Eine Andacht
Armin Herzberger (Claudius Herz / HeCl)


„Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerrissenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu predigen das Gnadenjahr des Herrn.“
Lukas 4, 18–19 (Luther 2017)

„Der Herr aber ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“
2. Korinther 3, 17 (Luther 2017)

Ich erinnere mich an einen Sommer in meiner Kindheit. Die Zeltmission war da. Es roch nach Kerzenwachs, nach feuchtem Gras und nach etwas, für das ich als Kind keinen Namen hatte. Vielleicht war es Angst, die fromm geworden ist.


Der Prediger stand vorne. Er trug einen dunklen Anzug. Er sprach mit fester Stimme. Und er sagte Sätze, die wie Urteile klangen. Wer nicht glaubt, ist verloren. Wer zweifelt, steht auf wackeligen Beinen. Wer fragt, ob die Bibel wirklich alles so gemeint hat — der gefährdet sein Seelenheil.


Ich war acht Jahre alt. Ich schwieg. Aber etwas in mir wurde unruhig. Nicht weil ich nicht glauben wollte. Sondern weil dieses Christentum so eng war. Wie ein Schuh, der drückt. Wie ein Raum ohne Fenster.


Viele Jahre später bin ich auf diesen Text gestoßen. Jesus steht in der Synagoge von Nazareth. Er nimmt die Buchrolle. Er liest vor. Und was er vorliest, ist keine Drohung. Es ist ein Versprechen.


Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen.
Den Armen. Den Gefangenen. Den Blinden. Den Zerrissenen. Jesus stellt sich vor als jemand, der zu diesen Menschen kommt. Nicht mit einem Urteil.

Mit einer Botschaft:

Heute beginnt das Gnadenjahr des Herrn.
Das Gnadenjahr — das war im alten Israel die Zeit, in der Schulden erlassen wurden, in der Versklavte frei kamen, in der das, was aus dem Lot geraten war, wieder gerade wurde. Jesus sagt: Heute. Hier. Jetzt. Das beginnt jetzt.


Ich frage mich manchmal:

Warum höre ich diesen Text so anders als die Sätze des Predigers von damals? Beide sprechen von Jesus. Beide berufen sich auf die Bibel. Und doch — das eine macht mir Angst, das andere öffnet etwas in mir.

Der Apostel Paulus hat dieses Öffnen in einem einzigen Satz zusammengefasst:

Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.


Das ist nicht Freiheit im Sinne von: Ich darf alles tun, was ich will. Es ist Freiheit im Sinne von: Ich muss nicht mehr in Angst leben. Ich muss nicht beweisen, dass ich gläubig genug bin. Ich muss keine Mauern bauen um meinen Glauben, damit er sicher bleibt. Der Geist Gottes hält ihn.
Wo aber die Angst regiert — wo ein Glaube sich vor allem schützen muss, alles kontrollieren, alle Fragen abwehren — da ist kein Geist des Herrn. Oder jedenfalls: da ist keine Freiheit. Und ohne Freiheit ist der Glaube kein Glaube mehr. Er ist ein Käfig.
Das ist kein Angriff auf den Glauben. Das ist eine Einladung, ihn zu atmen. Tief zu atmen. Wie frische Luft.

Glaube ist nicht:

Möglichst viele Glaubenssätze für richtig halten.

Glaube ist nicht:

auf der sicheren Seite stehen und alle anderen beurteilen.

Glaube ist nicht:

Das Evangelium schützen wie einen Schatz hinter sieben Schloss und Riegel.


Glaube ist:

Sich dem anvertrauen, der in Jesus Christus zu uns kommt. Und dieser Jesus kommt nicht mit Urteilen. Er kommt mit einer Einladung. Er setzt sich zu den Menschen, die am Rand sitzen. Er berührt die Kranken. Er spricht mit denen, mit denen man nicht spricht. Er fragt nicht zuerst: Bist du gläubig genug? Er fragt: Was brauchst du?


Dietrich Bonhoeffer, ein evangelischer Theologe, der sein Leben im Widerstand gegen Hitler verloren hat, hat einmal geschrieben, die Kirche sei nur dann wirklich Kirche, wenn sie „Kirche für andere“ ist.

Eine Kirche, die sich selbst schützt, ihre Grenzen bewacht und den anderen misstraut — die ist keine Kirche mehr. Die ist ein Verein.


Das ist kein Angriff auf den Glauben. Das ist eine Einladung, ihn tiefer zu verstehen.

Jesus sagt in der Synagoge von Nazareth ein einziges Wort, das alles zusammenfasst:

Heute.


Nicht:

Irgendwann, wenn ihr alles richtig glaubt.

Nicht:

In einer besseren Welt, die nach dem Tod kommt. Heute ist das Gnadenjahr des Herrn.


Das bedeutet:

Gott wartet nicht. Das Evangelium ist keine Angelegenheit für später. Es begegnet uns in dem Menschen, dem es heute schlecht geht. In dem, der heute ausgegrenzt wird. In dem, der heute keine Stimme hat.
Und es begegnet uns in der Frage, die wir uns selbst stellen müssen: Auf welcher Seite stehe ich? Stehe ich auf der Seite derer, die Grenzen ziehen und andere beurteilen? Oder stehe ich auf der Seite dessen, der in die Synagoge von Nazareth geht und sagt: Für euch. Für die Armen. Für die Zerrissenen. Heute.


Die Luft der Kindheit bleibt. Ich atme sie noch manchmal. Den Geruch von Wachs und Wolle und Angst. Aber daneben atme ich etwas anderes — die Luft der Freiheit. Die Luft eines Evangeliums, das nicht einengt, sondern befreit. Das nicht urteilt, sondern einlädt. Das nicht Käfige baut, sondern Türen öffnet.
Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Das steht in der Bibel. Es riecht anders als Kerzenwachs und Angst. Es riecht nach dem, was Luther einmal Evangelium nannte:

Gute Nachricht. Für alle.

Gebet
Gott, du hast deinen Sohn nicht gesandt, um zu richten, sondern um zu suchen, was verloren ist. Gib uns Mut, diesem Jesus zu folgen — dorthin, wo Menschen in Not sind. Bewahre uns vor einem Glauben, der sich selbst schützt, statt sich auszugeben. Schenk uns die Freiheit deines Geistes — jene Freiheit, die nicht einengt, sondern trägt. Und lass uns heute hören, was du uns sagst: Für dich. Gnadenjahr. Jetzt.

Amen.

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