Eine Erzählung aus dem Klippdachsland
Zum Dank an Herbert Weiß
Der einfach da war als ich Ihn brauchte.
Mit Wundern hab ich's nicht so
Es war morgens, kurz nach halb sechs. Grau, feucht, der Atem der Fabrik schon in der Luft. Der Dieselgeruch des Arbeiterbusses hing noch in der Kleidung. Er hastete mit einem Jungarbeiter in Richtung Fabrik, schnell, atemlos, missmutig. Dann sah er ihn zum ersten Mal. Großes, zotteliges Fell, grauschwarz, der Kopf gesenkt, die Lefzen schlaff, die Rute fast den nassen Asphalt berührend. Die Augen blickten zu ihm hinauf. Zögerlich. Ängstlich fast. So als wollten sie sagen: Du kennst mich doch. Schon lange. Ich begleite dich seit langer Zeit. Jetzt kannst du mich auch sehen.
Er erschrak nicht. Er wusste: Das ist meiner.
Mit Wundern hab ich's nicht so.
Nicht damals. Nicht heute. Wer auf Eingriffe von oben wartet, wartet lange. Der Gott, der die Depression weghebt wenn man nur fromm genug betet — den habe ich nicht gefunden. Nicht in der Fabrik. Nicht danach. Der Hund ist geblieben. Jahrzehnte. Und ich bin dabei geblieben — nicht weil mir eine Erscheinung geholfen hat, sondern trotzdem.
In der Puddingschule gab es einen Religionslehrer. Herrn Ginsterburg. Wirre spärliche Haare, schlechte Reputation bei den Schülern. Er ließ diskutieren, trug nicht vor. Er zeigte Dieter Süverkrüp zur Weihnachtszeit — Verse über Lohnbüro und Werkshierarchie, über den Konzern als Vatergott. Die Klasse lachte. Ihn nicht. Einmal sagte er, mitten im Unterricht, ohne Anlass: Ich trage mein Herz auf der Hand. Spott. Hohn. Er ließ es geschehen. Ich habe diesen Satz mitgenommen. Und den bitteren Zusatz, den das Leben hinzufügt: Wer sein Herz auf der Hand trägt, ist in Gefahr, es weggenommen zu bekommen. Das ist keine Frömmigkeit. Das ist Klassenerfahrung.
Nebenan an der Riesendrehmaschine stand Werner. Wochentags Schlosser, am Wochenende evangelikaler Laienprediger. Er sprach gerne, wenn die Maschine langsam lief. Von Bekehrung, Errettung, Gewissheit. Die Sprache der Leute, die einen Gott haben der eingreift, der rettet, der den Schwarzen Hund vertreibt wenn man nur richtig glaubt. Ich hörte zu. Ich glaubte ihm nicht. Nicht aus Böswilligkeit. Sondern weil ich den Hund kannte. Weil ich wusste: Der lässt sich nicht wegpredigen.
Der Gott der Bibel ist kein Therapeut. Er ist der Gott des Exodus — der nicht eingreift damit es einem gut geht, sondern der Unterdrückte herausführt. Das ist etwas anderes. Radikaler. Unbequemer. Dieser Gott macht keine Versprechen über den Schwarzen Hund. Er macht Versprechen über die Würde derer, die ihn kennen.
Martinus ist tot. Kein Wunder hat das verhindert. Kein Wunder hat danach etwas erklärt. Kein frommer Satz macht das erträglich. Er war da. Ich war da. Das ist alles. Das muss reichen.
Meine Frau war lebensgefährlich krank. Deborah, die Pfarrerin, kam. Sie hat nicht viel gesagt. Sie hat zugehört. Das klingt wenig. Es war das Größte, was jemand in diesem Moment tun konnte. Kein Trost der erklärt. Ein Mensch, der da war. Der nicht weggelaufen ist vor dem, was nicht zu sagen ist.
Meine Frau ist wieder gesund geworden.
Eigentlich ein Wunder. Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Ich habe nicht aufgehört, Wundern zu misstrauen. Aber ich habe auch nicht aufgehört, dankbar zu sein. Beides gleichzeitig. Kein frommer Satz löst das auf. Ich lasse es stehen.
Am Ende seines Praktikums nahm ihn ein Arbeiter unter die Fittiche. Herbert Weiß. Keine Erscheinung. Kein Aufleuchten. Ein Mensch, der da war — in einer Fabrik, in der die meisten weggeschaut haben. Das nenne ich Gnade. Nicht übernatürlich. Konkret.
Mit Wundern hab ich's nicht so. Mit dem Gott, der durch Menschen handelt, durch Ginsterburg und Herbert Weiß und Martinus und Deborah — ja. Aber der macht keine Show. Der ist einfach da. Oder nicht.
Meistens nicht. Manchmal doch.
Claudius Herz
