Das Elend der Eingliederungshilfe

Im Jahr 2017 hat die Bundesregierung ein neues Gesetz gemacht.
Das Gesetz heißt: Bundesteilhabegesetz.

Das Versprechen war groß:
Menschen mit Behinderung sollen selbst entscheiden.
Menschen mit Behinderung sollen nicht mehr versorgt werden.
Sie sollen Rechte haben.

Das war das Versprechen.
Was wirklich passiert ist

Das Versprechen wurde nicht gehalten.

Wer heute Hilfe beantragt, muss sehr viel Papier ausfüllen.
Die Formulare sind schwer zu verstehen.
Die Ämter brauchen sehr lange.
Manchmal wartet man Monate.
Manchmal wartet man Jahre.

Viele Menschen geben auf.
Sie kämpfen nicht mehr.
Das Amt denkt dann: Alles ist gut.
Aber alles ist nicht gut.

Die Ämter entscheiden. Nicht die Menschen.

Gutachter kommen ins Haus.
Sie schauen, was ein Mensch nicht kann.
Sie entscheiden, wie viel Hilfe er bekommt.
Sie entscheiden, wie viel sein Leben kostet.

Das ist falsch.

Nicht der Gutachter soll entscheiden.
Der Mensch selbst soll entscheiden.

Das steht so in einem Menschenrechts-Vertrag der Vereinten Nationen.
Deutschland hat diesen Vertrag unterschrieben.
Aber Deutschland hält sich nicht daran.

Wer verdient daran?

Viele Menschen mit Behinderung arbeiten in Werkstätten.
Sie arbeiten hart.
Aber sie bekommen sehr wenig Geld.
Oft weniger als zwei Euro in der Stunde.

Den normalen Mindestlohn bekommen sie nicht.

Die Träger der Werkstätten bekommen Geld vom Staat.
Manchmal viel Geld.

Das ist ungerecht.
Die Menschen, die arbeiten, sollen das Geld bekommen.
Nicht die Institutionen.

Was wir brauchen

Wir brauchen kein neues Formular.
Wir brauchen kein neues Gutachten.

Wir brauchen:

Die Menschen mit Behinderung entscheiden selbst.
Die Ämter müssen begründen, wenn sie Nein sagen.
Nicht der Mensch muss beweisen, dass er Hilfe braucht.

Wir brauchen echte Beratung.
Beratung, die auf der Seite der Betroffenen steht.
Nicht auf der Seite der Ämter.

Und wir brauchen faire Löhne für alle.
Auch für Menschen in Werkstätten.

Eine klare Anklage

Das System ist nicht kaputt gegangen.
Das System war so gebaut.

Es schützt die Institutionen.
Es schützt die Träger.
Es schützt die Verwaltung.

Es schützt nicht die Menschen, die Hilfe brauchen.

Das ist kein Versehen.
Das ist eine Entscheidung.
Und jemand hat diese Entscheidung getroffen.

Die Politik sagt: Wir haben ein Gesetz gemacht.
Aber ein Gesetz ist keine Gerechtigkeit.

Menschen mit Behinderung warten seit Jahren.
Sie warten auf Würde.
Sie warten auf Teilhabe.
Sie warten auf ihr Recht.

Wir warten nicht mehr still.

Armin Herzberger

Ist Gott treu?

Gott ist treu
Andacht in Leichter Sprache
Allianz-Gebetswoche 2026 – Abschlussgottesdienst
08. März 2026

1. Gott ist nicht neutral
Mein Mund erzählt jeden Tag von Gottes Hilfe. – Psalm 71,15

Begleitheft AGW 2026:
„Treue-Botschafter sollen und dürfen wir sein. Durch unser Leben in erster Linie, aber auch durch das mündliche Zeugnis.“

Das stimmt.
Aber: Treue zu wem?

Gott ist nicht neutral.
Mose befreit die Sklaven.
Die Propheten kämpfen für Arme.
Maria singt: Gott stürzt die Mächtigen vom Thron.

Gottes Treue gilt den Unterdrückten.
Das ist unsere Botschaft.
Vgl. arminherzberger.com: „Gott ist kein Eigentum“
2. Vom Stuhl zum Tisch
Die Liebe von Jesus drängt uns. – 2. Korinther 5,14

Begleitheft AGW 2026:
„Wie erlebe ich konkret Zeichen von Gottes Treue? Wie kann ich mutiger werden, die Botschaft weiterzugeben?“

Eine konkrete Antwort:

Manche Menschen hören:
„Für dich ist kein Stuhl mehr da.“

Gottes Treue sagt das Gegenteil:
Du gehörst dazu.
Es ist Platz für dich.

Am Netphener Tisch sehen wir das:
Menschen mit Behinderung decken selbst den Tisch.
Sie sind nicht nur Empfänger.
Sie geben.
Das ist Gottes Treue – sichtbar.
Vgl. arminherzberger.com: „Vom weggenommenen Stuhl zum gedeckten Tisch“
3. Unsere Botschaft: Die Welt kann anders sein
Geht in die Welt. Ich bin bei euch – jeden Tag. – Matthäus 28,19-20

Begleitheft AGW 2026:
„Regelmäßige Fürbitte ist ein starker Ausdruck von Treue: Wofür willst du immer wieder beten?“

Ja – und mehr als beten.

Kirche von unten bedeutet:
Wir fangen selbst an.
Wir stehen auf für andere.
Wir schweigen nicht.

Denn: Schweigen macht schuldig.
(Bonhoeffer)

Das ist unsere Botschaft für die Welt.
Vgl. arminherzberger.com: „Kirche von unten – braucht Mut“

Gebet

Gott,
du hast die Welt nicht so gewollt, wie sie ist.

Du willst, dass alle satt werden.
Du willst, dass alle Würde haben.
Du willst, dass Tische gedeckt werden – für alle.

Mach uns zu Zeugen deiner Treue.
Nicht nur im Gebet.
Sondern im Aufstehen.
Im Nicht-Schweigen.

Du bist treu.
Hilf uns, es auch zu sein.

Amen.

Der Stoß

Der Stoß
Eine Klippdachsland-Geschichte über Frömmigkeit und Gewalt


Für U
Es gibt Erinnerungen, die verblassen mit den Jahren. Und es gibt solche, die bleiben. Die sich einbrennen. Die einen nicht loslassen, auch nach Jahrzehnten nicht.
Die „Alte Versammlung“ gehört zu den Erinnerungen, die geblieben sind.



Die Männer mit der verdrießlichen Miene
Es gab sie in jedem Dorf im Klippdachsland. Ältere Herren, immer im dunklen Anzug, immer mit dieser Miene. Verdrießlich. Mürrisch. Als würde ihnen das Leben schwer auf den Schultern lasten.
Sie gehörten zur „Alten Versammlung“. So nannten sich die Darbisten im Klippdachsland. Fromme Leute. Sehr fromme Leute. So fromm, dass sie sich von allen anderen absonderten.
Die lutherische Kirche im Dorf? Abgefallen. Verweltlicht. Verloren.
Die katholische Kirche sowieso? Der Papst war für sie der Antichrist höchstpersönlich.
Nur sie, die kleine Schar der „Alten Versammlung“, hatten die reine Lehre bewahrt. Nur sie würden gerettet werden, wenn Christus wiederkam. Und das konnte jeden Tag geschehen.
Deshalb die verdrießliche Miene. Wer ständig das Ende der Welt erwartet, dem vergeht das Lachen.
Man wartet. Man sondert sich ab. Man züchtigt seine Kinder.



Sonntags im Versammlungsraum
Sonntags trafen sie sich. Nicht in der Kirche – Gott bewahre! Sie trafen sich in einem schlichten Raum. Weiß getüncht, kahl, schmucklos. In der Mitte ein Tisch mit einem weißen Tuch. Darauf Brot und Wein. Mehr nicht.
Die Männer saßen vorne. Anzug, Krawatte, Scheitel. Die Frauen hinten, mit Kopftuch. Sie schwiegen. Das war ihre Rolle. Schweigen, gehorchen, dienen.
Wenn der Geist jemanden ergriff – immer einen Mann, versteht sich –, dann stand der auf und sprach. Ihre Reden waren trocken. Voller Bibelstellen. Sie warnten vor der Welt. Sie mahnten zur Zucht.
Zucht. Das war ihr Lieblingswort.
„Wer sein Kind liebt, der züchtigt es.“ Sprüche 13, Vers 24. Die Bibel sage es. Also müsse es wahr sein.



Die Kinder, die prügelten
Es gab Kinder im Klippdachsland, vor denen man sich fürchtete. Nicht weil sie größer waren. Nicht weil sie älter waren. Sondern weil sie anders waren.
Sie prügelten nicht aus Lust. Sie prügelten mit System. Mit einer Kälte, die erschreckte.
Es waren Kinder aus der „Alten Versammlung“.
Sie hatten gelernt: Wer schwach ist, verdient Zucht. Wer anders ist, verdient Strafe. Wer nicht gehorcht, verdient den Schlag.
Sie hatten es zu Hause gelernt. Jetzt gaben sie weiter, was man ihnen beigebracht hatte.
Gewalt, die empfangen wird, wird weitergegeben. Das ist so alt wie die Menschheit.



Der Zappelphilipp
Es gab einen Jungen, den nannten alle so. Er konnte nicht stillsitzen. Er konnte nicht still sein. Er zuckte und zappelte und störte.
Für die „Alte Versammlung“ war das keine Krankheit. Das war Sünde. Das war Aufruhr gegen Gott und die Ordnung.
Er wurde gezüchtigt. Immer wieder. Zu Hause. Im Versammlungsraum. Vor allen.
Es half nichts. Es konnte nicht helfen. Weil er krank war, nicht böse.
Aber das wussten sie nicht. Oder sie wollten es nicht wissen.



Das Mädchen mit den schönen Augen
Und dann war da das Mädchen mit den schönen Augen.
Uli hieß sie. Ein stilles Kind. Ein gutes Kind. Ein Kind, das niemandem etwas zuleide tat.
Sie wuchs auf in der „Alten Versammlung“. Hörte die Predigten. Lernte die Bibelstellen. Fürchtete den Zorn Gottes.
Und sie war anders. In einer Weise, die die Frommen beunruhigte.
Es gab einen Stoß. Wann genau – niemand weiß es mehr. Was genau – niemand will es mehr sagen.
Vielleicht war es ein Schlag. Vielleicht eine Demütigung. Vielleicht ein Moment, in dem etwas in ihr zerbrach.
Danach war sie nicht mehr dieselbe.
Die Stimmen kamen. Stimmen, die ihr sagten:
Ich bin schlecht.
Ich bin vom Teufel besessen.
Ich lebe in der Hölle.
Die religiöse Verdammung wurde zur Überzeugung. Die Überzeugung wurde zur Krankheit. Die Krankheit wurde zu ihrem Leben.
Seit Jahrzehnten lebt sie im Wohnheim.



Darby und Sölle
Es gab einen Mann namens John Nelson Darby. Ein englischer Prediger des 19. Jahrhunderts. Er lehrte Absonderung. Reinheit. Rückzug aus der Welt.
Darby fragte: Wie können wir uns von der bösen Welt absondern?
Dorothee Sölle fragte: Wie können wir Gottes Reich jetzt verwirklichen?
Das ist der Unterschied. Der entscheidende.
Sölle kämpfte für Unterdrückte und bejahte den Körper.
Die Darbisten schlugen ihre Kinder und verdammten den Körper.
Was als Frömmigkeit begann, wurde zur Gewalt.



Kirche von unten – aber richtig
Es gibt heute viele, die von „Kirche von unten“ reden. Kreise, die frommer und strenger und enger werden.
Ich warne davor.
Nicht jede Bewegung, die sich „von unten“ nennt, befreit. Manche schafft neue Opfer.
Die „Alte Versammlung“ war Kirche von unten. Klein. Fromm. Entschieden. Und sie hat Kinder geschlagen, Frauen zum Schweigen gebracht, Seelen zerbrochen.
Das ist nicht die Kirche Jesu Christi.
Kirche von unten – aber richtig – das bedeutet: Befreiung statt Bindung. Heilung statt Schlagen. Ja zum Körper. Begleitung der Kranken statt Verdammung.



Die besorgten Geschwister
Uli wird besucht.
Von besorgten Gemeindemitgliedern. Geschwistern, die gelernt haben. Die umgekehrt sind.
Sie kommen. Sie sitzen an ihrem Bett. Sie halten ihre Hand.
Leider ist sie nun nicht mehr zu erreichen. Die Krankheit hat sie zu tief geholt.
Aber Gott behütet sie. Nicht der Gott der Strafe. Sondern der Gott der Gnade.
Und die besorgten Geschwister?
Sie schlagen nicht. Sie trösten.



Trotz allem
Und wenn ich an das Mädchen mit den schönen Augen denke,
an die Hölle, in der sie lebt,
an die Stimmen, die ihr sagen: Du bist vom Teufel besessen,
dann bete ich:

Herr, erbarme dich.
Nicht über sie.
Sondern über die, die ihr diese Hölle eingeredet haben.

Und segne die, die jetzt bei ihr sind.
Die besorgten Geschwister.
Die gelernt haben.
Die da sind.
Trotz allem.



Armin Herzberger
Klippdachsland, Februar 2026



Diese Geschichte ist wahr. Die Namen wurden geändert. Die Narben sind echt.

Das Mädchen lebt noch. Seit Jahrzehnten im Wohnheim.
Sie wird besucht. Von besorgten Geschwistern. Die gelernt haben.
Leider ist sie nun nicht mehr zu erreichen. Die Krankheit hat sie zu tief geholt.
Aber Gott behütet sie. Nicht der Gott der Strafe. Sondern der Gott der Gnade.

Trotz allem.

Und die Mahnung bleibt: Kirche, die nicht befreit, die den Körper verdammt, die Menschen in Höllen stößt – ist nicht die Kirche Jesu Christi.
Aber Kirche kann lernen. Kann umkehren. Kann lieben.
Trotz allem.

Ich bin Autodidakt

Eine Satire

Samstag, Baumarkt. Kellerausbau mit Sauna. YouTube sagt „kinderleicht“.

Vier Stunden später: Dampfsperre an mir, nicht an der Wand. Rigips kaputt. Finger blutig. Aber weiter geht’s! Irgendwann wird das die geilste Sauna ever.

Ich bin nicht nur im Keller Heimwerker.

**Heimwerken an der Inklusion**

Berlin bastelt Bundesteilhabegesetz. Ohne Anleitung. Ohne die Betroffenen zu fragen.

Drei Anträge, um aufzustehen. Fünf Gutachten, um zur Arbeit zu fahren. Wer nicht bürokratiefest ist, bleibt liegen.

Deutsche Gründlichkeit nennen wir das.

Bei meiner Sauna frag ich den Fachmann. Bei Menschen mit Behinderung? „Ach, das krieg ich auch so hin!“

**Heimwerken an der Kirche**

Strukturreform mit Beraterhonoraren. „Kirche von unten“ – von oben gemacht.

Ehrenamtliche brennen aus? Nicht so zimperlich! Früher ging’s auch.

Gottesdienste leer? Fusionieren! Drei Tote sind ein Lebendiger.

Bei 400 Volt hol ich den Elektriker. Bei der Gemeinde? „Haben wir schon immer so gemacht!“

**Heimwerken in der Verwaltung**

Formular. Kästchen. Unterschrift nur persönlich. Dienstags 9-11:30 Uhr.

„Geht das einfacher?“ – Wo kämen wir da hin! Dann könnte ja jeder!

**Das Prinzip**

Im Keller: Sofort Schimmel. Mein Problem.

In der Gesellschaft: Kollaps nach Jahren. Bin dann befördert.

Inklusion gescheitert? „War schon immer schwierig.“
Gemeinden tot? „Strukturwandel.“ 
Demokratie müde? „Wollen halt nicht.“

Die Betroffenen hätten halt bei der Umfrage mitmachen sollen. Von 2019.

Von vorne sieht man’s kaum.

Meine Sauna wird super. Irgendwann.

Wie die Inklusion.

Wie die Kirche.

Wie die Bürgernähe.

Kinderleicht.

Stand 19.01.26

Handwerk hat goldenen Boden

Siehe ich mache alles neu

„Siehe, ich mache alles neu! (Offenbarung 21,5)

Eine Andacht zur Jahreslosung 2026

„Ich mache alles neu“ – das klingt erstmal großartig. Aber wer macht hier eigentlich was neu? Gott? Und wir? Warten wir dann einfach ab, bis er fertig ist?

Johannes schreibt diese Worte in der Verbannung, auf einer griechischen Insel, weggesperrt von den Mächtigen seiner Zeit. Um ihn herum: verfolgte Menschen, die nicht mehr weiterwissen. Und genau denen ruft er zu: Es kommt was Neues! Die alte, kaputte Ordnung hat nicht das letzte Wort.

Das ist kein Vertröstungstext fürs Jenseits. Das ist ein Weckruf fürs Hier und Jetzt.

Denn wenn Gott „alles neu macht“, dann fängt das nicht irgendwann im Himmel an – sondern da, wo Menschen aufstehen und nicht mehr mitmachen beim Alten. Da, wo die Kirche nicht mehr von oben regiert, sondern von unten wächst. Da, wo nicht Hierarchien bestimmen, was richtig ist, sondern Menschen gemeinsam nach Wegen suchen.

Eine Kirche der Menschen – das heißt: Wir warten nicht darauf, dass die Kirchenleitung, die Politik oder sonst wer die Welt neu macht. Wir fangen selbst an. In unseren Gemeinden, in unserem Alltag, auf der Straße.

Das Neue wächst da, wo:
– Menschen mit Behinderung nicht mehr nur „betreut“ werden, sondern selbst mitgestalten
– Geflüchtete nicht über sich reden lassen, sondern mitreden
– Kirchenvorstände nicht nur verwalten, sondern Räume öffnen für alle
– Wir nicht predigen „die da oben sollen mal“, sondern selber anpacken

Gottes „Ich mache alles neu“ ist keine Zauberformel. Es ist eine Einladung. Eine Ermutigung. Ein Versprechen: Du bist nicht allein, wenn du anfängst.

Das Neue ist schon da – in jedem kleinen Schritt raus aus den alten Machtspielen. In jeder Begegnung auf Augenhöhe. In jeder Kirche, die sich nicht an Traditionen klammert, sondern sich öffnet für die Menschen und ihre Fragen.

„Siehe!“ – heißt: Schau hin! Es passiert schon. Vielleicht leise, vielleicht unscheinbar. Aber es passiert. Überall da, wo Menschen nicht mehr akzeptieren, dass es so bleiben muss, wie es ist.

Möge uns 2026 Mut machen, gemeinsam das Neue zu wagen. Nicht weil wir alles besser wissen, sondern weil wir darauf vertrauen: Gott ist bei denen, die aufbrechen.

Kirche der Menschen

Eine graue Runde

Für Maren und ihr Lebenswerk

Im Januar am Beginn des Jahres, ganz zu Beginn,
Diese Runde meist deutlich angegraut.
Alte Männer, das Haupthaar schütter, die Bärte grau,
wirken müde, die Köpfe interessiert nach vorne geneigt.
Viele alte, weise Männer, aus faltigem Gesicht
mit leerem, trüben Blick.

Viele alte Frauen, Haare gefärbt,
Einige onduliert, andere toupiert, Hochfrisur.
Mit Zweckfrisuren, kurzer Haarschnitt, Fasonschnitt,
männlich streng geschnitten.
Schminke im Gesicht, dick aufgetragen,
rote Lippen, viel zu rot,
auch Rouge auf den fahlen Wangen.
Backenknochen notdürftig weich geschminkt.

Eine alte graue Runde, lustlos.
Die Raumluft ist geschwängert
von billigem Rasierwasser:
Old Spice, Irisch Moos, Tabac, Pitralon.
Frauen-Düfte: Tosca, Kölnisch Wasser, Gabriela Sabatini.

Sie halten fest an alten Riten:
Begrüßung, Anwesenheitslisten, Tagesordnung.
Wir gedenken der Verstorbenen – sich kurz erhebend.
Schweigeminute für die verdienten Hingeschiedenen.

Eloquente Profis, auch dabei,
viele Frauen, wenige Männer.
Ein kleiner Lichtblick.
Ein wenig wie erweitertes Zentralkomitee
der längst vom Zeitenlauf verschluckten Regime.

Beklagt wird alles, Zeitgeist, Mitarbeiter ausgebrannt
und am System krank gemacht.
Niemand nimmt mehr Verantwortung ernst.
Wie war das früher doch anders?
Schöner, besser, früher.
Früher immer alles besser.

Dann reden die Profis.

Ja, ja, die Profis reden smart.
Fachbegriffe fliegen,
sind stolz auf das angelernte Vokabular
aus Psychologie, Erziehungswissenschaft.
Management-Vokabular:
Projektmanagement, Qualitätsmanagement, Lean Management.

Das Unternehmensberatungsvokabular restlos aufgesagt,
falsch gewählt, unecht.
Mit roten Wangen dargeboten, falsche Versprechungen.

Keiner sagt es, wagt es nicht,
keiner hat mehr Kraft zu sagen:
Was wabert durch den Raum?

Unsere Zeit, die ist vorbei.
Nichts wird mehr nützen, nichts mehr helfen.
Unsere Zeit, die ist vorbei,
unverrückbar, obsolet, verschluckt, verplempert,
aus der Zeit gefallen.

Im Abklingbecken der Geschichte wiedergefunden.
Da ist noch warm, vielleicht noch ein paar Jahre.
Kann man kuscheln, bleiben, die alten Zeiten weinen.
Aber jeder spürt allmählich:
Wird es kälter, immer kälter.

Die Jungen spielen nicht mehr mit.
Die Jungen, ach ja, die Jungen.
Die haben ihre eigenen Sorgen,
ihre eigene Art, mit der Welt umzugehen.
Was den Alten als Eigennutz erscheint,
ist vielleicht nur Selbstschutz
in einer Zeit, die keinen mehr trägt.

Liebe Menschen, sagt es doch: Es ist vorbei.
Sagt es bitte ehrlich: Es ist vorbei.

Bitte erst mal warten, klagen, trauern, weinen,
zur Ruhe kommen, warten, müssen können,
schauen, blicken, träumen, schlafen,
neue Kräfte sammeln.

Da wird vielleicht die neue Hoffnung keimen,
erst ganz klein und zart und grün,
dann stärker, größer werdend.

Was da ist, was kommt, das sehen wir dann.

Wie es wirklich werden wird, das weiß noch keiner.
Jeder kann es träumen.

Dann kommt ein guter Satz,
der in sich birgt etwas Kluges:
Wer träumen kann, der kann auch tun.

Darauf dürft ihr hoffen, aber lasst euch Zeit.

Bitte, bitte nicht dran ziehen.
Hoffnung braucht Geduld und Ruhe,
um zu wachsen, zu gedeihen.

26.12.25 Claudius

Begleit-Notiz
Dieses Gedicht entstand am zweiten Weihnachtstag 2025 — nach einer dieser Sitzungen, die man kennt und die einen nicht loslassen.
Es geht um Institutionen, die ihre Zeit hatten. Um Menschen, die das wissen, aber es nicht aussprechen können oder wollen. Und um die Frage, was nach dem ehrlichen Eingeständnis des Endes noch möglich ist.
Die Widmung gilt Maren und ihrem Lebenswerk — in Dankbarkeit und Respekt.
HeCl

Kein Stuhl mehr für Dich


Eine Geschichte aus Mittelhessen

Es war wieder einer dieser trüben Novemberabende, und wer da meint, der November sei nur eine Zeit des Nebels und der Schwermut, der kennt nicht die stillen Gewalten, die in solchen Tagen am Werk sind, wenn Gott den Menschen zur Besinnung ruft und sie doch, wie so oft, nicht hören wollen oder können.

Just zwei Tage nach Buß und Bettag war es geschehen, dass es plötzlich kälter geworden war. Schon an jenem Feiertag selbst, nach der üblichen erweiterten Bibelstunde – die Tersteegen-Konferenz nannte man sie, weil ein Prediger aus Herborn erwartet wurde, der das Evangelium rein und klar auszulegen verstand, wie’s leider nicht alle können oder wollen – hatte es begonnen zu schneien. Erst nur wenig, kleine Eiskristalle, dann in dicken nassen Flocken, die kaum gefallen, dahin schmolzen.

„Z äss Schnieloft i dä Loft“, pflegten die alten Bauersleute dann zu sagen.
Es riecht nach Frost und Schnee in der Luft. Und sie hatten recht, wie die Alten meistens recht haben, wenn sie von Wetter und Zeiten reden, denn sie haben’s erlebt und erfahren, was den Jungen noch bevorsteht.

Zu jener Zeit kam es durchaus vor, dass Väterchen Frost – wie sie ihn nannten, als wär’s ein guter Bekannter – zu Bußtag Einzug hielt und sich erst gegen Ende Februar wieder verabschiedete. Für die Kinder und Jugendlichen eine Freude, gewiss, denn was wissen die von den Beschwerden des Alters! Die Alten aber waren weniger begeistert, war ihre Bewegungsfreiheit doch recht eingeschränkt. Zu Fuß über die frostigen Straßen zum Nachbarn, zu Freunden, und abends zur Spinnstube zu pilgern wurde beschwerlicher. Ansonsten aber war man’s gewohnt, genoss auf seine Weise auch diese ruhige Zeit, in der die Natur ruht und der Mensch Zeit hätte zur Einkehr – hätte, sag ich, denn das Haben und das Tun sind zweierlei Ding.

Autos gab es damals nur wenige im Dorf, und der kleine Bulldog für die Landwirtschaft war eh eingemottet und wartete gemeinsam mit seinen Besitzern auf den Frühling. Das Bauernhaus, von dem ich berichten will, lag an der Chaussee, die den Ort ziemlich in der Mitte teilte. Wohnen, Arbeiten, Mensch und Vieh unter einem Dach – zu der Zeit ganz normal und auch recht so, denn wo der Bauer nicht bei seinem Vieh wohnt, da wohnt er auch nicht recht bei sich selbst.

Nun kamen an jenem Abend zwei Männer die Straße herauf. Der eine im mittleren Alter, der andere schon älter, beide ältlich, bieder, unauffällig – so wie Leute aussehen, die ihr Leben lang ihre Pflicht getan haben und dabei vergessen haben, dass Pflicht und Liebe manchmal zweierlei sind. Die Herren waren als Gemeindeälteste in wichtiger Funktion unterwegs, und wer da meint, es sei eine leichte Sache, über anderer Leute Seelenheil zu wachen, der irrt gewaltig.

„Gi du öschd“, sagte der ältere Herr mit der Halbglatze und ließ dem Gescheitelten den Vortritt.
Geh Du zuerst. Das war Höflichkeit, gewiss, aber vielleicht auch ein wenig Feigheit, denn was sie zu tun hatten, war keine angenehme Sache.

Der Gescheitelte öffnete die Haustüre. Eine Klingel gab es zu dieser Zeit noch nicht – man trat einfach ein, wie’s unter Nachbarn üblich war.

„Z äss imed komme“, stellte der Vater fest, ein älterer Mann, schon ein wenig kränklich, wie’s im Alter kommt, wenn die Last der Jahre schwer wird.
Es ist jemand gekommen.
„Wer wöd da ez noch komme? Im döre Zeid?“
Wer würde da jetzt noch kommen? In dieser Zeit?

Seine Frau, eine Frau jenseits der Vierzig mit gütigem Gesicht und schon ein wenig ergrautem dichtem Haar, strahlte Güte aus, Zuversicht, Verständnis. So sind manche Frauen, die viel erduldet und viel vergeben haben. Sie schwieg, wie’s ihre Art war, aber ihre Augen sahen, was kommen würde.

Die Herren traten ein. Ein wenig peinlich berührt kamen sie gleich zur Sache, denn wer unangenehme Dinge zu sagen hat, der sagt sie am besten kurz.

„Mer wolle de Bicher oblange.“
Wir wollen die Bücher abholen.

*“Welche Bicher?“* fragte der Ehemann, obwohl er’s wohl ahnte.
Welche Bücher?

„Ei de Gesongbicher ausm Vereinshaus.“
Nun, die Gesangbücher aus dem Vereinshaus.

„Worüm da?“
Weshalb denn?

Der Gescheitelte räusperte sich. „Du bäsd seid öwer em halwe Johr ned i der Körche gewesd. Onn id da Biwlstonn sch bole z ganze Johr ned.“
Du bist seit über einem halben Jahr nicht mehr in der Kirche gewesen. Und in der Bibelstunde warst du fast das ganze Jahr nicht.

Der Vater versuchte sich zu rechtfertigen, wie’s Menschen tun, wenn sie im Unrecht sind – oder meinen, im Recht zu sein: „Mer ho doch e Firma, onn die Landwirtschaft mächd sich och ned vom elä.“
Wir haben doch eine Firma, und die Landwirtschaft macht sich auch nicht von alleine.

Aber einer der Ältesten entgegnete streng: „Dos spield kä Roll ned. Anner Leire ho och viel zu du, onn säi trotzdem jeden Donetschdog im Vereinshaus.“
Das spielt keine Rolle. Andere Leute haben auch viel zu tun, und sind trotzdem jeden Donnerstag im Vereinshaus.

Und dann kam der Satz, der wie ein Richtspruch im Raum stand: „Es äss sowieso kein Stuhl fer dich do.“
Es ist sowieso kein Stuhl für dich da.

Kein Stuhl mehr. Was heißt das? Es heißt: Du gehörst nicht mehr dazu. Du bist ausgeschlossen. Die Gemeinschaft, in die du hineingeboren wurdest, will dich nicht mehr. Das ist hart, sehr hart, und wer’s nicht erlebt hat, der weiß nicht, wie schwer es wiegt.

Der Vater schwieg. Was hätte er auch sagen sollen? Er ging zum Küchenschrank, wo obenauf, neben anderen Papieren, zwei Gesangbücher lagen. Er händigte sie dem korrekt Gescheitelten aus und bemerkte nur kurz: „Dä.“
Da.

Die drei Ältesten nahmen die Bücher schweigend in Empfang. „Da genacht. Mei bere fer dich“, sagten sie und gingen.
Gute Nacht. Möge Wir betenfürDich – das sagten sie, aber ob Gott wirklich mit jemandem ist, wenn die Menschen ihn ausschließen, das ist eine andere Frage.

Die Mutter hatte die ganze Zeit geschwiegen, wie’s Frauen oft tun, wenn Männer ihre starren Regeln durchsetzen. Aber als die Haustür ins Schloss fiel, sagte sie betrübt: „Vadder äich ho dersch schoo immer gesod. Du gesd viel ze wing i de Stonn.“
Vater, ich habe es dir doch schon immer gesagt. Du gehst viel zu wenig zu den Stunden.

Der Vater, müde und verletzt: *“Lässt mich domed de Owed i rih.“*
Lass mich doch diesen Abend in Ruhe.


Nun könnte ich’s dabei bewenden lassen und den Leser mit seinen Gedanken allein lassen. Aber es gehört zur Wahrheit, dass man auch sagt, was aus den Menschen wurde, von denen man erzählt.

Der Winter kam, wie vorausgesagt, und legte sich schwer übers Land. Der Vater arbeitete weiter, wie er’s immer getan hatte – in der Firma, auf dem Hof, bei den Tieren. Die Arbeit wartete nicht, ob einer zur Kirche ging oder nicht. Man grüßte ihn noch auf der Straße, kaufte bei ihm, redete übers Wetter. Aber zu den Donnerstagabenden im Vereinshaus kam keine Einladung mehr.

Die Mutter ging weiterhin zur Bibelstunde, allein nun. Sie saß auf ihrem Platz, sang aus ihrem Gesangbuch. Die anderen Frauen nickten ihr zu, redeten mit ihr. Aber es war nicht mehr wie früher. Eine unsichtbare Wand war da.

Und der Stuhl im Vereinshaus? Der stand nicht mehr da. Man hatte ihn weggeräumt, Platz gemacht für andere. So war’s Brauch: Wer nicht kam, dessen Platz wurde vergeben.

Der Vater nahm’s hin. Er war nicht der erste, dem dies geschah, und würde nicht der letzte sein. Die Ordnung der Gemeinde war streng. Aber ob sie auch recht war, das steht auf einem anderen Blatt, und darüber mag jeder denken, wie er will.

Bunt wie das Leben

Warum ich blogge

Bunt wie das Leben

http://www.arminherzberger.com

Inklusion ist machbar Frau Nachbar
Lebenslauf
Sapere aude – Lerne zu denken

Zum Gedächtnis an Herrn Ginsterburg Religionslehrer

Welcher Lehrer hat dich am meisten beeinflusst? Warum?

Aus der Erzählung Pudingabitur.

Mein Spitzname ist:

ORRE

Diese Geschichte ist meinem Religionslehrer gewidmet. Ein aufrechter Humanist RiP, leider oft verkannt und verlacht .

In der Puddingschule, die er während dieser Zeit drei mal die Woche besuchte, gab es das Fach Religion. Eines jener Fächer, daß Ihn wirklich interessierte. Abgehalten von einem gewissen Herrn Ginsterburg, einen Lehrer Anfang sechzig, mit wirren spärlichen Harren, mit schlechter Reputation bei den Schülern. Er fand, vollkommen zu unrecht. Er trug nicht vor, sondern ließ zu bestimmen Themen diskutieren. Die Themenstellungen waren sehr unterschiedlich, berührten unterschiedlichen Themenstellungen, vor allem ethische aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen. Es waren vor allem ethische, gesellschaftlich politische Fragestellungen….“ .

Eine kleine Vogelkunde

Mit welchem Tier würdest du dich vergleichen und warum?

Eine kleine Vogelkunde

Ich entscheide mich für den „Trampelbock“

Trampelbock

Von Trampelböcken und Quälhölzern