Sündenfall der Christen: Antijudaismus – Antisemitismus

Zusammengestellt aus:
Der Spiegel Geschichte 3/21

  • In der Bibel und bei Luther.
  • Warum die Judenfeindlichkeit im Christentum tief verwurzelt ist.
  • Über muslimischen Antisemitismus wird viel diskutiert, über christlichen kaum.

Dabei war die Abwertung der Juden grundlegend für den Glauben an Jesus. Im Lauf der Jahrhunderte kamen immer mehr Vorurteile und Mythen hinzu.

Abgrenzung:

In oder an vielen Kirchen, wie hier am Straßburger Münster, stehen sich Ecclesia und Synagoge als allegorische Frauenfiguren gegenüber.

Abgrenzung:

Unter allen »Nationen der Erde« gebe es »ein bestimmtes heimtückisches Volk«, das »sich gegen alle Menschen ohne Ausnahme feindselig verhält, nach absonderlichen und befremdlichen Gesetzen lebt … und die schlimmsten Verbrechen begeht«.

Dieses Volk müsse »samt seinen Frauen und Kindern ohne Gnade und Erbarmen durch das Schwert ihrer Feinde radikal ausgerottet werden«.

Diese Sätze lesen wir nicht etwa in Erlassen christlicher Könige oder in der NS-Propaganda, sondern in der Bibel, im Buch Esther des Alten Testaments, genauer in dessen griechischer Übersetzung. Der Erlass stammt vom persischen Großkönig Ahasveros.

Das Buch Esther griff den Befehl um 300 v. Chr. wieder auf. Es erzählt die Geschichte vom versuchten Vernichtungsfeldzug des Großkönigs gegen die Juden und von dessen jüdischer Gemahlin Esther, die ihr Volk rettete. Bis heute feiern die Juden alljährlich im Purimfest das Misslingen der persischen Pläne.

Mit den Worten dieses Edikts ist erstmals historisch greifbar der Ton angeschlagen, der die Geschichte des Antisemitismus bis heute bestimmt:

Die Juden werden als ein Volk mit absonderlichen Sitten und Gebräuchen dargestellt, das sich durch seinen Menschenhass von allen anderen Völkern unterscheidet. Und, schlimmer noch: Es sei nur zu besiegen, wenn es mit Stumpf und Stiel ausgerottet werde.

Die Literatur der vorchristlichen Antike ist voll von Geschichten, die sich aus diesem Grundmotiv ableiten:

Autoren wie Apion oder Tacitus behaupteten, die Juden seien im »Exodus« nicht freiwillig aus Ägypten ausgezogen, sondern sie seien als die schlimmsten Feinde der zivilisierten Menschheit daraus vertrieben worden.

In ihrem Tempel verehrten sie nicht einen bildlosen Gott, sondern einen Esel; sie mästeten dort jährlich einen Griechen, um ihn anschließend zu schlachten und seine Eingeweide zu essen; man könne ihnen ihre absonderlichen Bräuche nur austreiben, indem man eine fette Sau in ihrem Tempel opfere, deren Blut dort ausgieße und die Priester zwinge, das gekochte Fleisch zu essen. Ihr Glaube an nur einen Gott sei lächerlich, ihre Beschneidung eine Perversion, ihr wöchentlicher Ruhetag, der Sabbat, sei Ausdruck ihrer Faulheit und ihre Abneigung gegen Schweinefleisch ein Aberglaube.

Genau dieses Bündel an Vorurteilen, die wir heute antisemitisch nennen würden, führte im 1. Jahrhundert n. Chr. im hellenistischen Alexandria zum ersten Pogrom in der Geschichte, bei dem ein Mob die jüdischen Einwohner der Stadt grausam quälte und tötete – mit allen furchtbaren Einzelheiten, wie wir sie aus den mittelalterlichen und neuzeitlichen Pogromen kennen.

Die Anhänger Jesu wurden »neue Juden«
Nicht lange vor dem Pogrom in Alexandria reiste ein Jude namens Saul von Jerusalem nach Damaskus. In der dortigen Synagoge wollte er nach Anhängern der neuen jüdischen Lehre des Jesus von Nazareth fahnden und diese vor Gericht bringen. Kurz bevor er Damaskus erreichte, soll er von einem strahlenden Licht geblendet worden sein und eine Stimme gehört haben. Diese soll gesagt haben: »Saul, Saul, warum verfolgst du mich?«, und habe sich ihm dann als »Jesus, den du verfolgst« offenbart.

Durch dieses Erlebnis wandelte Saulus (so die lateinische Form seines Namens) sich zum Paulus, vom jüdischen Eiferer zum Völkerapostel. Von Nichtjuden, die sich als Anhänger Jesu dem Judentum anschließen wollten, verlangte Paulus nun weder die Beschneidung noch die Befolgung der jüdischen Gesetze (insbesondere nicht der Speisegebote) in allen Einzelheiten – diese durften, zusammen mit den jüdischen Anhängern Jesu, »neue Juden« werden (die sich später Christen nennen sollten), ohne formell zum Judentum überzutreten.

Abwertung:

Die Synagoge wird immer mit verbundenen Augen dargestellt, als blind gegenüber der angeblichen Wahrheit deswegen Christentums. Die Symbole ihrer Macht – Lanze, Fahne oder Krone – sind gebrochen oder liegen am Boden, die Gesetzestafeln entgleiten ihr.
Damit setzte der wiedergeborene Paulus eine Bewegung in Gang, die bald großen Zulauf unter »Heiden« (Griechen und Römern) finden sollte. Sie wuchs weit über das hinaus, was der jüdische Wanderprediger und Prophet Jesus begonnen hatte: Paulus hob die Trennung zwischen Juden und Nichtjuden auf. »Es gibt nicht mehr Juden und Griechen«, schreibt er im Galaterbrief, »nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich, denn ihr seid alle einer in Jesus Christus.«

Dies war eine für die antike Weltordnung unerhörte Botschaft: Für die, die sich zu Jesus Christus bekannten, galten die alten Unterschiede nicht mehr, weder die zwischen Juden und Nichtjuden noch die zwischen Sklaven und Freien oder zwischen Männern und Frauen.

Leider war diese frohe Botschaft zu optimistisch, denn sie ignorierte ein Problem: Es gab nicht wenige Juden, die sich der Botschaft verweigerten und darauf beharrten, dass Jude nur werden könne, der nach den traditionellen jüdischen Regeln zum Judentum übertritt. Paulus, der annahm, dass das Ende der Zeit ohnehin bald kommen werde, verschärfte dieses Problem noch dadurch, dass er die alten Juden (die, die sich nicht zu Jesus Christus bekennen wollten) und die neuen Juden (die Anhänger Jesu) scharf voneinander absetzte.

Er tat dies durch den Gegensatz von Fleisch und Geist oder auch den von Gesetz/Buchstabe und Glaube: Alles, was mit Fleisch, Gesetz und Buchstabe in Verbindung gebracht wurde, war bei ihm negativ besetzt, und alles, was unter Geist, Glaube oder auch Gnade lief, war positiv. Die alten Juden standen für Ersteres, die neuen Juden für Letzteres: »Jesus Christus hat uns freigekauft von dem Fluch des Gesetzes … damit den Völkern durch ihn der Segen Abrahams zuteil wird durch Jesus Christus und wir so durch den Glauben den verheißenen Geist empfangen.«

Die Evangelien bauten die Judenfeindschaft aus.
Damit hatte Paulus einen zentralen und unauflösbaren Gegensatz zwischen den neuen jesusgläubigen und den alten Juden etabliert: Nun war im Christentum der Samen gelegt für die Judenfeindschaft mit all den Konsequenzen, die wir später Antisemitismus nennen sollten.

Die Evangelien fügten dem später weitere Elemente hinzu. Das Matthäusevangelium überbot sich in immer schärferen Attacken auf die jüdische Gruppe der Pharisäer, der Paulus selbst angehört hatte. Und die Passionsgeschichte in den Evangelien wies dem entfesselten jüdischen Mob, stellvertretend für das gesamte jüdische Volk, die Schuld an der Kreuzigung Jesu zu. Damit war der tödliche Vorwurf des Gottesmordes in die Welt gesetzt.

Diffamierung:

Wie in Wittenberg findet sich an etwa 30 Kirchen in Deutschland bis heute die Darstellung der »Judensau«.

Die „Judensau“

Das im Judentum unreine Schwein wird mit der jüdischen Religionspraxis in Verbindung gebracht, die Figur sollte Ekel erzeugen. Die Nationalsozialisten griffen das mittelalterliche Bildmotiv für ihre antisemitische Hetze auf. Der Umgang mit den Darstellungen ist umstritten: Einige fordern die Entfernung, andere ergänzende Erklärungen zum antisemitischen Gehalt. Entfernt wurde bislang keine.

Diffamierung:

Wohlmeinende christliche Theologen versuchen heute, das alles als innerjüdische Streitigkeiten zu entschärfen, die man in ihrer Zuspitzung nicht wörtlich nehmen und schon gar nicht auf das jüdische Volk als Ganzes beziehen dürfe. Aber Paulus‘ Gegensatz zwischen Fleisch und Geist als fundamentalen Gegensatz zwischen Juden und Christen können sie nicht wegdiskutieren.

Wollte man ihn auflösen, wäre der Kern des paulinischen Christentums zerstört. Und auch die Hassausbrüche des Verfassers des Johannesevangeliums, für den alle Juden die Söhne Satans waren, lassen sich nicht nur als zeitgebundene Entgleisungen abtun. Sie sind bis heute im kulturellen Gedächtnis der christlich geprägten Gesellschaften verankert.

Je mehr die frühe Kirche die Göttlichkeit Jesu dogmatisch verfestigte, desto größer wurde der Abstand zum Judentum. Das Konzil von Nizäa legte 325 n. Chr. die mit dem Vater wesensgleiche Göttlichkeit des Sohnes (und dann auch des Heiligen Geistes) verbindlich fest. Dies war für Juden unannehmbar.

Was schrieb der Römer Tacitus über Juden?
Der römische Konsul und Historiker CorneliusTacitus (um 55 bis um 115 n. Chr.) fasste die Judenfeindlichkeit der Antike in einem Exkurs über die Juden in seinem großen Geschichtswerk »Historiae« in gewisser Weise zusammen. So folgen Juden seiner Meinung nach keinem Glauben, sondern einem abstoßenden »Aberglauben« (super stitio), sie seien ein »abscheulicher Volksstamm« (taeterrima gens) und hätten für alle anderen Menschen nur »feindseligen Hass« (hostile odium) übrig. Sein Urteil war vernichtend: Die gesamte jüdische Lebensart sei »absurd und verächtlich« (absurduss ordidusque). Schon Römer waren von der paranoiden Angst getrieben, Juden könnten ihre Gesellschaft unterwandern.

Alle christlichen Richtungen, die sich diesem offiziellen Glaubensbekenntnis nicht anschließen wollten, wurden als Häresien bekämpft. Am längsten und erfolgreichsten leisteten die Arianer Widerstand. Die Anhänger dieser Richtung verstanden Jesus als ein Geschöpf des göttlichen Vaters und damit als diesem untergeordnet. Für diese Vorstellung gab es durchaus auch Ansätze im Judentum, und so ist es nicht verwunderlich, dass die arianische Häresie ausdrücklich auch als jüdisch gebrandmarkt wurde.

Indem die sich nun als orthodox – rechtgläubig – verstehende Kirche die angebliche Häresie der Arianer verurteilte und verfolgte, versuchte sie also zugleich, das »Judentum« aus dem entstehenden »Christentum« auszuscheiden. Die Trennung der Orthodoxie von den Arianern gelang erst nach vielen Kämpfen. Der im paulinischen Christentum verankerte Gegensatz zwischen Judentum und Christentum jedoch blieb bis heute erhalten – mit schrecklichen Konsequenzen für das Judentum.

Juden durften keine christlichen Frauen heiraten.
Die prekäre Lage für das Judentum verschärfte sich, als das von Häresien gesäuberte Christentum zur Reichskirche und dann zur römischen Staatsreligion wurde (ab 380). Damit konnte der christliche Staat sein verzerrtes Verständnis des Judentums auch politisch durchsetzen. Das schlug sich in einer dezidiert antijüdischen Gesetzgebung nieder: Christen durften nicht mehr zum Judentum übertreten; Juden durften keine christlichen Sklaven halten; jüdische Sklaven, die zum Christentum übertraten, mussten freigelassen werden; Juden durften keine christlichen Frauen heiraten; die häufige Zerstörung von Synagogen durch christliche Mobs wurde auf Druck der Kirche oft nachträglich sanktioniert; der Neubau von Synagogen wurde verboten – und das waren längst nicht alle Regelungen.

Dämonisierung:

Ein Jude im Griff des Teufels – dieses Motiv findet sich am Portal des Wetzlarer Doms. Solche antisemitischen Darstellungen im öffentlichen Raum sehen viele Experten als problematisch an, wenn sie ohne Erklärung bleiben.

Versuchten staatliche Autoritäten bis hin zum Kaiser, den Juden wenigstens rudimentäre Rechtssicherheit zu gewähren, wurden sie von den übermächtigen Bischöfen und Kirchenlehrern in ihre Schranken gewiesen.

Das sogenannte christliche Abendland war nicht nur christlich und jüdisch, sondern bis zu einem gewissen Grad auch muslimisch. Der Siegeszug des Islam nach dem Tode Muhammads im Jahr 632 brachte sehr schnell den Vorderen Orient und damit auch die Wiege des Christentums und des Judentums unter islamische Kontrolle – mit weitreichenden Folgen für das christliche Europa. Der Koran, die heilige Schrift des Islam, ist tief von der Auseinandersetzung mit dem Judentum und dem Christentum geprägt.

Dabei wird heute oft übersehen, dass die meisten Aussagen des Korans zu Juden und Christen sich an beide richten. Der Islam verstand sich eben nicht als eine neue Religion, sondern als die eigentliche alte Religion Abrahams, die noch vor Judentum und Christentum entstanden sei. Juden und Christen haben demnach ihren ursprünglichen Auftrag missverstanden und ihre Bibel verfälscht, der Islam rückt dies nun wieder zurecht. Trotzdem sind beide (»Leute des Buches/der Schrift«) und verdienen deswegen besonderen Schutz. Als solche sind sie »Schutzbefohlene«, das heißt, sie stehen unter dem besonderen Schutz der islamischen Autoritäten.

Die Idee einer Vernichtung der Juden liegt dem traditionellen Islam fern
Zwar war die islamische Judengesetzgebung strikt auf Abgrenzung bedacht. Aber anders als die christliche Gesetzgebung in der Spätantike und besonders im Mittelalter bot sie den Juden immer eine grundlegende und einklagbare Rechtssicherheit. Das alte und bis heute fortlebende Klischee, dass die Juden keine Menschen seien, sondern Tiere, liegt dem traditionellen Islam fern. Und ebenso die tödliche Konsequenz, dass sie deswegen verfolgt und vernichtet werden müssten.

Im christlichen Mittelalter hingegen war das Verhältnis von Christen und Juden von einer Ambivalenz zwischen Schutz und Unterdrückung, Ausbeutung und Verfolgung geprägt. Kirchliche Dekrete setzten die Judengesetzgebung der Spätantike fort. Staatliche und kirchliche Gewalt, Kaiser und Papst, konkurrierten nun um das Vorrecht, die Juden beschützen und ausbeuten zu dürfen.

Üble Nachrede:

In Kirchen finden sich wie z.b. im Freiburger Münster – Darstellungen von Juden als angebliche »Gottesmörder«.

Ein besonderer Stein des Anstoßes war der Geldverleih mit Zinsen. Dieser hatte in der über regionale Grenzen hinauswachsenden mittelalterlichen Wirtschaft eine zentrale Funktion, war Christen durch das kanonische Recht jedoch verboten. Die Juden hatten ursprünglich eine wichtige Rolle im internationalen Handel gespielt, doch daraus wurden sie nach und nach verdrängt. Auf der anderen Seite war ihnen der Zugang zu den Zünften, den ständischen Körperschaften der Handwerker, versagt. Somit blieb ihnen nur noch das Geldgeschäft, also die Vergabe von Darlehen gegen Zinsen. Dies führte immer wieder zu Spannungen, die sich schnell in Verfolgungen und Pogromen entluden.

Verschärft wurde dieses strukturelle Problem dadurch, dass die christlichen Herrscher von den Geldgeschäften der Juden profitierten. In ihrer Konkurrenz mit dem Autoritätsanspruch des Papstes entwickelten die Kaiser die Idee von den Juden als dem physischen Besitz des Herrschers: Alle Juden samt ihren Besitztümern gehörten dem Herrscher. Die deutschen Kaiser erfanden dafür das lukrative Instrument der »Kammerknechtschaft«: Die Juden waren mit ihrer gesamten beweglichen und unbeweglichen Habe Subjekte der kaiserlichen Kammer, und das hieß im Klartext, der Staatskasse.

Antijüdische Ausschreitungen waren das ideale Ventil für Wut auf die Obrigkeiten
Dies bedeutete, dass der Herrscher nach Belieben an den Besitztümern der Juden partizipieren konnte. So sicherte er sich seinen Anteil an ihren Geschäftsgewinnen. Und wenn ihm das nicht reichte, konfiszierte er das gesamte Vermögen und vertrieb die Juden aus seinem Herrschaftsgebiet – oder holte sie auch wieder zurück, wenn die Wirtschaft ruiniert war.

Das ganze christliche Mittelalter war so ein ständiges Hin und Her von Schutz und Ausbeutung, Vertreibung und Verfolgung. Das ambivalente Verhältnis der Juden zu ihrem weltlichen und kirchlichen Herrscher machte diese zu einer leichten Beute für ihre christlichen Mitbürger. Da sie mit der Obrigkeit in Verbindung gebracht wurden, waren antijüdische Ausschreitungen das ideale Ventil nicht nur für die Wut über wirtschaftliche und gesellschaftliche Missstände. Auch bei Schicksalsschlägen wie Missernten, Krankheiten und Seuchen wurden die Juden zum stets verfügbaren Sündenbock.

Ermordung der Juden als gottgefällig?
Zugleich wirkten die Vorurteile und Klischees weiter, die sich aus der christlichen Religion speisten und im Vorwurf des Gottesmordes ihren Höhepunkt fanden. So kam es immer wieder zu Wellen von Verfolgungen und Massakern, Gewaltexzessen, wie sie bis dahin undenkbar waren. Einer der folgenschwersten Auslöser war der Erste Kreuzzug in den Jahren 1096 bis 1099, zu dem Papst Urban II. die Christenheit aufrief.

Der christliche Mob in den Ländern, in denen sich das Kreuzzugsheer sammelte, ließ sich von fanatischen Predigern überzeugen, dass die Juden im eigenen Land mindestens so schlimme Gegner seien wie die Muslime im Nahen Osten. Ihre Vertreibung und Ermordung musste also Gott ebenso wohlgefällig sein wie die Vertreibung der Muslime aus dem Heiligen Land.

Darstellung von Juden bei der Peinigung christlicher Märtyrer (hier im Freiburger Münster). Solche detailreichen Bilder in Kirchen waren im Mittelalter höchst einflussreich.

Der Zug des Kreuzfahrerheeres von Frankreich durch Mitteleuropa nach Osten wurde dadurch zu einem Massaker, in dem große Teile der jüdischen Gemeinden Europas untergingen. Die Juden, vor die Wahl gestellt, zum Christentum überzutreten oder sich abschlachten zu lassen, entschieden sich meist für Letzteres – und nahmen oft auch ihre Frauen und Kinder mit in den Tod.

Die markantesten und extremsten Formen des mittelalterlichen Antisemitismus haben ihren Ursprung in der Religion – und sie alle wirken bis heute weiter. Für die Legende vom Ritualmord erfand man ein perverses jüdisches Ritual, wonach die Juden in der Karwoche angeblich christliche Kinder entführen, diese martern und ihnen ihr Blut abzapfen, um so die Kreuzigung Jesu nachzustellen; manchmal sei dieses Blut dann in die Mazzot (ungesäuerten Brote) des Pessachfestes eingebacken worden. Diese Legende breitete sich in ganz Europa aus, beginnend 1144 in Norwich, England. Die Legenden wurden an konkrete Kriminalfälle geknüpft, was dann zu Massakern gegen die Juden der jeweiligen Gemeinden führte. Versuche der staatlichen Gewalt, diesen Irrsinn mit rationalen Argumenten zu stoppen, schlugen in der Regel fehl.

Boshafte Pervertierung des Judentums

Als die Lehre von der »Wesensverwandlung« (Transsubstantiation) von Brot und Wein in das Fleisch und Blut Jesu Christi 1215 auf dem Vierten Laterankonzil festgeschrieben wurde, entstand die Anklage des Hostienfrevels: Die Juden seien darauf aus, geweihte Hostien zu rauben, um diese zu durchbohren, zum Bluten zu bringen und den Leib Christi so immer wieder neu zu martern.

Besonders wirksam im Arsenal der antisemitischen Waffen wurde das Motiv der »Judensau«. Solche Skulpturen einer Sau, an deren Zitzen junge Juden wie Ferkel saugen, finden sich das ganze Mittelalter hindurch an den Außenwänden oder Innensäulen zahlreicher Kirchen – und hängen meist bis heute dort. Oft kniet hinter der Sau ein Jude, der ihren Schwanz hochhebt und ihr in den After schaut, daran leckt oder die Exkremente aufsammelt. Hier verbinden sich unterschwellige sexuelle Motive mit religiösen Elementen, die daran anknüpfen, dass im Judentum das Schwein ein unreines Tier ist. Eine boshaftere Pervertierung des Judentums ist kaum vorstellbar.

Ein ständiger Dorn im Auge der Christen war schon seit der Spätantike der Talmud, das auf der Hebräischen Bibel basierende Handbuch der jüdischen Religionspraxis und ihrer theologischen Deutung. Der Talmud ist aufgrund seiner sprachlichen und inhaltlichen Besonderheiten nur schwer zugänglich; für Christen war er der Inbegriff der angeblichen jüdischen Gesetzesreligion als der Antithese zum Christentum.

Schmähung:

Auch das Stereotyp vom »jüdischen Wucherer« wurde im Mittelalter über Darstellungen an Kirchen verbreitet – etwa auf einem Vordach der Kirche im elsässischen Rosheim.

Der Wucherer

Außerdem glaubten sie, dass er voll von jüdischer Polemik gegen die Christen sei, und sammelten, mithilfe jüdischer Konvertiten, alle – selten echten – antichristlichen Aussagen. Der Pariser Talmudverbrennung von 1242 fiel der allergrößte Teil der europäischen Talmudhandschriften zum Opfer – die staatlichen und kirchlichen Autoritäten hofften, den Kern der jüdischen Religion damit ein für alle Mal zu vernichten.

Der erste systematische Versuch der physischen Vernichtung der europäischen Juden folgte ungefähr 100 Jahre später mit der Pestwelle der Jahre 1348 bis 1353, der mehr als ein Drittel der Bevölkerung Europas zum Opfer fiel. Da man sich die Ursache dieser mysteriösen Krankheit nicht erklären konnte, suchte und fand man die Schuldigen in den Juden: Sie hätten in einer groß angelegten Aktion aus Hass gegen die Christen die Brunnen vergiftet und damit die Seuche ausgelöst.

Diese Anschuldigung breitete sich zusammen mit der Pest rasant in Zentraleuropa aus und führte zu einer Massenhysterie mit zahlreichen Verfolgungswellen und Massenmorden. Mit dem Ende der Pestpogrome waren alle bedeutenden jüdischen Gemeinden auf dem Gebiet des späteren Deutschland ausgelöscht, ein Einschnitt, von dem die mittelalterlichen Juden sich nie wieder erholten.

Martin Luther griff alles Jüdische hemmungslos an.
Der Höhepunkt des mittelalterlichen Judenhasses war keinem Geringeren vorbehalten als dem Reformator Martin Luther. Sein Antisemitismus war deswegen besonders virulent, weil er einerseits fest in den Vorurteilen des Mittelalters verankert war, aber andererseits durch die dank des Buchdrucks nun flächendeckende Propaganda bis weit in die Neuzeit hinein wirkte.

Luthers antisemitische Hasstiraden wurden immer heftiger, je mehr er einsehen musste, dass die Juden sich auch seinem erneuerten, »protestantischen« Christentum nicht öffnen wollten. Sein Versuch, die Papstkirche mit dem »verknöcherten Judentum« gleichzusetzen und den Juden sein extrem paulinisches Christentum als das eigentliche Judentum schmackhaft zu machen, scheiterte auf der ganzen Linie: Die Juden gingen nicht auf seine Deutung ein, dass auch ihre Bibel auf Jesus Christus und die von ihm vermittelte Gnade ausgerichtet sein sollte, dass ihr »irregeleitetes« Schriftverständnis Verderben und Tod bringe und nur das Christentum Erlösung und Leben.

Niedertracht:

Im Chorgestühl des Erfurter Doms sieht man diese Szene von einem Zweikampf zwischen Christentum und Judentum. Das Judentum wird hier judenfeindlich wieder mit einem Schwein in Verbindung gebracht und lächerlich gemacht.

Wenige Jahre vor seinem Tod veröffentlichte Luther seine Schrift »Von den Juden und ihren Lügen« (1543). Sie ist ein hemmungsloser, wütender und rauschhafter Angriff auf alles Jüdische. Er verkündet die mittelalterlichen Stereotype nun als Fakten und leitet daraus praktische Forderungen ab: Zerstörung ihrer Synagogen und Wohnhäuser, Konfiskation ihrer Schriften, Verbot ihrer Gottesdienste, Verbot des Geldverleihs, Einzug ihres Vermögens. Wenn das alles nicht helfe, müssten die Juden aus den deutschen Landen vertrieben werden. Man hat diese Maßnahmen nicht von ungefähr als Luthers Versuch einer »Endlösung der Judenfrage« bezeichnet.

Ein neues Zeitalter, auch für die Juden, brach erst lange nach Luther an – mit der Aufklärung und der Französischen Revolution, die Juden zunächst in Frankreich erstmals zu gleichberechtigten Staatsbürgern machte. Allerdings waren die Errungenschaften dieser neuen Zeit durchaus zweischneidig. Denn die Juden waren und sind keine Religion wie das Christentum mit seiner Forderung des unbedingten Glaubens an etwas; sie definieren sich nicht durch ihren Glauben, sondern durch ihr tägliches Handeln und Tun. Zugleich verstehen sie sich aber auch seit der Antike als eine ethnische Stammes- und Schicksalsgemeinschaft, der nur angehören kann, wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde oder nach den traditionellen Regeln konvertiert.

Gettoisierung:

Seit der Antike lebten Juden häufig konzentriert in bestimmten Stadtvierteln. Das erste urkundlich erwähnte jüdische Viertel mit Mauern im Heiligen Römischen Reich bestand seit 1084 in der Stadt Speyer, eine Mischung aus Schutz und Zwang. Die Bezeichnung Getto wiederum stammt von der Insel Ghetto in Venedig. 1516 beschloss die Regierung der Republik Venedig, die jüdische Bevölkerung dort zusammenzufassen. Ein bekanntes Beispiel für ein deutsches Getto ist die Frankfurter Judengasse, die von 1462 bis 1796 bestand. Während des Zweiten Weltkriegs richteten die Nationalsozialisten rund 1150 jüdische Gettos in Osteuropa ein, in denen sie Juden zusammenpferchten, um sie auszubeuten, zu vernichten und die noch Lebenden anschließend in den Tod zu schicken.

Die Philosophen der Aufklärung konnten diese feinen Unterschiede nicht nachvollziehen.

Ihre viel gerühmte Toleranz galt am wenigsten den Juden. Für sie waren die Juden, schlimmer noch als die Christen, in ihren religiösen Vorurteilen befangen und konnten nur dann wahre Menschen werden, wenn sie sich von den Fesseln ihrer religiösen Irrungen befreiten. Ihr Anspruch, eine Stammesgemeinschaft zu sein, widersprach auch allen Idealen der Französischen Revolution, wie dies der Comte de Clermont-Tonnerre im Dezember 1789 in der Nationalversammlung auf den Punkt brachte: »Den Juden als Nation ist alles zu verweigern, den Juden als Menschen ist alles zu gewähren.« Das bedeutet: Nur der individuelle Jude, der sich auf seine persönliche Religionsausübung beschränkt und auf die Besonderheiten einer Stammesgemeinschaft verzichtet, konnte Bürger des neuen französischen Staates werden.

Grundlagen:

»Je undurchschaubarer die Welt wird, umso aggressiver wird die antijüdische Hetze«
In den deutschen Landen war die Lage für die Juden noch sehr viel schwieriger als im strikt säkular ausgerichteten Frankreich. Die deutschen Staaten verstanden sich ganz dezidiert als christlich und seit der Gründung des Norddeutschen Bundes von 1866, dem Vorläufer des Kaiserreichs, noch dazu als dominant protestantisch-christlich im lutherischen Sinne. In einem solchen Staat war für ein Judentum, das nicht im Christentum aufgehen und sich auch nicht auf seine individuelle Religionsausübung begrenzen lassen wollte, kein Platz.

Es ist genau diese Spannung zwischen christlichem Nationalstaat und jüdischem Verständnis von Religion, die alle Versuche der Emanzipation der Juden und ihrer bürgerlichen Gleichberechtigung immer wieder zunichtemachte. Unter dem wachsenden Einfluss der rassistischen Form des Antisemitismus führte diese Idee eines christlichen Nationalstaats schließlich zur durch und durch antisemitisch geprägten Gesellschaft des Kaiserreichs und der Weimarer Republik.“

Zum Autor:

Peter Schäfer ist einer der führenden Experten für die Geschichte der jüdischen Religion. Von 2014 bis 2019 leitete er das jüdische Museum in Berlin.

Frau Wollmantels Weihnachts-geschichte

Auszug aus: Kumm mei kläinr Buu..

Es war im Dezember, an einem Freitagnachmittag, so eine Woche vor Weihnachten. Die Winterferien hatten mit diesem Tage begonnen. Schon am Morgen hatten dicke Schneeflocken die Dächer und Felder bedeckt.

Die Dorfschlehrerin, Frau Wollmantel hatte Ihre Zöglinge mit den Worten: „Ein gesegnetes Weihnachtsfest mein Völkchen“ in die Weihnachtsferien entlassen.

Zuvor in der letzten Schulstunde war das Fach Religion, wie üblich, an der Reihe.
Alle Schüler, von der ersten bis zur dritten Schulklasse, saßen im größten Klassenraum zusammen. Sie sangen zu Beginn, das schöne Weihnachtslied, Ihr Kinderlein kommen, oh kommet doch bald…… .

Frau Wollmantel begleitete dabei mit einem schwarzlackierten Musikinstrument aus Plastik, welches ein Mittelding von Ziehharmonika, und Harmonium darstellte.
Dieses Instrument wimmerte erbärmlich, zwischendurch asthmatisch pfeifend. Die Kinder störte das nicht, hatten sie doch keine musikalischen Vergleichsmöglichkeiten. Im Gegenteil, sie sangen mit Inbrunst, gefühlvoll das kommende Weihnachtsfest freudig erwartend.

Ihre Lehrerin erzählte die biblische Weihnachtsgeschichte so, daß die Kinder sie gut verstehen konnten. Sie erzählte sehr schön mit ruhigem Ton und weicher Stimme, die schon andeutungsweise, ein sanftes Tremolo zeigte. Ein Umstand der viele weibliche Sopranstimmen betrifft, die allmählich das Klimakterium erreichen.

Als die Stelle mit der Verkündigung der Engel über die Geburt des Jesuskindes gekommen war, erreichten Ihre erzählerischen Qualitäten einen Höhepunkt.

Die Engel erschienen prachtvoller, ihr Erscheinen spektakulärer.
Auch den Stall zu Bethlehem, als Geburtsort des Jesuskindes schilderte Sie bildhaft und verständlich.

Im Zentrum Maria sitzend mit dem Kinde in der Futterkrippe, liebevoll mütterlich saß Sie dort. Ihr Blick strahlte Freude, aber auch Wehmut, Schmerz und Trauer aus. Als ob Sie schon ahnen könne, welchen Weg Ihr Sohn bis hin zum Kreuz auf Golgatha gehen würde.

Ein Zitat von Dietrich Bonhoeffer mag an diese Stelle passen, ohne den Erzählstrom wesentlich zu unterbrechen:

„Allein weil Gott ein armer, elender, unbekannter, erfolgloser Mensch wurde, und weil Gott sich von nun an allein in dieser Armut, im Kreuz, finden lassen will, darum kommen wir von dem Menschen und von der Welt nicht los, darum lieben wir die Brüder. Wer fromm ist muß auch politisch sein.“

Gleich daneben rechts, Joseph. Groß, würdig, mehr Hirte als Zimmermann, ein schwerer Umhang und der unvermeidliche Hirtenstab. Alle drei beisammen die heilige Familie.

Die Krippe umlagernd, sitzend halb liegend aufgestützt, drei Hirten. Sie blicken staunend und zugleich erfreut auf das Jesuskind.

„Sind wir es, die ärmsten der Armen, wir die wir am Rand des Gesellschaft leben wirklich die ersten, die das Wunder der Geburt Christi erleben dürfen? Sie wir es, die als Erste dabei sein dürfen, von himmlischen Heerscharen, gerufen, wenn Gott als hilfloses kleines Baby auf die Erde kommt?“

Dabei der Ochse, der Esel und 3 Schafe. Die Körper der Tiere sind hinter einer Bretterwand verborgen. Lediglich die Köpfe sind zu sehen. Ihre Köpfe sind größer als gewohnt, die Augen staunend groß, blicken sie bewundernd und fröhlich auf die Szene.
Fast wie Kinder, die Ihre Weihnachtsgeschenke erhalten haben.

Die 3 Waisen aus dem Morgenlande mit den Gaben, Gold,Weihrauch und Myrhe.
Nun, die fehlen noch. Sind vielleicht noch nicht angekommen.

Zum Ende dann noch: Oh du fröhliche oh du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit…….
Die letzte Strophe dann hymnisch, laut und voller Inbrunst gesungen: …….freue dihich freue dich oh Christenheit !!!

Die Kinder liebten Ihre Geschichten, vor allem dann wenn nach dem letzten Schultage die Ferien begannen.

Zuweilen gingen nicht nur Ihren Schülern, sondern auch Ihr selbst die Geschichten so nahe, daß Ihr die Augen feucht wurden und Sie leise zu weinen begann. Sie erzählte dann von Krieg, Not und Tod, von Flucht und Vertreibung ihrer Familie, von Ihrer Geige die auf der Flucht mitgenommen, plötzlich beim einem Zusammenstoß der Pferdewagen in tausend Teile zerschellte …… .

Ja, Sie war ein Schöngeist im besten Sinne, eine kluge musikalisch begabte empfindsame Seele, wie geschaffen bei uns Kindern die Neugier zu wecken, die Phantasie und die Kreativität.
Wir Kinder wussten das nicht, aber, sie fühlten es.

Trauer oder Zorn

Ich entscheide mich für Zorn!

Die meisten evangelikalen Christen in den USA haben Trumps Wiederwahl massiv unterstützt.

Ihr Gott im Weißen Haus

Das waren dann einige Millionen Wähler*innen für Trump.
Ich weiß nicht genau, ob man darüber traurig oder wütend sein soll.
Ich entscheide mich für wütend..
Ein Mann der die Ehe bricht und auch noch damit prahlt.
Ein Mann der tausende Male gelogen hat.
Ein Mann der aufhetzt.
Ein Mann der ausgrenzt.
Ein Mann der Minderheiten nicht nur ausgrenzt sondern massiv bedroht.
Was würde Jesus dazu sagen.

Ein weiterer zusätzlicher Beleg für die Verstrickungen zwischen Trump und amerikanischer evangelikalen Gemeinden liefert der folgende Link:

US-Wahl 2020: Evangelikale beten für einen Sieg von Donald Trump:

Dämonische Verschwörung

Nun hat das Ganze nicht geklappt.

Aber Vorsicht:

Noch ist dieser menschenverachtende Plutokrat nicht verschwunden.

Ich für mein Teil bete für dessen Demission.

Papst Franziskus kritisiert Konsum und warnt: „Schlimmer als eine Pandemie“

Gastbeitrag von Uwe Schummer„Schlimmer als eine Pandemie“: Die düstere Warnung von Papst Franziskus vom 09.10.2o

FOCUS-Online-Gastautor Uwe Schummer

In seiner Enzyklika weist Papst Franziskus daraufhin, dass die Kirche auch das „Handeln Gottes in anderen Religionen“ schätzt und dass sie beim Aufbau einer besseren Welt nicht abseits stehen dürfe.

Papst Franziskus hat in seiner Sozialen Enzyklika „Fratelli tutti“ über die Geschwisterlichkeit und soziale Freundschaft einen Leuchtturm gesetzt.

Dabei beleuchtet er die Welt im Lichte der Menschenwürde. Unabhängig davon, wo und wie dieser Mensch lebt.

Dabei verurteilt er eine „Welt voller Wachtürme und Verteidigungsmauern“.

Die Alternative des weltweit geltenden Schreibens ist, den „Nächsten“ auch in dem Menschen zu sehen, der weit von uns entfernt lebt oder noch gar nicht geboren ist und zur künftigen Generation angehören wird.

Seine Vision ist eine Geschwisterlichkeit und soziale Freundschaft, die die Schätze der Welt und die uns mitgegebenen Talente und Fähigkeiten so organisiert, dass wir nicht zu Lasten anderer Völker und Generationen diesen Planeten Schlimmer als eine Pandemie\“plündern.

ÜBER DEN GASTAUTOR:

Uwe Schummer ist Mitglied des Deutschen Bundestags und dort Vorsitzender der CDU/CSU-Arbeitnehmergruppe.

Papst Franziskus warnt davor, Lehren der Vergangenheit zu vergessen

Dabei bezieht sich Papst Franziskus auch auf die aktuelle Erfahrung einer Pandemie, die „falsche Sicherheiten“ offenlegte und die Verletzlichkeit selbst starker ökonomischer Volkswirtschaften zeigt.

Sie liefere auch den Beweis dafür, dass „wütende und aggressive Nationalismen“ unfähig sind, die Herausforderungen der Zeit zu lösen; zumal sie mit „Egoismus und dem Verlust des Sozialempfindens“ einhergehen.

Er warnt davor, die Lehren der Vergangenheit zu vergessen, die aus einem überbordenden Nationalismus – mit all ihren unzähligen Kriegen – zur Zusammenarbeit der Völker in der UN geführt habe.

Sein Bild ist die Menschheitsfamilie, in der Völker nicht nebeneinander, sondern miteinander und inklusiv ihre positiven Kulturansätze leben.

Er kritisiert die gegenteilige Entwicklung, in der Teile der Menschheit „geopfert werden“ – zugunsten einiger bevorzugter Bevölkerungsgruppen.

Dabei benennt er „wirtschaftliche Regeln, die sich als wirksam für das Wachstum, aber nicht für die Gesamtentwicklung des Menschen erweisen“.

Er geißelt eine Form der Versklavung des Menschen, die „zulässt, ihn wie einen Gegenstand zu behandeln, ihn kommerzialisiert und zum Eigentum eines anderen herabmindert.“

„Schlimmer als eine Pandemie“

In diesem Lichte ist die Enzyklika auch ein wichtiger Impuls für ein faires Lieferkettengesetz, wie es von Bundesentwicklungsminister… .

… Deutschland und die Europäische Union als weltweit starke Märkte können über ein ernsthaftes Bemühen für Transparenz bei Zulieferern sorgen, dass Kinder- und Sklavenarbeit ausgeschlossen sind.

Dies wäre ein konkreter Beitrag für bessere Lebensbedingungen auf anderen Kontinenten.

Die Pandemie habe uns auch dazu „gezwungen, wieder an alle Menschen zu denken, anstatt an den Nutzen einiger“. Ähnlich wie Papst Johannes Paul II. in seinem sozialen Weltrundschreiben „Laborem exercens“ von 1981 kritisiert Papst Franziskus „fieberhaften Konsumismus“ und eine Haltung des „Rette sich, wer kann“ in einem universalen Kampf „Alle gegen Alle“.

Dies werde „schlimmer als eine Pandemie sein“.

Statt sich abzuschotten und „als Inseln zu leben“, sieht er die „Notwendigkeit, über die eigenen Grenzen hinauszugehen“.

Er benennt die „Sorge um das gemeinsame Haus unseres Planeten“.

Sein Beispiel: Wer Wasser im Überfluss hat und trotzdem sorgsam damit umgeht, weil er an andere denkt, der blicke über sich und die Seinen hinaus.

„Gesunde Politik“, die nicht dem Diktat der Finanzwelt unterworfen ist.

Das Recht auf Privatbesitz sei niemals absolut und immer mit der sozialen Funktion zu verbinden.

Unternehmerische Tätigkeit sieht er als eine edle Berufung, die darauf ausgerichtet ist, Wohlstand zu erzeugen und die Welt für alle zu verbessern.

Ziel müsse immer auch die Entwicklung des Menschen und die Schaffung vielfältiger Beschäftigungsmöglichkeiten sein. Er verweist auf den Zusammenhang von Globalisierung und Lokalisierung.

Man müsse auf die globale Dimension achten, um nicht in die alltägliche Kleinigkeit zu verfallen. Sonst werde das Zuhause nicht Heimat, sondern Zelle.

Unter diesem Aspekt sei auch die Entwicklungshilfe für die „armen Länder“ eine „Vermögensschaffung für alle“.

Die Welt könne nicht auf Dauer fruchtbar sein, wenn sie nicht gerecht ist.

Es gehe darum auf „gesunde Weise lokal zu denken, sich dabei im Herzen eine Offenheit für das Universale“ zu bewahren.

Die Pandemie zeige auch, dass nicht alles durch den freien Markt gelöst werden könne.

Stattdessen fordert er eine „gesunde Politik“, „die nicht dem Diktat der Finanzwelt unterworfen ist, die Menschenwürde in den Mittelpunkt stellt“.

Gegen den transnationalen Charakter von Wirtschaft und Finanzen müssen auch internationale politische Institutionen entwickelt werden, die so mit Macht ausgestattet sind, dass sie dem Primat der Politik dienen.

Kirche darf beim Aufbau einer besseren Welt nicht abseits stehen

„Die Politik darf sich nicht der Wirtschaft unterwerfen, und diese darf sich nicht dem Diktat und dem effizienzorientierten Paradigma der Technokratie unterwerfen“.

Er erinnert: Die Erde sei eine Leihgabe, die jede Generation empfängt und den nachfolgenden Generationen weitergeben müsse.

Durch Finanzspekulationen erzeugte Hungersnöte nennt er „ein Verbrechen; Ernährung ein unveräußerliches Recht“.

Das Leben sei eine Kunst der Begegnung mit der Fähigkeit das Recht einzugestehen, anders zu sein.

Aus dem Miteinander bestehender Kulturen, erwachse ein „Sozialpakt“, aus dem heraus die Weltgesellschaft zum friedlichen Miteinander geführt werden kann.

Dies bedeute auch die Fähigkeit auf Verzicht für andere und die Erkenntnis, dass die letzte Wahrheit nicht von dieser Welt ist.

„Wahrheit ist die untrennbare Gefährtin von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit“.

Nur in diesem Gleichklang könne sich globale soziale Freundschaft entwickeln.

Dabei schätze die Kirche auch das „Handeln Gottes in anderen Religionen“. Sie respektiere die „Autonomie der Politik, beschränke aber ihre eigene Mission nicht auf den privaten Bereich“.

Die Kirche dürfe beim Aufbau einer besseren Welt nicht abseits stehen…. .“

Der Irrlehrer

Es war August.
Die Sonne brannte seit vielen Wochen unbarmherzig vom Himmel. Die Heuernte war längst eingefahren. Das reife Getreide wogte im heißen Sommerwind. Der Hafer goldgelb. Der Weizen sonnengelb. Die Gerste, deren Ähren sich bereits nach unten neigten, da ihre pelzigen spleißigen Körner bereits so reif waren, dass sie sich gelegentlich von selbst aus den Ähren lösten und zu Boden fielen, strohgelb.

Der Irrlehrer

Der Roggen, das bevorzugte Getreide im Klippdachsland, majestätisch empor gewachsen, fast so hoch wie ein erwachsener Mann und bestens geeignet sich als Kind darin zu verstecken, was bei Androhung schlimmer Strafen, die nie vollzogen wurden, verboten war, sandgelb schon ins Gräuliche wechselnd.

An jenem Morgen
Die Sonntage unabhängig von jeder Jahreszeit, vollzogen sich in jenem Klippdachsland fast immer mit der gleichen Routine.

Gegen acht Uhr betritt die gute Mutter Dragmari das Schlafzimmer mit einem kurzen Morgengruß. „Gemorje“ (Guten Morgen, gut geschlafen?).
Sogleich begibt Sie sich zum Fenster, um es zu öffnen. Der geneigte Leser mag sich denken, weshalb die Frau Mama dies für erforderlich hält.

Im Schlafgemach eines pubertierenden Jugendlichen im Überschwang seiner Hormone sind doch so manch unterschiedliche körperliche Gerüche vorzufinden, die sich zu einem olfaktorischen Gesamtergebnis mischen und der Riechenden durchaus unangenehm erscheinen können.

„Imme halb Zeeh ess Körche. Stieh mool off. Sonnsd bäsde wörrer ze spiere“
(Steh bitte auf. Um nicht erneut zu spät zum Gottesdienst zu kommen. Der beginnt bereits um 09:30 Uhr)
Der so Angesprochene sagt nichts, blickt die gute Frau Mama mürrisch an und ergibt sich seinem Schicksal.

Zum Frühstück gab es sonntags häufig Rosine Blatz medd Zogger. (Rosinenstuten bestrichen mit Margarine, obenauf dann eine gehörige Portion Rübenzucker). Dazu eine Tasse Kakao, beides mundete köstlich. Die gute Butter gab es eher selten. Wohl aus Sparsamkeit, was für einen großen Haushalt, der, wie viele Familien damals, auch eine Nebenerwerbslandwirtschaft betrieb, recht verwunderlich war.
Opa Gregorius machte da nicht mit. Er bestrich seine Bodder (Stulle, Scheibe Brot) ausschließlich mit der guten Butter. Zum Abendbrot bevorzugt mit geräucherter Blutwurst und Apfelgelee, natürlich alles selbst gemacht. Oft zur Verwunderung, gelegentlich auch zum Ärger seiner Gattin, Oma Friedelinde. Die dabei gelegentlich bemerkte: „Vadder, du leesd der de Bodder fengerdegge offs Brod. Onn äich? Äich ääse seid zwansich Joohr Magerine onn nomme kää Gramm obb.“
(Vater [Ehegatte], Du belegst dir dein Butterbrot so dick mit Butter. Fingerdick. Und was ist mit mir?
Ich esse seit zwanzig Jahren nur Margarine auf meinem Butterbrot. Trotzdem habe ich noch kein Gramm abgenommen).
Inzwischen begannen die Kirchenglocken zu läuten. Dieser Dreiklang ist ihm unvergänglich in Erinnerung geblieben.
Erst die kleine Glocke: Bim, bim, bim …… !

Dann die mittlere Glocke dazu: Bam, bam, bam … !

Beide zusammen dann: Bim, bam. Bim, bam …!

Dann die große Glocke: Bum, bum, bum, bum… !

Alle drei Glocken dann im Tutti:
Bim, bam, bum! Bim, bam, bum! Bim, bam, bum! Bim, bam, bum……… !

Der gute Vater Flodur nun zu Ihm: „Mach feroo! Z loud schoo fünf Minudde voll!“
(Beeile Dich bitte. Das volle Geläut ist bereits seit fünf Minuten zu hören!)
Die „Sonntagshose“ und das „Sonntagshemd“ in Taubenblau hatte er bereits vor dem süßen Frühstück, die gute Mutter hatte es schon beim Wecken bereitgelegt, angezogen.
Die betagte Treppe aus dem ersten Stock des Bauernhauses, das Gesangbuch vom verstorbenen Urgroßvater in der rechten Hand, behände hinunter.
Die erste Treppenstufe lautlos.

Die zweite meldete sich beim Betreten mit wiip.
Die dritte wieder lautlos.

Die vierte dann schon lauter wiuup.

Die fünfte fast wie die erste, aber vernehmlicher wiiip.

Stufe sechs nun im vernehmlichen Bariton wiiupaa.

Treppenstufe sieben im lauten, jedoch gepflegten Bass wioopaass, versehen mit einem leisen nur angedeuteten tiefen Tremolo.

Stufen acht und neun mit einem Satz übersprungen und auf dem schmalen Flur, dicht neben der Haustüre links gelandet.

Großmutter Friedelinde, an diesem Sonntage zum Kirchgange nicht bereit „Mäie räächde Höffde brennd wie Faier“, (Mein rechtes Hüftgelenk macht mir Beschwerden. Deswegen muss ich heute auf den Kirchgang verzichten), hatte alles gehört und gemerkt.
Sie saß am Küchentisch der winzig kleinen Küche, kaum drei Meter rechts neben der alten Treppe und schnitt die Blätter einer Endivienpflanze in sehr dünne Streifen. Die Küchentüre stand offen.
Jene Blätter, schon vorgeschnitten, waren am Samstagabend, vor dem gemeinsamen Wannenbad mit Gregorius, in lauwarmes Wasser eingelegt, und gingen nunmehr ihrer Vollendung zum Sonntagsessen entgegen.
Oma Friedelinde blickte auf und kommentierte die Szene vorwurfsvoll.

Sie bemerkte ärgerlich:
„Schoo wörrer.
De ganse Doog.
Roff, robb, roof, robb.
Onn doss ohm helle Sonndoog.
Ii dem Haus ess kää Ruh ze fenne.
Äich wern noch simbelich.“
und schüttelte dabei mit dem Kopfe.
(Schon wieder dieser Lärm. Tagein, tagaus das gleiche. Die Treppe rauf und runter, rauf und runter. In diesem Hause ist keine Ruhe zu finden.
Es ist zum Verzweifeln.)
Schon in Eile öffnete er die Haustüre, zwei Treppenstufen hinunter. Die Haustüre flog hinter ihm ins Schloss.
Diese Haustüre, deren unverkennbares Geräusch beim schließen, war schon alt, sicher ein Nachkriegsmodell, bei weitem keine Schönheit. Robust aus massivem Lärchenholz in einer Art Neobiedermeierstil gefertigt. Ganz typisch für die Stilelemente der Nachkriegszeit, die nicht nur mit dem Nierentischdesign aufwartete.
Alles, was Gemütlichkeit, Biedersinn und Wohlanständigkeit ausdrücken sollte, war damals gefragt.
Der Gipfelpunkt dieser Geschmacklosigkeiten war der „Gelsenkirchener Barock.“

Damit nicht genug: Die ehemals schmucklosen Fachwerkfassaden verkleidet mit unendlich trostlosem Eternit. Die Fensteröffnungen, ehemals klein und passend, nun herausgebrochen und ersetzt durch große Einflügelfenster die mehr Licht in die Stuben bringen sollten. Wahrscheinlich sollte so eine Anpassung an die modernen Zeiten gezeigt werden. An eine städtisch kleinbürgerliche Wohnkultur der 60er und 70er Jahre.

Das Ergebnis war erbärmlich. Die letzten Reste des Ausdrucks einer dörflich bäuerlichen Lebensweise, die eigentlich immer von Sparsamkeit, Entbehrung und trotzigem Fleiß gekennzeichnet war, waren bis zur Unkenntlichkeit verbaut, verhunzt und kaputt saniert worden.
Wenn die Häuser jemals etwas von der wirklichen Identität und der eigentlichen Lebensweise ihrer Bewohner zeigten, war dies nun verschandelt und damit für immer verloren.

Das so beschriebene dörfliche Ambiente der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts begleiteten ihn auf dem Weg zur Kirche.
Von der Haustüre aus gleich links über den Hof der schon abschüssig war. Dann gleich nach rechts die ziemlich steile Dorfstraße hinunter zur Kirche, deren Turmuhr schon deutlich zu lesen war. Neunuhrachtundzwanzig, nun aber hurtig.
Auf die Beschreibung der Architektur dieser für dörfliche Verhältnisse imposanten, aus schwarzem Diabas gebauten Kirche, mag nun verzichtet werden, ist sie doch in zwei anderen Kapiteln dieser Erzählung [hier Link] hinlänglich beschrieben.
Er betrat dieses sakrale Gebäude zuerst über eine sonntags wenig befahrene Bundesstraße durch eine schmucklose Türe an der linken Turmseite. Nun zwei Meter geradeaus, dann gleich neunzig Grad wieder nach links.
Was er nun erblickte war vertraut.
Ein langer Gang direkt zum Altar hinstrebend. Der Altar, eigentlich eine große Holzkommode, grau bläulich lackiert, so wie alles hölzerne Inventar des Gotteshauses.
Eine aus weißem Linnen bestehende Altardecke, in hessischer Lochstickerei verziert.
In der Mitte ein Kruzifix. Rechtseckiger schwerer Fuß, ein Kreuz in gleicher Farbe. Der Korpus Christi in etwa hellerer Farbe. Alles wohl aus dunklem Holz gefertigt.
Der schöne Blumenschmuck, wie üblich links und rechts des Kruzifix.
Eigentlich eine Altarausstattung in lutherischer Manier.
Eine innen wie außen schlichte, grundsolide Kirchenarchitektur, nicht schön, aber auch nicht hässlich, lutherischer Prägung.
Keinesfalls die Interpretation des himmlischen Jerusalem wie sie so faszinierend manche Kirchen, Döme und Kathedralen interpretieren, die er späterhin so sehr liebte.
Gleich darüber in etwa 3 Meter vom Boden die Kanzel.
Gleiche grau bläuliche Farbe ansonsten schmucklos.
Eine schlichte deutlich lutherisch geprägte Kirchenarchitektur in Besitz und Gebrauch von einer durch und durch calvinistisch, evangelikal geprägten Gemeindeleben.
Paramente vorhanden, dem Kirchenjahr entsprechend stehts gewechselt.
Über der Kanzel ein großer grauer, nun sagen wir Wandteppich, mit einem Bibelspruch graugrün kunstvoll bestickt. Dereinst erstellt von einer Pfarrersfrau, deren Handarbeits- und Bastelkünste weithin bekannt und gerne in Anspruch genommen wurde. Den genauen Text dieses Spruches erinnert er leider nicht mehr.
Der steinerne Boden des Kirchenschiffes rechteckig in Rautenform verlegt.
Links und rechts, das wo die Kirchenbänke sich befanden, auf niedrigen Holzpodesten, verschraubt, die Besucher des Gottesdienstes.
Unten im Schiff, nur die Frauen, oben auf den Emporen nur die Männer.
Eilig entlang das Kirchenschiffs bis zum Altar Dann gleich links zur Konfirmandenbank für Knaben.
Gegenüberliegend, gut im Blick, die Konfirmandenbank für Mädchen. Sehr praktisch. Mädchen, verschämt anglotzten, nichts sagen könnend, den höhnisch arroganten Blick der Angestierten ertragend, das Vogelzeigen ertragend, erröten.
Die Erektion wahrnehmend, im Moment nichts dagegen tun könnend. Die Oberschenkel zusammenkneifend ertragen.
Eine Dauerbeschäftigung für Knaben solchen Alters.
„Hee äss i de Fleejeljoohrn“ (Er befindet sich in der Pubertät), so wurde der Zustand solcher Knaben bezeichnet.
Bei den jungen Mädchen in diesem Alter geschah so oft eine wundersame Wandlung, die ihn, immer wieder erstaunte.
Oft verging nicht mal ein halbes Jahr und aus einem ungelenken Kind, bei dem man meinte alles Äußere würde nicht zueinander passen eine wunderschöne junge Frau, bei der plötzlich wieder, im Auge des Betrachters, alles passte.
Der Gottesdienst nahm zunächst seinen üblichen lutherisch liturgischen Verlauf.
Immer dann, wenn die Liturgie gebot, die Gemeinde solle sich erheben ereignete sich Erstaunliches.
Die Gemeinde, oben die Männer, unten die Frauen,
links und rechts des Altars die Konfirmanden, erhoben sich.
Auf einen Schlag verdunkelte sich das Kircheninnere merklich. Vor allem unterhalb der durchlaufenden Empore.
Die Frauen, zu dieser Zeit noch häufig in rabenschwarzer Witwentracht. Erhoben sich, die Helligkeit im sonst lichtdurchfluteten Schiff nahm merklich ab.
Zur gleichen Zeit strömte ein neuer Duft durch Raum.
Etwas von Mottenpulver-, Pipi- saure Milch- und Kuhstallgeruch ließ sich erahnen. Erst ganz leicht und dann immer stärker. Der Duft seiner Jugend. Auch sonst, bei manchen anderen Anlässen zu vernehmen.
So auch in den kalten, dunstigen Winterabenden, wenn die alten Frauen in den niedrigen Stuben, in der Dämmerung und weit bis in die Dunkelheit hinein, zusammen saßen, die Daumen drehten, sich von den alten Zeiten erzählten und oft auch schwiegen. Ein beredtes Schweigen, oft viel mehr sagend als manches leicht dahingesprochene Wort. Von Ihrer schweren Arbeit auf dem Felde, von der Mühsal Ihres schweren Lebens, von Hunger und Not, vom Kindbettfieber, von den viel zu früh verstorbenen Säuglingen von Seuchen die Ihnen Ihre Kinder raubten, von den Brüdern, Söhnen und Ehemännern, die so vollkommen sinnlos auf den Schlachtfeldern hingeschlachtet in zwei Weltkriegen … .
Tränen, still in einer Ecke verweilend, sah er so gut wie nie, aber dieses Schweigen, daß so viel mehr über Leid, Not, Mühe und Unglück sagte als Worte es je ausdrücken können. Ja, auch dort dieser eigentümliche Geruch… .
So mancher junge Vikar, so dachte er, könne dabei vielleicht das fürchten bekommen, wenn das Kirchenschiff sich dergestalt periodisch verfinsterte.
Auf jener Konfirmandenbank sitzend gleich links an der Wand des Chores, direkt neben der Treppe zur Kanzel stand ein altes Orgelpositiv.
Alt nicht im Sinne von historisch altem Instrument.
Es war wohl eine Schenkung an die Kirchengemeinde nach dem Kriege aus Amerika, wie immer gesagt wurde.
Ein unglaublich schräg klingender Musikkasten, bei dessen Spielen ab und an einzelnen Tasten klemmten, sodass sich der gerade intonierte Ton nicht mehr abstellen ließ. Dann war der Organist, und einer der Gemeindeältesten, mit Namen Friedensreich, ein strenger Mann mit immer streng gescheiteltem silbernen Haupthaar, niemals lachend, gezwungen, das Gebläse des Instruments auszuschalten.
Er tat dies mit Hilfe eines Drehschalters aus Porzellan, der am Instrument befestigt war, was dann postwendend mit einem laut vernehmlichen PENG verbunden war.
Der klemmende intonierte Ton, es war der eingestrichene Kammerton a‘ in moderner Stimmung, blieb noch für Sekunden konstant und verabschiedete sich dann aber ebenfalls langanhaltend mit immer leiser werdendem Jaulen.
Zum Schreien komisch.
Was geschah unmittelbar danach?
Nichts.
Kein Lachen, kein Prusten.
Nichts.
Ach ja, öffentliches Lachen und sich laut freuen ist ja verboten, erinnert sich der Verfasser.
Der Gottesdienst nahm seinen liturgisch festgelegten Verlauf.
Nun zur Predigt.
Der Prediger wohnte in Waldenau, war aber seit Jahren als Missionar in Afrika unterwegs.
Ein hagerer Mann braun gebrannt, Glatze die von einem dichten schwarzen Haarkranz umrankt war.
Markantes ausdrucksstarkes Gesicht, schmale lange Nase, die eine viereckige Hornbrille trug.
Er predigte im schwarzen Anzug, weißes Hemd ohne Krawatte. Den weißen Hemdkragen hatte er sorgsam auf das Revers seines Jacketts drapiert, man konnte sich lebhaft vorstellen, daß er so gekleidet,auch in Afrika predigt.
Missionare waren zu jener Zeit sehr beliebt. Hatten sie auch noch eine schwarze Hautfarbe stiegen sie in der Beliebtheitsskala nochmals erheblich.
War ein solcher Prediger zu erwarten, redete man darüber und freute sich auf Abwechslung.
„De Sonndog kimmt enn Neejer i de Körrche“ (Am Sonntag hält ein Missionar mit schwarzer Hautfarbe den Gottesdienst), hieß es dann.
Die Predigt war dann zumeist abwechslungsreich, Geschichten, Erlebtes aus dem schwarzen Kontinent wurden erzählt um sie in den Predigttext eingebunden. Manchmal wurden auch Alltagsgegenstände mitgebracht, auch Trommeln, Schellen, Rasseln aus diesen fernen Ländern.
Manchmal wurden zum Ende des Gottesdienstes Tee Getränke aus diesen Ländern ausgeschänkt.
Immer und ausschließlich zur Verdeutlichung des Kernes der Predigtbotschaft, nie nur zum Spaß oder um den Durst zu stillen.
Man übte auch christliche Lieder aus diesen „Missionsländern“ ein.
Die fremde Sprache, der beschwingte Rhythmus, allseits beliebt und gerne mitgesungen.
Der Missionar predigte nicht von der Kanzel aus. Er tat es vor dem Altar auf dem kleinen steinernen Podest auf dem auch der hölzernen Altar seinen Platz fand.
Die Predigt war anschaulich, gut zu verstehen, erfüllt von bunten Bildern und seinen vielfältigen Erlebnissen auf dem schwarzen Kontinent.
Allmählich, es war zu spüren, redete er sich frei.
Sein Blick entspannte sich, sein Gestus, vorher eher hölzern und kantig, wurde flüssiger, passte immer besser zum Redetext.
Dann, kaum merklich, redete er immer schneller die Sätze wurden kürzer.
Ihm wurde wohl warm, fasste sich ab und an an den Hemdkragen und richtet die Krawatte.
Er hatte den Eindruck als ob sich winzige Schweißperlen auf seiner Oberlippe bildeten.
Es war als blickte zusehends in die Ferne, war ganz bei den von Ihm entwickelten Sprachbildern.

Er berichtete schlussendlich von den schwarzen Frauen, die zu den immer extatischer werdenden Trommelrhythmen tanzten, sich im immer schnelleren Tempo tanzend in Extase bewegten wild archaisch und fremd.
Dann auf dem Gipfel der Extase sich Ihre Brüste blutig kratzten………….. !
Friedensreich erstarrte, blicke still zu Boden und schüttelte dabei sein silbernes Haupt… .


Post skriptum:

Laienprediger unterschiedlicher evangelikaler Denominationen bestiegen zu jener Zeit die Kanzeln und Pulte der evangelischen Kirchen und der Gemeindehäuser. Und legten Zeugnis ab, wie es damals hieß.
Das geschah ohne besondere, nachvollziehbare Eignung für diese Aufgabe.

Eine wie auch immer geartete theologische Vorbildung gab es wohl kaum oder sie wurde unterlaufen.

Die damals oft von ihm gehörte Begründung dafür:
Studierten Theologen bekämen an den Universitäten eine Lehre verpasst, die sich nicht mehr an der reinen Lehre der Bibel orientieren würde.
Bibeltreue Verkündigung sollte sein. Alles darüber hinaus sei eine gefährliche Irrlehre. Die gelte es zu bekämpfen.
Sie bilde eine große Gefahr für alle, die sich damit beschäftigen würden.

So mancher unbefangene junge Mann, der aus so einer rechtgläubigen Gemeinde gekommen sei und sich aufgemacht habe, um ein universitäres Theologie Studium zu beginnen, sei vom rechten Glauben abgefallen.

Mit verheerenden Folgen. Der Teufel selbst habe sich mit Hilfe seiner Helfer an den Universitäten dieser armen Seele bemächtigt und sie verführt.
Nun drohe unweigerlich die ewige Verdammnis.
Es sei denn, er kehre um und schwöre der Irrlehre ab.

Dann – nur dann – sei eine erneute Aufnahme in die Gemeinschaft bibeltreuer Christen wieder möglich.

Vor dem Hintergrund einer solchen Geisteshaltung kam es jedoch gelegentlich zu Vorfällen die das Eingreifen des Kirchenältesten wie beschrieben erforderlich machte.

Zum Jahreswechsel – Nochmals in eigener Sache

Liebe Leser*innen
Zu Ende des Jahres halte ich es wie auch im vergangenen Jahr für richtig und auch für geboten einige Sätze an Euch zu richten.

Und, nein es geht nicht um die Covid Pandemie, die uns alle betroffen hat.

So gut wie alle Erzählungen die ich auf meinem Blog veröffentliche beziehen sich auf selbst Erlebtes aus den vergangenen, nun sagen wir 50 Jahren.

Es liegt keinesfalls in meiner Absicht, einzelne Personen bloßzustellen oder sie in Ihrer Lebenweise, Ihrer Lebenseinstellung, Ihrer Überzeugung oder Ihrer religiösen Auffassung zu kritisieren oder gar parteiisch zu bewerten.

Im Gegenteil

Ich schreibt hier vor dem Hintergrund einer großen Zuneigung und Liebe gegenüber den Menschen, Ihrer Lebensweise und der Art und Weise wie sie Ihr Leben gestalten, wie Sie ihr Leben bewältigen, bin ich doch höchstselbst ein Kind dieser Region, dort geboren, zu Schule gegangen, Herangewachsen, Familie gegründet und immer noch gerne dort lebend.

Wichtig sind mir Dinge zu beschreiben, die ich so empfunden, so erlebt habe und welche Rückschlüsse ich daraus für sein eigenes Leben gezogen hat.

Dabei bemühe ich mich durch sprachliche Überzeichnungen, humorvolle und satirische Stilelemente, meine Leser zu interessieren und zu unterhalten.
Das Alltägliche zu beschreiben, Einzelheiten zu erkennen zu deuten und in einen größeren Zusammenhang zu bringen ist eine Leidenschaft die mich steht’s erfasst, wenn ich zu schreiben beginnt.

Bin ich doch davon überzeugt, daß sich im Kleinen das Große verbirgt und das im Großen stehts die Essenz aus dem Kleinen zu finden ist.

Heinrich Heine: „Denk ich an Deutschland in der Nacht…“

Nichts aber auch überhaupt nichts liegt mir daran eine „heimattümelnden“ kitschigen Wiedersprüche nivellierende Erzählweise zu pflegen, die subjektiv empfundene Wiedersprüche, Ungleichheiten sowie Benachteiligungen zukleistert oder gar leugnet.

Die Schmiede der Familie Simon aus der Fernsehserie Heimat

Im Gegenteil

Die Meinung des Verfassers, bezogen auf das Thema Heimat wird wohl am deutlichsten durch den Blog-Beitrag:

Deutsch nicht dumpf ?

deutlich.

Für 2021 wünsche ich allen Leser*innen meines Blogs Gesundheit und Frieden.

Kurt Tucholsky „Ja ich liebe dieses Land…“

Kumm mei kläinr Buu, mr welle zum Himmelvadr bääde

Komm mein kleines Bübchen wir wollen zum Himmelvater beten.“

Das alte Ehebett mit den hohen Brüstungen vor Kopf und am Fußende. Dicke Federbetten
zusätzlich noch eine Wolldecke auf jedem Bett, darüber.
Grossmutter Christine hatte schon vor einer Stunde die Heizdecke angeschaltet.
Die Bettlaken aus Bieberbettwäsche, wollig aufgeraut, weich warm und anschmiegsam.
Ein kleiner Holzofen gleich links neben der Schlafzimmertüre brannte noch, war jedoch schon am verlöschen. Trotzdem war noch ein sanftes knistern zu vernehmen. Es roch undeutlich nach frisch verbranntem Holz und Asche.
Der große Kleiderschrank unmittelbar gegenüber des Ehebettes ragte hoch bis fast unter die Zimmerdecke.
Er zeigte ein dunkles graues braun auf seiner Oberfläche. Am oberen Ende, befand sich ein kleiner durchgehender Sims im Stile des Neobiedermeier.

Es war im Dezember, an einem Freitagnachmittag, so eine Woche vor Weihnachten. Die Winterferien hatten mit diesem Tage begonnen. Schon am Morgen hatten dicke Schneeflocken die Dächer und Felder bedeckt.

Die Dorfschlehrerin, Frau Wollmantel hatte Ihre Zöglinge mit den Worten: „Ein gesegnetes Weihnachtsfest mein Völkchen“ in die Weihnachtsferien entlassen.

Zuvor in der letzten Schulstunde war das Fach Religion, wie üblich, an der Reihe.
Alle Schüler, von der ersten bis zur dritten Schulklasse, saßen im größten Klassenraum zusammen. Sie sangen zu Beginn, das schöne Weihnachtslied, Ihr Kinderlein kommen, oh kommet doch bald…… .

Frau Wollmantel begleitete dabei mit einem schwarzlackierten Musikinstrument aus Plastik, welches ein Mittelding von Ziehharmonika, und Harmonium darstellte.
Dieses Instrument wimmerte erbärmlich, zwischendurch asthmatisch pfeifend. Die Kinder störte das nicht, hatten sie doch keine musikalischen Vergleichsmöglichkeiten. Im Gegenteil, sie sangen mit Inbrunst, gefühlvoll das kommende Weihnachtsfest freudig erwartend.

Ihre Lehrerin erzählte die biblische Weihnachtsgeschichte so, daß die Kinder sie gut verstehen konnten. Sie erzählte sehr schön mit ruhigem Ton und weicher Stimme, die schon andeutungsweise, ein sanftes Tremolo zeigte. Ein Umstand der viele weibliche Sopranstimmen betrifft, die allmählich das Klimakterium erreichen.

Als die Stelle mit der Verkündigung der Engel über die Geburt des Jesuskindes gekommen war, erreichten Ihre erzählerischen Qualitäten einen Höhepunkt.

Die Engel erschienen prachtvoller, ihr Erscheinen spektakulärer.
Auch den Stall zu Bethlehem, als Geburtsort des Jesuskindes schilderte Sie bildhaft und verständlich.

Im Zentrum Maria sitzend mit dem Kinde in der Futterkrippe, liebevoll mütterlich saß Sie dort. Ihr Blick strahlte Freude, aber auch Wehmut, Schmerz und Trauer aus. Als ob Sie schon ahnen könne, welchen Weg Ihr Sohn bis hin zum Kreuz auf Golgatha gehen würde.

Ein Zitat von Dietrich Bonhoeffer mag an diese Stelle passen, ohne den Erzählstrom wesentlich zu unterbrechen:

„Allein weil Gott ein armer, elender, unbekannter, erfolgloser Mensch wurde, und weil Gott sich von nun an allein in dieser Armut, im Kreuz, finden lassen will, darum kommen wir von dem Menschen und von der Welt nicht los, darum lieben wir die Brüder. Wer fromm ist muß auch politisch sein.“

Gleich daneben rechts, Joseph. Groß, würdig, mehr Hirte als Zimmermann, ein schwerer Umhang und der unvermeidliche Hirtenstab. Alle drei beisammen die heilige Familie.

Die Krippe umlagernd, sitzend halb liegend aufgestützt, drei Hirten. Sie blicken staunend und zugleich erfreut auf das Jesuskind.

„Sind wir es, die ärmsten der Armen, wir die wir am Rand des Gesellschaft leben wirklich die ersten, die das Wunder der Geburt Christi erleben dürfen? Sie wir es, die als Erste dabei sein dürfen, von himmlischen Heerscharen, gerufen, wenn Gott als hilfloses kleines Baby auf die Erde kommt?“

Dabei der Ochse, der Esel und 3 Schafe. Die Körper der Tiere sind hinter einer Bretterwand verborgen. Lediglich die Köpfe sind zu sehen. Ihre Köpfe sind größer als gewohnt, die Augen staunend groß, blicken sie bewundernd und fröhlich auf die Szene.
Fast wie Kinder, die Ihre Weihnachtsgeschenke erhalten haben.

Die 3 Waisen aus dem Morgenlande mit den Gaben, Gold,Weihrauch und Myrhe.
Nun, die fehlen noch. Sind vielleicht noch nicht angekommen.

Zum Ende dann noch: Oh du fröhliche oh du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit…….
Die letzte Strophe dann hymnisch, laut und voller Inbrunst gesungen: …….freue dihich freue dich oh Christenheit !!!

Die Kinder liebten Ihre Geschichten, vor allem dann wenn nach dem letzten Schultage die Ferien begannen.

Zuweilen gingen nicht nur Ihren Schülern, sondern auch Ihr selbst die Geschichten so nahe, daß Ihr die Augen feucht wurden und Sie leise zu weinen begann. Sie erzählte dann von Krieg, Not und Tod, von Flucht und Vertreibung ihrer Familie, von Ihrer Geige die auf der Flucht mitgenommen, plötzlich beim einem Zusammenstoß der Pferdewagen in tausend Teile zerschellte …… .

Ja, Sie war ein Schöngeist im besten Sinne, eine kluge musikalisch begabte empfindsame Seele, wie geschaffen bei uns Kindern die Neugier zu wecken, die Phantasie und die Kreativität.
Wir Kinder wussten das nicht, aber, sie fühlten es.

Gegen 21:00 Uhr.
Die Oma hatte Ihn schon zu Bett gebracht.
Er war ziemlich müde, fühlte sich ein wenig abgeschlagen.
Ein paar Minuten erschien Sie dann, in ihrem blassrosa Unterrock, welchen er gut kannte, diente er Ihr doch als Nachthemd.

Opa, war wie üblich noch aufgeblieben um fern zu sehen. Opa war ein leidenschaftlicher Fernsehgucker. Am liebsten: Die Tagesschau, Ein Platz für Tiere, Eiskunstlauf, Skispringen und am liebsten Spiel ohne Grenzen, aber auch Krimis: Tatort und Edgar Wallace.
Gewöhnlich schaute man gemeinsam fern. Eine Zeit für das Zubettgehen für Kinder gab es nicht.
Oft schauten Oma, Opa und Kinder bis zum Sendeschluss. Dann erklang immer die Nationalhymne, dann erschien das Testbild, danach erst ging’s zu Bett.

Seinen Eltern wurde davon nichts gesagt. Es war unser Geheimnis, welches auch nie gelüftet würde.

Oma schlug die Bettdecke zurück. Er lag schon im selben Bette, was schon, Dank einer Heizdecke, wohlig warm war.
Oma legte sich dazu, strich Ihm sanft über den Kopf.
Sie roch immer, ganz im Hintergrund, ganz zurückhaltend nach Vanille. Es war Ihr ureigenen Geruch, den er liebte.

Die Heizdecke wurde ausgeschaltet.
Oma griff nun zu einem silbrig blassvioletten Kordel welches senkrecht von der Wand hinter dem Bette baumelte und den kopfseitigen berührte. Es war an dessen Ende mit einem ebenfalls blassvioletten Bommel versehen, der an seiner Unterseite mit lustigen herabhängenden kleinen Fäden versehen war.
Dieser Kordel nun hing über dem unvermeidlichen Heilandsbild. Eine erhabene, milde, verständnisvoll und gütig blickende Jesusfigur, mit Vollbart und langem gewellten Haupthaar, den Hirtenstab in der Hand. Vor Ihm in der mondbeschienenen hügeligen Landschaft, die an den Allgäu erinnerte, seine Schafherde.

Das Kordel baumelte, zwangsläufig, keck direkt über die Nase von Jesus.
Dieser schien sich daran nicht zu stören, im Gegenteil, er nahm er hin und schien durchaus belustigt.
Oma zog an dem besagten Bommel. Ein lautes Klack erklang, da Deckenlicht verlosch sogleich.

Sie nahm seine Hand und sagte:

„Kumm kläinr Buu. Mer welle noch zum Himmelvaddr bääde.“

Nun ja, es sei nochmals erwähnt:
„Oma und Opa waren fleißig, lebten sparsam, tat Ihre Pflicht, und waren durchaus gottesfürchtig. Aber nicht auf diese ausgrenzende verhärtete, kalte Art und Weise wie sie im Klippdachsland zu beobachten war.“
Ihm tat das immer sehr gut. Es hat sein bisheriges Leben entscheidend geprägt.
Die Oma und auch der Opa haben immer noch ein festen Platz in seinem Herzen.“

Nachdem das Licht verloschen war, erzählte Oma wie so oft von der alten donauschwäbischen Heimat. Von Opas Stellmacher Werkstatt, von eigenen Weinberg, vom Maulbeerbaum am Strassenrand und dessen süßen, köstlichen Früchten. Von der schweren Arbeit im Felde auf einem fruchtbaren Boden. Von der Kukerutzernte (Maisernte) .
Bald wurden beide müde, ihre Augenlieder wurden immer schwerer und fielen schließlich zu.

Mitten in der Nacht erwachte er mit heftigen stechenden Schmerzen im rechten Ohr. Er erinnerte sich an einen Alptraum:

Ihm träumte, daß er mit hohem Fieber im Bett lag, schweißnass und mit heftigen Schmerzen an ganzen Körper. Er war nass geschwitzt, der Kopf glühte förmlich und hatte rasende Kopfschmerzen. Er litt grossen Durst, die Zunge klebte Ihm am Gaumen.
Wirre Gestalten gnomenhafte Gesichter legten sich auf seine Brust, das stmen wurde ihm immer schwerer.
Ein besonderes niederträchtiger Gnom mit bösem hinterhältigen grinsen stach ihm mit einer langen Strick-Nadel ins Ohr.
Dann schien alles zu verschwimmen, graue Schwärze verdunkelten seinen Blick. Er schien zu schweben.
Dann ganz plötzlich wandelte sich die Szenerie.
Er befand sich nun in einem großen langestreckten Raum. Die Wände, hellgrün gekachelt. Bei einigen Kachel schien die hellgrüne Glasur abgeplatzt zu sein.
Der Boden ebenfalls gekachelt. Kleine rechteckige Fliesen mir kleinen grauen und schwarzen Punkten. Der lange Raum war mit einem recht lauten ratterden Geräusch erfüllt. Nicht unangenehm, eher mechanisch gleichmäßig, verlässlich, fast beruhigend.
Es waren 2 altertümliche Kompressoren, die freistehend, surrend und nagelnd seit Jahrzehnten ihren treuen Dienst, Tag und Nacht jeden Tag des Jahres ohne zu murren, versahen.
Diese Kompressoren dienten zur Kühlung dieses riesigen Gefrierschrankes. Man nannte diese ganze Anlagen somit Gefrieranlage, welche einem einzigen Zweck diente, nämlich allen Bewohnern des Dorfes unabhängig von Stand und Bildung eine Gefriermöglichkeit, zu einer verschwindend geringen Miete zu gewährleisten.
Genau in der Mitte des Saales befand sich ein rechteckiger großer Quader, nämlich der besagte riesige Gefrierschrank.
Der hatte die gleiche Farbe als die Fliesen, nämlich hellgrün.
So um die 3 Meter breit und mindestens 10 Meter lang, genau in der Mitte des langestreckten Saales,
sodas sich links und rechts Gänge befanden, die bequem zu begehen waren.
Von rechts wurde der Saal lichtdurchflutet.
Dort befand sich eine lange Fensterfront, die, vor allem im Sommer viel Licht spendete.
Nun, der Quader hatte links und rechts, auf 3 Ebenen 10 kleine weiße Türchen, lustig anzuschauen und von cremeweisser Farbe.
Jedes Türchen hatte ein Schloss, in Chrom, ebenso possierlich anzuschauen.
Wie gesagt, immer noch fiebrig, krank und vollkommen verschwitzt schwebte er in diesen Saal.
Alles war vertraut.
Schon an der Eingangstüre sah er links in der obersten Reihe jenes Türchen auf dem sich ein rotes Schildchen klebte.
Darauf stand: Vorfroster.
Ein Stehleiterchen ganz in der Nähe, diente dazu die dritte Reihe der Fensterchen bequem zu erreichen. Er schob es zurecht. Laut schleifend, kratzend, als ob es sich nicht bewegen wolle. Durch die gekachelte Halle, vielfach im Geräusche gebrochen, hallend ergab die eine infernalische Kakophonie, die ihn in Mark und Bein erschütterte.
Der kleine Schlüssel baumelte vom verchromten Schloß des Türchens.
Er stieg eine Stufe empor drehte ohne Mühe am Schlüssel, zog nur wenig am Schloß und schon öffnete sich das weiße Türchen.
Ein eisig kalter Windhauch kam ihm sogleich entgegen, er fühlte sich augenblicklich erfrischt.
Das innere dieses Vorfrosters war ganz aus Buchenholzlatten gefertigt. Zwischen den Latten war immer genügend Platz gelassen worden.
Aus diesen Zwischenräumen wehte ein kontinuierlichen eiskalter Windhauch. Auch am Boden fanden sich jene Latten aus Holz.
Dort befanden sich einige wenige Flecken aus Blut, nein nicht eckelerregend, nicht abstoßend, sondern wie selbstverständlich dorthingehörend. Es war Schweineblut.
Er öffnete das Türchen noch ein Stück weiter, sodass mehr Tageslicht von Außen hineindran. Was er nun sah entzückte ihn so sehr, daß er beinahe das Gleichgewicht auf dem Leiterchen verlor.
Ganz hinten links, im hölzernen Gefrierfach, stand ein Glasflasche im Jugendstil. Unten etwas breiter, sich dann elegant verjüngend, um sich danach wieder zu verbreitern, so elegant und anziehend wirkte wie eine schöne Frau im knöchelangem Kleide dessen Faltenwurf, Figur und Taille vorteilhaft umspielte.
Die Flasche, an sich schon in ihrem jugendstilarigen Ausehen faszinierend und von einer nachgerade erotischen Anziehungskraft steigerte sein Verlangen zu trinken. Umso mehr als sie von der Kälte mit winzigen Wassertröpfchen beschlagen war, die sich ab und an zu größeren Wassertropfen vereinigten und langsam den Flaschenhals hinunterrannen. Mit unwiderstehlichem Durst, die Zunge am Gaumen klebend, stieg er nun vollends in das kühle Fach und sah, das jene Flasche bereits geöffnet war. Ihr runder Kronkorken lag, gleich neben ihr. Die zwei Ränder ihrer runden Gestalt waren ein wenig nach oben gebogen. Er hob die Flasche an. Wie kühl sie sich anfühlte. Er betrachtete sie nochmals und trank, gierig und voller Wonne, von dem köstlichen dunkelbraunen Naß……… .

Dann erwachte er, fühlte sogleich diesen stechenden bohrenden Schmerz im rechten Ohr, als ob ihm jemand mit einer glühenden Stricknadel in den Gehörgang stach. Vor Schmerz begann er leise zu weinen. Oma erwachte, tastete nach ihm, fand im Finstern seinen glühenden Kopf.

„Mei Buu, warum duuscht dann greine uffd Nacht?
(Mein kleiner Bub, warum weinst du denn mitten in der Nacht?)
„Ganz schlimme Ohrenschmerzen“ tat er mit weinerlicher Stimme kund.
„Duu nedd greine mei Buu, ich weck drr Oba, däär werd drr helfe kenne,“ flüsterte sie und streckte Ihren Arm zu Opa aus.

Er aber war schon wach geworden und sagte leise: „Was iss dann Christschinn? (Christine?)“ „Drr Buu hodd Ohreschmerze, kannscht helfe?“
Opa fasste Ihn bei der Hand, zog am Schlafzimmerleuchtenbommel.

Das Deckenlicht leutete auf.
Er kniff die Augen zusammen.
„Kumm mit Buulä. I will drr helfe.“
Opa zog seine Hauschuhe mir dem rechten Fuss unter dem Bettgestell hervor und schlüpfte hinein.

Er fasste ihn bei der rechten Hand, öffnete die Schlafzimmertüre. Sie schlurften durch den dunklen kalten Flur, dann gleich links durch die Türe in die Küche.

Opa schaltete auch hier das Licht an. Hell und ohne Erbarmen durchflutete es die Küche.
„Setz di mei Gulbass.“(liebevolle Umschreibung für einen schalkhaften kleinen Buben)
„I kann dr helfe.“

Opa schlurfte ins gegenüberliegende Wohnzimmer und öffnete die linke Schranktüre. Er kam wieder zurück und hatte ein kleines Schnapsglas in der Hand welches er bedächtig auf den Küchentisch stellte.

„Woort noch e bische. I geh gschwind in die Speis (Speisekammer) und hol was. Des helft mei Buuleh.“ (ebenfalls eine liebevolle Umschreibung für einen kleinen Buben) Opa verlies die Küche gleich links in Richtung Schlafzimmer, dann wieder links in die Speisekammer.
Er hörte ein zurechtrückendes leises Gläserklingen.

Als Grossvater zurückkam hatte er eine Ölflasche in der Hand, die er ebenso bedächtig auf den Küchentisch neben des Schnapsglässchen stellte.
Dann öffnete er die Ölflasche ing goss einen winzigen Schluck Öl in des bereitstehende Gläschen. Er so auf dem Küchenstuhl, am Tisch, gleich unter der Küchenleuchte, nur bekleidet mit seinem Schlafanzug. Er begann zu frösteln, ja sich ein wenig zu fürchten. Was mochte nun mit Ihm geschehen?

Grossvater trat zu Ihm hin, strich Ihm über den Kopf, beugte selbigen ein wenig auf die linke Körperseite des Knaben.

Er nahm das Schnapsglässchen und goss einen kleinen Tropfen des Öles in sein rechtes schmerzendes Ohr und sagte:

„Buulä des wärd helfe, kannschsts gloowe.“ ….. .

Der Schwur von Buchenwald

Kameraden!

Wir Buchenwalder Antifaschisten sind heute angetreten zu Ehren der in Buchenwald und seinen Außenkommandos von der Nazi-Bestie und ihren Helfershelfern ermordeten 51 000 Gefangenen!

51 000 erschossen, gehenkt, zertrampelt, erschlagen, erstickt, ersäuft, verhungert, vergiftet, abgespritzt.
51 000 Väter-Brüder-Söhne starben einen qualvollen Tod, weil sie Kämpfer gegen das faschistische Mordregime waren.
51 000 Mütter und Frauen und Hunderttausende Kinder klagen an!
Wir lebend Gebliebenen, wir Zeugen der nazistischen Bestialität, sahen in ohnmächtiger Wut unsere Kameraden fallen.
Wenn uns eins am Leben hielt, dann war es der Gedanke: Es kommt der Tag der Rache!

Heute sind wir frei!
Wir danken den verbündeten Armeen der Amerikaner, Engländer, Sowjets und allen Freiheitsarmeen, die uns und der gesamten Welt den Frieden und das Leben erkämpfen.
Wir gedenken an dieser Stelle des großen Freundes der Antifaschisten aller Länder, eines Organisatoren und Initiatoren des Kampfes um eine neue, demokratische, friedliche Welt, F. D. Roosevelt. Ehre seinem Andenken!
Wir Buchenwalder, Russen, Franzosen, Polen, Tschechen, Slowaken und Deutsche, Spanier, Italiener und Österreicher, Belgier und Holländer, Engländer, Luxemburger, Rumänen, Jugoslawen und Ungarn, kämpften gemeinsam gegen die SS, gegen die nazistischen Verbrecher, für unsere eigene Befreiung.
Uns beseelte eine Idee: Unsere Sache ist gerecht – Der Sieg muß unser sein!
Wir führten in vielen Sprachen den gleichen harten, erbarmungslosen, opferreichen Kampf, und dieser Kampf ist noch nicht zu Ende. Noch wehen Hitlerfahnen! Noch leben die Mörder unserer Kameraden! Noch laufen unsere sadistischen Peiniger frei herum!
Wir schwören deshalb vor aller Welt auf diesem Appellplatz, an dieser Stätte des faschistischen Grauens:
Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht!
Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.

Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig. Zum Zeichen Eurer Bereitschaft für diesen Kampf erhebt die Hand zum Schwur und sprecht mir nach:
,WIR SCHWÖREN! ,

Buchenwald/Weimar 19.April 1945

Elferraus und Apfelstrudel

In Memoriam

Meiner lieben Tante Ernestine die nun leider von uns gegangen ist

Oma Christine war eine besondere Frau. Steht’s gütig und darauf bedacht alle Mitglieder ihrer Familie zu achten, vor allem die Kinder.
Eine Köchin, die aus den einfachsten Zutaten köstliche Gerichte zaubern konnte.
Ihr reichten Mehl, Wasser, ein bisschen Hefe, Zucker, Zimt, ein paar Äpfel oder Quark, um einen köstlichen Strudel zu bereiten, der seinesgleichen suchte.

Und, sie liebte Kinder. Lies dann alle Hausarbeit liegen wenn Enkelkinder, Neffen, Nichten zu Besuch waren:
Nachmittags so gegen drei. Seine Schwester und er machten sich auf den Weg. War ja nicht weit. Eine Straße bergab. Das schwarze Kirchengebäude ragte auf der gegenüberliegenden Seite massig empor, der Kirchturm schwang sich empor. Oben in der Mitte des Turms befand sich ein kleines Fenster aus dem ein schwacher Lichtschein zu sehen war. Ein Geräusch war zu hören. Metallisches es Klacken: Klack klack, klack, klack. Der Kirchendiener versah auch an diesem diesigen Novembertag seinen täglichen Dienst. Die Turmuhr musste täglich aufgezogen werden.

Ein schmaler Mann, ein wenig gebeugt schon überquerte dann die Straße, den Schlüssel der Kirchentür schon in der Hand. Ein braver Mann unscheinbar zurückhaltend. Er nuschelte vernehmlich beim sprechen. So als ob er das wüsste, sprach er Recht wenig.

Der Wetterhahn auf seiner Spitze war kaum noch zu sehen. Dann weiter gleich links bis zur zur Dorfkneipe. Wieder links und dann steil bergan. Es nieselte, Kuhfladen bildeten eine schmierige dunkelbraune Masse. Man musste aufpassen darauf nicht auszugleiten. Mitte November, es war den ganzen Tag nicht richtig hell geworden. Trübe, die Wolken schwarzgrau, neblig und dunstig.

Blickte man hangaufwärts nach rechts war da ein Bauernhaus in exponierter Lage. Gleich daneben ein riesiger Ahornbaum mit weit ausladendem Geäst. Früher, im 19. Jahrhundert, hatte dort eine kleine Fachwerkkirche gestanden. Davon ist nichts mehr vorhanden. Nur mündliche Überlieferungen erzählen davon.
Heute wohnte in dem besagten kleinen Bauernhaus ein Wagener, ein Stellmacher mit seiner Frau.
Seinen Beruf übte er schon lange nicht mehr aus. Aber, seine kleine Werkstatt, die Wagenerkammer, die existierte noch.
Er, schon lange in Rente war überdies über den Sommer der Dreschmaschinenführer.
Ein wichtiges und verantwortliches Amt, welchem er sorgfältig, stolz und mit Würde nachkam.
Dazu aber mehr an anderer Stelle.

Weiter bergan. Gleich links dann erneut ein kleines Bauernhäuschen.
Hier wohnte der Hausschlachter, der gleichzeitig auch bei Rückenproblemen und Knochenbrüchen konsultiert wurde.
Ebenso bei einfachen tierärztlichen Behandlungen, die sich vor allem auf das Kastrieren von Katzen und Ferkeln erstreckte, schritt er helfend zur Tat.
Auch dazu mehr an anderer Stelle.
Nach einer kleinen Weile dann war die Steigung überwunden und es ging bergab.

Einige wenige Meter noch. Das Haus der Grosseltern. Erbaut in Stile der 50er Jahre. Steiles Dach mit kleiner Dachgaube.
Das Parterre, als Kellergeschoss genutzt eine massive Bruchsteinmauer in Diabaststein.
Auf das sorgfältigste vermauert, die Mauerecken zusätzlich mit Hammer und Meisel in die Senkrechte gebracht.
Ebenerdig links ein kleiner Hof, gepflastert.
Die Pflastersteine aus Beton gegossen, selbstredend von Hand gegossen und verlegt.
Gleich dahinter rechtwinklig zu Haus der Schweinestall.

Gleich obenauf im ersten Stock mit einem Fenster zum Hof Opas Schreinerwerkstatt, besser Werkstatt für alles was gebaut, instandgesetzt, und aufgefrischt werden musste.

Vor dem Hause, ein kleines Gärtchen mit einer Rosenblumen Rabatte. Und der Mitte ein Bank, grün gestrichen und selbstverständlich von Grossvaters Händen hergestellt.

Zurück zum Hauseingang. Eine steile Treppe führte zur Haustüre.
Eine Türklingel war nicht erforderlich.
Oma war eigentlich immer, wenn Sie zuhause war in ihrer Küche und werkelte dort.
Sie brauchte dann lediglich aus dem Fenster zum Hof hin zu schauen und hatte damit die Haustüre fest im Blick.
So war es auch diesmal.

„Kummt rinn. S gebt Strudel.“ sagte sie im unverwechselbaren Dialekt der Donauschwaben und strahlte uns einladend an.
Kaum in der Küche, die Anoraks vorher an der Garderobe abgelegt.
„Wollt ihr Kaba?“
„Au ja gerne“
Oma Griff zu einem himmelblauen kleinen Kochtopf der auf dem Ölherd stand.
Die Milch war warm. Schnell drei Teelöffel „Kaba“ in beiden großen Tassen. Die Wärme Milch dazu umrühren und fertig.
„Schmeckt ja so gut“ sagte seine Schwester.
Sahnig, milchig, nach Schokolade und nach Vanille schmeckend, herrliche duftend.

Der Geschmack und Geruch der Kindheit, den man nie vergisst.
Überhaupt ein harmonisches Konzert von Düften erfüllte Omas kleine Küche.
Da war der Hefeteig der sich bereits gährend in einer Steingutschüssel blähte.
Süsssauer der Duft der bereits geraffelten Backäpfel, aus dem eigenen Garten, bereits ein wenig goldbraun angelaufen. Vanillezuckerduft.

Und kaum riechbar der Geruch des brennenden Ölherds, eine hauchfeine Petrolnote, die nicht störte, sondern das olfaktorische Erlebnis komplettierte, eben der Grosseltern Hausgeruch, so wie damals jedes Haus seinen typischen unverwechselbaren Geruch hatte.

„Wo ist eigentlich der Opa?“ fragte eine Schwester, die noch ein kleines Kakaobärtchen an der Oberlippe hatte.

„Där iss beim Balzer (Balthasar). Duut Ihm helfe.“ antwortete Oma.
Balthasar war der Gatte von Ernestine, die Tochter von Oma.

Balthasar war ein kluger steht’s verschmitzt lächelnder Mann. Immer zu Scherzen aufgelegt. Ein lieber Gatte und vorbildlicher Schwiegersohn.

Genau so seine Ernestine die nun leider von uns gegangen ist. Sehr kinderlieb, herzlich, gemütvoll, so wie bei der ganzen Familie zu beobachten.

Alle zusammen Donauschwaben, seit Jahrhunderten aus Not und Verfolgung flüchtend im Balkan eine neue Heimat.

Da war wohl eine glutvolle emotional offene slawische Seelenverwandtschaft entstanden, der die Familienbande überalles ging und Kinder immer die wichtigste Rolle einnahmen.

Und fleißig waren sie, sehr fleißig, aber auch immer bereit zu feiern, gut zu essen und zu trinken.

Die Küche der Donauschwaben, war stark beeinflusst von der K.u.k-Monarchie des 19. Jahrhunderts und deren Multikulturalismus. Sie brachte eine völlig neue Küche ins Klippdachsland. Zutaten wie Knoblauch, Gemüse wie Tomaten, Paprika waren dort bis dahin unbekannt.

Hasan, ein Albaner aus dem Kosovo arbeitete auf dem Sägewerk, gleich am anderen Ende des Dorfes.
Er, schon in den 60er Jahren als „Gastarbeiter“ nach Deutschland gekommen, wohnte inmitten des Dorfes gleich beim Raiffeisen Lager.
Dort wurden vor allem Futtermittel verkauft.
Die kleine Lagerhalle hatte vor Kopfe einen noch kleineren Anbau der als Kasse, als Bank diente.
Dort arbeitete der Buchhalter des Raiffeisen Vereins. Ein gestrenger älterer Herr, stehts mit verdrieslicher Miene. Er gehörte der ansässigen Darbistengemeinde an, von der an anderer Stelle zu berichten ist.
Nun, die Bankfiliale war seit kurzem geschlossen worden und der ältere Herr der „Raiffeisen Pädder“ genannt wurde erhielt seine Rente.
Hasan nahm die Gelegenheit beim Schopfe, bewarb sich als Mieter mit dem Versprechen alle notwendigen Renovierungsarbeiten selbst zu tätigen und war von nun an der neue Mieter.
Hasan besuchte Woche für Woche den Opa.

Immer Samstag Nachmittag. Der guten Tradition folgend zog er an der Haustüre steht’s die Schuhe aus, ein Brauch der auch bei Opa und Oma üblich war.
Man begrüßte sich schon an der Haustüre herzlich und Opa geleitete den Gast durch die Küche hinein in angrenzende Wohnzimmer.
Von nun an sprach man ausschließlich serbisch, die Muttersprache von Hasan. Opa bot Ihm steht’s zur Begrüßung einen Racki an. „Wilscht n Rackel Hasan?“ Hasan nahm dankend an. Man unterhielt sich man sprach über Alles. Über die Arbeit, über die alte Heimat, über Politik….. . Und natürlich über Fussball, schließlich begann pünktlich um 17:30 die Sportschau auf dem Ersten. Oma kochte Kaffee und kredenzte einen köstlichen, am vormittag gebackenen Mohnstrudel, ein Hefegebäck, als Zopf geflochten, der so unvergleichlich leicht und locker gebacken war und köstlich zu Bohnenkaffee mundete.
Pünktlich dann gegen 18:30 verabschiedete sich Hasan dann. Man gab sich die Hand, oder klopfte sich freundschaftlich auf die Schulter. Opa begleitete Hasan zur Haustüre. Der zog seine Schuhe wieder an und trat nochmals grüßend den Nachhauseweg an.

Oma hatte inzwischen Küchenfenster und Wohnzimmerfenster geöffnet.
Dabei sagte Sie steht’s:
„Huii drr Hasan däär hott Stinkfiess“

Dies nur als ein Beispiel für die folgende Aussage:

Eine Verhärtung und Engführung in Fragen der Lebensführung, der Politik und der Religion war bei Oma, war in dieser ganzen Donauschwäbischen Familie nicht zu finden.

Man war fleißig, lebte sparsam, tat seine Pflicht, war durchaus gottesfürchtig. Aber nicht auf diese ausgrenzende verhärtete, kalte Art und Weise wie sie im Klippdachsland zu beobachten war.

Ihm tat das immer sehr gut. Es hat sein bisheriges Leben entscheidend geprägt.
Die Oma und auch der Opa haben immer noch ein festen Platz in seinem Herzen.

Elferraus und Apfelstrudel

„Wollen wir Mal Elfer-Raus spielen fragte seine Schwester.“
„Iss gut, mach ich gern mit eich“ sprach Oma, was nicht anders zu erwarten war.
Oma hatte bereits, auf der einen Hälfte des Tisches, den warmes Gefährten elastischen, herrlich duftenden aus der Steingutschüssel herausgenommen und ihn nach allen Regeln der Kunst gewalkt und zu einer Teigkugel geformt.
Das Mehl auf dem Küchentisch verstreut tat sein übriges damit das Werk gelang und der Teig nicht haften blieb.
Feine Staubwölkchen stoben auf und legten sich sachte auf Omas Arme, auf die Brille, ein wenig auch auf ihr silbernes Haupthaar.
Nun legte Sie ein weißes Tuch aus Leinen auf die eine Hälfte des ausgezogenen Küchentisches.
Der Teiballen darauf und kunstvoll im Viereck langsam, behutsam in die Länge gezogen.

Oma wischte die eine Hälfte des Küchtisches blank.
Die Geschwister hatten dort schon auf den Küchstühlen platzgenommen.
Oma öffente die linke Tür des Küchenschranks.
Eine vom vielen benutzen schon angegriffene grüne durchsichtige Plastikschachtel wurde von Ihr herausgenommen.
Elfer-Raus stand in erhabener Schrift darauf.
Die Schachtel barg die Elfer-Raus Karten. Auch schon recht abgegriffen, ein wenig speckig, von vielen spielen ein wenig fleckig.
Die Elferkarten herausortiert in auf dem Küchentisch zu einer senkrechten Reihe sortiert.
Inzwischen hatte Sie den fertig zusammengerollten Apfelstrudel auf ein Backblech geschoben und in den Backofen verbracht.

„Nu geht’s los.“
Das Spiel begann.
Jeder erhält 11 Karten auf die „Hand“
Bei jeden Spieler ordentlich gefächert, nach Zahlen und „Farben“ sortiert.
Der Rest kommt in den „Stock“.
Nun beginnt man passend an die Elfen, die nach Farben zu sortieren sind abzulegen.
Ist keine passende Zahl in der passenden Farbe auf der Hand muss man eine aus dem „Stock“ ziehen.
Ein schönes Kartenspiel, was den Spielern Zeit lässt sich nebenbei zu unterhalten, auch kurze Unterbrechungungen Schäden nicht.

So auch Oma, immerwieder aber ohne Eile nach dem Apfelstrudel zu schauen, der sich nun ganz sachte im Ofenrohr bräunte.
Karamelige Düfte erfüllten Zug um Zug die Küche, vor allem dann wenn Sie die Backofentüre vorsichtig öffnete um Ihr Werk zu betrachten.

Das Kartenspiel nahm seinen Lauf, immerwieder unterbrochen, weil Oma den Backofen öffnete und wieder schloss, fertig gebackenen köstlichen Strudel herausnahm und mit weiteren Strudeln, die noch zu backen waren, hineinschob.
Der Strudel köstlich. Elfer-Raus mit Oma spielen, dabei Strudel essen. Ganz zwanglos, ohne Anstandsregeln und Ermahnungen.

Manchmal wenn er alleine bei Oma war legte er sich auf das alte Chaiselongue gleich rechts unter dem Fenster zum Hof. Sein Kopf auf ein Sofakissen gebettet lauschte er den Freddi, wie Oma immer sagte Freddy Quinn… „Junge komm bald wieder……. .
Jenes Sehnsuchtslied der vielen Geflüchteten in den Nachkriegsjahren, daß die Sehnsucht, das Heimweh nach der alten Heimat besang.

Er hörte dann, ganz still und andächtig zu. Vor seinem geistigen Auge sah er dann die Bilder aus der alten Heimat von Oma, die Sehnsucht danach, den Schmerz und die Verzweiflung derer die vor Krieg und Not geflohen waren.
Das Radio, ein großes Röhrengerät, vorne mit Stoff bespannt, weiter unten die Skala mit den Namen der Städte von denen aus die Sender ihre Radiowellen in den Äther strahlten.

Noch weiter unten große elfenbeinfarbige Druckknöpfe.
Einer jener Knöpfe war im Laufe der Zeit zerbrochen. Der Opa handwerklich und auch kunsthandwerkliche sehr begabt und erfahren hatte jenen Knopf aus Holz nachgebildet, „gschnitzt“ sagte er. Er passte perfekt und ersetzte den entstandenen Schaden.

Links und rechts der Skala zwei große schwarze Drehknöpfe. Der linke für die Lautstärke, der rechte für die Senderwahl.
Drehte man diesen, bewegte sich ein senkrechtes weisses Stäbchen hinter der durchsichtigen Skala in der waagrechten hin und her.
Die Skala war von hinter mit 2 Glühlämpchen beleuchtet, so war alles gut zu sehen.
Er konnte dann auch der Knopf für die Kurzwelle drücken.
Bewegte er nun den rechten Knopf eröffnete sich Ihm die ganze Welt. Auf der Skala die Funk und Radiostationen einer ganzen Welt: Rom, Paris, London, Berlin, Hamburg, Moskau, Reikjawik…. .
Morsezeichen von fernen Schiffen.
Funkten sie etwa den Notruf dididi dadada dididi: Save ouer souls?

Plötzlich eine laute Männerstimme die in tempramentvollen Timbre italienisch sprach, gefolgt von lauter Schlagermusik.

Und dann: Eine sonore sehr bestimmte Frauenstimme:
zwo,neun, sieben, null, zwo, zwo….
Stundenlang hörte er zu.
Das waren die Gemeinagenten aus der Ostzone. So sendeten sie Ihre geheimen Botschaften von West nach Ost, bekamen neue Befehle.
Wie spannend wie abenteuerlich.

Dazu dann das magische Auge des Radiogeräts links oben auf der stoffbezogenen Lautsprecherblende. Hübsch eingerahmt in einem goldenen Rahmen die in der Mitte waagrechte kleine Blitze aufwies.
Dort glühte es geheimnisvoll in einem grünlichen Türkis.
Wählte man einen anderen Sender, breitete sich das Türkis aus, wurde intensiver und zog eine fächerförmige Bahn bis sich die beiden Fächer in der waagrechten zusammenschlossen. …
Wird fortgesetzt……..

Links:

Die Donauschwaben

Donauschwäbische Dialekte

Donauschwäbische Küche

Uwe Schummer – Weisheiten des Talmud

Im Talmud, dem Buch, das den jüdischen Glauben mit dem konkreten Leben verbindet, ist es wunderbar formuliert:

“Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen. Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter. Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein und unser Schicksal“

Zitat: Uwe Schummer in Anlehnung an einen Text aus dem Talmud

Texte aus der chassidischen Weisheitslehre:

Nähe:

Ein Schüler fragte den Baalschem: „Wie geht das zu, daß einer, der an Gott hangt und sich ihm nah weiß, zuweilen eine Unterbrechung und Entfernung erfährt?“ Der Baalschem erklärte: „Wenn ein Vater seinen kleinen Sohn will gehen lernen, stellt er ihn erst vor sich hin und hält die eignen Hände zu beiden Seiten ihm nah, daß er nicht falle, und so geht der Knabe zwischen den Vaterhänden auf den Vater zu. Sowie er aber zum Vater herankommt, rückt der um ein weniges ab und hält die Hände weiter auseinander, und so fort, daß das Kind gehen lerne.“

Wahrheit:

Was bedeutet das, was die Leute sagen: „Die Wahrheit geht über die ganze Welt“ Es bedeutet, daß sie von Ort zu Ort verstoßen wird und weiterwandern muß. (Rabbi Baruch)

Leib und Seele:

Als Rabbi Schmelke von seiner ersten Reise zum Maggid heimkehrte und man ihn fragte, was er erfahren habe, antwortete er: „Bis nun hatte ich meinen Leib kasteit, daß er die Seele ertragen könne. Jetzt aber habe ich gesehen und gelernt, daß die Seele den Leib ertragen kann und sich von ihm nicht abzuscheiden braucht. Das ist es, was uns in der heiligen Thora zugesprochen ist: ‚Ich will meine Wohnung in eurer Mitte geben, und meine Seele wird euch nicht verschmähen.‘ Denn nicht soll die Seele ihren Leib verschmähen.“

Die Lehre der Seele:

Rabbi Pinchas führte oftmals das Wort an: „Die Seele des Menschen wird ihn belehren“, und bekräftigte es: „Es gibt keinen Menschen, den die Seele nicht unablässig belehrte.“ Einst fragten die Schüler: „Wenn dem so ist, warum hört der Mensch nicht auf sie?“ „Unablässig lehrt die Seele,“ beschied sie Rabbi Pinchas, aber sie wiederholt nicht.“

Etwas Großes tun:

Wenn ein Mensch etwas Großes in Wahrheit zu tun beginnt, braucht er nicht zu fürchten, daß ein anderer es ihm nachtun könnte. Wenn er es aber nicht in Wahrheit tut, sondern darauf sinnt, es so zu tun, daß keiner es ihm nachtun könnte, dann bringt er das Große auf die niederste Stufe herab, und alle können dasselbe tun. (Rabbi Pinchas)

Der Eilige:

Der Berditschewer sah einen auf der Straße eilen, ohne rechts und links zu schauen. „Warum rennst du so?“ fragte er ihn. „Ich gehe meinem Erwerb nach,“ antwortete der Mann. „Und woher weißt du,“ fuhr der Rabbi fort zu fragen, „dein Erwerb laufe vor dir her, daß du ihm nachjagen mußt? Vielleicht ist er dir im Rücken, und du brauchst nur innezuhalten, um ihm zu begegnen, du aber fliehst vor Ihm

Triebe „brechen“:

Ein junger Mann gab dem Riziner einen Bittzettel, darauf stand, Gott möge ihm beistehn, damit es ihm gelinge, die bösen Triebe zu brechen. Der Rabbi sah ihn lachend an: „Triebe willst du brechen? Rücken und Lenden wirst du brechen, und einen Trieb wirst du nicht brechen. Aber bete, lerne, arbeite im Ernst, dann wird das Böse an deinen Trieben von selber verschwinden.“

In der Hölle:

Der Apter sprach zu Gott: „Herr der Welt, mir ist bewußt, daß ich keinerlei Tugend und Verdienst habe, um derentwillen du mich nach meinem Tode ins Paradies unter die Gerechten versetzen könntest. Aber willst du mich etwa in die Hölle in die Mitte der Bösewichter setzen, so weißt du doch, daß ich mich mit ihnen nicht vertragen kann. Darum bitte ich dich, führe alle Bösen aus der Hölle, dann kannst du mich hineinbringen.“

Gib und nimm:

Die Losung des Lebens ist: „Gib und nimm.“ Jeder Mensch soll ein Spender und Empfänger sein.Wer nicht beides in einem ist, der ist ein unfruchtbarer Baum. (Rabbi Jizchak Eisik)

Götzenopfer:

Man fragte Rabbi Bunam: „Was ist mit Götzenopfer gemeint? Es ist doch ganz undenkbar, daß ein Mensch einem Götzen Opfer darbringt!“ Er sagte: „So will ich euch ein Beispiel geben. Wenn ein frommer und gerechter Mann mit andern bei Tisch sitzt und würde gern noch etwas mehr essen, aber seines Ansehns bei den Leuten wegen verzichtet er darauf, das ist Götzenopfer.“

Die große Schuld:

Die große Schuld des Menschen sind nicht die Sünden, die er begeht – die Versuchung ist mächtig und seine Kraft gering! Die große Schuld des Menschen ist, daß er in jedem Augenblick die Umkehr tun kann und nicht tut.

Die kommende Welt:

Einmal war der Sinn des Baalschem so gesunken, daß ihm schien, er könne keinen Anteil an der kommenden Welt haben. Da sprach er zu sich: „Wenn ich Gott liebe, was brauche ich da eine kommende Welt?“

Wo wohnt Gott:

Mit dieser Frage überraschte der Kosker einige gelehrte Männer, die bei ihm zu Gast waren. Sie lachten über ihn: „Wie redet ihr! Ist doch die Welt seiner Herrlichkeit voll!“ Er aber beantwortete die eigene Frage: „Gott wohnt, wo man ihn einläßt“

Die Ideenwelt des Chassidismus

Im Chassidismus lässt sich der Gedanke der Demokratie in geistiger und ökonomischer Hinsicht feststellen.

Es entstehen hier nicht übersteigerter Intellekt und Wertung eines Juden nach seiner Gelehrsamkeit im Vordergrund wie im Rabbinismus, sondern man setzt hier prinzipiell auf das jedem zugängliche religiöse Gefühl und die Intention (Kawwana).
Der radikale gesellschaftliche Demokratismus zeigte sich bei den ersten Führern, den Zaddikim. Rabbi Israel Baal-schem tov (ca. 1700 -1760) war der Schöpfer der Bewegung und widmete sich mit Vorliebe Ungebildeten und Armen aus dem Volk. Damit schuf er sich den Weg zum Herzen des Volkes. Er passte seine Sprache und sein Lebensgefühl ihren Neigungen an. Die Nächstenliebe zum Volk stand im Vordergrund.

Der Zaddik (einer der Gerechten) repräsentierte den Typus des autonomen Führers und entspricht so dem Charakter des Chassidismus als einer autonomen Gemeinschaftsbildung. Er wird aufgrund seiner Begabung zum Führer und ist das Gegenteil eines falschen Messias. Dieser will die Erlösung jedes einzelnen selbst vollziehen.

Wir stellen klar: Wer Jüdinnen und Juden und jüdisches Leben in Deutschland – in welcher Form auch immer – angreift, der greift die Grundlagen unserer Gesellschaft an, der tritt die Menschenwürde und Grundrechte aller mit Füße #chaimguski