Du guter Herbst
Du kühlst.
Du ziehst in deinen Bann mit Gold und Rot und all dem dazwischen.
Du gibst eine Ruhe zurück.
Du weist den Weg nach innen, nimmst den Drang zu zeigen.

Guter Herbst

Du später Herbst
Lichtdunst der kühlt.
Dämmrung die ruht.
Honigträchtger Kerzenduft.
Fettköstliche Gans.
Dunkelstarker Gerstensaft.
Sauerstarkes Kappeskraut.
Nachtsüße Schokoladenlust.
Das ist der späte Herbst.

Später Herbst

Im Klippdachsland kommt der Herbst nicht plötzlich. Er schleicht sich ein, wie ein alter Bekannter, der klopft und schon eintritt, bevor man geantwortet hat. Der Lichtdunst legt sich über die Wiesen, und das Gold der Buchen am Waldrand ist nicht mehr das helle Licht des Sommers – es ist ein anderes Licht, ein müderes, ein Licht, das nicht mehr zeigen will, sondern nach innen weist.
Die alten Donauschwaben im Dorf nannten diese Zeit die ruhige Zeit, auch wenn nichts wirklich ruhig war. In den Küchen dampfte es nach Kappeskraut, sauer eingelegt in großen Steinguttöpfen, und wer an den Höfen vorbeiging, roch schon von weitem den Gerstensaft, der in den Kellern gärte, dunkel und stark wie die Reden der Männer, die abends beisammensaßen.
Martinus pflegte in dieser Jahreszeit früh das Licht anzuzünden. Nicht das grelle, das die Küche wie einen Verhörraum erleuchtete, sondern eine einzelne Kerze, honigträchtig im Duft, die er auf den Tisch stellte, während draußen die Dämmrung ruhte. „Der Herbst“, sagte er einmal zu mir, „ist die Jahreszeit, in der man klarer sieht. Im Sommer glauben wir noch, es bliebe alles, wie es ist. Im Herbst wissen wir es besser.“
Wir saßen oft so beisammen, zwei Freunde, die sich in wenig mehr als dem Alter unterschieden und in vielem gleich dachten. Das Wesentliche, das wussten wir beide, wohnt nicht in großen Worten, sondern in einer Gans, die fettköstlich auf dem Tisch dampft, in der Nachtsüße der Schokolade, die man sich heimlich vor dem Schlafengehen gönnte, in der Ruhe, die zurückgegeben wird, wenn man den Drang, sich zu zeigen, endlich ablegt.
Der Schwarze Hund kam in jenen Jahren selten im Herbst. Er bevorzugte das grelle Licht, die Kälte des Festhaltenwollens, nicht die Wärme des Kerzendunstes. Vielleicht, dachte ich später, ist das die eigentliche Gnade des Herbstes: dass er uns zeigt, wie man mit dem Dunkler-Werden leben kann, ohne dass es einen verschlingt. Dass Dämmrung nicht Finsternis ist, sondern eine eigene, ruhende Helligkeit.
Bis heute, wenn ich im Oktober die Kerze anzünde und der Duft sich mit dem Rauch aus der Nachbarschaft mischt, denke ich an Martinus und an unsere ruhigen Herbstabende: dass Gott nicht im Grellen wohnt, sondern im Lichtdunst, der kühlt – und trotzdem wärmt.

7 Gedanken zu “Herbstgedanken

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