Gott lässt sich nicht einmauern


Dies ist ein Blogbeitrag, der allein meine eigene Meinung abbildet.

Ich habe den Text von Pfarrer Hellenschmidt (Rip) im Reisedienst gelesen. Mehrmals. Und ich merke, wie er mich nicht loslässt – nicht weil er mich überzeugt, sondern weil er mich beunruhigt. Nicht theologisch. Menschlich.

Ich war lange genug dabei. 35 Jahre Lebenshilfe, Jahrzehnte in Gemeinden, Kirchenvorstand, Schöffe. Ich kenne Menschen, die anders glauben als ich. Muslimische Eltern, die ihre Kinder mit Behinderung durch ein System begleiten, das ihnen fremd ist. Jüdische Kolleginnen, die Inklusion als religiöse Pflicht verstehen – Tzedakah, Gerechtigkeit. Ich habe mit ihnen gearbeitet, gestritten, gefeiert. Ich habe in ihnen Gottes Handeln gesehen. Hellenschmidts Artikel macht das unmöglich.

Er schreibt: Gott ist in seinem Wesen nicht interreligiös. Klar, unmissverständlich, endgültig. Das 1. Gebot als Sperrriegel. Jesus als Entweder-Oder. Wer nicht durch ihn, geht nicht durch.

Ich nehme das ernst. Ich nehme das Erste Gebot ernst. Aber ich lese es anders.“

Barth hat mich gelehrt: Gottes Freiheit lässt sich nicht einmauern.
Karl Barth, auf den sich die konservative Theologie so gerne beruft, hat zeitlebens betont: Gott ist der ganz Andere. Das heißt auch – er ist nicht in unsere theologischen Systeme einzusperren. Nicht einmal in unsere Exklusivitätsformeln. Barths Nein zur natürlichen Theologie war kein Nein zum Dialog, sondern ein Nein zu menschlicher Selbstvergewisserung. Genau das, was Hellenschmidts Artikel betreibt: Er vergewissert sich seiner Wahrheit – und nennt es Gehorsam.“

Bonhoeffer hat mich gelehrt: Wer für die anderen nicht da ist, ist für Christus nicht da.
Bonhoeffer schrieb aus dem Gefängnis, in einer Welt, die in Trümmer fiel. Er fragte, wer Christus heute für uns ist. Nicht abstrakt. Sondern: Wo ist er? Und seine Antwort war immer konkret, menschlich, randständig. Der Christus, den Bonhoeffer kannte, stand nicht auf der Seite der Gewissheiten. Er stand auf der Seite der Angefochtenen, der Ausgegrenzten, der Anderen.

Wenn ich heute mit einem muslimischen Vater spreche, dessen Kind endlich einen Platz in einer inklusiven Schule bekommt – dann erlebe ich etwas. Ich nenne es Gnade. Ich weiß nicht, wie er es nennt. Aber ich weigere mich, das theologisch zu verwalten.“

Judenmission: Wo diese Theologie hinführt
Hellenschmidt schreibt, der ‚Ruf zur Umkehr gilt auch den Religionen.‘ Er meint das allgemein. Aber ich höre dahinter etwas Konkretes, das ich nicht verschweigen kann: die Judenmission.

Die Idee, dass Jüdinnen und Juden durch Christus gerettet werden müssen – dass ihr Glaube, ihr Bund, ihre Jahrtausende alte Treue zur Tora ungenügend sind – diese Idee hat eine Geschichte. Und diese Geschichte ist dunkel. Sie hat Pogrome theologisch vorbereitet. Sie hat Menschen, die anders glauben, zu Objekten der Bekehrung gemacht statt zu Geschwistern im Gespräch.

Die evangelische Kirche hat nach 1945 – langsam, schmerzhaft, nicht vollständig – gelernt, Jüdinnen und Juden nicht als Missionsfeld zu betrachten, sondern als den älteren Zweig am selben Baum. Das war kein Verrat am Evangelium. Das war Umkehr. Echte Umkehr. Dass Texte wie der von Hellenschmidt diesen Lernprozess wieder rückgängig machen wollen, macht mir Sorgen.“

Evangelikalismus: Gewissheit als Versuchung
Ich kenne das evangelikale Milieu von innen. Ich habe Menschen erlebt, deren Glaube trägt, die in Krisen standhaft sind, die anderen helfen. Das ist real und verdient Respekt.

Aber ich kenne auch die Kehrseite: die Gewissheit, die keine Fragen mehr duldet. Das Bekenntnis als Schutzwall. Die Gemeinde als geschlossener Kreis, in dem Andersglaubende nicht vorkommen – außer als Missionsobjekte. Hellenschmidts Ton gehört in dieses Milieu. Er klagt, dass ‚von der Kirche keine Weisungen ausgehen.“ Er vermisst Eindeutigkeit. Er leidet unter Pluralismus.

Ich nicht. Ich halte Pluralismus für eine theologische Herausforderung, nicht für eine Bedrohung. Der Glaube, der keine Anfechtung kennt, ist kein Glaube. Er ist Ideologie. Und Ideologie – das hat Bonhoeffer gewusst – macht blind.“

Fünfzig Jahre CVJM – was mich geformt hat, und was nicht
Ich unterschreibe diesen Text mit meinem Namen: Armin Herzberger. Das tue ich bewusst. Denn was ich jetzt schreibe, kommt von innen.

Ich war fünfzig Jahre Mitglied im CVJM Oberdieten. Fünfzig Jahre. Das ist keine Distanz. Das ist Biografie.

Vieles war gut. Die Gemeinschaft. Das Singen. Die Verlässlichkeit. Menschen, die füreinander da waren. Ein Glaube, der getragen hat – in echten Krisen, in echten Nächten. Das gehört zu mir. Das nehme ich nicht zurück.

Aber manches war nicht gut.

Ich habe Menschen erlebt, die in diesem Milieu groß geworden sind und deren Leben sich dabei immer enger gezogen hat. Menschen, die labil waren, die Halt suchten – und die statt Halt eine Enge bekamen. Klare Grenzen, klare Antworten, klare Gemeinschaft. Das fühlt sich sicher an. Aber es kann auch einengen. Es kann krank machen.

Einige sind krank geworden. Das sage ich nicht leichtfertig. Ich sage es, weil es wahr ist. Und weil es gesagt werden muss.

Der Glaube, der keine Fragen duldet, tut Menschen nicht gut, die ohnehin schon mit sich ringen. Er gibt ihnen keine Freiheit. Er gibt ihnen eine weitere Last.

Das darf nicht sein.

Ich schreibe das nicht, um abzurechnen. Ich schreibe es, weil Pfarrer Hellenschmidt genau diese Art von Gewissheit vertritt – die Gewissheit, die keine Lücke lässt. Und weil ich aus fünfzig Jahren weiß, was diese Gewissheit mit Menschen machen kann.

Quer: Was mich an diesem Text wirklich stört
Es ist nicht die Treue zum Bekenntnis. Die respektiere ich. Es ist der Ton. Der Text spricht von ‚fadenscheinigem Gerede“, von ‚religiösen Maskeraden“, von ‚Tummelplatz der Götzen“. Das ist keine Theologie mehr. Das ist Polemik. Und Polemik in Glaubensfragen hat eine Geschichte in diesem Land, die ich nicht vergessen kann und nicht vergessen darf.

Das ‚House of One“ in Berlin – ein Gebäude, in dem Christen, Juden und Muslime zusammen einen Raum teilen – wird hier als Angriff auf das Erste Gebot dargestellt. Ich sehe es anders: als ein Zeichen, dass Menschen in einer pluralen Gesellschaft nicht aufhören wollen, Gott zu suchen. Das verdient Respekt, kein Bannwort.

Was mich am meisten beunruhigt: Dieser Text erscheint in einem Reisedienst, der in Gemeinden geht. Er wird gelesen. Er wird diskutiert. Er formt. Und er formt in eine Richtung, die ich für gefährlich halte – nicht weil sie fromm ist, sondern weil sie Frömmigkeit mit Ausgrenzung verwechselt.“

Ich bleibe Christ. Bekennender, zweifelnder, suchender Christ.
Ich glaube, dass Jesus Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Aber ich glaube das nicht so, dass es mich blind macht für das Licht, das anderswo leuchtet. Die Reformatoren wussten: die Kirche bleibt lernfähig. Auch gegenüber dem, was Gott außerhalb ihrer Mauern tut.

Pfarrer Hellenschmidt fragt: Ist Gott interreligiös?

Meine Antwort: Ich weiß es nicht. Aber ich bin sicher, dass ein Gott, der sich in einem palästinensischen Flüchtlingskind offenbart hat, größer ist als alle meine Antworten auf diese Frage.


In leichter Sprache

Gott lässt sich nicht einmauern

Ein Pfarrer hat einen Text geschrieben.
Sein Name ist Hansfrieder Hellenschmidt.
Der Text geht in viele Gemeinden.

Der Pfarrer sagt:
Nur Jesus führt zu Gott.
Andere Religionen liegen falsch.
Wer nicht an Jesus glaubt, ist verloren.
Das Gespräch mit anderen Religionen ist gefährlich.

Ich sehe das anders.
Ich will erklären, warum.

Was ich erlebt habe
Ich habe viele Jahre mit Menschen gearbeitet.
Mit Menschen mit Behinderung.
Und mit ihren Familien.

Manche Familien beten in einer Moschee.
Manche beten in einer Synagoge.
Manche beten gar nicht.

Ich habe mit diesen Menschen gearbeitet.
Ich habe mit ihnen gestritten.
Ich habe mit ihnen gefeiert.

Und ich habe etwas erlebt:
In diesen Menschen war Güte.
Menschlichkeit.
Gerechtigkeit.

Ich nenne das Gnade.
Gottes Gnade.
Auch wenn diese Menschen keine Christen sind.

Was die Bibel sagt – anders gelesen
Der Pfarrer sagt: Die Bibel ist eindeutig.
Nur Christus rettet.

Aber die Bibel sagt auch anderes.

Die Propheten haben immer wieder gesagt:
Gott steht auf der Seite der Armen.
Gott steht auf der Seite der Menschen ohne Macht.
Nicht auf der Seite derer, die alles besser wissen.

Das haben Amos, Micha und Jesus gesagt.

Jesus hat nicht gefragt: Was glaubst du?
Jesus hat gefragt: Was tust du?
Hast du den Hungrigen gespeist?
Den Fremden aufgenommen?
Den Kranken besucht?

Das steht in Matthäus 25.
Das ist auch Bibel.

Was Dietrich Bonhoeffer gesagt hat
Dietrich Bonhoeffer war ein Theologe.
Er hat gegen Hitler gekämpft.
Er wurde dafür getötet.

Bonhoeffer hat aus dem Gefängnis geschrieben.
Er hat gefragt:
Wer ist Christus heute für uns?

Seine Antwort war:
Christus ist bei den Leidenden.
Bei den Menschen, die niemand haben will.

Bonhoeffer hat nicht gefragt:
Sind diese Menschen Christen?
Er hat gefragt:
Sind wir für sie da?

Wer für andere da ist, ist für Christus da.
Das glaube ich auch.

Was Karl Barth gesagt hat
Karl Barth war ein großer Theologe.

Barth hat gesagt:
Gott ist frei.
Gott lässt sich nicht einsperren.
Nicht in unsere Worte.
Nicht in unsere Kirchen.
Nicht in unsere Sicherheiten.

Wer sagt: Ich weiß genau, was Gott tut –
der macht sich selbst zu Gott.
Das ist das Gegenteil von Glauben.

Das Thema: Juden bekehren wollen
Der Pfarrer schreibt:
Auch Juden müssen zu Jesus kommen.

Ich muss hier deutlich werden.

Jahrhundertelang hat die Kirche Juden schlecht behandelt.
Sie hat gesagt: Ihr glaubt falsch.
Ihr müsst bekehrt werden.

Das hat zu Verfolgung geführt.
Zu großem Leid.
Zum Mord an Millionen von Juden.

Nach 1945 hat die evangelische Kirche langsam gelernt:
Juden sind unsere Geschwister.
Gott hat seinen Bund mit ihnen nicht aufgekündigt.

Das war keine Abkehr vom Glauben.
Das war echte Umkehr.

Dieser Lernprozess darf nicht rückgängig gemacht werden.

50 Jahre CVJM – meine eigene Geschichte
Ich heiße Armin Herzberger.
Ich schreibe das mit meinem vollen Namen.
Denn was ich jetzt sage, kommt von innen.

Ich war 50 Jahre Mitglied im CVJM Oberdieten.
Das ist ein christlicher Jugend-Verband.

Vieles war gut.
Die Gemeinschaft.
Das Singen.
Menschen, die füreinander da waren.
Das hat mich geprägt.
Das nehme ich nicht zurück.

Aber manches war nicht gut.

Ich habe Menschen erlebt,
die Halt gesucht haben.
Die labil waren.
Die Sicherheit brauchten.

Sie haben im CVJM klare Antworten bekommen.
Klare Regeln.
Klare Grenzen.

Das hat sich gut angefühlt.
Aber es hat ihr Leben eingegrenzt.

Einige sind krank geworden.
Das sage ich nicht leichtfertig.
Ich sage es, weil es wahr ist.
Und weil es gesagt werden muss.

Das darf nicht sein.

Ich schreibe das nicht aus Wut.
Ich schreibe es, weil Pfarrer Hellenschmidt
genau diese Art von Glauben vertritt.
Einen Glauben ohne Fragen.
Einen Glauben ohne Lücken.

Ich weiß aus 50 Jahren:
Das tut Menschen nicht gut.

Was mich besorgt
Der Text des Pfarrers klingt sehr sicher.
Er lässt keine Fragen zu.

Aber ein Glaube ohne Fragen ist kein Glaube.
Er ist blinder Gehorsam.

In Berlin soll ein Haus gebaut werden.
Christen, Juden und Muslime sollen dort beten können.
Das Haus heißt: Das Haus des Einen.

Der Pfarrer nennt das einen Angriff auf Gott.
Ich nenne es ein Zeichen der Hoffnung.

Was Gott von uns will
Ich glaube nicht, dass Gott Mauern will.
Ich glaube nicht, dass Gott Ausgrenzung will.

Ich glaube:
Gott will Gerechtigkeit.
Gott will Güte.
Gott will, dass wir aufeinander zugehen.

Das steht bei Micha.
Das steht bei Jesus.
Das steht bei Bonhoeffer.

Meine Antwort
Pfarrer Hellenschmidt fragt:
Ist Gott nur für Christen?

Ich weiß es nicht genau.

Aber ich weiß:
Der Gott, der als Kind in einer Krippe lag,
der mit Armen gegessen hat,
der für Ausgestoßene gestorben ist –
dieser Gott ist größer als alle meine Antworten.

Ich bleibe Christ.
Ich zweifle.
Ich suche.

Und ich weigere mich,
im Namen dieses Glaubens
Menschen auszugrenzen.

Armin Herzberger im März 2026


Willkommen

Willkommen – und das meinen wir ernst
Was ist der CVJM?
CVJM ist eine Abkürzung.
Der lange Name ist: Christlicher Verein Junger Menschen.
Der CVJM ist ein christlicher Jugend-Verband.
Es gibt ihn in vielen Städten und Dörfern in Deutschland.

Den ersten CVJM gab es 1844 in London.
Damals kamen viele junge Menschen in die große Stadt.
Sie kannten dort niemanden.
Sie suchten eine Heimat.
Der CVJM wollte diese Heimat geben.

Diese Idee ist wunderbar.
Und sie gilt heute noch.

Ein wichtiges Papier
Im Jahr 2022 hat der CVJM etwas Wichtiges aufgeschrieben.
Das Papier heißt:
Willkommenskultur im CVJM.

Darin steht:

Alle Menschen sind willkommen.
Egal, woher jemand kommt.
Egal, ob jemand eine Behinderung hat.
Egal, welche Religion jemand hat.
Egal, wen jemand liebt.

Außerdem steht im Papier:

Der CVJM kämpft gegen Diskriminierung.
Diskriminierung heißt: jemanden schlechter behandeln, weil er anders ist.
Der CVJM fördert Inklusion. Inklusion heißt: alle können mitmachen.
Der CVJM will immer weiter dazulernen.

Das ist mutig.
Das ist ein gutes Zeichen.

Was bedeutet das in der Praxis?
Ein Papier ist ein guter Anfang.
Das Leben zeigt, wie es weitergeht.

Willkommen sein bedeutet mehr als:
„Du darfst kommen.“

Es bedeutet auch:

Deine Stimme zählt.
Wir fragen dich, was du brauchst.
Du kannst auch Leitung übernehmen.

Das ist ein Weg.
Kein CVJM-Ortsverein geht ihn von heute auf morgen.
Aber der CVJM hat selbst gesagt: Wir wollen lernen.
Das ist eine gute Grundlage.

Eine Frage, die hilft
Es gibt eine Frage, die Gruppen weiterbringt:

Wessen Stimme fehlt bei uns noch?

Vielleicht die Stimme von Menschen mit Behinderung.
Vielleicht die Stimme von Menschen aus anderen Ländern.
Vielleicht die Stimme von Menschen,
die sich bisher nicht getraut haben.

Diese Frage ist kein Vorwurf.
Sie ist eine Einladung.
Eine Einladung, noch offener zu werden.

Was die Bibel dazu sagt
Paulus hat einmal geschrieben:

Es gibt nicht Jude und Grieche, nicht Sklave und Freier, nicht Mann und Frau. Ihr seid alle eins in Christus Jesus.  (Galater 3,28)

Das ist kein frommer Wunsch.
Das ist eine Beschreibung.
Eine Gemeinschaft, die immer wieder neu anfängt.
Eine Gemeinschaft, die dazulernt.

Genau das hat der CVJM beschlossen.
Ich freue mich darauf, wie dieser Weg weitergeht.

Armin Herzberger
arminherzberger.com

Paulus und Israel

Worthaus 13 – Tübingen:

8. Juni 2025 von Prof. Dr. Kathy Ehrensperger


Irgendetwas ist in Rom passiert. Wir wissen nicht genau was, aber Paulus musste intervenieren, die Sache klären und entschuldigte sich gleichzeitig dafür, dass er noch immer nicht dort gewesen war, in der Hauptstadt des Reiches, bei den Juden, die dank ihm an Jesus als den Messias glaubten.


Er schreibt einen seiner berühmtesten Briefe, der später Geschichte gemacht hat.

Kathy Ehrensperger führt durch diesen Brief wie durch ein Gespräch, das entscheidende Fragen klären muss.

Wie ist das Verhältnis zwischen Gott, Israel und den Völkern, die Christus nachfolgen?

Warum wurde Israel von Gott auserwählt?

Was hat es mit den Nicht-Juden auf sich, die plötzlich einem jüdischen Wanderprediger aus der Provinz anhingen?

Und wenn Jesus der Messias ist, warum folgen dann nicht alle Juden Seinem Ruf?

Paulus und Israel: Ein theologischer Dialog im Römerbrief | 15.6.2

Der Stoß

Der Stoß
Eine Klippdachsland-Geschichte über Frömmigkeit und Gewalt


Für U
Es gibt Erinnerungen, die verblassen mit den Jahren. Und es gibt solche, die bleiben. Die sich einbrennen. Die einen nicht loslassen, auch nach Jahrzehnten nicht.
Die „Alte Versammlung“ gehört zu den Erinnerungen, die geblieben sind.



Die Männer mit der verdrießlichen Miene
Es gab sie in jedem Dorf im Klippdachsland. Ältere Herren, immer im dunklen Anzug, immer mit dieser Miene. Verdrießlich. Mürrisch. Als würde ihnen das Leben schwer auf den Schultern lasten.
Sie gehörten zur „Alten Versammlung“. So nannten sich die Darbisten im Klippdachsland. Fromme Leute. Sehr fromme Leute. So fromm, dass sie sich von allen anderen absonderten.
Die lutherische Kirche im Dorf? Abgefallen. Verweltlicht. Verloren.
Die katholische Kirche sowieso? Der Papst war für sie der Antichrist höchstpersönlich.
Nur sie, die kleine Schar der „Alten Versammlung“, hatten die reine Lehre bewahrt. Nur sie würden gerettet werden, wenn Christus wiederkam. Und das konnte jeden Tag geschehen.
Deshalb die verdrießliche Miene. Wer ständig das Ende der Welt erwartet, dem vergeht das Lachen.
Man wartet. Man sondert sich ab. Man züchtigt seine Kinder.



Sonntags im Versammlungsraum
Sonntags trafen sie sich. Nicht in der Kirche – Gott bewahre! Sie trafen sich in einem schlichten Raum. Weiß getüncht, kahl, schmucklos. In der Mitte ein Tisch mit einem weißen Tuch. Darauf Brot und Wein. Mehr nicht.
Die Männer saßen vorne. Anzug, Krawatte, Scheitel. Die Frauen hinten, mit Kopftuch. Sie schwiegen. Das war ihre Rolle. Schweigen, gehorchen, dienen.
Wenn der Geist jemanden ergriff – immer einen Mann, versteht sich –, dann stand der auf und sprach. Ihre Reden waren trocken. Voller Bibelstellen. Sie warnten vor der Welt. Sie mahnten zur Zucht.
Zucht. Das war ihr Lieblingswort.
„Wer sein Kind liebt, der züchtigt es.“ Sprüche 13, Vers 24. Die Bibel sage es. Also müsse es wahr sein.



Die Kinder, die prügelten
Es gab Kinder im Klippdachsland, vor denen man sich fürchtete. Nicht weil sie größer waren. Nicht weil sie älter waren. Sondern weil sie anders waren.
Sie prügelten nicht aus Lust. Sie prügelten mit System. Mit einer Kälte, die erschreckte.
Es waren Kinder aus der „Alten Versammlung“.
Sie hatten gelernt: Wer schwach ist, verdient Zucht. Wer anders ist, verdient Strafe. Wer nicht gehorcht, verdient den Schlag.
Sie hatten es zu Hause gelernt. Jetzt gaben sie weiter, was man ihnen beigebracht hatte.
Gewalt, die empfangen wird, wird weitergegeben. Das ist so alt wie die Menschheit.



Der Zappelphilipp
Es gab einen Jungen, den nannten alle so. Er konnte nicht stillsitzen. Er konnte nicht still sein. Er zuckte und zappelte und störte.
Für die „Alte Versammlung“ war das keine Krankheit. Das war Sünde. Das war Aufruhr gegen Gott und die Ordnung.
Er wurde gezüchtigt. Immer wieder. Zu Hause. Im Versammlungsraum. Vor allen.
Es half nichts. Es konnte nicht helfen. Weil er krank war, nicht böse.
Aber das wussten sie nicht. Oder sie wollten es nicht wissen.



Das Mädchen mit den schönen Augen
Und dann war da das Mädchen mit den schönen Augen.
Uli hieß sie. Ein stilles Kind. Ein gutes Kind. Ein Kind, das niemandem etwas zuleide tat.
Sie wuchs auf in der „Alten Versammlung“. Hörte die Predigten. Lernte die Bibelstellen. Fürchtete den Zorn Gottes.
Und sie war anders. In einer Weise, die die Frommen beunruhigte.
Es gab einen Stoß. Wann genau – niemand weiß es mehr. Was genau – niemand will es mehr sagen.
Vielleicht war es ein Schlag. Vielleicht eine Demütigung. Vielleicht ein Moment, in dem etwas in ihr zerbrach.
Danach war sie nicht mehr dieselbe.
Die Stimmen kamen. Stimmen, die ihr sagten:
Ich bin schlecht.
Ich bin vom Teufel besessen.
Ich lebe in der Hölle.
Die religiöse Verdammung wurde zur Überzeugung. Die Überzeugung wurde zur Krankheit. Die Krankheit wurde zu ihrem Leben.
Seit Jahrzehnten lebt sie im Wohnheim.



Darby und Sölle
Es gab einen Mann namens John Nelson Darby. Ein englischer Prediger des 19. Jahrhunderts. Er lehrte Absonderung. Reinheit. Rückzug aus der Welt.
Darby fragte: Wie können wir uns von der bösen Welt absondern?
Dorothee Sölle fragte: Wie können wir Gottes Reich jetzt verwirklichen?
Das ist der Unterschied. Der entscheidende.
Sölle kämpfte für Unterdrückte und bejahte den Körper.
Die Darbisten schlugen ihre Kinder und verdammten den Körper.
Was als Frömmigkeit begann, wurde zur Gewalt.



Kirche von unten – aber richtig
Es gibt heute viele, die von „Kirche von unten“ reden. Kreise, die frommer und strenger und enger werden.
Ich warne davor.
Nicht jede Bewegung, die sich „von unten“ nennt, befreit. Manche schafft neue Opfer.
Die „Alte Versammlung“ war Kirche von unten. Klein. Fromm. Entschieden. Und sie hat Kinder geschlagen, Frauen zum Schweigen gebracht, Seelen zerbrochen.
Das ist nicht die Kirche Jesu Christi.
Kirche von unten – aber richtig – das bedeutet: Befreiung statt Bindung. Heilung statt Schlagen. Ja zum Körper. Begleitung der Kranken statt Verdammung.



Die besorgten Geschwister
Uli wird besucht.
Von besorgten Gemeindemitgliedern. Geschwistern, die gelernt haben. Die umgekehrt sind.
Sie kommen. Sie sitzen an ihrem Bett. Sie halten ihre Hand.
Leider ist sie nun nicht mehr zu erreichen. Die Krankheit hat sie zu tief geholt.
Aber Gott behütet sie. Nicht der Gott der Strafe. Sondern der Gott der Gnade.
Und die besorgten Geschwister?
Sie schlagen nicht. Sie trösten.



Trotz allem
Und wenn ich an das Mädchen mit den schönen Augen denke,
an die Hölle, in der sie lebt,
an die Stimmen, die ihr sagen: Du bist vom Teufel besessen,
dann bete ich:

Herr, erbarme dich.
Nicht über sie.
Sondern über die, die ihr diese Hölle eingeredet haben.

Und segne die, die jetzt bei ihr sind.
Die besorgten Geschwister.
Die gelernt haben.
Die da sind.
Trotz allem.



Armin Herzberger
Klippdachsland, Februar 2026



Diese Geschichte ist wahr. Die Namen wurden geändert. Die Narben sind echt.

Das Mädchen lebt noch. Seit Jahrzehnten im Wohnheim.
Sie wird besucht. Von besorgten Geschwistern. Die gelernt haben.
Leider ist sie nun nicht mehr zu erreichen. Die Krankheit hat sie zu tief geholt.
Aber Gott behütet sie. Nicht der Gott der Strafe. Sondern der Gott der Gnade.

Trotz allem.

Und die Mahnung bleibt: Kirche, die nicht befreit, die den Körper verdammt, die Menschen in Höllen stößt – ist nicht die Kirche Jesu Christi.
Aber Kirche kann lernen. Kann umkehren. Kann lieben.
Trotz allem.

Ich bin Autodidakt

Eine Satire

Samstag, Baumarkt. Kellerausbau mit Sauna. YouTube sagt „kinderleicht“.

Vier Stunden später: Dampfsperre an mir, nicht an der Wand. Rigips kaputt. Finger blutig. Aber weiter geht’s! Irgendwann wird das die geilste Sauna ever.

Ich bin nicht nur im Keller Heimwerker.

**Heimwerken an der Inklusion**

Berlin bastelt Bundesteilhabegesetz. Ohne Anleitung. Ohne die Betroffenen zu fragen.

Drei Anträge, um aufzustehen. Fünf Gutachten, um zur Arbeit zu fahren. Wer nicht bürokratiefest ist, bleibt liegen.

Deutsche Gründlichkeit nennen wir das.

Bei meiner Sauna frag ich den Fachmann. Bei Menschen mit Behinderung? „Ach, das krieg ich auch so hin!“

**Heimwerken an der Kirche**

Strukturreform mit Beraterhonoraren. „Kirche von unten“ – von oben gemacht.

Ehrenamtliche brennen aus? Nicht so zimperlich! Früher ging’s auch.

Gottesdienste leer? Fusionieren! Drei Tote sind ein Lebendiger.

Bei 400 Volt hol ich den Elektriker. Bei der Gemeinde? „Haben wir schon immer so gemacht!“

**Heimwerken in der Verwaltung**

Formular. Kästchen. Unterschrift nur persönlich. Dienstags 9-11:30 Uhr.

„Geht das einfacher?“ – Wo kämen wir da hin! Dann könnte ja jeder!

**Das Prinzip**

Im Keller: Sofort Schimmel. Mein Problem.

In der Gesellschaft: Kollaps nach Jahren. Bin dann befördert.

Inklusion gescheitert? „War schon immer schwierig.“
Gemeinden tot? „Strukturwandel.“ 
Demokratie müde? „Wollen halt nicht.“

Die Betroffenen hätten halt bei der Umfrage mitmachen sollen. Von 2019.

Von vorne sieht man’s kaum.

Meine Sauna wird super. Irgendwann.

Wie die Inklusion.

Wie die Kirche.

Wie die Bürgernähe.

Kinderleicht.

Stand 19.01.26

Handwerk hat goldenen Boden