozialraumgestaltung ein.
Prof. Dr. em. Norbert Schwarte (verstorben) war ebenfalls maßgeblich an der wissenschaftlichen Konzeption beteiligt. Seine Arbeiten zur gemeindenahen Psychiatrie und sozialen Integration prägten die theoretischen Grundlagen des Projekts nachhaltig.
Die Gründungskonstellation war von Beginn an durch eine gleichberechtigte Zusammenarbeit zwischen Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen gekennzeichnet. Dies spiegelte bereits im Gründungsteam den Paradigmenwechsel wider, den das Projekt anstrebte: Nicht über, sondern mit Menschen mit Beeinträchtigungen zu denken und zu handeln.
Die enge Verzahnung von Praxiserfahrung (Lebenshilfe-Arbeit) und wissenschaftlicher Reflexion (Universität Siegen) bildete von Anfang an ein Alleinstellungsmerkmal des Projekts.
Als Graswurzelprojekt entwickelte sich die Initiative organisch aus der konkreten Begegnung und dem gemeinsamen Engagement der Beteiligten, ohne auf bestehende institutionelle Strukturen oder Finanzierungen zu warten. Diese Entstehungsweise prägt bis heute die Arbeitsweise und das Selbstverständnis des Projekts.
Die Einbindung mehrerer Menschen mit Beeinträchtigungen als akademische Dozent*innen war von Anfang an konstitutiv für das Projekt und demonstriert praktisch die Möglichkeiten inklusiver Bildung und Wissenschaft.
Entstehungsgeschichte
Das Konzept der Möglichkeitsdenker entwickelte sich im Kontext der deutschen Behindertenhilfe und der Lebenshilfe-Bewegung. Es steht in der Tradition der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung und der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), die 2009 in Deutschland ratifiziert wurde.
Internationale Inspiration: Lebenshilfe Graz
Wichtige Impulse und Anregungen für das Möglichkeitsdenker-Konzept kamen aus Österreich, insbesondere von der Lebenshilfe Graz. Die österreichische Lebenshilfe-Bewegung entwickelte bereits früh innovative Ansätze der Personenzentrierung und Selbstbestimmung, die als Ideengeber für die deutsche Entwicklung dienten. Der fachliche Austausch zwischen österreichischen und deutschen Lebenshilfe-Organisationen trug wesentlich zur konzeptionellen Weiterentwicklung bei.
Die theoretischen Grundlagen wurzeln in der Capability-Approach-Theorie von Amartya Sen und Martha Nussbaum sowie in der deutschen und österreichischen Sozialpädagogik-Tradition, die Empowerment und Subjektorientierung betont.
Kernkonzepte
Paradigmenwechsel
Das Projekt verkörpert einen Paradigmenwechsel von der traditionellen Fürsorge-Perspektive hin zu einer anerkennungsorientierten Praxis, in der Menschen mit Unterstützungsbedarfen:
Als Expert*innen in eigener Sache anerkannt werden
Von Hilfeempfängerinnen zu aktiven Gestalterinnen werden
Bürgerschaftliches Engagement praktizieren
Ihre Fähigkeiten und Ressourcen einbringen können
Als Dozent*innen und Lehrende tätig werden
Zukunftsplanung
Ein zentraler methodischer Ansatz im Möglichkeitsdenker-Projekt ist die personenzentrierte Zukunftsplanung (Person Centered Planning). Diese Methode stellt die Wünsche, Träume und Ziele der Person mit Beeinträchtigung in den Mittelpunkt und entwickelt daraus konkrete Schritte zur Verwirklichung. Zukunftsplanung bedeutet:
Die eigenen Lebensvorstellungen zu artikulieren
Unterstützer*innenkreise aufzubauen
Konkrete Teilhabeziele zu entwickeln
Ressourcen im Sozialraum zu erschließen
Selbstbestimmung aktiv zu gestalten
Theoretische Verortung
Das Konzept verbindet verschiedene theoretische Ansätze:
Sozialraumorientierung: Einbindung in lokale Gemeinwesen
Community Care: Gegenseitige Unterstützung statt einseitiger Versorgung
Peer-Learning: Lernen von und mit Menschen mit Beeinträchtigungen
Wissenschaftliche Kooperation mit der Universität Siegen
Fakultät für Bildung, Architektur, Künste und ZpE
Eine zentrale Rolle in der wissenschaftlichen Fundierung und Begleitung des Möglichkeitsdenker-Projekts spielt die Universität Siegen, insbesondere die Fakultät für Bildung, Architektur, Künste mit dem Fachbereich Soziale Arbeit und Sozialpädagogik sowie das Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZpE).
Die Zusammenarbeit umfasst:
Entwicklung theoretischer Grundlagen für inklusives bürgerschaftliches Engagement
Begleitforschung zu Transformationsprozessen in der Behindertenhilfe
Konzeption und Durchführung von Lehrveranstaltungen
Praxisforschung mit partizipativen Methoden
Transfer zwischen wissenschaftlicher Theorie und sozialpädagogischer Praxis
Einbindung von Menschen mit Beeinträchtigungen als Lehrende und Referent*innen
Im Rahmen der Kooperation entstanden innovative Seminarkonzepte, die Studierende der Sozialen Arbeit mit der Praxis des inklusiven Engagements vertraut machen:
„Soziale Arbeit mit Menschen mit besonderen persönlichen Lebenslagen“
„Bürgerschaftliches Engagement und Inklusion“
„Theorie-Praxis-Transfer in der Sozialpädagogik“
Diese Seminare verbinden theoretische Reflexion mit Praxisbesuchen und ermöglichen direkte Begegnungen zwischen Studierenden und Möglichkeitsdenkern. Besonders hervorzuheben ist die Einbindung mehrerer Dozent*innen mit Beeinträchtigungen im Studiengang Soziale Arbeit/Sozialpädagogik:
Wolfgang Nollmann als Referent für Fragen der Selbstbestimmung und Teilhabe
Dr. Martin Reichstein als wissenschaftlicher Dozent
Dr. Miriam Düber als Expertin für inklusive Bildung
Weitere Betroffene als Expert*innen in eigener Sache
Durch diese Lehrpraxis lernen Studierende unmittelbar von der Expertise von Menschen mit Assistenzbedarf und erleben praktisch, wie inklusive Hochschullehre gestaltet werden kann.
Inklusion und literarische Bildung
Die Verbindung von Inklusion und humanistischer Bildung wird in den Lehrveranstaltungen thematisch aufgegriffen. Der auf dem Blog von Armin Herzberger veröffentlichte Essay „Was hat Inklusion mit Rilke zu tun?“ dient dabei als Reflexionsgrundlage für die Frage, wie literarische Sensibilität und poetische Wahrnehmung zu einem vertieften Verständnis von Menschenwürde, Anderssein und Teilhabe beitragen können.
Im Kontext der Kooperation zwischen Lebenshilfe-Organisationen und der Universität Siegen entstand ein Forschungsbüro, das als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis fungiert. Das Forschungsbüro verfolgt mehrere Ziele:
Partizipative Forschung: Menschen mit Beeinträchtigungen werden als Co-Forscher*innen in Forschungsprozesse einbezogen
Praxisbegleitung: Wissenschaftliche Begleitung von Projekten inklusiven Engagements
Wissenstransfer: Vermittlung zwischen akademischer Forschung und sozialpädagogischer Praxis
Dokumentation: Systematische Erfassung von Erfahrungen und Erkenntnissen aus der Möglichkeitsdenker-Praxis
Konzeptentwicklung: Erarbeitung von Handlungskonzepten und Qualitätsstandards
Forschungsschwerpunkte
Das Forschungsbüro befasst sich unter anderem mit:
Transformation von Werkstätten für behinderte Menschen
Inklusive Formen bürgerschaftlichen Engagements
Partizipation und Selbstvertretung
Sozialräumliche Inklusion
Professionelle Haltungen in der Behindertenhilfe
Überwindung des Helfersyndroms
Personenzentrierte Zukunftsplanung
Inklusive Hochschuldidaktik
Methodische Ansätze
Das Forschungsbüro arbeitet mit innovativen, inklusiven Forschungsmethoden:
Aktionsforschung: Forschung als gemeinsamer Prozess mit den Beforschten
Photovoice: Menschen mit Beeinträchtigungen dokumentieren ihre Perspektiven fotografisch
Leichte Sprache in der Forschung: Zugängliche Forschungskommunikation
Peer-Research: Menschen mit Beeinträchtigungen als Forschende
Ethnografische Methoden: Teilnehmende Beobachtung in inklusiven Settings
Organisatorische Trägerschaft und Netzwerke
Lebenshilfe-Organisationen in Nordrhein-Westfalen
Die praktische Umsetzung des Möglichkeitsdenker-Konzepts erfolgt in enger Zusammenarbeit mit verschiedenen Lebenshilfe-Organisationen in Nordrhein-Westfalen:
Lebenshilfe Lüdenscheid
Die Lebenshilfe Lüdenscheid ist eine der tragenden Organisationen, die das Möglichkeitsdenker-Konzept in ihrer Arbeit implementiert hat. Sie setzt innovative Projekte zur Förderung von Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Teilhabe um und ist aktiv in der regionalen Vernetzung engagiert.
Der Lebenshilfe Landesverband Nordrhein-Westfalen e.V. fungiert als Dachorganisation und fördert die landesweite Verbreitung innovativer Inklusionskonzepte. Er unterstützt die Vernetzung zwischen lokalen Lebenshilfe-Organisationen, wissenschaftlichen Einrichtungen und politischen Akteuren.
Verbreitung innovativer Konzepte wie der Möglichkeitsdenker-Philosophie
Vernetzung von Praxis, Wissenschaft und Politik
Lebenshilfe-Rat NRW
Eine besondere Verbindung besteht zum Lebenshilfe-Rat NRW, dem Selbstvertretungsgremium des Landesverbandes, in dem Menschen mit Beeinträchtigungen ihre Interessen selbst vertreten. Diese Querverbindung unterstreicht den partizipativen Ansatz des Möglichkeitsdenker-Projekts.
Lebenshilfewerk Marburg-Biedenkopf
Das Lebenshilfewerk Marburg-Biedenkopf ist eine weitere wichtige Partnerorganisation mit engen Querverbindungen zum Möglichkeitsdenker-Projekt. Die Organisation in Mittelhessen trägt zur regionalen und überregionalen Vernetzung bei.
Die Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V. ist durch die Mitarbeit von Dr. Angelika Magiros eng mit dem Projekt verbunden und trägt zur bundesweiten Verbreitung des Möglichkeitsdenker-Ansatzes bei.
Die Möglichkeitsdenker-Philosophie wird von verschiedenen regionalen und überregionalen Lebenshilfe-Einrichtungen aufgegriffen:
Lebenshilfe Siegen und weitere Einrichtungen in der Region Südwestfalen
Weitere regionale Lebenshilfe-Verbände in Hessen und anderen Bundesländern
Werkstätten für Menschen mit Behinderungen, die transformative Prozesse durchlaufen
Praxisbeispiele und weitere Kooperationen
Netphener Tisch
Ein prominentes Beispiel ist der Netphener Tisch in Netphen (Nordrhein-Westfalen), eine Lebensmittelausgabestelle, bei der Menschen mit Beeinträchtigungen nicht nur Empfängerinnen sind, sondern als freiwillige Helferinnen aktiv mitwirken. Diese Transformation von Nutzer*innen zu Engagierten zeigt exemplarisch den Möglichkeitsdenker-Ansatz und wurde wissenschaftlich durch die Universität Siegen begleitet.
Weitere Hochschulkooperationen
Neben der zentralen Zusammenarbeit mit der Universität Siegen bestehen Kontakte zu:
Hochschulen für Soziale Arbeit in Nordrhein-Westfalen
Forschungsinstituten im Bereich Disability Studies
Internationalen Hochschulnetzwerken zu inklusiver Bildung
Auf Landesebene existieren verschiedene Partizipations- und Teilhabegesetze, die die rechtliche Grundlage für erweiterte Mitbestimmungsrechte schaffen.
Kritische Diskurse
Werkstätten-Debatte
Das Möglichkeitsdenker-Konzept ist eng verknüpft mit der kritischen Auseinandersetzung um die Zukunft der Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM). Kritiker*innen fordern:
Abbau segregativer Sonderstrukturen
Übergang zu inklusiven Arbeitsformen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt
Faire Entlohnung statt Werkstattlohn
Helfersyndrom und professionelle Haltung
Das Projekt thematisiert auch kritisch das sogenannte Helfersyndrom in sozialen Berufen und fordert eine reflexive professionelle Haltung, die Abhängigkeiten vermeidet und Selbstbestimmung fördert. Diese Thematik wird sowohl in der Forschung als auch in der Lehre an der Universität Siegen aufgegriffen.
Publikationen und wissenschaftlicher Diskurs
Zum Themenfeld Möglichkeitsdenker und inklusives bürgerschaftliches Engagement existieren verschiedene Veröffentlichungen in:
Fachzeitschriften für Soziale Arbeit (z.B. Soziale Arbeit, Teilhabe)
Publikationen der Lebenshilfe (Bundes- und Landesverbände)
Hochschulschriften und wissenschaftliche Abhandlungen aus der Universität Siegen
Dokumentationen des Forschungsbüros
Praxisberichte und Handreichungen
Blog-Publikationen und Essays (z.B. auf arminherzberger.com)
Internationale Bezüge
Das Konzept steht im Dialog mit internationalen Entwicklungen:
Lebenshilfe Österreich (insbesondere Graz/Steiermark) als Ideengeber
Independent Living Movement (USA, Skandinavien)
Social Role Valorization nach Wolf Wolfensberger
Community-based Rehabilitation (WHO-Ansatz)
Nothing About Us Without Us – Motto der internationalen Behindertenbewegung
Person Centered Planning – Internationale Bewegung der Zukunftsplanung
Ausblick
Die Möglichkeitsdenker-Perspektive gewinnt im Kontext der Inklusions- und Teilhabedebatte zunehmend an Bedeutung. Sie fordert eine grundlegende Neuausrichtung der Behindertenhilfe und stellt die Frage nach der Transformation bestehender Sonderstrukturen. Die wissenschaftliche Begleitung durch die Universität Siegen und die Arbeit des Forschungsbüros tragen dazu bei, diesen Wandel theoretisch zu fundieren und empirisch zu erforschen.
Die Vernetzung zwischen Praxis (Lebenshilfe-Organisationen), Wissenschaft (Universität Siegen, Forschungsbüro) und Politik (Landesverband NRW, Lebenshilfe-Rat NRW, Bundesvereinigung) schafft günstige Voraussetzungen für eine nachhaltige Weiterentwicklung inklusiver Teilhabestrukturen.
Als Graswurzelprojekt bleibt die Initiative dabei ihren Wurzeln treu: Der Wandel entsteht nicht durch Verordnungen von oben, sondern durch das konkrete Engagement und die gelebte Praxis von Menschen, die neue Wege der Teilhabe beschreiten. Die Einbindung mehrerer promovierter Wissenschaftlerinnen mit Beeinträchtigungen sowie weiterer Dozentinnen in eigener Sache zeigt exemplarisch, welche Potenziale durch konsequente Inklusion erschlossen werden können.
Dieser Artikel basiert auf Konzepten und Praxiserfahrungen aus der deutschen und österreichischen Behindertenhilfe und Sozialpädagogik, insbesondere der wissenschaftlichen Kooperation zwischen Lebenshilfe-Organisationen und der Universität Siegen.
Hinweis: Dieser Artikel stellt ein Konzept dar, das als Graswurzelprojekt in verschiedenen Kontexten der Lebenshilfe-Arbeit entwickelt und praktiziert wird. Die genaue organisatorische Zuordnung und institutionelle Verankerung kann regional unterschiedlich sein.
„Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei. Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. Denn es steht geschrieben: ‚So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.‘ So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben.“
—
Liebe Schwestern und Brüder,
„Leben wir, so leben wir dem Herrn“ – das klingt fromm, aber was meint Paulus damit eigentlich? Geht es um Gebete und Gottesdienstbesuche? Um christliche Innerlichkeit?
Ich glaube, Paulus meint etwas anderes. Er fragt: Wem gehört dein Leben? Wofür setzt du dich ein? Was ist dir wichtig?
Wenn ich sage „ich lebe dem Herrn“, dann heißt das: Mein Leben gehört nicht mir allein. Ich lebe nicht nur für mich selbst, für meinen Wohlstand, für meine Ruhe. Ich lebe für etwas Größeres – für Gottes Reich, für Gerechtigkeit und Frieden, für die Gemeinschaft mit anderen Menschen.
Das ist keine Last, sondern eine Befreiung. Ich muss mich nicht ständig selbst beweisen. Ich muss nicht besser sein als andere. Ich darf einfach leben – in der Gewissheit, dass Gott mich trägt, im Leben wie im Sterben.
Wir sind alle gleich vor Gott
„Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.“ Manchmal hören wir das als Drohung. Aber ich denke, Paulus meint es anders.
Er sagt: Vor Gott sind wir alle gleich. Da gibt es keine Unterschiede zwischen Pfarrer und Gemeindeglied, zwischen Kirchenvorstand und Besucher im hinteren Kirchenbank, zwischen denen, die schon immer hier waren, und denen, die neu dazugekommen sind.
Das ist das Herzstück der Reformation: Wir sind alle unmittelbar vor Gott verantwortlich. Luther nannte das „Priestertum aller Gläubigen“. Nicht der Pfarrer steht näher bei Gott als Sie. Nicht die Kirchenleitung hat mehr zu sagen. Wir alle stehen gleich vor Gott.
Das hat Folgen für unsere Gemeinde: Wenn wir alle gleich sind, dann dürfen nicht nur wenige bestimmen, wo es langgeht. Dann müssen wir gemeinsam überlegen, was zu tun ist. Dann ist die Meinung der Reinigungskraft genauso wichtig wie die des Presbyteriumsvorsitzenden.
Hört auf zu richten und zu verachten
„Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder?“
Kennen Sie das? Da kommt jemand nicht mehr so oft in den Gottesdienst, und schon wird getuschelt: „Der hat wohl seinen Glauben verloren.“ Da hat jemand eine andere Meinung zu einer Frage in der Gemeinde, und schon heißt es: „Die versteht das halt nicht.“
Paulus sagt: Hört auf damit! Hört auf zu richten, wer ein „richtiger“ Christ ist und wer nicht. Hört auf zu verachten, wer anders denkt als ihr.
Das geschieht leider auch in unseren Gemeinden. Manche werden nicht ernst genommen, weil sie keine theologische Ausbildung haben. Andere werden überhört, weil sie nicht zu den „Alteingesessenen“ gehören. Wieder andere werden belächelt, weil sie neue Ideen haben.
Aber wer sind wir, dass wir über andere urteilen? Wir stehen alle vor Gott. Und Gott fragt nicht: „Warst du orthodox genug? Hast du die richtigen Lieder gesungen? Hast du oft genug die Bibel gelesen?“ Gott fragt: „Hast du in Liebe gelebt? Hast du für Gerechtigkeit gekämpft? Hast du anderen geholfen?“
Was kann das für uns bedeuten?
„Leben wir, so leben wir dem Herrn“ – was bedeutet das im Alltag?
Ich denke an die Frau, die jeden Sonntag nach dem Gottesdienst beim Kaffee auf die zugeht, die allein am Rand stehen. Sie richtet nicht, sie verachtet nicht – sie lebt dem Herrn, indem sie Gemeinschaft schafft.
Ich denke an den Mann, der im Kirchenvorstand immer wieder fragt: „Was ist eigentlich mit denen, die nicht hier sind? Was brauchen die jungen Familien? Was brauchen die Alleinerziehenden?“ Er lebt dem Herrn, indem er an die denkt, die keine Stimme haben.
Ich denke an die ältere Dame, die sich für den Erhalt der Diakoniestation einsetzt, obwohl sie selbst nicht darauf angewiesen ist. Sie lebt dem Herrn, indem sie für andere einsteht.
Das ist gemeint mit „dem Herrn leben“ – nicht fromme Innerlichkeit, sondern konkretes Handeln für andere.
Keine Hierarchien im Reich Gottes
„Jeder von uns wird für sich selbst Gott Rechenschaft geben.“ Das heißt: Ich kann mich nicht verstecken hinter anderen. Ich kann nicht sagen: „Der Pfarrer hat das so gesagt“ oder „Das haben wir schon immer so gemacht.“
Aber es heißt auch: Ich bin frei. Frei von dem, was andere von mir erwarten. Frei von der Angst, nicht dazuzugehören. Frei, meinem Gewissen zu folgen.
Das war für die Reformatoren zentral: Niemand steht zwischen mir und Gott. Kein Papst, kein Bischof, kein Pfarrer. Ich bin selbst verantwortlich.
Das bedeutet aber auch: Wir brauchen keine kirchlichen Hierarchien, die uns sagen, was wir zu glauben haben. Wir können gemeinsam überlegen, was der Auftrag der Kirche heute ist. Jede Stimme zählt.
Was wird am Ende zählen?
„Alle Knie sollen sich beugen, alle Zungen sollen Gott bekennen“ – das ist die große Perspektive, die Paulus uns gibt. Am Ende wird sich zeigen, was wirklich wichtig war.
Dann wird nicht gefragt: Wie groß war eure Kirche? Wie voll waren eure Gottesdienste? Wie gut war eure Finanzverwaltung?
Dann wird gefragt: Habt ihr euch für die Schwachen eingesetzt? Habt ihr Gerechtigkeit gesucht? Habt ihr Frieden gestiftet? Habt ihr einander angenommen, wie Christus euch angenommen hat?
Das relativiert vieles, worüber wir uns in der Kirche streiten. Die Frage ist nicht: Klassisch oder modern? Orgel oder Band? Liturgisch oder frei? Die Frage ist: Dient es der Liebe? Schafft es Gerechtigkeit? Bringt es das Reich Gottes näher?
Jesus ermutigt uns
Liebe Schwestern und Brüder, dieser Text von Paulus ist keine Drohung, sondern eine Ermutigung.
Er sagt: Ihr seid frei. Frei von der Angst vor menschlichem Urteil. Frei von dem Zwang, es allen recht zu machen. Frei von der Frage, ob ihr „gut genug“ seid.
Aber er sagt auch: Ihr seid verantwortlich. Verantwortlich dafür, wie ihr lebt. Verantwortlich dafür, ob ihr andere richtet oder annehmt. Verantwortlich dafür, ob euer Leben dem Reich Gottes dient.
Das können wir nicht delegieren – nicht an den Pfarrer, nicht an die Kirchenleitung, nicht an die Tradition. Jede und jeder von uns muss selbst entscheiden: Wie lebe ich dem Herrn?
Aber das ist keine Last. Es ist Würde. Gott traut uns zu, verantwortlich zu leben. Gott traut uns zu, für Gerechtigkeit einzustehen. Gott traut uns zu, seine Mitarbeiter zu sein am Reich Gottes.
In diesem Sinne: Leben wir, so leben wir dem Herrn.
Amen.
Die Predigt ist von mir
Mein Freund Claudius KI hat tüchtig dabei geholfen. Danke
Großer Saal, grell erleuchtet, nüchtern. Ganz hinten, dir zugewandt, Holzbänke mit blauen Polstern. Dann ein schwarzes Absperrband. Es trennt den eigentlichen Verhandlungsraum, der wie vorgeschrieben aufgeteilt ist.
Rechts die Anklage: Staatsanwaltschaft, Nebenkläger, Gutachter, Sachverständige. Links die Bank für den Angeklagten, seinen Rechtsanwalt, einen Dolmetscher bei Bedarf. Dahinter, daneben, ein Polizeibeamter, der den Angeklagten immer im Blick hat. Justitia hat die Augen verbunden. Mit ihrem linken Arm hält sie eine Balkenwaage. Der rechte Arm trägt ein Schwert. Jeder Arm ist gesenkt. Justitia blickt vom Wandgemälde stirnseitig, ruhig, sachlich auf das Szenario. Ihr Angesicht zeigt Sachlichkeit. Sie blickt nicht kalt zu uns herab. Nein, eher empathisch. Ihr Mund ist beim genaueren Hinsehen nicht abfällig, nicht arrogant. Weder belehrend noch strafend. Vielmehr liegt darin ein sanftes, zugewandtes Lächeln. Ich frage: Wer kann ernstlich bezweifeln, dass Deutschland ein Rechtsstaat ist? Sein Wertesystem ist klar erkennbar.
Es sind die humanistischen Werte der Aufklärung: Freiheit, Gleichheit, Solidarität.
Die Rechtsstaatlichkeit zeigt sich im Aufwand. Im großen Aufwand, die Anklage zu bewerten, um ein Urteil zu fällen. Staatsanwältin, Richterin, zwei Schöffen. Verteidiger. Protokollführerin. Sachverständige, wenn nötig. Dolmetscher, wenn nötig. All diese Menschen versammeln sich, um über das Schicksal eines einzelnen Menschen zu entscheiden. Stunden, manchmal Tage. Aktenberge. Paragraphen werden geprüft. Präzedenzfälle werden herangezogen. Zeugen werden gehört. Beweise werden gewürdigt. Das ist Rechtsstaatlichkeit: Die Sorgfalt des Verfahrens. Die Achtung vor dem Einzelnen. Die Bindung an Regeln, die für alle gelten. Der Angeklagte spricht. Der Verteidiger spricht. Die Staatsanwältin spricht. Jeder kommt zu Wort. Jeder wird gehört. Das Gericht hört zu. Das Gericht fragt nach. Das Gericht prüft.
Die Augen der Justitia sind verbunden – nicht weil sie blind ist, sondern weil sie unparteiisch urteilt. Nicht nach Ansehen der Person. Nicht nach Herkunft. Nicht nach Reichtum oder Armut. Nach dem Recht. Die Waage in ihrer linken Hand – sie wiegt ab. Schuld und Unschuld. Belastung und Entlastung. Mit Sorgfalt. Mit Geduld.
Das Schwert in ihrer rechten Hand – nicht als Drohung, sondern als Zeichen: Das Recht hat Kraft. Das Recht setzt sich durch. Aber nur nach dem Verfahren. Nur nach der Prüfung. Nur nach dem Abwägen. Ich sitze als Schöffe. Ich bin kein Jurist. Ich bin Bürger. Ich bringe die Perspektive des Alltags ein. Die Perspektive dessen, der nicht in Paragraphen denkt, sondern in Lebenswirklichkeiten. Und ich sehe:
Das System funktioniert. Nicht perfekt. Nicht ohne Fehler. Aber es funktioniert. Es nimmt sich Zeit. Es nimmt den Menschen ernst. Es gibt ihm das Recht, gehört zu werden. Es gibt ihm das Recht, verteidigt zu werden. Es gibt ihm das Recht auf ein faires Verfahren. Das ist keine Selbstverständlichkeit. In vielen Ländern dieser Welt gibt es das nicht. Dort wird verurteilt ohne Verhandlung. Dort gibt es keine Verteidigung. Dort gibt es keine Berufung. Dort gibt es keine Kontrolle.
Freiheit, Gleichheit, Solidarität.
Sie wacht über das Verfahren. Sie erinnert uns daran, wofür dieser Aufwand steht, wofür all die Sorgfalt und all die Geduld:
Hier aber: Der Staat bindet sich selbst an Regeln. Der Staat unterwirft sich dem Recht. Der Staat muss beweisen. Der Staat muss begründen. Der Staat muss das Verfahren einhalten. Das ist der Rechtsstaat. Justitia blickt von der Wand. Immer noch empathisch. Immer noch zugewandt.
Keiner sagt es, wagt es nicht, keiner hat mehr Kraft zu sagen, was da wabert durch den Raum, was jeder weiß und keiner ausspricht:
Unsere Zeit, die ist vorbei. Nichts wird mehr nützen, nichts mehr helfen. Unsere Zeit, die ist vorbei, unverrückbar, obsolet, verschluckt, verplempert, aus der Zeit gefallen, im Abklingbecken der Geschichte wiedergefunden.
Da ist es noch warm, vielleicht noch ein paar Jahre. Kann man kuscheln, bleiben, die alten Zeiten weinen.
Aber jeder spürt allmählich: Es wird kälter, immer kälter.
Die Jungen spielen nicht mehr mit. Die Jungen, ach ja, die Jungen. Die haben ihre eigenen Sorgen, ihre eigene Art, mit der Welt umzugehen.
Was den Alten als Eigennutz erscheint, ist vielleicht nur Selbstschutz in einer Zeit, die keinen mehr trägt.
Liebe Menschen, sagt es doch: Es ist vorbei, vorbei.
Sagt es bitte ehrlich, dass es vorbei ist. Macht euch doch nichts vor, es nützt ja doch nichts mehr.
Was tun?
Bitte erst mal warten, klagen, trauern, weinen, zur Ruhe kommen, warten müssen können, schauen, blicken, träumen, schlafen, neue Kräfte sammeln.
Dann wird vielleicht die neue Hoffnung keimen, erst ganz klein und zart und grün, dann stärker, größer werdend.
Was da ist, was kommt, das sehen wir dann.
Bitte, bitte nicht daran ziehen. Die Wurzeln sind doch zart und klein. Das Ziehen wäre der Hoffnung Tod.
Erst mal warten, träumen, Kräfte sammeln. Das Neue kommt. Es kommt, es kam schon immer. Wie es wirklich werden wird, das weiß noch keiner.
Solidarität statt Hierarchie – Mut zur Kirche von unten
Eine Andacht aus gegebenem Anlass
Im Namen Gottes, der die Niedrigen erhöht, im Namen Jesu Christi, der sich zu den Ausgestoßenen setzte, im Namen des Geistes, der weht, wo er will – nicht wo Amtsstuben es verfügen.
Psalm 146 (Auswahl)
Vertraut nicht auf Fürsten, auf Menschen, bei denen es keine Rettung gibt. Selig, wessen Hilfe der Gott Jakobs ist, der Recht schafft den Unterdrückten, der die Gefangenen befreit, der die Gebeugten aufrichtet.
Text: Markus 10,42-45
Jesus rief sie zu sich und sprach: „Ihr wisst, die als Herrscher gelten, unterdrücken ihre Völker, und die Mächtigen missbrauchen ihre Macht über sie. So aber ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene.“
Impuls
Die Kirche hat ein Hierarchieproblem. Und damit ein Glaubwürdigkeitsproblem.
Da sind die Ehrenamtlichen – sie leiten Gruppen, besuchen Kranke, organisieren Gemeindefeste, halten den Laden am Laufen. Sie tun dies aus Überzeugung, aus Liebe, aus Glauben. Und was erleben sie? Dass wichtige Entscheidungen über ihre Köpfe hinweg getroffen werden. Dass hauptamtliche Strukturen sich verselbständigen. Dass Gremien tagen, während die Basis ausbleibt. Dass ihre Stimme zählt – aber nur bis zur nächsten Dekanatsebene.
Das Leiden ist real: Burnout im Ehrenamt, Frustration über fehlende Mitsprache, Enttäuschung darüber, dass die Kirche, die von Nächstenliebe spricht, ihre eigenen Leute verheizt.
Jesus war radikal in seiner Absage an Hierarchie. „So ist es unter euch nicht“ – keine Floskeln, sondern Programm. Die ersten Gemeinden waren Versuche solidarischer Gemeinschaft. Keine Bischofssitze, sondern Hauskreise. Keine Karriereleitern, sondern Fußwaschung.
Wo ist dieser Geist geblieben?
Mut zur Solidarität heißt konkret:
Macht teilen, nicht verteidigen. Entscheidungsstrukturen demokratisieren.
Ehrenamt nicht romantisieren, sondern seine Überlastung ernst nehmen und Strukturen entlasten.
Hierarchien benennen und abbauen – in Sprache, Haltung, Organisation.
Von unten denken: Was brauchen Menschen wirklich? Nicht: Was erhält die Institution?
Die Kirche von unten ist keine Utopie – sie geschieht überall dort, wo Menschen aufhören zu warten, dass „die da oben“ endlich handeln. Wo Gemeinden solidarisch wirtschaften. Wo Ehrenamtliche als gleichberechtigte Partner*innen behandelt werden. Wo Jesus‘ Maßstab gilt: nicht Macht über andere, sondern Dienst miteinander.
Gebet
Gott der Befreiung, wir klagen dir das Leid derer, die sich in deiner Kirche aufreiben. Die geben und geben – und doch nicht gehört werden.
Stärke unseren Mut zur Solidarität. Lass uns nicht länger schweigen, wo Hierarchien Menschen klein machen.
Gib uns Kraft, Kirche neu zu denken: von unten, gemeinsam, solidarisch.
Im Namen Jesu, der die Mächtigen vom Thron stößt und die Niedrigen erhöht. Amen.
Segen
Geht geschwisterlich miteinander um. Widersteht den Strukturen der Herrschaft. Seid solidarisch – in der Kirche und darüber hinaus.
Es war wieder einer dieser trüben Novemberabende, und wer glaubt, der November sei nur eine Zeit des Nebels und der Melancholie, der versteht nicht die tiefen Kräfte, die an solchen Tagen wirken – Kräfte, die die Menschen zur Besinnung aufrufen, auch wenn sie meist nicht hören oder nicht hören wollen.
Nur zwei Tage nach Buß- und Bettag war es geschehen, dass die Kälte spürbar wurde. Bereits an jenem Feiertag, nach der üblichen erweiterten Bibelstunde – die Tersteegen-Konferenz genannt, da ein Prediger aus Herborn erwartet wurde, der das Evangelium klar und rein zu verkünden verstand, was nicht jeder vermag – hatte der Schnee begonnen zu fallen. Zunächst nur leicht, in Form kleiner Eiskristalle, dann fiel er als dicke nasse Flocken, die kaum den Boden berührend schnell schmolzen.
„Z äss Schnieloft i dä Loft“, pflegten die alten Bauersleute zu sagen. Es roch nach Frost und Schnee in der Luft. Und sie hatten recht, denn wie man oft bei den Alten sieht, wissen sie, wovon sie sprechen – sie haben das Wetter erlebt und die Zeiten durchlebt, die den Jüngeren noch bevorstehen.
Zu jener Zeit kam es häufig vor, dass Väterchen Frost – so nannten sie ihn, als wäre er ein alter Bekannter – am Bußtag Einzug hielt und sich erst gegen Ende Februar wieder zurückzog. Für die Kinder und Jugendlichen war das sicherlich eine Freude, denn sie waren sich der Beschwerden des Alters nicht bewusst. Die Alten hingegen waren weniger begeistert, da ihre Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt war. Der Weg zu Fuß über die frostigen Straßen zu Nachbarn, Freunden und abends zur Spinnstube wurde zunehmend beschwerlich. Aber man hatte sich daran gewöhnt und genoss in gewisser Weise auch diese besinnliche Zeit, in der die Natur zur Ruhe kam und der Mensch die Möglichkeit zur Einkehr hatte – hätte, denn das Haben und das Tun sind zwei verschiedene Dinge.
Autos gab es damals nur wenige im Dorf, und der kleine Bulldog für die Landwirtschaft war längst eingemottet und wartete gemeinsam mit seinen Besitzern auf den Frühling. Das Bauernhaus, von dem ich berichten möchte, lag an der Chaussee, die den Ort genau in der Mitte teilte. Wohnen, Arbeiten, Mensch und Vieh unter einem Dach – zu jener Zeit war dies ganz normal und auch recht so, denn wo der Bauer nicht bei seinem Vieh wohnt, da verweilt er auch nicht recht bei sich selbst.
An jenem Abend traten zwei Männer die Straße hinauf. Der eine im mittleren Alter, der andere älter, beide wirkten unscheinbar – so wie Menschen, die ihr Leben lang ihre Pflicht erfüllt haben und dabei vergessen haben, dass Pflicht und Liebe oft zweierlei sind. Diese Herren waren als Gemeindeälteste in einer bedeutenden Rolle unterwegs, und wer meint, es sei eine leichtfertige Angelegenheit, über das Seelenheil anderer zu wachen, irrt sich gewaltig.
„Gi du öschd“, sagte der ältere Herr mit der Halbglatze und ließ dem Jüngeren den Vortritt. Gehe Du zuerst. Dies war Höflichkeit, gewiss, aber vielleicht auch ein Zeichen von Unsicherheit, denn was sie vor hatten, war alles andere als angenehm.
Der Jüngere öffnete die Haustür. Eine Klingel gab es zu jener Zeit noch nicht – man trat einfach ein, wie es unter Nachbarn Brauch war.
„Z äss imed komme“, stellte der Vater fest, ein älterer Mann, dessen Gesundheit schon ein wenig angeschlagen war, wie es im Alter oft der Fall ist, wenn die Last der Jahre schwer wird. Es ist jemand gekommen. „Wer wöd da ez noch komme? Im döre Zeid?“ Wer würde jetzt noch kommen? Zur später Stunde?
Seine Frau, eine Frau über vierzig mit einem gütigen Gesicht und bereits ein wenig ergraut, strahlte Güte, Zuversicht und Verständnis aus. So sind viele Frauen, die viel erduldet und vergeben haben. Sie schwieg, wie es ihre Art war, aber ihre Augen sahen das bevorstehende Unheil.
Die Herren traten ein. Etwas verlegen kamen sie direkt auf den Punkt, denn wer unangenehme Dinge zu sagen hat, tut dies am besten ohne Umschweife.
„Mer wolle de Bicher oblange.“ Wir wollen die Bücher abholen.
„Welche Bicher?“ fragte der Ehemann, obwohl er es wohl schon ahnte. Welche Bücher?
„Ei de Gesongbicher ausm Vereinshaus.“ Nun, die Gesangbücher aus dem Vereinshaus.
„Worüm da?“ Weshalb denn?
Der Jüngere räusperte sich. „Du bäsd seid öwer em halwe Johr ned i der Körche gewesd. Onn id da Biwlstonn sch bole z ganze Johr ned.“ Du bist seit über einem halben Jahr nicht mehr in der Kirche gewesen. Und in der Bibelstunde warst du fast das ganze Jahr nicht.
Der Vater versuchte sich zu rechtfertigen, wie es Menschen tun, wenn sie im Unrecht sind – oder meinen, im Recht zu sein: „Mer ho doch e Firma, onn die Landwirtschaft mächd sich och ned vom elä.“ Wir haben doch eine Firma, und die Landwirtschaft kümmert sich nicht allein um sich selbst.
Aber einer der Ältesten entgegnete mit strenger Stimme: „Dos spield kä Roll ned. Anner Leire ho och viel zu du, onn säi trotzdem jeden Donetschdog im Vereinshaus.“ Das spielt keine Rolle. Andere Leute haben auch viel zu tun, und kommen dennoch jeden Donnerstag ins Vereinshaus.
Dann folgte der Satz, der wie ein harter Richtspruch im Raum schwebte: „Es äss sowieso kein Stuhl fer dich do.“ Es ist kein Platz mehr für dich.
Kein Stuhl mehr. Was bedeutet das? Es bedeutet: Du gehörst nicht mehr dazu. Du bist ausgeschlossen. Der Gemeinschaft, in die du hineingeboren wurdest, wird deine Anwesenheit nicht mehr gewünscht. Das ist hart, extrem hart, und wer es nicht erfahren hat, der kann die Schwere solcher Worte nicht erahnen.
Der Vater schwieg. Was hätte er dazu auch sagen sollen? Er ging zum Küchenschrank, wo obenauf, neben anderen Papieren, zwei Gesangbücher lagen. Er reichte sie dem formal korrekt wirkenden Jüngeren und sagte lediglich: „Dä.“ Da.
Die drei Ältesten nahmen die Bücher schweigend in Empfang. „Da genacht. Mer bere fer dich“, sagten sie und gingen. Gute Nacht.
Wir beten für dich
Das sagten sie, aber ob Gott tatsächlich bei jemandem ist, wenn die Menschen ihn aussschließen, bleibt eine andere Frage.
Die Mutter hatte während des ganzen Vorfalls geschwiegen, wie es Frauen oft tun, wenn Männer verbindliche Regeln aufstellen. Doch als die Haustür ins Schloss fiel, äußerte sie betrübt: „Vadder äich ho dersch schoo immer gesod. Du gesd viel ze wing i de Stonn.“ Vater, ich habe es dir schon immer gesagt: Du gehst viel zu wenig zu den Stunden.
Der Vater, müde und verletzt: „Lässt mich domed de Owed i ruh.“ Lass mich bitte diesen Abend in Ruhe.
Ich könnte an dieser Stelle einfach aufhören und den Leser mit seinen Gedanken allein lassen. Aber es gehört zur Wahrheit, auch zu berichten, was aus jenen Menschen wurde, von denen ich erzähle.
Der Winter kam, wie vorausgesagt, und legte sich schwer über das Land. Der Vater arbeitete weiterhin, wie er es immer getan hatte – in der Firma, auf dem Hof, bei den Tieren. Die Arbeit wartete nicht, egal ob jemand in die Kirche ging oder nicht. Man grüßte ihn noch auf der Straße, kaufte bei ihm ein, sprach über das Wetter. Doch zu den Donnerstagabenden im Vereinshaus kam keine Einladung mehr.
Die Mutter besuchte weiterhin die Bibelstunde, nun allein. Sie nahm ihren Platz ein, sang aus ihrem Gesangbuch. Die anderen Frauen nickten ihr zu, unterhielten sich mit ihr. Doch es war nicht mehr wie früher. Eine unsichtbare Wand war zwischen ihnen.
Und der Stuhl im Vereinshaus? Er war nicht mehr vorhanden. Man hatte ihn entfernt, um Platz für andere zu schaffen. So war der Brauch: Wer nicht erschien, dessen Platz wurde neu vergeben.
Der Vater akzeptierte dies. Er war nicht der erste, dem das widerfuhr, und würde gewiss nicht der letzte sein.
Die Ordnung der Gemeinde war straff, doch ob sie auch gerecht war, bleibt eine andere Frage, und darüber kann jeder nach eigenen Maßstäben urteilen.