Guter Mond du gehst so stille

Wie viel würdest du bezahlen, um zum Mond zu fliegen?

Zum Mond zu fliegen ist nicht notwendig.

Lies das folgende Gedicht von Karl Enslin.

Dort erfährst Du mehr über den Zauber des Mondes.

Kostet auch nichts, nur ein wenig Hirnschmalz und Empathie.

Das Wahre das Wichtige kannst Du nicht bezahlen.

Es wird Dir geschenkt

Vincent Willem van Gogh
Geboren am 30. März 1853

Guter Mond, du gehst so stille
Guter Mond, du gehst so stille
Durch die Abendwolken hin;
Deines Schöpfers weiser Wille
Hieß auf jener Bahn dich ziehn.
Leuchte freundlich jedem Müden
In das stille Kämmerlein!
Und dein Schimmer gieße Frieden
Ins bedrängte Herz hinein!

Guter Mond, du wandelst leise
An dem blauen Himmelszelt,
Wo dich Gott zu seinem Preise
Hat als Leuchte hingestellt.
Blicke traulich zu uns nieder
Durch die Nacht auf’s Erdenrund!
Als ein treuer Menschenhüter
Thust du Gottes Liebe kund!

Guter Mond, so sanft und milde
Glänzest du im Sternenmeer,
Wallest in dem Lichtgefilde
Hehr und feierlich einher.
Menschentröster, Gottesbote,
Der auf Friedenswolken thront:
Zu dem schönsten Morgenrothe
Führst du uns, o guter Mond!

(Karl Enslin, 1819-1875, deutscher Dichter)

… Hier ist nicht Mann noch Frau… Galater 3 28

„Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“

Gott schuf den Menschen als Mann und Frau.“ Zwei Geschlechter – traditionelle „Schöpfungsordnung“. Doch was ist mit intergeschlechtlichen Menschen? Männer, Frauen, In-Betweens: Alle leben in einer bunten Schöpfungs-Unordnung.

„Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“

Die Erschaffung des Menschen im ersten biblischen Schöpfungsbericht. Genesis 1,27 nach Martin Luthers Übersetzung. Es scheint ganz klar zu sein: Gott hat zwei Arten von Menschen geschaffen – Männer und Frauen. Diese Bibelstelle und ihre traditionelle Auslegung hat unsere Kultur geprägt, uns eine zweigeschlechtliche Brille aufgesetzt. Wer Lucie Veith begegnet, nimmt eine Frau wahr – wegen des Vornamens, wegen der langen Haare, der Ohrringe und der Stimme… .

Quelle: Rundfunk evangelisch

https://rundfunk.evangelisch.de/kirche-im-radio/am-sonntagmorgen/hier-ist-nicht-mann-und-frau-10106

Zum Gedächtnis an Herrn Ginsterburg Religionslehrer

Welcher Lehrer hat dich am meisten beeinflusst? Warum?

Aus der Erzählung Pudingabitur.

Mein Spitzname ist:

ORRE

Diese Geschichte ist meinem Religionslehrer gewidmet. Ein aufrechter Humanist RiP, leider oft verkannt und verlacht .

In der Puddingschule, die er während dieser Zeit drei mal die Woche besuchte, gab es das Fach Religion. Eines jener Fächer, daß Ihn wirklich interessierte. Abgehalten von einem gewissen Herrn Ginsterburg, einen Lehrer Anfang sechzig, mit wirren spärlichen Harren, mit schlechter Reputation bei den Schülern. Er fand, vollkommen zu unrecht. Er trug nicht vor, sondern ließ zu bestimmen Themen diskutieren. Die Themenstellungen waren sehr unterschiedlich, berührten unterschiedlichen Themenstellungen, vor allem ethische aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen. Es waren vor allem ethische, gesellschaftlich politische Fragestellungen….“ .

Willkommen im Klippdachsland

Du schreibst deine Autobiographie. Wie lautet dein Eröffnungssatz?

Mein Eröffnungssatz, der gleichzeitig als Überschrift gilt, lautet:

„Willkommen im Klippdachsland

Meine Erzählung betrachtet die vergangen 60 Jahre, vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden Zeitenwende, angefangen in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts bis in die Gegenwart, begleitet von autobiographischen Ereignissen und Erlebnissen.

Dabei lege ich auf bestimmte Formen des Erzählens wert. Das ist mir wichtig.

Ich schreibe mit eigenen lyrischen, satirischen, und gesellschaftskritischen Texten, gelegentlich auch vor dem Hintergrund von theologischen und auch psychoanalytischen Deutungen. Zitate sind immer besonders gekennzeichnet.

Landschaften, Architektur sowie die Sinneseindrücke der Jahreszeiten spielen bei mir eine bedeutende Rolle. Der Herbst und vor allem der Winter kommen dabei besondere oft zur Geltung. Die meisten meiner Erzählungen spielen in dieser Zeit.

Am wichtigsten aber ist mir der Geruchssinn, sagt er doch über das eigentliche Sosein oft mehr aus alle übrigen Sinne.

Viele Geschichten und Gedichte vermitteln ein graues, düsteres Bild. Auch das geschieht nicht ohne Grund.

Sagt man doch, ein Mensch der schreibt könne eigentlich nur jenes gut zu Papier bringen, was er fühlt, denkt und empfindet. Dem bin ich beim Schreiben nachgekommen. Hier ein Beispiel:

Der schwarze Hund

Wer einen unbeschwerten, leichtfüßigen ungezwungenen Lesestoff sucht, ist hier wahrscheinlich nicht an der richtigen Stelle.

Meine Texte mögen gelegentlich recht eigenartig und sperrig erscheinen. Nicht selten bediene ich mich satzweise dem mittelhessischen Dialekt meiner Heimat. Das mag den Leser gelegentlich kryptisch erscheinen.

Ich tue dies jedoch mit voller Absicht, auch um manche Eigenartigkeiten der Menschen dieses Landstriches literarisch zu fassen.

Meine Geschichten variieren das Thema Heimat in vielfältiger Weise.

Ein großes Vorbild ist mir dabei der Schöpfer des Film-Epos „Heimat“, Edgar Reitz geworden.

Zeltmission

Schwester Käthe (RiP) war wieder einmal zu Besuch. Ein groß gewachsene Frau Mitte 30, ledig, mit wachen braunen Augen. Eher quadratisches Gesichtszüge, volle Wangen. Ein gütiges Antlitz, gleichzeitig aber auch Durchsetzungskraft und Stärke ausstrahlend. Charakterliche Eigenschaften, die vielen donauschwäbischen Frauen zueigen ist. Es waren diese Donauschwäbinnen, seit Jahrhunderten aus Not und Verfolgung flüchtend mit Ihren Familien im Balkan eine neue Heimat fanden Dort ist wohl diese glutvolle emotional offene slawische Seelenverwandtschaft entstanden, der die Familienbande über alles ging und Kinder immer die wichtigste Rolle einnahmen. Und fleißig waren sie, sehr fleißig, aber auch immer bereit zu feiern, gut zu essen und zu trinken.

Er liebte Schwester Käthe. Sie war in jungen Jahren einen Diakonissenorden beigetreten. hätte sich dort wohl auf Dauer nicht wohlgefühlt und war ausgetreten. Ein Schritt der Mut erforderte. Nun war Sie freie Rot Kreuz Schwester in einem Krankenhaus in Dillenschloß. Sie trug nun eine Schwesterntracht in himmelblau, das kleine Häubchen keck am Hinterkopf, eine blütenweiße Schürzen, der kleine Kragen dekoraktiv. Am geschlossenen Dekolleté die unvermeidliche Rot Kreuz Spange. Sah nett aus, ganz im Gegensatz zur Ordenstracht der Diakonissen, die immer schwarz trugen, die gestärkte Haube, bedeckte beinahe das ganze Haupt. Eine steife Schleife dicht am Halse engte die Bewegungsfreiheit des Kopfes zusätzlich ein. So könnten Sie eigentlich nur geradeaus blicken, die Sicht nach rechts und links, nach unten war so beinahe unmöglich.Nach oben, himmelwärts war immer möglich. Ob da eine subtile Absicht vorlag?

Eine wichtiges Ereignis stand bevor, von vielen freudig erwartet , jedoch auch mit einer gewissen Bangigkeit.

Die Zeltmission hatte sich angesagt. Ist alles sauber und adrett hergerichtet, ein großer Hausputz musste sein. Alle Böden geschrubbt und gebohnert Fensterscheiben geputzt, dabei die Kellerfenster nicht ausgespart. Die Männer fegten Höfe und Straßen, Misthaufen wurden ordentlich in ein rechteckige Form getrimmt. Kuhfladen wurden sorgfältig mit der Flachschaufel abgehoben. All dies in Erwartung der Gäste die nach der letzten Predigt, immer sonntags, bei den ortsansässigen Familien zu Gast waren. Dann wurde gebacken. Hefekuchen köstlich. Schon am Tage vorher lag der köstliche Duft dieser Backware in der Luft. Torten turmhoch, in der Regel Buttercremetorte, was nicht fehlen durfte, Frankfurter Kranz. Fettig, mächtig, süß. Sodbrennen war vorprogrammiert, vor allem bei den älteren Herrschaften.

Die Zeltmission ist ein evangelikales Missionswerk, per Zelt in Deutschland aber auch in der Schweiz unterwegs um für Sünder auf den rechten Weg zu bringen und treue Christen im Glauben zu bestärken. Arme Sünder, die sich im Verlauf, Zeltmissionswoche zum Glauben bekannten, wurden gegen Ende der Veranstaltungen aufgefordert, „nach vorne zu kommen“ um öffentlich vor der Schar der bereits gläubigen Schar der Schwestern und Brüder ihren neuen Glauben zu bekennen, und sich als wiedergeborene Christen erkennen zu geben. Für die die nach vorne gehen wollten, konnte das enormen Druck erzeugen sich mutig als Wiedergeborene zu outen. Ihm war diese Prozedur von Kindheit an sehr suspekt, ja in gewisser Hinsicht angstbesetzt. In den sechziger Jahren begann zunehmend der amerikanische Fernsehprediger Billy Graham, das selbsternannte Maschinengewehre Gottes an Einfluß zu gewinnen.

Billy Graham

Er einte Täufer, Charismatiker und pietistiche Christen unter Zuhilfenahme einer eingänigen theologischen Kost, die möglichst allen mundete. Die braven Pietisten, fremdelten erst mit so einer flachen theologischen Soße, überwanden sich letztlich doch hofften vielleicht heimlich auf eine neue Erweckungsbewegung ähnlich derer im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert. In der fünfziger und sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts startete das „Janz Team“ missionarische sogenannte „Feldzüge für Christus“. Tausende sammelten sich in Hallen und Zelten um zu lauschen, Ihren Glauben zu finden oder zu erneuern. So auch der „Dillkreis Feldzug“ dem sich dann auch das „Vorderland“ anschloss.

So kam es, daß auf der kleinen Bleiche der Stadt Biedenhals ein riesiges Zelt aufgebaut wurde. Überall im Vorderland hingen riesige Plakate mit der Überschrift: „Kehrt um glaubt an das Evangelium“ Das Zelt fasste an die dreitausend Personen. Diese Plätze waren allabendlich fast besetzt. Es roch nach frischgemähtem Gras, vorne eine gut beleuchtete Bühne in der Mitte trohnte das Rednerpult, umrahmt von Geranien die stechend nach Unkrautverteilungsmittel rochen. Posaunenchöre, Männerchöre waren geladen. Posaunenchöre tröteten, Männerchöre knödelten im vierviertel Takt im Wechseldirigat. Janzteamsänger intonierten Lobpreislieder mit amerikanischen Akzent. So gut wie immer in C-dur Tonleitern rauf und runter, eingänge Intervalle mit Gitarrengeschrammel begleitet. Dann Hildor Janz, als Evangelist, mit dem typischen Aussehen eines weißen Amerikaners, der in der Öffentlichkeit steht, der was zu sagen hat. Kantiger Kopf, rechteckige Gesichtsform, die Haare ordentlich gescheitelt, mit Haarcreme, speckig glatt, mit einer angedeuteten Haartolle. Schwarze Hornbrille, breites Lächeln, die makellosen Zähne bleckend. Seine Predigt, Verkündigung, rethorisch ausgefeilt, eingängig, polarisierend, auf ein Ziel ausgerichtet: Kehre um, glaube an das Evangelium, ansonsten bist Du verloren, für immer in den Händen des Satans gebunden. Eine einfache Botschaft, monokausal, entweder bist Du wiedergeboren, dann bist Du im Heil, oder Du bist es eben nicht, dann droht Dir die ewige Verdammnis und das höllische Feuer. Zum Ende des Missionsfeldzuges würde diejenigen, welche „nach vorne gegangen waren“ in ein kleines Zelt gebeten, um mit jenen verlorenen Seelen für die Aufnahme in den Kreis der gerechten zu flehen. Einige kritische Geister, behaupten dort begönne dann ein“ Kampfbeten“ um für jeden einzelnen dieser verlorenen Seelen. „Nicht nur Calvin bekundete, menschliches Handeln könne nicht ohne Gottes Gnade erfolgreich sein. Dass Calvin gleichzeitig die Notwendigkeit eigener Vorsorge für das irdische Wohl betonte, ließ im 16. und 17. Jahrhundert in calvinistischen Kreisen das Lebensgefühl entstehen, Erfolg sei Ausdruck von Gottes Segen. Vorstellungen, aus wirtschaftlichem Erfolg auf Erden darauf schließen zu können, wem Gnade nach seinem Tode beschieden sein solle….“. …“Max Weber schrieb dem Calvinismus in seinem Aufsatz Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus von 1904/05 eine herausragende Rolle bei der Entwicklung des Kapitalismus zu… .“ Quelle u. A. Wikipedia

In jenen kleinen Dörflein, dort wo der Verfasser Kindheit und Jugend verbrachte, ging dieses Ereignis deutlich entspannter vonstatten. Zunächst reiste der verantwortliche Evangelist zusammen mit dem Zeltmeister mit einem kleinen Wohnwagen an. Als Veranstaltungsort war bereits vorher eine Wiese, leicht abschüssig, am Randes des Dorfes ausgewählt. Dort war Strom und Wasser vorhanden. Ein Tag später fuhr ein Lastwagen ins Örtchen, suchte den Veranstungsort, war problemlos, waren doch die erfahren Brüder bereits wartend zur Stelle. Das einparken war auch ohne Probleme, auch dank der Brüder, die lautstark und wrfahren einwiesen. Zurück, links, halt, rechts, nochmal rechts, HALT, STOP gellte es. Vielen hatten deswegen zwei Stunden frei gemacht oder wurden dafür frei gestellt. Als der Laster nun dergestalt richtig eingeparkt war um das Zelt fachgerecht abzuladen war machte sich Zufriedenheit bereit. Die Gesichter der Brüder, und das des Zeltmeisters entspannten sich. „Dä Räsd mache meer meer de Owed“ (Den Rest der Arbeit erledigen wir dann am späten Nachmittag). Auch der Zeltmeister, mit deutlichem Siegerländer Dialekt, nickte zufrieden und zog sich in den kleinen Wohnwagen zurück in dem der Evangelist schon auf Ihn wartete. Am späten Nachmittag dann gingen die Männer ans Werk. Der Zeltmeister hatte die Aufsicht, regelte und dirigierte bestimmt und streng, aber wohlwollend.

Die „Jungenschaftler“ durften unter Aufsicht mitarbeiten. Die altersmäßige Zuordnung der Jungen, aber auch der Mädchen war streng geregelt. Alles begann mit der Sonntagsschule. Dann Jungenjungschar, Mädchenjungschar, Konfirmandenunterricht, „Jungenschaft“, „Mädchenschaft“, immer geschlechtergetrennt. Die männliche evangelikale Elite wurde dann zu Mitgliedern der „Männerstunde “ berufen. Dieser erlauchte Kreis, traf sich Samstag Abend in „Verzweihaus“, kleiner Saal. Strikt nach einer wortgetreuen Interpretation biblischer Text, mag deren Exegese auch noch so absurd erscheinen, wurde geredet, sich gegenseitig im Glauben gestärkt, um jederzeit in der Lage zu sein „Zeugnis“ abzulegen.

Pfarrer, vor allem studierte Theologen hatten es schwer. Sie standen, gemeinsam mit Frau und Kind unter Dauerbewachung. Waren die Rollläden im Pfarrhaus morgens um halb acht noch geschlossen. „Aha der Pfarrer hat wieder Mal verschlafen.“ War im Pfarrbüro Samstag abends um zehn Uhr noch Licht. „Aha, der Pfarrer ist mit der Predigt wieder nicht fertig geworden.“ Bei der sonntäglichen Predigt dann, würde, was ja nichts schlechtes bedeutet sorgfältig, nachgerade genau zugehört. Besonders fromme Brüder, zum Gottesdienst mit einer Bibel und einem Oktavheft bewaffnet, notierten eifrig mit. In der Regel verdeckt durch die vordere Kirchenbank, geduckt sitzend, die aufgeschlagene Bibel auf der Kirchenbank, das Oktavheft auf den Knien den Kugelschreiber in der Hand. Gelegentlich wurde schon während der Predigt missfallend mit dem Kopf geschüttelt. Nach Ende des Gottesdienstes bewegten sich zuweilen frommen Männer in Richtung Altarraum und mit bedeutungsschwerer Miene bewaffnet mit der Elberfelder Bibel und Oktavheftchen die Sakristei, die wegen Ihrer Ähnlichkeit, „Sauställche“ (Schweinestall) benannt wurde . Der Pfarrer sich gerade seines Talars entledigend blicke auf. Seine Miene verrieten Verunsicherung und Ängstlichkeit. Der fromme Bruder öffnete die Tür des „Sauställchen“, schloß sie sogleich und blickte den Pastor an. Öffnete sein Elberfelder Bibel, die mit einem Reißverschluss, zum Zwecke der witterungsbedingten der Unbilden und begann zu reden.

Der fromme Bruder

Zu hören was nichts, aber der Gestus des frommen Mannes verriet einges. Erst ein freundliches Lächeln, dann mit bestimmter Miene, weiter mit erhobenen Zeigefinger belehrend ja nachgerade drohend. Bei Pastor hingegen, kaum ein Mienenspiel, ein Nicken zu Beginn, zunächst ein Staunen, ein kritisches Stirnrunzeln, ein Einwänden, zum Ende dann ein kurzes Nicken, den Kopf gesenkt, niedergeschlagen. Er verließ, nachdem der frommen Bruder in Christi gegangen war die Sakristei, den Talar unter dem Arm.

Der Zeltaufbau war für die Jungenschaftler ein Ereignis. Durften sie doch tatkräftig mithelfen, Handreichungen machen, Planen schleppen, Heringe sortieren und verteilen, Bänke aufstellen helfen. Ein großer Spaß, wurden Sie doch ernst genommen und entsprechend gelobt. Das beste in diesem buten Reigen von Aufgaben und Pflichten war die Einrichtung einer „Zeltwache“ ab der ersten Nacht nach dem Zeltaufbau. Der Zeltmeister, ein ehrfurchgebietender Mann, aus dem Verliererland, mit gütigen Augen immer für ein Späßchen bereit, teilte die Zeltwache ein, trug er doch die gesamte Verantwortung für alles rund um das Zelt. Das Zelt kreisrund circa zwanzig Meter im Durchmesser.

Fast so wie ein kleines Zirkuszelt, zumal sein pyramidenförmiges Dach aus vielen trapezförmigen Bahnen, weiß und rot zusammengenäht. Lediglich der Duft von gebrannten Mandeln, Zuckerwatte, der Geruch von Dressurpferden, Ponys und Eseln fehlte. Die „Jungenschaftler, Mädchenschaftler, Jungenjungscharler, Mädchenjungscharler“ waren begeistert. Nachmittags für die Sonntagsschulkinder die Kinderstunde. Eine Frau, eine Diakonisse namens Schwester Siglinde, war dafür aus dem Verliererland angereist. Ihr hellblaues Schwesternkleid wadenlang, ähnlich das der Schwester Käthe, um die schmale Taille gehalten von einer kurzen weißen Schwesternschürze. Das weiße kleine Schwesterhäubchen keck am Dutt befestigt. Die brünette lockige Haarpracht nur schwer mittels des Häubchens gezähmt. Eine frohe, lustige, ausgeglichene Frau mit lieben braunen Augen. Rein äußerlich schon ein vollständiges Gegenbeispiel, zu der sonst vorgeschriebenen Schwesterntracht, in schwarz, mit einer Pellerine für kalte Tage versehen. Die Kinder liebten sie, ihre Geschichten, ihre Gitarre, die christlichen Lieder. Die Jungenschaftler auch, mit heimlichen verschämten Blicken, mit deren pubertierenden Fantasien sorgte Sie gewiss für manche nächtliche feuchten Träume. Aber auch einige frommen Brüder blickten heimlich, steht’s aber auch mit Furcht vor dem Weibe, das einst von der Schlage verführt, Adam um sein Seelenheil brachte.

Die „Verkündigung“ in diesem lustigen kleinen Zirkuszelt war verglichen zum mit dem „Feldzug für Gott und wider den Teufel“ des Janzteams, liberal. Der Missionar, ein Ostfriese mit typischem Seemannsbart, mit Namen Fokke Bushboom RiP, predigte schlicht, jedoch einladend, nicht fordernd, bodenständig, zuweilen humorvoll. Das sogenannte „nach vorne gehen“ im Anschluss an die Verkündigung, sozusagen als Erfolgskontrolle, entfiel vollständig. Im ganzen war es eine lustige Mischung aus verschiedenen Veranstaltungen für Groß und klein, in einem kleinen bunten Zirkuszelt .

Gegen 19:00 brachte Schwester Käthe und Ihn zu Bett. Sie tat das mit dem Ihr eigenen Charme. Freundlich, resolut, sehr eindeutig aber nie grob oder gar grenzüberschreitend. Sie strich uns über die Haare, legte die Fingerspitzen ihrer rechten Hand auf sein Handgelenk, tastete den Puls. Ihre Fingerspitzen waren ein wenig kühler als sein Handgelenk. Ihre Finger sehr gepflegt die ganze Hand angenehm trocken. Die schaute dabei auf die Uhr an Ihrem Handgelenk, eine besondere Uhr. Eine größeres deutlich zu lesendes Zifferblatt. Der Sekundenzeiger war rot. Die Uhr hatte ein silbernes Gelenkband. Auch das Gehäuse der Uhr war von dieser Farbe. Eine Edelstahlarmbanduhr, zweckdienlich hergestellt für medizinisches Personal. Sie verströmte einen zarten nicht unangenehmen Duft von Rivanol, einem damals gebräuchlichen Wundesinfektionsmittels, von kräftig gelber Farbe. Dazu kam, ein weniger angenehmer leicht fauliger Geruch auf Ihrem Atem. Nicht störend, dennoch deutlich in Hintergrund zu ahnen. Schwester Käthe war sehr stolz auf Ihre Uhr. Mit ernster, milder Miene fühlte sie den Puls. Dann folgte ein mildes Lächeln, Ihre rechte Hand strich erneut über seine Haare. Das gleiche bei seiner Schwester „Guud Nachd, schloufd guud ihr Kinn.“ (Donauschwäbisch) Gute Nacht ihr beiden. Schlaft schön träumt was Schönes.

Mutter, Vater, Oma, Opa und auch Schwester Käthe waren bereit und gingen „ins Zelt“. Nichts war in diesen Tagen wichtiger. Er und seine Schwester waren nun alleine in den alten Bauernhaus. Kinder oder Enkelkinder alleine Zuhause zu lassen, kam für Oma Chrnicht in Frage. Bei den Donauschwaben standen die Kinder immer im Vordergrund. Eine andere Lebensart, andere Sitten und Gebräuche, eine andere Küche, die aus Mehl, Wasser, Speck, Knoblauch, Paprika, ein wenig Zucker die köstlichen Gerichte zauberten. Elferraus und Apfelstrudel

Man erwog die beiden Geschwister bei Opa Christine und Opa Peter übernachten zu lassen. Darauf würde aber nichts. Oma Christine litt wieder mal unter einer Gallenkolik. Passierte öfter, Sie machte kein Gewese darum, legte sich für einen Tag ins Bett, nahm „Spalt Tabletten“ gegen Ihre Schmerzen und war am anderen Tag wieder munter und gesund. Er und seine Schwester, bedauerten das, war doch eine Übernachtung bei ihren donauschwäbischen Großeltern steht’s beliebt, standen sie doch in diesem Falle immer im Mittelpunkt des Geschehens, wurden umsorgt und „verwöhnt.“ Es war ein früher Sommerabend, die Sonne gerade erst untergegangen. Der Himmel war bedeckt, die untergehende Sonne malte ein blasses Abendrot am westlichen Horizont. Es war angenehm kühl, die richtige Temperatur im Schlafzimmer der beiden Geschwister. Die Geschwister unterhielten sich noch ein Weilchen, die Stimme seiner Schwester würde zunehmend schwächer. Alsbald war sie eingeschlafen. Mit ruhigem Atem lag Sie da, auf ihrem Antlitz ein kleines zufriedenes Lächeln. Er hatte eine hübsche kleine Schwester. Ein reizendes Kind. Schwarze, dichte, glatte Haare, ein entzückender Bubikopf umrahmte ihr schönes ebenmäßiges Antlitz. Er schlief nicht. Er beneidete den guten Schlaf seiner Schwester, ihre robuste Konsistenz, ihre Ruhe und Beharrlichkeit. Zappelphilipp nannte man ihn. Ruhelosigkeit, Umtriebigkeit, eine überbordende Phantasie prägten sein Wesen. Auch ängstlich und in der Hackordnung der Buben in jenem kleinen Dörfchen ziemlich weit unten. Zu jener Zeit existierte eine Art Mafia, angeführt von zwei drei Kindern aus der ortsansässigen Darbistengemeinde

John Nelson Darby

deren Eltern nach der fundamentalistischen Maxime „Wer sein Kind liebt der züchtigt es“ Sprüche Kapitel 12 Vers 13 So wurden in die Kinder dieser Gemeinde, für vergleichweise geringe „Vergehen“ zuweilen auch unter Zuhilfenahme von Rute und Gürtel, windelweich geschlagen. Die geschah in der Regel unter Ausschluss der Öffentlichkeit, also im Keller. Wäre die Bibel demnach ein Buch für Prügelpädagogen? Was hat es mit dem berüchtigten Satz auf sich: »Wer sein Kind liebt, der züchtigt es«? Die Lutherübersetzung von 1912 so: Wer seine Rute schont, der haßt seinen Sohn; wer ihn aber liebhat, der züchtigt ihn bald.“ Möge hier doch besser eine historisch kritische Interpretation dieser Textstelle zu Sprache kommen? Da wäre zu wünschen. Kurzum: Wer Prügel bezieht gibt sie gerne an Schwächere weiter. Zu jener Zeit jedenfalls regierte das Faustrecht in den Gassen Höfen, Scheunen und Wäldern im Klippdachsland. Er selbst hatte da keine Chance sich „empor“ zu prügeln. Nicht wenige erlitten traumatisierende Erfahrungen, die wohl ein Leben lang zu belasten vermochten. Er war wohl, neben allen guten Erfahrungen dieser Kindheit, verbunden mit einer pietistischen Lebfeindlichkeit in der Erziehung, die zu schweren neurotischen und leider auch zu psychiatrischen Erkrankungen führten konnten. Auch derVerfasser will sich da nicht ausnehmen. Zurück ins Schlafzimmer der Geschwister: War es möglich, das unter seinem Bett ein böser Geist verborgen hatte? Da war doch ein leises Knistern, ein Schmatzen zu hören. Sein Blick unters Bett verriet, das war nichts zu finden. Was er wirklich hörte war alltäglich und damit beruhigend. Das satte muhen der Milchkühe, das zufriedene Grunzen der Mastschweine aus den Ställen. Das leise gurren der Hühner, die sich bereits zu Nachtruhe zurück gezogen und auf ihren Sitzstangen dösten. Das alles sollte ihn beruhigen, tat es aber nicht. Er fühlte sich alleine, im Stich gelassen. Er sah aus dem Fenster. Es wahr noch hell, die Dämmerung zog auf. Er fasste einen Entschluss. Du musst jetzt aufstehen, das Fenster öffen und nachschauen ob er wirklich von allen verlassen war. Gesagt getan. Das Fenster stand offen er blickte hinaus. Da war alles wie immer. Nur eins war anders. Kein Mensch zu sehen. Kein Licht kein bläuliches flimmern der Fernsehapparate in den Stuben. Dem wollte er jetzt auf den Grund gehen. Einerseits aus Furcht andererseits aber auch aus Neugier. Der Weg nach draußen war leicht. Das Schlafzimmerfenster lag paterre, nahezu ebenerdig zur Gasse. Vor dem Fenster waren Pflastersteine lose geschichtet, dazu dienend die steile aufwärtstrebende Gasse vor dem heimatlichen Bauernhaus neu zu asphaltieren und zu pflastern. Er stieg auf das äußere Fensterbrett, ein beherzter Sprung unter Zuhilfenahme der Pflastersteine, sch befand er sich mitten auf der Gasse. Er trug einen hellgrünen Schlafanzug mit hellgrauen Längsstreifen. Seine Schwester war inzwischen aufgewacht, blickte neugierig, ein wenig belustigt und fragte: „Wo willst Du hin?“ „Schwester Käthe suchen.“ antwortete er, was gelogen war. Seine Schwester lächelte und sagte mit der ihr eigenen Gelassenheit: Komm wieder rein, ich bin so müde.“ Er fand das sie eigentlich recht hatte und wollte sich schon auf den Rückweg in sein Bett begeben. Dann jedoch änderte sich die Geräuschkulisse, Laut schlug die Kirchturmuhr, Sie schlug zehn mal. Auch das war ein vertrautes Geräusch. Im selben Moment schritt eine Gruppe Menschen die Gasse hinauf. Er erkannte sogleich, obwohl es nun sch deutlich finsterer wurde: Eine ältere Frau in der typischen schwarzen Witwentracht des Klippdachslandes. Es war Niewes Oma Eine frohe lustige Frau, mit schwerem wiegendem Gang. Gleich daneben ihre Tochter, ebenfalls oft lustig und frohgemut durchs Leben schreitend. Bei uns Kinder war sie beliebt aber auch gefürchtet, wegen ihrer Kitzelattacken die uns plötzlich und unerwartet trafen. Direkt dahinter, Schwester Käthe. Sie sah ihn gleich, eilte voran und winkte freudlich. Sie kann auf ihn zu strich ihm, so wie immer, über die Haare und lächelte ruhig und mitfühlend. Nun erblickte er die Mutter, besorgt, daneben der Vater. Er blickte enttäuscht und verständnislos aber keineswegs erbost auf seinen Sohn der dort halb ängstlich halb neugierig im Schlafanzug mitten auf der Gasse stand. Gleich dahinter ein dicker alter Mann mit Schirmütze, eine einfache Ausführung der Prinz Heinrich Mütze und krähte boshaft:

„Do örre wörrer. Kotches Angstschesser. Gruus Maul onn nix derhinner. Onn suwos well wenn Jonge säi. Schaam dich….!“

Hochdeutsch: Da ist er ja schon wieder. Kotches (Hausnahmen) Angstscheiser (Angsthase) Immer einen großen Mund riskieren, jedoch nichts dahin. Und sowas will ein echter Junge sein. Schäme Dich!

Er stand da.

Wie angewurzelt.

Und schämte sich… .

Ein Neujahrsgruß

Der gemeinsame Weg

Der gemeinsame Weg

Jemand hat mir zum neuen Jahr geschrieben: „Auch von mir ein frohes neues Jahr! Ich bin gespannt auf unseren gemeinsamen Weg…“

Diese Wortwahl vom „gemeinsamen Weg“ ist mehr als eine nette Floskel. Sie trägt eine tiefe Bedeutung – für den Glauben und für unser Zusammenleben.

Der Weg ist das Ziel – aber welcher Weg?

„Der Weg ist das Ziel“ heißt: Nicht nur das Ankommen zählt, sondern wie wir miteinander unterwegs sind.

Das wirkliche Handeln für Gerechtigkeit, die gelebte Verbundenheit, der tatsächliche Zusammenhalt – das ist bereits Gottes Reich, nicht erst ein fernes Ziel.

Die Redewendung wird oft Konfuzius zugeschrieben, doch die Idee gilt überall und ist zutiefst biblisch.

Biblische Weggeschichten sind Befreiungsgeschichten

Der Auszug aus Ägypten – die Urgeschichte der Befreiung:

Ein versklavtes Volk bricht auf in die Freiheit. Nicht das „gelobte Land“ allein ist das Ziel, sondern der Aufbruch aus der Unterdrückung, die Erfahrung des Zusammenhalts in der Wüste, das Aushandeln einer gerechten Ordnung unterwegs.

Die babylonische Gefangenschaft – Weggeschichte des Widerstands und der Hoffnung trotz Fremdherrschaft.

Jesu Weg nach Jerusalem – bewusster Gang in die Auseinandersetzung mit den Mächtigen in Religion und Politik.

Der Weg selbst ist bereits Widerstand.

Die Weihnachtsgeschichte – Maria und Josef, Flüchtlinge auf der Suche nach Unterkunft, finden Zusammenhalt bei den Ausgeschlossenen.

Der gemeinsame Weg heute

In der Überlieferung der Befreiungstheologie und der „Kirche von unten“ bedeutet der gemeinsame Weg:

  • Zusammenhalt mit den an den Rand Gedrängten
  • Widerstand gegen Unrecht und Ausgrenzung
  • Mitbestimmung statt Rangordnung
  • Gemeinsames Ringen um eine gerechtere Gesellschaft

Der Weg ist gemeinschaftlich oder er ist gar nicht. Niemand kann allein befreit werden – wir sind aufeinander angewiesen.

Auch in Beratung, Erziehung und Begleitung gilt:

Der Verlauf der Stärkung ist bereits das Ziel. Nicht das Ankommen bei einer fertigen Lösung, sondern das gemeinsame Suchen, das Wachsen an Schwierigkeiten, die Erfahrung: Ich kann etwas bewirken.

Für 2025 wünsche ich uns allen: Gesundheit, Frieden und die Kraft, gemeinsam Wege der Gerechtigkeit zu gehen.

Bleiben wir behütet – und behüten wir uns einander.

„Suchet der Stadt Bestes“ (Jeremia 29,7)

Sündenfall der Christen: Antijudaismus – Antisemitismus

Zusammengestellt aus:
Der Spiegel Geschichte 3/21

  • In der Bibel und bei Luther.
  • Warum die Judenfeindlichkeit im Christentum tief verwurzelt ist.
  • Über muslimischen Antisemitismus wird viel diskutiert, über christlichen kaum.

Dabei war die Abwertung der Juden grundlegend für den Glauben an Jesus. Im Lauf der Jahrhunderte kamen immer mehr Vorurteile und Mythen hinzu.

Abgrenzung:

In oder an vielen Kirchen, wie hier am Straßburger Münster, stehen sich Ecclesia und Synagoge als allegorische Frauenfiguren gegenüber.

Abgrenzung:

Unter allen »Nationen der Erde« gebe es »ein bestimmtes heimtückisches Volk«, das »sich gegen alle Menschen ohne Ausnahme feindselig verhält, nach absonderlichen und befremdlichen Gesetzen lebt … und die schlimmsten Verbrechen begeht«.

Dieses Volk müsse »samt seinen Frauen und Kindern ohne Gnade und Erbarmen durch das Schwert ihrer Feinde radikal ausgerottet werden«.

Diese Sätze lesen wir nicht etwa in Erlassen christlicher Könige oder in der NS-Propaganda, sondern in der Bibel, im Buch Esther des Alten Testaments, genauer in dessen griechischer Übersetzung. Der Erlass stammt vom persischen Großkönig Ahasveros.

Das Buch Esther griff den Befehl um 300 v. Chr. wieder auf. Es erzählt die Geschichte vom versuchten Vernichtungsfeldzug des Großkönigs gegen die Juden und von dessen jüdischer Gemahlin Esther, die ihr Volk rettete. Bis heute feiern die Juden alljährlich im Purimfest das Misslingen der persischen Pläne.

Mit den Worten dieses Edikts ist erstmals historisch greifbar der Ton angeschlagen, der die Geschichte des Antisemitismus bis heute bestimmt:

Die Juden werden als ein Volk mit absonderlichen Sitten und Gebräuchen dargestellt, das sich durch seinen Menschenhass von allen anderen Völkern unterscheidet. Und, schlimmer noch: Es sei nur zu besiegen, wenn es mit Stumpf und Stiel ausgerottet werde.

Die Literatur der vorchristlichen Antike ist voll von Geschichten, die sich aus diesem Grundmotiv ableiten:

Autoren wie Apion oder Tacitus behaupteten, die Juden seien im »Exodus« nicht freiwillig aus Ägypten ausgezogen, sondern sie seien als die schlimmsten Feinde der zivilisierten Menschheit daraus vertrieben worden.

In ihrem Tempel verehrten sie nicht einen bildlosen Gott, sondern einen Esel; sie mästeten dort jährlich einen Griechen, um ihn anschließend zu schlachten und seine Eingeweide zu essen; man könne ihnen ihre absonderlichen Bräuche nur austreiben, indem man eine fette Sau in ihrem Tempel opfere, deren Blut dort ausgieße und die Priester zwinge, das gekochte Fleisch zu essen. Ihr Glaube an nur einen Gott sei lächerlich, ihre Beschneidung eine Perversion, ihr wöchentlicher Ruhetag, der Sabbat, sei Ausdruck ihrer Faulheit und ihre Abneigung gegen Schweinefleisch ein Aberglaube.

Genau dieses Bündel an Vorurteilen, die wir heute antisemitisch nennen würden, führte im 1. Jahrhundert n. Chr. im hellenistischen Alexandria zum ersten Pogrom in der Geschichte, bei dem ein Mob die jüdischen Einwohner der Stadt grausam quälte und tötete – mit allen furchtbaren Einzelheiten, wie wir sie aus den mittelalterlichen und neuzeitlichen Pogromen kennen.

Die Anhänger Jesu wurden »neue Juden«
Nicht lange vor dem Pogrom in Alexandria reiste ein Jude namens Saul von Jerusalem nach Damaskus. In der dortigen Synagoge wollte er nach Anhängern der neuen jüdischen Lehre des Jesus von Nazareth fahnden und diese vor Gericht bringen. Kurz bevor er Damaskus erreichte, soll er von einem strahlenden Licht geblendet worden sein und eine Stimme gehört haben. Diese soll gesagt haben: »Saul, Saul, warum verfolgst du mich?«, und habe sich ihm dann als »Jesus, den du verfolgst« offenbart.

Durch dieses Erlebnis wandelte Saulus (so die lateinische Form seines Namens) sich zum Paulus, vom jüdischen Eiferer zum Völkerapostel. Von Nichtjuden, die sich als Anhänger Jesu dem Judentum anschließen wollten, verlangte Paulus nun weder die Beschneidung noch die Befolgung der jüdischen Gesetze (insbesondere nicht der Speisegebote) in allen Einzelheiten – diese durften, zusammen mit den jüdischen Anhängern Jesu, »neue Juden« werden (die sich später Christen nennen sollten), ohne formell zum Judentum überzutreten.

Abwertung:

Die Synagoge wird immer mit verbundenen Augen dargestellt, als blind gegenüber der angeblichen Wahrheit deswegen Christentums. Die Symbole ihrer Macht – Lanze, Fahne oder Krone – sind gebrochen oder liegen am Boden, die Gesetzestafeln entgleiten ihr.
Damit setzte der wiedergeborene Paulus eine Bewegung in Gang, die bald großen Zulauf unter »Heiden« (Griechen und Römern) finden sollte. Sie wuchs weit über das hinaus, was der jüdische Wanderprediger und Prophet Jesus begonnen hatte: Paulus hob die Trennung zwischen Juden und Nichtjuden auf. »Es gibt nicht mehr Juden und Griechen«, schreibt er im Galaterbrief, »nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich, denn ihr seid alle einer in Jesus Christus.«

Dies war eine für die antike Weltordnung unerhörte Botschaft: Für die, die sich zu Jesus Christus bekannten, galten die alten Unterschiede nicht mehr, weder die zwischen Juden und Nichtjuden noch die zwischen Sklaven und Freien oder zwischen Männern und Frauen.

Leider war diese frohe Botschaft zu optimistisch, denn sie ignorierte ein Problem: Es gab nicht wenige Juden, die sich der Botschaft verweigerten und darauf beharrten, dass Jude nur werden könne, der nach den traditionellen jüdischen Regeln zum Judentum übertritt. Paulus, der annahm, dass das Ende der Zeit ohnehin bald kommen werde, verschärfte dieses Problem noch dadurch, dass er die alten Juden (die, die sich nicht zu Jesus Christus bekennen wollten) und die neuen Juden (die Anhänger Jesu) scharf voneinander absetzte.

Er tat dies durch den Gegensatz von Fleisch und Geist oder auch den von Gesetz/Buchstabe und Glaube: Alles, was mit Fleisch, Gesetz und Buchstabe in Verbindung gebracht wurde, war bei ihm negativ besetzt, und alles, was unter Geist, Glaube oder auch Gnade lief, war positiv. Die alten Juden standen für Ersteres, die neuen Juden für Letzteres: »Jesus Christus hat uns freigekauft von dem Fluch des Gesetzes … damit den Völkern durch ihn der Segen Abrahams zuteil wird durch Jesus Christus und wir so durch den Glauben den verheißenen Geist empfangen.«

Die Evangelien bauten die Judenfeindschaft aus.
Damit hatte Paulus einen zentralen und unauflösbaren Gegensatz zwischen den neuen jesusgläubigen und den alten Juden etabliert: Nun war im Christentum der Samen gelegt für die Judenfeindschaft mit all den Konsequenzen, die wir später Antisemitismus nennen sollten.

Die Evangelien fügten dem später weitere Elemente hinzu. Das Matthäusevangelium überbot sich in immer schärferen Attacken auf die jüdische Gruppe der Pharisäer, der Paulus selbst angehört hatte. Und die Passionsgeschichte in den Evangelien wies dem entfesselten jüdischen Mob, stellvertretend für das gesamte jüdische Volk, die Schuld an der Kreuzigung Jesu zu. Damit war der tödliche Vorwurf des Gottesmordes in die Welt gesetzt.

Diffamierung:

Wie in Wittenberg findet sich an etwa 30 Kirchen in Deutschland bis heute die Darstellung der »Judensau«.

Die „Judensau“

Das im Judentum unreine Schwein wird mit der jüdischen Religionspraxis in Verbindung gebracht, die Figur sollte Ekel erzeugen. Die Nationalsozialisten griffen das mittelalterliche Bildmotiv für ihre antisemitische Hetze auf. Der Umgang mit den Darstellungen ist umstritten: Einige fordern die Entfernung, andere ergänzende Erklärungen zum antisemitischen Gehalt. Entfernt wurde bislang keine.

Diffamierung:

Wohlmeinende christliche Theologen versuchen heute, das alles als innerjüdische Streitigkeiten zu entschärfen, die man in ihrer Zuspitzung nicht wörtlich nehmen und schon gar nicht auf das jüdische Volk als Ganzes beziehen dürfe. Aber Paulus‘ Gegensatz zwischen Fleisch und Geist als fundamentalen Gegensatz zwischen Juden und Christen können sie nicht wegdiskutieren.

Wollte man ihn auflösen, wäre der Kern des paulinischen Christentums zerstört. Und auch die Hassausbrüche des Verfassers des Johannesevangeliums, für den alle Juden die Söhne Satans waren, lassen sich nicht nur als zeitgebundene Entgleisungen abtun. Sie sind bis heute im kulturellen Gedächtnis der christlich geprägten Gesellschaften verankert.

Je mehr die frühe Kirche die Göttlichkeit Jesu dogmatisch verfestigte, desto größer wurde der Abstand zum Judentum. Das Konzil von Nizäa legte 325 n. Chr. die mit dem Vater wesensgleiche Göttlichkeit des Sohnes (und dann auch des Heiligen Geistes) verbindlich fest. Dies war für Juden unannehmbar.

Was schrieb der Römer Tacitus über Juden?
Der römische Konsul und Historiker CorneliusTacitus (um 55 bis um 115 n. Chr.) fasste die Judenfeindlichkeit der Antike in einem Exkurs über die Juden in seinem großen Geschichtswerk »Historiae« in gewisser Weise zusammen. So folgen Juden seiner Meinung nach keinem Glauben, sondern einem abstoßenden »Aberglauben« (super stitio), sie seien ein »abscheulicher Volksstamm« (taeterrima gens) und hätten für alle anderen Menschen nur »feindseligen Hass« (hostile odium) übrig. Sein Urteil war vernichtend: Die gesamte jüdische Lebensart sei »absurd und verächtlich« (absurduss ordidusque). Schon Römer waren von der paranoiden Angst getrieben, Juden könnten ihre Gesellschaft unterwandern.

Alle christlichen Richtungen, die sich diesem offiziellen Glaubensbekenntnis nicht anschließen wollten, wurden als Häresien bekämpft. Am längsten und erfolgreichsten leisteten die Arianer Widerstand. Die Anhänger dieser Richtung verstanden Jesus als ein Geschöpf des göttlichen Vaters und damit als diesem untergeordnet. Für diese Vorstellung gab es durchaus auch Ansätze im Judentum, und so ist es nicht verwunderlich, dass die arianische Häresie ausdrücklich auch als jüdisch gebrandmarkt wurde.

Indem die sich nun als orthodox – rechtgläubig – verstehende Kirche die angebliche Häresie der Arianer verurteilte und verfolgte, versuchte sie also zugleich, das »Judentum« aus dem entstehenden »Christentum« auszuscheiden. Die Trennung der Orthodoxie von den Arianern gelang erst nach vielen Kämpfen. Der im paulinischen Christentum verankerte Gegensatz zwischen Judentum und Christentum jedoch blieb bis heute erhalten – mit schrecklichen Konsequenzen für das Judentum.

Juden durften keine christlichen Frauen heiraten.
Die prekäre Lage für das Judentum verschärfte sich, als das von Häresien gesäuberte Christentum zur Reichskirche und dann zur römischen Staatsreligion wurde (ab 380). Damit konnte der christliche Staat sein verzerrtes Verständnis des Judentums auch politisch durchsetzen. Das schlug sich in einer dezidiert antijüdischen Gesetzgebung nieder: Christen durften nicht mehr zum Judentum übertreten; Juden durften keine christlichen Sklaven halten; jüdische Sklaven, die zum Christentum übertraten, mussten freigelassen werden; Juden durften keine christlichen Frauen heiraten; die häufige Zerstörung von Synagogen durch christliche Mobs wurde auf Druck der Kirche oft nachträglich sanktioniert; der Neubau von Synagogen wurde verboten – und das waren längst nicht alle Regelungen.

Dämonisierung:

Ein Jude im Griff des Teufels – dieses Motiv findet sich am Portal des Wetzlarer Doms. Solche antisemitischen Darstellungen im öffentlichen Raum sehen viele Experten als problematisch an, wenn sie ohne Erklärung bleiben.

Versuchten staatliche Autoritäten bis hin zum Kaiser, den Juden wenigstens rudimentäre Rechtssicherheit zu gewähren, wurden sie von den übermächtigen Bischöfen und Kirchenlehrern in ihre Schranken gewiesen.

Das sogenannte christliche Abendland war nicht nur christlich und jüdisch, sondern bis zu einem gewissen Grad auch muslimisch. Der Siegeszug des Islam nach dem Tode Muhammads im Jahr 632 brachte sehr schnell den Vorderen Orient und damit auch die Wiege des Christentums und des Judentums unter islamische Kontrolle – mit weitreichenden Folgen für das christliche Europa. Der Koran, die heilige Schrift des Islam, ist tief von der Auseinandersetzung mit dem Judentum und dem Christentum geprägt.

Dabei wird heute oft übersehen, dass die meisten Aussagen des Korans zu Juden und Christen sich an beide richten. Der Islam verstand sich eben nicht als eine neue Religion, sondern als die eigentliche alte Religion Abrahams, die noch vor Judentum und Christentum entstanden sei. Juden und Christen haben demnach ihren ursprünglichen Auftrag missverstanden und ihre Bibel verfälscht, der Islam rückt dies nun wieder zurecht. Trotzdem sind beide (»Leute des Buches/der Schrift«) und verdienen deswegen besonderen Schutz. Als solche sind sie »Schutzbefohlene«, das heißt, sie stehen unter dem besonderen Schutz der islamischen Autoritäten.

Die Idee einer Vernichtung der Juden liegt dem traditionellen Islam fern
Zwar war die islamische Judengesetzgebung strikt auf Abgrenzung bedacht. Aber anders als die christliche Gesetzgebung in der Spätantike und besonders im Mittelalter bot sie den Juden immer eine grundlegende und einklagbare Rechtssicherheit. Das alte und bis heute fortlebende Klischee, dass die Juden keine Menschen seien, sondern Tiere, liegt dem traditionellen Islam fern. Und ebenso die tödliche Konsequenz, dass sie deswegen verfolgt und vernichtet werden müssten.

Im christlichen Mittelalter hingegen war das Verhältnis von Christen und Juden von einer Ambivalenz zwischen Schutz und Unterdrückung, Ausbeutung und Verfolgung geprägt. Kirchliche Dekrete setzten die Judengesetzgebung der Spätantike fort. Staatliche und kirchliche Gewalt, Kaiser und Papst, konkurrierten nun um das Vorrecht, die Juden beschützen und ausbeuten zu dürfen.

Üble Nachrede:

In Kirchen finden sich wie z.b. im Freiburger Münster – Darstellungen von Juden als angebliche »Gottesmörder«.

Ein besonderer Stein des Anstoßes war der Geldverleih mit Zinsen. Dieser hatte in der über regionale Grenzen hinauswachsenden mittelalterlichen Wirtschaft eine zentrale Funktion, war Christen durch das kanonische Recht jedoch verboten. Die Juden hatten ursprünglich eine wichtige Rolle im internationalen Handel gespielt, doch daraus wurden sie nach und nach verdrängt. Auf der anderen Seite war ihnen der Zugang zu den Zünften, den ständischen Körperschaften der Handwerker, versagt. Somit blieb ihnen nur noch das Geldgeschäft, also die Vergabe von Darlehen gegen Zinsen. Dies führte immer wieder zu Spannungen, die sich schnell in Verfolgungen und Pogromen entluden.

Verschärft wurde dieses strukturelle Problem dadurch, dass die christlichen Herrscher von den Geldgeschäften der Juden profitierten. In ihrer Konkurrenz mit dem Autoritätsanspruch des Papstes entwickelten die Kaiser die Idee von den Juden als dem physischen Besitz des Herrschers: Alle Juden samt ihren Besitztümern gehörten dem Herrscher. Die deutschen Kaiser erfanden dafür das lukrative Instrument der »Kammerknechtschaft«: Die Juden waren mit ihrer gesamten beweglichen und unbeweglichen Habe Subjekte der kaiserlichen Kammer, und das hieß im Klartext, der Staatskasse.

Antijüdische Ausschreitungen waren das ideale Ventil für Wut auf die Obrigkeiten
Dies bedeutete, dass der Herrscher nach Belieben an den Besitztümern der Juden partizipieren konnte. So sicherte er sich seinen Anteil an ihren Geschäftsgewinnen. Und wenn ihm das nicht reichte, konfiszierte er das gesamte Vermögen und vertrieb die Juden aus seinem Herrschaftsgebiet – oder holte sie auch wieder zurück, wenn die Wirtschaft ruiniert war.

Das ganze christliche Mittelalter war so ein ständiges Hin und Her von Schutz und Ausbeutung, Vertreibung und Verfolgung. Das ambivalente Verhältnis der Juden zu ihrem weltlichen und kirchlichen Herrscher machte diese zu einer leichten Beute für ihre christlichen Mitbürger. Da sie mit der Obrigkeit in Verbindung gebracht wurden, waren antijüdische Ausschreitungen das ideale Ventil nicht nur für die Wut über wirtschaftliche und gesellschaftliche Missstände. Auch bei Schicksalsschlägen wie Missernten, Krankheiten und Seuchen wurden die Juden zum stets verfügbaren Sündenbock.

Ermordung der Juden als gottgefällig?
Zugleich wirkten die Vorurteile und Klischees weiter, die sich aus der christlichen Religion speisten und im Vorwurf des Gottesmordes ihren Höhepunkt fanden. So kam es immer wieder zu Wellen von Verfolgungen und Massakern, Gewaltexzessen, wie sie bis dahin undenkbar waren. Einer der folgenschwersten Auslöser war der Erste Kreuzzug in den Jahren 1096 bis 1099, zu dem Papst Urban II. die Christenheit aufrief.

Der christliche Mob in den Ländern, in denen sich das Kreuzzugsheer sammelte, ließ sich von fanatischen Predigern überzeugen, dass die Juden im eigenen Land mindestens so schlimme Gegner seien wie die Muslime im Nahen Osten. Ihre Vertreibung und Ermordung musste also Gott ebenso wohlgefällig sein wie die Vertreibung der Muslime aus dem Heiligen Land.

Darstellung von Juden bei der Peinigung christlicher Märtyrer (hier im Freiburger Münster). Solche detailreichen Bilder in Kirchen waren im Mittelalter höchst einflussreich.

Der Zug des Kreuzfahrerheeres von Frankreich durch Mitteleuropa nach Osten wurde dadurch zu einem Massaker, in dem große Teile der jüdischen Gemeinden Europas untergingen. Die Juden, vor die Wahl gestellt, zum Christentum überzutreten oder sich abschlachten zu lassen, entschieden sich meist für Letzteres – und nahmen oft auch ihre Frauen und Kinder mit in den Tod.

Die markantesten und extremsten Formen des mittelalterlichen Antisemitismus haben ihren Ursprung in der Religion – und sie alle wirken bis heute weiter. Für die Legende vom Ritualmord erfand man ein perverses jüdisches Ritual, wonach die Juden in der Karwoche angeblich christliche Kinder entführen, diese martern und ihnen ihr Blut abzapfen, um so die Kreuzigung Jesu nachzustellen; manchmal sei dieses Blut dann in die Mazzot (ungesäuerten Brote) des Pessachfestes eingebacken worden. Diese Legende breitete sich in ganz Europa aus, beginnend 1144 in Norwich, England. Die Legenden wurden an konkrete Kriminalfälle geknüpft, was dann zu Massakern gegen die Juden der jeweiligen Gemeinden führte. Versuche der staatlichen Gewalt, diesen Irrsinn mit rationalen Argumenten zu stoppen, schlugen in der Regel fehl.

Boshafte Pervertierung des Judentums

Als die Lehre von der »Wesensverwandlung« (Transsubstantiation) von Brot und Wein in das Fleisch und Blut Jesu Christi 1215 auf dem Vierten Laterankonzil festgeschrieben wurde, entstand die Anklage des Hostienfrevels: Die Juden seien darauf aus, geweihte Hostien zu rauben, um diese zu durchbohren, zum Bluten zu bringen und den Leib Christi so immer wieder neu zu martern.

Besonders wirksam im Arsenal der antisemitischen Waffen wurde das Motiv der »Judensau«. Solche Skulpturen einer Sau, an deren Zitzen junge Juden wie Ferkel saugen, finden sich das ganze Mittelalter hindurch an den Außenwänden oder Innensäulen zahlreicher Kirchen – und hängen meist bis heute dort. Oft kniet hinter der Sau ein Jude, der ihren Schwanz hochhebt und ihr in den After schaut, daran leckt oder die Exkremente aufsammelt. Hier verbinden sich unterschwellige sexuelle Motive mit religiösen Elementen, die daran anknüpfen, dass im Judentum das Schwein ein unreines Tier ist. Eine boshaftere Pervertierung des Judentums ist kaum vorstellbar.

Ein ständiger Dorn im Auge der Christen war schon seit der Spätantike der Talmud, das auf der Hebräischen Bibel basierende Handbuch der jüdischen Religionspraxis und ihrer theologischen Deutung. Der Talmud ist aufgrund seiner sprachlichen und inhaltlichen Besonderheiten nur schwer zugänglich; für Christen war er der Inbegriff der angeblichen jüdischen Gesetzesreligion als der Antithese zum Christentum.

Schmähung:

Auch das Stereotyp vom »jüdischen Wucherer« wurde im Mittelalter über Darstellungen an Kirchen verbreitet – etwa auf einem Vordach der Kirche im elsässischen Rosheim.

Der Wucherer

Außerdem glaubten sie, dass er voll von jüdischer Polemik gegen die Christen sei, und sammelten, mithilfe jüdischer Konvertiten, alle – selten echten – antichristlichen Aussagen. Der Pariser Talmudverbrennung von 1242 fiel der allergrößte Teil der europäischen Talmudhandschriften zum Opfer – die staatlichen und kirchlichen Autoritäten hofften, den Kern der jüdischen Religion damit ein für alle Mal zu vernichten.

Der erste systematische Versuch der physischen Vernichtung der europäischen Juden folgte ungefähr 100 Jahre später mit der Pestwelle der Jahre 1348 bis 1353, der mehr als ein Drittel der Bevölkerung Europas zum Opfer fiel. Da man sich die Ursache dieser mysteriösen Krankheit nicht erklären konnte, suchte und fand man die Schuldigen in den Juden: Sie hätten in einer groß angelegten Aktion aus Hass gegen die Christen die Brunnen vergiftet und damit die Seuche ausgelöst.

Diese Anschuldigung breitete sich zusammen mit der Pest rasant in Zentraleuropa aus und führte zu einer Massenhysterie mit zahlreichen Verfolgungswellen und Massenmorden. Mit dem Ende der Pestpogrome waren alle bedeutenden jüdischen Gemeinden auf dem Gebiet des späteren Deutschland ausgelöscht, ein Einschnitt, von dem die mittelalterlichen Juden sich nie wieder erholten.

Martin Luther griff alles Jüdische hemmungslos an.
Der Höhepunkt des mittelalterlichen Judenhasses war keinem Geringeren vorbehalten als dem Reformator Martin Luther. Sein Antisemitismus war deswegen besonders virulent, weil er einerseits fest in den Vorurteilen des Mittelalters verankert war, aber andererseits durch die dank des Buchdrucks nun flächendeckende Propaganda bis weit in die Neuzeit hinein wirkte.

Luthers antisemitische Hasstiraden wurden immer heftiger, je mehr er einsehen musste, dass die Juden sich auch seinem erneuerten, »protestantischen« Christentum nicht öffnen wollten. Sein Versuch, die Papstkirche mit dem »verknöcherten Judentum« gleichzusetzen und den Juden sein extrem paulinisches Christentum als das eigentliche Judentum schmackhaft zu machen, scheiterte auf der ganzen Linie: Die Juden gingen nicht auf seine Deutung ein, dass auch ihre Bibel auf Jesus Christus und die von ihm vermittelte Gnade ausgerichtet sein sollte, dass ihr »irregeleitetes« Schriftverständnis Verderben und Tod bringe und nur das Christentum Erlösung und Leben.

Niedertracht:

Im Chorgestühl des Erfurter Doms sieht man diese Szene von einem Zweikampf zwischen Christentum und Judentum. Das Judentum wird hier judenfeindlich wieder mit einem Schwein in Verbindung gebracht und lächerlich gemacht.

Wenige Jahre vor seinem Tod veröffentlichte Luther seine Schrift »Von den Juden und ihren Lügen« (1543). Sie ist ein hemmungsloser, wütender und rauschhafter Angriff auf alles Jüdische. Er verkündet die mittelalterlichen Stereotype nun als Fakten und leitet daraus praktische Forderungen ab: Zerstörung ihrer Synagogen und Wohnhäuser, Konfiskation ihrer Schriften, Verbot ihrer Gottesdienste, Verbot des Geldverleihs, Einzug ihres Vermögens. Wenn das alles nicht helfe, müssten die Juden aus den deutschen Landen vertrieben werden. Man hat diese Maßnahmen nicht von ungefähr als Luthers Versuch einer »Endlösung der Judenfrage« bezeichnet.

Ein neues Zeitalter, auch für die Juden, brach erst lange nach Luther an – mit der Aufklärung und der Französischen Revolution, die Juden zunächst in Frankreich erstmals zu gleichberechtigten Staatsbürgern machte. Allerdings waren die Errungenschaften dieser neuen Zeit durchaus zweischneidig. Denn die Juden waren und sind keine Religion wie das Christentum mit seiner Forderung des unbedingten Glaubens an etwas; sie definieren sich nicht durch ihren Glauben, sondern durch ihr tägliches Handeln und Tun. Zugleich verstehen sie sich aber auch seit der Antike als eine ethnische Stammes- und Schicksalsgemeinschaft, der nur angehören kann, wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde oder nach den traditionellen Regeln konvertiert.

Gettoisierung:

Seit der Antike lebten Juden häufig konzentriert in bestimmten Stadtvierteln. Das erste urkundlich erwähnte jüdische Viertel mit Mauern im Heiligen Römischen Reich bestand seit 1084 in der Stadt Speyer, eine Mischung aus Schutz und Zwang. Die Bezeichnung Getto wiederum stammt von der Insel Ghetto in Venedig. 1516 beschloss die Regierung der Republik Venedig, die jüdische Bevölkerung dort zusammenzufassen. Ein bekanntes Beispiel für ein deutsches Getto ist die Frankfurter Judengasse, die von 1462 bis 1796 bestand. Während des Zweiten Weltkriegs richteten die Nationalsozialisten rund 1150 jüdische Gettos in Osteuropa ein, in denen sie Juden zusammenpferchten, um sie auszubeuten, zu vernichten und die noch Lebenden anschließend in den Tod zu schicken.

Die Philosophen der Aufklärung konnten diese feinen Unterschiede nicht nachvollziehen.

Ihre viel gerühmte Toleranz galt am wenigsten den Juden. Für sie waren die Juden, schlimmer noch als die Christen, in ihren religiösen Vorurteilen befangen und konnten nur dann wahre Menschen werden, wenn sie sich von den Fesseln ihrer religiösen Irrungen befreiten. Ihr Anspruch, eine Stammesgemeinschaft zu sein, widersprach auch allen Idealen der Französischen Revolution, wie dies der Comte de Clermont-Tonnerre im Dezember 1789 in der Nationalversammlung auf den Punkt brachte: »Den Juden als Nation ist alles zu verweigern, den Juden als Menschen ist alles zu gewähren.« Das bedeutet: Nur der individuelle Jude, der sich auf seine persönliche Religionsausübung beschränkt und auf die Besonderheiten einer Stammesgemeinschaft verzichtet, konnte Bürger des neuen französischen Staates werden.

Grundlagen:

»Je undurchschaubarer die Welt wird, umso aggressiver wird die antijüdische Hetze«
In den deutschen Landen war die Lage für die Juden noch sehr viel schwieriger als im strikt säkular ausgerichteten Frankreich. Die deutschen Staaten verstanden sich ganz dezidiert als christlich und seit der Gründung des Norddeutschen Bundes von 1866, dem Vorläufer des Kaiserreichs, noch dazu als dominant protestantisch-christlich im lutherischen Sinne. In einem solchen Staat war für ein Judentum, das nicht im Christentum aufgehen und sich auch nicht auf seine individuelle Religionsausübung begrenzen lassen wollte, kein Platz.

Es ist genau diese Spannung zwischen christlichem Nationalstaat und jüdischem Verständnis von Religion, die alle Versuche der Emanzipation der Juden und ihrer bürgerlichen Gleichberechtigung immer wieder zunichtemachte. Unter dem wachsenden Einfluss der rassistischen Form des Antisemitismus führte diese Idee eines christlichen Nationalstaats schließlich zur durch und durch antisemitisch geprägten Gesellschaft des Kaiserreichs und der Weimarer Republik.“

Zum Autor:

Peter Schäfer ist einer der führenden Experten für die Geschichte der jüdischen Religion. Von 2014 bis 2019 leitete er das jüdische Museum in Berlin.

Frau Wollmantels Weihnachts-geschichte

Auszug aus: Kumm mei kläinr Buu..

Es war im Dezember, an einem Freitagnachmittag, so eine Woche vor Weihnachten. Die Winterferien hatten mit diesem Tage begonnen. Schon am Morgen hatten dicke Schneeflocken die Dächer und Felder bedeckt.

Die Dorfschlehrerin, Frau Wollmantel hatte Ihre Zöglinge mit den Worten: „Ein gesegnetes Weihnachtsfest mein Völkchen“ in die Weihnachtsferien entlassen.

Zuvor in der letzten Schulstunde war das Fach Religion, wie üblich, an der Reihe.
Alle Schüler, von der ersten bis zur dritten Schulklasse, saßen im größten Klassenraum zusammen. Sie sangen zu Beginn, das schöne Weihnachtslied, Ihr Kinderlein kommen, oh kommet doch bald…… .

Frau Wollmantel begleitete dabei mit einem schwarzlackierten Musikinstrument aus Plastik, welches ein Mittelding von Ziehharmonika, und Harmonium darstellte.
Dieses Instrument wimmerte erbärmlich, zwischendurch asthmatisch pfeifend. Die Kinder störte das nicht, hatten sie doch keine musikalischen Vergleichsmöglichkeiten. Im Gegenteil, sie sangen mit Inbrunst, gefühlvoll das kommende Weihnachtsfest freudig erwartend.

Ihre Lehrerin erzählte die biblische Weihnachtsgeschichte so, daß die Kinder sie gut verstehen konnten. Sie erzählte sehr schön mit ruhigem Ton und weicher Stimme, die schon andeutungsweise, ein sanftes Tremolo zeigte. Ein Umstand der viele weibliche Sopranstimmen betrifft, die allmählich das Klimakterium erreichen.

Als die Stelle mit der Verkündigung der Engel über die Geburt des Jesuskindes gekommen war, erreichten Ihre erzählerischen Qualitäten einen Höhepunkt.

Die Engel erschienen prachtvoller, ihr Erscheinen spektakulärer.
Auch den Stall zu Bethlehem, als Geburtsort des Jesuskindes schilderte Sie bildhaft und verständlich.

Im Zentrum Maria sitzend mit dem Kinde in der Futterkrippe, liebevoll mütterlich saß Sie dort. Ihr Blick strahlte Freude, aber auch Wehmut, Schmerz und Trauer aus. Als ob Sie schon ahnen könne, welchen Weg Ihr Sohn bis hin zum Kreuz auf Golgatha gehen würde.

Ein Zitat von Dietrich Bonhoeffer mag an diese Stelle passen, ohne den Erzählstrom wesentlich zu unterbrechen:

„Allein weil Gott ein armer, elender, unbekannter, erfolgloser Mensch wurde, und weil Gott sich von nun an allein in dieser Armut, im Kreuz, finden lassen will, darum kommen wir von dem Menschen und von der Welt nicht los, darum lieben wir die Brüder. Wer fromm ist muß auch politisch sein.“

Gleich daneben rechts, Joseph. Groß, würdig, mehr Hirte als Zimmermann, ein schwerer Umhang und der unvermeidliche Hirtenstab. Alle drei beisammen die heilige Familie.

Die Krippe umlagernd, sitzend halb liegend aufgestützt, drei Hirten. Sie blicken staunend und zugleich erfreut auf das Jesuskind.

„Sind wir es, die ärmsten der Armen, wir die wir am Rand des Gesellschaft leben wirklich die ersten, die das Wunder der Geburt Christi erleben dürfen? Sie wir es, die als Erste dabei sein dürfen, von himmlischen Heerscharen, gerufen, wenn Gott als hilfloses kleines Baby auf die Erde kommt?“

Dabei der Ochse, der Esel und 3 Schafe. Die Körper der Tiere sind hinter einer Bretterwand verborgen. Lediglich die Köpfe sind zu sehen. Ihre Köpfe sind größer als gewohnt, die Augen staunend groß, blicken sie bewundernd und fröhlich auf die Szene.
Fast wie Kinder, die Ihre Weihnachtsgeschenke erhalten haben.

Die 3 Waisen aus dem Morgenlande mit den Gaben, Gold,Weihrauch und Myrhe.
Nun, die fehlen noch. Sind vielleicht noch nicht angekommen.

Zum Ende dann noch: Oh du fröhliche oh du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit…….
Die letzte Strophe dann hymnisch, laut und voller Inbrunst gesungen: …….freue dihich freue dich oh Christenheit !!!

Die Kinder liebten Ihre Geschichten, vor allem dann wenn nach dem letzten Schultage die Ferien begannen.

Zuweilen gingen nicht nur Ihren Schülern, sondern auch Ihr selbst die Geschichten so nahe, daß Ihr die Augen feucht wurden und Sie leise zu weinen begann. Sie erzählte dann von Krieg, Not und Tod, von Flucht und Vertreibung ihrer Familie, von Ihrer Geige die auf der Flucht mitgenommen, plötzlich beim einem Zusammenstoß der Pferdewagen in tausend Teile zerschellte …… .

Ja, Sie war ein Schöngeist im besten Sinne, eine kluge musikalisch begabte empfindsame Seele, wie geschaffen bei uns Kindern die Neugier zu wecken, die Phantasie und die Kreativität.
Wir Kinder wussten das nicht, aber, sie fühlten es.

Version für Kinder:

Frau Wollmantels Weinachtsgeschichte

„Es war der letzte Schultag vor Weihnachten und draussen tanzten dicke Schneeflocken. Frau Wollmantel, die Lehrerin, rief alle Kinder im grossen Klassenzimmer zusammen. Sie packte ihr altes, herrlich quietschendes Tasteninstrument aus und alle sangen zusammen, bis die Waende wackelten.“,
„Dann wurde es gemuetlich. Frau Wollmantel erzaehlte die Weihnachtsgeschichte, aber sie erzaehlte sie ein bisschen anders als andere:“,
„Wissst ihr, sagte sie mit ihrer sanften Stimme, das Wunder passierte nicht in einem schicken Schloss bei den reichen Koenigen. Gott hat sich den einfachsten Ort ausgesucht: einen Stall. Und das erste Bett fuer das Jesuskind war eine Futterkrippe voller Stroh.“,
„Sie erklaerte den Kindern, dass die Hirten die Allersten waren, die davon erfuhren. Damals mochte niemand die Hirten besonders gerne. Sie waren arm und die feinen Leute guckten an ihnen vorbei. Aber Gott hat genau diese Leute zuerst eingeladen! Er wollte zeigen: Niemand ist zu gering, niemand wird ausgeschlossen. Bei Gott sitzen alle an einem Tisch.“,
„Frau Wollmantel erzaehlte, dass Maria in dem Stall sass und ihr Kind anschaute. Sie hoffte, dass ihr Sohn Jesus den Menschen zeigen wuerde, wie man teilt und aufeinander aufpasst.“,
„Dann sagte Frau Wollmantel etwas, das die Kinder nie vergassen: Fromm sein bedeutet nicht nur, schoen zu singen. Wer Gott lieb hat, der muss sich auch fuer die anderen einsetzen. Wir muessen den Mund aufmachen, wenn jemand ungerecht behandelt wird. Wir muessen denen helfen, die keine Stimme haben.“,
„Zum Schluss dachte sie an Menschen, die heute auf der Flucht sind oder kein Zuhause haben. Die Kinder spuerten: Weihnachten ist ein Versprechen, die Welt ein kleines Stueckchen fairer zu machen.“

Trauer oder Zorn

Ich entscheide mich für Zorn!

Die meisten evangelikalen Christen in den USA haben Trumps Wiederwahl massiv unterstützt.

Ihr Gott im Weißen Haus

Das waren dann einige Millionen Wähler*innen für Trump.
Ich weiß nicht genau, ob man darüber traurig oder wütend sein soll.
Ich entscheide mich für wütend..
Ein Mann der die Ehe bricht und auch noch damit prahlt.
Ein Mann der tausende Male gelogen hat.
Ein Mann der aufhetzt.
Ein Mann der ausgrenzt.
Ein Mann der Minderheiten nicht nur ausgrenzt sondern massiv bedroht.
Was würde Jesus dazu sagen.

Ein weiterer zusätzlicher Beleg für die Verstrickungen zwischen Trump und amerikanischer evangelikalen Gemeinden liefert der folgende Link:

US-Wahl 2020: Evangelikale beten für einen Sieg von Donald Trump:

Dämonische Verschwörung

Nun hat das Ganze nicht geklappt.

Aber Vorsicht:

Noch ist dieser menschenverachtende Plutokrat nicht verschwunden.

Ich für mein Teil bete für dessen Demission.