Als Gott noch mitten unter den Israeliten wohnte, in einem Zelt, später in einem imposanten Tempel, der in der ganzen damaligen Welt berühmt war, da war alles noch einfach: In Gottes Gegenwart wurden Opfer dargebracht, Steuern gezahlt, Testamente und andere offizielle Dokumente aufgesetzt, und darum, dass alles rund lief, dass Gott sich im Tempel wohl fühlte und alle Gläubigen sich an die Regeln hielten, darum kümmerten sich einige Auserwählte. Doch dann zerstörten die Römer den Tempel und nahmen den Juden ihren religiösen, politischen und gesellschaftlichen Mittelpunkt.

 

Was blieb, war die Hoffnung auf einen neuen Tempel. Für die Juden.

 

Paulus aber brachte den christlichen Glauben auch zu Nicht-Juden. Für sie ging es nicht mehr um einen Tempel, den man betreten konnte. Der Tempel sollten sie jetzt selber sein, forderte Paulus. Und verlangte damit eine absolute Hingabe, die damals manche Gläubige die wirtschaftliche Existenz kosten konnte. Und heute? Würden wir heute schaffen, was Paulus von den ersten Christen verlangt hat?

Die Frage ist nicht rhetorisch gemeint. Sie ist unbequem.

Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth: *„Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“* (1 Kor 3,16). Und an anderer Stelle: *„Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist?“* (1 Kor 6,19). Das klingt erhebend. Fast zu schön. Und es ist, wenn man ehrlich ist, eine der radikalsten Zumutungen der gesamten Bibel.

 

Denn was bedeutet es, Tempel zu sein?

 

Ein Tempel ist kein privater Rückzugsort. Er ist ein öffentlicher Ort. Er gehört allen. Er ist der Ort, an dem die Gemeinschaft zusammenkommt — nicht, um sich selbst zu feiern, sondern um auf etwas Größeres zu zeigen, das über sie hinausgeht. Ein Tempel ist durchlässig. Er hat Türen, keine Mauern. Wer ihn betritt, tritt in eine Beziehung ein — mit Gott und mit den anderen.

 

Genau das war das Programm des Paulus. Die Gemeinde als Tempel bedeutete: kein Priestertum, das die Nähe zu Gott verwaltet. Keine Institution, die entscheidet, wer dazugehört und wer draußen bleibt. Kein heiliges Gebäude, das man finanziert und pflegt, damit Gott sich wohlfühlt. Sondern Menschen, die füreinander und für die Welt einstehen — mit allem, was sie haben.

Das war kein abstraktes Ideal. In den Gemeinden des Paulus lebten Sklaven neben Freien, Arme neben Wohlhabenden, Frauen mit eigenem Wort neben Männern mit gesellschaftlicher Macht. Die Tischgemeinschaft war der Prüfstein: Wer isst mit wem? Wer bedient wen? Wer trägt wessen Last?

 

Und ja: Das kostete. Wer sich mit Sklaven an einen Tisch setzte, riskierte seinen Ruf. Wer Spenden für die verarmte Jerusalemer Urgemeinde sammelte, riskierte Konflikte mit seinen Geschäftspartnern. Wer als Frau öffentlich in der Gemeinde sprach — was Paulus in manchen Kontexten durchaus bejahte —, riskierte gesellschaftliche Ächtung.

 

Der Tempel zu sein, hieß: die eigene Privilegiensicherung aufzugeben.

Und heute?

Heute haben wir Tempel. Steinerne, beheizbare, versicherungspflichtige. Mit Orgeln und Lautsprecheranlagen, mit Kirchensteuereinnahmen und Verwaltungsräten, mit Sitzungsprotokollen und Stellenplänen. Das ist nicht nichts — es ist das geronnene Bemühen vieler Generationen, dem Glauben eine Form zu geben.

 

Aber es ist nicht das, wovon Paulus spricht.

 

Die Frage, die er stellt, lautet nicht: *Habt ihr einen schönen Gottesdienst?* Sondern: *Seid ihr selbst der Ort, an dem Gottes Geist spürbar wird?* Nicht das Gebäude. Nicht die Institution. Ihr.

 

Das ist der Moment, an dem die meisten Predigten — auch gut gemeinte — umschwenken. Sie sagen: *Natürlich! Die Gemeinde ist auch außerhalb der Kirchenmauern aktiv. Wir haben eine Tafel, wir machen Seniorencafé, wir engagieren uns.

 

Gut. Aber Paulus meint mehr. Er meint eine Umkehrung der Logik. Nicht: Die Institution tut Gutes. Sondern: Die Institution ist das Gute nur insofern, als sie sich selbst überwindet — als sie Raum schafft für die, die keinen Raum haben. Als sie nicht zuerst fragt: *Was können wir uns leisten?*, sondern: *Wer wird gerade übersehen?*

Dietrich Bonhoeffer, der in seiner Gefängniszelle die Kirche der Zukunft entwarf, schrieb, die Kirche sei nur Kirche, wenn sie für andere da sei. Nicht für sich. Nicht für ihre Mitglieder. Für andere.

Dorothee Sölle, die unbequeme Theologin aus Hamburg, hat das noch schärfer formuliert: Wer den Armen nicht sieht, sieht Gott nicht. Nicht weil Gott ein sentimentaler Anwalt der Schwachen ist — sondern weil das Evangelium eine Richtung hat. Es geht nicht nach oben, zu den Mächtigen. Es geht nach unten, zu den Rändern.

Und Gustavo Gutiérrez, der peruanische Befreiungstheologe, erinnert uns: Die Frage ist nicht, ob wir *über* die Armen sprechen. Die Frage ist, ob wir *mit* ihnen sprechen — und ob wir bereit sind, ihnen zuzuhören, wenn sie sagen, was in der Kirche falsch läuft.

Der Tempel sollten sie selber sein. Das war keine Einladung zur persönlichen Spiritualität. Es war ein politischer Auftrag.

 

Wir richten gerade, als Kirche in Deutschland, viel Energie darauf, uns selbst zu reformieren. Fusionen von Gemeinden, Stellenkürzungen, Strategieprozesse. Das ist notwendig. Aber es reicht nicht. Denn Paulus fragt nicht nach der Effizienz der Verwaltung. Er fragt, ob wir noch der Ort sind, an dem die Verlorenen ankommen dürfen. Ob die Tür noch offen ist — nicht nur symbolisch, sondern praktisch, sozial, politisch.

 

Ob wir bereit sind, das zu riskieren, was die ersten Christinnen und Christen riskiert haben: unsere Privilegien, unseren Komfort, unser Ansehen.

 

Der Tempel sind wir selbst. Wenn wir das ernst nehmen, beginnt die eigentliche Arbeit.

 Claudius Herz

http://www.worthaus.com

Universitätstheologie für Laien

Jeden Samstag neu

Hinterlasse einen Kommentar